Schweizer Wirtschaftseliten 1910-2010 - Thomas Mach - E-Book

Schweizer Wirtschaftseliten 1910-2010 E-Book

Thomas Mach

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Beschreibung

Männlich, bürgerliche Herkunft, Akademiker, Milizoffizier, freisinnig: Schweizer Wirtschaftsführer bilden im 20. Jahrhundert eine sozial homogene Gruppe. Der Zugang zu Machtpositionen bleibt bis in die 1980er-Jahre exklusiv. Erst in der Folgezeit internationalisieren sich die Konzernspitzen, das "kosmopolitische Kapital" global erfahrener Manager gewinnt gegenüber alten Seilschaften an Bedeutung. Der für die Schweiz typische Zusammenhalt von wirtschaftlichen, politischen und administrativen Eliten bekommt Risse. Basierend auf biografischen Daten von über 20 000 Personen zeichnen die Autoren das Bild einer Wirtschaftselite im Umbruch. Die systematische Analyse der Herkunft, Ausbildung und Netzwerke von Spitzenmanagern schliesst eine Lücke der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Das Buch hinterfragt das Narrativ leistungsbasierter, sozial offener Eliten und liefert Erklärungsansätze für den heutigen Vertrauensverlust in die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger.

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Inhalt

Einleitung

Methode: Wie studiert man Wirtschaftseliten?

Erster Teil:Wie wird man Wirtschaftsführer?

Kapitel 1: Zwischen Internationalisierung und Protektionismus

Die Internationalisierung der Eliten vor dem Ersten Weltkrieg

Der Rückzug ins Nationale nach 1914

Die Konsolidierung der «Alpenfestung» (1940–1980)

Kapitel 2: Die Wirtschaft als Männerbastion

Struktureller Ausschluss der Frauen

Die unsichtbare Rolle der Frauen im Familienkapitalismus

Die Wende der 1970er-Jahre

Pionierinnen in Machtpositionen

Kapitel 3: Die familiäre Herkunft als Schlüsselfaktor

Übervertretung des Grossbürgertums und der bürgerlichen Mittelklassen

Der Einfluss der Familiendynastien

Der späte Niedergang des Familienkapitalismus

Die professionellen Manager

Kapitel 4: Auswahl der Führungskräfte: Bildung und Armee

Vom Lehrling zum Doktor

Die Disziplinen der Macht

Ein Offiziersgrad in der Schweizer Armee – Vorteil oder Notwendigkeit?

Zweiter Teil:Organisierte Interessen und politischesEngagement der Schweizer Wirtschaftseliten

Kapitel 5: Das Unternehmensnetzwerk

Unternehmensnetzwerke und die Koordination der Unternehmerinteressen

Zunehmende Nationalisierung

Verbindungen zwischen Banken und der Industrie

Netzwerke und Kartelle

Die Schweizer Grossunternehmer: Eine Gruppe, die zusammenhält

Kapitel 6: Die Unternehmerverbände

Die Unternehmerverbände im Zentrum der Interessenpolitik

Die Leitungsorgane der Unternehmerverbände

Hinter den Kulissen: Die hauptamtlichen Verbandsfunktionäre

Drei wichtige «Unternehmerfunktionäre»

Kapitel 7: Unternehmer in der Politik

Milizsystem und Engagement der Unternehmer

Vielfältige Engagements

Rechtsanwälte mit Parlaments- und Verwaltungsratsmandaten

Unternehmer im Abstimmungskampf

Kapitel 8: Das Verhältnis zur Verwaltung: Zwischen Verflechtung und Lobbying

Der Einfluss der Wirtschaftseliten auf die Milizverwaltung

Verbandssekretäre an der Spitze der Bundesverwaltung

Von der Verwaltung in die Wirtschaft

Vier «Wechsler» zwischen Wirtschaft und Verwaltung

Dritter Teil:Der Umbruch im ausgehenden20. Jahrhundert

Kapitel 9: Die neuen Eliten

Die zunehmende Internationalisierung der «Schweizer» Wirtschaftselite

Von «schweizerischen» zu «kosmopolitischen» Ressourcen

Neue Bildungswege

Die «McKinsey-Connection»

