Seelenbande - Jens Erik - E-Book

Seelenbande E-Book

Jens Erik

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Beschreibung

Die Seelenbande ist kein gewöhnlicher Selbsthilferatgeber. Sie handelt vom Leben in der Selbsthilfe und ist ideenreicher Berater, Leitfaden, Nachschlagewerk und heitere Erzählung zugleich. In der Seelenbande werden die vielen Formen der Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen beschrieben. Sie zeigt, wie man eine für sich passende Gruppe findet oder gründet und sie dann aufbauen kann. Verschiedene Formen der Gruppenmoderation, der Umgang mit Konflikten und wie man sich Unterstützung holen kann, werden umfangreich beschrieben. Die Seelenbande richtet sich an Aktive in oder Interessierte an der Selbsthilfe. Sie gibt wertvolle Tipps, wie Gruppentreffen gut gelingen, kreativ gestaltet werden können und sich die Akteure dabei nicht überfordern. Die Inhalte der Seelenbande sind humorvoll beschrieben und durchwegs praxiserprobt. Sie stammen zumeist aus Erfahrungen, die der Autor Jens Erik bei seinen Fortbildungen und der Unterstützung von Selbsthilfegruppen oder -organisationen gemacht hat.

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Meiner Seelenbande,

mit der ich gelacht und geweint habe,

Vieles erleben und durchleben konnte,

die mich bis zum Schluss nicht im Stich ließ,

und für die ich stets da sein möchte.

Der Erste unter Gleichen,

wie Jea mich nannte

Inhaltsverzeichnis:

Prolog – Faszination Selbsthilfe

Wie tickt eigentlich die Selbsthilfe?

„Gruuple“ – die Gruppensuchmaschine

Aufbruch zum Gruppenstart

Das erste Mal…

Darf es Moderation oder Leitung sein?

Wie viel Regeln braucht das Land?

Der perfekte Ablauf

New Kids on the Block

Gleich geht’s weiter – nach der Werbung…

Ohne Moos nix los!

Loslassen und abgeben statt überfordern

Ein bisschen Spaß muss sein!

Probleme, Krisen und Konflikte meistern

Umgang mit (zu) großen Gruppen

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit

Spot an fürs Blitzlicht

Darf´s auch mal was Anderes sein?

Scheiden tut weh

Das Besteste zum Schluss

Zum Weiterlesen…

Über den Autor

Prolog – Faszination Selbsthilfe

Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.

Helmut Schmidt, schlagfertiger Bundeskanzler aus Hamburg

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Ja, ich habe Visionen und daran ist die Selbsthilfe schuld. Aber muss man deshalb immer gleich zum Arzt gehen? Meinen Sie nicht auch, dass das Leben zu wertvoll ist, um es in Wartezimmern zu verbringen? Klar, manches geht nur mit einem Doktor oder Spezialisten, besonders bei ernsthaften Dingen oder Erkrankungen. Aber viele Angelegenheiten lassen sich sehr gut mit anderen Menschen bereden und voranbringen. Hier kann die Selbsthilfe im vertrauensvollen Rahmen Außerordentliches bewirken. Von Natur aus sind wir schließlich alle soziale Wesen und suchen Verbindung zu anderen Menschen, oder?

Wenn sich Menschen zu einem Thema regelmäßig treffen und austauschen, wächst oft eine Gemeinschaft mit Kompetenz und Einfühlungsvermögen heran. Selbst Profis sind erstaunt, was eine Selbsthilfegruppe zu leisten vermag. Dort gibt es eine große Meinungsvielfalt mit viel innerer Beteiligung und Authentizität. Der Austausch von Informationen ist dabei sehr unkompliziert und nicht zuletzt kostenmäßig punkten Selbsthilfegruppen gewaltig. Gut funktionierende Gruppen wissen das zu schätzen,

es entsteht eine Seelenbande.

Ich bin vor einigen Jahren ganz unerwartet zur Selbsthilfe gekommen und möchte sie inzwischen nicht mehr missen. Burnout und Depressionen haben mich zu ihr geführt.

Seitdem habe ich viele schöne Erlebnisse mit netten, intelligenten Menschen gehabt. Ich bin zu neuen Erkenntnisse und tollen Sichtweisen gekommen. Der Umgang mit Krankheiten oder „Marotten“ hat mich oft erstaunt. Und nicht zuletzt habe ich viele Formen der Selbsthilfe und verschiedene Selbsthilfegruppen kennengelernt und begleitet. Das fasziniert und formte mich zugleich!

