Seelenscherben - Werner Dopfer - E-Book

Seelenscherben E-Book

Werner Dopfer

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Beschreibung

Ein Psychotherapeut und seine Patienten – authentische Geschichten über die Brüchigkeit des Lebens. Ein Mann verliert die Selbstkontrolle und löst eine Beziehungstragödie aus. Der Unfalltod der Zwillingsschwester führt eine Frau in den Burnout. Ein Polizist findet nach einem Flugzeugabsturz die unversehrte Leiche eines Mädchens und wird dadurch schwer traumatisiert – außergewöhnliche Fälle aus dem psychotherapeutischen Alltag. Sie machen deutlich, dass die Normalität, in der wir leben, ein schmaler Grat ist. Manche stürzen ab: Eine Bedrohung, ein Unfall oder eine Verletzung genügt oft, und die Seele zerbricht. Der Psychotherapeut Werner Dopfer berichtet von den inneren Kämpfen seiner Patienten, er steigt hinab in die Tiefen der menschlichen Psyche und beschreibt anhand berührender Fälle, wie es gelingen kann, die Scherben wieder zusammenzufügen.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Werner Dopfer

Seelenscherben

Wenn die Normalität zerbricht

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Ein Mann verliert die Selbstkontrolle und löst eine Beziehungstragödie aus. Der Unfalltod der Zwillingsschwester führt eine Frau in den Burnout. Ein Polizist findet nach einem Flugzeugabsturz die unversehrte Leiche eines Mädchens und wird dadurch schwer traumatisiert – außergewöhnliche Fälle aus dem psychotherapeutischen Alltag. Sie machen deutlich, dass die Normalität, in der wir leben, ein schmaler Grat ist. Manche stürzen ab: Eine Bedrohung, ein Unfall oder eine Verletzung genügt oft, und die Seele zerbricht. Der Psychotherapeut Werner Dopfer berichtet von den inneren Kämpfen seiner Patienten, er steigt hinab in die Tiefen der menschlichen Psyche und beschreibt anhand berührender Fälle, wie es gelingen kann, die Scherben wieder zusammenzufügen.

Inhaltsübersicht

Motto

Einstimmung

Der Engel vom Bodensee

Schändlich

Aristokratische Schläge

Brennende Seele

Eva

Marokkanische Träume

Gefangene Sehnsucht

Quälende Maden

Fesseln

Der Marder

Eine afrikanische Tragödie

Ausklang

Dank

Hinweis

 

 

 

 

Wir heilen niemanden. Wir stehen nur daneben und feuern sie an, während sie sich selbst heilen.

 

Erich Fromm, Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe (1900–1980)

Einstimmung

Es tut weh, sich der Realität zu stellen …

Seit mehr als 20 Jahren höre ich Menschen zu.

Viele der mir offenbarten Lebensgeschichten weisen starke Ähnlichkeiten auf. Häufig finden wir uns auch selbst, mit all unseren menschlichen Phantasien und individuellen Erlebnissen, in den einzelnen Schicksalen wieder.

Der Grat zwischen der Normalität und dem Abnormen, zwischen Gesundheit und Krankheit, aber auch zwischen Gut und Böse ist ein sehr schmaler. Unser ganzes Leben gehen wir auf diesem Grat. Manchmal verlieren wir jedoch die Balance, drohen zu stürzen oder fallen in den Abgrund und benötigen Hilfe. Jemand, der uns hilft, die Seelenscherben zu sortieren und die Vase der Psyche neu zu gestalten.

 

Ziel einer Psychotherapie ist es, innere Konflikte zu erkennen und zu durchdringen sowie neue Möglichkeiten zu finden, mit Schicksalen, Problemen und Herausforderungen umzugehen.

Ist die Psychotherapie erfolgreich, befreit sie den Patienten von reflexhaften, automatisierten Verhaltensweisen, quälenden Gedanken und schädlichen wiederkehrenden emotionalen Eruptionen. Sie hilft dabei, sich selbst und die Welt unverstellt wahrzunehmen, realistisch einzuschätzen und gefährliche Lebensfallen zu beseitigen.

Im Grunde genommen ist Psychotherapie jedoch eine unmögliche Aufgabe, denn sie kann nie perfekt sein.

Viele Menschen, die sich bisher vertrauensvoll an mich gewandt haben, durfte ich auf ihrem persönlichen Lebensweg ein Stück begleiten. Sie zu ermutigen und ihnen mit unterstützenden Fragen und psychologisch hilfreichen Impulsen den Weg der Veränderung zu ermöglichen beziehungsweise zu erleichtern, war und ist mein Ziel.

