Seelenschwur - Andrea Revers - E-Book

Seelenschwur E-Book

Andrea Revers

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Beschreibung

Auf der Flucht. Nach den Ereignissen um die geraubte Rodin-Skulptur ist der Läufer Vlat auf sich allein gestellt. Er muss schnellstmöglich die letzten Seelenschulden begleichen, damit in seinem Kopf wieder Ruhe herrscht. Doch als ob es nicht schon schwer genug wäre, den Auswüchsen der sadistischen Seele Schangs standzuhalten, die mithilfe eines mächtigen Läuferkörpers großes Unheil anrichten könnte, droht Vlat nun von einer ganz anderen Seite Gefahr. Der unbändige Drang der Menschen, sich seiner überwältigenden Kräfte zu bemächtigen, zwingt Vlats Vertraute Hanna zu einer Rettungsexpedition, um den letzten Läufer aus den Fängen der Pharmaindustrie zu befreien und ihn vor ihren Experimenten zu schützen. Doch wie soll ihr das gelingen – und wem kann sie dabei wirklich trauen?

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Andrea Revers

Seelenschwur

Band 2: Die Erlösung

Roman

Impressum1. Auflage 2025

© Eifeler Literaturverlag

In der Verlagsgruppe Mainz

Alle Rechte vorbehalten

Printed in Germany

Eifeler Literaturverlag

Verlagsgruppe Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.eifeler-literaturverlag.de

Gestaltung, Druck und Vertrieb:

Druck & Verlagshaus Mainz

Süsterfeldstraße 83

52072 Aachen

www.verlag-mainz.de

Lektorat: René Völlmecke

Umschlagsgestaltung: Dietrich Betcher

Satzgestaltung: Vuslat G. Güctemur

Abbildungsnachweis (Umschlag)

© yarohork / #731766753 / stock.adobe.com

Print:

ISBN-10: 3-96123-136-2

ISBN-13: 978-3-96123-136-2E-Book:

ISBN-10: 3-96123-146-X

ISBN-13: 978-3-96123-146-1

Andrea Revers

Band 2:

Die Erlösung

Roman

Eifeler Literaturverlag 2025

Rückblicke

Leise eilen wir den schmalen Gang entlang. Der junge Italiener folgt mir. Er ist nervös, Schweißtropfen laufen ihm die Schläfen hinunter und er atmet rasch. Keine Kondition. Da! Ich höre eilige Schritte hinter uns. Mist, sie kommen. Jetzt gilt es. Wenn wir die Mole erreichen und das Motorboot starten können, bevor sie uns entdecken, haben wir eine Chance. Die Dunkelheit würde uns verschlucken und einige Kilometer weiter können wir an Land gehen und uns in Sicherheit bringen.

»Ich kann nicht mehr!« Diego hat angehalten. Er steht vornübergebeugt, hält sich die linke Seite und stöhnt.

Fuck, das kann ich gerade gar nicht gebrauchen. »Los, wir müssen weiter. Ich höre sie schon kommen.«

Warum habe ich mich bloß auf dieses Himmelfahrtskommando eingelassen? Die Stelle im Zeugenschutz sollte meiner Karriere guttun. Jetzt geht es nur noch ums Überleben.

Mein Schützling Diego Franetti hat sich bereit erklärt, gegen die Mafia auszusagen. In den letzten drei Jahren war er als Wirtschaftsprüfer einer Immobilienfirma tätig und hat dort Einblicke in die Geschäftstätigkeit des deutschen Ablegers der Organisation erhalten. Immobilienkäufe wuschen schmutziges Geld blütenweiß. Was seine Arbeitgeber nicht ahnten war, dass Diego nicht nur ein fantastisches Zahlengedächtnis hat, sondern auch ein christliches Menschenbild und ausgeprägte Gewissensbisse. Er wendete sich an das BKA, um sich als Kronzeuge zur Verfügung zu stellen. Und ich, Franka Wottke, war so blöd, die Aufgabe zu übernehmen, ihn bis zur Gerichtsverhandlung zu schützen. Wir waren in einem sicheren Haus in direkter Nähe des Bodensees untergebracht, weitab vom Gerichtsplatz München. Ich war zuversichtlich, dass wir damit aus der Schusslinie wären. Wer sollte uns schon hier vermuten? Doch weit gefehlt. Wir wurden aufgespürt. Die Arme der Mafia reichen anscheinend auch bis ins BKA hinein.

Als der stumme Alarm losging, riss ich Diego aus dem Bett, ab in den Keller, wo es einen Fluchtweg gibt, der direkt zum Wasser führt. Jetzt haben die Kerle, die hinter uns her sind, den Eingang entdeckt. Verdammte Scheiße! Irgendjemand muss da geplaudert haben.

Die Schritte nähern sich. Ich zerre Diego weiter. Es sind nur noch ein paar Meter bis zum Ausgang, der direkt im Hafen endet. Dann knapp zwanzig Meter zur Mole. Da sind wir ungeschützt. Hoffentlich haben sie dort keine Leute aufgestellt. Die schießen uns ab wie Tontauben.

Vorsichtig öffne ich die schwere Metalltür und lausche in die Nacht hinaus. Stille. Nur ein paar Grillen zirpen. Von hinten nähert sich ein Lichtschein. Die Verfolger sind direkt hinter uns und ich habe keine Wahl. Ich schiebe Diego vor mich und decke ihn mit meinem Körper ab. Jetzt habe ich eine Zielscheibe auf dem Rücken.

Wir haben Glück. Ich renne mit meinem Schützling in Richtung Mole. Er hat beim Anblick des Motorboots wieder Mut geschöpft und sprintet los. Schon ist er ins Boot gesprungen und ich direkt hinterher. Da sind die Verfolger an der Tür und sehen uns. Sie reißen die Waffen hoch und eröffnen das Feuer. Ich werfe mich vor Diego, denn das ist das, wofür ich hier bin. Ein brennender Schmerz im Oberarm. Ich bin getroffen. Diego sinkt zusammen. Er muss etwas abbekommen haben. Ich schaffe es noch, das Boot zu starten und in die Nacht hinauszufahren, aber ich spüre, wie mir die Sinne schwinden. Diego rührt sich nicht. Mir ist kalt ...

