Secret Power - Stefania Maurizi - E-Book

Secret Power E-Book

Stefania Maurizi

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Beschreibung

»Ich bin heute nicht frei, weil das System funktioniert. Ich bin ­heute frei, weil ich mich des Journalismus schuldig bekannt habe.« (Julian Assange im Europarat, Oktober 2024) Sie wolle »in einer Gesellschaft leben«, in der zur Verantwortung gezogen werde, »wer Kriegsverbrecher ist, und nicht, wer den Mut hat, Kriegsverbrechen zu enthüllen«, bilanziert Stefania Maurizi. Am Anfang steht das Jahr 2008: Die investigative Journalistin widmet sich einer noch kaum bekannten Organisation namens WikiLeaks. Sie prüft geleaktes Material über die Rolle des italienischen Geheimdienstes in der Müllkrise von Kampanien und findet sich bald in der Berichterstattung über globale Auseinandersetzungen wieder: Sie wertet US-Depeschen, die ›Guantanamo-Files‹ oder Kriegstagebücher über Afghanistan und den Irak aus. Teils nach Treffen mit WikiLeaks berichtet sie für la Repubblica und L'Espresso über Staatsgeheimnisse – wie international führende Medienhäuser auch. Von den ersten Enthüllungen über die Jahre in der Botschaft Ecuadors und im ­Londoner Hochsicherheitsgefängnis ­Belmarsh bis zur Freilassung im Sommer 2024 geht sie dem Los Julian Assanges nach, der weiterhin für das Grundrecht der Pressefreiheit streitet. Denn der Konfrontation mit ­Geheimnisverrat steht die Frage gegenüber, ob die Aufdeckung von Kriegsverbrechen nicht höher wiegt – mithin: in welcher ­Gesellschaft wir leben wollen. ›Secret Power‹ wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem ›European Award for Investigative And Judicial Journalism‹. Das Buch ist zudem auf Italienisch, Spanisch, Französisch und Englisch erschienen.

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Seitenzahl: 638

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Stefania Maurizi

Secret Power

Editorische Notiz

Auf Empfehlung von Stefania Maurizi liegt der Übersetzung die engl. Ausgabe zugrunde, die von Lesli Cavanaugh-Bardelli erstklassig aus dem Italienischen übertragen wurde und mit Beginn der dt. Übersetzung die aktuellste Fassung darstellte. Wir danken der Autorin für die umstandslose Aktualisierung mit Blick auf die Freilassung von Julian Assange, insbes. für die grundlegende Erweiterung von Kapitel 21.

Titel der italienischen Ausgabe:

»Il potere segreto. Perché vogliono distruggere Julian Assange e Wikileaks«

© 2021 by Chiarelettere editore srl, Milano

Titel der englischen Ausgabe, erschienen bei Pluto Press:

»Secret Power. WikiLeaks and Its Enemies«

© Stefania Maurizi 2022

Aktualisierungen, darunter das komplette Kapitel 21:

© Stefania Maurizi 2024

Vorwort von Vincent Bevins, verfasst für die dt. Ausgabe:

© der engl. Fassung: Vincent Bevins 2024

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:

ISBN 978-3-89438-832-4 (Print)

ISBN 978-3-89438-910-9 (Epub)

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2025 by PapyRossa Verlags GmbH & Co. KG, Köln

Luxemburger Str. 202, 50937 Köln

E-Mail: [email protected]

Internet: www.papyrossa.de

Alle Rechte vorbehalten – ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

Umschlag: Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

Stefania Maurizi

Secret Power

Der Angriff auf WikiLeaks und Julian Assange

Mit Vorworten vonVincent Bevinsund Ken Loach

Aus dem Englischenvon Glenn Jäger

Inhalt

Vincent Bevins Wo die rote Linie verläuft Vorwort

Ken Loach »… dass Julian Assange ein freier Mann sei« Vorwort der italienischen Originalausgabe

Der Secret Power widerstanden Oder: Von einem, der ihnen die Stirn bot

1. Die WikiLeaks-Revolution

Meine gefährdete Quelle

Dem Pentagon widersetzt

Die Veröffentlichung des Unveröffentlichbaren

Ein nächtlicher Anruf

Wie eine Bande von Rebellen

WikiLeaks zerschlagen

2. Der außergewöhnliche Mut von Chelsea Manning

Collateral Murder

Eine Lektion

Sie hätte auch wegsehen können

»… dass die Menschen die Wahrheit erkennen«

3. Afghanistan:Der ferne Krieg

Der immerwährende Krieg

Ein »außergewöhnliches Fenster zu diesem Krieg«

Blutbefleckte Hände

Der Nebel des Krieges

Treffen bestätigt

Alexanderplatz

»Unsere Jungs«

4. Der Cypherpunk

Eine »hochintelligente Person«

Visionäre und Libertäre

5. Datenbank aus der Hölle Oder: Die ›Iraq War Logs‹

Nur achtmal das Wort »Demokratie«

Wie zersetzende Säure

6. Cablegate Oder: Auf höchster Ebene an der Macht gerüttelt

Verbrechen, Skandale und politischer Druck

Belagert

Ein Cottage im ländlichen England

Eine Demokratie an der kurzen Leine

Wie unter Pinochet in Chile

7. Guantanamo Oder: Das schwarze Loch der Zivilisation

The worst of the worst?

Die anhaltende Barbarei von Guantanamo läuft Gefahr, einen Präzedenzfall zu schaffen

8. »Die ›Huffington Post‹-Gang macht mich wahnsinnig«

Ellingham Hall

Wessen schuld war es?

Isoliert

Spalten, diffamieren, sabotieren

9. Von Schweden nach Ecuador

»Ihm gehört sein Kopf in eine volle Kloschüssel in Gitmo getaucht«

Eingeleitete, eingestellte und wieder aufgenommene Ermittlungen

Als Ecuador kundtat: »Die Kolonialzeit ist vorbei.«

Auf 20 Quadratmetern

10. Kein Schutz, nirgends

»No Such Agency«: Die NSA

Der außergewöhnliche Mut von Edward Snowden

Ein drakonisches Spionagegesetz aus dem Ersten Weltkrieg: Der ›Espionage Act‹

Die gnadenlose und unmenschliche Behandlung von Chelsea Manning

Exil

Im Gefängnis, im Exil oder im Botschaftsasyl

Das »Blut an ihren Händen«, das es nie gab

11. Juristisches Patt, diplomatisches Dickicht

Als Google die Daten von WikiLeaks aushändigte

Eine verdächtige Pattsituation in Schweden

Aus dem Fenster schauen

Kein Auslieferungsersuchen wie jedes andere

Wie Keir Starmers Crown Prosecution Service dabei half, den Sumpf trocken zu legen

Als Marianne Ny schließlich ihre Meinung änderte

12. Willkürlich inhaftiert

Ein Völkerrecht für uns und eines für sie: Wie sich Schweden und das Vereinigte Königreich über eine UN-Arbeitsgruppe hinwegsetzten

Niemandem wurde Gerechtigkeit zuteil

13. Eine russische Verbindung?

Nützliche Idioten

The information trumps it all: Die Information übertrumpft alles

14. Die CIA in Rage

Ein Raubüberfall in Rom

Das unsichtbare Arsenal: ›Vault 7‹

Eine erschütternde Rede

15. Im Belagerungszustand

Vom Schutz unter Correa zur Unterdrückung unter Moreno

Warum vernichtete der britische Crown Prosecution Service wichtige Dokumente?

Das Leben anderer

Eine Liebe, geboren in der Hölle

Die »amerikanischen Freunde«

16. Die letzten Versuche

Der diplomatische Weg

Der Rechtsweg

Das Gift

Das letzte Treffen

17. Im »britischen Guantanamo«

Eine brutale Verhaftung

Der Staat im Staat

Fünfzig Wochen

Das Gesetz als Schwert

18. 175 Jahre für das Verbrechen des Journalismus?

Erstmals in der Geschichte der USA

Die ganze Macht des Staates

Das Spionagegesetz für Whistleblower: Knast, Brutalität, Pleite

Straffreiheit – oder: Was das Spionagegesetz für Generäle und ›Spymasters‹ vorsieht

Etwas ist faul im Staate Schweden

Ein Sonderberichterstatter

19. Nur noch Kafka

Der Prozess

In Belmarsh geblieben

Spiel mit neuen Karten

Zeugenaussagen

20. Eine gewaltige Ungerechtigkeit

Die Unerbittlichkeit der britischen und der US-amerikanischen Justiz

Julian töten

Das dunkle Gemäuer durchlöchern

21. Wie das Unmögliche möglich wurde: Julian Assange ist frei

Der Wendepunkt

Ihr letztes Pfund Fleisch

Warum ließen die USA Julian Assange frei?

Secret Power

Danksagung

Onlinequellen

Meiner Mutter, in Liebe und Dankbarkeit.

All jenen, die die Zivilcourage aufbringen, Leben, Freiheit und soziale Sicherheit aufs Spiel zu setzen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Vincent BevinsWo die rote Linie verläuftVorwort

Seit Hunderten von Jahren ist Journalismus ein grundlegender Teil der menschlichen Zivilisation. Das Phänomen ist gewiss nicht so alt wie unsere Spezies – es entstand unter konkreten historischen Bedingungen und ermöglichte bestimmte Gesellschaftstypen. Im Kern besteht es aus engagierten Professionals und Non-Professionals, die der breiten Öffentlichkeit darüber berichten, was gerade passiert.

Seit Hunderten von Jahren – aber noch nicht so lange, wie der moderne Journalismus ausgeübt wird – wird die Demokratie als Ideal hochgehalten, und sie brachte eine Reihe an realen Ansätzen von Regierungsformen hervor. Die Männer und Frauen, die sich von der alten Welt abwandten und danach strebten, eine neue zu schaffen, die auf der Macht des Volkes basiert – auf Popular Power –, wussten: Demokratie bliebe unerreichbar ohne einen freien und gewandten Journalismus.

Seit Hunderten von Jahren existiert global ein kapitalistisches System, gebaut und allemal gestützt auf imperialistische Gewalt und Unterwerfung. Westeuropäische Nationen eroberten große Teile des Planeten, versklavten oder beuteten die Bevölkerungen aus und schöpften Ressourcen ab. Als die Macht dieser Nationen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abnahm, übernahm eine anglophone Siedlerkolonie aus Nordamerika, eine junge Republik, die sich vermeintlich der liberalen Demokratie verschrieben hatte, deren Platz an der Spitze des Systems.

