Secret Gods 1: Die Prüfung der Erben - Isabel Kritzer - E-Book
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Secret Gods 1: Die Prüfung der Erben E-Book

Isabel Kritzer

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Beschreibung

»Man sagt: Mermaids und Mermen finden die wahre Liebe nur einmal.«

Einst waren sie Götter – nun leben Mermaids und Djinn im Verborgenen. Seit Jahrtausenden sind die zwei mächtigsten Spezies verfeindet. Genau aus diesem Grund muss Cassidy, Erbin der Mermaid-Mafia-Dynastie, jeden Sommer ihr Können in den gefährlichen Mermaid Games beweisen. Als ihr Bruder einen Fremden auf die Privatinsel der Familie einlädt, schrillen bei Cassidy alle Alarmglocken. Sie ist überzeugt: Irgendetwas stimmt mit dem attraktiven Liam nicht. Doch je näher sie ihm kommt, desto stärker fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Bis die Mermaid Games Wahrheiten ans Licht bringen, die nicht nur Cassidys Gefühle erschüttern, sondern die ganze Welt bedrohen …

***Romantische Mermaid-Fantasy voller Gefahren, verbotener Gefühle und Intrigen.***

Das sagt SPIEGEL-Bestsellerautorin Stella Tack über »Secret Gods«:
»Mysteriöse Mafiafamilien, verbotene Liebe und Mermaid-Fantasy! ›Secret Gods‹ ist das Must-Read des Jahres für alle Romantasy-Liebhaber.«


//Dies ist der erste Band der »Secret Gods«-Serie. Alle Bände der rasanten Liebesgeschichte im Loomlight-Verlag:
-- Band 1: Die Prüfung der Erben
-- Band 2: Vss. Frühjahr 2023//

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Das Buch

»Man sagt: Mermaids und Mermen finden die wahre Liebe nur einmal.«

Einst waren sie Götter – nun leben Mermaids und Djinn im Verborgenen. Seit Jahrtausenden sind die zwei mächtigsten Spezies verfeindet. Genau aus diesem Grund muss Cassidy, Erbin der Mermaid-Mafia-Dynastie, jeden Sommer ihr Können in den gefährlichen Mermaid Games beweisen. Als ihr Bruder einen Fremden auf die Privatinsel der Familie einlädt, schrillen bei Cassidy alle Alarmglocken. Sie ist überzeugt: Irgendetwas stimmt mit dem attraktiven Liam nicht. Doch je näher sie ihm kommt, desto stärker fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Bis die Mermaid Games Wahrheiten ans Licht bringen, die nicht nur Cassidys Gefühle erschüttern, sondern die ganze Welt bedrohen …

Die Autorin

© Christina Grimm

Isabel Kritzer wurde 1993 in Süddeutschland geboren und studierte Kommunikation und BWL. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann in Stuttgart und arbeitet dort als Marketingmanagerin für eine Bank. Sie liebt romantische Geschichten und reist in ihrer Freizeit gerne in fremde Länder oder tauscht sich mit ihren Leserinnen und Lesern auf Social Media aus.

Isabel Kritzer auf Instagram: instagram.com/isabel.kritzer/

Mehr über Isabel Kritzer: www.isabelkritzer.de

Der Verlag

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Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autoren und Übersetzern, gestalten sie gemeinsam mit Illustratoren und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

Deshalb sind alle Inhalte dieses E-Books urheberrechtlich geschützt. Du als Käufer erwirbst eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf deinen Lesegeräten. Unsere E-Books haben eine nicht direkt sichtbare technische Markierung, die die Bestellnummer enthält (digitales Wasserzeichen). Im Falle einer illegalen Verwendung kann diese zurückverfolgt werden.

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Viel Spaß beim Lesen!

Isabel Kritzer

Secret GodsDie Prüfung der Erben

Liebe Leser*innen,

am Ende des Buches erwartet euch als Extra die Entstehungsgeschichte und Evolution der verschiedenen übernatürlichen Spezies in Secret Gods. Entscheidet selbst, ob ihr diese zuerst lesen möchtet – oder ob ihr euch im Verlauf des Buches von den im Verborgenen lebenden Spezies überraschen lassen wollt.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.Eure Isabel

Für alle,die es vergessen haben:

Einatmen und Ausatmen.Das ist der wahre Takt des Lebens.

PLAYLIST

Kings Never Die (feat. Gwen Stefani) – Eminem

Hurts Like Hell – Tommee Profitt & Fleurie

Last One Standing – Syklar Grey, Polo G, Mozzy & Eminem

The Motto – Tiesto & Ava Max

Call Me Maybe – Carly Rae Jepsen

Rise – Katy Perry

Solid Gold – Sheppard

Single Ladies – Beyoncé

How To Fall In Love – Linda Elsner & ELIF

Worthy – Jacob Banks

Mansion (feat. Fleurie) – NF

Dynamite – ILIRA & VIZE

Unter meiner Haut – ELIF

Killer (Remix) – Eminem, Jack Harlow & Cordae

Minefields – Faouzia & John Legend

Falling Up (Piano Acoustic) – Dean Lewis

It’ll Be Okay – Shawn Mendes

Soldier – Fleurie

Animals – Maroon 5

Girls Just Want To Have Fun – Cyndi Lauper

When The Party’s Over – Billie Eilish

PROLOG

FREITAG, DER 17. JUNI SANSIBAR / TANSANIA

Eden Dell’Aqua

»Die düstere Zeit des Abbadon ist knapp 3.000 Jahre her! Wir können uns von der Vergangenheit nicht länger die Zukunft diktieren lassen, sonst werden wir bald keine mehr haben.« Ich klang bissig, aber schließlich gab es für meinen Appell einen guten Grund. Den gleichen Grund wie für diese Telefonkonferenz und ich war es jetzt schon leid, den Anschein von Normalität zu wahren. Das fiel mir schwer genug vor denen, die ich am meisten schützen wollte: meine Kinder. Das letzte Jahr war nicht leicht für uns gewesen und hatte mir Cassidy und Christos zunehmend entfremdet. Für die aktuelle Situation war das wohl Glück im Unglück, so würden sie meinen Geheimnissen nicht so schnell auf die Spur kommen. Besonders wenn ich es geschickt anstellte.

Kalid schnaubte nur in den Hörer.

Aber was erwartete ich? Seinem Erzfeind - und das war die treffendste Bezeichnung von allen für unser Verhältnis - reichte man nicht einfach die Hand und alles Vergangene war vergessen. Und schließlich war Kalid Al-Ginn - genau wie ich und der andere Teilnehmer unserer kleinen Krisensitzung, Valin Madhāmā - kein Mensch. Eine sichere Zukunft interessierte ihn herzlich wenig nach der Ewigkeit, die er schon gelebt hatte.

Ewigkeit. Das Wort ließ meinen Körper abrupt versteinern, während mein Herz immer schneller schlug. Unnatürlich schnell. Unerträglich schnell. Aufgewühlt beobachtete ich, wie sich meine sirenenhaften Züge in der Platte des verchromten Schreibtischs spiegelten, an dem ich saß. Meine hellblauen Augen weiteten sich unter den langen weißblonden Locken, als mich zum denkbar ungünstigsten Moment der Schmerz darüber einholte, dass ich meine Zukunft - sollte ich sie wider Erwarten erleben - ohne die Liebe meines Lebens verbringen würde. Aber Trauer fragt leider nicht, ob es gerade passt, sie überkommt einen einfach.

Schlagartig waren Kalid, Valid und alles Taktieren vergessen. Mein Brustkorb schien plötzlich zu eng für die Organe darin zu sein. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte ich tonlos nach Luft. Meine Sicht verschwamm. Bunt wurde zu Grau und das Grau wich schwarzen Flecken, die aus meinem Gesichtsfeld ein unregelmäßiges Schachbrett machten.