Sie merken schon, dass ich ein Verfechter der Selbsthilfe bin und meine eigene Seelenbande habe ich natürlich so gefunden, aber – und es gibt ja immer ein „Aber“ – nicht überall klappt´s perfekt oder läuft es rund. Die passende Gruppe zu finden, eine neue Gruppe zu gründen, Probleme oder Krisen zu bewältigen, Gemeinsamkeit oder Einfühlungsvermögen zu stärken etc. Da ist und bleibt viel, sagen wir mal „Potenzial“.

Warum ich das so schreibe? Nun, wenn man ein wenig in der Selbsthilfe unterwegs ist, sieht man reichlich offensichtliche oder unterschwellige Probleme, aber eben auch so manche Lösungen und die möchte ich mit Ihnen teilen. Und zwar möglichst viele und möglichst

praktisch, pragmatisch also „mundgerecht“.

Mir ist schon klar, dass es viele Selbsthilferatgeber und Nachschlagewerke gibt, das Internet voll von Informationen hierüber ist, aber diese Ansätze sind mir oft zu trocken oder lassen einen bei der Umsetzung im Stich. Allzu oft habe ich erlebt, dass viele Menschen in die gleichen Fallen tappen. Davor kann man doch warnen, oder?!

Diese Lücken zu schließen, möchte ich mit diesem Buch erreichen und – falls Sie mit der Selbsthilfe bisher nicht so viel am Hut haben – Ihnen einen guten Einstieg ermöglichen, damit Sie Ihre eigene Seelenbande finden und mitgestalten können.

Seien Sie gespannt…

Ich möchte Sie mitnehmen auf eine Reise durch die Selbsthilfe, um Sie vielleicht noch ein wenig von ihr zu faszinieren. Erst wollte ich „entführen“ schreiben, aber es ist mir stets sehr wichtig, dass jeder seinen Weg selbstständig und freiwillig geht. Also lade ich Sie auf eine Reise durch die Selbsthilfewelt ein und zeige Ihnen, was sich alles dahinter verbergen kann.

Zum Inhalt: Ich möchte Ihnen zeigen, wie man die passende Selbsthilfegruppe findet oder eine eigene Gruppe gründen kann. Dabei ist natürlich wichtig, wie man die Treffen angenehm gestalten kann. Nicht zu trocken wird’s rund um „Regeln, Strukturen und Abläufe“. Ebenso, wenn es darum geht, wie man das Beste aus einer Gruppe herausholen kann und Sie sich trotzdem nicht überfordern. Bei Konflikten oder Krisen habe ich ein paar Anregungen für Sie niedergeschrieben. Dann werden wir uns mit den Themen „Neue“ und „Abschied“ beschäftigen. Ein paar bewährte sowie kreative Methoden für das Gruppenleben werden ebenfalls noch behandelt. Und nicht zuletzt habe ich einige Vorschläge, wie Sie Unterstützung für weitere Vorhaben erhalten können.

Noch kurz zu diesem Buch: Es ist inzwischen mein Zweites. Das erste Buch, die „Glutstaufe“ habe ich vor ungefähr fünf Jahren über Wege aus Burnout, Depressionen und Lebenskrisen geschrieben. Damals habe ich der Selbsthilfe nur ein einzelnes Kapitel gewidmet und es ist an der Zeit, meinen neuen Erkenntnissen mehr Platz zu geben. Meinem lockeren Schreibstil bin ich gerne treu geblieben. Ich hoffe, er bringt Sie zum Schmunzeln und so gelingt es sicher leichter Erkenntnisse und Vorsätze umzusetzen.

Den Kapiteln habe ich wiederum Zitate aus unterschiedlichen Epochen vorangestellt und möchte Sie mit den voran gestellten Worten auf die jeweiligen Themen einstimmen. Am Ende jedes Kapitels gebe ich Ihnen noch einen Tipp mit auf den Weg und lasse Ihnen zusätzlich etwas Platz für Ihre Notizen oder Gedanken. Sie werden zu vielen Dingen eine andere Sichtweise haben und dort können Sie diese dann notieren.