All diese Phänomene stehen in einem Spannungsverhältnis. Die journalistische Praxis gerät bestenfalls in Konflikt mit den Eliten, die nicht wollen, dass alles, was geschieht (sprich: was sie tun), ans Licht kommt. Auf nationaler Ebene wurde eine Spielart von Demokratie aufrechterhalten, insbesondere in der reichen Welt; jedoch werden dort, im eigenen Land, enorme materielle Privilegien genossen, während die volle Wahrheit über den Charakter und Auswirkungen imperialer Macht wie selbstverständlich verschwiegen wird. Dieses Spannungsverhältnis wäre auch dann gegeben, wenn der Journalismus als Beruf und als Form menschlichen Handelns derzeit nicht vom Aussterben bedroht wäre – und das ist er.

»Secret Power« ist eine bestechende und lebendige Geschichte über den Beginn des 21. Jahrhunderts, und das aus mehreren Gründen. Schon was WikiLeaks aufdeckte, die Tatsachen, die das Medium enthüllte, sind es wert, für sich allein betrachtet zu werden. Am meisten beeindruckt mich indes, wie Stefania Maurizi offenlegt, was passiert – oder besser: welche Register der Hegemon im konkreten Moment, dem unipolar moment, zieht –, wenn der Journalismus die unsichtbare Linie vom Akzeptierbaren zum Unerlaubten überschreitet; wenn der Journalismus aus dem Bereich dessen, was von den herrschenden Eliten als tragbar angesehen wird, in jene Sphäre vorstößt, die zu Gegenangriffen, zu counter-attacks, führt.

Bei Medien wie der Washington Post oder dem Spiegel herrscht ein weitgehendes, normalerweise unausgesprochenes Einverständnis darüber, welche Art von Journalismus tragbar ist und wo rote Linie verläuft. In dieser Welt habe ich den größten Teil meiner journalistischen Laufbahn verbracht. Unsere Medien umgeben sich selbst mit einem Mythos und klopfen sich auf die eigene Schulter, wenn sie in seltenen Fällen mal bis an die Grenze gegangen sind oder die herrschenden Eliten gar ernsthaft verärgert haben. Aber was Maurizi hier so flüssig und mit so viel Humanität erzählt, handelt davon, was geschieht, wenn ein Medium diese Grenze wirklich überschreitet und die herrschenden Eliten wirklich verärgert. Es geht um eine Reihe von skurrilen und unerwarteten Reaktionen, die wahlweise offen oder in secret, im Geheimen, stattfinden und die über fünfzehn Jahre hinweg spürbar werden. Einige entscheidende Teile der Geschichte bleiben unergründlich. Maurizi trennt sie zu Recht von den offenkundigen, ungehobelten Reaktionen, wie sie auch von einem »totalitären« Regime zu erwarten wären, darstellbar in Science-Fiction-Krimis oder in Hollywood. Doch dort, wo die schwer zu erschließenden Teile der Geschichte in schattenhaften Umrissen an Kontur gewinnen, können wir das Wesen politischer Vorherrschaft zu Beginn des Jahrtausends, ja: bei der Geburt des digitalen Zeitalters erkennen.

Diese Epoche, das Zeitalter des Internets, trat an, der Welt mehr Transparenz und Freiheit zu verschaffen. Von ersterem haben wir ein bisschen, von letzterem nicht viel. Während die globale Serverinfrastruktur und die unmittelbare Kommunikation bestürzende Enthüllungen ermöglichten, hat das Internet-Business die alten materiellen Grundlagen der Berichterstattung zerstört; Oligarchen werden um Wohltätigkeit gebeten, als philanthropische Notlösung, die sich als unzureichend erweist, selbst wenn Milliardäre weiterhin daran interessiert sein sollten, eine eng gefasste Art von journalistischer Praxis aufrechtzuerhalten. Die Werkzeuge der digitalen Welt sollten die Bürgerinnen und Bürger handlungsfähiger machen, sie ›empowern‹, und das taten sie auch bis zu einem gewissen Grad; doch die bereits bestehenden Staaten und Konzerne lernten schnell, sie als Waffen gegen die breite Bevölkerung einzusetzen. Letztlich wirft das Buch die Frage auf, ob Journalismus überhaupt noch möglich ist.

Herbst 2024

Ken Loach»… dass Julian Assange ein freier Mann sei«Vorwort der italienischen Originalausgabe

Dieses Buch sollte Sie wütend machen. Es ist die Geschichte eines inhaftierten Journalisten, der mit unerträglicher Härte behandelt wird, weil er Kriegsverbrechen enthüllt hat; die Geschichte von der Entschlossenheit britischer und US-amerikanischer Politiker, ihn auszuschalten; und von der stillschweigenden Duldung der Medien, die diese schreiende Ungerechtigkeit billigen.

Julian Assange ist inzwischen wohlbekannt. WikiLeaks – dort spielte Assange eine führende Rolle – deckte unter anderem geheim gehaltene schmutzige Machenschaften im Irakkrieg auf. Dank Assange und seinem Team erfuhren wir von den furchtbaren Kriegsverbrechen wie jenen aus dem ›Collateral Murder‹-Video oder anderen, begangen von Söldnerfirmen im US-Auftrag, etwa das vom Nisour-Platz in Bagdad mit vierzehn erschossenen Zivilisten; zudem wurden dort zwei Kinder getötet und siebzehn Personen verwundet. In den letzten Tagen seiner Präsidentschaft (2017-21) begnadigte Trump die Mörder. Und stellte sicher, dass Assange im Gefängnis blieb.

Die Arbeit von WikiLeaks ist weitreichend. Sie ist geleitet von Grundprinzipien, die alle demokratischen Gesellschaften teilen sollten. Die Bevölkerung muss über alles Bescheid wissen, was in ihrem Namen getan wird. Wenn Politikerinnen und Politiker schändliche Taten geheim halten, haben die Medien die Pflicht, diese aufzudecken. Und es sind die politisch Verantwortlichen, die den Preis dafür zahlen sollten, indem sie im Falle von rechtswidrigem Handeln gerichtlich bestraft werden. Nichts von alldem ist im Fall von Julian Assange geschehen: Die Verbrechen und die Korruption, die Wiki-Leaks enthüllte, sind ungeahndet geblieben.

Stefania Maurizi hat den Fall von Anfang an verfolgt. Sie hat mithilfe von Gesetzen und Vorschriften zur Informationsfreiheit Dokumente ausgegraben, die die Angriffe auf Julian Assange aufdecken. Sie hat über ein Jahrzehnt lang an diesen außergewöhnlichen Ereignissen detailliert gearbeitet. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht der furchtbare Preis, den ein Mann zahlen musste, der äußerst unnachgiebig behandelt wurde, weil er die Realität von unerklärter Macht, die sich hinter dem Anschein von Demokratie verbirgt, offengelegt hat.

Während ich dies schreibe, ist noch das britische Justizsystem am Zug. Unabhängige Gerichte, Anerkennung von Rechtsstaatlichkeit, unbestechliche Anwälte: all dessen rühmt sich Großbritannien gerne. Nun, wir werden sehen. Julian Assange ist ein Journalist, dessen Verbrechen darin bestand, die Wahrheit zu sagen. Dafür hat er seine Freiheit verloren und etliche Jahre in Isolationshaft in einem Hochsicherheitsgefängnis verbracht – mit den absehbaren, verheerenden Folgen für seine psychische Gesundheit.

Würde er an die USA ausgeliefert, bliebe er für den Rest seines Lebens inhaftiert. Wird ein britisches Gericht an solch einem skandalösen Unrecht mitwirken?

Doch in Großbritannien gibt es noch mehr, was uns beunruhigt: die hohen Kosten und der große Aufwand, der betrieben wurde, um Assange in der ecuadorianischen Botschaft isoliert zu halten; die erbärmliche Feigheit der Medien, die es versäumten, die Pressefreiheit zu verteidigen; und nicht zuletzt der Vorwurf, dass die Staatsanwaltschaft, damals geleitet von Keir Starmer, Assange in einem Alptraum aus Justiz und Diplomatie gefangen hielt.

Wenn wir davon ausgehen, dass wir in einer Demokratie leben, sollten wir dieses Buch lesen. Wenn uns etwas an der Wahrheit und an aufrichtiger Politik liegt, sollten wir dieses Buch lesen. Wenn wir zudem der Überzeugung sind, dass das Gesetz auf Seiten der Unschuldigen ist, sollten wir nicht nur das Buch lesen, sondern auch fordern, dass Julian Assange ein freier Mann sei.

Wie lange können wir noch hinnehmen, dass wir uns in unserem Bemühen, in einer Demokratie zu leben, lächerlich machen? Dass wir uns damit weiterhin den Mechanismen des Secret State, der für die unerhörtesten Verbrechen verantwortlich ist, zum Gespött machen?

Frühjahr 2021

Der Secret Power widerstandenOder: Von einem, der ihnen die Stirn bot

In einer kleinen Zelle in einem der berüchtigtsten Gefängnisse Großbritanniens, dem Belmarsh Prison in London, kämpfte ein Mann gegen einige der mächtigsten Einrichtungen der Welt, die mehr als zehn Jahre lang versuchten, ihn zur Strecke zu bringen. Zu diesen Einrichtungen gehören das Pentagon, die CIA und die National Security Agency (NSA). Sie verkörpern den Kern dessen, was US-Präsident Dwight D. Eisenhower, einer der Hauptarchitekten des Sieges über die Nazis in Europa, als »Militärisch-Industriellen Komplex« der Vereinigten Staaten bezeichnete – jenen Komplex, vor dem Eisenhower persönlich, obgleich früher als General selbst Militärstratege, sein Land warnte. Die Macht und der Einfluss dieser Einrichtungen sind weltweit wahrzunehmen. Sie planen Kriege, Staatsstreiche und Attentate. Sie nehmen Einfluss auf Regierungen wie auf Wahlen.

