12,99 €
In Nubien sind mehr Pyramiden erhalten als in Ägypten, doch die sagenhaft reichen schwarzen Könige und ihre Inschriften geben bis heute Rätsel auf. Francis Breyer, einer der wenigen Experten weltweit, die an der Entschlüsselung des Meroitischen arbeiten, bietet einen faszinierenden Überblick über die Kulturen und Reiche südlich des Alten Ägypten, die bis heute zu Unrecht im Schatten des nördlichen Nachbarn stehen. Schaut man auf Karten des Alten Ägypten, könnte man meinen, südlich des ersten Nilkatarakts sei die Welt oder zumindest die Kultur zu Ende gewesen. Die Ägypter selbst haben versucht, diesen Eindruck zu erwecken. Dabei gab es dort blühende Reiche, deren Könige als "Schwarze Pharaonen" zeitweise auch in Ägypten herrschten. Francis Breyer beschreibt die Geschichte der nubischen Kulturen von den ersten Gemeinwesen im 5. Jahrtausend v. Chr. über die kuschitischen Reiche mit ihren Metropolen Kerma, Napata und Meroë bis zu den christlichen und islamischen Königtümern und Sultanaten im Mittelalter. Er folgt den archäologischen Spuren von Götterglaube und Gesellschaft und erklärt, was es mit den dunkelhäutigen Würdenträgern in ägyptischen Gräbern auf sich hat. Sein anschaulich geschriebenes Buch macht eindrucksvoll deutlich, was wir gewinnen, wenn wir endlich über den Tellerrand der kanonischen Hochkulturen hinausblicken.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
FRANCIS BREYER
SCHWARZE PHARAONEN
Nubiens Königreiche am Nil
C.H.BECK
Schaut man auf Karten des Alten Ägypten, könnte man meinen, südlich des ersten Nilkatarakts sei die Welt oder zumindest die Kultur zu Ende gewesen. Schon die Alten Ägypter selbst haben versucht, diesen Eindruck zu erwecken. Dabei gab es dort blühende Reiche, deren Könige als «Schwarze Pharaonen» zeitweise auch in Ägypten herrschten. Francis Breyer beschreibt die Geschichte der nubischen Kulturen von den ersten Gemeinwesen im 5. Jahrtausend v. Chr. über die kuschitischen Reiche mit ihren Metropolen Kerma, Napata und Meroë bis zu den christlichen und islamischen Königtümern und Sultanaten im Mittealter. Er folgt den archäologischen Spuren von Götterglaube und Gesellschaft und erklärt, was es mit den dunkelhäutigen Würdenträgern in ägyptischen Gräbern auf sich hat. Sein anschaulich geschriebenes Buch macht eindrucksvoll deutlich, was wir gewinnen, wenn wir endlich über den Tellerrand der kanonischen Hochkulturen hinausblicken.
Francis Breyer, Ägyptologe und Altorientalist an der Universität Bonn, ist einer der führenden Kenner der antiken Kulturen Nubiens und Äthiopiens. Von ihm liegen bahnbrechende Bücher u.a. über das geheimnisvolle Land Punt, zum Meroitischen sowie zum Königreich von Aksum vor.
Karte
Wo die wilden Frauen herrschten
1. Nubien: Das Land und seine Menschen
Flussoase Nil
Der Lebensraum der Nubier: Katarakte, Wüsten, Berge
Reichtümer: Gold, Ebenholz und Elfenbein
Völker und ihre Sprachen
2. Frühe Spuren in der Jungsteinzeit – (5.–4. Jahrtausend v. Chr.)
Die erste Keramik
Aus Wildbeutern werden Hirten
Datierungsmethoden
Trinkbecher und Kochtöpfe
Steinkeulen und Schminkpaletten
Von Frühnubisch bis Neunubisch
Siedlungen und Bestattungen
Männliche und weibliche Häuptlinge
3. Unternubien: Die Kultur der A-Gruppe – (3800–2900 v. Chr.)
Die Verbreitung der A-Gruppe
Vorstellungen vom Jenseits
Überregionaler Handel
Feldbauern und Hirten in Symbiose
Importierte und einheimische Keramik
Nubische Könige in Qustul?
Ägypten expandiert, die A-Gruppe verschwindet
Exkurs: Wo lag das Land Jam?
4. Nach den «dunklen» Jahrhunderten: Die C-Gruppe – (2300–1500 v. Chr.)
Was inzwischen geschah
Zurück auf dem archäologischen Radar
Was Gräber und Beigaben erzählen
Vom Zeltlager zum Wehrdorf
Das tägliche Leben
Tod in der Wüste
Die Expeditionen des Harchuf
Ächtungstexte gegen die nubischen Söldner
5. Durch die Wüste
Die Pfannengräber-Kultur
Medjai: Karriere eines Namens
Fuzzy-Wuzzy in der Ostwüste
Siedeldünen im Wadi Howar
6. Nubier in Ägypten, Ägypter in Nubien
Schwarze Bogenschützen im Heer des Pharaos
Aufstieg in ägyptischen Diensten
Der ägyptische Festungscordon und seine Besatzung
Drei nubische Gegenkönige
Ägyptische Überläufer in kuschitischen Diensten
Alltägliches Nebeneinander
Gesandtschaften aus der Wüste
Wie kamen die Tulpenbecher ins Nildelta?
