Segellos - Sybille Ehlers - E-Book

Segellos E-Book

Sybille Ehlers

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Beschreibung

Kann ein passionierter Segler ein glücklicher Motorbootfahrer werden? Wie geht es einem Jagdhund, wenn er zum Yachthund wird? Was macht Schuhlöffel in Montenegro so heißbegehrt? Können geklaute Fender zurückgeklaut werden? Wie sieht eine lebendige Wasserleiche aus? Diese und ähnliche Fragen werden im Buch beantwortet. Mit viel Humor und Selbstironie beschreibt die Autorin eine Reise mit Mann und Bordhund, von der Ostsee durch die Kanäle nach Südfrankreich und über das Mittelmeer auf vielen Umwegen bis nach Venedig. Sie sind als Leser dabei, wenn vor Mallorca Wale auftauchen und der Bordhund im Circus Maximus in Rom Krähen jagt. Sie bekommen einen humorvollen Einblick in das italienische Lebensgefühl und genießen malerische Stadtpiers in Griechenland und traumhafte Ankerbuchten in Kroatien. Aufregend wird es in Albanien und malerisch in der einzigartigen Lagune von Venedig. Mit den liebevoll gestalteten Karten wird es dem Leser leicht gemacht, die fast 4000 Seemeilen lange Reise zu verfolgen. Ein wirklich amüsanter Reisebericht mit vielen nützlichen Informationen.

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Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Sybille Ehlers

Segellos

Buch

Dreißig Jahre waren die passionierten Segler bei Wind und Wetter auf der Ostsee unterwegs, als bei der Autorin zunehmend die Erkenntnis wuchs, „ dass das Leben vielleicht noch andere schöne Erlebnisse für sie bereithielt, die gern etwas mit Wasser, aber nichts mehr mit Segeln zu tun haben würden“. Nach 2 Jahren geduldiger Überzeugungsarbeit steigt das Ehepaar tatsächlich auf ein komfortables Motorboot um.

Leichtsinnigerweise macht die Autorin in der Familienrunde den Vorschlag, den Bug gen Süden zu richten. Wobei ihr „Baguettes, Käse, Rotwein, Canal du Midi“  vorschweben, ihrem Mann aber mit gewohntem Weitblick „Baguettes, Käse, Rotwein, Mittelmeer“.

Autorin

Sybille Ehlers, geboren 1951 in Hamburg, wohnt in Halstenbek. Einen großen Teil des Jahres verbringt sie mit Mann und Hund auf dem Mittelmeer. Ihr erstes Buch „Segellos“ erzählt von diesen Reisen.

Sybille Ehlers

Segellos

Reisen mit dem Motorboot

Impressum

© 2015 Sybille Ehlers

Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-7576-8

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

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PROLOG

EIN MOTORBOOT??

Alle Frauen, die schon einmal im Frühjahr mitten in der Kieler Förde in den schlingernden Mast eines Segelbootes gekurbelt wurden, um mit klammen Fingern das Fockfall in 16m Höhe zu klarieren, werden mich verstehen können. Wer sein Baby auf der schrägen Koje bei Windstärke 5 am Wind wickeln durfte, wohl auch: Das Segeln fordert die ganze Frau.

Mein Mann Jörn und ich segelten 30 Jahre auf der Ostsee, von April bis in den Herbst hinein an fast allen Wochenenden und in den Ferien. Hochzeiten von Freunden, Geburtstagsfeiern der Großeltern, sonstige hohe Würdentage? Oft hieß es: „Tut uns leid, aber wir sind unterwegs!“

Anfangs segelten wir noch zu zweit oder mit Gästen, später kamen die Kinder dazu, und als die beiden aus dem Gröbsten raus waren, noch ein Hund. Ausführlich bereisten wir Dänemark. Aber auch die Küsten von Norwegen und besonders Schweden hatten es uns angetan.

Unsere Kinder kannten die Namen der Butterdampfer, denen wir unterwegs begegneten, bevor sie einen VW von einem Opel unterscheiden konnten. Und der Hund rollte sich immer schon auf die andere Seite der Koje, wenn er von oben nur das Kommando “Klar zur Wende!“ hörte.

Da „wir“ gern schnell segelten, hatte unsere eigentlich eher gemütliche Hallberg  Rassy 352 trotz praktischer Rollfock einen kompletten Satz Vorsegel und sogar einen Faltpropeller. Auch die spätere Bavaria 42 besaß 3 Genuas und einen Spinnaker von 120qm. Wir waren immer sportlich unterwegs.

Auf einem unserer Überführungstörns von der Ostsee ins Winterquartier in Hamburg, es war bereits November und Eiszapfen hingen an der Reling, wurden wir im Schneegestöber vor Glückstadt auf der Elbe von der Wasserschutzpolizei gestoppt. Auf unsere besorgte Frage, ob     irgendetwas nicht in Ordnung sei kam nur: „ Nö, wir wollten nur mal sehen, welche Verrückten bei diesem Wetter noch unterwegs sind!“ Für das Anlegemanöver bei starkem Seitenwind brauchten wir ein paar Stunden später im Wedeler Yachthafen mehrere Versuche, weil die Stege vereist waren und ich mich nicht zu springen traute.

Aber je länger wir segelten desto mehr malte ich mir aus, was alles passieren könnte, und immer öfter sackte mir das Herz schon vor dem Törn in die Hose.

Als wir dann eines Tages im Kattegat auf dem Weg nach Anholt den Spinnaker setzten, um vor einem düster aufziehenden Gewitter noch schnell in den schützenden Hafen zu kommen, beschlich mich doch der Gedanke, dass das Leben vielleicht noch andere schöne Erlebnisse bereit hielt, die gern noch etwas mit Wasser, aber nichts mehr mit Segeln zu tun haben würden. Oder anders ausgedrückt: Ich hatte mal wieder fürchterliche  Angst. Wir preschten unter voller Beseglung in den Vorhafen von Anholt, und die Zuschauer applaudierten auf der Mole. Für mich stand nun aber endgültig fest, dass die Zeit reif für einen Wechsel war.

Jedenfalls für mich... Die „Wechseljahre“ dauerten nämlich etwa zwei Jahre, bis mein Mann endlich etwas widerstrebend buchstäblich die Segel strich und sich zu einem Motorbootversuch bereit erklärte.