Erst verspätet, als die Sauerstoffversorgung meines Körpers genauso überraschend wieder einsetzte, wie sie kollabiert war, flogen meine Hände zu meiner bebenden Unterlippe. Kalt drückten meine Finger gegen die zarte Haut. Ich zitterte; Arme, Beine, alles. Weil es in diesem Herzschlag so irrsinnig real war, so unendlich traurig. Und ich es jetzt, nach einem knappen Jahr des Verdrängens, erst richtig realisierte: Es war vorbei. Er war tot. Die Zeit hatte ihn mir genommen - und nun arbeitet sie erneut gegen mich, um mir auch alles andere zu nehmen.

Matt schloss ich die Lider.

Atemzug für Atemzug zwang ich mich dann, die Bitterkeit, die mich durchdrang, von mir zu schieben. Der Verlust würde eines Tages verblassen, der Schmerz würde vergehen. Das wusste ich, das war der Lauf des Lebens. Weil wir vergaßen, ob wir wollten oder nicht. Und wenn nicht in diesem Jahrhundert, dann im nächsten - in der Ewigkeit der Zukunft; das hatte mich die Erfahrung gelehrt. Trotzdem tat es weh. So weh.

Jetzt.

Überall in mir.

Entschlossen, mich zusammenzureißen, holte ich einmal tief Luft und öffnete die Augen. Mein Blick fiel auf Grams’ uralten Perserteppich vor meinem Schreibtisch, den halb verblasste Flecken zierten. Beim Ozean, der Tod war mir wahrlich nicht fremd, auch hier in meinem Büro waren schon viele gestorben - durch mich. Ein körperloser Kopf erzielte bei meinen meist übernatürlichen Geschäftspartnern leider noch immer das nachhaltigste Ergebnis in Bezug auf Respekt, Treue und das Einhalten von Absprachen.

Leider. Da mir das Prozedere jedes Mal Übelkeit bereitete und Joyce, meine Haushälterin und inoffizielle rechte Hand, stets große Mühe hatte, hinterher alles wieder sauber zu bekommen. Deshalb tüftelte ich seit Langem an einer speziellen 3D-Kopf-Drucktechnik - kurz KDT -, bei der der Durchbruch zum Greifen nahe war. Dann musste ich für meine Botschaften zwar immer noch morden, aber wenigstens auf humanere und sauberere Art. Denn das Blutvergießen gehörte nun einmal dazu, wenn man das Oberhaupt einer der einflussreichsten Mafiafamilien der Welt war - mit Schwäche verdiente man sich keinen Respekt. Auch Kalid wusste davon ein Lied zu singen. Und Valin war nicht viel besser.

Während ich nun erneut die Spiegelung meines Gesichts in der glänzenden Platte meines Schreibtisches betrachtete, gingen mir einmal mehr Zweifel durch den Kopf. Richtig und falsch lagen in meinem Alltag nur eine Winzigkeit voneinander entfernt. Dies galt auch für diese Konferenz und besonders für meinen Plan zur Lösung unseres aktuellen Problems, den ich Kalid und Valin zu Beginn, vor allen Abschweifungen, vorgestellt hatte.

Was mich in die Gegenwart zurückbrachte.

»Also, was tun wir?«, hakte ich angespannt nach. »Stimmt ihr meinem Vorschlag zu, habt ihr eigene Vorschläge - oder wollt ihr einfach abwarten, bis das Unheil seinen Lauf nimmt?«

»Tja, so gesehen«, Kalid seufzte überheblich, »läuft uns die Zeit davon und dein Vorschlag kostet nur ein paar Tage ...«

»Das heißt ... du sagst Ja?«

»Das heißt ... dein Vorschlag wird zeigen, ob die Zeit reif ist, um aus unserem aktuellen Friedensabkommen ein Bündnis zu machen. Und die Zeit wird zeigen, ob ein Bündnis unsere Zukunft retten kann.«

»Einen Versuch ist es wert, einen ersten Schritt der Annäherung. Mehr verlange ich gar nicht.« Hoffnungsvoll schweifte mein Blick durch die Luft, über meine schlichte, funktionelle Büroeinrichtung.

»Ein äußerst riskanter erster Schritt.«

»Nun, was erwartest du nach einer 3.000-jährigen Fehde?« Stirnrunzelnd sah ich nun aus der großen Fensterfront mir gegenüber auf die vier Palmen, die sich draußen der gleißenden Sonne entgegenstreckten.

»Ich erwarte, dass auch Valin einwilligt, denn ich werde deinem Wahnsinn nicht allein zustimmen, Eden.«

Nett. Einfach nett. Ich konnte mir Kalids arroganten Gesichtsausdruck vorstellen. Genau wie jedes seiner mit Gel getränkten, zurückgekämmten schwarzen Haare und seine ziemlich gut aussehende, große Gestalt. Wie ich ihn kannte, fläzte er in einem weißen Anzug hinter seinem vergoldeten Sekretär, im Marid-Palast mitten in der Chalbi Wüste in Kenia und genoss den Ausblick über die dunklen Lavadünen. Und - noch wahrscheinlicher - lief Home-Shopping-News auf stumm. Hoffentlich war da heute nicht alles versandkostenfrei.

»Valin, es wäre schön, wenn du etwas dazu sagen würdest!«, durchbrach ich rigoros die eingetretene Stille. Geduld gehörte grundsätzlich nicht zu meinen Stärken. Womöglich weil man, wenn man sich als Frau in Männerkreisen behaupten will, mindestens doppelt so schnell, gnadenlos und effizient sein muss. »Wenn sie dich fürchten, gehorchen sie dir«, hatte Melusine, meine Grams, immer gesagt. Und sie hatte recht behalten.

»Ja, bitte bevor das nächste Jahrhundert anbricht«, stichelte nun auch Kalid. »In meinem goldenen Becher geht seit Edens schwarzmalerischer Rede die Aufmerksamkeit zur Neige und das macht die Sache zu einer sehr trockenen Angelegenheit.« Er lachte über seinen eigenen Scherz.

»Wie amüsant.« Ironie troff aus meiner Stimme. Was für eine ermüdende Konferenz. Selbst ich konnte mir jetzt eine Provokation nicht mehr verkneifen. »Hattest du einen Clown zum Frühstück? Schön angerichtet, auf einem goldenen Teller?«

»Oh-oh. Achtung, Eden. Nicht, dass dir der Neid auf die kleinen Freuden meines Alltags noch Falten in die Stirn gräbt«, parierte Kalid.

Wütend biss ich die Zähne zusammen.

Nach Sekunden raschelte es.

»Nun, gut ... Ich bin einverstanden«, hörte ich Valin murmeln und konnte vor meinem inneren Auge sehen, wie er sich in traditioneller Kleidung auf seinem handgeschnitzten Schreibtischstuhl zurücklehnte. Dabei stellte ich mir den Prunk in seiner riesigen Villa auf dem Cumbala Hill in Süd-Mumbai vor. »Keine Toten, keine lebensgefährlich Verletzten und keine Geiseln, das sind meine Bedingungen. Wenn ihr mir das zusichert, stimme ich Edens Herausforderung zu.« Er klang nicht glücklich, aber seine Worte standen für sich. Zumindest gegenüber Kalid war auf ihn Verlass.

Schon zur Zeit des Abbadon hatte Valins Spezies an der Seite von meiner gekämpft. Und auch davor, in den Großen Kriegen, hatte sie uns unterstützt. Auch wenn diese über 8.000 Jahre zurücklagen, für meine Familie bedeutete Loyalität nach wie vor etwas. Für mich bedeutete sie etwas. Dell’Aquas und Madhāmās gegen Al-Ginn und Anhängsel. Wasser gegen Land. So war es seit jeher. So war der Lauf der Dinge, die natürliche Ordnung. Doch die Zeit alter Ressentiments war vorbei. Wenn wir eine Zukunft haben wollten, mussten wir die Vergangenheit hinter uns lassen. Und ich wollte definitiv eine, in der ich mich meinen Kindern wieder annähern konnte.