Einigen konnte ich leider nicht helfen. Entweder war die Dynamik der Erkrankung schon zu weit fortgeschritten oder die Konfrontation mit der Realität war für den Patienten zu schmerzhaft. Mitunter lag es vermutlich auch an ganz profanen und trivialen Gründen: weil es mir als Therapeut mit meinen Fähigkeiten und Methoden nicht gelang.

Eine wesentliche Erkenntnis habe ich in all den Jahren in der Arbeit mit meinen Patienten gewonnen: Der Therapeut ist eine Station im Leben eines hilfesuchenden Menschen und erfüllt vorübergehend eine Rolle – als Ersatzmutter oder Ersatzvater, Ratgeber, Wegweiser, Ermutiger, Unterstützer, Aufklärer, Vertrauter oder aber als nur aufmerksamer Zuhörer. Rollen, die besser jemand anderes zu einem früheren Zeitpunkt hätte erfüllen sollen.

So gesehen sind wir Therapeuten »Katalysatoren für die Seele und Verbündete auf Zeit«.

 

Unzählige Geschehnisse aus meiner Praxis haben mich inspiriert und tief berührt. Dabei wurde mir immer wieder schmerzhaft bewusst: Unsere Psyche ist nur ein Lufthauch verglichen mit dem Sturm der Realität.

Die Geschichten dieses Buches erzählen von Menschen, die es nicht mehr allein geschafft haben, mit ihren Problemen fertig zu werden, denen es zu viel wurde, deren Seele bereits gebrochen war oder zu brechen drohte und die einen Menschen brauchten, der mit ihnen zusammen versuchte, neue Wege zu entdecken oder gar das Experiment zu wagen, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. Im Extremfall war es nötig, gemeinsam mit ihnen die psychischen Scherben zu sortieren und ihnen die Hoffnung zu vermitteln, dass auch zusammengeklebte Gefäße wunderschön aussehen und ausreichend Stabilität für den Rest ihres Lebens besitzen können.

Die geschilderten Krankheitsverläufe sind als typisch zu interpretieren und spiegeln daher – in Auszügen – auch den psychischen Zustand der Gesellschaft wider. Die jeweilige Symptomatik der einzelnen Fälle entspricht der klinischen Realität.

Ich bin in diesen Geschichten persönlich gegenwärtig, versuche nicht, mich hinter der Fassade des distanzierten und abgeklärten Therapeuten zu verstecken. Auch meine Gefühlswelt, die von Ratlosigkeit über Hoffnung bis hin zur Verwunderung reicht, möchte ich nicht verbergen.

 

Für mich ist mein Beruf nicht nur eine helfende Tätigkeit, sondern eine Berufung. Deshalb ist dieses Buch entstanden. Ich habe mit Seele über die Seele geschrieben.

 

Werner Dopfer,

im Sommer 2014

Der Engel vom Bodensee

Gib nicht auf. Gemeinhin öffnet erst der letzte Schlüssel im Schlüsselbund die Tür.

Paulo Coelho, brasilianischer Schriftsteller (geb. 1947), aus: Die Schriften von Accra

Alle nannten ihn Joe. Er selbst konnte sich nicht daran erinnern, jemals anders angesprochen worden zu sein. Nur tief verborgen schlummerten in seinem Gedächtnis noch die frühen, zärtlich liebkosenden Worte seiner Mutter Amely, die es genoss, ihn Johnny-Baby zu nennen. Dabei zog sie – ganz Texanerin – die Endungen von Johnny und Baby nahezu endlos in die Länge, so dass es meist wie ein fröhlich klingendes Jiiiipiiii klang.

Eigentlich hieß er Johann und war das einzige Kind eines ehemaligen GSG-9-Kämpfers und einer Amerikanerin. Amely war Ende der 1960er mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, weil ihr Vater, Offizier bei den Marines, versetzt worden war.

Joes Vater Harald lernte sie im Konstanzer Surfclub kennen. Harald imponierte ihr, weil er das Surfen – eine damals in Europa noch wenig bekannte Sportart – nahezu perfekt beherrschte. Er trug sein Haar beruflich bedingt sehr kurz, was zu jener Zeit weder zur Surfergarde noch zur aufkeimenden Hippiemode passte. Der Kontrast faszinierte sie.

Als er sie auf der Uferpromenade zum Eisessen einlud, legte er den Grundstein für eine harmonische Beziehung, die erst sieben Jahre nach Joes Geburt eine tragische Wendung nehmen sollte.