Glücklich buchte ich das letzte noch freie Charterboot in der Müritz-Elde-Wasserstraße in Mecklenburg-Vorpommern, einen 11m langen Stahlverdränger. Wir lernten auf der guten alten, miefigen, lauten „Cassandra“ das Motorbootleben kennen. 14 Tage tuckerten wir gemütlich durch die Kanäle, genossen das quallenfreie Süßwasser, schwellfreies Ankern, die Nähe zur Natur, und wenn es mal wehte, hatten wir keine hohen Wellen. Dieses Binnenrevier war ein völlig neues Reiseerlebnis, und: Es gefiel uns! Es gefiel uns so sehr, dass wir uns auf die Suche nach einem passenden Motorboot begaben.

Nur ist für eingefleischte Segler schon der Gedanke an den Umstieg auf ein Motorboot eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Unsere Freunde reagierten entsprechend ungläubig, als wir von unseren Plänen berichteten. Denn auch wir hatten natürlich wunderschöne Anekdoten von den Goldkettchen und Kapitänsmütze tragenden „Schwellmakern“ erzählt. Legendär ist unsere Geschichte von einem Motorboot aus Travemünde, das wir irgendwo im Kattegat, weitab von Land, trafen:

Frage an uns über Lautsprecher:“ Wo bitte geht es hier nach Anholt?“ Fassungslos zeigten wir in die ungefähre Richtung, worauf man sich artig bei uns bedankte und röhrend davon sauste…

Auch als wir später schon jahrelang mit einem Motorboot unterwegs waren, versäumte es mein lieber Mann nie, beim Schnack auf der Pier schnellstmöglich einzuflechten, dass er jahrzehntelang gesegelt sei. (30 Jahre! Aber, leider, meine Frau…) So richtig wahrgenommen wurden wir von den Seglern unter den Wassersportlern auch erst wieder, als wir eine schmucke kleine Rennjolle unter den Davits hängen hatten. Wenn Jörn im Trockenanzug lässig von der Badeplattform unseres Motorbootes ablegte und mit der spritzigen Jolle sportlich aus dem Hafen sauste, schaute so mancher Dickschiffsegler wehmütig zu. Und Jörn war glücklich.

EIN MOTORBOOT!!!

Von Motorbooten hatten wir keine Ahnung. Unsere Bavaria 42 besaß immerhin eine Maschine mit 56PS, das erschien uns schon viel. Wie sollte unser neues Boot also aussehen und wie viel PS brauchte man? Etliche Male fuhren wir in die Niederlande und zu Bootsausstellungen und schauten uns um. Anfangs liebäugelten wir mit gemütlichen holländischen  Stahlverdrängern. Dann gefielen uns schnittige Gleiter, edles italienisches Design. Die einen konnten nicht schnell fahren, die anderen nicht langsam. Jörn studierte stundenlang am PC die verschiedenen Typen, ich torpedierte seine Vorschläge mit: „ Und wie kommt hier der Hund von Bord?“ oder „die Treppe ist zu steil, wie soll der Hund auf die Badeplattform kommen?“ Es war nicht einfach.

Erst als wir gedanklich das künftige Fahrtgebiet erweitert hatten (Jörn dachte in größeren Dimensionen: „Vielleicht wollen wir ja mal den Rhein flussaufwärts fahren, oder auch, unter günstigen Umständen, ab und zu auf die Ostsee…“), also binnen und buten, kamen wir mit der Planung weiter. Ein GFK-Boot war uns vertrauter als Stahl, es sollte wegen der Brücken in den Kanälen nicht zu hoch sein, mein Sicherheitsbedürfnis wollte zwei Maschinen, usw. Die Liste unserer Ansprüche wurde immer länger.

Und eines Tages fanden wir sie dann: Eine in den Niederlanden gebaute Neptunus 108 Express, ein Halbgleiter, Länge 11,70, Breite 3,89, Tiefgang 1,10m, 2 Volvo Penta Motoren á 200 PS, Baujahr 1996. Schon bei der ersten Besichtigung war ich mir ganz sicher, dass dies unser neues Boot werden würde.

Sie lag aufgebockt im Winterlager in einer eiskalten Halle. Und doch, als ich achtern das große Luk entdeckte (auf meiner Liste ein MUST), sah ich mich schon auf dem Bauch auf der Koje der Achterkajüte liegen und hinausschauen. Nicht ahnend, wie häufig ich später tatsächlich dort morgens vor dem Aufstehen liegen und die wunderbare Aussicht genießen würde: Auf das prächtige Schweriner Schloss, auf Schwäne und balzende Haubentaucher im Kanal, wabernde Morgennebel auf der Saône oder farbenprächtige Ankerbuchten im Mittelmeer.

Im Salon fand ich sofort einen guten Platz für unseren Vierbeiner (auch dies natürlich auf der Liste!), und die Pantry mit Esstisch ließ keine Wünsche offen. Über der Achterkajüte lag eine geräumige Plicht mit Außensteuerstand, mit Kuchenbude gut geschützt, mit Sonnendach luftig für warme Gefilde. Jörn hatte natürlich und glücklicherweise andere Prioritäten, wie Radar, Plotter, Autopilot, VHF Sprechfunk, elektrische Ankerwinde usw. Aber wie (fast) immer ergänzten wir uns prächtig und auch ihm gefiel die Neptunus.

Nach einer ausführlichen Probefahrt im Frühjahr 2002 war der Kauf perfekt und wir konnten unser neues Boot aus Emmerich am Rhein abholen.

Wie ihre vier Vorgängerinnen wurde auch unsere Neue auf den Namen Honfleur getauft. Honfleur ist eine kleine Stadt an der Seinemündung mit einem entzückenden Hafen. Dort hatten wir beide, damals noch reine Jollensegler, ein Dickschiff am Steg bewundert. In der sonnigen Plicht lag eine gekochte Languste, daneben eine Kneifzange aus dem Werkzeugkasten zum Knacken der Schale. Neidvoll schauten wir damals auf dieses Stillleben  und beschlossen noch im Hafen, dass wir in Zukunft auch mit einem Kajütboot auf Reisen gehen wollten. So kamen unsere Boote zu dem Namen „Honfleur“, etwas schwierig für unsere Freunde von der Schlei (Honigblume??) und dänische Hafenmeister (wie bitte heißt das Boot??), aber später in Frankreich ein unglaublicher Beziehungskatalysator. Der Name hat nichts mit Blumen (franz. Fleur) zu tun. Er kommt aus dem Normannischen und bedeutet „Südliches Ufer“.