Vlat schreckte aus seinem Schlaf auf. Wieder war er in einem fremden Traum gefangen. Franka Wottke hatte Schreckliches erlebt und es gelang ihr nicht, damit abzuschließen. Er seufzte.

Vlat waren die Träume der Menschen unergründlich. Wie konnte man sich so viele Gedanken um längst Vergangenes oder ungewisses Zukünftiges machen? Es musste mit ihrer Kurzlebigkeit zusammenhängen. Wenn man nur so wenig Zeit hatte, erlebte man wahrscheinlich jedes Detail des eigenen Lebens als ungemein wichtig. Wie hektisch sah es wohl im Kopf einer Eintagsfliege aus?

Vlat schüttelte sich. Er war kein Mensch, sondern ein Läufer – ein Wesen aus der Vergangenheit, einer der letzten seiner Art. Für ihn spielte Zeit keine Rolle. Sie verging. Er wäre nie auf die Idee gekommen, Zeit zu messen. Wozu auch? Hanna, seine Vertraute, hatte mal nachgerechnet, dass er nun schon seit rund 12000 Jahren lebte und dieser Gedanke hatte sie ziemlich fertig gemacht. Ihm war das egal. Die Jahre kamen und gingen und alles, was heute wahnsinnig wichtig schien, verlor sich im Strudel der Zeit. Es war, als würde man in einem Fluss stehen und der Strom des Lebens flösse an einem vorbei – die Zukunft würde zur Gegenwart, zur Vergangenheit und fort. Er zuckte mit den Achseln, drehte sich herum und schlief weiter. Um Frankas Seele würde er sich später kümmern müssen, aber jetzt war die Zeit der Ruhe.

Am Abend erwachte er erfrischt. Vlat hatte sich im Wald des Nationalparks Eifeleine kleine Kuhle gesucht, weitab von der nächsten Zivilisation. Nun wollte er erst einmal jagen gehen. Vlat hoffte, dass es ihm gelänge, ein Reh oder einen Hirsch überreden zu können, so lange stillzuhalten, bis er ausreichend Blut gesaugt hatte. Für die Tiere war diese Prozedur zwar stressig, aber relativ schmerzlos, zumal Vlat in der Lage war, die Bissspuren mit seinem Speichel zu betäuben und zu heilen. In der Regel verzichtete er darauf, die Tiere zu töten, denn die Freisetzung einer Seele, ob nun tierisch oder menschlich, brachte eine Seelenschuld mit sich, die er nur ungern trug. Bei größeren Säugetieren bereitete es ihm in der Regel keine Probleme sie leben zu lassen, aber bei kleineren Exemplaren wie Füchsen oder Eichhörnchen konnte es Vlat schon mal passieren, dass er die Tiere vor lauter Blutdurst tötete. Er bedauerte das sehr. Wobei die Seele eines jeden Tieres relativ friedlich war und schnell verging. Im Gegensatz zu menschlichen Seelen. Die konnten ziemlich viel Ärger verursachen, wie Franka Wottke ihm wieder einmal bewies. Er wusste, dass der Seelensturm sich irgendwann legen würde – spätestens, wenn er Frankas Lebensaufgabe erfüllt hätte – aber bis dahin würde sie ihm wahrscheinlich noch einige unruhige Tage bereiten. Doch zunächst musste er sich um Jean und sein unangenehmes Alter Ego Schang kümmern. Er musste ein Kunstwerk schaffen.

Er stand auf. Jetzt war erst einmal Jagdzeit.

Einige Zeit später machte er sich frisch genährt auf den Weg zur französischen Grenze. Es war erst wenige Tage her, dass er aufgebrochen war, um seinen Seelenschwur Jean gegenüber endgültig zu erfüllen. Jean war der letzte der drei Soldaten, die ihm vor einiger Zeit in dem großen Krieg durch ihre Tode Leben schenkten. Vlat war kurz vor dem Verhungern gewesen, denn die Eifeler Wälder waren erfüllt von Schlachtenlärm und Menschen, die auf alles schossen, was sich bewegte. Wochenlang hatte er auf Nahrung verzichten müssen, denn Wild war weit und breit keins zu entdecken. Er war über die drei jungen Männer gestolpert, die gerade von einer Granate schwer getroffen worden waren und im Sterben lagen. Der Blutgeruch hatte ihn fast wahnsinnig gemacht und so hatte er die Blutschuld auf sich geladen und sie in den Tod begleitet. »Seelentrinken« nannte man das, denn mit dem Tod desjenigen, von dem man trank, ging seine Seele in die des Läufers über, mit all ihren Erinnerungen und Fertigkeiten. Man wurde eins. Allerdings auch mit all den unerfüllten Zielen, Aufgaben und Erwartungen. Um die eigene Seelenruhe wiederzufinden, übernahm der Läufer die Bürde, die Lebensaufgabe zu erfüllen, sodass die arme Seele Ruhe finden konnte.

Kein Wunder, dass Vlat nicht besonders gierig auf menschliches Blut war. Er war schon die letzten achtzig Jahre damit beschäftigt, die Seelenschwüre gegenüber den drei Soldaten Josef, Waldi und Jean/Schang zu erfüllen.

Bei Josef war die Aufgabe nicht ganz uneigennützig gewesen, denn Josef war ein Nachkomme eines Stammes, der die Fähigkeit besaß, mental mit den Läufern zu kommunizieren. Und auch Josef verfügte über diese Gabe, er war ein »Vertrauter«. Es waren schwierige Zeiten für Läufer und Josef war klar, dass sie auf die Hilfe der Vertrauten angewiesen waren, um zu überleben. Gemeinsam hatten sie Hanna gefunden, eine Nachfahrin von Josef. Die junge Psychologiestudentin hatte Vlat geholfen, die Lebensaufgabe von Waldi und auch von Jean zu erfüllen, ihn damit aber unwissentlich in Gefahr gebracht. Jetzt waren wieder Menschen hinter ihm her. Deshalb hatte er sich allein auf den Weg gemacht. Um Hanna zu schützen. Denn er wusste, dass er sie unaufhaltsam in den Strudel der Gewalt hineinziehen würde. Und dafür war sie ihm viel zu teuer.