Hartnäckiger Familienkapitalismus

Stockende Feminisierung

Kapitel 10: Neuausrichtung der unternehmerischen Machtnetze

Der Niedergang des Schweizer Unternehmensnetzwerks

Von der Koordination zur Konkurrenz

Die Verstärkung transnationaler Netzwerke

Kapitel 11: Neue Spannungen in der Wirtschaftselite

Neue Gräben in der Unternehmerschaft

Schwächung der ausserparlamentarischen Kommissionen – Stärkung der Verwaltung

Professionalisierung des Parlaments und neue Formen der Interessenvertretung

Schluss: Transnationalisierung und Fragmentierung der Schweizer Wirtschaftseliten

Anhang

Anmerkungen

Bibliografie

Abkürzungsverzeichnis

Autoren

Dank

Das Netzwerk der Personenverflechtungen zwischen den 110 grössten Schweizer Firmen

Grafik 1: 1910

Grafik 2: 1980

Grafik 3: 2010

Einleitung

«Die grossen Familien, welche Geschichte gemacht haben, die Willes, Sprechers, Bührles, Sulzers, Ballys, Boveris etc. haben kein Interesse daran, ihre jüngsten Vergangenheiten ans Licht kommen zu lassen. Die Legalität ist dabei auf ihrer Seite, der Privatbesitz an Archivmitteln bekanntlich gesetzlich geschützt, so gut wie der Privatbesitz an Produktionsmitteln.»1

Ende der 1980er-Jahre schilderte Niklaus Meienberg im Detail die Schwierigkeiten, auf die er stiess, als er eine Biografie Ulrich Willes verfassen wollte. Der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg sympathisierte offen mit dem deutschen Kaiserreich und war das berühmteste Mitglied eines in Armee und Wirtschaft einflussreichen «Clans».

Viele Faktoren hemmten die Erforschung der Wirtschaftseliten. Schwer zugängliche Informationen etwa und ein ideologisches Klima, das Diskretion zur Tugend verklärt und den Mythos einer demokratischen und egalitären Schweiz hochhält. Das heisst nicht, dass überhaupt keine Studien vorliegen. Doch beschäftigte sich die Geschichtswissenschaft in der Schweiz bisher vor allem mit den privilegierten Gesellschaftsklassen des Ancien Régime und mit dem Patriziat einiger Städte. Wo sie die jüngere Vergangenheit in den Blick nahm, konzentrierte sie sich auf spezifische Branchen oder auf Biografien der grossen «Unternehmer», welche die Erfolgsgeschichte der Schweiz prägten. Aber gerade Schlüsselbranchen der Schweizer Wirtschaft wie der Banken- und Versicherungssektor wurden vernachlässigt, weil es keinen Zugang zu den Archiven gab. Unbestritten ist, dass eine Gesamtsicht auf die Wirtschaftseliten des 19. und 20. Jahrhunderts fehlt; eine «Kollektivbiografie» dieser mächtigen Sozialgruppe bleibt ein Desiderat.2 Es gab zwar entsprechende Versuche, doch fehlte ihnen entweder die empirische Grundlage, oder sie waren stark ideologisch gefärbt.

In den 1930er- und 1940er-Jahren prangerten linke Gewerkschafter, Journalisten und Intellektuelle die Macht der Wirtschaftseliten an. Georges Bähler alias Pollux (1895–1982) untersuchte die wechselseitige Durchdringung von Wirtschaft und Politik. In einer 1944 publizierten Arbeit zeigt er, dass das Land von 200 Familien beherrscht wird, von denen viele zur alten Aristokratie und dem Patriziat gehören. 1965 beauftragte der Bundesrat den Zürcher Rechtsanwalt Georg Gautschi damit, einen Bericht über die Notwendigkeit einer Reform des Aktienrechts zu verfassen und entsprechende Vorschläge zu erarbeiten. Im Jahr darauf legte Gautschi einen mehr als 700 Seiten umfassenden Rapport vor, in dem er die Funktionsweise der Schweizer Grossunternehmen scharf kritisierte. Die Wirtschaftseliten, urteilt er darin, würden einen verschworenen Zirkel bilden und in den Firmen oft wenig demokratisch handeln: «Vererbung und Heirat in Unternehmerkreisen und die Verflechtung gleichartiger Interessen haben bewirkt, dass ein relativ kleiner Kreis von Personen die Verwaltungsratspositionen in den bedeutenden Unternehmungen besetzt […]. Der Kreis erweitert sich da und dort durch Bankenvertreter, die seltener auf Grund von Kreditgewährung als auf Grund der Stimmkraft von Depotkunden oder verwalteten Anlagefonds beigezogen werden.»3 Die betroffenen Milieus reagierten heftig, und der Bericht wurde nie publiziert, aus Angst, er könne eine «öffentliche Polemik» auslösen.