 

Johann wurde Joe genannt, weil er sich schon im Kindergarten kaum beeindrucken ließ. Er war wortkarg. Seinen Kameraden schien der Name Johann daher zu lang, zu unpassend. In ihrer kindlich treffsicheren Art nannten sie ihn einfach Joe. Außerdem war allen bekannt, dass seine Mutter Amerikanerin und sein Opa Soldat war. Anfänglich wurde er behutsam »Joe, der Ami«, später dann »Joe, der Harte« gerufen. Ihn selbst störte es in keiner Weise. Eher das Gegenteil war der Fall: Er war stolz darauf.

Klettergerüste konnten für ihn nicht hoch genug sein. Immer wenn es darum ging, sich einer besonderen Anforderung zu stellen, war er der Erste, der sich dazu bereit erklärte. Er suchte das Risiko, das Austesten, die Grenzerfahrungen und war, ohne Diskussion und viele Worte, stets zur Stelle, wenn sich kein anderer traute.

Verstärkt und angefeuert wurde er vom Marine-Opa Jack und seinem GSG-9-Vater, die sich nicht scheuten, jegliche körperliche und psychische Herausforderung mit ihm zu teilen und auszuprobieren. Sie gingen klettern, sie surften und spielten Eishockey. Im Alter von knapp fünf Jahren wurde er für zwei Monate allein in die USA geschickt, um an einem Trainingslager für American Football teilzunehmen. Des Öfteren zwangen Opa und Vater ihn auch, Kriegsfilme anzuschauen. Um ihn abzuhärten, wie sie meinten.

Seine Mutter Amely konnte sich gegen den Einfluss der beiden Männer nicht ausreichend zur Wehr setzen. Sie pendelte zwischen übermäßiger Bewunderung für ihren Sohn und der großen Sorge, ob das alles der emotionalen Entwicklung von Joe zuträglich war.

 

Zum Zeitpunkt seines Schuleintritts hatte sich in seinem Umfeld bereits ein ihm vorauseilender Ruf gebildet: Joe haut nichts um, der ist gnadenlos trainiert. Insbesondere unter den Schulkameraden genoss er Respekt und Hochachtung. Den Mädchen war er nicht ganz geheuer, was sich auch später nie ganz ändern sollte.

Zu diesem frühen und noch gänzlich unreflektierten Zeitpunkt in seiner Lebensgeschichte war er beseelt davon, hart sein zu können und hart sein zu müssen. So hatte er es gelernt. So wurde er erzogen. Deshalb wurde er so.

Das Weiche, Verletzliche hatte er bei seinen wichtigsten männlichen Vorbildern nie erlebt. Bis zu seinem 32. Lebensjahr sollte nie eine Träne seine Wangen benetzen.

*

Als er vor mir saß, war trotz seines markanten äußeren Erscheinungsbildes nichts mehr von seiner Härte zu spüren. Joe machte den Anschein eines gebrochenen Menschen, in sich gekehrt, erstarrt. Sein Blick öffnete sich nicht für die Welt, sondern wirkte nach innen gerichtet. Daran konnten auch sein muskulöser Körperbau, die Tätowierung auf dem Unterarm und sein kräftiges, langes, zu einem Zopf geflochtenes Haar nichts ändern. Das Tattoo stellte einen Footballspieler dar, der sich aus der Umklammerung einer überdimensionalen Schlange befreien will. Der Mund des Spielers war weit aufgerissen, und es schien, als würde die Schlange den Kampf gewinnen.

Als ich ihn auf das Motiv der Tätowierung ansprach, antwortete er mit teilnahmsloser Stimme: »Das Tattoo habe ich mir vor zwei Jahren stechen lassen, als ich die Hoffnung verlor, diesen Kampf gewinnen zu können. So wie der Spieler fühle ich mich. Die Schlange wird gewinnen. Sie wird ihn, sie wird mich zerdrücken.«

Dann begann er, seine Geschichte zu erzählen.

Er brauchte dazu genau fünf Stunden. Diese Zeit benötigte genau genommen nicht er, sondern im Wesentlichen ich. Die Geschehnisse seiner Geschichte waren so unfassbar tragisch, so ergreifend und niederschmetternd, dass es mir immer wieder Tränen in die Augen trieb. Mehrfach musste ich Luft holen, weil mir der Druck zu viel wurde. Damit verzögerte ich eher unbewusst den Erzählprozess, um überhaupt auch nur einen Bruchteil des Gehörten verdauen zu können. Eine Anhäufung von Traumata erzählt zu bekommen ist auch für den routiniertesten Therapeuten eine Belastungsprobe.