7. Aufstieg und Fall des Reichs von Kerma – (2500–1450 v. Chr.)
Von Präkerma bis Spätkerma
Ein archäologischer Streifzug durch die Kerma-Kultur
Tumuli, Bukranien und Menschenopfer
Kerma, Reichsmetropole am dritten Katarakt
Westliche Deffufa, Audienzhalle und Residenz
Tumuli und Totentempel
Die Stadtentwicklung
Die Herrscher von Kerma und ihre Klientelfürsten
Ein Reich wird zerschlagen
8. Nubien als ägyptische Kolonie – (1450–1100 v. Chr.)
Wie man einen starken Nachbarn beherrscht
Der Statthalter: «Königssohn von Kusch»
Loyale nubische Eliten
Ägyptische Götter in Nubien
Der Glanz des Goldes
Die Ägypter ziehen sich zurück
9. Das Schweigen der Quellen – (1100–750 v. Chr.)
Archäologische Brücken im «Dunklen Zeitalter»
Umstrittene Neoramessiden
Das Rätsel der Königin Kadimalo
10. Die Schwarzen Pharaonen aus Kusch – (735–664 v. Chr.)
Woher kamen die Kurru-Könige?
Die Kuschiten ziehen in Ägypten ein
Die Machtbasis der nubischen Könige
Ein ganz neuer Blick auf das kuschitische Großreich
Der Thron des Pharao: Koregenten und Konkurrenten
Taharqos verlorener Kampf gegen die Assyrer
11. Zurück im Sudan: Die Könige von Napata – (664–250 v. Chr.)
Geordneter Rückzug
Angriff auf Napata
Königsschwester, Königsbruder, Gottessohn
Napatanisch-kreolische Königstexte
12. Die Pyramiden von Meroë – (250 v. Chr. – 6. Jahrhundert n. Chr.)
König Ergamenes von Meroë
Die meroitische Schrift
Kandaken: Die kriegerischen Königinnen
Königin Amanirenase im Kampf gegen Rom
Ägyptische Renaissance
Die letzten meroitischen Herrscher
Ein Reich löst sich auf (um 380 n. Chr.)
Die Römer im Bund mit Nomaden
Die postpyramidale Zeit: Tumuli und Königskronen
13. Unter Kreuz und Halbmond – (6.–19. Jahrhundert)
Nubien wird zweifach christlich
Drei altnubische Königreiche
Das Schwarze Sultanat (1504–1821)
Was bleibt
Anhang
Epochenübersicht
Die Herrscher der Königreiche von Kusch
Pharaonen der 25. Dynastie (Mitte 8. Jh. bis Mitte 7. Jh. v. Chr.)
Napatanische Herrscher (7. bis 4. Jh. v. Chr.)
Meroitische Herrscher (4. Jh. v. Chr. bis 4. Jh. n. Chr.)
Neoramessidische Herrscher (Einordnung umstritten)
Literatur
Literatur und Quellen zu den einzelnen Kapiteln
1. Nubien: Das Land und seine Menschen
2. Frühe Spuren in der Jungsteinzeit (5.–4. Jahrtausend v. Chr.)
3. Unternubien: Die Kultur der A-Gruppe (3800–2900 v. Chr.)
4. Nach den «dunklen» Jahrhunderten: Die C-Gruppe (2300–1500 v. Chr.)
5. Durch die Wüste
6. Nubier in Ägypten, Ägypter in Nubien
7. Aufstieg und Fall des Reichs von Kerma (2500–1450 v. Chr.)
8. Nubien als ägyptische Kolonie (1450–1100 v. Chr.)
9. Das Schweigen der Quellen (1100–750 v. Chr.)
10. Die Schwarzen Pharaonen aus Kusch (735–664 v. Chr.)
11. Zurück im Sudan: Die Könige von Napata (664–250 v. Chr.)
12. Die Pyramiden von Meroë (250 v. Chr. – 6. Jahrhundert n. Chr.)
13. Unter Kreuz und Halbmond (6.–19. Jahrhundert)
Bildnachweis
Namenregister
Kursive Seitenzahlen verweisen auf Abbildungen.
Geographisches Register
Kursive Seitenzahlen verweisen auf Abbildungen.
Unter Kaiser Augustus machte Unglaubliches in Rom die Runde: Den römischen Truppen hatte sich im fernen Afrika ein Heer von Wilden in den Weg gestellt, angeführt von «der Königin Kandake, einem mannhaften Weib, das auf einem Auge blind war». Für die Römer war eine kämpfende Frau schlichtweg skandalös. Das wirklich Unglaubliche daran ist aber, dass diese Kandake tatsächlich existierte und dass sie Augustus sogar zu einem Friedensvertrag zwang – was dieser natürlich niemals zugegeben hätte. Aber was war das für eine Gesellschaft, in der Frauen derart mächtig waren? Wissen wir sonst etwas über sie? Wie entwickelte sich diese Form von Herrschaft?
Königin Amanitore bezwingt ihre Feinde. Relief von ihrer Grabkapelle
Zwei Jahrtausende später fand der Glücksritter Giovanni Ferlini in einer Pyramide im Sudan den Goldschatz einer dieser Königinnen. Wir können ihn heute in den Ägyptischen Museen von Berlin und München bestaunen. In der Tat ein erstaunliches Beispiel meroitischer Kunstfertigkeit: stark beeinflusst vom grazilen ägyptischen Stil und doch mit einem deutlichen nubischen Gepräge. Dieser «afrikanische» Einfluss war so groß, dass Ferlini seinen Jahrhundertfund lange nicht verkaufen konnte, weil man ihn schlichtweg für eine Fälschung hielt! Noch heute werfen die Schmuckstücke und ihre Bilderwelt Fragen auf: Wie weit war die nubische Gesellschaft jener Zeit ägyptisiert – betraf dies nur die Elite oder auch die einfachen Leute? Setzten sich die entsprechenden ägyptischen Konzepte tatsächlich durch oder kopierte man in Meroë nur die pharaonischen Nachbarn?
Im Gegensatz zu anderen antiken Kulturen mussten diejenigen Nubiens erst entdeckt werden. Bereits die Römer wussten über diesen Teil der Welt herzlich wenig: So war etwa Kandake keinesfalls der Name der betreffenden Königin, sondern ihr wichtigster Titel. Heute wissen wir immerhin so viel, dass sich die Forscher streiten können, ob Amanirenase oder ihre Nachfolgerin Amanisacheto die Herrscherin jener Episode war.