In den 1970er-Jahren hinterfragten mehrere kritische Darstellungen den Aufstieg des «helvetischen Imperiums» seit dem 19. Jahrhundert. Im Lauf des 20. Jahrhunderts hatte sich die Schweiz zu einer blühenden Volkswirtschaft entwickelt, deren Motor unzählige, in der ganzen Welt präsente, multinationale Konzerne waren. Autoren wie Lorenz Stucki oder François Höpflinger beklagten, dass die wirtschaftliche Macht in den Händen eines sehr kleinen Kreises konzentriert war, der im Wesentlichen aus «grossen» Familien bestand, die die wichtigsten Schweizer Firmen mit strategischen Aktienpaketen kontrollierten. Diese Analysen lieferten zwar wertvolle Informationen, blieben aber sehr allgemein. Weil es von einigen Ausnahmen abgesehen kaum weiterführende und vertiefende Studien gab, blieb die Erforschung der Wirtschaftseliten nach diesen Pionierwerken ohne Fortsetzung.

Zwar gibt es Anzeichen, dass es einfacher geworden ist, über die Schweizer Wirtschaftseliten zu forschen und zu schreiben: Das Internet macht viele Informationen über Unternehmen öffentlich zugänglich. Dasselbe gilt für die «Rankings», beispielsweise die Rangliste der 300 reichsten Schweizerinnen und Schweizer, die das Magazin «Bilanz» seit 1989 jährlich zusammenstellt. Zudem müssen die Konzerne heute transparenter informieren, um die Anleger an den Börsen zu befriedigen – das geht so weit, dass die Löhne und Boni der meisten Verwaltungsratspräsidenten und CEOs heute bekannt sind. Dennoch: Liest man die (Wirtschafts-)Presse, staunt man noch immer über die häufig hagiografische und oberflächliche Berichterstattung über die Wirtschaftseliten. In ganzen Artikeln werden die Geschäftsstrategien der Wirtschaftsführer, ihre persönlichen Verdienste oder ihr philanthropisches Engagement gepriesen. Ein beliebtes Thema ist der Leistungskult der Spitzenmanager. Viel Tinte wird vergossen, um ihre sportlichen Exploits – etwa im Lauf- und Wassersport – oder ihren höllischen Arbeitsrhythmus herauszustreichen. Die Aussage, man beginne den Arbeitstag um 4 oder 5 Uhr morgens, ist zur obligaten Passage jedes Interviews mit einem Wirtschaftsführer geworden.

Nichts oder kaum etwas ist dagegen über die Bedingungen und Umstände zu erfahren, die den Erfolg der Spitzenkader erklärten. Es entsteht der Eindruck, der Erfolg der Entscheidungsträger sei allein ihren – gewiss oft grossen – persönlichen Fähigkeiten und Verdiensten zu verdanken. Die sozialen Mechanismen, die ihren Aufstieg erleichterten, werden verschwiegen. Dazu zählen das Familienvermögen, Studien an prestigeträchtigen Bildungsinstitutionen oder die Teilnahme an einflussreichen gesellschaftlichen Netzwerken.

Diese Lücken wollen wir mit unserem Buch schliessen: Die vorliegende Kollektivbiografie der obersten Kader der grossen Schweizer Unternehmen beleuchtet die Faktoren, die zur Entstehung und Reproduktion der Wirtschaftseliten beitragen, und zeigt auf, wie sich das Profil der Wirtschaftsführer über mehr als ein Jahrhundert entwickelt hat. Mit dem Buch, das als Kollektivarbeit entstanden ist und sich auf eine Datenbank mit mehr als 20000 biografischen Einträgen stützt, legen wir erstmals eine Überblicksdarstellung zu den Schweizer Wirtschaftseliten im 20. und frühen 21. Jahrhundert vor.