AUF GEHT’S MIT PS

Wie es unsere Art ist, sind wir früh im Jahr unterwegs. Am 01.04.2002 starten wir in Emmerich sehr aufgeregt bei superklarem, kühlem Frühlingswetter mit unserem Motorboot. Mit an Bord sind unsere Freunde Ralf und Erika. Der Rhein führt 6m Hochwasser, und schon in der Hafenausfahrt ist Vorsicht geboten. Wir müssen uns schön in der Mitte halten, um nicht auf die unter Wasser liegenden Büsche und Parkbänke zu geraten.

Im Winter hatten wir sorgfältig schlaue Bücher über das neue Revier gewälzt und fühlten uns gut vorbereitet. Aber die unglaublich starke Strömung und erste Erfahrungen mit Frachtschiffen, die die blaue Tafel zeigen (sehr ungewohnt für uns, die stb/stb Begegnung), halten unseren Adrenalinspiegel für Stunden auf höchstem Niveau.

Kaum in den Niederlanden geraten wir mit 10kn Fahrt (wir haben immer noch gut 3kn Strom „mit“) fast in die Seile einer Gierfähre. Was wir nicht wussten: An einer Gierfähre kommt man nur unbeschadet vorbei, wenn sie auf der Seite ihres Liegeplatzes liegt. Ist sie gerade am gegenüberliegenden Ufer, wird sie durch ein quer gespanntes Seil gehalten. Als wir uns mit einem beherzten Manöver gerade noch aus der Gefahrenzone gerettet hatten wird mir klar, dass auch Motorbootfahren durchaus echte Herausforderungen bereithalten kann.

Die Fahrt geht durch entzückende niederländische Flüsse und Kanäle, die An- und Ablegemanöver gelingen schon erstaunlich gut, und Jörn passiert auch enge Durchfahrten und schmale Schleusen ohne Touchieren. Unsere Crew wechselt, jetzt kommen unser Sohn John und sein Freund Hendrik an Bord. Ems rauf, Hunte und Weser runter, landen wir in Bremerhaven. Hier warten wir einige Tage auf ruhige Wetterbedingungen, und ich werde immer nervöser, denn wir müssen einen kleinen Schlenker über die Nordsee machen, um in die Elbe zu kommen.

Und  Nordsee ist Mordsee für mich, seit ich vor vielen Jahren eine Sturmfahrt in stockfinsterer Nacht erleben durfte. Auf der Fahrt über das Skagerrak, von Hirtshals auf Jütland nach Kristiansand in Norwegen, stand ich stundenlang mutterseelenallein an der Pinne unseres Seglers. Jörn lag völlig entkräftet vom mehrfachen Segelwechseln auf dem Teppich im Salon, umgeben von wild rollenden Konservendosen, die aus den Schapps gefallen waren. Ich „ritt die Wellen ab“ und hielt tapfer das Boot auf Kurs.

So ein Erlebnis vergisst man nicht.

Leicht zittrig rufe ich daher unseren Freund Max in Hamburg an und frage ihn als reviererfahrenen Segler scheinheilig, bei welchen Bedingungen man seiner Meinung nach die Tour in die Elbe starten könne. Seine Antwort: „Aber deswegen rufst Du doch sicher nicht an, möchtest Du, dass ich komme??“ Und so kommt statt meiner Max an Bord und unternimmt mit Jörn und den Jungs die Tour Weser raus, Elbe rein bis in den Nord-Ostsee-Kanal nach Brunsbüttel. Natürlich(!!) haben die Männer allerbeste Bedingungen und schwärmen in den höchsten Tönen von ihrer Fahrt, wie könnte es anders sein?

Unsere erste Motorboot-Seefahrt von Kiel nach Kappeln wird durch östliche Winde etwas unruhig, aber wir stellen schnell fest, dass die Neptunus damit prächtig zurechtkommt. Wie auf unseren Seglern hatte ich alles Bewegliche gut verstaut, nur der Salontisch steht frei im Raum. Ich beäuge ihn skeptisch, aber er bleibt standhaft.

Nach dem Anlegen in unserem Heimathafen in Kappeln werden wir im Restaurant von freundlichen Motorbootfahrern angesprochen: „Sie sind sicher Segler, oder?“ Auf unser Erstaunen meinen sie, dass sei beim Anlegen sonnenklar zu sehen gewesen! Kein echter Motorbootbesitzer lässt seine Frau mit der Leine in der Hand von Bord hüpfen! Viel zu gefährlich! Ein Motorbootbesitzer hat sein Boot stets so unter Kontrolle, dass die im Werfen gut angelernte Bordfrau nur lässig die Bucht einer Leine über den Poller auf dem Steg werfen muss, und fertig!! Wir fühlen uns ertappt und geloben Besserung…

MIDI-PLÄNE

Von unserem Liegeplatz in Kappeln an der Schlei unternahmen wir in den folgenden Jahren sehr schöne Rundtörns durch die dänische Südsee und gen Osten nach Hiddensee und Rügen, die Oder hinauf und durch die Kanäle in die Mecklenburgische Seenplatte, durch Berlin und auf der Elbe nach Hamburg. Unsere Honfleur zeigte sich sowohl den manchmal rauen Seebedingungen als auch den langsamen Fahrten in den engen Kanälen sehr gut gewachsen.

Jörns frühe Pensionierung bescherte uns 2005 die Chance, neue Reviere zu erkunden, denn nun konnten wir endlich mehr Zeit auf dem Wasser verbringen. Die Frage war nur, wohin sollte die Reise gehen?

In der 6. Klasse des Mädchen-Gymnasiums schrieb ich vor vielen, vielen Jahren einen Aufsatz mit dem Titel „Durch Flüsse und Kanäle zum Mittelmeer“. Dies veranlasste damals die Deutschlehrerin, meinen Eltern einen mahnenden Brief zu schreiben. Tenor: „Ihr Kind hat zu viel Phantasie. Durch Kanäle zum Mittelmeer? Das geht doch gar nicht!“ Aber irgendwie hatte mich die Idee wohl nie losgelassen, denn ich machte nun im Familienrat den Vorschlag, den Kurs nach Süden einzuschlagen und die französischen Kanäle zu erkunden. Ich sah vor mir: Baguettes, Käse, Rotwein, Canal du Midi. Jörn musste nicht lange mit sich ringen und fand den Vorschlag sehr gut. Er sah vor sich: Baguettes, Käse, Rotwein, Mittelmeer!