Der Mann, der über fünf Jahre lang in Belmarsh in Gesellschaft von Mördern und bedrohlichen Terroristen inhaftiert war, ist kein Krimineller: Er ist Journalist. Sein Name ist Julian Assange. Mit WikiLeaks hatte er eine Organisation gegründet, die den Journalismus radikal verändert hat, indem sie das Potenzial des Internets nutzt und systematisch Staatsgeheimnisse verletzt, wenn diese nicht dazu dienen, den Schutz von Bürgerinnen und Bürgern sicherzustellen, sondern dazu, staatliche Verbrechen zu kaschieren; oder wenn Staatsgeheimnisse Straffreiheit garantierten; oder wenn die Öffentlichkeit daran gehindert wird, die Wahrheit aufzudecken und die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Julian Assange und die WikiLeaks-Journalisten haben Hunderttausende von geheimen Pentagon-, CIA- und NSA-Akten veröffentlicht, die Massaker an der Zivilbevölkerung, Folter, politische Skandale und politischen Druck auf ausländische Regierungen belegen. Diese Enthüllungen haben US-Behörden in Rage versetzt. Doch welche Regierung dieser Welt hegt schon Sympathien für Assange und WikiLeaks? Selbst jene, die von den bisherigen Veröffentlichungen kaum betroffen sind, betrachten sie mit Argusaugen; denn sie sind sich bewusst, dass die WikiLeaks-Methode früher oder später auch in ihren Ländern Fuß fassen und ihre eigenen Machenschaften ans Licht bringen könnte. Und es sind nicht nur Regierungen, Armeen und Geheimdienste, denen die WikiLeaks-Akteure verhasst ist, die ihnen feindlich gesonnen sind; sie werden ebenso von einflussreichen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen gefürchtet, die oft wiederum mit politischen Gesandtschaften und Geheimdiensten im Bunde stehen, da die profitabelsten Finanzgeschäfte am besten gedeihen, wenn sie nicht gerade in aller Öffentlichkeit in die Wege geleitet werden.

Als ich begann, dieses Buches zu schreiben, saß Julian Assange seit dem 11. April 2019 im härtesten Gefängnis Großbritanniens, und ihm drohte eine 175-jährige Haftstrafe in einem ›Maximum-Security Prison‹ der Vereinigten Staaten. Heute, da ich dieses Buch beende, wurde Julian Assange nach fünf Jahren und zwei Monaten in Belmarsh freigelassen. Seine körperliche und seelische Gesundheit ist angeschlagen. Andere WikiLeaks-Journalisten lebten vermutlich in der Sorge, das gleiche Schicksal zu erleiden.

Doch dieser Fall geht weit über Julian Assange und WikiLeaks hinaus. Es ist der Kampf um einen Journalismus, der den Scheinwerfer auf die höchste Ebene der Macht lenkt, wo Geheimdienste, Armeen und Botschaften agieren. Eine Ebene, die der gewöhnliche Bürger in unseren Demokratien – insbesondere in den europäischen – in der Regel nicht einmal als relevant für das tägliche Leben wahrnimmt und die selten im Mittelpunkt von Nachrichtensendungen und Talkshows steht. Gemeinhin wird auf die sichtbare Macht geschaut: auf die Politik, die die Aussichten auf einen Arbeitsplatz, auf Gesundheitsversorgung oder auf die Rente bestimmt. Und doch beeinflusst die nicht sichtbare Macht, abgeschirmt hinter Staatsgeheimnissen, unser Leben in hohem Maße. Sie entscheidet zum Beispiel darüber, ob ein Land zwanzig Jahre lang Krieg in Afghanistan führt, während ihm die Mittel für Schulen und Krankenhäuser fehlen – wie im Fall von Italien. Oder ob ein deutscher Staatsbürger plötzlich verschleppt, misshandelt und an die CIA ausgeliefert werden kann, weil man ihn für einen gefährlichen Terroristen hält. Oder ob ein Mann mitten in Mailand am hellichten Tag verschwindet, entführt von der CIA und italienischen Geheimdiensten.

In aller Regel haben die Bürgerinnen und Bürger keinerlei Kontrolle über das, was wir hier Secret Power nennen, also über geheime, verborgene oder nicht sichtbare Strukturen von Macht; denn was weithin fehlt, ist der Zugang zu den eingeschränkten Informationen über deren Funktionsweise. Und doch, zum ersten Mal in der Geschichte, riss WikiLeaks ein klaffendes Loch in den Kokon der Secret Power und verschaffte potenziell Milliarden von Menschen systematischen und uneingeschränkten Zugang zu riesigen Archiven mit vertraulichen Dokumenten, die zeigen, wie sich unsere Regierungen verhalten, wenn sie, jenseits medialer Öffentlichkeit, Kriege vorbereiten oder Gräueltaten begehen.

Allein wegen dieser Tätigkeit lief Julian Assange Gefahr, für immer im Gefängnis zu verbleiben. Und er war nicht der einzige, der ernsthaft bedroht war: Die Geschütze der Secret Power zielten darauf ab, nicht nur Julian Assange auszuschalten. Mit ihm und den WikiLeaks-Journalisten sollte erstickt werden, was diese auslösten: eine mediale Revolution. Und obwohl Assange heute ein freier Mann ist – nach vierzehn Jahren des unfreiwilligen Eingesperrtseins, des Gewahrsams, der Gefangenschaft – ist der Angriff auf die Organisation und ihre Revolution noch lange nicht vorbei. Doch wenn ein Journalismus es wert ist, ernsthaft praktiziert zu werden, dann genau jener, der den Missbrauch auf den höchsten Ebenen der Macht aufdeckt. Denn wo bleibt die Pressefreiheit, wenn Journalistinnen und Journalisten nicht die Freiheit haben, staatliche Verbrechen aufzudecken und darüber zu berichten, ohne Gefahr zu laufen, mit dem Leben zu zahlen oder für immer inhaftiert zu werden? Unter autoritärer Herrschaft ist dies nicht möglich, ohne schwere Konsequenzen zu befürchten. In einer Gesellschaft, die sich als nicht-autoritär versteht, muss dies aber erlaubt sein.

Deshalb wird das Los von Assange, den anderen WikiLeaks-Journalisten und deren Werk nicht nur über die Zukunft des Journalismus in unseren Demokratien entscheiden, sondern bis zu einem gewissen Grad auch in Diktaturen: dort wird man sich ermutigt sehen, die Informationsfreiheit zu unterdrücken, wenn es sogar dem »freien Westen« gelingt, die genannte Revolution zu zerstören.

Julian Assange und seine Organisation traten Anfang der 2010er Jahre in mein berufliches Leben ein. Bei meiner journalistischen Arbeit hatte ich es mit regelrechten Intrigen zu tun, mit Betriebsstörungen in nie nachlassendem Maße. Von 2009 an haben wir zusammen an der Veröffentlichung von Millionen von Geheimdokumenten gearbeitet, sie für WikiLeaks, ich für meine Zeitung – zuerst L’Espresso und la Repubblica, dann il Fatto Quotidiano. Diese Tätigkeit hat mir gewiss keine mächtigen Freunde eingebracht. Ganz im Gegenteil, bescherte sie mir machtvolle Feinde, in der Folge lag ich mit meiner einstigen Zeitung la Repubblica über Kreuz; bei ihr kündigte ich, um weitermachen zu können. Ich verließ die Mediengruppe nach 14 Jahren und sah, wie mein Einkommen einbrach. Aber ich würde alles wieder genauso machen. Ohne einen Moment zu zögern. Zumal: Wie klein ist meine Mühsal schon im Vergleich zu dem, was Julian Assange widerfuhr?

Ich bin mit CIA- und NSA-Geheimnissen um die Welt gereist. Assange und seine Journalisten brachten mir bei, Kryptografie einzusetzen, um meine Quellen zu schützen. Ich war bei ihm in Berlin, als sich seine Computer in Luft auflösten. Ich war in der ecuadorianischen Botschaft in London, als er, sein Mitarbeiterstab, seine Partnerin und ihr gemeinsames Kind, seine Anwälte und seine Besucher verdeckt gefilmt und mitgeschnitten wurden und als mein Telefon heimlich aufgeschraubt und in zwei Hälften zerlegt wurde.

Im Laufe dieser Jahre gab es mehrere Versuche, mich einzuschüchtern. Man hat mich ungeniert verfolgt. Einmal wurde ich in Rom ausgeraubt, wobei mir wichtige Unterlagen gestohlen wurden – ich sah sie nie wieder. Aber sie haben mich nie ins Gefängnis gebracht oder gar bedroht oder verhört. Ich habe nie jenen hohen Preis zahlen müssen, den sie Julian Assange abverlangten. Nachdem er im Jahr 2010 geheime Dokumente der US-Regierung veröffentlicht hatte, kannte er 14 Jahre lang keine Freiheit mehr. Mit tiefer Beunruhigung hat mich erfüllt, wovon ich seit 2010 Zeugin wurde: die Behandlung, die Assange durchlebt hat, der gravierende Verfall seiner Gesundheit, die Verleumdungskampagne gegen ihn, die juristische Verfolgung von WikiLeaks und seiner Quellen – allen voran von Chelsea Manning, einem Vorbild für enorme Zivilcourage. Dieses Unbehagen wuchs mit meiner Erkenntnis von staatlicher Brutalität und Kriminalität – mit der Offenlegung von Geheimakten, enthüllt von WikiLeaks.

Dieses Buch ist eine Reise durch diese Dokumente und zu der Geschichte von Julian Assange und seiner Organisation. Eine Reise durch das, was ich in den mehr als 15 Jahren meiner Arbeit erlebt und erfahren habe. Gerade weil ich, anders als Assange, nicht diesen Preis gezahlt habe, sehe ich mich verpflichtet, diese Geschichte zu vermitteln. So mag ich dazu beizutragen, zweierlei zu verteidigen: die Freiheit von Journalistinnen und Journalisten, auch die dunkelsten Ecken unserer Regierungen auszuleuchten; und das Recht der Öffentlichkeit, die Hintergründe zu erfahren.

1.Die WikiLeaks-Revolution

Meine gefährdete Quelle

Alles begann im Jahr 2008, als eine meiner Quellen den Kontakt zu mir abbrach: Sie war überzeugt, dass sie illegal abgehört wurde. Wenn sich eine Person mit vertraulichen Informationen an eine Journalistin wendet – mit Hinweisen, die gerne geheim hält, wer im Besitz von Macht ist –, dann tut sie das nur im Vertrauen darauf, dass sie nicht auffliegt und mit gravierenden Folgen zu rechnen hat wie etwa beruflicher Kündigung, belastenden Gerichtsverfahren oder, in extremen Fällen, Gefängnis oder gar Tod. Meine Quelle hatte den Mut gehabt, mich aufzusuchen, aber nach unseren ersten Treffen überwogen ihre Ängste.

