Schwanger! Im Zentrum meines Universums wird´s eng - Lilli Hollunder - E-Book
SONDERANGEBOT

Schwanger! Im Zentrum meines Universums wird´s eng E-Book

Lilli Hollunder

0,0
14,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 13,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Baby kriegen, und trotzdem man selbst bleiben – die größte Herausforderung Mit viel Humor erzählt Schauspielerin Lilli Hollunder aus ihrem Leben als Schwangere. Sie freut sich auf ihr erstes Kind und zählt dennoch die Tage bis zum nächsten Glas Wein. Für dieses Kind will sie alles tun und trotzdem plagt sie kein schlechtes Gewissen, als sie noch vor der Geburt einen Babysitter engagiert. Sie liebt ihre Unabhängigkeit – ganz zu schweigen von ihrem Körper – und hat so manche Schwierigkeiten damit, nicht mehr alleiniger Mittelpunkt ihres Universums zu sein. Und dann ist das Kind da und bringt dieses Universum völlig durcheinander. Wie Lilli es schafft, sie selbst zu bleiben – und was ihr dabei so alles durch den Kopf geht –, teilt sie ehrlich und ungefiltert mit ihren Leserinnen und Lesern. "Gelacht, geweint, zustimmend genickt: ein offenes und ehrliches Buch übers Kinderkriegen" stern.de "Lilli schreibt, wie sie ist: offen, klug, lustig, mit dem Herz auf der Zunge und sooo ehrlich! Dieses Buch tut wahnsinnig gut und ich hätte mir gewünscht, es schon während meiner ersten Schwangerschaft lesen zu können. Lilli offenbart, was viele (werdende) Mütter denken. Danke Lilli! Du bist einfach toll!" Janine Kunze (Schauspielerin und Moderatorin)       "

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hinweis zur Optimierung

Unsere eBooks werden auf kindle paperwhite, iBooks (iPad) und tolino vision 3 HD optimiert. Auf anderen Lesegeräten bzw. in anderen Lese-Softwares und -Apps kann es zu Verschiebungen in der Darstellung von Textelementen und Tabellen kommen, die leider nicht zu vermeiden sind. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Impressum

© eBook: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München

© Printausgabe: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München

Gräfe und Unzer ist eine eingetragene Marke der GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, www.gu.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Bild, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Projektleitung: Ariane Hug

Lektorat: Ariane Hug, Anna Cavelius

Covergestaltung: independent Medien-Design, Horst Moser, München

eBook-Herstellung: Christina Bodner

ISBN 978-3-8338-7841-1

1. Auflage 2021

Bildnachweis

Coverabbildung: Dennis Orel, Elsa Klever

Illustrationen: Elsa Klever

Fotos: Oliver Reetz

Syndication: www.seasons.agency

GuU 8-7841 04_2021_01

Unser E-Book enthält Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte wir keinen Einfluss haben. Deshalb können wir für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen. Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Im Laufe der Zeit können die Adressen vereinzelt ungültig werden und/oder deren Inhalte sich ändern.

Die GU-Homepage finden Sie im Internet unter www.gu.de

»Was ist das, Lilli?«

»Ja, was ist das wohl?«

»Häh, was ist das?«

»WasISTdas wohl?« Mein Ton jetzt: leicht genervt.

»Ne, im Ernst, was ist das?«

»Boah, René!«

»Wie? Bist du schwanger?«

Endlich. »Ja, ich denke schon. Also, ja. Also, die Arzthelferin sagt Ja.«

Er schaut mich mit großen Augen an. Ein paar Sekunden vergehen. Nach einer kurzen Umarmung geben wir uns einen schüchternen Kuss. Wie beim ersten Date, nur weniger heiß und inbrünstig. Dann stellt er die Frage, auf die ich gerne von ihm eine Antwort gehabt hätte:

»UND JETZT?«

Eine gute Frage! Eine, die sich alle Eltern stellen.

Lilli nimmt kein Blatt vor den Mund bei der Suche nach ein paar ehrlichen Antworten: Sie schreibt über ihren langen Weg zum Wunschkind, die Angst vor dem Verlust des alten Lebens und auch die vor dem Neuankömmling, den Moment der Geburt, das große Glück und die Unsicherheit vor der neuen Verantwortung.

Alle damit verbundenen Herausforderungen haben sie zu der Frau gemacht, die sie heute ist: eine glückliche Mama. Oft am Rande des Nervenzusammenbruchs und noch immer eine Suchende, die nicht bereit ist, ihre Identität aufzugeben, auch wenn ihr Leben jetzt einen neuen Mittelpunkt hat.

»Projekt Baby« – ein Vorwort

Ich liebe Kinder. Ich liebe, liebe, liebe Kinder! Mist, das war einer zu viel. Jetzt wird’s unglaubwürdig. Also eher so: Ich habe nichts gegen Kinder. Es gibt schon nette Exemplare und auch welche, die ich mag. – Ein paar. – Also, nicht viele. – Nur die, die mir im engsten Freundes- und Familienkreis wirklich nahestehen – und von denen auch nicht alle.

Es ist so wie mit allen Menschen, manche sind mir mehr, andere weniger sympathisch. Oder wie bei Hunden. Manche sind gut erzogen und andere haben wiederum ihre Herrchen so gut erzogen, dass sie dir zur Begrüßung ans Bein pinkeln dürfen.