Ich hoffe, das Buch trifft Ihren Geschmack, sonst geben Sie es einfach an Andere weiter.

Mit den besten Wünschen, IhrJens Erik

PS:

Liebe Leser/

innen

, liebe Teilnehmer/

innen

,

liebe Mitstreiter/

innen

, liebe Menschen!

ich bitte an dieser Stelle um Ihr Verständnis, wenn ich wegen der besseren Verständlichkeit in den nachfolgenden Kapiteln zum generischen Maskulin greife und einfach nur „Leser“, „Teilnehmer“ oder „Mitstreiter“ schreibe. Das ist vollkommen geschlechtsunspezifisch gemeint und soll keine Diskriminierung darstellen. Wer mich kennt, weiß, dass mir nur der Mensch wichtig ist. Bitte haben Sie daher beim Lesen stets Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Hautfarbe, Einkommen, Bildung, Mode oder anderer Neigungen vor Augen.

Platz für Ihre Gedanken:______________________________…

1. Wie tickt eigentlich die Selbsthilfe?

Diese Lebensformen sind einfach faszinierend…

„Mr. Spock“, Halb-Vulkanier voller Logik, gespielt von Leonard Nimoy

Die Selbsthilfe – unendliche Weiten. Wir schreiben das dritte Jahrtausend. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Selbsthilfe mit ihrer mächtigen Besatzung, die viele Jahre unterwegs ist, um neue Wege zu erforschen, neues Lebensgefühl und neue Zuversicht. Etliche Jahre von der Genesung entfernt, dringt die Selbsthilfe dabei in Gebiete vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat…

Genießen Sie diesen Einstieg, frei nach Gene Roddenberry, der mit seiner über 50 Jahre alten, aber sehr berühmten Geschichte des „Raumschiffs Enterprise“ wunderbar beschreibt, wie unterschiedliche Menschen und Kulturen miteinander zusammenarbeiten können, um Hindernisse zu überwinden und neue Wege zu gehen.

Ist „Raumschiff Enterprise“ Selbsthilfe?

In meinen Augen schon! Ich zähle fast jede Gruppe Gleichgesinnter, die sich austauschen und gemeinsam versuchen will etwas für sich oder andere zu bewirken, zur Selbsthilfe. Besonders, wenn sie nicht an Leistung oder Profit orientiert ist. Das dürfen Sie natürlich sehen wie Sie möchten. Und, dass es in der Zukunft andere Formen der Selbsthilfe geben wird, da bin ich mir sicher!

In diesem Kapitel möchte ich mit Ihnen eine Reise durch die unterschiedlichen Arten und Formen der Selbsthilfe machen. Lassen Sie uns bei dem was wir betrachten ruhig ein wenig ungezwungen bleiben, denn die Selbsthilfe ist so vielfältig, dass es kaum möglich ist, von „der Selbsthilfe“ zu sprechen. Außerdem verändert sie sich ja auch. Mal sehen, wo sie überall steckt und wie sie tickt. Falls Sie das alles schon kennen oder es Sie nicht so interessiert, dann „beamen“ Sie sich einfach in eines der nächsten Kapitel.

Wie sehen Sie die Selbsthilfe?

Da haben viele von Ihnen zunächst Bilder einer typischen Selbsthilfegruppe vor Augen, wie sie z.B. in Spielfilmen gezeigt wird. Die Darstellung der Selbsthilfe in Film und Fernsehen finde ich zwar zumeist grauselig, aber das ist ein anderes Thema. Statistisch war eben nur jeder elfte Erwachsene irgendwann in einer Selbsthilfegruppe und nur ein Drittel hiervon ist dort geblieben, verrät mir Wikipedia. Ich denke, viele Menschen kennen die Selbsthilfe eben nur von der Mattscheibe – aber dies soll uns für den Anfang genügen.

In Spielfilmen sitzen die Mitstreiter einer Selbsthilfegruppe meist im Stuhlkreis oder in Stuhlreihen in einem großen Raum und sprechen im geschützten, vertrauensvollen Rahmen über ihre Belange. Mal wird die Gruppe von einem Therapeuten o.ä. angeleitet oder sie hat einen anderen Anführer und manchmal arbeitet eine Gruppe von sich aus autark, also ohne Leitung. Die Themen derartiger Selbsthilfegruppen sind oft Süchte, Krankheiten und/oder seelische Probleme. All das finden wir in der realen Selbsthilfe auch, denn die meisten Gruppen finden wir tatsächlich in diesen Bereichen – jedoch noch vieles mehr.