»Das ist realisierbar«, versicherte ich also eilig. »Kalid, hast du Bedingungen, wie Valin?«

»Nein. Ein Djinn ist allem gewachsen.«

Natürlich.

Bei so viel Zustimmung wollte ich diese Telefonkonferenz schnellstmöglich beenden. Valin und vor allem Kalid waren unberechenbar und unsere fragile Allianz bewegte sich auf dünnem Eis.

»Dann ist es Zeit für uns, nach vorne zu blicken«, schloss ich. »Da uns das nie besonders gut gelungen ist, bleibt nur zu hoffen, dass die nächste Generation es besser hinbekommt.« Und das - nur das - ließ mich, und vermutlich auch Valin und Kalid, dem Irrsinn der unmittelbaren Zukunft zustimmen. Denn mit unserer Entscheidung schickten wir die Zukunft unserer Spezies in den Kampf für die Zukunft dieser Welt.

VOR 4 JAHREN

KAPITEL 1

MITTWOCH, DER 26. AUGUST ROLLE AM GENFER SEE / SCHWEIZ

Cassidy Dell’Aqua

»Also sind die Gerüchte wahr?«, fragte Gwen leise.

Ich stockte im Gehen, stolperte fast über meine eigenen Füße und kaschierte das Missgeschick mit einem nicht sehr echt klingenden Husten. »Welche Gerüchte?«, haspelte ich zwischen Luftschnappen und Weiterhusten. Haare flogen mir ins Gesicht. Ich wischte sie mit der rechten Hand weg. Doch der hier übliche Wind zerrte weiter an meinen weißblonden Locken, die ich von Mum geerbt hatte, und kühlte meine noch bis vor wenigen Tagen sonnenverwöhnten Wangen.

Gerade durchquerten Gwen und ich den leeren, lichtdurchfluteten Innenhof des historischen Hauptgebäudes von Le Rovey, um vom Chemieraum des Internats zum Englischunterricht zu gelangen und ich hatte ihr zum ersten Mal etwas von meiner Familie erzählt. Allerdings nur, wo ich grob herkam, nämlich aus der Nähe von Tansania, beziehungsweise dem Archipel vor dem Festland. Schon das bereute ich jetzt.

»Na, die über Bill Gates’ paradiesische Insel!« Begeisterung ließ Gwens zartes Gesicht leuchten und rötete ihre Wangen.

»Oh?« Ich stieß möglichst unauffällig den unbewusst angehaltenen Atem aus. Oh Mann! »Ach so.« Und ich hatte schon gedacht ...

»Ja, also: Besitzt Gates wirklich eine Trauminsel bei euch?«, ließ Gwen nicht locker.

Ich grinste. »Da gibt es ziemlich viele Inseln, bei uns.« Gwen hatte mir in den letzten Tagen viel von ihrer Heimat in Südasien erzählt. Ihr Dad war dort einer der reichsten Männer und sie, seine einzige Tochter, war - ähnlich wie ich - bis jetzt von der Welt abgeschirmt aufgewachsen. Das schloss offensichtlich einen Atlas ein. Und Tratsch aus. »Gates’ Insel gehört zum Sansibar-Archipel«, bestätigte ich schließlich amüsiert. »Zumindest soweit ich weiß. Also ja, der Inselgruppe vor dem Festland von Tansania.«

»Cool.« Gwens grüne Augen glänzten aufgeregt. Sie strich sich eine Strähne ihres glatten braunen Haars aus dem Gesicht. Dabei tanzte ein Lichtstrahl wie ein Spotlight über ihre anmutige Gestalt und die aus Strumpfhose, Rock, Bluse und Sweater bestehende blau-weiße Schuluniform von Le Rovey, die auch ich trug.

Ich nickte. An ihr fröhliches Geplapper gewöhnte ich mich nur langsam. Zu den obersten Prinzipien der Dell’Aquas zählte nämlich genau das Gegenteil: Verschwiegenheit. Man wusste schließlich nie, wer mithörte und nach einem Druckmittel suchte. Das sagte zumindest mein Dad. Auch gesagt hatte er, dass ich hier, in der Schweiz, endlich die Chance bekam, Freunde in meinem Alter zu finden. Und ich hoffte sehr, dass Gwen und ich gute Freundinnen werden würden. Ich wollte meinen Dad stolz machen. So richtig stolz, damit er mir in den nächsten Ferien sein besonderes Lächeln schenken würde, das nur für mich reserviert war.

Bei meiner letzten Begegnung mit Dad hatte ich mich leider zum ersten Mal in meinem Leben von ihm verabschieden müssen. Als ich mich jetzt daran erinnerte, trat Gwens fröhliche Stimme in meiner Wahrnehmung in den Hintergrund. Der Ort unseres Abschiedes, mein Zimmer hier, auf Le Rovey, erfüllte mich immer noch mit gemischten Gefühlen.

In letzter Zeit gab es so viele neue erste Male ...

Ein dicker Kloß formte sich in meinem Hals. Zum Glück übernahm Gwen das Reden vollständig und ich nickte nur hin und wieder, während sie von Gates und Tansania sprach.

Ich vermisste meinen Dad.

Und meine Mum.

Und Christos, meinen Bruder, der nur manchmal ein Idiot war.

Um nicht vor Heimweh in peinliche Tränen auszubrechen, spannte ich all meine Muskeln an. Besonders die in meinem Bauch und dann sogar die in meinen kleinen Zehen. Das war ganz schön unangenehm und gar nicht so einfach, während des Gehens.

Darauf konzentriert, setzte ich neben Gwen stumm einen Fuß vor den anderen. Denn jetzt war ich nun mal hier, auf einem Eliteinternat am Genfer See. Das Le Revoy war eines der exklusivsten Internate der Welt und seit meinem letzten Geburtstag mein neues Zuhause. Ich sollte mich nicht beklagen. Auf rund dreißig Hektar gab es zwölf Tennisplätze, drei Basketballplätze, einen großen Außenpool - dem ich auf keinen Fall zu nahe kommen durfte -, mehrere Reitanlagen, einen eigenen Park und eine absurd große Konzerthalle, die wie ein überdimensioniertes Raumschiff kurz vor dem Abheben aussah. Also ziemlich groovy. Alles wirkte ganz schön fremdartig auf mich. Nirgends gab es Palmen und Sand wie bei mir zu Hause; meinem eigentlichen tropischen Zuhause. Doch war es ein Privileg, hier zu sein, das wusste ich. Nur leider wollte mein Herz noch nichts davon wissen.

Dass ich neben einem gleichaltrigen Menschenmädchen aus dem Innenhof in einen der davon abzweigenden Gänge des Schulgebäudes trat, hatte etwas Surreales. Ebenso der Widerhall unsere Schritte auf dem Pflaster des alten Gemäuers.

Tap. Tap, Tap.

Tap. Tap, Tap.

Gespenstisch.

»Muss traumhaft sein, auf einer Insel aufzuwachsen«, merkte Gwen gerade an und schenkte mir ein breites Lächeln.

»Besser als reich in Indien?«, klinkte ich mich wieder in die Unterhaltung ein. »Meinst du wirklich?«, fragte ich neugierig nach, obwohl es mir schon im nächsten Moment nicht sehr ratsam erschien, ein Gespräch anzuregen, das irgendwie mit meiner Familie zusammenhing. Die Dell’Aqua-Regeln waren da eindeutig: Zu Hause nichts sehen und nichts hören, was nicht für kleine Mädchen und Jungs bestimmt war. Und überall sonst das, was ich nicht gesehen oder gehört hatte - und alles andere - nicht erzählen. Dads goldene Regel. Und was Dad sagte, machte ich. Ausnahmslos. Ich war schon immer Daddys Mädchen - und stolz darauf. »Woher weißt du eigentlich das mit Gates?«, beschloss ich deshalb, Gwen lieber schnell abzulenken.

