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In Wilhelmshaven gibt es eine ganz besondere Kolonie Flussseeschwalben. Seit 25 Jahren sind die Vögel unter genauester Beobachtung. Man kennt die Tiere mit Namen und mit ihren individuellen Persönlichkeiten und Beziehungen. Das alles im Dienste der Wissenschaft. Ob "Lotti" oder ihre Verwandten: die Vögel liefern wertvolle Daten und die Geschichte ihrer Erforschung erweist sich als faszinierender Einblick in die moderne Ornithologie. Ein anekdotenreiches, spannendes und witziges Sachbuch über den Einfallsreichtum der Forscher und die Verhaltensbiologie faszinierender Vögel, die bei ihren Wanderungen Rekorde aufstellen.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für unsere Familien
© U. Franzen
Inhalt
Vorwort
Totale Überwachung
Der Staat
Ein langes Leben
Fressen und gefressen werden
Die Ehen
Die Kinder
Gesprächsstoff
Gedankenspiele
Luftnummern
Die Auszeit
Unter Menschen
Danksagung
Zum Weiterlesen
Autoren
Impressum
© W. Rolfes
VORWORT
Alle lieben Lotti. Selbst Leute im Team, die sie gar nicht mehr persönlich erlebt haben, meinen, sie zu kennen. So viel wird noch immer über die legendäre Vogeldame gesprochen. Lotti ist bloß eine unter Tausenden Flussseeschwalben aus einer riesigen Brutkolonie am Banter See, einem ehemaligen Hafenbecken in Wilhelmshaven kurz hinter dem Nordseedeich. Seit Jahrzehnten bevölkern die Vögel das Areal mit viel Getöse und sehen für Menschenaugen alle exakt gleich aus. Sie erinnern an kleine, elegante Möwen mit vier markanten Merkmalen: einer schmalen schwarzen Kappe am Kopf, einem leuchtend roten Schnabel, roten Beinchen sowie einem langen, gegabelten Schwanz. Männchen und Weibchen ähneln einander zum Verwechseln. Auch Lotti sticht rein äußerlich nicht heraus. Trotzdem gilt sie als Überfliegerin und als Wappentier der ganzen Truppe.
Dass Lotti es zu solcher Berühmtheit bringen würde, wusste bei ihrer Geburt freilich noch niemand. Am 7. Juni 1989 kroch die kleine Seeschwalbe als jüngstes von drei Geschwistern aus dem Ei. Wenig später begann sie, am Kiesboden der Kolonie herumzuwuseln: ein bräunlich fleckiges, lauthals fiependes Flauschebällchen. In den nächsten Wochen entwickelte sie sich zu einer flüggen Halbstarken und machte sich gegen Ende des Sommers erstmals auf ihren langen Weg ins Winterquartier südlich der Sahara.
Von dort kehrte sie als Erwachsene jeden Frühling in ihre Heimatkolonie zurück, wurde schließlich selber Mutter – und immer älter, älter und älter. Durchschnittlich lebt eine Flussseeschwalbe ungefähr zehn Jahre. Lotti brachte es auf 24. Erst im Frühjahr 2014 blieb sie aus, mag also die Strapazen des Vogelzugs nicht mehr geschafft oder irgendwo in Afrika ihre letzte Ruhe gefunden haben. Oder geistert sie auf ihre alten Tage einfach noch ein bisschen in der Weltgeschichte herum? Auch wenn das irrational ist, hält sich die Hoffnung, dass Lotti doch noch wieder auftaucht, bis heute hartnäckig unter ihren menschlichen Fans.
Berühmt ist Lotti aber nicht nur als Überlebenskünstlerin, sondern auch als Übermutter. Mit drei Jahren, vergleichsweise früh für ihre Art, legte sie erstmals Eier und machte fortan viele Brutsaisons so weiter. Im Durchschnitt wurden jedes Mal zwei ihrer Küken flügge, fast doppelt so viele wie gewöhnlich bei Flussseeschwalben. Insgesamt waren es 38, und die wiederum zeugten inzwischen Dutzende von Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln.
Vielleicht liegt ein Teil von Lottis Erfolgsstory in ihrer Verlässlichkeit begründet. Sie brütete fast immer im selben Winkel der Kolonie. Ihre erste Liaison mit einem gewissen Jan hielt zwar nur kurz, doch da war sie auch noch jung und unbedarft. Direkt als Nächstes verbrachte sie 16 lange Jahre mit ein und demselben Partner – Otto. Gegensätze ziehen sich an: Lotti und Otto wirkten wie Tag und Nacht. Sie gab sich sanft, gelassen, fast schon gleichmütig. Er hingegen war einer der dominantesten Männer der gesamten Flussseeschwalben-Kolonie. Seine Bekannten hüteten sich, ihm etwas streitig zu machen.
2009 wurde Lotti Witwe. Otto kam nicht mehr aus Afrika zurück. Wie es der Zufall wollte, blieb im selben Frühling auch bei Hartmut, einem langjährigen Nachbarn von Lotti, die Partnerin aus – und ziemlich direkt, ohne großes Fackeln und langes Trauerjahr, taten er und Lotti sich zusammen. Man kannte sich eben.