Jeans Seelenschuld war weitgehend getilgt. Vlat hatte ihm ermöglicht, eine gestohlene Bronzefigur von Rodin wieder in die Hände zu bekommen, die dem jungen Kerl vor seinem Zusammentreffen mit Vlat sehr teuer gewesen war. Für die er sogar getötet hatte … Jetzt wollte Jean selbst ein solches Kunstwerk schaffen.

Dann würde endlich wieder Ruhe in Vlats Schädel einkehren. Jean und Schang sollten verschwinden. Speziell Schang. Der junge Jean hatte durch die geballten Gewalterfahrungen, die er selbst erlebt und begangen hatte, eine Persönlichkeitsspaltung entwickelt. Mit Jean konnte man auskommen. Doch mit Schang war nicht gut Kirschen essen. Der gewaltbereite Soziopath lauerte stets in Vlats Geist und war sogar in der Lage, die Kontrolle über ihn zu übernehmen. So hatte Schang Franka im Kampf schwer verletzt und dann ihre Seele getrunken, nur um an ihre Erinnerungen zu gelangen. Völlig überflüssig! Vlat hoffte von ganzem Herzen, dass mit Jean auch Schang Ruhe finden und aus seinem Geist verschwinden würde. Doch bis dahin war noch ein weiter Weg.

Jetzt ging es nach Paris, ins Musée Rodin, um weitere Figuren von Auguste Rodin zu betrachten. Die von Jean geklaute Skulptur »Femme nue sur le dos, jambes relevées«, von Jean liebevolle »Gretchen« genannt, war inzwischen wieder zu den Nachkommen ihrer ursprünglichen Besitzer zurückgekehrt und ihre Entdeckung wurde gerade großartig gefeiert. Jean trauerte ihr immer noch hinterher.

Teil 1:

lose Fäden

Jean

Mir geht es gut. Ich habe den Eindruck, ich wäre aus einem tiefen Traum erwacht. In dieser Zeit ist die Welt an mir vorbeigezogen. So als wäre ich gar nicht da. Doch jetzt gibt es mich wieder. Ich durfte mein »Gretchen« wieder in den Armen halten. Und inzwischen weiß ich auch, wie es sich anfühlt, mit einer echten Frau in Liebe verbunden zu sein. Das war so viel mehr als nur diese Figur aus Bronze zu halten und zu bewundern. Deshalb konnte ich sie loslassen. Möge sie anderen so viel Freude bereiten wie mir.

Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch. Ich möchte selbst etwas so Großartiges schaffen. Ja, ich weiß, dass ich kein Künstler bin. Aber darum geht es gar nicht. Ich möchte wissen, wie sich Metall so in Form bringen lässt, wie sich die Materialien verbinden, wie aus Stangen flüssiges Material entsteht, das sich zu etwas ganz Besonderem formt. Ich möchte lernen, wie er das gemacht hat, dieser Rodin. Vor meiner Begegnung mit Gretchen hatte ich nie von ihm gehört, dabei muss er sehr berühmt gewesen sein. Doch bei den Nationalsozialisten galt er nichts. Im Gegenteil!

Ich habe eine Lehre als Werkzeugmacher begonnen und mich mit Metallen beschäftigt. Doch es ging immer nur um Waffen und Kriegsgerät. Ich wusste nicht, dass man mit Metall Kunstwerke schaffen kann. Das will ich lernen.

Vlat

Vlat lief durch die Wälder der Eifel, wie an einer Schnur gezogen. Er kannte die Gegend schon seit Tausenden von Jahren, spürte die Magnetlinien der Erde. Hier konnte ihm niemand etwas vormachen. Das würde anders werden, wenn er sich in zivilisierteren Gegenden orientieren musste. Die unterschiedlichen Gerüche, die Bebauung, der Verkehr – all das würde seinen inneren Kompass irritieren. Außerdem wusste er gar nicht so genau, wo Paris lag. Die Stadt war ja relativ neu.

Er spürte ein inneres Schnauben in seinem Kopf. Franka. Die Seele hatte sich inzwischen daran gewöhnt, mit Vlat verbunden zu sein, aber der war sich nicht sicher, ob sie wirklich realisiert hatte, dass sie tot war. Dank ihres Wissens und ihrer Fertigkeiten war er endgültig in der Gegenwart angekommen. Während seiner Begegnung mit Hanna hatte er noch fassungslos auf die Errungenschaften der Mobiltelefonie und des Internets geblickt, jetzt fragte er sich, wie er bloß ohne Handy und Computer auskommen sollte. Aufgrund von Frankas Lebenserfahrung, die lange Jahre als Polizistin, Söldnerin und Security-Fachfrau gearbeitet hatte, verfügte er über umfangreiche Kenntnisse und hatte anscheinend auch Zugang zu ihren Konten, denn er kannte diverse Kontonummern und Passwörter. Er hoffte nur, dass sie keine biometrischen Daten genutzt hatten, um die Konten zu sichern. Denn inzwischen war auch ihm, der rund zwölftausend Jahre ohne einen Cent ausgekommen war, klar, dass er dringend Geld brauchte.

Er würde in Luxemburg Halt machen. Luxemburg war ein großer Finanzplatz und Frankas aktuelle Heimatstadt. Soweit man da von aktuell sprechen konnte, wenn man tot war. Sie würde hier alles Nötige veranlassen können, um Zugriff auf ihre Konten zu erhalten. Allerdings mussten sie dabei sehr vorsichtig sein, denn Franka war sich viel mehr als Vlat selbst bewusst, in welcher Gefahr er schwebte. Wenn die Pharmaindustrie erst einmal Wind von einem Wesen bekommen hatte, das anscheinend unsterblich und in der Lage war, jede Zelle seines Körpers zu erneuern, dann würden sie keine Ruhe geben, bis sie ihn in den Fingern hatten.

Franka hatte eine kleine Wohnung im Cloche d‘Or – zentral gelegen bot der Wohnkomplex die Anonymität, die sie schätzte. Sie hatte sich nicht häufig hier aufgehalten, denn ihre Aufträge führten sie durch das komplette Bundesgebiet und oft genug auch in die Schweiz. Doch die Stadt hatte ihr gefallen und außerdem war der Ort perfekt, um ihre finanziellen Angelegenheiten diskret zu regeln.