Gerade weil unser Wissen über die antike Geschichte Nubiens immer noch so lückenhaft ist, konnte Meroë einer jener Namen mit sagenumwobener Aura werden – wie Samarkand, Timbuktu, Babylon oder Lhasa. Eine Rolle dürfte dabei auch gespielt haben, dass die Kandake eine Schrift gebrauchte, die zwar seit fast einem Jahrhundert entziffert ist, deren Inschriften uns jedoch inhaltlich bis heute weitgehend verschlossen bleiben.
So kommt es, dass bei der Erforschung Nubiens der Archäologie immer schon eine herausragende Rolle zufiel, wenn es darum ging, die Vergangenheit nachzuzeichnen. Heute ist Nubien durch die Rettungsgrabungen vor dem Bau des Assuan-Dammes archäologisch gesehen eines der am besten untersuchten Gebiete der Welt. Zugleich ist die nubische Archäologie jedoch großteils in einer Zeitkapsel gefangen, denn die Befunde lassen sich nicht mehr überprüfen – sie sind in den Fluten des Nasser-Sees versunken.
Gerade dieser Wechsel zwischen Zeiten und Räumen, über die sehr viel bekannt ist, und solchen, über die wir vergleichsweise spärliche Quellen besitzen, macht die Nubienkunde überaus interessant. Zumal das Niltal eine der am längsten nachvollziehbaren Geschichten überhaupt hat – ganz anders als die direkt angrenzenden Regionen. Dabei darf natürlich fehlende Überlieferung nicht gleichgesetzt werden mit Nichtvorhandensein. Umso mehr ist hier das Können der Archäologen und Historiker als Detektive der Vergangenheit gefragt. Im Folgenden soll davon erzählt werden.
In diesem Buch wird es selbstverständlich um die nubischen Herrscher gehen, die im ersten vorchristlichen Jahrtausend Ägypten eroberten und als «Schwarze Pharaonen» regierten. Beschrieben wird auch jene Epoche, in der die Ägypter ihren südlichen Nachbarn als erste Kolonie in der Geschichte Afrikas knechteten und ausbeuteten. Gleichwohl wird hier nicht die Ereignisgeschichte im Vordergrund stehen. Vielmehr sollen die ökologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren beleuchtet werden, die den Lauf der nubischen Geschichte wesentlich beeinflussten. Warum gab es im ägyptischen Niltal viel früher einen Staat? Konnte Nubien tatsächlich nur prosperieren, wenn das Pharaonenreich schwächelte? Wie regiert man ein Reich, dessen Bevölkerung weitgehend aus Hirtennomaden besteht, die in vielen ganz unterschiedlichen Stämmen organisiert sind?
Wir beginnen unseren Streifzug durch die nubische Vergangenheit in der Jungsteinzeit, mit der Herausbildung der Weidewirtschaft, des Ackerbaus und der Keramikherstellung, und arbeiten uns durch die wechselvollen Beziehungen zwischen Nubien und Ägypten vor bis zum Königreich von Kerma, dem ersten bekannten «afrikanischen» Reich. Von dort geht es weiter über die erwähnte Kolonialzeit zum Königreich von Kusch mit seinen Zentren Napata und Meroë. Schließlich werden die christlichen Könige Nubiens behandelt wie auch die Schwarzen Sultane von Sennar, mit denen wir in der Neuzeit angelangt sind.
Mehrere Personen haben tatkräftig zur Entstehung dieses Buches beigetragen. Thomas Schneider gab indirekt den Anstoß dazu, Ulrich Nolte vom Verlag C.H.Beck ließ sich auf ein exotisches Thema ein, Anton Aeschbacher bereicherte den Text während seiner Entstehung konzeptionell wie stilistisch, und Petra Rehder hat ihn danach äußerst sorgfältig redigiert und noch lesbarer gestaltet. Mein sudanesischer Kollege Hatim Elnour schließlich hat mich vor Ort auf manchen Aspekt aufmerksam gemacht, der bisher in keinem Buch zu finden ist. Ihnen allen sei sehr herzlich gedankt.
«Nubien» ist ein Begriff aus der historischen Geographie, er bezieht sich also auf ein Gebiet in der Vergangenheit. Er geht nicht auf das altägyptische Wort für «Gold» zurück, wie man häufig lesen kann. Vielmehr handelt es sich um eine wissenschaftliche Neuschöpfung, die auf einer Eigenbezeichnung der heutigen Nubier (nob) beruht. Über die längste Zeit der antiken Geschichte wurde Nubien «Kusch» (altägyptisch kзš) genannt, was vermutlich ebenfalls auf ein einheimisches Wort zurückzuführen ist. Daneben waren noch weitere Ortsnamen in Gebrauch, die kleinere Gebiete bezeichneten und deren Lokalisation oftmals nicht sehr klar ist. In diesem Buch wird alles «nubisch» genannt, was zwischen der Jungsteinzeit und heute in der Region Nubien passierte, selbst wenn die Akteure streng genommen ethnisch keine Nubier waren. So nennt man die Sprecher nubischer Sprachen, die wohl erst Mitte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeit ins Niltal einwanderten. Als Reich von Kusch bzw. als «kuschitisch» wird die Periode zwischen der Eroberung Ägyptens und dem Ende des Reiches von Meroë bezeichnet (ca. 700 v. Chr. bis 300 n. Chr.). Eigentlich müsste man hier vom «zweiten Reich von Kusch» sprechen, jedoch wird das «erste» gemeinhin nach seinem wichtigsten Fundort Kerma benannt.