Was zeigen wir in diesem Buch? Bis in die 1980er-Jahre zeichnet sich das soziologische Profil der Wirtschaftseliten durch eine gewisse Stabilität und Kontinuität aus. Schematisch liesse sich ein Schweizer Wirtschaftsführer folgendermassen beschreiben: männlich, Schweizer Staatsbürger, Jurist, freisinnig, Milizoffizier, in mehreren Verwaltungsräten von Grossunternehmen (siehe erster und zweiter Teil). Doch im Lauf der letzten 30 Jahre führte die Globalisierung und die zunehmende Finanzialisierung der Wirtschaft zu grossen Umwälzungen. Die Anzahl Ausländer an der Spitze der Unternehmen nahm stark zu. Wirtschaftswissenschaftliche Studien oder ein Master of Business Administration (MBA)* – der im Idealfall an einer prestigeträchtigen angelsächsischen Universität erworben wurde – traten an die Stelle der juristischen Ausbildung. Neue Institutionen wie Business Schools und die internationalen Beratungs- und Revisionsgesellschaften mauserten sich zu wichtigen Orten der Ausbildung und Beziehungspflege. Umgekehrt lockerten sich die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik. Auch die Verflechtungen zwischen den Grossunternehmen verloren stark an Bedeutung. Doch trotz des Umbruchs blieben traditionelle Auswahlmechanismen wirksam: Nach wie vor erreichen nur sehr wenige Frauen und Arbeiterkinder wirtschaftliche Spitzenpositionen. Zudem bleibt die Armee – obschon sie an Einfluss verloren hat – ein Ort, an dem Schweizer Eliten ausgebildet und sozialisiert werden.

Die Schweizer Wirtschaftseliten unterscheiden sich von denjenigen anderer europäischer Länder dadurch, dass sie gleichzeitig in mehreren Machtsphären vertreten sind. Das gilt vorab für die Politik, aber auch für die militärischen, kulturellen, wissenschaftlichen und philanthropischen Bereiche. Warum ist das so? Das Milizsystem hat den Bundesstaat seit seiner Gründung 1848 geprägt, daher die enge Verflechtung zwischen der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Macht. Hinzu kommt die Kleinräumigkeit des Landes, die zu einer überschaubaren Eliteformation geführt hat, in der, dank einer Vielzahl von gesellschaftlichen Netzwerken, «jeder jeden kennt». Das aus der Kleinräumigkeit des Landes heraus entstandene Gefühl der Verletzlichkeit führte zu einer engen Kooperation zwischen sektoriellen und regionalen Eliten, obwohl diese nicht selten voneinander abweichende Interessen vertreten. Einige Beobachter haben das schweizerische System der «Corporate Governance» deshalb als «Alpenfestung» charakterisiert: Vom Ersten Weltkrieg bis in die 1980er-Jahre wurde Ausländern der Zugang zur Spitze von Schweizer Grossunternehmen erschwert oder ganz verwehrt. Diese relative Abschottung war in einem gewissen Sinn paradox, fand sie doch vor dem Hintergrund einer Öffnung gegenüber den Weltmärkten und einer starken Expansion der multinationalen Konzerne statt.

Das Milizsystem, die geringe Grösse des Landes und die grosse Abhängigkeit von den internationalen Märkten erklären also den Einfluss und die engen Beziehungen zu den anderen Machtsphären, die die Wirtschaftseliten hierzulande haben. In seinem Klassiker über die amerikanischen Eliten führte der Soziologe C.Wright Mills vor 50 Jahren den Begriff der «Machtelite» («power elite») ein, um die Organisation und die Funktionsweise der damals herrschenden Kreise zu erfassen. Mit dem Begriff umschrieb Mills «diejenigen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gruppen […], die als kompliziertes Gebilde einander überschneidender Kreise an allen Entscheidungen von zumindest nationaler […] Tragweite teilhaben».4 Aufgrund ihrer Führungspositionen in den wirtschaftlichen, politischen und militärischen Einflusssphären zählen diese Akteure zu den wichtigsten Entscheidungsträgern der Gesellschaft. Ohne Zweifel gehören Schweizer Wirtschaftsführer zu einer «Machtelite», wie sie Mills für die USA definierte.

Methode: Wie studiert man Wirtschaftseliten?