Welche Selbsthilfegruppen gibt’s nun?

Betrachten wir zunächst die so genannten Suchtgruppen: Bei ihnen geht es grob ausgedrückt darum, stoffliche (also Alkohol, Drogen, Medikamente etc.) oder nichtstoffliche Abhängigkeiten (Spiel- oder Internetsucht etc.) zu eliminieren, also zu unterbinden. Die meisten Gruppen sind organisiert, d.h. gehören Vereinen, Verbänden oder Organisationen an und sind dadurch weitläufig im Lande verbreitet. Sie arbeiten oft anonymisiert und nach recht strengen Regeln und Abläufen.

Viele Suchtgruppen sind „offen“, d.h. der Zugang ist den Betroffenen ohne Anmeldeprozedere oder anderen Schranken möglich. Diese Arbeitsweise bietet den Teilnehmenden einen guten Zugang, viel Halt und Struktur, und Schutz ihrer Identität, was sehr wichtig für den Umgang mit einer Sucht sein kann. All das hat sich über Jahrzehnte so entwickelt und bewährt.

Ebenfalls gut organisiert und entwickelt ist die Selbsthilfe der chronischen Erkrankungen, wozu so ziemlich alles gehört, was deutlich über einen Männerschnupfen hinaus geht. Hierzu gehören beispielsweise Alzheimer, Allergien, Autoimmunerkrankungen, Asthma, Diabetes, Depressionen, alle Arten von Krebs, Muskel-, Weichteil- und Knochenerkrankungen, Multiple Sklerose, Parkinson, Rheuma, Tinnitus und noch sehr viel mehr.

Körperliche und geistige Behinderungen sind zwar keine Krankheiten, ich möchte die Gruppen und Organisationen von der Arbeitsweise trotzdem hier zurechnen. Ich hoffe mir wird dieser Fauxpas verziehen. Bei behinderten Menschen ist mir aufgefallen, dass sie es gar nicht mögen, „behindert“ genannt zu werden. Oft höre ich: „Wir sind nicht behindert – wir werden behindert.“ Auch das ist Selbsthilfe, wenn wir darauf achten,

Menschen gegenüber möglichst wenig Schranken, Hürden oder eben Behinderungen aufzubauen.

Was ich bei den vielen Organisationen immer sehr beeindruckend finde, ist welches Engagement die meist ehrenamtlich Tätigen entfalten, um Informationen zu sammeln und anderen zur Verfügung zu stellen. Sie organisieren Fachvorträge, Symposien, Veranstaltungen oder Kongresse und schaffen es, dass sich Ärzte und Fachleute daran beteiligen. Nicht zuletzt setzen sie sich in Politik und im Gesundheitswesen für ihre Belange ein und tragen so zu einer nachhaltigen Verbesserung ihrer, aber auch der generellen gesellschaftlichen Lage bei. „Chapeau“ oder Hut ab vor den Leistungen dieser Menschen!

Ein weiterer Bereich betrifft die Psychosozialen Gruppen, die meist nicht in Verbänden o.ä. organisiert sind. Sie machen einen Großteil der Selbsthilfegruppen aus und sind für mich das Urgestein oder die Keimzelle der Selbsthilfe. Damit möchte ich darauf hinweisen, dass fast alle Organisationen einmal mit einer kleinen Selbsthilfegruppe begonnen haben.

Die Mitglieder von psychosozialen Gruppen treffen sich zu einem selbst gewählten Thema, was durchaus Sucht oder eine (chronische) Erkrankungen sein kann. Außerdem sind sehr individuelle Themen zu finden, wie zum Beispiel Frauen/Männergruppen, kulturelle Gruppen und besonders häufig Gruppen zu seelischen Problemen oder Störungen, wie Angst, Depressionen, Essstörungen, Einsamkeit, Phobien oder Traumata. Hier haben sich einzelne Mitstreiter auf den Weg gemacht, um eine Gruppe zu ihrem Thema aufzubauen, weil es das, was sie brauchten, vielleicht nicht in ihrer Nähe gab. So erging es auch mir und

für euch habe ich dieses Buch geschrieben!