Doch wo genau lässt sich nun Nubien verorten? Weit gefasst ist es das Gebiet zwischen Ägypten und dem Abessinischen Hochland – eng gefasst die 1847 Kilometer des Mittleren Niltals zwischen Assuan und Khartum. Ob weit oder eng: Nubien liegt sowohl auf dem Staatsgebiet des heutigen Ägypten als auch auf demjenigen des Sudan.
Ohne den Nil, ohne diesen riesigen Strom, gäbe es in Nordostafrika praktisch nichts als Wüste. Weil das so ist, spricht man gerne auch von einer Flussoase. Der Nil ist der längste Fluss der Welt, er ist freilich noch aus einem weiteren Grund speziell: Nördlich der Atbara-Einmündung (zwischen dem sechsten und fünften Katarakt) besitzt er keinen Zufluss mehr, also über eine Strecke von mehr als tausend Kilometern. Dabei fließt er mit einem Gefälle von einem Meter pro 6,5 Kilometer: von 378 auf 91 Meter über Normalnull.
Bei Khartum vereinen sich der Blaue und der Weiße Nil zu einem einzigen Strom. Im vorliegenden Buch wird die Region südlich davon nur wenig behandelt. Gespeist wird der Weiße Nil aus dem äquatorialen Seengebiet; der Blaue Nil und der Atbara erhalten ihr Wasser durch den Sommermonsun aus dem Äthiopischen Hochland.
Immer wieder wird der Lauf des Flusses durch Stromschnellen unterbrochen. Diese Katarakte (von griech. katarrháktēs «Wasserfall») bilden mächtige Barrieren, die durch Wüstenwege umgangen werden müssen. Sie sind nicht einfach nur pittoreske Gesteinsformationen, sondern der Schlüssel zum Verständnis der kulturellen Entwicklung. Denn sie behindern den freien Verkehr auf dem Fluss und bilden so Siedlungskammern, die immer dazu tendierten, sich auch politisch abzugrenzen. Wie fundamental diese Fragmentierung für den Fortgang der Geschichte war, wird durch einen Blick nach Norden klar. In Ägypten fehlt sie, daher ist die politische Kleinteiligkeit dort auch immer die Ausnahme und nicht die Regel. Frei nach Herodot könnte man etwas pointiert formulieren: Nubien ist ein Geschenk der Katarakte.
Der Nil fließt nicht immer geradlinig von Süden nach Norden, sondern macht vor allem in Nubien einige sehr starke Biegungen. Die Landschaften zwischen diesen sowie zwischen den verschiedenen Zuflüssen bilden weitere Großregionen. Da sind zum einen die Steppengebiete zwischen Nil und Atbara: Die Butana nannte man in der Antike die «Insel von Meroë»; ganz ähnlich wird das Gebiet zwischen dem Weißen und dem Blauen Nil heute ebenfalls mit dem arabischen Wort für Insel bezeichnet, Gezira. Westlich der Butana, also auf dem Gebiet, das vom großen Nilknie unweit der Atbara-Mündung umschlossen wird, erstreckt sich die Bayuda-Wüste. Nach der üblichen Unterscheidung liegt westlich des Nils die Libysche und östlich des Nils die Nubische Wüste. Ägyptologen sprechen allerdings gerne von West- bzw. Ostwüste, was durchaus verwirrend sein kann, denn diese Westwüste ist tatsächlich die Ostsahara.
Für den Außenstehenden ist es am Anfang etwas überraschend, dass Unternubien der nördliche und Obernubien der südliche Teil Nubiens ist und nicht umgekehrt. Die Bewohner des Niltals orientierten sich hier entgegen der Strömungsrichtung des Flusses nach Süden, der Oberlauf war für sie «oben». Man könnte zwar auch von Süd-, Zentral- und Nordnubien sprechen, nur wird dies kaum getan. Unternubien ist also die Region im Sahelgürtel, insbesondere zwischen dem ersten und zweiten Katarakt. Seine Lage in einer Wendekreiswüste bedingt zusammen mit der Enge des dortigen Flusstals ein begrenztes agrarisches Potenzial. Die Menschen leben hier vor allem von Kleinvieh und Dattelpalmen. Obernubien südlich des vierten Katarakts ist hingegen aufgrund des tropischen Sommerregens deutlich reicher. Die dortige Savannensteppe eignet sich hervorragend zur Viehhaltung. Zwischen Unter- und Obernubien liegt das ausgedehnte Gebiet des zweiten Katarakts (altägyptisch «Ort des Kenterns»). Man könnte es ebenso gut Mittelnubien nennen, nur wird dies selten getan.
Der Naturraum des heutigen Sudan ist nicht nur sehr groß, sondern auch klimatisch wie ökologisch ziemlich divers. Entsprechend unterschiedlich verliefen auch die kulturellen Entwicklungen in den verschiedenen Regionen.
Der nördliche Nachbar war immer ein beherrschender Faktor für Nubien. Historisch gesehen bildete der erste Katarakt bei Assuan/Elephantine die Südgrenze Ägyptens. Geologisch wie ökologisch betrachtet liegt die Grenze allerdings etwas weiter im Norden, bei Gebel es-Silsila. Nördlich davon herrscht nämlich Kalkstein vor, südlich davon Sandstein. Dies mag banal klingen, wirkte sich jedoch ökonomisch massiv aus, denn das ägyptische Niltal ist eine breite Flussebene, in Nubien treten die Ufer hingegen dicht heran und sind ziemlich steil. Aufgrund des größeren agrarischen Potenzials in Ägypten konnten somit immer relativ leicht große Überschüsse erwirtschaftet werden, was in Nubien nur sehr begrenzt möglich war. In den ägyptischen Flussauen lassen sich große Flächen künstlich bewässern, in Nubien kaum. Größere Ernten brachten eine höhere Ernährungssicherheit, eine wachsende Bevölkerung und damit letztlich mehr Macht. Dies erklärt zumindest zum Teil, warum das pharaonische Ägypten gegenüber Nubien oft aus einer deutlichen Position politischer Stärke heraus operierte.