Joe jedoch vergoss während der fünf Stunden keine einzige Träne.

*

Kurz nach seiner Einschulung wurde Joe Kapitän der Eishockeymannschaft. Das Training fand dreimal pro Woche statt. Vater Harald und sein Opa Jack standen an der Bande, wenn sie nicht gerade beruflich im Einsatz waren.

Die GSG-9 war 1977, nach der erfolgreichen Geiselbefreiung von Mogadischu, zur international bekannten Eliteeinheit aufgestiegen, was seinen Vater Harald nicht entspannter, sondern eher noch distanzierter werden ließ. Seine Ambition, dem bisherigen Kommandoführer irgendwann nachzufolgen, stachelte ihn zu einem verbissenen Ehrgeiz an.

Die Amerikaner befanden sich im Wettrüstungsstreit mit der damaligen Großmacht Sowjetunion, und Opa Jack entwickelte zunehmend paranoide Feindbilder. All ihre Ängste und Sorgen versteckten die beiden Männer hinter einer Fassade der Coolness.

 

Als Joe zum absoluten Goalgetter in seiner Eishockeymannschaft avancierte, bekam seine Mutter den ersten epileptischen Anfall. Sie war 28, und es war ein Grandmal-Anfall. Sein Vater war es nicht gewohnt, mit Krankheit oder gar Schwäche umzugehen, und meldete sich freiwillig zu den riskantesten Einsätzen und Manövern.

Die Anfälle der Mutter häuften sich. Keiner konnte sich die Ursache erklären. Opa Jack wurde zunehmend aggressiv. Er konnte es nicht akzeptieren, dass seine Tochter – in dieser so gesunden Familie – eine Krankheit bekam, die auch noch stark genetisch bedingt sein sollte. Das war für ihn ein Makel.

Er schickte Amely zu den besten Neurologen, mobilisierte alle seine militärischen Kontakte und legte eine immense Aktivität an den Tag, nur um seinen Schmerz nicht sichtbar werden zu lassen. Mit seinen kurzgeschorenen Haaren und seiner Uniform erinnerte er den Enkel Joe in dieser Phase an einen Kriegsherrn, der in der Lage ist, die eigentlich unrettbare Situation doch noch in einen Sieg zu verwandeln. Joe hoffte, dass alles gutgehen würde, zeigte jedoch keine Emotion. Er wollte nicht vor Opa und Vater als Weichling dastehen und biss die Zähne zusammen.

Amely konnte ihren Beruf als Zahnarzthelferin nicht mehr ausüben. Die Anfälle blieben. Die zu dieser Zeit verfügbaren Medikamente brachten keine Besserung, außer dass sie Amely stark sedierten. Des Öfteren erlebte Joe seine Mutter als kaum ansprechbar. Mittlerweile trug sie zu ihrem eigenen Schutz eine Art Helm aus Plastik und Gummi. Dieser sollte Verletzungen verhindern, die aus einem möglichen Sturz infolge eines Anfalls resultieren konnten.

*

Im Alter von siebeneinhalb Jahren fand Joe seine Mutter neben dem Wohnzimmertisch liegend, als er von der Schule nach Hause kam. Sie lag zusammengekrümmt auf der Seite, den Kopfschutz hatte sie nicht mehr auf. Eine schaumige Flüssigkeit klebte an Mund und Wangen, Blut am Kopf.

Seinen Impuls, laut zu schreien, unterdrückte er mit aller Kraft. Er hatte schon öfter Verletzungen gesehen, aber intuitiv spürte er, dass das hier etwas anderes war. Seine Mutter lag so sonderbar verrenkt da und rührte sich auch nicht, als er sie zu schütteln begann. Sie reagierte nicht. Ihr blondes Haar war voller Blut. Sie war tot.

Joe konnte es nicht fassen. Sie musste unglücklich gestürzt sein. Diese Erkenntnis nahm Besitz von ihm, dennoch blickte er wie gelähmt auf seine Mutter.

Das Bild der leblosen Mutter, deren starre offene Augen auf ihn gerichtet waren, prägte sich ihm ein; dabei konnte er nicht ahnen, dass noch unzählige Tote folgen sollten.

Nach dem Schock fingen seine Gedanken an zu rasen. Auch jetzt schrie er nicht, sondern griff zitternd zum Telefon und wählte die Notrufnummer. Er hatte sich im Griff, wie es richtig war, wie es ihm Opa und Vater immer vermittelt hatten. Trotz des überwältigenden Schmerzes fühlte er sich stark.