Dieses Buch fasst die Ergebnisse des Forschungsprojekts «Die schweizerischen Eliten im 20. Jahrhundert: Ein unabgeschlossener Differenzierungsprozess?» zusammen. Geleitet wurde das vom Nationalfonds finanzierte Projekt von André Mach und Thomas David. Im Rahmen des Projekts entstand eine umfangreiche Datenbank mit Angaben zu Personen, die in den Jahren 1910, 1937, 1957, 1980, 2000 und 2010 Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung bekleideten. Die in diesem Buch präsentierten Daten und Analysen stützen sich auf diese Datenbank.5 Im von uns verwendeten Ansatz der Kollektivbiografie entsteht Geschichte auf der Basis von systematisch gesammelten Indikatoren zu einer sozialen Gruppe, die nach einheitlichen und transparenten Kriterien ausgewählt wurde.

Was ist im Folgenden unter Wirtschaftseliten zu verstehen? Ob eine Person zu dieser Gruppe gehört, wird über die Machtposition bestimmt, die sie besetzt. Als Wirtschaftseliten bezeichnen wir also die Führungspersonen der wichtigsten Schweizer Unternehmen, aber auch die Vorstandsmitglieder der wichtigsten Unternehmerverbände, welche in der Schweiz eine Schlüsselrolle spielen.

Wie identifizierten wir diese Individuen? Wir wählten zunächst für jedes der Stichjahre mittels einer Kombination von Umsatz, Börsenkapitalisierung und Anzahl Beschäftigte die 110 wichtigsten Unternehmen aus.6 Darauf identifizierten wir die operativen Führungskräfte (Generaldirektor, Delegierter und Präsident des Verwaltungsrats) sowie die Verwaltungsratsmitglieder dieser Firmen. Dabei gilt es zu beachten, dass das Schweizer Recht den Unternehmen einen grosszügigen Handlungsspielraum lässt, wie sie ihre Organisation gestalten. Historisch betrachtet bildet der Verwaltungsrat das wichtigste Organ, denn er ist gleichzeitig für die strategische Ausrichtung und die operative Geschäftsführung zuständig. Allerdings werden die ausführenden Funktionen meist einer separaten Generaldirektion oder Delegierten übertragen, die an den Verwaltungsratssitzungen teilnehmen und mit der operativen Leitung der Gesellschaft betraut sind.

Je nach Kapitel und behandelter Thematik verwenden wir eine andere Stichprobe:

Für die leitenden Direktoren haben wir detaillierte biografische Angaben zur sozialen Herkunft, dem Geschlecht, der Nationalität, der Ausbildung, dem militärischen Rang, dem Karriereverlauf sowie den verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Mandaten gesammelt. Für jedes Unternehmen haben wir den Verwaltungsratspräsidenten und den Generaldirektor (oder den Verwaltungsratsdelegierten) erfasst. Diese Informationen dienen unserer Kollektivbiografie als Grundlage (siehe im Besonderen erster Teil und Kapitel 9).

Für die Verwaltungsratsmitglieder mussten wir uns, wegen der Grösse der Gruppe, auf die Kriterien Geschlecht, Nationalität sowie wirtschaftliche und politische Mandate beschränken und konnten keine detaillierteren Analysen durchführen.

Basierend auf der Zusammensetzung der Verwaltungsräte konnten wir Netzwerkanalysen zu den Verflechtungen zwischen den Firmen erstellen (Kapitel 5 und 10).

Schliesslich haben wir die Mitglieder der Leitenden Ausschüsse und die festangestellten Sekretäre der wirtschaftlichen Spitzenverbände erhoben: der Economiesuisse (vormals Schweizerischer Handels- und Industrieverein SHIV), des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV), des Zentralverbands Schweizerischer Arbeitgeber-Organisationen (ZSAO, heute Schweizerischer Arbeitgeberverband SAV), sowie des Schweizerischen Bauernverbands (Kapitel 6–8 und 11).

Für die Erhebung dieser Informationen waren uns – um nur die wichtigsten zu nennen – die folgenden Quellen und Nachschlagewerke besonders dienlich: das Historische Lexikon der Schweiz (HLS), die Diplomatischen Dokumente der Schweiz (Dodis), die Firmendokumentationen des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs in Basel, aber auch die Reihe Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik.

Erster Teil

Wie wird man Wirtschaftsführer?

Die Schweiz blieb von den beiden Weltkriegen weitgehend verschont und war während des 20. Jahrhunderts durch eine hohe soziale und politische Stabilität geprägt. Diese zwei Faktoren begünstigten das Wachstum der wichtigsten Unternehmen im Land. Auch das soziologische Profil der Schweizer Wirtschaftsführer zeichnete sich durch eine hohe Stabilität aus. Aber welche Ressourcen und Fähigkeiten waren es, die ihnen den Aufstieg an die Spitzen der grössten Unternehmen erleichterten? Im ersten Teil des Buchs, der sich auf die Jahre 1910–1980 konzentriert, beleuchten wir die sozialen Merkmale der Schweizer Wirtschaftselite. Diese widerspiegeln auch den Charakter der Grossunternehmen und geben Aufschluss über die Gesellschaftsstruktur als Ganzes.