Interessanterweise war dies jedoch nicht immer so. Erst Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends schlugen die geopolitischen Unterschiede auch in einen kulturell-ökonomischen Gegensatz um. Der Hauptgrund hierfür ist die Entstehung des pharaonischen Zentralstaats. Die geographische und politisch-kulturelle Einheitlichkeit ist somit wohl der zweite entscheidende Faktor für die weitgehende ägyptische Überlegenheit. Das naturräumlich und damit auch politisch zersplitterte Nubien war hingegen immer stark von kleineren und mobilen Gruppen geprägt. Eine zu kleine Population kann per se Entwicklung hemmen. Daneben spielt es auch eine Rolle, wie groß ein Machtbereich in Relation zur Bevölkerungsmenge ist. Offenbar bedarf es einer kritischen Masse, um die soziokulturellen Kettenreaktionen in Gang zu setzen, die zur Herausbildung eines Staates führen.
Nubien war also in mehrerlei Hinsicht viel diverser als Ägypten: Neben dem Niltal und den Oasen nutzten die Menschen die Wüstenbrunnen der südlichen Ostsahara genauso wie die Bergzüge zwischen dem Niltal und dem Roten Meer. Im Süden, der in den Tropen liegt, ist sogar Regenfeldbau möglich. Diese verschiedenen ökologischen Situationen bieten den dort lebenden Menschen ganz unterschiedliche ökonomische Nutzungsarten: von sesshaften Ackerbauern im Flusstal über Hirtennomaden in den Savannen bis zu Wildbeutern in den Wüstenregionen.
Grundsätzlich können in Nubien drei Lebensräume und -formen unterschieden werden. In Unternubien lebten vor allem sesshafte Gruppen in kleinen dörflichen Gemeinschaften vorrangig von der Kleinviehzucht und dem Überschwemmungsfeldbau auf den Schwemmlandstreifen. Im Kerma-Becken weiter im Süden konnte zusätzlich die Steppenlandschaft genutzt werden, die sich ausgezeichnet für die Rinderzucht eignet. Die Menschen waren sesshaft und lebten zunächst vom Überschwemmungsfeldbau, später auch vom Bewässerungsfeldbau. Die zusätzlichen Ressourcen der Steppe führten zu größerem Wohlstand und damit zur sozialen Einigung und Differenzierung. Nicht von ungefähr entstand hier in Kerma der erste nubische Staat. Außerdem gab es in Nubien immer versprengte halbsesshafte Gruppen. Den archäologischen Befunden nach sind sie sehr ähnlich, teilweise identisch mit entsprechenden Kulturen des Niltals, wobei die Parallelen wohl auch soziale wie ethnische Grenzen überschreiten. So finden sich hier wie dort Sprecher berberischer wie auch kuschitischer Sprachen.
Der erste Katarakt ist keine ethnische Grenze, denn Nubier siedelten immer auch nördlich von Assuan. Ursprünglich herrschte sogar ein kulturelles Kontinuum im Niltal; so kann man für die Jungsteinzeit von einer Art «Greater Nile Valley» sprechen. Wie einheitlich die materielle Kultur in jener Region damals war, mag erstaunen. Noch erstaunlicher ist aber, dass sich dies deutlich änderte und dass dann die Unterschiede zwischen Ägyptern und Nubiern hinsichtlich Siedlungsräumen, Aktionsradius oder Rollenverteilung sehr lange stabil blieben. Erst als der arabische und islamische Einfluss ab dem 16. Jahrhundert immer stärker wurde, veränderte sich dies etwas.
Wovon lebten die Menschen in Nubien in ihren so unterschiedlichen Siedlungsgebieten? Mögliche Grundlagen der Subsistenz waren Jagd, Fischfang, Sammeln von Wildgetreide sowie Ackerbau und Viehzucht. Wie diese Formen im Einzelnen praktiziert und kombiniert wurden, war nicht nur von Region zu Region verschieden, sondern veränderte sich auch im Laufe der Zeit. In der Vorgeschichte stand sicherlich neben dem Sammeln essbarer Pflanzen die Jagd nach Wildtieren wie Antilopen und Gazellen im Vordergrund. Die Menschen waren Wildbeuter. Dabei dachten auch die meisten Forscher lange an eine geschlechterspezifische Arbeitsteilung, das heißt, Frauen sammelten, Männer jagten. Ethnologen haben allerdings herausgefunden, dass dies nicht unbedingt der Fall war.
Die archäozoologischen Untersuchungen der Fundplätze lassen sehr interessante Schlüsse auf die regionale Fauna zu. Insbesondere kann man nachvollziehen, wie Wildtiere gezähmt wurden. Kleinvieh wie Ziegen und Schafe wurden erstmals in Vorderasien domestiziert; ob das Rind erstmals in Afrika gezähmt wurde, ist immer noch umstritten. Eindeutig ist aber, dass die Wildform des Esels in Nordostafrika heimisch ist, folglich dürfte dieser erstmals auf dem afrikanischen Kontinent domestiziert worden sein. Noch in historischer Zeit wurden übrigens in Ägypten (vergebliche) Versuche unternommen, Antilopen und Gazellen zu zähmen. Diese waren vor allem als Fleischlieferanten interessant. Esel dienten natürlich als Lasttiere – so wurden in der Westwüste sehr viele Eselsknochen nachgewiesen, etwa im Wadi Hariq. Schafe und Ziegen führten zur Entwicklung der Milchwirtschaft; ob man im prähistorischen Nubien die Rinder nicht nur schlachtete und molk, sondern auch anderweitig nutzte, ist nicht bekannt. Die Massai und die Nuer lassen bis heute ihre Rinder zwecks Nahrungsgewinnung regelmäßig zur Ader.