»Hab ich in einem Artikel in einer Zeitschrift meiner Mum gelesen«, murmelte sie und biss sich konzentriert auf die Unterlippe. »Glaub ich jedenfalls. Hast du ihn schon mal getroffen?«, fragte sie unerwartet hoffnungsvoll.

»Gates? Nein.« Besitzer von Privatinseln schätzen nun mal ihre Privatsphäre. Und wenn ich ehrlich war, hatten mich unsere menschlichen Nachbarn bisher auch nicht sonderlich interessiert. Außerdem ... »Auf seiner Insel steht, glaub ich, ein Hotel«, gab ich vorsichtig zu bedenken.

»Oh.« Gwen wirkte enttäuscht.

»Na ja, vielleicht treffe ich ihn doch irgendwann«, lenkte ich ein, nur um ihre Augen wieder zum Leuchten zu bringen und obwohl ich nicht ganz verstand, warum sie das so interessierte. War der Mann nicht ziemlich alt? Aber Gwen hatte mir ihr Vertrauen geschenkt und das wollte ich nicht verlieren. Nicht nur, weil sie das Zimmer neben mir bewohnte oder ich außer ihr bisher kaum jemanden auf Le Rovey näher kannte, sondern auch, weil ich sie intuitiv mochte. Sie war so erfrischend. Ganz anders als unsere Angestellten; die einzigen Menschen, die ich - abgesehen von Dad und Tante Mahanas Mann - bis zu meiner Ankunft hier kennen gelernt hatte.

»Bestimmt«, sagte sie begeistert. »Vielleicht treffen wir ihn ja gemeinsam, wenn ich dich mal besuche. Was meinst du?«

Ich blinzelte überrumpelt.

»Ich würde mich einfach gern bei ihm bedanken«, fuhr Gwen fort und reckte die Nase gen Himmel. »Weißt du ...« Sie senkte übergangslos die Stimme. »Womöglich wäre der PC von IBM ohne die Software von Microsoft nie auf den Markt gekommen. Oder hätte sich nie so stark verbreitet und hätte nie zu einer digitalen Gesellschaft geführt. Kein Internet. Kein Google. Kein Fenster zur Welt, nur das in meinem Zimmer, zu unserem tristen Innenhof; und bei dem doofen Ding quietschen jedes Mal grässlich die Scharniere, wenn ich es öffne. Also bitte. Ohne meinen Laptop hätte ich nicht gelebt! Es wären so viele verschwendete Jahre gewesen und ich wüsste nur, was die Lehrer, die mein Dad gut findet, mir beigebracht haben. Sprachen, Naturwissenschaften, okay, ja. Aber Religion. Eine einzige! Wie furchtbar. Und auch sonst ... Wo bleibt da der Spaß?«

Mir stand der Mund offen. Ich versuchte, die Flut an Informationen schnellstmöglich zu verarbeiten. Doch alles, was dabei herauskam, war: »Du bist verrückt.« Ich sagte es nicht abwertend, aber mit absoluter Sicherheit. Und anders. Und einsam. Und beides kenne ich nur zu gut, dachte ich, ohne den Mut zu haben, es laut zu sagen. Oh Gwen.

»Vielleicht«, stimmte sie mir zu, zu meiner anhaltenden Verwunderung mit großer Ernsthaftigkeit und gerunzelter Stirn. »Aber ich bin dreizehn. Genau wie du, Cass. Mit dreizehn darf ich verrückte Dinge sagen. Du ebenfalls, weißt du. Wir dürfen auch verrückte Dinge tun, einfach weil wir es wollen. Weil wir es können. Und weil wir in einem Alter sind, in dem sie uns verzeihen werden. So wie anderen Dreizehnjährigen. Normalen Dreizehnjährigen.«

Normal? Ich schluckte. In meinem Bauch schien all meine Unsicherheit einen Knoten zu formen, in meinem Herzen nistete sich etwas Ungewohntes, Warmes ein. Im Laufen zog ich die Schultern hoch und ließ sie anschließend unschlüssig sinken, während ich Gwens Worte sacken ließ.

Ich wusste nicht, was normale Dreizehnjährige taten oder sagten oder machten. Woher auch? Ich hatte keinen Laptop gehabt und hatte auch nie einen vermisst, weil all das nicht interessant für mich gewesen war, da hatte es ganz andere Dinge gegeben. Für sie hingegen ...

Unvermittelt blieb Gwen stehen.

Abrupt hielt auch ich inne. Beklommen drehte ich mich zu ihr und schaute sie an. Hatte sie recht?

In ihren Augen loderte ein Feuer, unzählige Emotionen standen darin: Mut, Furcht, Kampfgeist. Rebellisch stemmte sie die Hände in die Seite und streckte das schmale Kinn vor. »Cass, nur weil unser Leben bis jetzt nicht normal verlaufen ist, heißt es nicht, dass es das ab jetzt nicht sein kann: normal«, sagte sie und lief ohne Vorwarnung wieder los.

»Äh. Warte!« Atemlos eilte ich ihr hinterher. Dabei stimmte ich ihr keuchend zu: »Ja, vielleicht,« und dachte unwillkürlich, dass ich mir zu hundert Prozent sicher war, es mit einem Genie zu tun zu haben. Was auch erklärte, warum es bis zum Wahnsinn nicht mehr weit war.

»Nein, ganz sicher«, stellte sie, kein bisschen außer Puste, klar und beschleunigte ihre Schritte weiter, als könnte sie nur so all die Energie in ihrem Inneren loswerden. »Wir haben ja jetzt uns, oder?«

Uns?

Uns!

Oder?

... oder auch nicht. Wir waren ziemlich verschieden.

»Klar«, krächzte ich völlig überfordert, weil A) meine Stimmbänder streikten, als zu B) Sauerstoffknappheit durch noch schnelleres Gehen C) eine wahnsinnige Angst kam. Zurückkam. Die Angst, Gwen sofort wieder zu verlieren, wenn ich ihr nicht zustimmte, wo ich sie doch gerade erst für mich gewonnen hatte.

Meine allererste Freundin.

Die nichts über das Dell’Aqua’sche Familienunternehmen oder meine Spezies wusste. Ansonsten hätte sie der Freundschaft mit mir vielleicht gar keine Chance gegeben. Ihr Dad mochte überbehütend sein und sie strebte, nach eigener Aussage, nach allem Verrückten, aber meine Familie war beyond crazy, eine der mächtigsten Mafiadynastien der Welt. Und nicht nur das, wir waren:

kriminelle,

übernatürliche,

in Vergessenheit geratene

Götter.

Wesen, die früher in Tempeln verehrt und öffentlich angebetet worden waren. Die Zivilisationen zu Ruhm und Niedergang geführt hatten. Und die nun im Verborgenen - gut geschützt durch Hightech-Satellitenabwehr und strenge Regeln, speziell für uns Nachkommen -, die Geschicke der Gegenwart lenkten.

DAS war starker Tobak.

Und man sagte nicht mal schnell: ›Hey du, meine Eltern kontrollieren die Weltmeere. Ob Fischerbötchen, ob Schiff, ob Flugzeugträger oder Fischschwarm - meine Familie kennt alle Bewegungen. Alles, was über oder unter Wasser geschieht: Routen, Aufenthalte, Schutzzölle und Güterströme wie Drogen-, Menschen- und Wertguthandel. Alles wird von uns Dell’Aquas entweder bewilligt oder gebilligt; oder es kommt niemals an. Ermöglicht wird das durch ein strategisches Netzwerk an Kurieren unter Wasser und die neueste Software sowie Hardware. In das Geschäft sind, soweit ich weiß, auch andere übernatürliche Spezies involviert. Wer unsere Bedingungen akzeptiert, umsetzt - und bevorzugt eben nicht menschlich ist -, ist bei uns Dell’Aquas herzlich willkommen. Ein bisschen wie bei einer Franchise« Und das Geschäft boomte, soweit ich mitbekam. Doch das war kein Gesprächsthema für die letzten paar Meter bis zum Englischunterricht.