Ja, okay, eigentlich mag ich keine Kinder.

Wenn ich in den ersten 31 Jahren meines Lebens über Kinder nachgedacht habe, kam mir immer ein Satz in den Sinn: »Habe ich mal ein Kind, dann ist mein Leben vorbei.«

Ich bin schon immer eine Frau gewesen, die in ihrem Leben stets gerne im Mittelpunkt und an erster Stelle gestanden ist. Heute, mit 33, bin ich schwanger. Ich bin schwanger.

Verrückt. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich diesen Satz nicht ohne Angst, Panik, Hilfeschreie, plötzliche Schweißausbrüche und erbärmliche Hechelanfälle herausbringen können.

Ich bin also der Überzeugung, dass mein Leben jetzt vorbei ist. Mein Leben, wie es einmal war. Dafür beginnt etwas vollkommen Neues. Ich gehe stark davon aus, dass mir das, was da kommt, gefallen wird. – Dafür sorgen dann hoffentlich auch die Hormone. Und dass ich es meistern werde, glaube ich auch.

Muss ich ja glauben. Sonst wäre diese Mission schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Und was war vor meinem wahren Leben als Mutter? Ein schwarzes Loch oder was?

Aber niemand kann mir wirklich garantieren, dass ich diese neue Herausforderung und das Zurücklassen meines alten Ichs auch wirklich so lieben werde, wie es uns werdenden Müttern von unserem Umfeld immer aufgedrückt wird. »Jetzt beginnt doch erst das wahre Leben!« Ein Satz, den interessanterweise gerne mit Hormonen vollgepumpte und von Schlafmangel benebelte Mütter von sich geben.

Ich werde es hier jetzt einmal sagen, damit sich die Gemüter nicht gleich zu Anfang erhitzen. Dieses Kind, das derzeit in mir so groß ist wie eine Himbeere, habe ich mir von Herzen gewünscht, und ich werde es abgöttisch lieben und alles in meiner Macht Stehende tun, damit er oder sie ein glückliches Leben haben wird an meiner Seite. Das erwarte ich von mir. Ich freue mich unglaublich auf den kleinen Wurm. Aber es geht einem in Zeiten des Umbruchs oder, wie in meinem Fall, in Zeiten der Einnistung, halt auch vieles durch den Kopf. Also, wann immer es auf den nächsten Seiten ungemütlich ehrlich werden sollte, oder gar aus politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht nicht ganz korrekt, behaltet das bitte im Hinterkopf.

Wir testen das Ganze jetzt mal, nur um auf Nummer Sicher zu gehen: Gerade habe ich die Schnauze gestrichen voll davon, zum fünften Mal in der Nacht aufzustehen, um auf die Toilette zu gehen. So, Hinterkopf, jetzt kommt dein Einsatz: Auch, wenn Lilli die Schnauze voll hat, zum fünften Mal in der Nacht auf Toilette zu gehen, freut sie sich mehr als alles andere auf ihr Baby. Sie wird es über alles lieben und alles in ihrer Macht Stehende tun, damit er oder sie ein glückliches Leben haben wird etc., etc.

Hier sind wir jetzt bei folgendem Problem angekommen, was sich in etwa folgenden Dialogen widerspiegelt:

Ich: »Ich werde meine wunderschönen Brüste vermissen. Nach dem Stillen werden da nur noch zwei ausgelutschte Hautlappen hängen, verdammt.«

Umfeld: »Ach, das ist doch dann nur noch zweitrangig. Außerdem weißt du doch auch, wofür du es gemacht hast.«

(Ich: Ich mag aber meine Brüste. Und wenn das Kind mich erst mal doof und peinlich findet oder aus dem Haus ist, werde ich noch eine ganze Weile alleine mit den beiden Hautlappen verbringen müssen.)

Ich: »Och, Mann, ich will auch ein Glas Rotwein! Das ist gemein, ich vermisse Alkohol! Und von der Käseplatte darf ich auch nichts!«

Umfeld: »Was stellst du dich an? Das ist doch ’ne absehbare Zeit, oder hast du etwa ein Problem?«

(Ich: Nein, kein Problem. Ich bin Genussmensch! – Immer dieses Rechtfertigen …)

Sobald eine Mutter oder eben jemand wie ich, eine werdende Mutter, etwas äußert, das in irgendeiner Weise Zweifel oder etwas Negatives am Projekt Kind darstellt oder gar zynisch klingt, rücken Freunde und Bekannte (= Umfeld) an und wollen einen tunlichst wieder auf die rechte Bahn bringen.

Bevor ich an dem »Projekt Baby« anfing zu arbeiten. Okay, hier ist ein »wir« angebracht. Also, bevor mein Mann René und ich anfingen, an unserem »Projekt Baby« zu arbeiten, steckte ich 33 Jahre lang jede Energie und jeden Gedanken in das »Projekt Lilli«. Ich machte dabei so viele Überstunden, die Gründung eines Start-ups ist nichts dagegen. Viele unendliche Meetings, ausgefochtene Kämpfe, Milliarden Fragen, auf die es nie Antworten gab, zu viele versenkte Ideen und keine sinnvolle Exit-Strategie später, aber auch mit einigen lustigen Geschichten und erfolgreich abgeschlossenen Projekten im Gepäck, konnte ich eigentlich fast immer behaupten, mir treu geblieben zu sein und mich zu mögen. Und ist es nicht eines der wichtigsten Dinge im Leben, dass man in den Spiegel blickt und sagt: »Hey, du! Ja, du! Du bist cool.«? Das gelingt vielleicht nicht jeden Tag. Aber irgendwann ist jeder von uns so weit, dass man exakt weiß, was einem an einem selbst gefällt und was nicht, und somit auch, was man möchte und wie man sein Leben gestalten will.