VÖGEL UNTER BEOBACHTUNG
Warum man das alles so genau weiß? Weil Lotti und ihr Clan im Sekundentakt überwacht werden. Die Betreiber dieser Massen-Spionage, die „Big Brothers“, sind am Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven tätig. In den letzten vier Jahrzehnten engagierten sich dort Dutzende Menschen aus aller Welt für die Erkundung des Flussseeschwalben-Kosmos.
Wer kommt? Wer brütet mit wem – und wie erfolgreich? Wann reisen die einzelnen Tiere an und wieder ab? All das und mehr wird ermittelt, Sommer für Sommer, Tag für Tag. Dabei hilft ausgefeilte Technik, die die Seeschwalben automatisch registriert. Dafür bekommt jeder Jungvogel einen Mikrochip, quasi eine elektronische Hundemarke.
Mehr als 6.000 Tiere wurden schon auf diese Weise markiert. Um sie leichter auseinanderzuhalten, erhalten sie zusätzlich zu ihrer Nummer einen individuellen Namen. Inzwischen ist es gar nicht mehr so leicht, neue zu finden.
Weltweit gilt das Projekt in seiner Größe und Dauer als einmalig. Ursprünglich war das Ziel des Ganzen, zu verstehen, warum es den Seeschwalben in der Wattenmeer-Region so schlecht ging. Die Bestände waren seit den 1950er-Jahren stark geschrumpft und niemand wusste so recht, warum. Um das Problem aufzuklären und Abhilfe zu schaffen, wollte das Team die Lebensweise der Vögel so genau wie möglich ergründen.
Begründer und langjähriger Leiter des Projekts ist Peter H. Becker. Er ist zwar inzwischen im Ruhestand, dem Team aber immer noch eng verbunden. Seine Nachfolgerin Sandra Bouwhuis, die die Leitung 2016 übernahm und schon vorher wissenschaftlich am Banter See tätig war, führt die Langzeitforschung mit den bewährten Methoden und eigenen Arbeitsschwerpunkten weiter.
EIN GROSSES ABENTEUER
Ich, Bettina Sauer, stieß 2015 zu den Seeschwalben – komplett unbedarft. Eigentlich wohne ich in Berlin, arbeite als Journalistin, interessiere mich aber seit meiner Kindheit sehr für Tiere und ihre Verhaltensweisen. Als ich relativ kurzfristig einen längeren Urlaub für mich alleine planen musste, fragte ich mich, ob es vielleicht ein Praktikum oder Ehrenamt in diesem Bereich gibt, am liebsten an der Nordsee.
Ungefähr diese Stichwörter muss ich bei Google eingegeben haben, ganz genau weiß ich es nicht mehr. Jedenfalls erzielte ich einen interessanten Treffer: Institut für Vogelforschung in Wilhelmshaven.
Ich fasste mir ein Herz und rief dort an. Seither bin ich der festen und schon mehrmals bestätigten Überzeugung, dass Ornithologen wahnsinnig nett sind. Ohne große Einwände und Bedenken bekam ich einen Praktikumsplatz am Institut mitsamt Schlafplatz im Gästehaus. Insgesamt verbrachte ich vier Wochen Urlaub bei den Flussseeschwalben vom Banter See, fuhr noch mehrmals hin und durfte alles, was an Arbeiten und Forschungsaufgaben anfiel, mitmachen und miterleben.
Was ich da in meinen Vogelferien zu tun und sehen bekam, faszinierte mich. Menschen, die versuchen, alles über die Lebensweise einer ganz speziellen Tierart herauszufinden, die wie geduldige Goldgräber immer wieder Neues zutage fördern. Ein gewaltiger Aufwand für seltene Vögel, die viele Leute in Deutschland vermutlich gar nicht kennen, die aber äußerst spannende Verhaltensweisen zeigen. Und zu guter Letzt ein Professor, der die Flussseeschwalben über die Jahrzehnte zu seinem Lebensthema gemacht hat und bis heute genauso begeistert von ihnen ist wie am ersten Tag.
Er und ich sind darüber bei einem Spaziergang ins Gespräch gekommen. Dass es wunderbar wäre, den ganzen Schatz einmal aufzuschreiben. Als Buch für all jene, die sich für Natur und insbesondere für Vögel interessieren. Und dass es spannend wäre, nicht allein von den Flussseeschwalben zu erzählen, sondern sie als Beispiel für die Vogelwelt insgesamt zu nutzen. Schließlich stehen Lotti und ihr Clan nicht für sich. Vieles, was sie in ihrer Biologie auszeichnet, kommt auch bei anderen Vögeln vor. Manches gilt sogar für alle ungefähr 10.000 derzeit lebenden Vogelarten.
Die verschiedenen Kapitel des Buches berichten über wesentliche Erkenntnisse der Ornithologie. Zum Beispiel, warum Vögel fliegen, singen und Eier legen, wie sie ihren Platz zum Leben und ihre Partner finden, wovon sie sich ernähren, wann sie selbst Teil der Nahrungskette werden oder was in ihren Köpfen so vor sich geht. Der letzte Abschnitt widmet sich dem heiklen Thema, welche Schäden Menschen unter Vögeln anrichten und wie sich gegensteuern lässt.