»Ich hab noch nie Schnee gesehen«, platzte also das Erste aus mir heraus, das mir stattdessen einfiel und halbwegs normal klang. Im Winter würde nämlich die gesamte Schule für drei Monate nach Gstaad ziehen. Dort sollten wir, zusätzlich zu den üblichen Fächern, auch Wintersportunterricht bekommen. Das fand ich aufregend.

»Schnee? Nee, ich auch nicht.« Gwen hüpfte lachend auf ihren rechten Fuß. Dann auf den linken. Und immer abwechselnd. Der Themenwechsel schien sie nicht zu stören. »Darauf freu ich mich!«, verkündete sie.

Ich grinste. »Das wird verrückt. Wie sich Schnee wohl anfühlt?«

»Nass und kalt?« Sie wechselte wieder zu normalem Gehen und klapperte mit den Zähnen.

Ich kicherte.

»Wie er wohl schmeckt?«, überlegte sie.

»Ihhh! Den willst du doch nicht freiwillig probieren?«

»Pssst!«, zischten ein paar ältere Schüler, an denen wir vorbeikamen.

»Selber pssst!«, zischte Gwen aufmüpfig zurück. »Warum nicht?«, fragte sie mich leiser. »Ist doch nur gefrorenes Wasser.« Damit zog sie mich plötzlich, überraschend kräftig, nach rechts; in einen leeren Unterrichtsraum.

Ah, ja. Englisch. Ihre Superkraft war eindeutig eine, die mir an Land fehlte: Orientierung.

Weiße Wände, Parkettboden, Whiteboard, Beamer und einige moderne Tisch-Stuhl-Kombinationen erwarteten uns. Ganz selbstverständlich setzte ich mich neben Gwen, in die erste Reihe. Wir hatten beide lange genug im Abseits gestanden. Wir wollten instinktiv alles an vorderster Front erleben und sei es nur eine Englischstunde in einer Schule.

Stumm packten wir Stifte und Bücher aus unseren zur Uniform gehörenden Umhängetaschen. Und hängten diese an die Haken dafür, unter den Tisch.

»Um auf den Schnee zurückzukommen: War nur ein Spaß. Speiseeis reicht mir völlig«, fügte Gwen flüsternd an unser Gespräch an, da nun auch andere Schüler den Raum betraten. »Davon abgesehen will ich das volle Fun-Programm: Schneeengel, Schneeballschlacht, Rodeln, am liebsten sogar Ski fahren. Alles. Und ich vermute, ich werde das ein oder andere Mal unabsichtlich in den Schnee beißen.« Sie giggelte. Ihre grünen Augen blitzten voller Schalk.

»Verstehe.« Ihr Übermut und die Vorfreude waren so ansteckend, dass ich wieder breit zu grinsen begann. »Bin dabei«, sagte ich spontan.

Bei allem.

Mit dir.

Immer.

Und genau da, während der ehrlich gesagt ziemlich langweilige Englischunterricht begann, beschloss ich, Gwen in der echten Welt zu beschützen. Ihr goldener Käfig mochte sie dank ihres Laptops ein bisschen besser auf die Realität hinter den Gitterstäben vorbereitet haben als meiner. Und sie war mental stärker. Doch physisch war sie viel zerbrechlicher als ich, schließlich war sie nur ein Mensch. Aber zusammen ... Zusammen konnten wir alles sein und alles erreichen.

Wir waren wie Yin und Yang.

Zwei, die gemeinsam Sinn ergaben.

Und wir waren nicht nur schnell Freundinnen geworden. Wir wurden schon kurz darauf beste Freundinnen. Für die Ewigkeit. Wo Gwen hinging, war ich nicht weit, auch wenn sie nichts von all den Dingen ahnte, die ich ihr weiterhin verschwieg. Über mich und meine Familie. Aber irgendwann, so versprach ich ihr eines Tages leichtfertig, würden wir gemeinsam nach Tansania reisen; zur Insel meiner Familie.

Womit ich dabei nicht rechnete, war, dass ›irgendwann‹ in der dunkelsten Zeit meines Lebens zu ›heute‹ werden würde - und dass Gwen zu diesem Zeitpunkt immer noch keines meiner für sie welterschütternden Geheimnisse kannte, weil ich sie heute mehr denn je brauchte und erst recht nicht verlieren durfte ...

HEUTE

KAPITEL 2

SAMSTAG, DER 2. JULI SAINT TROPEZ / FRANKREICH

Cassidy Dell’Aqua

Meine Hände umklammerten das Geländer der Dachterrasse so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Alles an mir war angespannt und meine hellblauen Augen schimmerten an diesem Abend nicht wie sonst so klar wie die See der Karibik, sondern waren aufgewühlt, denn in mir tobte ein Tropensturm.

Der Sturm tobte dort seit Monaten.

Nämlich seit ich begriffen hatte, dass der Tod nicht die Toten, sondern die Lebenden in Einsamkeit hüllt. Genauer, seit Dads plötzlicher Tod ein schwarzes Loch in mein Herz gerissen hatte, das zuerst die Erinnerung an ihn und schließlich immer mehr von mir selbst zu verschlingen schien - bis nichts mehr übrig bleiben würde, außer Leere. Schmerzender Leere.

Davor fürchtete ich mich. Mehr als vor allem anderen.

Hinter mir zuckten lila Stroboskoplichter wie Blitze über den Nachthimmel und ohrenbetäubende Musik spornte die Menge auf der Tanzfläche um den großen Rooftop-Pool zu ausgelassenen Moves an.

Für mich war die Privatparty zum Abschluss des Schuljahres gleichzusetzen mit einem Film, den ich mir zum zwanzigsten Mal ansah. Ermüdend. Aber unser vorletztes Jahr auf Le Rovey war zu Ende und damit schon bald unsere gemeinsame Internatszeit. Deshalb hatte ich mich von Gwen überreden lassen, nur für die Party hier in Frankreich einen kurzen Zwischenstopp auf unserem gemeinsamen Weg nach Tansania einzulegen, wo wir die Sommerferien verbringen würden. Was ein gutes Stichwort war ...

Wo blieb eigentlich Gwen?

Von meiner etwas ruhigeren Position am Geländer sah ich den Jachthafen von Saint Tropez in der Ferne und den dunklen Himmel darüber. Mein Blick fiel auf einen Vogel, der hoch oben seine Kreise zog. Er wirkte selbstbestimmt und frei. Jäh überkam mich eine unerklärliche Sehnsucht danach, er zu sein. Ich verfolgte seine schnellen Flügelschläge, bis er aus meinem Blickfeld flog.

Doch was ich dann - dank meiner übernatürlich guten Augen - bemerkte, fühlte sich genauso falsch an wie gerade alles in meinem Leben: Im Vieux Port des einstigen Fischerdorfs ankerte kein einziges Fischerboot mehr, nur noch Jachten des internationalen Jetsets.

Während ich trübsinnig schluckte, schweifte mein Blick von der Szenerie vor mir ab. Ich drehte mich zum Rooftop-Pool. Irgendwer machte sich doch bestimmt zum Affen, das würde mich aufmuntern.

Ich suchte alles mit den Augen ab. Wo waren die Verrückten, wenn man sie brauchte? Die Menschenmasse auf der Tanzfläche zwischen mir und dem Pool wippte im Takt der Musik, die mit ohrenbetäubender Lautstärke alle anderen Geräusche übertönte. Die meisten hielten Körperkontakt mit irgendwem. Halbwegs züchtig, obwohl sie bereits mehr als ein paar Cocktails intus hatten und damit einen ziemlichen Schwips.