Alt und neu unter einen Hut zu bringen, sich vielleicht sogar hintanzustellen und die Bühne mit einem neuen Protagonisten zu teilen, das sollte das Abenteuer meines Lebens werden …

Diese Lilli, unfertig und fehlerbehaftet – in den Augen ihrer Familie der nervigste Mensch auf der Welt –, aber meistens fröhlich und zufrieden mit sich, wird an einem Montagmorgen auf ein Stäbchen pinkeln. An diesem Morgen wird eine neue Geschichte für Lilli beginnen. Von einer Sekunde auf die andere wird sie in eine ihr bisher noch unbekannte Welt katapultiert. Eine Welt, von der ihr vorher niemand die wirkliche, ungeschminkte Wahrheit erzählt hat. Eine Welt, in der jeden Tag Tausende von Veränderungen und Verboten und Ängsten auf sie einprasseln werden und versuchen, sie und ihre Strukturen ins Wanken zu bringen. Und nicht selten wird sie da stehen, in den Spiegel blicken und eine Fremde sehen. Immer wieder wird sie an den Punkt kommen, sich ganz neu kennenlernen zu müssen. Doch auch die alte Lilli will nicht zurückgelassen werden.

Vorspiel

Vorsicht! Kinderplanung ist nichts für Angsthasen. Erst mal muss Mr. Right um die Ecke kommen und auch bleiben. Wenn er dann der Mann an deiner Seite ist, sollte es auch klappen. Die Betonung liegt auf SOLLTE. Tja, und dann heißt es: Zähne zusammenbeißen und durch – und gaaaanz wichtig: Immer schön locker bleiben.

Die Mitwirkenden in der Reihenfolge ihres Auftretens

Schon in meiner Zeit auf dem Gymnasium gingen bei einigen Mädchen die Hormone durch, sobald sie ein Neugeborenes erblickten. Ich erinnere mich an meine Freundin Alena, die, als sie meine kleine Nachzügler-Schwester in den Armen schaukelte, von nichts anderem mehr sprach. Das Ganze gipfelte dann in: »Ich will auch ein Baby.« Was erst mal beiläufig dahingesagt klang. In etwa so, wie wenn man einen süßen Hundewelpen sieht und dann unbedingt auch einen Hund will. Wir anderen – gute Freundinnen, die wir waren –, versuchten Alena und ihre erste Sinnkrise, in die sie sich bugsiert hatte, ernst zu nehmen und sprachen ihr Mut zu. »Du wirst schon irgendwann Mama sein. Du musst halt noch ein bisschen warten. Aber nicht mehr lange. Du bist doch schon fast 14!«

Meine Freundin so zu sehen, war höchst befremdlich und ich verspürte Mitleid, hatte sie doch offensichtlich den Verstand verloren.

In meinen Zwanzigern war ich dann erst mal unterwegs auf intensiver Suche nach mir selbst. Ich hätte mal besser versuchen sollen, Krebs zu heilen, das wäre sicher um einiges sinnvoller und weniger frustrierend gewesen.

Die Realität in meinen Zwanzigern sah hingegen leicht anders aus, viel weniger glamourös und sexy. Eher harte Schule.

Hätte ich es mir damals aussuchen dürfen, wäre meine Welt eine Kopie von Sex and the City gewesen. Darin ich – natürlich als Carrie –, zwar nicht als Journalistin, sondern als schwer gefragte Schauspielerin: Ein Filmprojekt folgte dem anderen. Ein heißer Kollege löste den nächsten ab. Und abends würde ich meinen Freundinnen, die mindestens genauso gut aussahen wie ich – vielleicht doch nicht ganz so gut –, davon erzählen, wie ich mit besagten Kollegen nach der Arbeit noch mal den »Text durchgegangen« wäre. Ihr versteht …

Nach drei Jahren Festanstellung in einer deutschen TV-Seifenoper ergatterte ich jetzt hie und da mal ein, zwei Drehtage, in denen ich die Freundin der Freundin der Freundin der Hauptrolle spielen durfte. Auf anspruchsvolle Texte wie: »Hi, freut mich, dich kennenzulernen«, oder: »Gerade war er doch noch hier« – in Klammern: Schulterzucken, Seufzen, aus dem Bild gehen – folgte die Arbeitslosigkeit. Also machte ich viele verschiedene kleine Jobs, um meine Miete bezahlen zu können, und hoffte auf einen Anruf meiner Agentin, dass sie mit einem neuen Engagement oder zumindest einem Casting um die Ecke kam. Das Telefon blieb allerdings meistens still.

Auch mit den Männern lief es schleppend. Nachdem mich mein langjähriger Freund verließ, weil er sich in seine Arbeitskollegin verliebt hatte, eine gut aussehende, erfolgreiche Sportreporterin – da wird mir heute noch schlecht –, begann ich mit dem wilden Partyleben. Und zu einer Nacht im Club gehörte ein bisschen Knutschen natürlich dazu. Aber für mehr oder ein Gehen-wir-zu-dir-oder-zu-mir? war ich jedoch – anders als in meinen Sex and the City-Fantasien – viel zu schissig. Manchmal sah man sich trotzdem wieder, auf einen Kaffee oder ein Glas Wein. Meistens aber war das gegenseitige Interesse so begrenzt, dass man es bei einem Cappuccino beließ und weiterzog.