Das systematische Sammeln von Wildgetreide wird heute noch im Wadi Howar praktiziert. Leider lässt sich nicht nachweisen, ob mit den gefundenen prähistorischen Mahlsteinen Wildgetreide oder domestiziertes Getreide verarbeitet wurde; sie sind somit kein zwingender Hinweis auf Ackerbau. Seit dem Neolithikum ist archäobotanisch sowohl Gerste als auch Emmer nachgewiesen. Der Übergang von zäherer Nahrung wie Fleisch zu weicherer wie Brot oder Getreidebrei hat bei den Menschen übrigens im Verlauf der Jahrtausende deutliche Veränderungen am Kiefer und damit an der Form des Schädels hinterlassen.
Nach dem Aufkommen der Landwirtschaft wurde vor allem Schwemmland beackert, also diejenigen Gebiete, die vom jährlichen Nilhochwasser überschwemmt wurden. Die Nilflut erreichte ihren Höhepunkt im August bis September und ging bis November zurück. Danach konnte ausgesät und spätestens im März geerntet werden. Das ist bis heute so. Weil die Landwirtschaft im Altertum auf Überschwemmungsfeldbau beschränkt blieb, konnte zunächst nur Wintergetreide angebaut werden. Wie bereits erwähnt, ist das mittlere Niltal sehr steil, es kann also nicht so gut mit Kanälen bewässert werden wie in Ägypten. Der mindestens seit dem Neuen Reich bekannte schaduf, eine kranartige Hebevorrichtung für Wasser, war in diesem Gelände kaum einsetzbar.
Neben Getreide wurden mehrere Arten von Gemüse und Kräutern angebaut, insbesondere Zwiebeln, Knoblauch, Haselnüsse, Senf, Koriander und Kumin. Aus Ägypten bzw. Vorderasien kamen Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Wassermelonen, Datteln, Trauben und Feigen hinzu. Sommergetreide wurde erst seit der napatanischen Zeit, also den ersten vorchristlichen Jahrhunderten, kultiviert; möglicherweise war diese agrarische Neuerung verantwortlich dafür, dass Unternubien in römischer Zeit wieder stärker besiedelt wurde. In der meroitischen Periode, also um die Zeitenwende, kamen Feldfrüchte hinzu, die aufgrund ihrer afrikanischen Herkunft weniger dürreanfällig waren, allen voran Hirsearten wie Sorghum/Durrha und verschiedene Sorten von Hülsenfrüchten, ferner Sesam und Baumwolle. Etwas später gelangten weitere Exoten aus ferneren Gegenden nach Nubien wie Pfirsich, Mandel und schwarzer Pfeffer.
Gegen Ende der meroitischen Zeit revolutionierte eine wichtige Erfindung die Landwirtschaft der Region: die saqia, das Schöpfrad. Von der Konstruktion her ist dieses praktisch die Umkehr des Mühlrades: Mit Ochsen wird ein großes vertikales Rad betrieben, an dem Schöpfkrüge befestigt sind, die Wasser von einer unteren Eben auf eine obere heben. Diese umwälzende Innovation war wahrscheinlich letzten Endes mit verantwortlich für den Zusammenbruch des Meroitischen Reiches: Durch neue Lebensgrundlagen verbesserte sich die Ernährungssicherheit, was starkes Bevölkerungswachstum mit sich brachte, und dieses bewirkte im Zusammenspiel mit veränderten Landnutzungsverhältnissen soziale Spannungen.
Es gibt einen Grund, weshalb die ägyptischen Pharaonen immer wieder versuchten, Nubien unter ihrer Kontrolle zu halten: Dort war viel zu holen. Zum einen gab es Rohstoffe, die in Ägypten sehr begehrt waren, vor allem Baugestein oder Erz, insbesondere Gold. Zum anderen konnte man über Nubien an weitere Güter gelangen, die aus weiter im Süden gelegenen Regionen Afrikas kamen. Dazu zählten Spezereien, Ebenholz oder exotische Tierprodukte. Und schließlich ließen sich unter den Nomaden Arbeitskräfte und Söldner anwerben.
Betrachten wir die exotischen Handelsgüter etwas genauer. Die ägyptischen Kulte verlangten nach immer größeren Mengen an Aromata, an Weihrauch und Myrrhe. Diese Duftstoffe wurden nicht in Nubien selbst gewonnen, sondern in angrenzenden Regionen wie Abessinien oder Kordofan. Auch Edelhölzer wie Ebenholz waren begehrt, außerdem tierische Produkte aller Art. Wildtiere der Savanne wie Elefanten, Giraffen, Löwen, Nashörner waren mit dem Beginn der historischen Zeit aus Ägypten verdrängt worden, blieben in Nubien hingegen noch länger heimisch. So verwundert es nicht, dass die ägyptische Elite Elfenbein, Leopardenfelle oder Giraffenschwänze von dort bezog. Wozu um alles in der Welt dienten Giraffenschwänze? Nun, die Schwanzhaare von Giraffen sind sehr lang, drahtig und äußerst reißfest – ideal zum Auffädeln wertvoller Edelsteinperlen. Sehr begehrt waren ferner sowohl die Eier als auch die Federn des Straußes, die zu Fächern oder Schmuck verarbeitet wurden. Am begehrtesten aber war das Elfenbein, zur Herstellung von Schmuck, Kunst- und Kultgegenständen. Nachdem der syrische Elefant Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. vom Menschen ausgerottet worden war, blieb Nubien in vorhellenistischer Zeit der einzige Elfenbeinlieferant. So verwundert es nicht, dass heute noch das meroitische Wort für Elefant bzw. Elfenbein abore in den Sprachen Europas lebendig ist: ivoire/ivory ist wohl das einzige meroitische Lehnwort, das sogar über die Alpen drang.