*

Auch in der Nacht vor der Beerdigung – er spielte das Bestattungsszenario gedanklich immer wieder durch – gelang es ihm, die aufkommenden Tränen am Fließen zu hindern, auch wenn seine Augen schon feucht waren.

 

Zur Beerdigung kamen mehr als 250 Menschen, auch viele Amerikaner. Voller Patriotismus bestand sein Opa Jack darauf, dass Joe eine kleine amerikanische Flagge, zusammengebunden mit einer Rose, in das Grab von Amely werfen sollte, ähnlich wie es der Sohn von John F. Kennedy am Grab seines Vaters tun musste.

Nach der Trauerfeier wurde er von Vater und Opa gelobt. Sie seien stolz auf ihn. Er habe seinen Auftrag tapfer und würdevoll erledigt. Auch jetzt verzichteten sie darauf, den knapp Achtjährigen tröstend in die Arme zu schließen. Über den Tod der Mutter wurde nie wieder gesprochen.

*

Sein Vater und Joe führten nun einen reinen Männerhaushalt. Harald wollte in dieser Zeit keine andere Frau um sich haben. Eine Haushaltshilfe sorgte für Unterstützung. Sie war der einzige weibliche Einfluss, den Harald ertrug.

In der Schule erzielte Joe durchschnittliche Leistungen. All seine Ambitionen und Energien investierte er in sportliche Aktivitäten. Wenn er sich körperlich betätigte, schwitzte, spürte, wie die Muskeln ihm gehorchten, dann fühlte er sich zufrieden. Zu Hause war er nur noch selten. Sein Opa Jack ging in den Ruhestand und coachte ihn beim Eishockey.

 

Im Alter von 16 Jahren wurde er von einem Bundesliga-Eishockeyclub entdeckt. Das Angebot interpretierte er als große Chance und schlug es nicht aus. Kurz nachdem er seinen Realschulabschluss in der Tasche hatte, verließ er seine bisherige Heimat am Bodensee und zog nach Köln.

Dort wohnte er allein in einem Apartment, welches ihm sein Opa mit einem Teil seines Entlassungsgeldes aus der Army kurzerhand gekauft hatte. Er war stolz auf Joe und sah es als Belohnung und Förderung des Jungen, der so ehrgeizig war.

Seine Kumpels – einen nahestehenden Freund hatte er nicht – beneideten ihn um diesen Schritt, der für sie Freiheit und Autonomie bedeutete.

Sein Vater und sein Opa – einig und eindringlich wie immer – hatten ihm geraten, sich zum Polizisten ausbilden zu lassen. Eine aus ihrer Sicht ideale Kombination. Er könne seine Eishockeykarriere mit dem Beruf ideal verbinden und so in jeglicher Hinsicht erfolgreich sein. Das überzeugte ihn.

Es gab schon lange keine mütterlich-weibliche Perspektive mehr.

*

Die Ausbildung machte ihn zufrieden. Vieles war ihm bereits bekannt. Vater und Opa hatten es ihn gelehrt. Der Weg zum Polizisten war intensiv, zum Teil sehr belastend. Aber er war Joe.

 

Im Eishockeyclub wurde er schneller Stammspieler, als er es je zu träumen gewagt hätte.

Oft vermisste er jedoch eine Situation: seine Mutter an der Bande, mit ihrem Schal in den texanischen Nationalfarben, fröhlich und zuversichtlich. Mit niemandem sprach er über seine Sehnsüchte. Jeder Puck, der, durch seinen Schläger beschleunigt, geschossartig in das gegnerische Tor rutschte, löste bei ihm einen inneren stillen Jubelschrei aus: Jiiiipiiiii, Johnny-Baby!

Mit 17 war er einer der jüngsten Bundesligaspieler. Sein riskanter Stil, seine Wendigkeit auf den Kufen, aber auch sein bedingungsloser körperlicher Einsatz sorgten für Respekt und Bewunderung. Auch bei den Frauen.

Die Tochter des Trainers tauchte zusehends häufiger in den abendlichen Trainingsstunden auf. Joe realisierte es lange nicht, bis die älteren Mannschaftskameraden ihn deshalb grinsend aufzogen.

Sein Trainer kam aus Kanada. Er war ein ähnlich harter Knochen wie Joes Marine-Opa. Seine Tochter Evelyn hatte ein rundes Gesicht. Sie machte einen zarten Eindruck. Joe war fasziniert von ihrem rotblonden Lockenkopf. Wenn sie lachte, strahlte das ganze Gesicht, und die Farbe ihrer Haare verstärkte dieses engelsartige Phänomen. Von den kernigen Eishockeyspielern wurde sie geliebt und verehrt. Sie war das Mannschaftsmaskottchen, obwohl sie schon 18 war.