Der Rausch der Menge verstärkte das Gefühl der Teilnahmslosigkeit in mir. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper. Ungewollt, aber da. Es war wie immer. Doch nicht, weil ich auf Partys zur Anti-Alkohol-Fraktion gehörte. Ganz und gar nicht. Hochprozentiges und bewusstseinserweiternde Substanzen wirkten bei meiner Spezies nur nicht.

Ich gähnte halbherzig. Das vertrieb immerhin kurz die Traurigkeit in mir. Gleichzeitig krochen die Zeiger der historischen Uhr über dem geschnitzten Torbogen hinter dem Pool auf kurz vor Mitternacht. Es war zwar noch früh, aber spät genug, um demnächst zu gehen. Und ich sagte mir, dass ich Gwen zuliebe hier war, für die ich nun mal alles tun würde - und die gleich wieder bei mir sein würde, damit wir gehen konnten. Alles war in bester Ordnung. Nur Geduld.

In Gedanken versunken wandte ich mich wieder dem Jachthafen und dem Panorama zu. Die Dachterrasse, auf der die Privatparty stattfand, gehörte zum höchsten Gebäude im Umkreis und der Ausblick über die Küstenstadt an der französischen Riviera war das Beste am ganzen Abend.

In unmittelbarer Gesellschaft des sanften Lichts des Mondes über mir gestattete ich mir ein lautes Schnauben und einen tiefen, zerrissenen Seufzer, die beide von der Geräuschkulisse im Hintergrund verschluckt wurden. Trotzdem ließ der Druck auf meinem Brustkorb weiter nach und ich atmete tief, fast befreit, durch.

Meerluft ein.

Meerluft aus.

Ich liebte den Geruch von Salzwasser.

Ab morgen erwartete er mich jeden Tag. Ganz ohne die Intrigen, die Cara - unsere Klassenzicke - zusammen mit Titus - unserem Jahrgangssprecher -, fortwährend anzettelte. Dafür mit neuen Herausforderungen eines ganz anderen Kalibers, wie ich meine Mum kannte. Denn Christos und ich mussten uns jeden Sommer bei speziellen Games beweisen, die sie sich für die Jüngeren in unserer Familie ausdachte. Eigentlich hatte sie für meinen Bruder und mich diesen Sommer im Rahmen der Familien-Games vier besondere Challenges angekündigt, unsere letzten und riskantesten; die uns herausfordern und aufs Leben vorbereiten sollten. So wie alle Challenges, die wir in den letzten Jahren bestehen mussten. Aber etwas in mir sträubte sich gegen noch mehr seelischen Druck und die, wie ich ahnte, brandgefährlichen Herausforderungen. Typisch Mum und Mafia eben.

Ein Schauer lief meinen Rücken hinunter. Und ich schämte mich, es vor mir selbst zuzugeben, aber genau deshalb nahm ich Gwen diesen Sommer mit nach Hause. Ihre Gegenwart würde mir hoffentlich Mums alljährliche Tests ersparen und die Ruhe bringen, nach der ich mich so verzweifelt sehnte. Das war eigensüchtig. Ich benutzte meine beste Freundin als Schutzschild gegenüber meiner Familie und es war auch noch einfach, weil Gwen mich seit jeher anbettelte, sie nach Tansania mitzunehmen. Doch allein der Gedanke, Mum und den kommenden sechs Wochen ohne Gwen gegenüberzutreten, ließ Gänsehaut meine Unterarme emporwandern. Außer auf meinen älteren Bruder freute ich mich auf niemanden wirklich, es war jedes Jahr das Gleiche. Wie bei den Internatspartys. Allerdings bekam Mum eigentlich immer ihren Willen. Na ja. Fast immer.

Nervös biss ich mir auf die Unterlippe.

Mum war in letzter Zeit leicht reizbar, weshalb ich sie zwar wegen Gwens Besuch um Erlaubnis gefragt hatte, aber nicht was deren Gegenwart für die Challenges bedeuten würde. Da hoffte ich einfach. Auch sonst war Mum nicht gerade das, was man sich unter einer liebevollen, geschweige denn trauernden Mutter vorstellte. Obwohl die Trauer und ihre kurze Zündschnur bestimmt zusammenhingen. Denn Liebe hatte sie, wenn überhaupt, dann nur für Dad empfunden - und die Seefahrt, die sie mit eiserner Faust kontrollierte; schließlich führte sie den größten Unter-Wasser-Schmugglerring der Erde. Das hatte für sie oberste Priorität. Wäre es anders, wäre sie wohl nicht so gut in dem, was sie tat. Nicht so berüchtigt. Und das Familienunternehmen würde nicht so reibungslos laufen. Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren und mein Herz oft gegen ihre Entscheidungen rebellierte, vertraute ich ihr mit meinem Leben. Ich wusste, dass sie mich liebte. Aber ... etwas zu wissen und etwas zu fühlen sind zwei Paar Schuhe.

Noch war ich jedoch in Saint Tropez und nicht zu Hause.

Seufzend drehte ich mich erneut und blickte zum zweiten Mal an diesem Abend zum Pool, dieses Mal auf der Suche nach Gwens zierlicher Gestalt. Wo blieb meine beste Freundin?

Wenig elegant pulte ich mein Handy aus dem Ausschnitt meines schlichten, schwarzen Kleides. Nein. Keine Nachricht. Kein Anruf. Sonst hätte es auch längst vibriert.

Verdammt, Gwen.

CASSIDY: Wo bleibst du?, tippte ich schnell.

CASSIDY: Ich versaure hier draußen!

Dann: CASSIDY: SOS!!!

Gwen hatte Sina - eine andere Mitschülerin - suchen wollen, um sich von ihr zu verabschieden. Ich war am Geländer zurückgeblieben, denn Sina und ich ... Nun ja ... wir konnten uns nicht riechen. Na ja, ich konnte sie nicht riechen. Wortwörtlich.

Sina Vauc Gūl kam nämlich aus den USA, New Orleans, und - Überraschung - roch furchtbar nach Ghula. Das war für mich wie ein L’eau de Brechreiz, frisch aus der Verwesungshölle. Dementsprechend war ich in ihrer Nähe hauptsächlich damit beschäftigt, meinen Magen davon abzuhalten, seinen kompletten Inhalt nach oben zu befördern. Kein besonders schönes Gefühl. Und keine gute Ausgangslage für ein geistreiches Gespräch. Es mit ihr in einem Klassenzimmer auszuhalten, ging gerade so, da sie überall in der letzten Reihe saß und damit weit weg von Gwen und mir.

Dabei war Sina nett. Wobei sie mich für eine ziemliche Ziege hielt, das wusste ich von Gwen. Sina hatte ja keine Ahnung von meinem Zwiespalt und wohl auch keine von ihrer Abstammung, denn genetisch war sie - zum Glück - hauptsächlich menschlich und nur ein bisschen Ghula. Das reichte meiner Nase aber völlig.

Mein Handy vibrierte in meiner Hand.

GWEN: Sauer macht lustig!

Ha ha. Das kommentierte ich nicht.

GWEN: Ach, komm schon, sei lustig. Bin gleich zurück. :)

Aber sicher, Gwen. Nun tippte ich doch.

CASSIDY: Geht klar ;) Wenn du wirklich GLEICH zurück bist ...

Na, bitte.

Gwen antwortete prompt:

GWEN: Jaja. Gleich. ;)

Mhm. Mal sehen wie bald Gwens ›gleich‹ sein würde ...