Enge männliche Freunde allerdings wurden »für mehr« ausprobiert. Wir hatten uns ja immer super verstanden, viel Zeit miteinander verbracht und waren einander vertraut. Vielleicht würde das ja auch für eine gemeinsame Zukunft reichen, selbst wenn die Schmetterlinge im Bauch erst mal ausblieben. Waren die nicht eh ein Klischee? Also endete einer dieser Nachmittage, die man, wie schon oft, zusammen verbracht hatte, ausnahmsweise nicht mit einer Verabschiedung, sondern albern und kichernd bei einem unbeholfenen Sexversuch im Bett.

Was soll ich sagen? Man hätte es lieber bei der Freundschaft belassen sollen. Höflich wie ich war und bin, bedankte ich mich anschließend für den schönen Tag, während ich meine Jeans wieder anzog und betete, der Reißverschluss möge dieses Mal nicht klemmen, damit ich nur schleunigst hier rauskam. Noch peinlicher wurde es, wenn der Kumpel dann zum Abschied noch mal zärtlich die Arme um mich legte, mich küsste und mir mit einem tiefen Blick in die Augen sagte: »Das war schön. Dann sehen wir uns? Morgen?«

Ich wollte ihm antworten: »Es hat sich angefühlt, als hätte ich meinen Bruder geküsst. Ich mag dich, aber ich glaub, ich muss kotzen.«

Wieder höflich sagte ich: »Ja, gerne. Wir gucken mal. Lass uns schreiben.« Ein paar Tage vergingen, in denen sich keiner bei dem anderen meldete. Und nach ein paar Wochen ging man wieder über zum Freunde-Sein und tat so, als ob das alles nie passiert wäre.

In der Zwischenzeit kamen meine alten Schulfreunde langsam im geregelten Arbeitsleben an. Mit ihren Partnern wurde eine Wohnung gesucht, und nicht selten zog schließlich auch das erste Kind ein. Ich dagegen machte dem Begriff »orientierungslos« alle Ehre. Eines Morgens, okay, eines Mittags schaute ich bei einem Frühstück im Bett zum tausendsten Mal eine Folge von Grey’s Anatomy. Dabei kam mir die Idee, meine Arbeitslosigkeit endlich mal sinnvoll zu nutzen. Also googelte ich die Nummer vom nächstgelegenen Krankenhaus und ließ mich zur Personalabteilung durchstellen. Eine Bewerbung und ein Vorstellungsgespräch später fing ich als Pflegepraktikantin auf einer Bauchchirurgischen Abteilung an.

Meine Schicht in der Klinik begann jeden Tag um 5.30 Uhr. Wohl eher jede Nacht. Das war für eine Künstlerin, deren Job es war, auf den Anruf ihrer Agentin zu warten, natürlich brutal.

Noch bevor die Patienten ihr Frühstück bekamen oder der Arzt zur Visite vorbeischaute, musste ich sie aus ihren Betten heben, sie waschen, ihre Bettpfannen leeren, Gebisse reinigen, Betten in den OP schieben und die Decken frisch beziehen. Noch nie hatte ich so hart körperlich gearbeitet. Was sich jedoch als weitaus größere Herausforderung für mich herauskristallisierte, war, die Menschen in ihrem Leid zu sehen. Blut, offene Bäuche, nach außen wachsender Brustkrebs, Körperflüssigkeiten in den unterschiedlichsten Konsistenzen, Farben und Aromen – das war alles fies, aber daran gewöhnte ich mich schnell. Und wenn nicht, dann zwang ich mich halt, nur durch den Mund zu atmen.

Aber Menschen ans Bett gefesselt zu sehen, die sich doch noch in der Blüte ihres Lebens befanden und eigentlich über Blumenfelder laufen sollten mit ihren Lieben an der Hand oder herumtollen mit ihren süßen, kleinen Kindern – das war, was mich in MEINE erste Sinnkrise stürzte.

Unser menschlicher Körper, der immer schön zu gehorchen hatte, den man straff und sexy halten sollte, den andere begehrten, der einen durch alle Abenteuer dieser Welt trug, er war, wie ich hier erschüttert erkennen musste, kaputtbar. Und wenn er nicht mehr wollte oder nicht mehr konnte, tja, dann hatte man die Arschkarte.

Es waren diese ersten Wochen im Krankenhaus, in denen ich Menschen begegnete, die vielleicht ein gebrochenes Bein hatten, und anderen, die langsam ihren Kampf gegen den Krebs verloren. All das zwang mich zum Umdenken. Bisher war ich für jede Party zu haben gewesen, wäre von jedem Boot in jedes noch so tiefe Blau gesprungen, hatte jeden Monat ein neues Land vor Augen, in das ich gerne mal auswandern wollte.

Plötzlich wurde mir klar, dass auch in meinem Leben eine Sanduhr ihren Sand langsam und schleichend hergab. Ich stellte mir das erste Mal die Frage: Worum geht’s eigentlich?