Berichtet wird all das ausgehend von der Brutkolonie am Banter See. Viele der Flussseeschwalben dort haben spannende Lebensgeschichten. Das meiste, was die Vögel so treiben, wirkt zwar ziemlich typisch für ihresgleichen und folgt einem steten Kreislauf aus Ankommen, Balzen, Brüten, Kindergroßziehen und Abreisen gen Süden. Doch diverse Vögel, darunter Lotti, Otto, Hartmut, Kirsi, Latoya, Pepita, Atreju, Bibo, Karl und wie sie alle heißen, verblüfften ihr menschliches Publikum im Laufe der gemeinsamen Jahre mit äußerst ungewöhnlichen Aktionen. Viele erstaunliche, witzige und berührende Geschichten von den Tieren sind am Banter See fast schon legendär und bei Gesprächen im Institut oder nach Feierabend immer wieder Thema. Nun erzählen wir sie auch Ihnen ...
© P. H. Becker
TOTALE ÜBERWACHUNG
Meine Vogelferien bei den Seeschwalben begannen Anfang April 2015. Schon in den Tagen und Wochen vor meiner Abreise hatte sich bei mir Vorfreude mit einem aufgeregten Kribbeln vermischt. Wie würde es da oben wohl werden? Würde ich mich in dem fremden Forschungsteam wohl fühlen – und hoffentlich nicht blamieren? Und was war an der Nordsee im Frühling mit dem Wetter? Die Packliste, die ich hilfreicherweise zugeschickt bekommen hatte, machte mir schon klar, dass es durchaus kalt, nass und schmutzig werden könnte. Und meine Berliner Freunde behandelten mich neuerdings irgendwie ehrfürchtig, als stünde ich kurz vor einer großen Expedition. Auch mitten in Deutschland kann man offenbar Abenteuer erleben.
Am Donnerstagabend vor Ostern packte ich Kram für viereinhalb Wochen in einen großen Koffer und fuhr am nächsten Morgen los: erst über die Feiertage zu meinen Eltern, von dort aus weiter nach Wilhelmshaven. Wir hatten abgesprochen, dass ich direkt vom Bahnhof zur Feldstation kommen solle, der Weg dauere zu Fuß nur ungefähr 20 Minuten und abends bringe mich dann jemand zum Gästehaus des Instituts. Also stiefelte ich aus dem Zug heraus und los, zwischen etwas rußig wirkenden Gründerzeitbauten entlang, meinen Rollkoffer im Schlepptau.
Schließlich erreichte ich den Banter See – und hatte direkt den Impuls, tief durchzuatmen. Dieses Gefühl von Weite plötzlich. Der See ist ungefähr 600 Meter breit und zieht sich lang gestreckt über etwa zweieinhalb Kilometer hin, parallel zur Nordsee und nur durch einen durchgängigen Deich von ihr getrennt. Ich war genau am Ufer gegenüber angekommen. Zwischen mir und dem Deich lag also der See, ich konnte nicht kurz auf die grüne Höhe hinauf und das Meer sehen. Aber ich roch es. Außerdem wirkte der See selbst wie ein kleines Meer. Ein kräftiger Wind wühlte das Wasser auf, Möwen kreisten darüber. Ich war schon einmal begeistert.
Als Nächstes führte mein Weg nach rechts und weiter am Längsufer des Banter Sees entlang. Die Straße verlief ab jetzt mit ungefähr hundert Metern Abstand zum Ufer, meinem Ziel entgegen. Allerdings fand ich es nicht gleich, sondern irrte erst einmal ein bisschen herum.
Die Gegend ist einsam. Ein ehemaliger Bunker, Schrebergarten-Kolonien, ein kleines Technologiezentrum. In dessen Foyer traf ich eine Frau, die weiterwusste: „Die Vogelleute, die sind da drüben“, zeigte sie. „Noch ungefähr 300 Meter die Straße hoch und gegenüber vom Schrottplatz links in den Trampelpfad Richtung See abbiegen. Da kommt dann ziemlich schnell ein Tor.“
Ich fand es und stand erst einmal vor verschlossener Tür. Aber ich hatte Glück. Kurz nach mir kam noch jemand, ein freundlicher Mann um die vierzig in Arbeitskleidung und mit wenig Haaren auf dem Kopf, der sich direkt als Götz und technischer Mitarbeiter des Projekts vorstellte und mich mitnahm.
Die Flussseeschwalben am Banter See brüten vor Ratten geschützt auf sechs Plattformen. Boxen auf den Mauern sind beliebte Sitzplätze und erlauben die elektronische Erfassung und Wägung der Vögel.© P. H. Becker
Hinter dem Tor eröffnet sich eine völlig fremde Welt, so sehe ich es zumindest. Ein kurzer Weg führt zum Seeufer, links vorbei an einem alten Backsteinhaus, in dem sich die Feldstation des Forschungsprojekts befindet. Direkt an der Wasserkante thront ein weiteres Gebäude, eine übermannshohe Beobachtungshütte aus dunkelbraunem Holz.