Ich wartete lange darauf, dass sie doch noch zu unserem verabredeten Treffen erscheinen würde – es wäre unser letztes gewesen. Schließlich wurde mir klar: Sie würde nicht mehr auftauchen und es sollte auch kein weiteres Treffen geben. Wie konnte ich mit Sicherheit wissen, ob sie wirklich abgehört wurde oder ob sie nur paranoid war? Doch glücklicherweise nahm ich ihre Befürchtungen sehr ernst.

Im Laufe der Jahre hatte ich mit Dutzenden von journalistischen Quellen gesprochen. Manche von ihnen hatten mir immerhin einige nützliche Informationen geliefert, andere dagegen nur meine Zeit verschwendet; wieder andere hatten mir zu beachtlichen Exklusivberichten verholfen. Aber keine von ihnen hatte je einen derart tiefgreifenden Einfluss auf mein Leben und meinen Beruf genommen wie sie. Diese Quelle, die kein einziges Wort von dem preisgeben wollte, was sie wusste, veränderte meine Arbeit dauerhaft.

Just in dieser Stunde wurde mir klar: Ich musste einen viel sichereren Weg finden, um mit möglichen Quellen zu kommunizieren. Die Techniken, die leider auch heute noch in den Nachrichtenredaktionen eingesetzt werden, waren und sind restlos veraltet; sie sind völlig ungeeignet für eine Welt, in der Polizeikräfte, Spitzel großer Unternehmen und Geheimdienste uns mit erstaunlicher Leichtigkeit abhören können – also uns Journalistinnen und Journalisten sowie alle, die mit uns sprechen.

Hätte ich Jura studiert, hätte ich Schutz in Gesetzen gesucht. Da ich mich aber der Mathematik verschrieben hatte, war es für mich selbstverständlich, eine mögliche Lösung mit Verschlüsselung und Passwörtern zu suchen. An der Universität hatte ich ein wenig über Kryptografie gelernt. Mein Wissen war zwar nur theoretischer Art, aber die Kunst, die Kommunikation zwischen zwei Menschen so zu schützen, dass sie für Dritte nicht wahllos zugänglich ist, hatte mich fasziniert.

Oder mit den Worten von Philip Zimmermann, dem Erfinder von PGP (Pretty Good Privacy), einem Programm zur Verschlüsselung von E-Mails und Dokumenten: »Vielleicht planen Sie eine politische Kampagne, besprechen Ihre Steuern oder haben eine heimliche Affäre. Oder Sie kommunizieren mit einem Oppositionellen in einem repressiven Land. So oder so möchten Sie nicht, dass Ihre private elektronische Post oder vertrauliche Dokumente von anderen gelesen werden. Es ist nichts dagegen einzuwenden, auf Ihrer Privatsphäre zu bestehen.«1

Mehr noch: Es handelt sich um ein Grundrecht sowohl von Journalistinnen und Journalisten als auch unserer Quellen. Wer wird uns noch Informationen geben, wenn wir nicht garantieren können, dass geschützt wird, wer sich vertraulich an uns wendet?

In der alten analogen Welt, vor dem digitalen Zeitalter, konnten die Staatsapparate, von der Polizei bis zu den Geheimdiensten, mit Wasserdampf Briefe öffnen, um die Korrespondenz von Privatpersonen zu lesen, oder Telefongespräche abhören und diese einzeln schriftlich übertragen. Allein, diese Methoden brauchten Zeit und konnten nicht systematisch gegenüber ganzen Bevölkerungen angewendet werden. Doch mit der digitalen Kommunikation hat sich all das von Grund auf geändert. Die Überwachung der Mail-Korrespondenz von Millionen von Menschen ist heute ein Kinderspiel.

Es war genau dieser Wandel, der Philip Zimmermann, einen USamerikanischen Software-Ingenieur und Pazifisten, dazu veranlasste, sein PGP-Programm zu entwickeln. Von Anfang an hatte er eine drohende Gefahr für die Demokratie erkannt.

Seine Bedenken lassen sich in jener Bemerkung zusammenfassen, die er 1996 vor einem Ausschuss des US-Senats machte: »Die Regierung Clinton scheint zu versuchen, eine Infrastruktur der elektronischen Kommunikation aufzubauen und zu etablieren, die den Bürgern die Möglichkeit nimmt, ihre Privatsphäre zu schützen. Das ist beunruhigend, denn in einer Demokratie kann es passieren, dass gelegentlich die Falschen gewählt werden – manchmal sogar ziemlich Falsche. Normalerweise bietet eine gut funktionierende Demokratie Mittel und Wege, solche Leute von der Macht zu entfernen. Aber die unrechte technologische Infrastruktur könnte es einer solchen zukünftigen Regierung ermöglichen, jeden Schritt derer zu beobachten, die sich ihr widersetzen. Es könnte sehr wohl die letzte Regierung sein, die wir jemals frei wählen.«2

Zimmermann war kein Radikaler. Er handelte als Pazifist, der an die Kultur politischer Meinungsverschiedenheiten glaubte; einmal hatte man ihn wegen friedlichen Protests gegen Atomwaffen verhaftet. Als er die Bedrohung der Demokratie infolge der digitalen Kommunikation erkannte, griff er zu einem Mittel zivilen Ungehorsams: Gerade als der US-Senat einen neuen Gesetzesentwurf, die Senate Bill 266, verabschieden wollte – einen Erlass, der es der Regierung erlaubt, auf die Kommunikation aller zuzugreifen –, entwickelte er das Verschlüsselungsprogramm PGP. Er vertrieb es dann völlig kostenlos, um es so weit wie möglich zu verbreiten, bevor die Regierung die Verschlüsselung illegalisieren konnte.

Die Maßnahme war revolutionär. Wie Zimmermann selbst erklärte,3 war es vor der Einführung von PGP für einen gewöhnlichen Bürger nicht möglich, mit anderen über weite Strecken sicher zu kommunizieren, also ohne das Risiko, abgehört zu werden. Die Macht dazu lag einzig und allein in den Händen des Staates. Aber dieses Monopol endete mit PGP. Wir schreiben das Jahr 1991.

Allerdings sah die US-Regierung nicht tatenlos zu: Sie ließ gegen Zimmermann ermitteln. Doch ohne Anklageerhebung wurden die Ermittlungen 1996 eingestellt.

Mit Usern, die von Amnesty International bis zu politischen Aktivistinnen und Aktivisten in Lateinamerika und der ehemaligen Sowjetunion reichten, begann sich PGP weltweit zu verbreiten, löste eine wichtige Debatte über bürgerliche Freiheiten und Überwachung aus und inspirierte die Entwicklung anderer Software zur Verschlüsselung von Kommunikation.

Der Tag, an dem meine Quelle nicht zu unserer Verabredung erschienen war, markierte einen Wendepunkt für mich. Wenn Codes und Passwörter Aktivisten schützen können, so auch uns Journalistinnen und Journalisten – und jene, die mit uns sprechen.

Es war eine meiner Quellen aus der Welt der Verschlüsselung, die mich 2008 erstmals auf Julian Assange und WikiLeaks aufmerksam machte. Damals hatten sie noch nicht die großen exklusiven Nachrichten veröffentlicht, die sie weltweit berühmt machen würden, sodass nur sehr wenige von ihnen wussten. »Du solltest dir diese Bande von Verrückten ansehen«, sagte ein befreundeter Experte zu mir. Die »Verrückten«, von denen er sprach, waren Assange und dessen Team bei WikiLeaks. Mein Freund, ein Kryptograf, redete zwar in scherzhaftem Ton, aber sein Respekt vor ihnen war mit Händen zu greifen. Wenn sich jemand wie er, der über Fachwissen verfügte und sich für Menschenrechte einsetzte, für diese »Bande« interessierte, so dachte ich, verdiente deren Sache, worin auch immer sie genau bestand, Aufmerksamkeit.

Ich begann, mir die Arbeit von WikiLeaks systematisch anzusehen. Erst zwei Jahre zuvor, also 2006, gegründet, steckte die Gruppe noch in den Kinderschuhen. Die Idee war revolutionär: die Macht des Internets und der Verschlüsselung zu nutzen, um an klassifizierte, das heißt als geheim eingestufte Dokumente von erheblichem öffentlichem Interesse zu gelangen und diese dann zu veröffentlichen bzw. zu »leaken« – daher der Name »WikiLeaks«. So wie traditionelle Medien Informationen von unbekannten Personen erhalten, die Briefe oder Pakete mit Dokumenten an Redaktionen schicken, erhielten Assange und seine Organisation vertrauliche Dateien, die in elektronischer Form von anonymen Quellen an ihre Online-Plattform geschickt wurden. Die Identität derjenigen, die sensible Dokumente weitergaben, wurde durch hochtechnologische Lösungen wie Verschlüsselung oder andere ausgeklügelte Technik geschützt.

Im Gründungsjahr von WikiLeaks gab es weltweit keine einzige große Zeitung, die ihren Quellen gezielt einen verschlüsselten Schutz bot; es dauerte Jahre, bis die einflussreichste Tageszeitung der Welt, die New York Times, und andere große Medien beschlossen, dies einzuführen, angeregt durch von WikiLeaks.

Julian Assange und seine Organisation waren zweifellos Pioniere. Sie interessierten sich besonders für »Whistleblower«, also für Menschen, die im Rahmen ihrer Tätigkeit in einer Regierung oder für ein privates Unternehmen auf Missstände oder schwere Korruption, wenn nicht gar Kriegsverbrechen oder Folter – begangen von Vorgesetzten oder Kollegen –, aufmerksam werden und die sich entschließen, dies im öffentlichen Interesse aufzudecken und die Medien mit sachbezogenen Informationen zu versorgen. Whistleblower handeln nach ihrem Gewissen. Sie schauen nicht weg und tun so, als hätten sie nichts gesehen. Sie nehmen sprichwörtlich die Pfeife zur Hand – »they blow the whistle« –, wohlwissend, dass die Konsequenzen hart, in manchen Fällen sogar tödlich sein können. Wer Geheimdienstverbrechen enthüllt, setzt buchstäblich das eigene Leben aufs Spiel und kann meist nur auf zwei Formen von Schutz setzen: sich hinter der Anonymität zu verstecken oder das genaue Gegenteil zu tun, nämlich auf freies Gelände zu treten und auf die Unterstützung der Öffentlichkeit zu hoffen.