Wenn ich jetzt behaupten würde, dass das der Moment war, in dem ein riesiger Kinderwunsch in mir aufflammte, der meinem Leben von jetzt an endlich mehr Sinnhaftigkeit verleihen sollte, dann würde ich lügen. Ganz im Gegenteil. Mir wurde klar, dass ich was aus meinem Leben machen wollte. Dass ich es in vollen Zügen genießen wollte. Mit mir. Ich habe ja gesehen, wie schnell der Spaß vorbei sein konnte. Das Wort »Ich« sollte deshalb an oberster Stelle stehen. Und: Ich würde jede Entscheidung ab sofort so treffen, dass ich besten Gewissens meinem Spiegelbild in die Augen schauen konnte. Regelmäßig würde ich mich fragen: Liebe Lilli, wie geht’s dir, was willst du, wie kann ich dich glücklich machen?

So begann ich ein Studium, drehte nebenbei mal mehr, mal weniger, zog für einen Job von Köln nach Berlin und nach Absetzen der Serie wieder von Berlin nach Köln.

Und nach all dieser Zeit kam ich mit dem Mann meiner Träume, mit René, zusammen. Unsere Beziehung war eine von null auf hundert. Obwohl, ganz so richtig ist das nicht. Einige Jahre zuvor – ich befand mich gerade zu Beginn meiner Zwanziger als aufsteigender Stern am Seifenopern-Himmel – trafen wir uns in einem Club. Eine Freundin hatte mit seinem Freund geflirtet, Nummern mit ihm ausgetauscht und dabei auch an mich gedacht. »Mega-süßer Typ! Und sein Freund, der mit den blonden Strähnchen, steht auf dich! Ich habe uns zum Playstation-SingStar-Abend verabredet.« Zu der Zeit war ich zwar vergeben, schaute mir den Typen aber mal trotzdem an.

Aus einer lockeren Partybekanntschaft wurde ein Freund und aus einem Freund meine große Liebe. – Hätte René sich jedoch nicht von seinen blonden Strähnchen verabschiedet, wären wir wohl sieben Jahre später niemals zusammengekommen.

Nach langem Vorlauf wussten René und ich dann irgendwann einfach, dass wir zusammengehörten. So bezogen wir nach nur wenigen Wochen Beziehung eine gemeinsame Wohnung und kurz darauf folgte mein Umzug nach Hamburg, weil er dort als Fußballtorwart künftig die Bälle aus dem Netz des Hamburger Sportvereins fischen sollte. Das gelang ihm auch hin und wieder ziemlich gut. Wenn ihr aber jetzt von mir hören wollt, dass spätestens mit René mein Wunsch, Mama zu sein, mehr und mehr wuchs, muss ich euch erneut enttäuschen. Kinder gehörten zu einer Beziehung für mich definitiv dazu. Ich will ja nicht in Einsamkeit sterben. Nur, auch jetzt, mit Ende 20, war ich noch nicht so weit. Ich liebte es, egoistisch zu sein, mal eben für vier Monate in eine andere Stadt zu ziehen, um Theater zu spielen. Oder spontan von Hamburg nach Berlin rüberzufahren, um mit einem meiner besten Freunde, ebenfalls Schauspieler, Lip-Synch-Partys in seiner Küche zu feiern, dabei lustige Instagram-Videos zu machen und viel zu viel Sekt zu trinken.

Trotz fester Beziehung und einem gemeinsamen Alltag fragte ich mich regelmäßig, ob ich nicht doch lieber frei wie ein Vogel sein wollte. Warum nicht in den nächsten Flieger auf eine Mittelmeerinsel steigen, um dort ein wildes Hippie-Leben zu führen? Das Ganze unterschied sich nie allzu sehr von meiner Sex and the City-Fantasie. Es war eine Fantasie.

Freiheit und Familie waren für mich immer schwer vereinbar. Aber René hat mir geholfen, die zwei Herzen, die in meiner Brust schlagen, anzuerkennen und zu feiern.

Außerdem war und bin ich verrückt nach René. Manchmal liebe ich ihn so sehr, dass ich denke, es würde mich um den Verstand bringen. Gott, ich klinge anstrengend, wenn ich das so lese. Aber ich wusste immer, dass ich in René den Mann an meiner Seite gefunden hatte und dass er genau dort auch bitte bleiben sollte.

Ich fand also Wege mit ihm, meine Kreativität, die mich gerne mal nachts aus dem Schlaf riss und an den Computer zwang, meine Verspieltheit und all die verrückten und oft bescheuerten Ideen, die mir in den Sinn kamen, in unserer Beziehung zu leben. René ist sicher oft genervt gewesen von all den Hirngespinsten, die seine Freundin mit im Gepäck hatte. Aber im Großen und Ganzen liebt er nach wie vor wohl genau das an mir und ist mein größter Unterstützer. Und so folgte nach fünf Jahren Beziehung der Heiratsantrag, der mich sehr glücklich machte.

René war schon immer ein Familienmensch. Ein Typ, der gerne viele Konstanten in seinem Leben hat. Und so war es nicht verwunderlich, dass schon gleich am Anfang der Beziehung das Thema »Kinder« aufkam. Hinzu kam, dass er in seiner Fußballwelt noch einer der wenigen ohne Nachwuchs war. Klar, die Lebensplanung ist in dieser Branche schneller vollzogen, da bei Top-Spielern das Gehalt auf dem Konto stimmt. Außerdem führen Fußballer nicht selten ein Nomadenleben. Da ist es angenehm, in dieser umtriebigen, schnellen Welt Frau und Kinder als Anker immer dabei zu haben. Aber auch in seinem Freundeskreis außerhalb der Branche fielen die Babys nur so vom Himmel. Schöne Metapher, Lilli! Was also für die meisten Paare ein romantisches Thema war, stresste mich gewaltig.