Drei Faktoren prägten die Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert. Erstens lässt sich von einem doppelten Ausschluss sprechen, der Frauen und Ausländer betraf. Bis in die 1980er-Jahre gab es kaum weibliche oder ausländische CEOs und Verwaltungsräte. Seit dem Ersten Weltkrieg zogen die Unternehmen – trotz ihrer frühen Internationalisierung – Schweizer Staatsangehörige vor, wenn es darum ging, die Mitglieder ihrer Leitungsorgane zu rekrutieren. Dahinter stand der Versuch, sich gegen ausländische Übernahmen zu schützen (Kapitel 1). Frauen dagegen blieben von wirtschaftlichen Machtpositionen weitgehend ausgeschlossen, was wenig überrascht, wurden ihnen doch auch politische Rechte bis in die frühen 1970er-Jahre verwehrt (Kapitel 2). So blieben Frauen und ausländische Staatsangehörige in den Schweizer Wirtschaftseliten lange Aussenseiter.

Der zweite Faktor ist die anhaltende Machtausübung und Kontrolle, die wichtige Gründerfamilien über ihre Firmen behielten. Obschon das Firmenkapital geöffnet und Firmen in Aktiengesellschaften umgewandelt wurden, hielt sich der Einfluss dieser Familien bis weit ins 20. Jahrhundert. Die Spitzen von Grossunternehmen bildeten vielfach eigentliche Dynastien. Das hatte direkte Auswirkungen auf die soziale Herkunft der Wirtschaftsführer. «Nachkommen» blieben in den Führungspositionen weiterhin präsent. Gleichwohl konnte sich auch der Typ des professionellen Managers, der nicht der Eigentümerfamilie entstammt, durchsetzen. Familienfremde Manager übernahmen – oft in Zusammenarbeit mit den Firmenerben – vermehrt operative Leitungsfunktionen (Kapitel 3).

Von Bedeutung für den Aufstieg in die Führungsspitzen von Unternehmen war, drittens, die Ausbildung. Denn obwohl Eliteschulen nach französischem Muster in der Schweiz fehlten, waren Personen, die Fächer wie Recht oder Ingenieurwissenschaften studiert hatten, im Vorteil. Einer Karriere in Grossunternehmen dienlich war zudem eine Offizierslaufbahn in der Milizarmee, die Führungsstärke attestierte und weltanschauliche Kohärenz herstellte. So stärkte die Offiziersausbildung, die wiederum Frauen und Ausländer ausschloss, die gemeinsame Weltsicht der Wirtschaftseliten (Kapitel 4).

Diese drei Faktoren ermöglichten die Entstehung eines eng verflochtenen und homogenen Wirtschaftsestablishments. Die Unternehmerelite war das Produkt einer Personalpolitik, die auf eine Logik sozialer Exklusivität und das Verfahren der Kooptation – die Wahl neuer Mitglieder durch bestehende – setzte. Der dritte Teil der Studie wird zeigen, wie diese Mechanismen ab den 1990er-Jahren zunehmend infrage gestellt wurden.

Kapitel 1

Zwischen Internationalisierung und Protektionismus

«Auf Grund unserer heutigen Besprechung bestätige ich Ihnen, dass Sie mir am 14. September telephonisch die schwerwiegenden kriegswirtschaftlichen Verhältnisse als Grund angegeben haben, weshalb meine Demission als Mitglied des Verwaltungsrates der Aktiengesellschaft der Eisen- und Stahlwerke vormals Georg Fischer dringend notwendig ist.»7

Mit diesen Worten begründete Immanuel Lauster 1939 seinen Austritt aus dem Verwaltungsrat der Firma Georg Fischer, dem er seit 1930 angehörte. Die an Ernst Homberger, den Hauptaktionär und Verwaltungsratspräsidenten, gerichteten Zeilen lassen durchblicken, dass dieser seinen deutschen Kollegen zum Rücktritt aufgefordert hatte. Um das zu verstehen, muss man Folgendes wissen: Während des Ersten Weltkriegs waren Schweizer Firmen mit deutschen Verwaltungsräten wie Maggi oder die Aluminium Industrie Aktiengesellschaft (AIAG, ab 1963 Alusuisse) von den Alliierten verdächtigt worden, für Deutschland zu arbeiten. Gewisse Firmen waren deswegen boykottiert worden, bei anderen war Guthaben beschlagnahmt worden. 1939, bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, befürchtete Ernst Homberger wahrscheinlich ähnliche Sanktionen seitens der Gegner Deutschlands, was sich bei einigen Unternehmen dann auch bewahrheiten sollte.