Melancholisch hing ich weiter meinen Gedanken nach: Die Beziehungen zwischen den übernatürlichen Spezies waren kompliziert. Die Dell’Aquas mochten nicht nur keine Ghule, sondern verabscheuten vielmehr alle Geistwesen; insbesondere Djinn. Das ging ... Ich hatte keine Ahnung wie weit zurück, jedenfalls weit. Während wir der weiblichen Linie des Wasservolkes entstammten, waren die Djinn Nachfahren der männlichen Linie des Wüstenvolkes und damit unser biologischer Gegenpol. Unsere erklärten Erzfeinde. Gegensätze konnten sich nicht mehr abstoßen. Zum Glück war ich noch nie einem Djinn begegnet.

Obwohl, vielleicht wäre das doch ganz lustig?

Shenaya, meine vorlaute kleine Cousine, hatte letzten Sommer behauptet, die meisten Djinn seien super attraktiv. Sexy Rauchteufel. Das klang spannend. Im Gegensatz dazu wurden Ghule von allen übernatürlichen Spezies abgelehnt, außer von den Kindern der Nacht. Doch von denen gab es ohnehin nur wenige. Manchmal schmuggelte meine Familie Blutkonserven oder willige Spender für sie. Schließlich schmuggelten wir - für den richtigen Preis - alles für alle. Und immerhin rochen die Kinder der Nacht nach nichts. Ein riesiger Pluspunkt. Obwohl Menschen den fehlenden Eigengeruch scheinbar intuitiv komisch fanden, wenn auch nicht gänzlich abstoßend.

Ich schüttelte den Kopf, nachdem mir auffiel, wie sehr ich abgeschweift war. Wenn ich mich schon nach heißen Djinn sehnte, statt nach coolen Mermen oder Matsya, also Wasserwandlern, stand es schlimmer um mich und diese Party, als ich gedacht hatte. Und Gwen schien sich definitiv mit dem Ghul-Girl verquatscht zu haben.

Langsam hing mir das Warten so richtig zum Hals raus.

Genervt atmete ich durch und durchkämmte mit meinem Blick jedes Fleckchen der Tanzfläche und dahinter. Vielleicht hatte ich vorher etwas übersehen? Ich verrenkte mir den Kopf, während meine Klassenkameraden zum nächsten Sommerhit johlten. Sie waren wie ein Uhrwerk, das frisch aufgezogen im gleichen Takt dieselbe Melodie spielte.

Allerdings konnten selbst meine scharfen Augen Gwen nicht in der Vielzahl an Körpern ausmachen. Sie war unauffindbar. Stattdessen erregte ein blonder Haarschopf, unter dem etwas Glitzerndes rhythmisch geschwungen wurde, meine Aufmerksamkeit.

Endlich Ablenkung!

Sekunden später identifizierte ich das Glitzernde als äußerst spärliches Kleid und den Haarschopf als Caras.

Tanzten in dem riesigen Ausschnitt ihres Bustiers etwa ihre nur von dem winzigen Streifen Stoff gehaltenen ... Uhhh, ja. Auf und ab, wie beim Wellenreiten. Oder beim Rodeo. Diese Party, Titus’ Party, versprach nun doch ein neues Maß an Exzess.

Ähnlich einer Elster, die etwas Glänzendes entdeckt hatte, beobachtete ich sensationslustig Caras Dancemoves. Handys wurden gezückt, TikTok- und Insta-Livestreams gestartet, während Caras Bustier immer weiter verrutschte - und ihr Dekolleté präsentierte. Wusste sie, was sie tat? Wollte sie zum viralen Hit werden? Mit einer Schlagzeile wie ...

Cara Carson uncovered zu ›Call Me Maybe‹ von Carly Rae Jepsen.

Meine Mundwinkel zuckten. Immerhin hätte das fast literarische Qualität und Cara war alles zuzutrauen.

»Cassidy!« Gwen eilte mit großen Schritten auf mich zu.

Meine Lippen verzogen sich zu einem echten Lächeln. Meine beste Freundin sah toll aus. Ihr langes Maxi-Kleid bestand aus roter Seide und umschmeichelte ihre zarte Figur. Es zeigte deutlich weniger Haut als die Kleider aller anderen hier, selbst meines eingeschlossen, und von Gwens Ohrläppchen hingen Steine, die fast so sehr glitzerten wie Caras Kleid ... Mein Blick wurde wieder vom rhythmischen Schwung des besagten angezogen.

»Cassidy!« Gwen schnippte mit den Fingern vor meinem Gesicht.

»Mhm?« Ich fokussierte mich auf sie.

»Ertappt!«, neckte sie mich. »Ich hab dich beim Starren erwischt. Aber volle Kanne!«

»Huh? Ne.« Ich meinte: ›Ne, es ist nicht so, wie du denkst.‹ Aber irgendwie war es das ja schon. Prompt wurde ich rot. »Also: Ja .«, gab ich zu, weil ich ja schon gestarrt hatte.

»Na, was denn nun?« Gwen grinste belustigt.

Ich seufzte.

»Ich sag’s doch: Ertappt«, wiederholte sie. »Und deine Faszination in Ehren, aber lass uns aufbrechen. Wenn mich nicht alles täuscht, warst du diejenige, die gehen wollte? Oder jetzt nicht mehr?« Sie stemmte die Arme in die Seite, ganz Gwen-like, und krauste die Stirn. »Ich hab mich extra mit Sina beeilt.«

Beeilt? Da war ja jede Omi mit Rollator schneller.

»Sag nicht, du willst jetzt bleiben, nur um Cara zuzugucken?«

Ich schaute Gwen peinlich berührt an. »Definitiv nicht. Ich schätze, ich war nur ... schockiert.«

»Ich schätze«, äffte Gwen mich kichernd nach, »du warst fasziniert. Hast du was gesehen, das dir gefällt?«, zog sie mich auf. Es klang sehr zweideutig.

Ungewollt schoss mir noch mehr Blut ins Gesicht. »Ähhh, nein. Nein-nein. Also ich ...«

Feixend schüttelte Gwen den Kopf. »Dein geschrumpfter Wortschatz spricht da eine ganz eigene Sprache, Cass. Wer hätte das gedacht«, neckte sie mich gnadenlos weiter. »Nun, ich weiß, wer Caras Vorbau ausgebaut hat, falls du Bedarf an weiteren Informationen hast?«

Selbstverständlich wusste sie das. Gwen wusste immer alles.

»Aber ich glaube, du bist mit deinem besser dran.« Auffordernd schnalzte sie mit der Zunge. »Also, gehen wir?«

Um meine Lippen zuckte es. Ich konnte das Lachen gerade noch so zurückhalten. Gwen war eindeutig in Hochstimmung, so viel war sicher. »Es ist nicht wirklich Caras Dekolleté, das mich fasziniert hat«, rückte ich mit der Wahrheit heraus und wollte das nun doch irgendwie ins rechte Licht rücken, bevor wir aufbrachen.

»Ah, lass mich raten.« Gwen grinste. »Das Glitzerkleid?«

»Das Glitzerkleid«, bestätigte ich gespielt resigniert, schließlich kannte sie meine Schwäche für alles, das glitzerte, glänzte und funkelte. »Ehrlich, soll sie machen, was sie will«, fügte ich hinzu. »Ich finde es nur immer wieder überraschend, was ein bisschen Alkohol mit Menschen macht.« Ich schwieg, schämte mich etwas für Cara fremd und bemitleidete sie gleichermaßen wegen ... na, allem eben. Es hatte ja Gründe, warum sie so war, wie sie war.

»Ein bisschen Alkohol?« Gwen wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. »Oh du Kleingläubige. Na ja, lassen wir sie, es sind Sommerferien. Und es kann ja nicht jeder so abstinent sein wie du.«

»Oder so wohlerzogen wie du?«, parierte ich. Schließlich war sie ebenso nüchtern wie ich, da wollte ich mir den schwarzen Party-Peter nicht allein zuschieben lassen.