Und draußen im See, nur wenige Meter vom Ufer entfernt, liegt eine etwa viereinhalb Meter breite und knapp elf Meter lange Betonplattform. Sie ist mit Kies ausgestreut, durchgängig von einer niedrigen Außenmauer umgeben – und längst nicht die einzige ihrer Art. Direkt dahinter kommt die nächste Plattform und dann die übernächste. Insgesamt sind es ihrer sechs, die sich hintereinanderreihen wie eine lange, schnurgerade Kette. Auf diese Weise reichen sie weit hinaus in den See.
Das alles bot schon ein enorm ungewohntes Bild für mich, aber es ging noch weiter. Angebunden an der vordersten Plattform lag ein weiß lackiertes Ruderboot und etwas weiter hinten, direkt an der Mauer, hockte eine wegen der Kälte dick eingepackte Frau um die dreißig. Sie winkte und rief: „Ich hol euch gleich, ich mach das hier nur ganz schnell fertig.“
Wenig später war sie mit dem Boot herübergepaddelt, stand vor mir und stellte sich als Lesley, die Leiterin der Feldstation, vor. Dann sagte sie: „Ich erkläre dir alles ausführlich in Ruhe, aber jetzt gerade müssen wir uns beeilen.“ Ein Sturm habe den Aufbau um ungefähr eine Woche zurückgeworfen, nun müsse dringend alles fertig werden, die Vögel könnten jeden Tag aus Afrika eintreffen. „Magst du gleich den Draht übernehmen?“ Der sei nötig, weil die Seeschwalben nicht überall auf der Mauer sitzen dürften, das erkläre sie mir auch noch in Ruhe.
Zehn Minuten später hockte ich selber dick vermummt auf der vordersten Betonplattform und spannte Draht. Kurz darauf kam Marie dazu, eine sehr nette Abiturientin, die ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr hier absolvierte und mir bei unserer Bastelarbeit schon alles Mögliche über das Projekt erzählte. Zwischendurch mussten wir immer mal von Plattform zu Plattform überwechseln, teilweise über schmale Bretter, teilweise mit einem großen Schritt über das aufgewühlte Wasser. Auch das war eine etwas ungewohnte und beunruhigende Erfahrung für mich, ich ließ mir aber nichts anmerken und es ging alles gut.
An jenem ersten Tag half ich noch bei einigen weiteren praktischen Dingen mit, bezog mein gemütliches Zimmer im Gästehaus und erkundete kurz die Umgebung, inklusive den nächsten Supermarkt für meine erste Verpflegung. Aber der einprägsamste unter all diesen Eindrücken, der, an den ich als Letztes vor dem Schlafen denken musste, war das seltsame Beton-Ensemble in den aufgewühlten Wellen des Banter Sees. Dort, in dieser unwirklichen und ehrlicherweise auch unwirtlichen Umgebung wohnen also im Sommer die Flussseeschwalben. Verrückt.
Tatsächlich trudelten die ersten Vögel wenige Tage nach meiner Ankunft ein. Details, was sie am Banter See so treiben, erfuhr ich später noch genauer. Aber eines fiel mir beim Beobachten der Tiere gleich mit als Erstes auf: Sie scheinen sich am Banter See, in ihrem Zuhause aus Beton, offensichtlich wohlzufühlen.
KÜHNE PLÄNE UND NEUANFÄNGE
Dass die Flussseeschwalben an einem solchen Ort zurechtkommen, mag erst einmal verwunderlich erscheinen. Normalerweise brüten sie gern auf flachen sandigen oder kiesigen Böden und finden diese häufig an Fluss-, See- oder Meeresufern oder auf Inseln. Die Vögel sind jedoch durchaus anpassungsfähig und scheuen daher auch menschengemachte Plätze nicht – wie eben die sechs Betonplattformen. Diese werden im Folgenden auch als „Brutinseln“ bezeichnet. Ursprünglich handelte es sich dabei um die Reste eines ehemaligen U-Boot-Hafens aus dem Zweiten Weltkrieg; der ganze Banter See diente früher als Hafenbecken. Schon zu Beginn des Forschungsprojektes lag auf der Hand, dass die Seeschwalben das Areal mögen würden. Die Plattformen treffen genau ihren Geschmack: flach und kiesbedeckt, einsam und verlassen. Hinzu kommt noch die attraktive Insellage. Sie schützt die Eier und Küken zumindest ein Stück weit vor Fressfeinden vom Festland. Gegenüber schirmt der lange Deich den Banter See mitsamt der Brutkolonie vor der Nordsee mit ihren Stürmen und Fluten ab – und direkt dahinter liegt das Wattenmeer mit viel Fisch, der Leibspeise der Flussseeschwalben.