Eines noch: Ich nenne diese Gruppen „psychosozial“, da es bei ihnen vornehmlich um das Seelenleben, die „Seelenbande“ oder das gesellschaftliche Miteinander geht. Das Durchbrechen von Isolation und Einsamkeit ist für viele Menschen ein ganz wesentlicher Wunsch, weshalb sie solche Selbsthilfegruppen aufsuchen. Gemeinsam wollen sie Ängste und Unsicherheiten überwinden. Und so erreichen sie zusammen etwas für sich oder andere und sie lernen mit ihrer Problematik besser umzugehen. Daher finden wir hier Sport-, Bewegungs- und Freizeitgruppen, die in diesem Falle nicht mit Sportvereinen zu verwechseln sind. Viele Stammtische, Initiativen, Projekte, Werkstätten, Nachbarschaftstreffen und sonstige Hilfsangebote kann man hinzuzählen.

In unserer modernen Welt ist die Vernetzung natürlich nicht mehr wegzudenken und so gibt es inzwischen reichhaltigen Austausch und viele Schnittstellen zwischen den Selbsthilfegruppen. In Nachbarschaftshäusern oder Kontaktstellen, bei Fortbildungen oder Workshops, auf gemeinsamen Treffen, Märkten oder Festivals sehen und reden die Aktiven der Selbsthilfe miteinander. Es entstehen neue Formen der Selbsthilfe, wie Foren im Internet und manche Selbsthilfegruppen haben sich inzwischen fast ganz ins Internet verzogen. Bei sehr seltenen Erkrankungen, wo die Betroffenen über das ganze Land verteilt sind oder bei der „jungen Selbsthilfe“, die Social Media vielleicht mehr nutzt als andere Altersgruppen, ist das Internet sicher ein Segen.

Noch etwas zur Arbeitsweise der Gruppen.

Bei einigen Selbsthilfegruppen steht die Verteilung von Informationen im Vordergrund. Bei diesen Gruppen werden die Inhalte der Treffen manchmal schon ein ganzes Jahr im Voraus geplant. Das kann wichtig sein, wenn man externe Referenten zu Vorträgen oder Diskussionsrunden einladen möchte. Aber die meisten Selbsthilfegruppen suchen den gegenseitigen Austausch in Form von Gesprächsrunden. Das entspräche dem bereits beschriebenen Stuhlkreis, in dem die Mitglieder sitzen und miteinander über ihre Themen reden.

Bei der Art der Zusammenarbeit gibt es große Unterschiede in den Gruppen. Meines Erachtens unterscheidet sich die Arbeitsweise der Suchtgruppen doch etwas von der der psychosozialen Gruppen. Bei letzteren Selbsthilfegruppen geht es meist etwas „lockerer“ zu, was Struktur, Regeln, Abläufe oder Verbindlichkeit angeht. Der Austausch über das Selbsthilfethema steht zwar überall im Mittelpunkt, allerdings ist beim Umgang mit einer Krankheit oder Behinderung erfahrungsgemäß ein anderes Vorgehen hilfreich als beim Unterbinden von Verhaltensweisen, wie eben bei der Sucht.

Wo beispielsweise bei Angst und Depressionen ein mildes, versöhnliches Klima für ein Aufblühen der Gruppenmitglieder wichtig ist, kann bei Spiel- oder Alkoholsucht genau dies zu einer Verharmlosung des Themas führen, weshalb in entsprechenden Selbsthilfegruppen oft ein klarerer Ton oder strengere Regeln angesagt sind. Sehen Sie das aber bitte nicht als Wertung, auch in Suchtgruppen gibt es sehr Wärme und Verständnis. Trotzdem brauchen andere Themen manchmal andere Vorgehensweisen und darauf möchte ich an dieser Stelle schon mal hinweisen.

Neben Betroffenen gibt’s auch deren Angehörige.