»Ahhh«, tat sie meine Worte mit einem Winken ab. »Übrigens: Wir sollten jetzt wirklich verschwinden ...«

»Ich warte ja die ganze Zeit nur auf dich!«

»Tja nun, wo es brenzlig wird, bin ich da. An der Bar sind sie nämlich schon dabei, sich Wetteinsätze zu überlegen.«

»Für was?«, fragte ich neugierig. Die Partywetten zwischen Titus’ Kumpel waren legendär. Wirklich LE-GEN-DÄR. Und ein Quell steter Erheiterung. So ziemlich alle Jungs unseres Jahrgangs wollten wegen seines berühmten Actionstar-Dads, Fürst Tepes - nein, das war kein Pseudonym, der hieß mit Vor- und Nachnamen wirklich so -, mit Titus befreundet sein. Als glaubten sie, dass dann etwas von dessen Ruhm auf sie abfärben würde. Entsprechend waghalsig waren die Wetten.

»Ne, für wen«, korrigierte Gwen mich. »Nämlich für dich«, gestand sie.

»Für mich«, wiederholte ich verdutzt. »Wie für mich?« Mein Puls beschleunigte sich.

Gwen kicherte in einem fort.

»Das ist ein Scherz, oder?!« Meine Handflächen wurden schwitzig.

»Nein, ist es nicht. Ich habe gehört, wie Titus irgendwas von ›dornige Wildrose, die heute gepflückt wird‹ in seinen keine Ahnung wievielten Gin Tonic genuschelt hat und ...« Sie stockte.

Großer Gott.

Gwen kicherte haltlos. »Schon irgendwie witzig.«

»Ähäämmm. Nein. Nein-nein-nein.« Da bekam die Übersetzung von Titus’ Nachnamen Tepes, der - wie ich von Gwen wusste - der Pfähler bedeutete, eine ganz neue, noch gruseligere Message. Mir wurde heiß. Und das auf die unangenehmste Art. Honigfallen-Alarm, war alles, was ich einen Herzschlag lang denken konnte. Denn ich war eine von der Natur geschaffene Verführung: Mein langes Haar sah trotz der Jahre in der Schweiz unverändert aus, als wäre es von Salzwasser und Sonne gebleicht worden, und ich hatte weibliche Kurven bekommen. Sehr anziehende, weibliche Kurven. Ich war eine Honigfalle, auf die Schlimmeres folgte als Erpressung, wenn ich mich nicht im Griff hatte. Ein Raubtier, das gar kein Raubtier sein wollte. Aber so funktionierte die Genlotterie leider nicht. Bewusst trug ich deshalb ein schlichtes Kleid und ein Paar High Heels mit nur mittelhohen Absätzen. Nichts Besonderes.

Die Realität schlug trotzdem über mir zusammen.

Ich war eine Sirene - und Titus folgte meinem Ruf.

Ojemine, was nun? Andererseits ....

»Wildrose? Echt jetzt?« Meine Stimme schrillte mindestens eine Oktave zu hoch und eindeutig zu laut, aber ich konnte mich nicht bremsen. Plötzlich empfand ich unbändige Wut auf Titus, die Welt und mich selbst. Ich hatte doch wirklich alles getan, um unauffällig zu bleiben.

»Gepflückt?« Ich spuckte das Wort Gwen fast entgegen, als hätte es etwas verbrochen. Was dachte sich eigentlich dieser aufgeblasene, volltrunkene, kleine ... »Trottel«, knurrte ich.

»Jaaa.« Gwen, die meinen Ausbruch abgewartet hatte, runzelte missbilligend die Stirn. »Er sah ziemlich weiß um die Nase aus. Wenn du weißt, was ich meine. Wäre er nicht immer so ein Blödmann, könnte man ihn fast bemitleiden.«

»Fast. Wie Cara.« Bei den beiden lief definitiv etwas schief. Etwas, das mit zu viel Geld, zu viel Langeweile, falschen Freunden und zu wenig Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu tun hatte. »Trotzdem hat er dadurch keinen Freifahrtschein, sich wie ein Arsch zu verhalten«, grummelte ich. »Wetten über mich, also ehrlich. Hat sein Hirn jetzt komplett kapituliert?«

»Gute Frage. Die Sprachsteuerung scheint noch zu funktionieren. Aber der Rest ... Kann jedenfalls nicht so schwierig gewesen sein, den zu vernichten, bei dem wenigen, was davon vermutlich noch übrig war. Ich hätte ihm ja längst eine ayurvedische Kur empfohlen. Zur Entgiftung«, meinte Gwen zuckersüß grinsend. »Das heilt Körper und Seele.« Sie lächelte, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Aber man sollte sie nicht unterschätzen. Besonders seit sie sich vor einigen Monaten selbst einen Pony geschnitten hatte. Sie war gewieft und würde der Welt ohne Frage noch ihren Stempel aufdrücken.

»Tja, ich bezweifle, dass Titus einen Tag ohne Publikum, Gin Tonic, iPhone, Social Media und seinem heiß geliebten Mega-TV überlebt«, murmelte ich und stellte mir unseren Jahrgangssprecher in einer Hütte aus Palmblättern mit weißer Leinenkleidung und einer Kokosnussschale voll grüner Brühe in der Hand vor. Das Bild von ihm bei einer ayurvedischen Kur war ja mal so was von abwegig.

»Du meinst einen Tag, ohne der reiche, verzogene Macho aus einer der vermögendsten Familien von Saint Tropez zu sein, der er nun mal ist? Ohne zu überkompensieren? Wohl kaum«, entschied auch Gwen.

»Siehst du.« Ich hatte keine Ahnung, wie Cara es mit ihm aushielt, die zwei hingen ja ständig zusammen rum. Obwohl sie zueinander passten, schließlich waren sie beide ziemlich speziell ... »Die Kur hätte ihm auch nicht mehr geholfen«, stellte ich ernüchtert fest.

»Stimmt wohl.« Gwen nickte gespielt mitleidig.

Vom Meer wehte ein leichter Wind und kühlte mein Gesicht. Ich atmete langsam aus und die Wut in mir schwand ganz. »Lass uns gehen, bevor sie alle versuchen, mich äh ... zu pflücken?«

Gwen und ich schauten uns an, unsere Mundwinkel hoben sich synchron, bevor das Lachen nur so aus uns herausplatzte. Meine beste Freundin rang schließlich nach Luft. »Na endlich! Deine mit Abstand beste Idee heute Abend.« Sie hakte sich bei mir unter und zog mich in Richtung der vollautomatischen Tür, die ins Innere des Gebäudes führte. »Lass uns zarte Blumen das Feld räumen, bevor der Gärtner kommt.«

KAPITEL 3

SAMSTAG, DER 2. JULI SAINT TROPEZ / FRANKREICH

Cassidy Dell’Aqua

In weitem Bogen liefen Gwen und ich an den Tanzenden vorbei und um die große Ausbuchtung des Pools, vor dem ich gehörigen Respekt hatte. Nicht etwa, weil ich nicht nass werden wollte, sondern weil ich mich, sollte ich von jemandem aus Spaß hineingestoßen werden, vor den Augen meiner Mitschüler verwandeln würde. Und das durfte niemals passieren.

Gwen wusste nur, dass ich Wasser mied. Sie glaubte, dass ich panische Angst davor hatte. Mit der Begründung hatte ich auch ein Attest, das mir Aquaphobie bescheinigte und mich vom Schwimmunterricht befreite. Das war natürlich absurd, ich liebte das Element wie kein anderes. Aber wie erklärte man in einer Welt, in der Mythen längst in Vergessenheit geraten sind, dass einem Schuppen und ein Fischschwanz wachsen, wenn man am ganzen Körper mit Wasser in Berührung kommt?

Plötzliche Metamorphose.

So total - absoluuut - überraschend.

Wohl kaum.

»Geht’s dir gut?«, flüsterte Gwen mir im Gehen leise zu.