WikiLeaks nutzte die machtvollen Möglichkeiten des Internets und der Verschlüsselung, um entsprechende Lösungen zum Schutz von Whistleblowern zu bieten. Doch sie schirmten nicht nur jene ab, die im öffentlichen Interesse auspackten, sondern zogen auch Quellen mit besonderen Fähigkeiten und Berufserfahrungen an: Solche mit potenziellem Zugang zu wichtigen Informationen. Denn wer wusste damals schon ein so komplexes und ungewöhnliches Instrument wie die Verschlüsselung wirklich zu schätzen? Vor allem jene, die es studiert hatten oder im Bereich der Informatik oder von Geheimdiensten arbeiteten. Die technologisch anspruchsvolle Struktur von WikiLeaks sprach eine ganze Community an, die mit der Sprache von Naturwissenschaften und Technologie vertraut war.

Die Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten, und als ich in jenem lang vergangenen Jahr 2008 begann, sie zunächst von außen aufmerksam zu beobachten, war ich zutiefst beeindruckt.

Dem Pentagon widersetzt

Es war einer der undurchdringlichsten Orte der Welt. Das Internierungslager Guantanamo, von der Regierung George W. Bush am 11. Januar 2002, genau vier Monate nach dem Anschlag auf die New Yorker Zwillingstürme, errichtet, war schnell zu einem Symbol für die Unmenschlichkeit von Bushs »Krieg gegen den Terror« geworden. Nach Angaben des damaligen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld wurden dort nur die gefährlichsten Terroristen der Welt gefangengehalten: the worst of the worst. In Wirklichkeit wusste niemand genau, wer all die Gefangenen waren und was in dem Lager vor sich ging. Es wurde von einer militärischen Task Force, der JTF-Gtmo (Joint Task Force Guantanamo), geleitet, aber niemand verfügte über sachliche Informationen über deren Tätigkeit. Nur dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz wurde der Zugang zum Lager gestattet, und in einem vertraulichen Bericht von November 2004 gab das Rote Kreuz an, dass die Gefangenen physisch und psychisch gefoltert wurden.4

Wenige Monate zuvor, im April 2004, hatte der bedeutende Investigativjournalist Seymour Hersh enthüllt,5 dass im Irak im Gefängnis Abu Ghraib ausufernd gefoltert wurde, und Fotos von Gräueltaten der US-Truppen, die ein Jahr zuvor in das Land einmarschiert waren und das Regime von Saddam Hussein gestürzt hatten, waren um die Welt gegangen. Noch heute sind die Bilder in ihrer Grausamkeit atemberaubend: Später wurden sie in dem Bilderzyklus Abu Ghraib des kolumbianischen Künstlers Fernando Botero verewigt, der das Treiben der Kampfhunde einfing, losgelassen auf wehrlose Gefangenen, die fürchten mussten, jeden Moment in Stücke gerissen zu werden.

Vielfach wurde vermutet, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) keinen Zugang zu allen Gefangenen von Guantanamo bekäme, und eine der führenden US-Organisationen für Bürger- und Menschenrechte, die American Civil Liberties Union (ACLU), hatte sich vergeblich um das operations manual der Task Force, das Betriebshandbuch, bemüht. Die ACLU hatte versucht, bei den US-Behörden eine Kopie des manual anzufordern, und zwar unter Verweis auf den Freedom of Information Act, der es Bürgern ermöglichen soll, Zugang zu amtlichen Unterlagen von öffentlichem Interesse zu erhalten. Doch vergebens: Die Regierung Bush lehnte den Antrag ab. Es blieb an WikiLeaks, das Handbuch einige Zeit später, im November 2007, zu veröffentlichen.6

Dabei handelt es sich um ein Dokument des US-Verteidigungsministeriums, des Pentagons, datiert auf März 2003, also nur ein Jahr nach Eröffnung des Gefangenenlagers. Es war unterzeichnet von General Geoffrey D. Miller, jenem kommandierenden General der ›Joint Task Force‹ in Guantanamo, der laut Presseberichten, die von der US-amerikanischen Zeitschrift Wired7 zitiert wurden, 2003 Abu Ghraib besucht hatte, und zwar kurz bevor die von Hersh dokumentierten entsetzlichen Folterungen an den Häftlingen ans Licht kamen. Das Handbuch bestätigte, was viele geahnt hatten: Die US-Behörden hatten gelogen. Einige Gefangene wurden außerhalb der Reichweite des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz gehalten, wodurch das Komitee deren Behandlung nicht kontrollieren konnte: »Kein Zugang, kein Kontakt jeglicher Art mit dem IKRK. Das gilt auch für die Zustellung von IKRK-Post«, hieß es im Handbuch.

In dem manual wurde keine physische Folter beschrieben, wohl aber, und das im Detail, Formen von weißer Folter: Isolationshaft und Techniken zur psychologischen Unterwerfung von Gefangenen wurden in ihrer ganzen Härte dargestellt. Das Dokument erläuterte den Einsatz von Hunden im Gefangenenlager, das Verhalten gegenüber Journalisten und den Umgang mit deren Fragen: gemäß den Leitlinien für Gespräche mit der Presse waren die Fortschritte im internationalen Kampf gegen den Terrorismus zu betonen.

Als ich auf diese Datei aufmerksam wurde, war ich erstaunt: Wiki-Leaks war es nicht nur gelungen, sie zu beschaffen, sondern hatte auch die Forderung des Pentagons ignoriert, sie von ihrer Website zu entfernen; die »Veröffentlichung wurde nicht genehmigt«, hatte das US-Verteidigungsministerium WikiLeaks geschrieben.8 Es erfordert Unabhängigkeit und Mut, sich einer Forderung des Pentagons zu widersetzen, dessen Macht- und Einflussbereich von globaler Reichweite ist. Assange und WikiLeaks waren nicht nur Vorreiter bei der Nutzung von Technologien zum Schutz von Personen, die im öffentlichen Interesse Geheimnisse preisgaben, sondern auch unerschrocken. Für mich war dieser Mut ein Hoffnungsschimmer in jener Finsternis, die den Journalismus zu dieser Zeit umgab.

Der ›War on Terror‹ hatte die Brutalität der Regierung Bush offengelegt, aber auch die erhebliche Verantwortung der Leitmedien, die allzu oft keine Skepsis gegenüber den Machenschaften der Regierung gezeigt hatten. Wie schon in den Monaten vor dem Einmarsch in den Irak hatte die New York Times (NYT) gegenstandslose Artikel über Saddam Husseins Bemühen veröffentlicht, Massenvernichtungswaffen zu beschaffen. Die NYT trug zu einer Medienkampagne bei, die darauf abzielte, den Einmarsch in den Irak und den darauffolgenden verheerenden Krieg, der mindestens 600.000 Menschen das Leben kostete, hinnehmbar erscheinen zu lassen – selbst bei jenen Teilen der Öffentlichkeit, die mit der Regierung Bush politisch uneins waren.9

Und das war nicht das einzige Mal, dass die US-amerikanischen Mainstream-Medien zu einem Werkzeug der Regierung wurden, anstatt diese zu kontrollieren. Jahrelang verzichtete die New York Times darauf, das Wort »Folter« für die grausamen Verhörmethoden zu verwenden, die in Gefängnissen im Irak, in Afghanistan, in Guantanamo und in verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt angewandt wurden, wo die CIA unter völliger Geheimhaltung ihre sogenannten »Black Sites« – ihre »schwarzen« bzw. »geheimen Standorte« – im Namen der Terrorismusbekämpfung betrieb. Es ging um Techniken wie das Waterboarding, bei dem das Gefühl des Ertrinkens hervorgerufen wird: Auf ein schräges Brett geschnallt, wird dem Betroffenen ein Tuch übers Gesicht gelegt und Wasser über den Kopf gegossen. Anstatt diese Praktiken als »Folter« zu bezeichnen, sprach die New York Times bis 2014 regelmäßig von »verschärften Verhörmethoden«10 – ein kryptischer Begriff, der die Öffentlichkeit davon abhielt, die Unmenschlichkeit der Vorgänge zu erkennen, etwa den gezielten Kältetod eines Gefangenen, wie er Gul Rahman in Afghanistan widerfuhr.11 Die Washington Post verhielt sich auch nicht besser. 2005 hatte sie sich bereiterklärt, die Namen der osteuropäischen Staaten, in denen sich Geheimgefängnisse der CIA befanden, nicht zu veröffentlichen: Polen, Litauen und Rumänien. Auch hier war die Bitte, keine Länder zu nennen, von der Regierung Bush gekommen, und die Zeitung war dem nachgekommen.12

In solch einer politischen Landschaft war ein neuer energischer und mutiger Journalismus so notwendig wie die Luft zum Atmen: ein Journalismus, der sich nicht vom Pentagon einschüchtern ließ und nicht bereit war, staatlich manipulierte Informationen wahlweise zu veröffentlichen oder zu verbergen. Genau das war es, was Wiki-Leaks versprach. Aber das war noch nicht alles. Die Organisation hatte mich auch aus einem anderen Grund beeindruckt.

Die Veröffentlichung des Unveröffentlichbaren

2008 geriet die Schweizer Großbank Julius Bär ins Visier von Julian Assanges Organisation. Es war dieselbe Bank, die zwei Jahre später in einem italienischen Ermittlungsverfahren gegen Angelo Balducci auftauchen sollte. Der ehemalige Vorsitzende des städtischen Bauausschusses war in einen Korruptionsskandal verwickelt, der ihn seine Ernennung zum »Gentiluomo di Sua Santità« (»Edelmann seiner Heiligkeit«) kostete, die höchste Auszeichnung, die ein katholischer Laie damals vom Heiligen Stuhl erhalten konnte.

Dank des Schweizer Whistleblowers Rudolf Elmer13 der den Mut hatte, eine Reihe interner Dokumente aus der Julius-Bär-Niederlassung auf den Cayman-Inseln weiterzugeben, deckte WikiLeaks die mutmaßliche Verwicklung des Bankhauses in Delikte von Steuerhinterziehung bis Geldwäsche auf und brachte die Bank sofort gegen sich auf. Sie verlangte, die Datei zu löschen, und leitete rechtliche Schritte ein. Doch was nach einer Auseinandersetzung aussah, bei der das Ergebnis von vornherein feststand, entwickelte sich zu einem ausgewachsenen Fiasko.