Bisher haben wir uns nur mit den Menschen befasst, die direkt mit einem Problem oder von einer Erkrankung betroffen sind. Die Selbsthilfe unterstützt jedoch ebenfalls deren Freunde, Partner, Familien oder Verwandte, also deren Angehörige. Angehörigen Gruppen sind sowohl in Organisationen integriert, als auch in unabhängiger Form zu finden. Die Themen der Gruppen sind so vielfältig, wie Sie es auf den letzten Seiten lesen konnten, aber besonders häufig sind es Suchtthemen, seelische Probleme und in zunehmenden Maße auch die Pflege von Angehörigen. Letzteres ist in unserer älter werdenden Gesellschaft sicher eine ganz besondere Herausforderung. Ebenso gibt es gemischte Gruppen bei denen sich Betroffene und deren Angehörige gemeinsam treffen. Dies ist sicher ein ausgezeichneter Weg miteinander Probleme zu bewältigen.

Belassen wir es zunächst einmal dabei. Das Ganze ist natürlich nur eine Momentaufnahme der Selbsthilfe, denn sie wandelt sich und ich bin gespannt, wie sie zukünftig in Spielfilmen zu sehen ist. Vielleicht sehen wir mal einen Selbsthilfemarkt, wo sich Mitstreiter zu unterschiedlichen Themen austauschen, voneinander lernen und neue Interessenten gewinnen? Möglicherweise eine Selbsthilfegruppe pflegender Angehöriger, die ihre Tricks und Tipps austauscht? Oder wir sehen ein paar Crewmitglieder der „Enterprise“ an einem Tisch, um sich über ihre traumatischen Erlebnisse mit den Borg aus dem Gammasektor auszutauschen…?

Die Selbsthilfe ist und bleibt ein Abenteuer, das für mich in der Zukunft liegt, selbst wenn ihre Wurzeln in der Vergangenheit liegen und sie in der Gegenwart lebt.

Übrigens: Bevor Sie das Internet nach einer Gruppe durchforsten: Alle gängigen Selbsthilfeorganisationen finden Sie bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (=> bag-selbsthilfe.de) und viele lokale Selbsthilfegruppen bei NAKOS, der Nationalen Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen (=> nakos.de ).

Platz für Ihre Selbsthilfe :______________________________…

2. „Gruuple“ – die Gruppensuchmaschine

Jeder Suchende sucht doch nur Gutes.

Franz Kafka, Schriftsteller aus Prag, kannte sich auch mit Technik aus

Wäre es nicht klasse, wenn es eine Suchmaschine gäbe, die für uns die passende Selbsthilfegruppe findet? Dazu haben Sie zwar sicher meinen Tipp am Ende des letzten Kapitels gelesen, also bei Nakos oder der BAG-Selbsthilfe nach Selbsthilfegruppen zu suchen. Schnell ein paar Stichworte in einen der Browser eingegeben und schon gibt’s ein paar Vorschläge. Aber genügt es, ein paar Gruppen in der Nähe entdeckt zu haben?

Für viele Menschen reicht es, ein paar Adressen zu bekommen und dann einfach zu diesen Selbsthilfegruppen zu gehen. Wobei uns jedoch Google, Wikipedia und all die anderen netten Assistenten des Internets nicht so wirklich helfen können, ist noch herauszufinden,

was wir eigentlich suchen oder brauchen.

Manchen Leuten mag es klar sein, worum es ihnen bei der Suche nach einer Selbsthilfegruppe geht. Trotzdem finde ich es wichtig sich genauer damit zu beschäftigen, aus welchen Motiven jemand zu einer Gruppe gehen will. Ihre Beweggründe kenne ich natürlich nicht, Sie vielleicht auch nicht und so hätte ich einige Ideen, wie Sie das herausfinden können…

Zuerst geht’s um Ihr Thema: Wissen Sie eigentlich ganz genau, worum es Ihnen geht? Also, sind Sie wirklich suchtkrank oder fehlen Ihnen einfach nur Menschen?

Brauchen Sie nur Informationen über Diabetes oder möchten Sie verstehen und verstanden werden? Das sind natürlich nur einige Beispielfragen, jedoch sollten Sie sich die Mühe machen Ihre primären Bedürfnisse möglichst klar zu ergründen. Insbesondere die Frage, ob das Thema Sucht/Krankheit oder eher doch das Psychosoziale betrifft, wird häufig unterschätzt.