Entsprechend waren sie in den 1950er-Jahren schon einmal ganz von selbst auf die Idee gekommen, sich auf dem Gelände anzusiedeln. Auf Initiative von Dr. Friedrich Goethe, dem damaligen Leiter des Instituts für Vogelforschung, wurde es daraufhin als Naturdenkmal ausgewiesen und unter strengen Schutz gestellt1-3. Dennoch gelang es Kleingärtnern aus der Umgebung, die sich von Lärm und Dreck ihrer neuen Nachbarn gestört fühlten, die Seeschwalben wieder zu vertreiben.
1983 holte das Team um Professor Peter H. Becker die Seeschwalben zurück an den Banter See und begann zugleich, bei den Menschen in der Nachbarschaft mit Infoveranstaltungen, Zeitungsartikeln und persönlichen Gesprächen erfolgreich um Akzeptanz zu werben.
Genau genommen handelte es sich bei der ganzen Aktion um ein Umsiedlungsprojekt. Zu der damaligen Zeit wohnte eine Flussseeschwalben-Kolonie gewissermaßen um die Ecke, drei Kilometer nordöstlich im Wilhelmshavener Hafenbecken Dock 8. Dieses sollte massiv ausgebaut werden, was den seltenen Vögeln auf absehbare Zeit den Lebensraum geraubt hätte.
Also galt es, ihnen einen neuen Brutstandort schmackhaft zu machen – mithilfe von Lockvögeln, genauer gesagt: mittels Kunststoff-Attrappen1-3. Präparator Rolf Nagel fertigte sie eigens in den Instituts-Werkstätten an. Sie sahen ihrem biologischen Vorbild in Form und Anstrich einigermaßen ähnlich und saßen alsbald, achtsam platziert, an verschiedenen Stellen auf den Inseln im Banter See. Dort blieben sie, untermalt von einer gellenden Geräuschkulisse: Tag für Tag, von frühmorgens bis spätabends, erschallten Flussseeschwalben-Rufe vom Tonband.
Der Trick funktionierte, wenn auch mit einer ordentlichen Portion Geduld. Zwar ließen sich binnen Wochenfrist die ersten echten Seeschwalben nieder und balzten ihre Artgenossen aus Plastik an. Allerdings verging noch ein Jahr, bis einige wenige Paare zu brüten begannen. 1985 waren es dann schon 90, was so ziemlich allen entsprach, die vorher am Dock 8 gelebt hatten – und seither kamen mit zwischenzeitlichen Schwankungen immer mehr. 2017, in einem bisherigen Spitzenjahr, umfasste die Kolonie schließlich 740 Brutpaare. Damit zählt sie inzwischen zu den größten in Deutschland. Die Platzwahl hat sich bewährt.
EIN GEWALTIGES FORSCHUNGSPROJEKT
Bei der ganzen Aktion ging es allerdings nicht nur um Naturschutz, sondern auch um handfeste Wissenschaft. Das Ziel: die damals noch weitgehend unbekannten Lebensgewohnheiten der Flussseeschwalben unter verschiedenen Umwelteinflüssen intensiv zu ergründen. Bereits seit den 1960er-Jahren waren die Bestände verschiedener Seeschwalbenarten im Wattenmeer-Raum stark zurückgegangen. Die Ursachen lagen weitgehend im Dunkeln. Peter H. Becker, der bereits 1978 als frisch promovierter Ornithologe ans Institut für Vogelforschung gekommen war, nahm sich der Sache an und wählte die Flussseeschwalben als Studienobjekte und Modellvögel.
Aber warum gerade sie? Weil sie als „die Seeschwalben“ schlechthin gelten. Im Vergleich zu ihren in ebenfalls Deutschland vorkommenden Verwandten wie den Brand-, Küsten-, Trauer- oder Zwergseeschwalben waren und sind sie noch am weitesten verbreitet – ja sogar die häufigsten aller etwa 40 Seeschwalbenarten auf der Welt4, 5. Sie brüten in Nordeuropa, Nordamerika und Nordasien und bereisen im Winter weite Teile der Südhalbkugel, tummeln sich am Meer, aber auch an Binnengewässern – Hauptsache, es gibt Fisch.
Der deutsche Name „Flussseeschwalbe“ deckt also nur einen kleinen Teil ihres Lebensraums ab und stimmt daher nicht so recht. Da scheint die Bezeichnung „gewöhnliche Seeschwalbe“ in anderen Sprachen schon deutlich passender, beispielsweise auf Englisch „common tern“, auf Spanisch „charran comun“ oder auf Italienisch „sterna comune“6.
Ihre Verbreitung und Vielseitigkeit machte die Vögel für ein Langzeit-Forschungsprojekt sehr spannend. Zunächst verglich das Team den Bruterfolg verschiedener Flussseeschwalben-Kolonien in der engeren und weiteren Umgebung von Wilhelmshaven, die sich teilweise auf dem Festland, teilweise auf den Wattenmeer-Inseln Mellum, Minsener Oog und Wangerooge befanden7, 8. Das erbrachte äußerst spannende Ergebnisse, erwies sich allerdings mit der Zeit auch als ungeheuer aufwendig. Besonders die Inseln waren logistisch schwer zu erreichen; trotzdem musste man für die laufenden Projekte ein- oder sogar mehrmals pro Woche hin. Das ging eine Zeit lang, aber nicht auf Dauer.