WikiLeaks war so konzipiert, dass eine Zensur der veröffentlichten Dateien schwierig war; die Server befanden sich an unbekannten Orten; die Identitäten jener, die für die Organisation arbeiteten, waren nicht öffentlich, außer denen von Julian Assange und dem damaligen deutschen WikiLeaks-Sprecher Daniel Schmitt14; und eine Adresse von Assange und seinem Stab aufzuspüren, war, gelinde gesagt, schwierig. Doch Julius Bär beauftragte eine angriffslustige Kanzlei, spezialisiert auf Prozesse von Prominenten. Lavely & Singer aus Los Angeles nahmen, in ihrem Bemühen, die Verantwortlichen für die Veröffentlichungen ausfindig zu machen, WikiLeaks als »juristische Person unbekannter Form« ins Visier; zugleich gingen sie gegen Dynadot LLC vor, den Domainregistrar von WikiLeaks, ein Unternehmen mit Sitz in Kalifornien. Die Anwälte der Bank beantragten und erhielten die richterliche Anordnung, die Dateien zu entfernen. Es schien beschlossene Sache zu sein. Doch es kam anders.

WikiLeaks machte sich daran, »Mirrors« zu erstellen, also gespiegelte Seiten mit identischen Inhalten wie die vom Richter verbote nen, die mit einem Mal weltweit kursierten. Zu diesem Zeitpunkt forderten die Anwälte von Julius Bär, WikiLeaks vollständig abzuschalten und die Übertragung der verbotenen Inhalte auf andere Websites zu verbieten. Das erwies sich jedoch als Bumerang, da die Forderung nach kompletter Stilllegung führende US-amerikanische Organisationen zur Verteidigung digitaler und bürgerlicher Rechte auf den Plan rief. Von der Electronic Frontier Foundation (EFF) mit Sitz in San Francisco bis zur American Civil Liberties Union (ACLU) unterstützten einige der einflussreichsten Bürgerrechtsinstitutionen WikiLeaks vor dem Bundesgericht. Dabei beriefen sie sich auf den ersten Zusatzartikel der US-Verfassung, also deren Grundprinzip, das einen umfassenden Schutz der Presse- und Meinungsfreiheit bietet. Im März 2008 hob der Richter die vorläufige Verfügung auf und lehnte die Forderung der Bank ab, die Website zu sperren; die Veröffentlichung der Dateien sei durch den ersten Verfassungszusatz geschützt.

Der hartnäckige Widerstand von Assanges Organisation und der anschließende Rechtsstreit, gestützt von einflussreichen Organisationen wie der EFF oder der ACLU, brachten den Namen Julius Bär in die Schlagzeilen weltweit führender Zeitungen, von der New York Times15 bis zum Londoner Guardian – mit genau dem gegenteiligen Effekt, den sich die mächtige Bank erhofft hatte. Jene Dokumente, die Julius Bär diskret entfernt wissen wollte, wurden nun zu einer Angelegenheit von internationalem Interesse. Damit nicht genug, veröffentlichte WikiLeaks auch die eigene Korrespondenz mit den Anwälten der Bank, denen man unbeirrt geantwortet hatte: »Keep your tone civil« – »Bleiben Sie höflich.«16

Ich war erstaunt über das Ausmaß an Rückgrat. Ich kannte Julian Assange noch nicht persönlich, aber ich beobachtete ihn und seine Organisation aus der Ferne, verfolgte ihre Aktivitäten. Sie bewiesen den Mut, äußerst sensible Dokumente zu veröffentlichen, sich selber Gefahren auszusetzen und dabei Institutionen herauszufordern, die mithilfe üppiger Budgets und wichtiger Verbindungen sogar die Redaktionen von Medien einschüchtern – sei es gerichtlich oder außergerichtlich.

Auch ihr strategisches Vorgehen beeindruckte mich. Hätten sie sich bei dem Julius-Bär-Spiel wie ein traditionelles Nachrichtenmedium verhalten, hätten sie höchstwahrscheinlich ziemliche Prügel einstecken müssen. Italienische, britische oder Schweizer Zeitungen etwa müssen sich innerhalb der Grenzen der Gesetze jenes Landes bewegen, in dem sie registriert sind; ihre Publikationen hätten kaum eine Chance, den von der US-Verfassung gewährten Presseschutz zu genießen. Doch WikiLeaks trug das Spiel auf globaler Ebene aus, nutzte die Mittel des Internets und internationale Bündnisse mit Verfechtern von digitalen und Bürgerrechten, bediente sich des mächtigen Schutzes, den der erste Verfassungszusatz und die Bühne traditioneller Medien bieten – und fügte so einer sehr wohlhabenden Bank eine durchschlagende Niederlage zu.

Für eine investigative Journalistin, die tagtäglich mit den Schikanen der Reichen und Mächtigen, mit deren juristischen Klagen und den daraus folgenden tiefgreifenden Einschränkungen der Pressefreiheit konfrontiert ist, war es spektakulär zu beobachten, wie sich das ganze Debakel entfaltete. Mit der geballten Macht aus Kapital und Anwälten war Julius Bär mit eingezogenem Schwanz davongeschlichen, während es WikiLeaks geschafft hatte, zu veröffentlichen, was viele Zeitungen als unveröffentlichbar, weil rechtlich zu riskant, angesehen hätten.

Der Fall Julius Bär war, wie schon der des Handbuchs von Guantanamo, der Beleg, dass der Kampf gegen die Geheimhaltung gewonnen werden kann. Und ich musste Julian Assange unbedingt aufspüren, denn als Journalistin war dieser Kampf auch mein eigener.

Ein nächtlicher Anruf

Wer aber waren, so schwer fassbar und geheimnisvoll, Julian Assange und WikiLeaks? Es dauerte einige Zeit, bis ich eine Verbindung zu ihnen herstellen konnte. Um mehr herauszufinden, trat ich an Aktivisten heran, an Fachleute für Staatsgeheimnisse und Verschlüsselung; ich ging jedem Kontakt und jeder möglichen Information nach, um zu verstehen, wer sie sind. Anfangs war WikiLeaks wie ein Wiki organisiert: Sie nahmen Dokumente entgegen, analysierten sie und veröffentlichten sie daraufhin, wobei sie alle Interessierten dazu aufforderten, sich an der Prüfung der »Files« zu beteiligen und eine Diskussion um die Enthüllungen voranzutreiben. Sie arbeiteten nicht routinemäßig mit Journalisten zusammen; sie hatten einige Medienpartner, darunter aber keine großen Teams wie in späteren Jahren. Doch eines Tages baten sie mich um Hilfe.

Sommer 2009: Als das Telefon klingelte, war es mitten in der Nacht. Es fiel mir schwer, aufzuwachen, aber mein Telefon klingelte unerbittlich und schließlich raffte ich mich auf. »WikiLeaks hier«, hörte ich jemanden sagen. Ich konnte kaum verstehen, was vor sich ging, aber schließlich begriff ich: Daniel Schmitt war am Apparat. Er richtete eine Nachricht aus: Ich hatte eine Stunde Zeit, um eine Datei aus dem Internet herunterzuladen, danach würde sie entfernt, damit sie für andere nicht zugänglich war. Sie seien gerade dabei, so Schmitt weiter, die Echtheit der Datei und die darin enthaltenen Informationen zu überprüfen. »Können Sie uns helfen?«, fragte er.

Ich lud die Datei sofort herunter und begann sie durchzusehen. Es handelte sich um eine Aufnahme von Juli 2008. Zu hören war Walter Ganapini, der damalige Umweltbeauftragte der italienischen Region Kampanien, der über jene berüchtigte Müllkrise sprach, deren Bilder um die Welt gingen: ein Neapel, das im Müll erstickt.

Der starke Mann in diesem Spiel war jedoch nicht Ganapini, sondern der Sonderbeauftragte für den Abfallnotstand, Gianni De Gennaro, der später zum Dipartimento delle Informazioni per la Sicurezza (DIS) wechseln sollte, der Koordinierungsstelle des italienischen Geheimdienstes.

Als Ganapini während des Notstands mit Bürgerkomitees und Verbänden zusammenkam, hatte jemand eines der Gespräche aufgezeichnet und an WikiLeaks weitergeleitet. In der über dreistündigen Audiodatei analysierte Ganapini, warum es zu der Müllkrise gekommen war, obwohl doch – so er selbst – eine vorhandene Deponie wie der Parco Saurino den Müll Kampaniens sechs Monate lang hätte aufnehmen können, wodurch die Katastrophe verhindert worden wäre.

»Was den Parco Saurino betrifft, so habe ich eines Tages mit dem derzeitigen Geheimdienstchef darüber verhandelt – und ein Geheimdienstchef ist nicht irgendwer.« Ganapini fuhr fort: »Dieser Ort ist definitiv ein nationales Mysterium.« Die Aufzeichnung bot einen Einblick in die mögliche Rolle des italienischen Geheimdienstes in der Müllkrise von Kampanien und insbesondere in das, was Ganapini als »nationales Mysterium« bezeichnete: Der Parco Saurino in der Provinz Caserta – genauer: in der Gemeinde Santa Maria La Fossa – liegt mitten im Reich der Casalesi, eines Mafia-Clans, der sein gewaltiges Vermögen mit dem illegalen Müllhandel gemacht hat. Ganapini spielte auf das Eingreifen des Geheimdienstes und auf mögliche Absprachen zwischen Staat und Mafia im Zusammenhang mit der Krise an. »Ich weiß, dass es in diesem Land Verhandlungen von Staat zu Staat gibt«, fügte er hinzu.

Besonders beunruhigend war ein Abschnitt, in dem Ganapini schilderte, wie er auf der Piazza del Gesù im Herzen Neapels Ziel eines versuchten Übergriffs wurde. Von vier behelmten Personen, das Visier geschlossen, habe er »einige Warnungen erhalten: Ich hätte etwas gesehen, was ich nicht hätte sehen sollen«, erklärte er.