In Nubien gab es immer zahlreiche Ethnien und ein buntes Sprachgemisch. Die Sprachen, welche heute im Sudan gesprochen werden, gehören zu zwei Sprachfamilien: der semitohamitischen und der nilosaharanischen. Altägyptisch, das Libysch-Berberische und die kuschitischen Sprachen sind wie das Arabische semitohamitisch. Meroitisch und die nubischen Sprachen sind nilosaharanisch. Die Grundcharakteristika dieser beiden Sprachgruppen sind sehr verschieden. So sind die linguistischen Kategorien der semitohamitischen Sprachen den indogermanischen vergleichbar – es gibt zum Beispiel ein grammatisches Geschlecht und Fälle in der Nominalflexion. Manche der Kategorien in nilosaharanischen Sprachen sind uns dagegen fremd, etwa Honorativität (spezielle Höflichkeitsformen) oder das Fehlen eines Genus.
Über die Sprachen im antiken Nubien, bevor das Meroitische um 350 v. Chr. verschriftlicht wurde, wissen wir nicht sehr viel. Dieses Wenige wird dafür detailreich und kontrovers diskutiert. Vieles spricht dafür, dass westlich des Nils Berbersprachen gesprochen wurden und in der Ostwüste zwischen Nil und Rotem Meer vornehmlich Sprecher des kuschitischen tu-Bedauye umherschweiften. Welche Sprachen man in den beiden vorchristlichen Jahrtausenden im Niltal selbst sprach, ist nicht bekannt. Möglicherweise waren darunter kuschitische Sprachen. Ob die Könige von Kerma bereits Meroitisch sprachen, darüber lässt sich ebenfalls nur spekulieren; bislang existieren hierfür keine eindeutigen Indizien. Sprecher nubischer Sprachen sind wohl seit dem Neuen Reich nachzuweisen. Halbwegs gesicherte Aussagen lassen sich erst mit dem Beginn der Kuschitenzeit machen (700 v. Chr.): Die Pharaonen der 25. Dynastie trugen nämlich (prä)meroitische Namen. Ihre Nachfolger in napatanischer Zeit hinterließen uns hieroglyphische Texte in einer ägyptomeroitischen Kreolsprache. Im 3. Jahrhundert vor Christus wurde schließlich die meroitische Schrift entwickelt, womit nun endlich halbwegs sichere Aussagen zur Sprache gemacht werden können. Zumindest die Elite des Reiches von Meroë sprach demnach Meroitisch. Erst vor wenigen Jahren wurde belastbar nachgewiesen, dass es sich hierbei um eine nilosaharanische Sprache handelt. Leider sind die historischen Texte in meroitischer Sprache aber bislang immer noch nicht wirklich verständlich.
Dass westlich des Nils berberische Gruppen lebten, kann linguistisch nachgewiesen werden, denn hunderte von Namen der nicht-ägyptischen Elite während der libyschen Fremdherrschaft über Ägypten sind ganz ohne Zweifel berberisch. Dass die Libyer jener Zeit Vorfahren der heutigen Berber waren, ist ziemlich eindeutig: In Vielem sind beide Gruppen kulturell nahezu identisch. Sogar die Tätowierungen der Tuareg haben noch exakt dieselben Muster wie diejenigen der Libyer auf altägyptischen Reliefs!
Vergleichbare Überlegungen zur kulturellen Kontinuität haben auch den Medjai, die in den ägyptischen Inschriften erwähnt werden, ein Gesicht gegeben. Diese mobilen Gruppen gelten mittlerweile fast allen Forschern als Vorläufer der von klassischen Autoren beschriebenen Blemmyer und auch der heutigen Beja-Nomaden. Ihre Sprache hat sich erstaunlicherweise über die Jahrtausende hinweg kaum verändert. Einige Medja-Namen, die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. in ägyptischen Texten erschienen, waren um die Zeitenwende immer noch in Gebrauch und wurden vor allem nach demselben Muster gebildet. Typischerweise waren sie etwa aus Tiernamen und dem Element «Mann/Herr» zusammengesetzt, zum Beispiel «Elefantenmann» oder «Löwenherr».
Erst vor kurzem wurden einige Wörter in den altägyptischen Unterweltsbüchern als Wörter aus der nilosaharanischen Sprache der zentralsaharanischen Tubu im Tibesti-Gebirge identifiziert. Die entsprechenden Texte beschreiben Regionen, in denen die Sonne untergeht, vielleicht sogar den antiken Mega-Tschadsee, und können dabei sogar überzeugende Distanzangaben vorweisen.
(5.–4. Jahrtausend v. Chr.)
Die ersten schriftlichen Nachrichten über Nubien liegen ab ungefähr 2800 v. Chr. vor. Das Mittlere Niltal hat damit eine außergewöhnlich lange nachvollziehbare Geschichte, während weite Teile Afrikas oft bis in die Moderne hinein schriftlos geblieben sind.
Nun könnte man an dieser Stelle weit ausholen und schildern, wie die ersten Menschen ins Niltal gelangten oder in der Altsteinzeit die ersten Faustkeile herstellten. Da das Paläolithikum wie die auf es folgende Mittelsteinzeit (Mesolithikum) allerdings kaum nubische Besonderheiten aufweisen, beginnen wir unsere Darstellung der nubischen Geschichte mit der Jungsteinzeit. Der Beginn des Neolithikums ab ca. 6000 v. Chr. ist nämlich in vielerlei Hinsicht ein Wendepunkt, der zentrale kulturelle Aspekte des Mittleren Niltals prägte.