Im Winter planten wir sorgfältig die Route in den Süden. Der Weg sollte durch die Niederlande, Belgien und Frankreich verlaufen. Die weiter südlichen alternativen Wege Richtung Frankreich, etwa über die Mosel, kamen für uns nicht in Frage, weil wir den langen Weg rheinaufwärts vermeiden wollten.

Bis zum Canal du Midi würden wir 2300km fahren und 258 Schleusen bewältigen müssen, wir würden 360m berg- und wieder talwärts fahren, mit dem Scheitelpunkt  in den Vogesen. Für die Strecke wollten wir uns viel Zeit nehmen, um Land und Leute kennen zu lernen. Nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“, immer schön sutsche, rechneten wir mit 3 Monaten, wobei pro Tag nicht mehr als 5 Fahrstunden und pro Woche 2 Ruhetage eingeplant wurden.

Das Planungsprogramm „Waterguide“ erwies sich als sehr hilfreich für die Auswahl der Route und Berechnung der möglichen Etmale, weil es auch die Wartezeiten vor den Schleusen und Tunneln berücksichtigte. Der Tiefgang von 1,10m würde uns keine Probleme bereiten, aber die Durchfahrtshöhe durfte nicht mehr als 3,50m sein. Wir dachten uns eine praktische Konstruktion aus, um unseren Geräteträger von 4,30m ohne viel Aufwand stufenweise auf 3,15m legen zu können, und für die vielen vor uns liegenden Schleusen schafften wir zusätzlich zwei dicke Kugelfender an.

2005 KURS SÜD

Von Kappeln nach Liege

VON KAPPELN NACH  WESEL

Mitte Juni 2005 nehmen wir bewegt Abschied von unserem Heimathafen in Kappeln an der Schlei. Wir, das sind Jörn, ich und unsere Dinah, ein 9 Jahre alter Kleiner Münsterländer Jagdhund.

Dinah ist seit frühem Welpenalter mit an Bord. Sie genießt die Nähe zum Rudel auf kleinem Raum, die immer neuen und dadurch spannenden Erkundungsgänge, den Strand und das Wasser, auch wenn sie keine große Schwimmerin ist. Am allerliebsten aber fährt sie im Beiboot mit. Sie kann es kaum erwarten hineinzuspringen, und dann sitzt sie stolz vorn im Bug und die Ohren fliegen im Fahrtwind. Den Tagesablauf an Bord kennt sie genau. So trinkt und frisst sie nicht während eines Törns. Sobald aber für sie „Land in Sicht“ ist, wir z.B. in Schleimünde in die ruhige Schlei hineinfahren oder Leinen und Fender zum Anlegen herausgeholt werden, widmet sie sich ihren Wasser- und Futtervorräten. Ein spezielles Agility-Training müssen wir mit ihr nicht besuchen, denn oft genug hat sie schwierige Treppchen und wackelige Stege zu meistern.

Unser Hafenmeister im ASC, dem Arnisser Segelclub, versorgt Dinah nun zum Abschied liebevoll  mit einer Provianttüte Leckerli, dann heißt es: „Leinen los!“ Nach einer knappen Meile, noch auf der Schlei, kommt die scherzhaft gemeinte Frage des Kapitäns: „Wollen wir vielleicht schon mal eine Flagge rausholen?“ Er denkt dabei voller Vorfreude und Weitblick an die vor unserem Bug liegenden Gastländer Niederlande, Belgien und Frankreich…. Erst  jetzt fällt uns auf, dass wir in der Aufregung ganz vergessen hatten, die Bundesflagge zu setzen. Dat geiht ja gut los!

Der Abschiedstörn über die Ostsee wird durch eine Altsee etwas ungemütlich. Aber das kann uns nicht erschüttern: Wir sind unterwegs!

Mit der Einfahrt in die Trave sagen wir nun für lange Zeit der rauen See adieu, die Sofakissen müssen nicht mehr zum Schutz auf die Gläser gestopft werden, und der Obstkorb kann auf dem Tisch stehen bleiben. Ich erwäge sogar den Kauf einer blühenden Topfpflanze, schließlich sind wir jetzt Flussschiffer. Nach einem Spaziergang durch die Altstadt von Lübeck treffen wir abends Dänen, die gerade aus dem Mittelmeer kommen. Interessant! Schon sind wir auf der Route in den Süden! In Mölln, nach einem ruhigen Fahrtag, haben wir dann bereits 2% der vor uns liegenden Schleusen, nämlich derer fünf, geschafft.

 Nach Verlassen des Elbe-Lübeck-Kanals preschen wir ein kleines Stückchen Elbe hinunter und „links rein“ in den breiten und sehr ruhigen Elbe-Seitenkanal. Vor dem Schiffshebewerk in Scharnebeck müssen wir eine gute Stunde warten, danach verholen wir uns in den Industriehafen von Lüneburg. Wir sind das einzige Sportboot, haben Blick ins Grüne und können wunderbar am Kanal laufen. Nur funktioniert der Laptop leider nicht wie geplant als Fernseher. “Wir“ können das so unglaublich wichtige Fußballspiel Deutschland? im FIFA Confederations Cup nicht sehen, und die Stimmung an Bord ist daher leider etwas gedämpft.

Am nächsten Tag wird unsere Geduld (daran müssen wir wirklich noch arbeiten) auf eine harte Probe gestellt: Vor der Schleuse Uelzen heißt es: Warten. Wir stören mit unserem Boot einen Hundebesitzer, der  seine Schäferhunde an langer Leine im Kanal hin und her schwimmen lässt:   „Können Sie nicht weiter vorfahren?? Dann kann mein Hund länger schwimmen!“ Nach einer reichlichen Stunde werden wir beeindruckende 23m hoch geschleust.

In Hannover ist das Glück uns hold. Wie immer melden wir uns über Funk an, und ohne Wartezeit wird das Freigabesignal der Schleuse Anderten auf grün geschaltet. Wieder sind es gewaltige 23m Hub. Zur Abwechslung, wohl damit es nicht langweilig wird, gibt es aber keine hilfreichen Schwimmpoller an den Wänden. Man muss die Leinen umstecken. Darauf waren wir so schnell nicht vorbereitet und produzieren kurz eine hektische Leinenwuling.