Sie hatte das Türschloss ihrer Wohnung durch einen sechzehnstelligen Zahlencode gesichert. Vlat hoffte, dass sie sich noch an den Zahlencode erinnern würde, sonst hätten sie ein Problem.

Es war schon früher Morgen, als er die Anlage betrat. Er trug seinen langen dunklen Mantel mit Kapuze, um mit seinen leuchtend roten Haaren nicht aufzufallen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Franka wies ihn auf Kameras hin, die er möglichst unauffällig passieren sollte. Doch lief er natürlich direkt im Eingangsbereich dem Nachtwächter in die Arme, der die dunkel gekleidete, großgewachsene Gestalt misstrauisch beäugte.

»Wohnen Sie hier? Ich habe Sie hier noch nie gesehen?«

Vlat nickte.

»Welches Appartement?«

»F27.«

Gleichzeitig durchflutete Vlat den Angestellten mit einem wohligen Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens.

»Ah, gut. Dann noch eine gute Nacht.« Der Nachtwächter drehte sich um und setzte seine Tour fort.

Praktisch, hörte Vlat Franka in seinem Kopf sagen. Es war das erste Mal, dass Franka sich so deutlich und klar zu Wort meldete. Vlat erwiderte nichts, aber das Wohlbehagen in seinem Geist verstärkte sich.

Bald darauf stand er vor der Wohnungstür. Vor seinem geistigen Auge erschien eine Ziffernfolge, die er einfach in das Pad eingab. Das rote Licht begann zu blinken. Vlat war unsicher. Hatte das jetzt seine Richtigkeit? Er hatte mit einem grünen Licht gerechnet oder einem Knacken des Schlosses.

»Raute, Null, Stern, Stern«, ergänzte Franka.

»Doppelt genäht hält besser«, gab Schang seinen Senf dazu.

Vlat erstarrte und Franka verschwand unmittelbar aus seinem Geist. Sie vermied jede geistige Berührung mit ihrem Mörder. Vlat stöhnte innerlich auf. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Doch dann gab er sich einen Ruck und tippte die vier Zeichen ein. Die Tür öffnete sich mit einem leichten Schnarren.

Einige Stunden später saß Vlat an Frankas Schreibtisch, ein aufgeklapptes Notebook vor sich. Inzwischen hatte sich seine Gestalt deutlich verändert. Seine Haare waren dunkelbraun gefärbt, was ihm gar nicht schlecht stand. Franka hatte ihn ermuntert, seine Gesichtszüge weicher zu zeichnen und seine Gesichtsfarbe den dunklen Haaren anzupassen. Seine Augenfarbe veränderte er mit Hilfe farbiger Kontaktlinsen von grün zu braun. Er hatte es auch mit einer Auswahl Perücken probiert, die Franka für alle Fälle in ihrem Badezimmer im Wandregal deponiert hatte, doch war der Gesamteindruck nicht überzeugend gewesen. Natürlich konnte er sein Aussehen auch auf natürliche Weise ändern, indem er die Gesichtszüge verschob, Pigmente die Farbe ändern ließ und Zellen altern oder sich verjüngen ließ. Aber das kostete Kraft und Konzentration, die er im Zweifel anderswo besser einsetzen konnte.

Jetzt saß er am Rechner und orderte Kleidung für sich. Franka fand den dunklen Mantel zu auffällig. Sie empfahl schlichte schwarze und blaue Jeans, ein paar T-Shirts und einen dunklen Hoodie. Dazu bequeme Sneaker. Sie würden so lange in der Wohnung bleiben, bis Vlat sich neu ausstaffiert hatte und unauffällig in der Menge untertauchen konnte. Allerdings war die Security-Expertin unruhig. Sie hatte das Appartement zwar unter dem Mädchennamen ihrer Mutter angemietet, aber ein guter Spürhund würde nicht lange brauchen, ihre Fährte aufzunehmen. Vlat spürte Frankas Unbehagen das sich auf ihn übertrug. Er war sowieso schon ungern in geschlossenen Räumen. Und jetzt auch noch der vierzehnte Stock. Das war definitiv nicht seine Welt.

Bis zum Eintreffen der Kleidungsstücke ordnete Vlat die finanziellen Angelegenheiten. Unter Frankas Anleitung transferierte er Gelder auf ein Offshore-Konto, das er online eröffnet hatte. Franka verfügte über ein erkleckliches Depot an Bitcoins, das sie in ein Wallet verschob, zu dem Vlat Zugang hatte. Ihre Alterssicherung. Aber die war ja jetzt überflüssig. Das Geld würde nicht ewig reichen, doch sicher ein bis zwei Jahre. Und mehr Zeit brauchte Vlat hoffentlich nicht, um seine Aufgaben zu regeln und wieder in den Wäldern zu verschwinden. Jetzt benötigte Vlat nur noch eine virtuelle Karte, die er auf einem Handy hinterlegte. Fertig!

Es würde ein paar Stunden brauchen, bis alles eingerichtet und aktiv war, aber Franka war erst einmal beruhigt, dass die wesentlichen Dinge angepackt waren. In einer Schublade hatte sie Ersatzhandys und Prepaidkarten deponiert.

Vlat zog ein Mobiltelefon aus der Innentasche seines Mantels. Lus hatte die tote Franka durchsucht und alles an sich genommen, was sie fand. Vlat spürte zunächst Frankas Erleichterung, dass ihr Handy nicht bei der Leiche geblieben war. Dann würde man sie vielleicht nicht ganz so schnell aufspüren können. Doch auch Lus war nicht zu trauen. Vlat beruhigte sie. Schang hatte Lus das Handy abgenommen und mit ihm hätte sie sich nie angelegt.

Franka bereitete noch eine andere Sache Kopfzerbrechen. Inzwischen hatte sie durch die Zusammenarbeit mit Vlat den Mut gefasst, in die Offensive zu gehen. Vlat konnte nun ihre Stimme direkt in seinem Kopf hören, in der ersten Zeit nach Frankas Tod waren es nur Gemurmel, diffuse Gefühlseindrücke und Bilder gewesen.