WikiLeaks hatte mir in dieser Nacht also nicht nur die Datei zugespielt, sondern mich auch mit einer Person in Verbindung gesetzt, die mit einigen der in der Aufnahme erwähnten Fakten vertraut war; sie hatten mich zudem gebeten, alle journalistischen Überprüfungen vorzunehmen, die ich für notwendig hielt. In den darauffolgenden Tagen nahm ich mit mehreren Personen Kontakt auf, vor allem mit Ganapini selbst, und verwies auf einen Ausschnitt von wenigen Minuten, der kurz zuvor auf YouTube gelandet war und von der italienischen Tageszeitung la Repubblica aufgegriffen wurde. Ganapini hatte dies damals als fingierte Bearbeitung abgetan, aber die über dreistündige Aufnahme, die ich mir angehört hatte, enthielt alles, was auf YouTube erschienen war. Auf meine gezielten und detaillierten Fragen hin mauerte Ganapini und bestätigte nur die Drohungen und die beunruhigende Begegnung auf der Piazza del Gesù. Nach einer Reihe von Überprüfungen veröffentlichte ich am 6. August 2009 einen Artikel mit den wichtigsten Auszügen in dem renommierten italienischen Nachrichtenmagazin L’Espresso17, für das ich damals arbeitete und das bereits maßgebliche Recherchen zur Müllkrise durchgeführt hatte; zugleich veröffentlichte WikiLeaks die Audiodatei auf der eigenen Website.18

Mit diesem Dokument waren Julian Assange und seine Organisation von den Staatsgeheimnissen von Guantanamo zu den Mysterien der Italienischen Republik übergegangen. Doch nach der Veröffentlichung dieses Dokuments scheiterten alle meine Versuche, mit WikiLeaks Kontakt aufzunehmen.

Wie eine Bande von Rebellen

Ich versuchte erneut, sie ausfindig zu machen – ohne Erfolg. Mir wurde klar: Die Art und Weise, wie sie vorgingen, hatte logistische Gründe. Wie eine Bande von Rebellen, die auf Beutezug geht und dann abtaucht, schlugen auch sie plötzlich zu und verschwanden wieder. Sie wechselten ihre Kontakte und waren sich der Überwachung bewusst, mit der Polizei, Armee, Geheimdienste und große Unternehmen gegen Journalistinnen und Journalisten vorgehen, die sie als Bedrohung empfinden. Schließlich hatte ja genau das mein Interesse an WikiLeaks geweckt, als meine Quelle den Kontakt zu mir abgebrochen hatte. Vorerst hatten sie sich in Luft aufgelöst, aber ich wusste, dass sie früher oder später wieder auftauchen würden. In der Zwischenzeit verfolgte ich ihre Arbeit aus der Distanz.

Im September 2009 berichteten in London zwei führende Medienhäuser, die BBC und der Guardian, dass ein Schiff des multinationalen Rohstoffkonzerns Trafigura Giftmüll in die Gewässer vor der Republik Côte d’Ivoire gekippt hatte. Nach offiziellen Schätzungen, die später von der UNO angeführt wurden, starben in der Folge 15 Personen, 69 wurden in Krankenhäuser eingeliefert und über 108.000 mussten medizinisch behandelt werden.19 Trafigura leugnete diese verheerenden Vorgänge jedoch und beauftragte zur Verhinderung des Skandals eine der aggressivsten Kanzleien Londons, spezialisiert auf Klagen gegen Medien: Carter-Ruck. Während die BBC begann, ihre Berichte über den Fall zurückzuziehen, verfügte der Guardian über ein Dossier, den ›Minton Report‹, der die Gefährlichkeit der Abfälle bestätigte: »Die oben aufgeführten Stoffe«, heißt es darin, »können durch Einatmen und durch die Nahrungsaufnahme schwere Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Dazu gehören Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Brechreiz, Augenreizungen, Hautgeschwüre, Bewusstlosigkeit und Tod.«

Die Recherche, die dem ›Minton Report‹ zugrunde lag, war von Beratern des multinationalen Unternehmens selbst in Auftrag gegeben worden, sodass sie darüber informiert waren.20 Jemand hatte eine Kopie des Berichts an die Londoner Zeitung weitergeleitet. Trafigura legte jedoch Berufung ein und setzte den Guardian mit einer diskret zu behandelnden Unterlassungsverfügung unter Druck, einer gerichtlichen Anordnung, die der Zeitung nicht nur die Veröffentlichung des Dossiers untersagte, sondern ihr auch auferlegte, der Leserschaft nicht mitzuteilen, dass sie per Gerichtsbeschluss geknebelt wurde. Es war an WikiLeaks und einigen ausländischen Zeitungen, den Bericht schließlich zu veröffentlichen.21 Blogs und soziale Netzwerke, insbesondere Twitter, taten ein Übriges, und Millionen von Menschen suchten im Internet danach. Es war eine spektakuläre Niederlage für den Ölhandelsriesen.

Wie bei der Bank Julius Bär hatte WikiLeaks auch im Fall Trafigura bewusst die Zensur umgangen. In dem Maße wie Global Player Schlupflöcher in verschiedenen Rechtsordnungen nutzen, um Gesetze und Steuern zu umgehen, nutzte WikiLeaks seine internationale Struktur als eine aus dem Internet hervorgegangene Nachrichtenorganisation, um zu versuchen, die Pressefreiheit auszuweiten.

Kaum zwei Monate nach dem Trafigura-Fall gelang WikiLeaks ein weiterer aufsehenerregender Coup: Im November 2009 veröffentlichten sie über eine halbe Million Nachrichten von US-Bürgern, aufgezeichnet am 11. September 2001, und zwar in einem Zeitraum von fünf Stunden vor bis 24 Stunden nach dem Anschlag.22

Die Nachrichten wurden über eine Software ausgetauscht, die zu der Zeit nicht nur in den USA sehr beliebt war: Pager. Die entsprechenden Endgeräte, die später vollständig von Mobiltelefonen verdrängt wurden, waren bei Regierungsbehörden wie dem FBI, dem Pentagon oder dem New Yorker Police Department im Einsatz. Die abgefangene Kommunikation enthielt nicht nur Nachrichten von normalen Bürgern, sondern auch Informationen, aus denen hervorging, wie bestimmte Bundesbehörden auf die Notlage reagiert hatten, indem sie beispielsweise Anweisungen gaben, um die Funktionsfähigkeit von Einrichtungen in dieser kritischen Zeit zu gewährleisten.

»Wer könnte diese Kommunikation abgefangen haben?«, hatte sich die Koryphäe für IT-Sicherheit, Bruce Schneier, sofort gefragt, als er die Enthüllungen von WikiLeaks kommentierte. Irgendwer musste in den Besitz der Daten gekommen sein und sie an Assanges Organisation geschickt haben. »Es ist beunruhigend zu erkennen, dass jemand, möglicherweise nicht einmal eine Regierung, die meisten (oder gar alle?) Pager-Daten in Lower Manhattan bereits 2001 routinemäßig abfing. Wer konnte das gewesen sein? Zu welchem Zweck? Wir wissen es nicht«, schloss Schneier.23

Danach vergingen etwas mehr als drei Monate, und WikiLeaks tauchte wieder in meinem Leben auf.

WikiLeaks zerschlagen

Diesmal war es Julian Assange selbst, der sich meldete. Es war im März 2010, und er wollte meine Aufmerksamkeit auf eine geheime Akte der Regierung Bush lenken, die seine Organisation gerade veröffentlicht hatte. Die Datei hatte mit WikiLeaks selbst zu tun und war eine Analyse des U.S. Army Counterintelligence Command (ACIC), der militärischen Spionageabwehreinheit, die auf die Identifizierung von Personen oder Instanzen spezialisiert ist, die eine Bedrohung für die US-Armee samt entsprechender Einrichtungen und Informationen darstellen könnten. Das Dokument beschrieb Assanges Organisation wie folgt: »Wikileaks.org wurde von chinesischen Dissidenten gegründet sowie von Journalisten, Mathematikern und Technologen aus den Vereinigten Staaten, China, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika. Die Website wurde Anfang 2007 in Betrieb genommen. Dem Beirat von Wikileaks.org gehören Journalisten, Kryptografen, ein ›ehemaliger US-Geheimdienstanalyst‹ und Expatriates aus chinesischen, russischen und tibetischen Communities an.«24

Die Darstellung von WikiLeaks als eine Organisation, die von Regimekritikern, Journalisten, Mathematikern und Exilanten gegründet wurde, entsprach der Beschreibung auf der eigenen Website von WikiLeaks; die US-Spionageabwehr bestritt weder den Wahrheitsgehalt der Informationen, die auf eine kollektive Anstrengung hinweisen, noch zeigte sie demgegenüber jedwede Skepsis.

Was Assange betrifft, so hieß es in der Akte, dieser sei »ein ehemaliger Computerhacker, der von der australischen Regierung für schuldig erklärt wurde,25 weil er sich 1997 in die Computernetzwerke der US-Regierung und des DoD [Department of Defense] gehackt hat. Er ist weithin bekannt für seine Unterstützung von Open-Government-Initiativen, seine linke Ideologie, seine US-kritische Haltung und für seine Opposition zum ›Global War on Terrorism‹.«

Da auf Website von WikiLeaks jeder eine Datei hochladen könne, »ohne dass es eine redaktionelle Überprüfung oder Kontrolle der Richtigkeit der veröffentlichten Informationen gebe«, könne die Website »dazu benutzt werden, gefälschte Informationen, Fehlinformationen, Desinformation und Propaganda zu verbreiten«, hieß es weiter.

Hätte es gestimmt, dass Assanges Organisation die Echtheit von Dateien vor deren Veröffentlichung nicht überprüft, so wäre dies tatsächlich bedenklich gewesen; doch meine persönliche Erfahrung widerlegte diese Behauptung. Obwohl ich bis zu diesem Zeitpunkt kaum in direktem Austausch mit WikiLeaks stand, konnte ich aus unseren wenigen Kontakten schließen: Die Dateien wurden tatsächlich überprüft, auch weil, wie mir von Anfang an aufgefallen war, in der Organisation ein erhebliches Maß an Paranoia herrschte. Aber mehr noch: Was wäre – für den Zweck, die Glaubwürdigkeit einer Nachrichtenorganisation zu zerstören – einfacher, als ihr gefälschte Dateien zu schicken und auf deren Veröffentlichung zu warten, um sich daraufhin lauthals über den Fake zu beschweren?

Die Counterintelligence-Analyse erfasste jedoch vollauf das Ziel von Assanges Werk: »Wikileaks.org will sicherstellen, dass geleakte Informationen über viele Gerichtsbarkeiten, Organisationen und einzelne Nutzer hinweg verbreitet werden; denn wenn entsprechende Dokumente erst einmal im Internet stehen, ist es extrem schwierig, sie vollständig zu entfernen.« Genau das hatten Assange und seine Leute getan, um die Zensur im Fall von Julius Bär und von Trafigura zu umgehen und so die Einschränkungen und rechtlichen Hürden zu überwinden, denen sich die traditionellen Medien gegenübersehen.