In Misburg im Stichkanal finden Gäste sehr freundliche Aufnahme. Nun zahlt es sich aus, dass wir unseren Proviant so reichlich bemessen hatten, denn einkaufen kann man hier nicht. Schon jetzt sind wir sehr froh über unsere Tiefkühltruhe, die nachträglich in eine Backskiste eingebaut wurde. Durch eingefrorenes Fleisch, Gemüse, Brot und Eis können wir mühelos eine Woche ohne Einkauf überstehen.

Der Mittellandkanal ist viel schöner, als wir gedacht hatten. Wir fahren durch knackig grüne Landschaften, über Straßen und Flüsse. Beeindruckt filmen wir das riesige Aquädukt, das uns über die Weser führt. Der Liegeplatz in Lübbecke verfügt über eine sehr gemütliche Hafenkneipe, und nach einem ausgedehnten Spaziergang am Kanal genießen wir leckere Rippchen zum Sattessen und ausgiebigen Klönschnack mit anderen Kanalfahrern. Landschaft und  Häuser verändern sich merklich. Wir fahren am lieblich grünen Wiehengebirge entlang, an den Fachwerkhäusern blühen üppig die Rosenbüsche. Am Kanal können wir Kanada- und Nilgänse (letztere mit markantem Augen- und Brustfleck) beobachten.

Der folgende Dortmund-Ems-Kanal beschert uns sehr angespanntes Fahren. Viele Baustellen und etliche große Flussschiff-Rambos, die mit halsbrecherischen Überholmanövern Zeit aufholen wollen, fordern permanent Konzentration vom Rudergänger. Jede Stunde ist „Wachwechsel“. So kann die Freiwache lesen, putzen, kochen oder ein Nickerchen halten. In Henrichenburg liegen wir malerisch vor dem alten Schiffshebewerk. Mein fußballbegeisterter Mann ruht nicht, bis er die Adresse einer Kneipe herausbekommen hat, in der das Spiel Deutschland: Brasilien zu sehen ist und macht sich per Fahrrad auf den Weg. Leicht beschwipst kommt er nach ein paar Stunden zurück: Er war in einer Wettkneipe gelandet, wo nach jedem Tor eine Lokalrunde ausgegeben wurde. Es fielen in diesem Spiel etliche Tore, und Mittrinken war Pflicht… Wie schön, dass er das auch mal kennen lernen durfte!

Hier bei Henrichenburg gelangen wir in den Rhein-Herne-Kanal. Nun queren wir den Ruhrpott mit beeindruckenden Industrieanlagen an backbord und steuerbord.

Eigentlich wollten wir an diesem Tag nur bis Oberhausen fahren, aber dort unter dem neuen „Sea-Life“, einem großen Süß- und Meerwasser Aquarium, herrscht Parkplatzatmosphäre in praller Sonne. Ein kleines Motorboot von der Mosel rät uns, stattdessen zum Holzhafen von Duisburg zu fahren, dort solle man wunderbar liegen. Nur kann ich den Holzhafen auf meiner Karte leider nicht finden. Na, dann sollten wir doch einfach hinter ihnen her fahren, sie würden uns den Weg schon zeigen… Einige Schleusen weiter ist immer noch kein Holzhafen in Sicht. Wir schleichen hinter dem kleinen Motorboot her, fahren durch den ganzen Duisburger Hafen – kein Holz zu sehen – und sind unvermittelt mitten auf dem Rhein! Ja, nun sollten wir nur noch 10km stromaufwärts fahren, da ginge ein Stichkanal ab zum Holzhafen!! Wir können es nicht fassen, die wussten doch, dass wir stromabwärts fahren müssen!! Mit wehenden Fendern und Leinen drehen wir bei und verzichten auf den angepriesenen Holzhafen.

Merke: Fahre NIE blind hinter anderen her! Dabei muss ich gestehen: Das ist uns schon einmal passiert:

Wir segelten in den Westschären von Schweden, nördlich von Göteborg. GPS gab es damals noch nicht, und  so war es notwendig, in dem Gewusel aus Inseln und Inselchen stets auf der Seekarte  genauestens den Kurs zu verfolgen. An heiklen Stellen hakten wir sogar die Landmarken  akribisch ab, um nicht durcheinander zu kommen. Nach einem langen Segeltag fuhren wir hinter einem Motorsegler her, der irgendwann  aus dem Haupt-Fahrwasser nach rechts abbog und auf einen kleinen Ort zuhielt. Ich war leicht irritiert, meinte  dann aber, mich beim Abhaken  wohl vertan zu haben und gab dem Rudergänger Order, hinterher zu fahren. So landeten wir in einem netten Hafen, und erst beim anschließenden Spaziergang sahen wir oben von der Schäre aus den Hafen liegen, in den wir eigentlich hatten fahren wollen…

Wir verstauen schnell Fender und Leinen und düsen den Rhein abwärts bis nach Wesel. Hier finden wir nach einem heißen 9-Stunden-Tagestörn gute Aufnahme. Der Hafen ist durch eine Landzunge vom Rhein getrennt und dadurch wunderbar ruhig. Auch Dinah gefällt es hier, sie darf frei laufen und im Fluss baden, eine Wasserschildkröte sonnt sich auf der Enteninsel. Es ist hier sehr idyllisch.

Für zwei Wochen fahren wir auf „Heimaturlaub“. Dann starten wir am 06. Juli 2005, gut mit Proviant versorgt, auf die nächste lange Etappe.

VON WESEL DURCH DIE NIEDERLANDE

Den Rhein abwärts gelangen wir in den Waal und bei Nijmegen links ab in den Maas-Waal-Kanal. Dann haben wir schon die Maas erreicht, die wir jetzt sehr weit befahren werden. Am Uferrand grünt und blüht es allerliebst bunt. Wir fahren an kleinen Dörfern vorbei, fast jedes hat eine Kerke mit hohem Turm.

Bei Regen und ungemütlichem Seitenwind machen wir kurz in Venlo fest. Nach den einsamen Tagen an Bord ist dieser Landgang ein richtiger Kulturschock, so viele Menschen laufen hier herum. Der halbe Ruhrpott scheint bei den berühmten „Brüdern von Venlo“ zum Shoppen versammelt zu sein. Wir kaufen vor Schreck nur das Nötigste, erstehen Fisch und alten Genever und fahren lieber schnell weiter. Genial in den Niederlanden: Die Schleusen öffnen für uns wie von Zauberhand, wir haben keine Wartezeiten.