Nehmen Sie sich einen Zettel und etwas Zeit…

Schreiben Sie ein paar Stichworte auf, was Ihnen jetzt dazu einfällt. Hören Sie dabei gar nicht so sehr auf Ihren Kopf, sondern mehr auf Ihren Bauch – der weiß besser was Sie brauchen. Nun sortieren Sie die Worte in der Reihenfolge in der sie Ihnen wichtig erscheinen. Vielleicht streichen Sie noch etwas heraus oder schreiben etwas hinzu. Eine Nacht darüber geschlafen, noch einmal drauf geguckt und korrigiert – dann sollte es passen. Schon haben Sie Ihr Thema und Ihre Bedürfnisse ganz gut eingegrenzt.

Vielleicht steht auf Ihrem Zettel jetzt statt „Diabetes-Gruppe“ noch „Gespräche“, „Kontakte“, „Bewegung“, „Freizeitaktivitäten“ oder Ähnliches. Mit diesen Stichworten sind Sie dann bestimmt besser aufgestellt als die meisten Menschen, die eine Gruppe suchen. Bei Ihrer Recherche sollten Sie nun ein paar geeignete und hoffentlich besser passende Selbsthilfegruppen finden.

Nun können Sie „Gruupeln“!

Zumindest werden Sie sich durch diese Methode ein paar unnötige Treffen in der (für Sie) unpassenden Gruppe ersparen. Das ist schon deshalb wichtig, weil viele Menschen nach wenigen missglückten Kontakten zur Selbsthilfe aufgeben. „Selbsthilfe? Das ist nichts für mich. Das habe ich schon ausprobiert…“ heißt es dann enttäuscht. Nun, der Anfang ist gemacht, dass es bei Ihnen anders laufen sollte.

Im nächsten Schritt gilt es, Kontakt zu den Gruppen aufzunehmen und dort weiter zu schauen, was zu Ihnen passt. Dabei werden Sie erfahren, wo und wann sich die Mitstreiter treffen. Häufig geht man direkt zu den Treffen, aber manchmal werden Vorgespräche geführt – das finde ich besonders interessant, da man Weiteres über die Gruppe heraus finden kann! Nutzen Sie die Vorgespräche. Hören Sie zunächst aufmerksam zu und fragen den Leuten danach (!) Löcher in den Bauch. Fragen Sie nach, was von Ihnen erwartet wird.

Gehen Sie frühzeitig zu jedem Treffen, um vorab in Ruhe ein paar Gespräche mit den Mitgliedern führen zu können. Wichtig: Bitte viel zuhören und dann erst fragen. Wir haben schließlich zwei Ohren und nur einen Mund, damit wir mehr zuhören als reden, oder?!

Bei den ersten Treffen empfehle ich stets drei Dinge: Etwas Zurückhaltung sowie Offenheit und Ehrlichkeit. Damit helfen Sie sich und der Gruppe am meisten. Gehen wir die drei Dinge kurz durch.

Anfängliche Zurückhaltung bedeutet für mich vor allem Selbstschutz.

Was wir nicht geäußert haben, brauchen wir später nicht zu bereuen. Trotz allem Vertrauensschutz, der bei Selbsthilfegruppen äußerst hoch angesetzt ist, weiß man doch nie genau, wer die Mitglieder im Einzelnen sind und was vielleicht doch weiter getragen wird. „Ach, sind Sie nicht der, aus der Filiale an der Ecke…“ erscheint einem weniger schlimm, wenn man seinen Lebensweg eben nicht ausgebreitet hat. Ob den jeder hören will – da habe ich so meine Zweifel. Mit anfänglicher Zurückhaltung „stört“ man die Abläufe am wenigsten. Man kann die Gruppe schneller und besser kennenlernen und überfordert weder sich noch die Gruppe.

Ich hoffe, Sie verstehen meine Worte nicht so, dass Sie mit Argwohn zu den Treffen gehen. Vertrauen braucht eben Zeit und die sollen Sie sich und den anderen geben. Zum Vertrauen gehören, wie schon erwähnt, Offenheit und Ehrlichkeit. Was Sie sagen, sollte schon aufrichtig und wahr sein. Aus falsch verstandener Verschwiegenheit wird sonst schnell eine Täuschung oder sie wird als solche begriffen. Das kann man nur schwer wieder gerade biegen. An solcher Stelle sagt man besser ganz offen, dass man etwas (noch) nicht sagen oder preisgeben möchte. In Selbsthilfegruppen wird diese offene Art der Zurückhaltung meistens gut verstanden.