Das vertrauliche Dokument listet einige Instrumente auf, die Wiki-Leaks zum Schutz von Quellen verwendet, die ihnen Dateien schicken, darunter PGP und Tor, also jene Software, die ihre User vor der Analyse des Datenverkehrs schützt, indem sie es der Überwachung schwer macht, den Besuch von Internetseiten und andere Aktivitäten nachzuvollziehen. Die US-Spionageabwehr räumte zwar ein, dass die »Entwickler und das technische Personal von WikiLeaks offenbar auf hohem Niveau agierten, um Whistleblowern ein sicheres operatives Umfeld zur Veröffentlichung von Informationen zu bieten«; zugleich sei jedoch nicht auszuschließen, dass es der Organisation möglich sei, »sicherere Geräte, Übertragungswege und Verschlüsselungsprotokolle zu erhalten, wenn ihr zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt« würden. Trotzdem, so das Dokument weiter, könnte ein Gegner mit hinreichenden Kapazitäten und Mitteln »Zugang zur Website von Wikileaks.org, zu Informationssystemen oder zu Netzwerken bekommen, was dabei helfen könnte, sowohl die Personen zu identifizieren, die die Daten liefern, als auch die Mittel der Datenübertragung.«

Dieser Analyse zufolge haben eine Reihe von Staaten, »darunter China, Israel, Nordkorea, Russland, Vietnam und Simbabwe, den Abruf der Website angeprangert oder gar deren Zugang gesperrt, um zu verhindern, dass Bürger oder gegnerische Kräfte Zugang zu sensiblen oder kompromittierenden Informationen bzw. zu vermeintlicher Propaganda erhalten«. Die US-Regierung hingegen habe die Seite bisher nicht zensiert, obwohl die Sichtweise des militärischen Counterintelligence Command unmissverständlich erklärte: »Wikileaks.org, eine öffentlich zugängliche Website, stellt eine potenzielle Bedrohung für den Truppenschutz, die Spionageabwehr, die operative Sicherheit (OPSEC) und die Informationssicherheit (INFOSEC) der US-Armee dar«; denn die Möglichkeit, dass ein Mitarbeiter der US-Regierung sensible oder geheime Informationen an die Website übermittelt, könne »nicht ausgeschlossen werden«.

Nachdem man zu dem Schluss gekommen war, dass WikiLeaks eine Bedrohung darstellte, musste die Organisation aus dem Spiel genommen werden. Nur wie? Durch vorzeigbarere Methoden als solche, wie China oder Israel sie anwenden, wo man, dem Dokument zufolge, das Problem von der Wurzel her angeht: mit repressiven Methoden wie vollständiger Zensur. Doch obwohl die USA vergleichsweise hehre Absichten verfolgten, waren sie nicht weniger alarmierend: »Wikileaks.org nutzt Vertrauen als Gravitationszentrum: Man versichert Insidern, Leakern und Whistleblowern, die Informationen an Wikileaks.org-Mitarbeiter weitergeben oder Informationen auf der Website posten, dass sie anonym bleiben«, so die Akte. »Dieses Gravitationszentrum könnte beschädigt oder zerstört werden, indem gegen Insider, Leaker und Whistleblower vorgegangen wird: durch deren Identifizierung und Bloßstellung, durch Beendigung ihrer Beschäftigungsverhältnisse oder durch rechtliche Schritte gegen sie.«

Ich war völlig perplex, als ich das Dokument las. Es war auf März 2008 datiert. WikiLeaks war am 4. Oktober 2006 gegründet worden, und gerade mal ein gutes Jahr später beschloss die Spionageabwehr einer führenden Großmacht, der Vereinigten Staaten, sie zu zerschlagen. Und zwar indem man gegen die Quellen vorging: Es galt, jene ausfindig zu machen, zu feuern und zu inhaftierten, die WikiLeaks Dateien schickten – Dokumente, die nicht veröffentlicht werden sollten, wie die über das Gefangenenlager Guantanamo. Eine kämpferische Organisation wie die von Assange auszuschalten, die den Mut hatte, dem Pentagon die Stirn zu bieten, würde das Sprachrohr der Informationspolitik weitgehend in den Händen der klassischen Medien belassen, die sich in allzu vielen Fällen – wenn auch nicht in allen – als gefügig gegenüber den Forderungen einer Regierung wie der der USA erwiesen hatten, deren Einfluss weltweit wahrnehmbar ist. Genau deshalb musste WikiLeaks neutralisiert werden: Sie waren nicht Teil des Clubs, nach dessen Regeln es zu spielen galt.

Die Situation erschien in jeder Hinsicht beunruhigend. Regime wie das Chinas erstickten dem Dokument zufolge WikiLeaks mittels Zensur im Keim; dagegen besannen sich Demokratien wie die Vereinigten Staaten darauf, WikiLeaks durch Techniken zu zerstören, die zwar salonfähiger, aber immer noch unvereinbar mit der Pressefreiheit waren, beispielsweise durch Angriffe auf journalistische Quellen und Whistleblower, die Missstände aufdeckten. Was sollte die Zukunft für Julian Assange und WikiLeaks bereithalten?

  1Philip Zimmermann: Why I wrote PGP, Juni 1991: philzimmermann.com. [Ausführliche URLs siehe Anhang. Bei WikiLeaks-Quellen hingegen steht die vollständige URL jeweils stets in der Fußnote.]

  2Testimony of Philip R. Zimmermann to the Subcommittee on Science, Technology, and Space of the U.S. Senate Committee on Commerce, Science, and Transportation, 26. Juni 1996: philzimmermann.com

  3»Philip Zimmermann, Creator of PGP«: Phil Zimmermann talks at Bitcoin: youtube.com, 30. Juli 2018.

  4Neil A. Lewis: Red Cross finds detainee abuse in Guantánamo, in: New York Times, 30. November 2004.

  5Seymour Hersh: Torture at Abu Ghraib, in: The New Yorker, 30. April 2004.

  6Das von WikiLeaks enthüllte Dokument trägt den Titel »Camp Delta Standard Operating Procedures (SOP)« und ist zugänglich unter: wikileaks.org/wiki/Camp_Delta_Standard_Operating_Procedure (abgerufen: 19.5.2022).

  7Ryan Sigel: Sensitive Guantánamo Bay manual leaked through Wiki site, in:

Wired, 14. November 2007.

  8Die E-Mail vom Pentagon an WikiLeaks ist zugänglich unter: https://wikileaks.org/wiki/Camp_Delta_Standard_Operating_Procedure (abgerufen: 19.5.2022).

  9Philip Bump: 15 years after the Iraq war began, the death toll is still murky, in:

The Washington Post, 20. März 2018. Zur Zahl der Todesopfer vgl. Kapitel 5.

 10Erst im August 2014 erkannte die New York Times an, dass es sich bei derlei Verhörtechniken um Folter handelte. Vgl. den dortigen Beitrag von Chefredakteur Dean Baquet: The executive editor on the word ›torture‹, 7. August 2014.

 11Larry Siems: Inside the CIA’s black site torture room, in: The Guardian, 9. Oktober 2017.

 12Dana Priest: CIA holds terror suspects in secret prisons, in: The Washington Post, 2. November 2005.

 13Tax Gap Reporting Team: Isles of plenty, in: The Guardian, 13. Februar 2009.

 14Daniel Schmitt: Pseudonym von Daniel Domscheit-Berg.

 15Adam Liptak / Brad Stone: Judge orders WikiLeaks website shut, in: New York Times, 19. Februar 2008.

 16Der Schriftwechsel zwischen WikiLeaks und den Anwälten der Bank Julius Bär ist zugänglich unter: www.wikileaks.com/wiki/Full_correspondence_between_Wikileaks_and_Bank_Julius_Baer (abgerufen: 19.5.2022).

 17Stefania Maurizi: Dai rifiuti spunta lo 007, in: L’Espresso, espresso.repubblica.it, 6. August 2009; vgl. auch: https://wikileaks.org/wiki/Dai_rifiuti_spunta_lo_007.

 18Die Datei ist zugänglich unter: https://wikileaks.org/wiki/Ganapini_servizi_segreti_presidenza_della_repubblica,_1-4_Jul_2008 (abgerufen: 19.5.2022).

 19Zu dieser Schätzung vgl. auch den UN-Bericht »Ten years on, the survivors of illegal toxic waste dumping in Côte d’Ivoire remain in the dark«, ohchr.org, 19. August 2016.

 20David Leigh: Minton Report. Carter-Ruck give up bid to keep Trafigura study secret, in: The Guardian, 16. Oktober 2009.

 21Der ›Minton Report‹ ist zugänglich unter: https://wikileaks.org/wiki/Minton_report:_Trafigura_toxic_dumping_along_the_Ivory_Coast_broke_EU_regulations,_14_Sep_2006 (abgerufen: 19.5.2022).

 22Zugänglich unter: https://911.wikileaks.org/files/index.html.

 23Bruce Schneier: Leaked 9/11 text messages, schneier.com, 26. November 2009.

 24Das Dokument ist zugänglich unter: https://file.wikileaks.org/file/us-intel-wikileaks.pdf (abgerufen: 19.5.2022).

 25Was das U.S. Army Counterintelligence Center (ACIC) über Julian Assange berichtet, ist nicht korrekt: Es stimmt zwar, dass Julian Assange als Teenager ein Hacker war, aber im Dezember 1996 wurde er nicht wegen Hackings von Netzwerken der US-Regierung verurteilt, wie es in dem ACIC-Dokument heißt; vielmehr betrafen die Hacking-Anklagen das RMIT [Royal Melbourne Institute of Technology], Northern Telecom, die Australian Telecommunications Corporation und die Australian National University. (Victoria County Court Press Office, Mitteilung an die Autorin, 14. März 2022.)

2.Der außergewöhnliche Mut von Chelsea Manning

Collateral Murder

Nicht einmal einen Monat, nachdem mich Julian Assange wegen des Counterintelligence-Berichts, also der Analyse der US-Spionageabwehr, kontaktiert hatte, wurde WikiLeaks zur internationalen Sensation. Am 5. April 2010 veröffentlichten sie ›Collateral Murder‹, ein als geheim eingestuftes Video, in dem ein US-amerikanischer Apache-Hubschrauber zu sehen ist, aus dem wehrlose Zivilisten in Bagdad abgeschossen werden – unter dem Gelächter der Crew.1