So entstand die Idee, den Arbeitsschwerpunkt an den Banter See zu verlagern. Dieser Ort eignet sich nämlich nicht nur für die Vögel außerordentlich gut, sondern auch für die Vogelforscher. Das fängt schon bei der Erreichbarkeit an, schließlich liegt das Gelände bei all seiner Verlassenheit erstaunlich dicht am Stadtzentrum. Die Kommune stellte freundlicherweise ein altes Backsteinhaus direkt am Ufer zur Verfügung. Ursprünglich diente es als Kasernengebäude und Krankenstation und bietet nun Strom, Wasser und Büroräume direkt vor Ort. Ein perfektes Basislager und Logistikzentrum.
Der Koloniestandort Banter See aus der Seeschwalbenperspektive. Die Brutinseln sind mit einer Bojenkette markiert. Das Stationsgebäude am Ufer und Beobachtungshütten bieten ideale Forschungsmöglichkeiten.© R. Nagel
Dutzende von Mitwirkenden aus vielen Ländern haben sich in den letzten Jahrzehnten unter Leitung von Peter H. Becker mit den Flussseeschwalben am Banter See beschäftigt. Dazu zählen 19 Doktoranden, 47 Studenten im Rahmen ihrer Abschlussarbeit, 25 Engagierte im Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ), vier technische Angestellte, ungezählte Praktikanten und Gastwissenschaftler – insgesamt ungefähr zur Hälfte Männer und Frauen. Manche blieben nur einige Wochen, andere viele Monate; sie alle halfen, den heutigen Erkenntnisschatz zum Thema Flussseeschwalben anzusammeln7, 9.
Zunächst arbeiteten die Forschenden am Banter See, ähnlich wie in der Zeit zuvor, ausschließlich mit den damals üblichen Methoden. Doch damit stießen sie bald an Grenzen. Immer drängender brannten Fragen, die sich auf herkömmlichem Wege nicht lösen ließen. Wie setzt sich der Vogelverbund genau zusammen? Wie entwickelt er sich demografisch, wie lauten also beispielsweise die Zu- und Abwanderungsquoten, die Verpaarungs- und Überlebensraten? Gibt es dabei Unterschiede zwischen Individuen – und warum? Und verändern sich solche Eigenschaften im Laufe des Lebens einer Flussseeschwalbe?
BIG BROTHER IS WATCHING YOU
Um Antworten zu diesen und weiteren Themen zu finden, muss jedes einzelne Individuum regelmäßig erfasst und dokumentiert werden – möglichst häufig, aber ohne die Tiere ständig zu stören. Auch Verwechslungen sind zu vermeiden. Das ist allerdings leicht gesagt, wenn die Vögel einander so verdammt ähnlich sehen, wie das die Seeschwalben tun, in einem riesigen Pulk leben und auch noch so unglaublich viel hin und her flattern.
All diese Probleme löste die Arbeitsgruppe am Banter See, indem sie eigene Wege beschritt. Sie erfasst die Seeschwalben seit 1992 elektronisch7. Damals handelte es sich – sogar weltweit – um eine neuartige Idee in der Vogelforschung. Und die Umsetzung über diesen langen Zeitraum und in dieser Größenordnung bleibt bis heute einmalig.
Die Flussseeschwalben vom Banter See leben ein bisschen wie im Big-Brother-Container. Kaum eine ihrer Bewegungen bleibt ihren menschlichen Beobachtern verborgen. Möglich macht das, was alle Beteiligten nur „die Anlage“ nennen, ein ausgeklügeltes Überwachungssystem. Sämtliche Teile müssen im Frühjahr aufgebaut werden, da sie jeden Winter zum Schutz vor dem rauen Wetter ins Lager kommen. Wenn alles steht, befinden sich auf den Betonmauern, die die sechs Brutinseln umranden, in engem Abstand 44 Boxen aus Holz, Hartplastik und Styropor. Die Flussseeschwalben steuern sie liebend gern als Sitzplätze und Aussichtspunkte an. Der Rest der Mauern steht ihnen nicht als Alternative zur Verfügung, weil dort Draht gespannt wird – wie ich das bei meiner allerersten Tätigkeit am Banter See machte.
Sobald eine Seeschwalbe auf einer der 44 Boxen landet, geht sie gewissermaßen virtuell in die Falle. Die Sitzflächen der Kisten sind von schwarzen Plastikrahmen umgeben, die es in sich haben: Sie bergen ausgefeilte Technik und dienen als Messantennen, die die einzelnen Vögel registrieren. Zusätzlich enthält die Hälfte der Boxen eine Waage, da das Gewicht Aufschluss über die aktuelle Nahrungsversorgung und Kondition der ausspionierten Seeschwalben gibt.