»Wir sind zu vorhersehbar. Man kann uns zwar nicht verfolgen, aber deine nächsten Schritte vorausahnen. Das ist nicht gut.«

Vlat war nicht klar, worauf sie hinauswollte. »Was meinst du?«

»Wenn ich dich richtig verstehe, hat Lus mitbekommen, welchen Auftrag du von Jean bekommen hast. Es geht um die Schaffung einer Statue wie die von Rodin.«

Vlat nickte nur.

»Da ist der Weg nach Paris der nächste logische Schritt. Wir müssen in die andere Richtung.«

Vlat spürte, wie Jean sich innerlich auflehnte und beruhigte ihn mit einer leichten Oxytocin-Ausschüttung.

Doch Franka hatte eine Idee: »Ich schlage vor, mir machen einen virtuellen Museumsrundgang per Computer. Das muss reichen.«

Es klingelte an der Tür. Endlich! Die bestellten Kleiderpäckchen. Heute Abend wären sie wieder auf dem Weg.

Lus

Müde klappte Luisa Martinez, die von allen Menschen nur Lus genannt wurde, ihren Laptop zu und schloss die Augen. Sie hatte wieder einmal in den einschlägigen Foren recherchiert, ob sie jemanden fand, mit dem sie ihren Studienplatz in Medizin tauschen konnte. Doch ohne Ergebnis. Leider war die Ruhr-Universität in Bochum alles andere als beliebt. Wenn sie in der Sache nicht bald weiterkam, konnte sie ihr Studium hinschmeißen.

Natürlich hätte sie einfach zum nächsten Seminar auftauchen können, doch sie war sich ziemlich sicher, dass Professor Esslingen nur darauf wartete, sie wieder in die Finger zu bekommen. Apropos Finger – der abgetrennte Finger von Vlat ruhte immer noch steril verpackt in den Tiefen ihrer Gefriertruhe. Klar, wenn sie Esslingen das Teil gab, würde er sie mit Kusshand zurücknehmen und ihr vielleicht sogar wirklich ein paar Türen öffnen, aber das würde auch dazu führen, dass sie die Kontrolle verlor. Wäre der Finger erst einmal in irgendeinem Forschungsinstitut gelandet, wäre Vlat Freiwild.

Mehrmals täglich wählte Esslingen ihre Nummer und hatte auch schon vor der Tür gestanden. Doch Lus, die ihn bereits vom Fenster aus gesehen hatte, ignorierte seine Kontaktversuche und hatte sich in ihr Schneckenhaus zurückgezogen. Sie trauerte immer noch ihrer früheren Mitbewohnerin nach und machte sich Vorwürfe, dass sie Hanna und Vlat verraten hatte. Dabei war das überhaupt nicht ihre Absicht gewesen. Eigentlich hatte sie nur die Neugier getrieben, ein mit Vlats Blut getränktes Taschentuch im Labor zu untersuchen. Diese Fähigkeiten, die der Läufer hatte, waren aber auch zu faszinierend: Extreme Langlebigkeit, die Fähigkeit zur Zellerneuerung, seine Selbstheilungskraft, ja, selbst seine Extremitäten konnte er nachwachsen lassen. Wie ein Axolotl!

Lus war sich sicher, dass er seinen Finger nicht vermisste. Der war schon längst wieder nachgewachsen. War es da ein Wunder, dass sie nicht widerstehen konnte, sein Blut zu untersuchen oder den Finger einzustecken? Schließlich studierte sie Medizin. Und natürlich war ihr klar, welche Möglichkeiten sich boten, ließen sich diese besonderen Fähigkeiten des Wesens entschlüsseln. Ja, sie war ehrgeizig. Und auch deshalb wollte sie nicht, dass Esslingen den Finger bekam. Sie kannte ihn gut genug. Er würde sie abservieren. Davon abgesehen war er natürlich auch ein Gott im Labor. Da käme sie nicht mit. Klar, sie hatte während der Wartezeit auf den Studienplatz eine Ausbildung zur Chemielaborantin gemacht und ihre Medizin-Zwischenprüfung mit Bravour bestanden, aber es fehlte noch so viel. Ach, wenn sie ihm doch bloß trauen könnte. Aber er war ein selbstverliebter Wichtigtuer.

Dass er ihr jetzt hinterherstieg hatte sicher damit zu tun, dass er sich bereits zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte bei seinen tollen Kontakten zu Big Pharma. Er hatte ihr zwar beim letzten Telefonat zugesagt, sie bloß unterstützen zu wollen und ihr ansonsten freie Hand zu lassen. »Sie sind der Chef im Ring«, hatte er gesagt. Aber sie hatte nicht vergessen, wie er sie im Labor unter Druck gesetzt und dafür gesorgt hatte, dass sie ihren Laborjob verlor. Hätte er erst einmal Zugriff auf die Forschungsergebnisse, was wären seine ganzen Versprechungen noch wert?

Wäre Hanna jetzt hier, würde sie fragen, um was es Lus eigentlich ginge? Darum, den Menschen das Leben zu verlängern und Krankheiten zu heilen oder doch mehr um ihren eigenen Ruhm? Lus krauste die Stirn. Sie konnte das Gesicht ihrer Freundin vor sich sehen. Für Hanna war immer alles so einfach. Lus bewunderte sie für ihre Integrität und Klarheit. Bei ihr selbst sah das anders aus. Ja, sie wollte den Menschen helfen UND den Ruhm für sich. Sie war es doch, die es geschafft hatte, diesem seltsamen und seltenen Wesen so nah auf die Pelle zu rücken, dass sie sich seines Blutes und Knochenmarks bemächtigen konnte. Das hatte vor ihr niemand geschafft. Da wollte sie erst recht die Früchte ernten.

Wie dem auch sei – so wie jetzt konnte es nicht weitergehen. Sonst würde der Finger bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag im Kühlfach dahingammeln und sie hätte nichts erreicht. Also musste sie sich zusammenreißen und sich irgendwie Zugang zu einem Labor verschaffen. Ohne unerwünschte Beobachter.