Die Wassersportkarten der Niederlande hatte uns netterweise ein kundiger Clubkamerad zur Verfügung gestellt. In einigen Karten hatte er unsere Route mit Bleistift markiert, „damit Ihr Euch nicht verfahrt!“.  Jetzt sind wir ihm dankbar, denn das Wasserstraßennetz ist hier wirklich beeindruckend, und leicht kann man an Kreuzungen falsch abbiegen.

In Roermond wird uns mitten in grüner Idylle ein ruhiger Liegeplatz zugewiesen. Es regnet, eine gute Gelegenheit für einen Ruhetag. Ich habe gelernt, dies nicht unbedingt wörtlich zu nehmen und siehe da: Jörn beschließt, das TV-Antennenkabel quer durch das Schiff zu verlegen. Ich darf dafür wie eine Gliederpuppe verrenkt in ein kleines Fach krabbeln und mir beim Kabelangeln die Finger verrenken. Unsere Form von Ruhetag halt.

Nachdem der Nebel sich verzogen hat, wird der nächste Tag sonnig und schön. Wir ziehen an Maasbracht vorbei durch den Julianakanal, um uns herum herrliche Landschaft und schöne Ausblicke. Vor einer Schleuse müssen wir lange warten und dann mit drei Berufsschiffen gemeinsam schleusen. Wir als erste in der Reihe haben große Mühe, an einen hohen Poller zu kommen, weil ausgerechnet hier eine sehr starke Querströmung aus der Schleusenwand kommt. Mit Schleusenhaken und Leinen reißen wir uns förmlich die Arme aus und müssen uns danach erst mal wieder sortieren. Das war suboptimal gelaufen!

In Maastricht ist es leider proppenvoll und heiß. Wir Kulturbanausen entscheiden uns daher leichten Herzens gegen Kunst und Stadtbesichtigung und für Ankern und Baden in einem Baggersee. Jetzt wissen wir auch, was die Holländer unter dem schönen Wort Recreatiecentrum verstehen: Ein großes Erholungsgebiet. Auf dem See ist alles unterwegs, was schwimmen kann. Wir gönnen uns einen Ruhetag, und diesmal verdient er den Namen, mit Baden und Relaxen.

Natürlich sind wir abends auch wieder fleißig: Mit unserem selbst gebastelten französischen Navi-Vokabel-Spiel. Jörn spricht sehr ordentlich Französisch, ich nur mäßig. Aber wir beide kennen noch nicht die Begriffe für backbord, Tonne, Poller, linke Schleusenkammer… So haben wir kleine Karten beschrieben, vorn die deutschen Begriffe, hinten die französischen. Wer am meisten Vokabeln weiß, hat gewonnen.  Chaumard, tribord, crue…du meine Güte…

TOUR DURCH BELGIEN

Eineinhalb Stunden lassen uns die Belgier morgens vor ihrer Schleuse warten. Dann werden Personalausweise und Flaggenzertifikat genauestens studiert, und für 1€(!) wird ein Laufzettel für die belgischen Schleusen ausgedruckt. Dieser muss nun bei jedem Schleusenmeister vorgezeigt, geprüft und abgestempelt werden. Fehlt am Ende auch nur ein einziger Stempel wird man, so geht das Gerücht unter den Yachties, gnadenlos per Taxi zur Schleuse zurückgeschickt.

Die Meuse (so heißt die Maas in Belgien und Frankreich) ist hier anfangs so unattraktiv wie vorhergesagt. Schwerindustrie und Kraftwerke säumen die Ufer. Der Hafen in Liege zwischen Hochhäusern und Schnellstraßen gefällt uns nicht. Nein danke, da fahren wir lieber noch ein Stück. Zwei Schleusen weiter erreichen wir Huy. Der Liegeplatz 2 km vor dem Ort ist auch nicht viel besser,  und wir liegen direkt an einer Straße. Aber wir schauen von der Plicht in etwas Grün, und abends erkunden wir per Fahrrad den französisch anmutenden Ort mit einer sehr pittoresken Place zum Verweilen. Hier ist ordentlich Betrieb, und in einer wunderbaren Fromagerie (Käseladen) kaufen wir sehr gepflegt ein. Die Empfehlung der Verkäuferin allerdings – eine Spezialität aus Huy - entpuppt sich als Harzer Käse. Er riecht so streng und ist so fett, dass wir ihn nicht einmal Dinah anbieten möchten.  Durch den abwechslungsreichen Landgang in Huy sind wir mit Belgien etwas versöhnt. Weiter geht es durch unattraktive Gegenden, vorbei an Dörfern, die grau und freudlos aussehen. Namur allerdings, eine Stadt mit großer Zitadelle, ist sehr sehenswert und wir genießen den Rundgang durch die Altstadt, belgisches Bier und abends vom Schiff aus einen Sahneblick auf beleuchtete Brücke und Häuser. Dazu gönnen wir uns wunderbaren Käse, Baguette und Vin Rouge. Ja, so haben wir uns das Bordleben vorgestellt!

Ab Namur ändert sich das Bild. Wir haben eine entspannte Fahrt durch das hier hügelige, bewaldete Tal der Meuse. Traumhafte Villen verstecken sich hinter hohen Bäumen, und überall schwimmen Kanadagänse, sie sind so zahlreich wie bei uns die Enten. Trotz der immerhin 7 Schleusen, die uns zum Glück ohne Wartezeiten aufnehmen, ist dies eine schöne Tour. Eigentlich wollten wir in Dinant am Stadtkai festmachen, um eine Stadtbesichtigung zu unternehmen. Diesen Plan geben wir aber nach einer Pipipause für Dinah schnell auf, denn der Bootssteg liegt direkt neben einer sehr lauten Straße. Außerdem spricht uns nach dem Rundgang eine Deutsche an, die in ihrer Motorbootplicht sitzt und strickt. In der Zwischenzeit hätte ein junger Bursche unsere Bordinstrumente am Steuerstand fotografiert  und dann die Kamera unauffällig an einen anderen Mann weitergereicht. War das die Vorbereitung auf einen gezielten Klau? Wir sind verunsichert, das ist ein weiterer Grund, nicht hier zu bleiben. Das deutsche Boot heißt „Rubin“, macht aber höchstens den Eindruck eines Halbedelsteins. Es ist ein 10m langer Stahlverdränger, der offensichtlich schon etwas in die Jahre gekommen ist. Ganz lässig erzählen die Besitzer, dass sie in diesem Jahr noch nach Spanien wollen, weit hinter Barcelona, nach Alicante. Dort wollen sie, wie schon vor Jahren einmal, den kommenden Winter verbringen. Wir sind beeindruckt ob der vor ihnen liegenden Strecke, und bei meinem lieben Mann setzt sich ein Samenkörnchen fest:

Wenn die beiden mit dem Boot so weit kommen, dann könnten wir vielleicht auch….