Um ausgelesen werden zu können, brauchen die Tiere einen Mikrochip mit einem individuellen Code. Diesen gerade einmal reiskorngroßen sogenannten Transponder bekommen sämtliche fast flüggen Küken behutsam unter die Haut an der Brust gespritzt. Dazu werden sie kurz eingefangen, in der Regel das einzige Mal in ihrem Leben. Fortan bewegen sie sich, ohne das weiter zu bemerken, auf dem Radar der Wissenschaft. Die meisten kehren jedes Jahr an ihren Geburtsort zurück – landen also immer wieder im Überwachungsstaat am Banter See.
Auch wer sich mit wem liiert, lässt sich elektronisch erfassen. Die Methode nennt sich „Nest-Check“ und ist immer dann möglich, wenn sich irgendwo in der Kolonie ein Pärchen zusammengefunden, in einer Nistkuhle am Boden Eier gelegt und begonnen hat zu brüten. Einige Wochen nach meiner Ankunft war es so weit und ich durfte die Methode unter Aufsicht ausprobieren. Dazu legte ich rings um das Gelege eine Messantenne, also einen der viereckigen schwarzen Plastikrahmen. Die Konstruktion bleibt anschließend ein bis zwei Tage an Ort und Stelle und registriert beide Paarpartner, sofern sie einen Transponder tragen. Flussseeschwalben wechseln sich beim Brüten ab, die Antenne erwischt sie also beide – und enthüllt, wer da mit wem in der jeweiligen Brutsaison zugange ist.
Die Vögel stören sich nicht weiter daran, dass ihr Nest für eine Weile von einem klobigen dunklen Dings umgeben ist. Sie sind es gewöhnt, dass ab und an Menschen zu ihnen auf die Inseln kommen und seltsame Dinge tun. Solange das dauert, fliegen sie kurz auf, doch relativ rasch nach dem Abmarsch der Zweibeiner sitzen sie wieder unverdrossen auf ihren Eiern.
Die Flussseeschwalben werden automatisch registriert. Oben auf Box 10 wird gerade ein Tier identifiziert und gleichzeitig gewogen. Schräg darunter, an Nest 248, wird ein Altvogel mit einer Nestantenne abgelesen.© P. H. Becker
ZU GAST AUF DEN BRUTINSELN
Das Beispiel mit den Nest-Antennen zeigt: Komplett aus der Ferne lassen sich die Flussseeschwalben nicht überwachen. Regelmäßig setzen Team-Mitglieder in dem weiß lackierten Ruderboot, das ihnen seit Jahren treue Dienste leistet, zu den Inseln über. Besonders häufig geschieht das bei den „Brutbios“, um alle paar Tage systematisch sämtliche Nester, Eier und Küken zu dokumentieren (siehe ab hier).
Wer drüben zu tun hat, geht mit den Vögeln auf Tuchfühlung und packt sich besser gut ein. In der Feldstation hängen extra diverse Wechselklamotten: alte Jeans, Kapuzenshirts, Regenjacken. Jede Schutzschicht zählt, denn die Flussseeschwalben scheißen auf ihre Gäste – wortwörtlich. Das Verspritzen von Kot aus der Luft gehört zu ihrem natürlichen Verteidigungs-Repertoire. Zudem hacken sie gerne mal zu. Obwohl oder vielleicht gerade weil sie im Laufe der Jahre alle Scheu vor Menschen verloren haben, verteidigen sie ihre Pfründe mit Krawall.
Meinen ersten Besuch „drüben“ auf den Inseln nach Ankunft der Seeschwalben fand ich daher ganz schön unheimlich. Ich habe mich gar nicht getraut, kurz aufzuschauen, denn ich merkte schon, über uns ist die Hölle los. Auch später erinnerte es mich noch mehrmals sehr an Hitchcocks „Vögel“, wie die Seeschwalben dicht über den Köpfen kreisen, gellend schreien und blitzschnell Schnabelhiebe verteilen. In der Folge gab es in früheren Jahren schon ausgerissene Haare, blutige Nasen und einmal fast ein verlorenes Auge. Helm und Schutzbrille sind daher bei jedem Aufenthalt auf den Brutinseln Pflicht.
Als ich die anderen zum ersten Mal in voller Montur sah, musste ich schon innerlich lachen – und habe wohl auch deutlich sichtbar gegrinst. Sie sahen so aus, als hätten sie gleich irgendetwas zwischen Marsmission und Schlammschlacht zu verrichten, und ich konnte ihre Gesichter kaum noch erkennen. Umgekehrt ging es ihnen mit mir natürlich genauso.
ICH UND DIE ANDEREN
Insgesamt waren wir in jenem Frühjahr zu zehnt im Team. Die Übrigen verbrachten nicht wie ich ihre gesamte Zeit bei den Flussseeschwalben. Vieles erledigten sie auch ungefähr acht Kilometer entfernt im Hauptsitz des Instituts, wo sich Labors sowie komfortablere Büroräume befinden als in der Feldstation. Vollständig am Banter See versammelt sah ich meine neuen Kolleginnen und Kollegen ungefähr eine Woche nach meiner Ankunft, als auch schon einige Vögel aus Afrika eingetroffen waren. Wir hatten unsere erste große Besprechung der Saison, bei der die wesentlichen Dinge noch einmal erklärt und abgestimmt werden sollten.