Ihren Studienplatz hatte sie noch. Wenn sie ihr Studium an einem anderen Ort fortführen konnte, hätte sie eine Chance. Dieses Semester konnte sie wahrscheinlich schon abschreiben. Sie seufzte und öffnete erneut den Laptop. Da gab es noch einige Tauschbörsen durchzuarbeiten.

Hanna

Es hatte nur ein paar Tage gedauert, bis Hanna eine neue Bleibe gefunden hatte, nachdem sie Hals über Kopf aus Lus‘ Wohnung ausgezogen war. Der Vertrauensbruch ihrer früheren besten Freundin bereitete ihr immer noch emotionale Wechselbäder zwischen Wut und Trauer.

Das neue Appartement war ein Glücksfall gewesen. Sie hörte, wie sich zwei Damen beim Bäcker darüber unterhielten, dass die Mutter der einen jetzt doch ins Pflegeheim übersiedeln würde und nun die Souterrainwohnung frei würde. Hanna hatte sich spontan eingemischt und einen positiven Eindruck hinterlassen. Auf jeden Fall hatte ihr die Dame die Adresse gegeben, sodass sie sich bereits am nächsten Tag dort vorstellen konnte. Es dauerte dann zwar weitere vierzehn Tage, bis alles unter Dach und Fach war, aber jetzt hatte sie ein hübsches kleines Appartement mit Gartenblick in Querenburg, nicht weit von der Uni entfernt.

Sie war froh, der Übergangscouch im Studentenwohnheim, die ein freundlicher Kommilitone für sie frei gemacht hatte, entfliehen zu können. Ursprünglich hatte sie vorgehabt, sich einfach wieder auf ihr Studium zu konzentrieren und die Episode mit dem Läufer ad acta zu legen. Er war aus ihrem Leben verschwunden und legte anscheinend keinen Wert mehr auf ihre Unterstützung. Punkt. Doch musste sie sich eingestehen, dass sie ein wenig gekränkt war. Sie war eine der seltenen Menschen auf der Welt, die in der Lage waren, sich mit den Läufern mental auszutauschen. Sie war eine »Vertraute«, durch ihr Familienerbe dazu bestimmt, einen Jahrtausende alten Bund neu zu beleben, um den Läufern in der Menschenwelt zu helfen. Vlat war ein mindestens zwölftausend Jahre altes Wesen. Eine Zahl, bei der ihr immer noch der Atem stockte. Das war die Zeit, wo die letzten Vulkane der Eifel explodierten und das Land unter Lava begruben. Ihr persönlich kam fünfzig Jahre schon lang vor, die alten Römer uralt. Jesus Christus hatte vor rund zweitausend Jahren gelebt. Und Vlat, dieses unglaubliche Wesen, hatte das alles miterlebt, war durch die Welt gewandert, als es keine Grenzen gab. Sie hatte in der großen Verschmelzung der Seelen, von der sie Teil gewesen war, einen Eindruck von der Fülle der Erinnerungen bekommen und war immer noch völlig gefangen darin.

Wie sehr hatte sie sich gegen den mentalen Austausch mit Vlat gesträubt und seine Fähigkeit, ihr Bilder und Gefühle zu senden, als zutiefst manipulativ empfunden. Doch diese besondere Erfahrung bei ihrer letzten Begegnung – die Verschmelzung aller in ihm innewohnenden Seelen – hatte sie das bereuen lassen. Welche Zeitverschwendung! Was hätte sie alles lernen können? Gerade sie als angehende Psychologin hätte so sehr profitieren können von diesem Austausch der Seelen. Stattdessen hatte sie eine mentale Mauer errichtet, weil sie ihm nicht vertraut hatte. Und dabei war sie es selbst gewesen, die ihrer Freundin Lus, entgegen Vlats Wunsch, von ihm erzählt hatte. Und diese hatte ihrer beider Vertrauen gebrochen, indem sie seine Existenz an Menschen verraten hatte, die nichts anderes im Kopf hatten, als seiner habhaft zu werden, um ihn für die Wissenschaft im wahrsten Sinne des Wortes »auszuschlachten«.

Hanna hatte sich frustriert in ihr Studium vertieft, um ihrer Einsamkeit zu entgehen. Durch Vlat und seine Erfahrungen mit der Seele Schang/Jean war sie sensibilisiert worden für das Phänomen der dissoziativen Persönlichkeitsstörung und hatte sich in klinische Psychologie und Psychotherapie vertieft. Sie gestand es sich nicht ein, aber tief in ihrem Inneren schlummerte die Hoffnung, dass sich Vlat doch eines Tages wieder bei ihr melden würde. Vielleicht brauchte er Hilfe, um Schangs Seele loszuwerden.

Jetzt war er auf dem Weg, um den letzten Wunsch von Schangs Alter Ego Jean zu erfüllen, verbunden mit der Hoffnung, dass die fragmentierte Seele dann Ruhe hätte und sich zurückziehen würde. Doch was wäre, wenn das nicht passierte? Vielleicht würde ja nur Jean verschwinden, Schang aber immer stärker werden. Hanna schauderte bei dem Gedanken, dass ein klinischer Soziopath die Kontrolle über Vlats Fähigkeiten gewinnen könnte. Der hätte keinerlei Skrupel, seine Mitmenschen zu manipulieren und zu quälen. Allein das reichte schon, um ihr Angst zu machen. Zudem war der Läufer nahezu unsterblich. Er alterte nicht und seine Selbstheilungskräfte waren unfassbar. Wer würde Schang aufhalten können, sollte er die Macht über Vlat übernehmen? Trotz seiner Lebenserfahrung und der Unterstützung seiner Seelengemeinschaft, war es Vlat kaum gelungen, seine geistige Integrität zu bewahren. Würde sie ihm helfen können, wenn es hart auf hart kam? Nicht, wenn sie nur hier herumsaß und grübelte.

Sie riss sich zusammen und beugte sich wieder über ihr Fachbuch. Hoffentlich hörte sie bald etwas von der Klinik in Dortmund Aplerbeck, wo sie sich für ein klinisches Praktikum beworben hatte. Wie auch immer, sie würde alles tun, was in ihrer Macht stünde, um bereit zu sein, falls Vlat ihre Hilfe brauchte.