Früher definierten die Archäologen das Neolithitikum mit einer einfachen Zäsur – sobald die Menschen Keramik und geschliffene Steinbeile herstellten. Allerdings war Keramik in Nubien schon deutlich früher bekannt. Daher ist eine modernere Definition etwas komplexer: Sobald die Menschen von einer aneignenden Lebensweise zu einer produzierenden übergingen, sprechen wir von Neolithisierung; dies geht meist damit einher, dass sie Ackerbau betrieben und sesshaft wurden. Leider ist selbst diese Definition hier nicht wirklich stimmig – in Nubien entwickelte sich nämlich in den meisten Gebieten eine rein neolithische Lebensweise nie, eingeschränkt oder sehr spät. Das Konzept der «neolithischen Revolution», welches in der prähistorischen Archäologie Vorderasiens und Europas entwickelt wurde, ist im afrikanischen Kontext letztlich nur bedingt brauchbar.
Um den spezifischen regionalen Bedingungen gerecht zu werden, wird daher heute von einem ganzen Bündel von Kriterien gesprochen, dem neolithic package. Die verschiedenen Aspekte treten in den einzelnen Regionen zu ganz unterschiedlichen Zeiten auf. Beispielsweise war Keramik im Sudan sehr früh bekannt; wie man Nutztiere hält und sesshaft Getreide anbaut, setzte sich hingegen erst relativ spät durch.
In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich unser Bild von der Neolithisierung Nubiens stark verändert. Zum einen ist deutlich geworden, dass sie deutlich früher stattfand als zuvor angenommen, nämlich im 7. Jahrtausend vor unserer Zeit. Zum anderen spielten nach jetzigem Erkenntnisstand die heutigen Wüstenregionen der Ostsahara dabei eine große Rolle. Und schließlich wissen wir nach Forschungen um den Merowe-Damm, im Kerma-Becken und auf der Insel Sai nun auch, was in jener wichtigen Phase in Obernubien geschah.
Dass sich mit dem Beginn des Neolithikums sozioökonomisch Grundlegendes veränderte, war schon immer klar. Es änderten sich nicht nur die materielle Kultur, die Siedlungsstruktur und die Mobilitätsmuster, sondern mit Viehzucht und Ackerbau vor allem auch die gesamte Lebensgrundlage der Menschen. Zwei Punkte verdienen eine nähere Betrachtung: wann die erste Keramik aufkam und wann erstmals Nutztiere gehalten wurden.
In der Sahelzone entdeckten die Menschen etwa 9000 v. Chr., wie man Keramik herstellt, vielleicht sogar an mehreren Stellen zugleich. Dies geschah vor allem auf dem Gebiet der heutigen Sahara, insbesondere in den Gebirgsregionen von Ahaggar, Tibesti und Ennedi. Die früheste Keramik im Niltal wird nach dem ersten Fundort als Khartum Mesolithic oder Early Khartum bezeichnet oder nach der besonders charakteristischen Dekoration mit dem Schlagwort wavy line («Wellenlinie») versehen. Dabei gibt es einfache Wellenlinien und dotted wavy lines, die aus Punkten zusammengesetzt sind.
Die ältesten Funde nubischer Keramik stammen aus Nabta Playa, einem spektakulären Fundort mit einem astronomischen Steinkreis aus Megalithen, rund hundert Kilometer westlich von Abu Simbel. In der restlichen Westwüste erscheint die Keramik später, etwa um 6500, in Laqiya ab 5700, im Wadi Howar ab 5300 v. Chr. Von nun an ist die Kulturtechnik, aus gebranntem Ton brauchbare Gefäße herzustellen, zwischen den Oasen Dachla/Charga und Khartum etabliert.
Interessanterweise entwickelten sich die Kenntnisse zur Keramikherstellung offenbar südwärts. Dies fügt sich in das größere Bild der Entwicklungstendenzen jener Zeit ein: Während man im Zentralsudan noch von Frühneolithikum spricht, haben wir in Obernubien bereits das Mittelneolithikum. Es sieht so aus, als würde von Ägypten aus eine vorderasiatische Keramiktradition wie ein Keil in eine ältere afrikanische Tradition geschoben. Dass es Einflüsse aus Vorderasien gegeben haben muss, ist an anderer Stelle nachzuweisen: Schaf, Ziege und Hund stammen nämlich von Wildtieren ab, die im Sudan nicht heimisch waren, also dort auch nicht domestiziert worden sein können. In Asien liegt hingegen ihr natürliches Habitat. Wir können rekonstruieren, dass um 8200 v. Chr. aufgrund einer Klimakrise Gruppen aus der südlichen Levante auf die Arabische Halbinsel, den Sinai und ins Niltal auswichen und ihre Tiere mitbrachten.
Bestimmte Kulturtechniken verbreiteten sich also von Norden nach Süden, die Besiedlung hingegen von Westen nach Osten. Diese hängt ebenfalls mit Klimafaktoren zusammen. Wir müssen uns die Ausgangslage unserer Erzählung folgendermaßen vorstellen: In Nordostafrika herrschte zwischen 7000 und 4000 v. Chr. eine Feuchtphase, weil sich das Klima global erwärmt und der Monsunregen sich daher nach Norden verschoben hatte. Anders ausgedrückt: Im Neolithikum war das Klima im Sudan noch nicht so lebensfeindlich wie heute, weite Teile der heutigen Wüsten waren Savanne. Allerdings wurde es allmählich trockener, weshalb sich die Siedlungen immer mehr in den Wadisystemen der Ostsahara konzentrierten. Die immer strengeren Lebensbedingungen führten ab der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. dazu, dass die Regionen außerhalb des Niltals für Menschen größtenteils unbewohnbar wurden. Folglich entvölkerte sich die Libysche Wüste zunehmend: Die Menschen zogen in wenige Rückzugsgebiete wie die Oasen, den Gebel Uweinat oder den Gilf Kebir, die allermeisten jedoch strömten ins Niltal. Weil sich so viel zeitgleich verschob, weisen die Kulturen in jener Großregion Ostsahara-Niltal ziemlich starke Gemeinsamkeiten auf.