Alle, die zur Zeit meines Aufenthalts mit den Seeschwalben-Projekt zu tun hatten, saßen mit dampfenden Kaffeetassen um den großen Tisch im Aufenthaltsraum: der leitende Professor natürlich, der Kuchen für alle mitgebracht hatte, und seine spätere Nachfolgerin Sandra Bouwhuis, damals noch Postdoktorandin. Außerdem Oscar Vedder, ebenfalls Postdoc, sowie Lesley Szostek, in jenem Jahr Leiterin der Feldstation und frisch fertig mit ihrer Doktorarbeit. Und dann natürlich Götz Wagenknecht, den ich gleich als Ersten kennengelernt hatte. Er ist gewissermaßen der gute Geist vom Banter See, hilft als technischer Angestellter bei allen Routinearbeiten, dem Datenmanagement sowie bei diversen Studien.
In dieser Funktion kümmerte er sich auch besonders stark um die Betreuung der Abiturientin Marie, mit vollem Namen Marie-Theres Stiegler. Sie verbrachte ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr am Banter See, erlebte also einen kompletten Zyklus der Flussseeschwalben und ihrer Erforschung mit. Weiterhin waren da noch drei Studentinnen und ein Student, die in der laufenden Saison Daten für ihre Masterarbeiten oder kürzere Untersuchungen zusammentragen wollten. Und schließlich ich.
Mir war kein konkretes Forschungsprojekt zugewiesen. Aber es hieß, ich dürfe bei allem mithelfen, was allgemein so anfiel, und außerdem den anderen bei ihren individuellen Projekten über die Schulter schauen. Oder wie Lesley es ausdrückte: „Du läufst die nächsten Wochen einfach überall mit, das wird dir Spaß machen.“
Mein Kribbeln vor der Abreise wegen all der unbekannten Leute war übrigens unbegründet. Ich als Neue und Fachfremde wurde von Anfang an freundlich und unkompliziert aufgenommen, konnte all meine Fragen stellen und wurde auch selber ein bisschen gelöchert. Für die anderen war meine Arbeit als Journalistin in Berlin ähnlich spannend und exotisch wie für mich die ihre mit den Seeschwalben.
In den nächsten Wochen leisteten wir abwechselnd täglich zwischen acht und 20 Uhr „Stationsdienst“. Wir passten so ein wenig auf die Vögel und die teuren technischen Anlagen auf – zum Schutz vor Störungen, Einbrüchen, Diebstählen. Gemeinsam machten wir regelmäßig klar Schiff auf dem Gelände und erhoben diverse Routinedaten. Ansonsten kümmerten sich alle um ihre individuellen Projekte. In den Pausen saßen wir zusammen, aßen unsere Stullen, und abends gingen wir ab und an in die Kneipe oder grillten bei gutem Wetter direkt am Seeufer.
Natürlich verbrachten wir nicht unsere komplette Freizeit miteinander, sogar bei Weitem nicht. Wir führten auch noch unser eigenes Leben, mit Haushalt, Hobbys und so weiter. Ich zum Beispiel genoss es, mal ganz anders unterwegs zu sein als in Berlin. Ich habe es geschafft, an fast allen meinen Tagen – außer zwei wirklich, wirklich regnerischen – Zeit am „großen“ Meer jenseits des Banter Sees zu verbringen.
Zur Auswahl für die Stündchen zwischen Dienstschluss und Dämmerung standen einige Fahrradtouren, Vogelbeobachtungstrips und die klassische Flaniermeile, also den kilometerlangen „Stadt-Deich“ entlang, so weit man kam und wieder zurück. Mal bin ich beide Strecken oben auf der Krone gelaufen, mal beide Strecken unten am Meeressaum und mal so, mal so. Außerdem konnte ich bei jedem Spaziergang neu entscheiden, ob heute zuerst links oder rechts, oben oder unten. Auf diesen immer gleichen Routen lernte ich das Meer in diversen Stimmungslagen kennen: vom aufgepeitschten Grau über friedliche Blautöne bis zu bräunlichem Schlamm. Wilhelmshaven liegt ja am sogenannten Jadebusen, einer großen, nahezu kreisrunden Nordsee-Bucht. Bei jeder Ebbe läuft das Wasser komplett heraus und übrig bleibt eine riesige Wanne aus Schlick. Das fand ich, die zuvor noch nicht häufig im Leben am Wattenmeer gewesen war, sehr eindrucksvoll.
Meistens hatte ich nette Gesellschaft. Ich traf diverse Deichschafe mit frisch geborenen Lämmern sowie immer mal wieder spannende Wildtiere. Am spektakulärsten fand ich zwei Schweinswale, die von der Größe und Form her ein wenig an Delfine erinnern, gar nicht so häufig an deutschen Küsten vorkommen und plötzlich gemächlich neben dem Deich entlangschwammen, vielleicht 30 Meter entfernt. Und noch besser: Aufgetaucht waren sie an der belebtesten Stelle, wo gerade wirklich viele Leute promenierten. Ich war nur eine von Dutzenden Staunenden.