Lus

Frustriert ließ Klaus Esslingen die Hand vom Klingelknopf sinken. Wieder einmal hatte er probiert, seine Studentin Luisa Martinez zu kontaktieren, doch diese war entweder verreist oder weigerte sich, ihm die Tür zu öffnen. Inzwischen bereute er, dass er sie gefeuert hatte. Klar, er war unheimlich frustriert gewesen, als sie plötzlich behauptet hatte, ihre Erzählungen über ein unbekanntes Wesen mit unglaublichen Fähigkeiten wären ihrer Phantasie entsprungen und das Ergebnis eines leichten Marihuanarauschs. Schließlich hatte er persönlich das getrocknete Blut untersucht. Was wollte sie ihm da vormachen? Er hatte gehofft, wenn er sie nur ausreichend unter Druck setzte, würde sie einknicken und ihm die Wahrheit erzählen. Immerhin hatte das schon einmal funktioniert. Doch diesmal war sie einfach gegangen. Hatte sich auf dem Absatz rumgedreht und ihn stehenlassen. Als er ihr hinterhergebrüllt hatte, dass sie ihren Studienplatz abschreiben könnte, hatte er es nicht so gemeint.

Seitdem war sie nicht mehr aufgetaucht. Er hatte sich bei Kommilitoninnen nach ihr erkundigt, doch nur Schulterzucken geerntet. Niemand wusste etwas über Lus‘ Pläne. Man munkelte, sie wolle den Studienort wechseln, aber keiner kannte die Gründe. Ein Studienplatzwechsel – das konnte er nun überhaupt nicht brauchen. Nachdem er das Taschentuch mit dem Blut untersucht hatte, war er völlig euphorisch gewesen. So euphorisch, dass er sofort seinen alten Studienkollegen Rolf Biswanger angerufen hatte, der inzwischen ein hohes Tier in der Forschung von Pharmako war. Da gab es zuerst ungläubiges Schweigen, dann ein Schnauben und, ja, tatsächlich hatte Rolf ihn gefragt, ob er gekokst hätte. Zu absurd war die ganze Geschichte. Er hatte mit Engelszungen reden müssen, um Rolf davon zu überzeugen, für das Projekt Forschungsgelder freistellen zu lassen. Und jetzt das. Er hatte nichts vorzuweisen. Und seine einzige Quelle war versiegt. Nein, so schwer es ihm fiel, er brauchte diese Studentin. Ohne sie wäre er aufgeschmissen.

Erneut hob er die Hand und drückte den Klingelknopf. Er würde ihn nicht mehr loslassen, bis sie ihm die Tür aufmachte oder irgendjemand von den Nachbarn die Polizei holte.

Lus stand am Fenster hinter der Gardine und spähte nach draußen. Wieder Professor Esslingen, der ihr die Nerven schmirgelte. Wie gut, dass es die Möglichkeit gab, die Türklingel stumm zu stellen. Der konnte klingeln, bis ihm die Finger abfielen. Sie grinste. Irgendwie hatte sie es mit Fingern.

Was wollte er bloß von ihr? Er hatte ihr doch unmissverständlich klargemacht, dass sie in seinem Labor nichts mehr verloren hätte. Wahrscheinlich bereute er es inzwischen, sie so schmählich behandelt zu haben, der Idiot. Sie war sein einziger Zugang zu Vlat. Ohne sie käme er keinen Millimeter weiter. Wenn er wüsste, was in ihrem Gefrierfach lagerte, würde er ihr nicht nur sofort ihre Stelle wiedergeben, sondern auch noch persönlich den roten Teppich ausrollen und ihr die Füße küssen. Aber ihr Entschluss stand fest. Sie würde sich die Angelegenheit nicht wieder aus der Hand nehmen lassen. Esslingen war für sie gestorben. Er würde sich mit dem Taschentuch zufriedengeben müssen. Das war sowieso schon mehr, als ihm zustand.

Sie wandte sich um und setzte sich wieder an den Computer. Inzwischen hatte sie zwei Menschen gefunden, die eventuell mit ihr tauschen würden. Aber es war schon erstaunlich, welche Wünsche hier geäußert wurden. Die eine würde ihren Platz in Berlin nur tauschen, wenn Lus sicherstellte, dass sie einen Anatomiepraktikumsplatz bekam. Da hatte Lus überhaupt keine Einflussmöglichkeiten. Der andere Typ wollte nicht nur den Studienplatz, sondern auch direkt ihre Wohnung übernehmen. Gut, mit Letzterem hatte sie kein Problem. Sollte er die Wohnung doch bekommen, falls er die Miete aufbrachte. Sein Studienplatz war in Mainz. Gar nicht so übel. Sie schrieb dem Mann eine Mail.

Danach stöberte sie ein wenig im Internet. Sie wollte sich einen Überblick verschaffen, wie in Mainz das Studium organisiert war und welche Labormöglichkeiten es dort gab. Sie überlegte sogar, ob sie sich nicht auch für Chemie einschreiben wollte. Mit ihren Vorkenntnissen sollte sie recht schnell Zugang zum Labor bekommen.

Ob Esslingen immer noch auf die Klingel drückte? Sie gab seinen Namen in die Suchleiste ein. Möglicherweise fand sich ja ein Hinweis auf seine Forschungen oder seine Verbindungen in die Pharmaindustrie. Dann wüsste sie wenigstens, wo herum sie einen großen Bogen machen müsste. Sie fand einige Forschungsarbeiten von ihm. Mal sehen, vielleicht gab es ja einen Sponsor. Sie lud die Arbeiten aus der Wissenschaftsdatenbank und überflog sie rasch. Besonders interessierten sie die Transparenzhinweise am Ende. Bingo. In mehreren Fällen hatte Esslingen Forschungsgelder von Pharmako erhalten. Sie rief die Internetpräsenz des Konzerns auf.