Sie jedoch hatte sich Joe auserkoren. Vielleicht weil er ihrem Vater durchaus ähnlich war. Bei einem Auswärtssieg umarmte sie Joe voller Freude und umklammerte ihn länger als alle anderen.

Seine Mannschaftskollegen mussten ihn fast nötigen, sie einzuladen und mit ihr auszugehen.

Als er es schließlich tat, war er so aufgeregt, dass er zum ersten Mal in seinem Leben Bier trank. Joe wunderte sich, dass er auch locker sein konnte. Sie aßen Pizza und tranken Kölsch. Dann spendierte Joe noch ein Eis auf dem Platz vor dem Kölner Dom. Zum Dank strich ihm Evelyn liebevoll über die Wange. Zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren berührte ihn ein Mensch zärtlich. Joe war irritiert und verwirrt, schaute Evelyn konsterniert an und wusste nicht, was er tun sollte, außer sich Hals über Kopf zu verabschieden.

Am nächsten Tag trainierte er umso härter, um diesem für ihn neuen sonderbaren Gefühl nicht näher begegnen zu müssen.

Evelyn gab nicht auf. Sie wollte Joe und sonst keinen.

 

Nach dem Abitur entschied sie sich für ein sozialpädagogisches Studium. Ihre zugewandte Art, ihre Fähigkeit, sich zu freuen und zu strahlen, machten sie schnell beliebt. Das positive Lebensgefühl der 1980er sorgte dafür, dass sie viele Verehrer hatte. Sie wollte jedoch Joe und ließ kein einziges seiner Spiele aus, egal ob im eigenen Stadion oder auswärts.

 

Als Joe Torschützenkönig der laufenden Saison wurde, besuchte ihn sein Vater. Das führte zur Wende. Als er Evelyn am Spielfeldrand bemerkte, fragte er Joe, wer das sei. Darüber aufgeklärt, bemerkte er in seinem sachlich distanzierten Ton nur ganz lapidar, dass es auch für Joe langsam an der Zeit sei, sich für Frauen zu interessieren.

*

Sie wurden ein Paar. Joe spielte besser als je zuvor. In seiner späteren Lebensbilanz sollte er diese kurze Phase als die schönste in seinem Erwachsenenleben bezeichnen.

Evelyn, sein Trainer, die Mannschaft, das Spiel gaben Joe das Gefühl, angekommen zu sein.

*

 

Mit knapp über 20 heirateten sie. An der Hochzeitsfeier nahmen alle seine Mannschaftskollegen teil. Manche blickten neidvoll auf den neuen Star des Clubs und seine besondere Frau. Sie war mitten im Studium, er Polizist im Streifendienst, als Evelyn schwanger wurde. Sie bezogen eine Beamtenwohnung.

 

Es war ein Tag im Dezember, den er nie vergessen würde. Joe war einer der gefährlichsten Eishockeystürmer der Bundeliga geworden. Zum Spiel in Garmisch gegen den SC Riessersee hatte sich der Bundestrainer angekündigt. Joe stand auf seiner Beobachtungsliste. Evelyn war wie immer in der Nähe der Trainerbank. Ihr Bauch wölbte sich – trotz der Winterkleidung – deutlich sichtbar. Sie strahlte. Joe war stolz und voll innerer Überzeugung, dass sich das Schicksal inzwischen auf seine Seite geschlagen hatte.

 

Seine Mannschaft führte. Es passierte in der Mitte der zweiten Halbzeit. Joe hatte bereits vier Tore erzielt und stand schwer im Fokus der gegnerischen Abwehr. Dennoch gelang es ihm, die Abwehr elegant zu umkurven. Plötzlich stand nur noch der Torwart vor ihm, ein korpulenter Russe, berüchtigt für seine rücksichtslosen Bodychecks. Joe war durch die erzielten Treffer leicht übermütig geworden und wollte auch den Torwart umkurven. Dieser jedoch warf sich ihm mit seinem gesamten Gewicht entgegen. Die Zuschauer schrien auf. Aufstehen konnte nur noch einer: der Torwart. Joe blieb auf dem Eis liegen.

 

Er wurde noch in der Nacht operiert, und die Ärzte prognostizierten am nächsten Morgen – schonungslos und ohne jegliches Gespür für die Bedeutung ihrer Aussage –, dass er wohl nie wieder würde Eishockey spielen können.