Wir verabschieden uns von „Rubin“, die wir noch oft sehen werden, fahren eine Schleuse weiter und legen uns bei Anseremme malerisch und schattig unter Platanen an eine Pier. In den Lichtsprenkeln der Bäume umweht uns ein milder Hauch von südlichem Flair, einfach wundervoll. Hier, wie in fast allen Orten bis zum Mittelmeer, gibt es keine Häfen, wie wir sie von der Ostsee kennen. Entweder sind Schwimmstege, meist mit Strom- und Wasseranschluss, im Kanal bzw. Fluss ausgebracht, oder das Ufer ist so weit befestigt und die Wiese mit Pollern versehen, dass man längsseits festmachen kann. Bei einem Einkaufsbummel laufe ich dreimal an einem kleinen Supermarkt vorbei, bis ich ihn endlich als solchen erkannt habe. Die Häuser und Geschäfte sehen hier schon ganz anders aus als zu Hause. Am Nachmittag rät uns ein netter Holländer, die Membran unseres nicht funktionierenden Signalhorns mit Fett einzustreichen – und siehe da – es trötet laut und deutlich. Überhaupt: Die Kommunikation! Enorm wissbegierig versäumen wir keine Gelegenheit, nach dem woher und wohin der anderen Kanalfahrer zu fragen. Auf diese Weise erhalten wir unendlich viele wertvolle Tipps und können dadurch so manche Schwierigkeit vermeiden.

Nach einem Ruhetag, am französischen Nationalfeiertag sind die Schleusen nicht in Betrieb, machen wir uns auf nach Givet, unserer ersten französischen Station.

Von Liège nach Agde

BIENVENUE À FRANCE

An der Douane belgique wird uns am 15. Juli 2005 der kostbare, mit vielen Stempelaufdrucken versehene belgische Laufzettel abgenommen und, natürlich, genauestens geprüft. Alles ok, wir dürfen ausreisen. Wir folgen weiter der kanalisierten Meuse, die nun Canal de l’Est Branche Nord heißt. In der ersten Schleuse auf französischer Seite erstehen wir eine Vignette für die VNF (Voies Navigables de France), die französischen Wasserstraßen. Die Saisonkarte für vier Monate kostet bei unserer Schiffsgröße 290€. Damit können wir alle Wasserwege nutzen, und die Schleusen und viele Liegeplätze sind kostenlos. Wir erhalten eine Fernbedienung für die écluses automatiques, die automatischen Schleusen, mit einer kleinen Gebrauchs-Anleitung.

Auf eigenem Kiel sind wir in Frankreich angekommen, und das ist wirklich ein gutes Gefühl!

Mit einer Laserstrahl-Wasserwaage aus dem Baumarkt vermessen wir unsere Höhe mit exakt 3,35m und bringen vorn am Bug einen Stab an, der eine Höhe von 3,40m hat. Dadurch entfällt das leidige Peilen bei jeder Brücke, eine sehr praktische Einrichtung. Jetzt weiß der Rudergänger: Wenn der Stab unter der Brücke durchpasst, kann der Rest folgen.

Mit Bravour fährt Jörn (schwierige Passagen überlasse ich gern ihm) durch den Tunnel von Ham. Er ist 600m lang, sehr niedrig und gerade mal 5,7m breit. Gut, dass wir den Geräteträger weit gelegt hatten, denn der Fels kommt uns unbehauen von der Decke oft bedrohlich nahe. Es gibt keine Beleuchtung, und die Positionslaternen strahlen die Wände in der Dunkelheit dramatisch rot und grün an. Zusätzlich halte ich noch einen starken Bordscheinwerfer bereit, aber meine Hauptaufgabe beschränkt sich auf Ruhe bewahren und immer schön weiteratmen. Auch die Salonbeleuchtung sorgt durch die großen Fenster an den Tunnelwänden für etwas Licht. Auf dem Teppich liegt Dinah und schaut mit großen Augen zu uns herauf. Sie spürt die Anspannung genau. Die unglaublich enge Tunneldurchfahrt ist eine sehr unheimliche Erfahrung. Zum Glück geht bei uns alles gut. Ein paar Tage später treffen wir ein lädiertes Motorboot, dem gerade eine neue Persenning mit Gestänge angepasst wird. Sie waren den Felsen im Tunnel leider zu nahe gekommen.

Auf der anderen Seite erwartet uns eine wunderbare Landschaft, dicht am Ufer ansteigende, bewaldete Berge, dazwischen schroffe Hänge aus Schiefergestein. Verträumte Dörfer liegen am Weg, und fast alle Häuser sind aus dem grauen Stein der Gegend gebaut. Auf dem Wasser ist fast kein anderes Schiff unterwegs. Die Schleusen öffnen sich ohne Wartezeit per Fernbedienung, und das funktioniert so:

Ungefähr 100m vor den Schleusen steht am Ufer eine Tafel, die mit dem telecommand angeklickt wird. Dadurch wird die Schleusung aktiviert. Wenn ein grünes Licht aufleuchtet, darf eingefahren werden. Nach dem Festmachen muss in der Schleuse eine senkrechte Stange angehoben werden, ein Signal ertönt und der Schleusenvorgang beginnt. Bei grünem Licht darf auf der anderen Seite ausgefahren werden. Eine gute Erfindung. Trotzdem – jede Schleuse ist anders und erfordert Kraxeln auf der glitschigen Leiter oder Leinenweitwurf über die Poller.