Nach einer knappen Stunde eifriger Recherchen war Lus sich sicher, dass der Pharmakonzern Esslingen am Wickel hatte. Es gab dort ein großes Forschungsfeld, dass sich mit den menschlichen Alterungsprozessen und Zellsterben beschäftigte. Sie klickte sich durch die Abstracts durch. Interessant. Aber so wirkliche Fortschritte gab es offenbar nicht zu verzeichnen, zumindest nichts, was man auf Menschen bereits erfolgreich anwandte. Lus schloss den Laptop und erhob sich, um sich ein Wasser zu holen. Mit dem Glas in der Hand ging sie zum Fenster, um vorsichtig durch die Gardine zu schauen. Anscheinend hatte Esslingen das Weite gesucht. Okay, jetzt hatte sie eine Idee, warum er ihr so auf die Pelle rückte. Aber was half ihr das? Sollte sie sich doch mit ihm treffen? Wenn sie nicht bald eine Lösung fand, würde ihr kaum etwas anderes übrigbleiben.

Sie seufzte tief auf und setzte sich wieder aufs Sofa, wo ein Stapel Fachbücher aus der Unibibliothek auf sie wartete. Alles zum Thema Progerie und Zelltod. Irgendwie musste sie die Zeit konstruktiv nutzen und sich Wissen draufschaffen, wenn sie ihre Ziele verwirklichen wollte. Eins der Bücher war weniger Fachbuch als vielmehr eine Ansammlung von Fallberichten. Interessiert blätterte sie die einzelnen Fallbeschreibungen durch und studierte die Fotos. Meist waren Kinder von Progerie, der frühzeitigen Alterung, betroffen. Wie furchtbar musste es für die Eltern sein, mit einer solchen Diagnose konfrontiert zu werden. Und erst die Kinder! Lus spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Hier musste dringend etwas getan werden. Wie der Autor berichtete, waren die Gendefekte, die zu solchen Auswirkungen führten, so selten, dass es kaum Forschung und Medikamente gab. Und alles war für die Betroffenen irrsinnig teuer und ohne Spenden nicht zu finanzieren. Schrecklich! Sie war sich sicher, würde Vlat diese Bilder sehen, wäre er bereit, sie bei ihren Forschungen zu unterstützen. Doch hatte sie keine Ahnung, wie sie an ihn herankommen sollte.

Sie blätterte weiter. Das Werner-Syndrom. Davon hatte sie noch nie gehört. Die Fotos zeigten junge Erwachsene, die jedoch deutlich älter wirkten als sie an Jahren zählten. Anscheinend waren nicht nur Kinder von Progerie betroffen, sondern auch Erwachsene. Ein Chromosomendurchbruchsyndrom. Sie hob die Augenbrauen. Was es nicht alles gab. Sie zog ihren Rechner zu sich heran und googelte die Krankheit. Es gab hierzu Forschungen, aber noch keine tragfähigen Ergebnisse. Finanziert wurden diese Forschungsprojekte durch eine internationale Stiftung. Das war wahrscheinlich auch die einzige Möglichkeit, in größerem Stil an Forschungsgelder zu kommen. Sie rief die Seite der Stiftung auf. Wenn schon Big Pharma nicht helfen konnte, hätte sie ja hier möglicherweise mehr Glück.

Direkt auf der Homepage prangte das Bild des Stifters, ein Japaner namens Tanaka Dan.

»At GOD Foundation, we are dedicated to pioneering breakthroughs in the understanding of life and death and the prevention of premature ageing. Our mission is to harness the power of cutting-edge science and technology to extend the healthy lifespan of people around the world. We strive to accelerate research that uncovers the root causes of ageing, pushing the boundaries of what is possible in the fight against time. Through innovation, collaboration, and a relentless commitment to excellence, we aim to transform the future of ageing, providing hope and solutions for generations to come.«

Wer zum Teufel war Tanaka Dan und konnte er ihr helfen? Zumindest hatte er einen Wikipedia-Eintrag. Erstaunlich, gerade mal neunundzwanzig Jahre – nur vier Jahre älter als sie. Ein erfolgreicher und bekannter Gamer, der schon mit siebzehn die ersten internationalen Erfolge bei Wettbewerben eingefahren hatte. Da gab es ordentlich Preisgeld. Fuck, sie führte das falsche Leben. Sie hatte gar nicht gewusst, dass man mit Spielen so viel Geld verdienen konnte. Inzwischen hatte Tanaka sich aus der aktiven Szene zurückgezogen und eine eigene Company gegründet, die Computerspiele entwickelte. Genesis of Death gehörte dazu, seit vier Jahren das meistgespielte Survival Game auf dem Weltmarkt. Sein Vermögen wurde von Forbes auf 1,4 Milliarden Dollar geschätzt.

Interessant. Lus dachte nach. Warum gründete ein neunundzwanzigjähriger Gamer eine Stiftung, die sich der Erforschung der vorzeitigen Alterung verpflichtet? Das war ja eigentlich nichts, was einen normalen Menschen umtrieb. Es sei denn, er wäre persönlich betroffen. Sah er auf den Fotos nicht älter aus, als er war? Meist hübschten die Menschen doch die Porträtfotos auf, die sie ins Netz stellten, und alterten sie nicht künstlich. Natürlich könnte sein Aussehen einem ungesunden Lebensstil geschuldet sein. Den ganzen Tag am Computer sitzen und mit dem Joystick spielen war ja nicht gerade gesundheitsfördernd. Sie zoomte das Foto heran. Mmh, schwer zu sagen. Vermutlich war es tatsächlich bearbeitet worden. So glatte Haut ohne jegliche Pickel hatte doch keiner. Und trotzdem wirkte er deutlich älter als neunundzwanzig.

Sie lud das Foto in die Rückwärtssuche und ließ sich Bilder von Tanaka Dan anzeigen. Er war recht klein im Vergleich zu seinen Mitathleten. Und hatte sich in den letzten fünf Jahren deutlich verändert. Seine großen Erfolge hatte er als Teenager erzielt und dann nach und nach abgebaut. Und doch gab es keinerlei Hinweise auf eine mögliche Erkrankung.

Nach einigen Recherchen war Lus sich sicher. Tanaka hatte die Stiftung nicht uneigennützig ins Leben gerufen, nein, der machte sein eigenes Ding. Und dabei wollte er anscheinend um jeden Preis verhindern, dass jemand von seiner Erkrankung erfuhr. Jetzt musste sie nur eine Möglichkeit finden, an ihn heranzukommen.

Vlat