Diese Episode macht deutlich, wie brisant es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, wenn Ausländer in Leitungsgremien von Unternehmen einsassen. Sie zeigt zudem, wie die Schweizer Eliten die Präsenz von Ausländern einzuschränken versuchten, obschon sich die Geschäftstätigkeit der Grossunternehmen stark internationalisierte. Das war nicht immer so. Die lange Phase des «nationalen Rückzugs», die im Ersten Weltkrieg ihren Anfang nahm und bis in die 1980er-Jahre andauern sollte, hatte einer ersten Internationalisierungsphase der Eliten ein Ende gesetzt. Diese hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen und war insbesondere von einer starken Präsenz deutscher Manager geprägt gewesen.

Die Internationalisierung der Eliten vor dem Ersten Weltkrieg

In der Gegenwart zeichnen sich Schweizer Grossunternehmen durch stark internationalisierte Führungsriegen aus (Kapitel 9). Diese Internationalität gilt es historisch einzuordnen. Entgegen einer verbreiteten Ansicht ist die Globalisierung der Wirtschaft nicht erst eine Episode der jüngsten Geschichte. Vielmehr ist der Kosmopolitismus der Eliten wohl so alt wie der wirtschaftliche Austausch selbst.8 Allerdings wissen wir in historischer Perspektive noch wenig darüber, wie stark und in welcher Form die Schweizer Wirtschaftseliten internationalisiert waren. In diesem Kapitel konzentrieren wir uns deshalb auf die Präsenz von Ausländern in Schweizer Unternehmensleitungen. Dies ist aber nicht der einzige Indikator für die starke Internationalisierung. So absolvierten die Schweizer Eliten seit Anfang des 20. Jahrhunderts häufig auch Ausbildungen und Praktika im Ausland (Kapitel 4).

1910, wenige Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, waren 11 Prozent der Generaldirektoren, Verwaltungsratspräsidenten und -delegierten der wichtigsten Schweizer Firmen Ausländer. In der Zwischenkriegszeit nahm der Ausländeranteil rasch ab und verharrte bis in die 1980er-Jahre unter der Fünf-Prozent-Schwelle (Tabelle 1).

Tabelle 1

Staatsangehörigkeit der Spitzenmanager der 110 grössten Schweizer Unternehmen, 1910–1980 (in Prozenten)

1910(N=809)1937(N=739)1957(N=828)1980(N=887)Schweiz71,384,480,681,9Ausland11,14,53,03,6KeineAngabe17,611,116,414,5Total100,0100,0100,0100,0

Stichprobe: Verwaltungsratsmitglieder und Generaldirektoren.

Die Präsenz ausländischer Wirtschaftsführer um 1910 lässt sich leicht erklären. Die Wirtschaft war am Vorabend des Ersten Weltkriegs bereits stark internationalisiert, sowohl was die Exporte als auch was die Direktinvestitionen im Ausland betraf. Auch entwickelte sich die Schweiz, traditionell ein Auswanderungsland, ab Ende des 19. Jahrhunderts zum Einwanderungsland. Diese Umkehr der Migrationsbewegungen war ein Ergebnis des Wirtschaftswachstums, das sich während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschleunigt hatte. Die Zweite industrielle Revolution führte zu einem hohen Bedarf an neuen Arbeitskräften. So lag der Anteil der ausländischen Staatsangehörigen an der Schweizer Wohnbevölkerung 1910 bei 14,7 Prozent; in der Wirtschaftselite hatten die Ausländer einen ähnlich hohen Anteil (Tabelle 1). Noch also stand der Zugang zur Macht in den Schweizer Grossunternehmen auch Ausländern offen. Einschränkende Massnahmen wurden erst während des Ersten Weltkriegs eingeführt.