Ich verspürte einen solchen Druck, dass ich richtig antibabyhaft wurde. Wann immer mir Freunde oder Bekannte eröffneten, dass sie ein Kind erwarteten, musste ich die von mir erwartete Reaktion faken.

Ich war natürlich glücklich für die anderen werdenden Eltern, aber die Gefühlsausbrüche, die sie sich von mir erhofften, weil sie jetzt ein Baby erwarteten, konnte ich ihnen nicht geben. Daher perfektionierte ich meine gespielte Reaktion so sehr, dass es den werdenden Müttern die Tränen des Glücks in die Augen trieb. Es geht so: Erst ein kleiner, entzückter Schrei, dann die Hände vor das Gesicht schlagen, und anschließend noch eine ungläubige Frage stellen. So was wie: »Jetzt echt?« Dann schnell umarmen, damit man weiterem Blickkontakt aus dem Weg gehen konnte. Easy.

Die Einzige, die sich nicht von mir hatte täuschen lassen, war meine große Schwester Sara. Sie kennt mich einfach zu gut. Als ich ihr gerade stolz von meinem erfolgreich abgeschlossenen Kolloquium berichten wollte, stand sie mit glühenden Wangen vor mir und klaute mir nicht nur meinen großen Moment, sie versetzte mir auch einen Riesenschock. Doch der Tag hatte ja kommen müssen. »Lilli, ich bin schwanger, ich kann es gar nicht glauben!« – Äh, ich auch nicht. Schnell schluckte ich, versuchte mein eingefrorenes Gesicht zu beleben und setzte an, um meinen geübten Fake-Schrei von mir zu geben. Was allerdings rauskam, klang mehr, als wäre ich gerade in einen Seeigel getreten. Ich freute mich ehrlich für sie und meinen Schwager. Die beiden hatten es so lange versucht und sich nichts sehnlicher gewünscht. Aber was würde das für mich bedeuten?

Ich verlor meine große Schwester, meine beste Freundin an ein aufmerksamkeitsheischendes, immerzu hungriges und kackendes Wesen. All ihre Liebe würde sie nun ihrem Baby geben – wo würde ich denn da bitte bleiben?

Keine spontanen Weinabende mehr, überhaupt, kein Spontan mehr. Wenn ich sie künftig anrufen würde, weil ich sie ganz dringend brauchte, dann würde sie mich abwimmeln, weil sie sich kümmern müsste, oder noch schlimmer, sie würde gar nicht ans Handy gehen.

Neun Monate später kam mein erster Neffe auf die Welt. Ich verbrachte die erste Nacht bei meiner Schwester im Krankenhaus. Der frisch geschlüpfte Kleine schlief auf mir. Ich hatte Sara gesagt, sie solle ihn mir geben, damit sie sich nach der Geburt ein wenig ausruhen könne. Das war natürlich gelogen. Ich wollte mit ihm kuscheln. Er war so süß, so winzig und roch so unverschämt gut. Nach einer Weile Haut an Haut schwitzte er ein klein wenig. Babyschweiß. Unfassbar niedlich. Sein Ohrläppchen war so weich, dass ich es kaum spürte. Die Grimassen, das leise Schmatzen, das er im Schlaf machte, brachten mich zum Grinsen. So ein kleines Wunder. – Dann fing er an zu heulen und hörte nicht mehr auf. Ich sagte meiner Schwester, sie müsse sich erholen, und brachte Felipe für ein paar Stunden auf die Babystation. – Das war gelogen. ICH musste mich erholen.

Ich entwickelte mich trotzdem zur Mustertante. Sara und ich wohnen zwar fast 500 Kilometer auseinander, aber wir waren sehr hinterher, die Beziehung zwischen dem Baby und mir auch über die Entfernung hinweg zu stärken. Wann immer es ging, sprach ich mit dem Kleinen also über Facetime am Telefon: »Wo ist die Tante? Daaa. Wo ist die Tante? Daaa.« Ebenfalls war mir wichtig, dem Jungen auch gleich noch ein bisschen Allgemeinbildung mit auf den Weg zu geben. »Wie macht der Indianer?« Und so schlugen wir jeder die Hand vor den Mund und jaulten dabei vor uns her.

Ich vermisste das kleine Kerlchen oft und versuchte meinen Neffen regelmäßig zu besuchen. Das war schön. Es war aber auch schön, danach wieder nach Hause zu fahren. Nach ein paar Tagen bei Saras Familie, manchmal auch nur nach ein paar Stunden, war ich am Ende meiner Kräfte. Das alles bestärkte mich in meinem Vorhaben, meine Beine an gewissen Tagen im Monat noch für eine Weile, eine lange Weile, eine ganz lange Weile, schön fest zusammenzuhalten.

Überhaupt, wann immer das Thema Kinder bei René und mir wiederaufkam, brachte ich meine üblichen Argumente an: Zweisamkeit genießen, Karriere vorantreiben. Ich bin doch selbst noch ein Kind. Es ist doch komisch, wenn Kinder Kinder kriegen, meinst du nicht? Lass uns erst noch mal ein paar Reisen machen, das geht dann irgendwann nicht mehr.