Angesichts der Nachwirkungen der Narkose drang diese niederschmetternde Nachricht nur teilweise in sein Bewusstsein. Erst als er Evelyn tränenüberströmt an seinem Bett sitzen sah, wusste er, dass es ernst war. Es war aus, vorbei. Er würde zwar kein Krüppel werden, aber ein Mensch mit einem zertrümmerten Knie, das nie mehr diese sportlichen Belastungen würde aushalten können, die sein Lebenselixier waren.

*

Ende Januar brachte Evelyn eine Tochter zur Welt. Sie nannten sie Pamela. Ihr kleines Gesicht animierte ihn, Hoffnung für sein weiteres Leben ohne Eishockey zu schöpfen. Joe lebte einige Tage mit der Vorstellung, dieses kleine Wesen würde ihm wieder Zuversicht schenken und eine neue Herausforderung im Leben vermitteln können: als Vater.

Pamela aber starb am plötzlichen Kindstod, bevor Joe wieder richtig gehen konnte.

Als er sein Kind morgens tot im Bettchen liegend vorfand, geschah etwas mit ihm. Er merkte förmlich, wie er sich innerlich verhärtete. Gleichzeitig verschwamm das leblose Gesicht seiner Tochter mit dem Gesicht seiner toten Mutter. In diesem Moment glaubte er, wahnsinnig zu werden.

In den Minuten, während er die Unfassbarkeit des Geschehens betrachtete, wurde ihm klar, dass es die zweite Tote in seinem Leben war, die er vor sich sah: nach seiner Mutter jetzt seine Tochter.

Die Beerdigung seiner Tochter ließ alle Erinnerungen an die Beerdigung seiner Mutter wieder aufleben. Nächtelang sah er sich mit den immer gleichen Bildern konfrontiert, die ihm den Schlaf raubten, ihn jedoch nicht zum Weinen brachten. Etwas tief in seinem Innersten hinderte ihn daran. Er war doch Joe.

*

Evelyn verlor ihr Strahlen, studierte jedoch weiter. Ihre Beziehung wurde schwierig. Joe verweigerte zunehmend das Sprechen, aber auch den intimen Kontakt. In ihrer Trauer und Ratlosigkeit, wie auch endlosen Nächten ohne Schlaf, versuchte Evelyn, Joe zu einer gemeinsamen Beratung zu bewegen. Joe lehnte es konsequent ab. Er begann zu rauchen, was sie extrem störte. Ihr Vater – Joes ehemaliger Trainer – durfte nicht mehr über Eishockey reden. Joe verließ dann immer sofort den Raum.

*

Als Evelyn mit dem Studium fertig war, schlug Joe vor, zurück an den Bodensee zu ziehen. Er erhoffte sich Distanz zum Eishockeyverein, zum Tod der Tochter und zu allem, was damit zusammenhing. Evelyn willigte ein.

Joe bewarb sich bei einer Sondereinheit der Kriminalpolizei. Er wurde genommen, da diesen Job niemand machen wollte. Unter den Kripo-Beamten wurde diese Tätigkeit als Aufräumer bezeichnet. Bei Unfällen, Suiziden, Morden mussten Leichen oder auch Leichenteile am Ort des Geschehens sortiert, beschriftet, eingesammelt und verpackt werden.

Joe arbeitete, emotionslos und zuverlässig.

Er rauchte viel und war meist allein. Er sprach kaum noch, weder mit Evelyn noch mit den Kollegen. Seinen Großvater konnte er nicht mehr ertragen. Dieser alte Mann, der immer noch so gesund war. Für seinen Vater – so sein Eindruck – war er wertlos geworden, weil dieser nicht mehr stolz auf ihn sein konnte, da er nicht mehr funktionierte.

Zuneigung hatte es immer nur gegeben, wenn er gesund, aktiv und erfolgreich war. Das sollte Joe aber erst viel später klarwerden.

*

Seine Frau bekam eine Assistentenstelle an der Uni und promovierte.

Als er eines Nachts, früher als erwartet, von einem Sondereinsatz nach Hause kam, überraschte er Evelyn mit einem ihrer Studenten im Ehebett. Er war Kanadier.

Joe wollte im ersten Impuls auf ihn losgehen. Dann kontrollierte er sich und rannte aus der Wohnung. Er ging in die nächste Bar mit der Absicht, sich zu betrinken. Es gelang ihm nicht. Die Bilder in seinem Kopf waren stärker als der Alkohol. Den Rest der Nacht verbrachte er in seinem Büro. Die Kollegen entdeckten ihn am nächsten Morgen. Er war mit dem Kopf auf der Schreibtischplatte eingeschlafen. Die Dienstwaffe lag neben ihm.