Ich gehörte eben zu den Menschen, die die Augen verdrehten, wenn im Restaurant neben mir quietschende, laute Kinder meine tiefschürfenden Gespräche unterbrachen. Noch schlimmer waren die, die im Flugzeug in derselben Reihe oder hinter oder vor mir saßen – oder sich überhaupt im Flugzeug aufhielten und mit größter Wahrscheinlichkeit in Kürze mit einem Turbulenzen auslösenden Geschrei anfingen. Insgeheim dachte ich mir dann immer: Was haben Kinder überhaupt im Restaurant zu suchen? Und müssen die denn in dem Alter schon fliegen? Die hätten doch sicher auch Spaß im Auto auf dem Weg zur Nordsee. – Tja, wie sagt man so schön? Karma is a bitch. Ich lass euch wissen, ob sich all diese Gedanken mal rächen werden.

Eines Tages bemerkte dann aber auch ich einen Funken Sehnsucht nach einem klitzekleinen Abbild von mir. Von mir und René, meine ich. Denn auch in mir schlummerte ein Kümmer-Gen: Was mir nicht etwa aufgefallen war, wenn ich meinen schnuckeligen Neffen anschaute. Erst beim Anblick meiner beiden süßen und über alles geliebten Hunde wurde mir eines Tages klar, dass ich langsam, sehr langsam, so weit war, mich auch um etwas Menschliches kümmern zu wollen.

Schließlich einigten René und ich uns darauf, dass wir nach unserer Hochzeitsfeier in Italien damit anfangen wollten, es zu versuchen. Somit hatte ich also 31 Jahre und einen Monat Zeit gehabt, mich mit dem Gedanken ans Mutter Werden anzufreunden. Ein gutes Alter, um die Pille abzusetzen – und sein Leben zu beenden.

Ob ich, wenn ich damals schon geahnt hätte, dass Kinderproduktion alles andere als leicht und selbstverständlich ist, doch schon früher damit angefangen hätte? Wahrscheinlich nicht. Aber dass die Aktion ein Mädchen, das sich immer als cool und entspannt wähnte, auch einmal so fertigmachen würde, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen …

Dieser verdammte Kinderwunsch

Nach 12 Jahren mit der Pille kam der Tag, an dem ich die letzte Packung leerte. Jetzt konnte es losgehen. Ich war bereit zu empfangen. René und ich wollten es jedoch nicht forcieren, sondern weiter locker bleiben und das Leben entscheiden lassen. Und schon gar nicht, also ich meine wirklich – schon gar nicht – wollte ich zu einer dieser Frauen werden, die auf alles draufpinkelten, was das Apothekerregal hergab.

Temperaturen messen, die richtigen Vitamine schlucken, das beste Gemüse essen und den Mann von der Arbeit zur Arbeit herbeizitieren. Eine Horrorvorstellung.

Ich wollte locker und entspannt schwanger werden. Ja, das sagte ich bereits. Aber das war mir wirklich wichtig! Wenn es passieren sollte, dann passierte es, und in der Zwischenzeit verfolgte ich meine Karriere und genoss mein Leben. Nach dem Pille-Absetzen war mein Zyklus in Stein gemeißelt: Beste Voraussetzungen. Und so begaben René und ich uns gemeinsam auf die »Befruchtungs-Reise«:

»Okay, dann fangen wir jetzt also an.« Nachdem das aufgeregt und kichernd geklärt war, wurde das Thema aber wieder beiseitegeschoben. Manchmal vergaßen wir sogar, dass es im Raum stand. Wir vertrauten darauf, dass wir schon irgendwann erfahren würden, wenn es geklappt hätte. Wurde es dann doch mal Thema, gingen wir mit einer herrlichen Naivität und großen Experimentierfreude an die Sache. So erfand René zum Beispiel eine spezielle Empfängnistechnik, die vielleicht auch Fabian Hambüchen große Freude machen würde: Er streckte meine Beine in eine Kerze, hob mich an meinen Fußgelenken hoch und schüttelte mich gut durch, um die Schwerkraft zu unterstützen. Wir lachten uns gemeinsam kaputt. Irgendwie bescherte uns dieser Kinderwunsch einen zweiten Frühling. Jedesmal »danach« stellten wir uns vor, dass wir gerade unser erstes Baby gezeugt hatten, und sinnierten über unsere Zukunft zu dritt. Nur, die Monate vergingen und nichts passierte.

Doch, etwas passierte schon: das allmähliche Nachlassen der ach so tollen Lockerheit. Ich lud mir eine App runter, um ungefähr zu wissen, wann mein Eisprung sein würde, gefolgt von: »Hey Schatz, wie sieht’s nachher bei dir aus? Hast du Lust?« Zwinker, zwinker … Noch lachten wir.

Immer öfter aber fühlte ich in mich hinein. War das etwa ein Ziehen in meinem Unterleib?

Was war nur los mit mir? Wo ist die ach so coole Lilli geblieben, wenn man sie mal braucht, und warum machte ich mir gerade so in die Hose? Ich wollte das alles doch ganz entspannt angehen, und jetzt wusste ich nicht mal, auf was ich hier hoffte.

Endlich war ich überfällig. Eine Woche. Es könnte also geklappt haben. Im Supermarkt mit einem Mozzarella in der Hand bekomme ich eine gewaltige Panikattacke. Darf ich Mozzarella überhaupt noch essen? Und: Will ich überhaupt ein Kind und was soll ich jetzt nur tun? Ich rief meine Freundin Jessy an, die mir rät, ruhig zu bleiben und ein paar Tests im Drogeriemarkt zu kaufen. Zitternd befolgte ich ihren Rat. Selten war ich so nervös.

Viele Gläser Wasser, ein wenig Pipi und vier Tests später war ich auch nicht schlauer als vorher. Alle Tests waren negativ, aber noch immer keine Periode. Ich ging die Checkliste durch: Brüste? Unauffällig. – Laune? Sagen wir mal, komplex, wie immer halt. – Gelüste? Nö. – Übelkeit? Gott sei Dank, nö. Einen Tag später merkte ich beim Joggen plötzlich eine altbekannte Wärme in meiner Unterhose. Ich nahm es wahr und wusste nicht, ob ich jetzt erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

Ist schon okay, sagte ich mir, dann war das halt die Probe für den Ernstfall. Und der würde sicher bald eintreten.

Wie auch die zuverlässige Wiederkehr meiner Periode lief meine Karriere wieder an. Die letzten Jahre war dies eher schleppend der Fall gewesen. Und anstatt raus in die Welt zu gehen und anzugreifen, hatte ich mich zu Hause versteckt und mich mehr darauf konzentriert, René in seinem Job zu unterstützen. Jetzt aber war ich wieder dran. Ich ging wieder mehr auf Veranstaltungen, schrieb Caster an, machte neue Fotos und wechselte das Management. Die Mühen zahlten sich aus. Immerhin flatterten kleine Rollen in Serien wie Alarm für Cobra 11 oder Der Lehrer herein. Außerdem wurde ich zu einem Theater-Vorsprechen eingeladen und bekam die Rolle. Jetzt nahm ich Fahrt auf. Schon ein paar Monate später folgten zwei größere Engagements in internationalen Serien. In einer von beiden, einer US-Fantasy-Abenteuer-Serie, spielte ich die Böse. Mit spitzen Ohren und vorbereitendem Kampf-Training ging ein Traum in Erfüllung! Einen Monat drehte ich in Belgrad und konnte mein Glück gar nicht fassen. Ich genoss den beruflichen Aufwärtstrend.

Auf anderer Ebene dagegen passierte nichts. Gar nichts. Wo immer ich aber in den nächsten Monaten hinblickte, sah ich Schwangere oder Frauen mit Babys.

Gab’s die schon immer so viel oder fielen die mir erst jetzt auf? Immer häufiger riefen Freunde an, um mitzuteilen, dass sie Eltern werden würden. Meine eingeübten Fake-Reaktionen, die ich früher aus Trauer um den Verlust meiner Feierschwestern und Trinkbrüder vollführte, nutzten mir jetzt, das immer stärker werdende Stechen in meiner Brust zu kaschieren.

Und dann kam, was kommen musste: Eines Vormittags fand ich mich in einer Apotheke wieder und kaufte spezielle Messstäbchen, die mir helfen sollten, den Zeitpunkt meines Eisprungs einzugrenzen. Ich log mir selbst ins Gesicht. Von nun an wollte ich also jeden Morgen auf so ein Ding pinkeln? Nicht etwa, weil ich lieber heute als morgen Mutter werden wollte. Natürlich nicht. Sondern aus reinem Interesse. Ich tat das nur, um meinen Körper besser kennenzulernen. Schließlich wäre es ja nicht schlecht zu wissen, wann die richtige Zeit während des Zyklus’ sei. Renés und mein Leben war hektisch und unbeständig. Wir waren oft und viel unterwegs, da wäre es schon besser, wenn man zumindest ungefähr, also ganz grob, wüsste, wann man spontan Sex haben sollte. Jeden Morgen hielt ich also so ein Stäbchen in den Strahl. Eine Woche am Stück blinkte mich dann ein lachender Smiley an. Aber er sollte doch am Tag des Eisprungs nicht blinken, sondern stillstehen, oder? Die Dinger verwirrten mich mehr, als dass sie mir halfen.

Doch auch weiterhin geschah nichts. Jeder hatte von den Paaren gehört, bei denen es mit dem ersten Kind gedauert hat. Nur hatte ich nie gedacht, dass es uns einmal betreffen würde. Ich ging zum Arzt. Nur aus Interesse, ihr wisst schon. Mein Zyklus war zwar regelmäßig. Aber fand denn ein Eisprung überhaupt statt? Waren alle Hormone da, wo sie sein sollten? Die Ergebnisse des Blutlabors kamen und mit ihnen die Erleichterung. Alles in Ordnung.

Alle, die ab jetzt schwanger wurden, waren – natürlich – jünger als ich. Ich freute mich sehr für sie. Ganz ehrlich. Aber ich war doch diejenige, die verheiratet war und die Reihenfolge brav eingehalten hatte.

In der Zwischenzeit war meine sehr gute Freundin Camilla schon einige Schritte weiter. Bei einem gemeinsamen Abendessen verzichtete sie auf ihren sonst so geliebten Bellini-Aperitif. Uns allen war es sofort klar … Nur, Camilla war ein paar Jahre jünger als ich.