 

Evelyn wollte die Scheidung. Joe willigte ein. Es war ihm egal. Sie behauptete, zurück zur Familie nach Kanada ziehen zu wollen. Joe wusste es besser.

Mittlerweile hatte er 89 Leichen gesehen, die seiner Mutter und seiner Tochter nicht mitgerechnet.

Joe lebte nun allein. Er mied die Menschen, gab es jedoch nicht auf, sich fit zu halten, trotz seiner Knieverletzung. Regelmäßig trainierte er seinen Oberkörper im Fitnessstudio. Nur wenn er auf der Hantelbank Gewichte stemmte und die Kilos besiegte, konnte er für einige Momente vergessen. Er ließ sich das Haar wachsen, was ihn für einige Frauen interessant machte, doch er realisierte es nicht, da er kaum mehr einen Blick auf die Außenwelt, geschweige denn auf Frauen richtete.

Beim Zählen der Leichen war er bei 102 angekommen. Sein Chef bot ihm an, einen anderen Job zu übernehmen. Joe lehnte ab, denn er war immer noch Joe.

*

Am 1. Juli 2002 um genau 23:35:32 Uhr kam es in 10630 Metern Flughöhe im Luftraum zwischen Owingen und Überlingen am Bodensee zu einer Kollision zweier Flugzeuge. Es handelte sich um eine russische Tupolew der Bashkirian Airlines und ein DHL-Frachtflugzeug, Typ Boing 757-200.

An Bord des Passagierflugzeugs befanden sich 69 Menschen, darunter 45 Kinder im Alter zwischen 8 und 16 Jahren. Es war ein Charterflug von Moskau nach Barcelona, gedacht als Belohnung für Kinder aus der Stadt Ufa, die, meist hochbegabt, besonders gute Leistungen in der Schule erzielt hatten.

Die Frachtmaschine wurde von zwei Piloten gesteuert und war auf dem Weg von Bergamo nach Brüssel.

Alle 71 Personen, die sich an Bord der beiden Maschinen befanden, kamen ums Leben.

Die Trümmer der Maschinen, aber auch das, was sich an Bord befand, waren über ein Areal von etwa 30 Quadratkilometern verstreut. Nachdem ein Großteil der Brände gelöscht worden war – Hunderte Helfer der unterschiedlichsten verfügbaren Hilfseinrichtungen waren im Einsatz –, begann man, nach Überlebenden zu suchen. Die gezielte Bergung der Leichen begann am 3. Juli.

*

Es war ein sonniger Sommertag. Auf dem Weg zum Einsatzort lag Blütenduft in der Luft. Die Oberfläche des Bodensees glänzte und wäre unter anderen Umständen dazu geeignet gewesen, Urlaubsstimmung zu erzeugen.

Das Trümmerfeld der Wrackteile wie auch der Brand- und Kerosingestank machten jedoch sehr schnell das Ausmaß des Unglücks klar, eine Katastrophe, wie sie viele der Ersthelfer noch nie gesehen hatten.

Joe wurde zusammen mit seinen Kollegen eingesetzt, um das großflächig betroffene Gebiet nach Leichen oder Leichenteilen zu durchkämmen. Normalerweise sollten sie – ausgestattet mit Funkgerät, Plastiksäcken und Kennzeichnungsmaterialien – zu zweit unterwegs sein. Sie hatten die Information, dass es sich bei der Mehrzahl der Toten um Kinder handelte, bereits bei der Einsatzbesprechung erhalten.

Joe – das wussten und akzeptierten seine Kollegen – suchte jedoch allein. Er hatte bereits mehrere Gliedmaßen gefunden, diese gekennzeichnet und den genauen Fundort auf einer Karte vermerkt.

Mit der Zeit streifte er immer weiter weg vom Zentrum der Unfallstelle über die Wiesen. Das verstand er auch als seinen Auftrag, da schon vermutet worden war, das Gebiet könnte großräumig betroffen sein. Er entdeckte nur noch vereinzelt Trümmer der Tupolew und gab sich der Hoffnung hin, an diesem Tag nicht mehr allzu viele Leichenteile einsammeln zu müssen.

Am späteren Nachmittag, als er bereits ein wenig müde wurde, näherte er sich einer kleinen Hügelkuppe mit zwei größeren Bäumen. Er nahm sich vor, noch bis dorthin zu gehen, kurz auszuruhen und sich dann auf den Rückweg zur Haupteinsatzstelle zu machen.