Die Schleusen des Canal de l’Est sind klein, 38,50m lang und nur 5,05m breit, der Hub liegt bei gut 3m. Da wir meistens allein schleusen, können wir im hinteren Teil festmachen, denn vorn entsteht durch das mit Macht einlaufende Wasser oft ein heftiger Strudel.

In Fumay, einem zauberhaft gelegenen Ort in den Ardennen, können wir für 3€ die Waschmaschine in der Capitainerie nutzen, und der heiße Wind an Bord fungiert als Trockner. Jetzt muss nur noch gebügelt werden. Aber selbst diese Arbeit macht mir Spaß, weil ich dabei in der Plicht sitzen und das Treiben um mich herum beobachten kann.  

Vom Touristbüro mit Karten versorgt unternehmen wir eine lange Wanderung durch die Wälder mit großartigen Ausblicken auf das Meusetal. Wunderschön ist es hier, und hautnah bekommen wir auch das Dorfleben mit:

Die Vorbereitungen für eine Hochzeit laufen auf Hochtouren. Fröhlich und aufgeregt wird von Haus zu Haus gelaufen, man putzt sich heraus und bewundert die festlichen Kleider. Wie auf Kommando springen plötzlich alle in ihre Autos und entschwinden zur Feier. Regelmäßig werden um 22Uhr  im Dorf die Fensterläden unter lautem Klappern für die Nacht geschlossen und die Blumenkästen hereingeholt. Wer noch später seinen Nachbarn besuchen möchte, klopft an die Scheibe der Wohnküche, fischt den Haustürschlüssel aus seinem Versteck und lässt sich selbst ein.

Auf dem direkt an der Pier stattfindenden Markt versorgen wir uns mit Obst und Gemüse, dann schleusen wir zusammen mit einem kleinen Holländer auf einer pittoresken Tour durch den Ardenner Wald. Diese wunderbare Landschaft bezaubert uns durch immer neue grün-grüne Ausblicke, ich komme nicht einmal zum Bettenmachen vor lauter Bewundern. Die Berge haben romantische Namen, wie “Rochers des Dames de Meuse“ oder „Vier Söhne des Aymon“, nach volkstümlichen, zu Herzen gehenden Sagen der Ardennen.

Vor Revin ist die Überraschung an Bord groß, denn schon wieder muss ein Tunnel durchquert werden. Man sollte doch öfter mal auf die Karte schauen… Dieser ist allerdings etwas breiter und kürzer, außerdem haben wir den Tunnelblick ja schon in Ham geübt.

Die Meuse hat zahllose Poeten inspiriert, und in Laifour empfängt man uns sehr freundlich mit einem Gedichtband:

„Et la barque glissait sur les ondes câlines Et vers cet immense miroir  -Les arbres par milliers, des crêtes des collines- Se penchaient, comme pour s’y voir.“  

„Und das Boot glitt auf den sanften Wellen Und zu diesem riesigen Spiegel Beugten sich die Bäume zu Tausenden, die Kämme der Hügel, Als ob sie sich darin sehen wollten…“

Hier erleben wir französische Idylle pur. Wenn in dem stillen Dorf ein Hund bellt, hört man das Echo aus den bewaldeten Bergen auf der anderen Seite des Flusses. Jörn unterhält sich angeregt mit einer lebhaften 84-jährigen Madame, und wir können wieder das Dorfleben beobachten. Tauben in der Voliere, kleine Schieferwildschweine auf Gartenzaun-Pfosten (les sangliers soll es hier in den Wäldern geben), die unvermeidlichen Flaschen Wein auf den Gartentischen und Vogelgezwitscher. Dieser Ort ist Honig für die Seele.

Wir sind richtig traurig, als wir die Ardennenwälder verlassen und versprechen uns, dass wir wiederkommen werden.

In Sedan kauft Jörn endlich mal wieder Rotwein (leider bei Aldi. Er schmeckt gut, aber so ist das natürlich nichts fürs Gefühl), und wir machen eine Fahrradtour zur größten Burganlage Europas. Im Jahre 1424 begann der Bau, der danach immer mehr erweitert und entwickelt wurde. Per Audioguide lassen wir uns durch das riesige Gelände führen. Auf sieben Etagen wird sehr anschaulich dargestellt, wie aus einem ehemaligen Kloster ein Herrenhaus wurde, dessen Festungsmauern später durch einen Ringwall und Geschützwälle verstärkt wurden. Als Puffer zwischen France und Deutschland musste diese Gegend viel ertragen. Davon bekommen wir einen nachhaltigen Eindruck.

Auf der Fahrt nach Mouzon ist es kühler, und ab und zu gibt es kräftige Schauer. Wie gut, dass wir keinen großen Törn geplant hatten. Denn wegen der Brücken müssen wir unseren Geräteträger immer „Klar zum Legen“ haben und können daher auch die Persenning nicht nutzen. Wir stehen also buchstäblich im Regen. Das Boot hat zwar einen Innensteuerstand, aber den nutzen wir hier im Kanal nicht so gern. Es fehlt einfach die große Rundumsicht. Künftig schützen wir den Steuerstand bei Regen mit unserem großen Sonnenschirm, er lässt sich vor einer Brücke schnell niedriger stellen.

Wir fahren in eine Schleuse ein, machen fest, und ich ziehe an der Stange. Der Schleusenvorgang beginnt, es geht sehr rasant abwärts. Plötzlich beklemmt sich die Achterleine, die aus der Hand über die Klampe immer nachgegeben werden muss. Sie hängt unter der Klampe fest und immer fester, weil das Wasser enorm schnell fällt. Es gibt zwar an der Wand eine rote Notstop-Stange, die ich sofort hektisch ziehe, aber sie funktioniert nicht, und das Boot gerät in bedrohliche Schieflage. Beherzt schneidet Jörn die straffe Leine durch, und mit einem ordentlichen Satz liegt das Boot wieder waagerecht. Gut, dass das Messer immer bereit liegt!

In Mouzon besichtigen wir die Dorfkirche, und nach einem Spaziergang durch den kleinen Ort übt sich Jörn im Dialog mit einem Drogisten. Ich stehe eine gefühlte halbe Stunde mit Dinah vor dem Geschäft und sehe nur ab und zu über den Auslagen die Hände der beiden in die Luft fliegen. Die Unterredung ist wohl sehr lebhaft. Jörn erscheint endlich wieder, hochzufrieden: Mit dem kleinen Emaille Stift, den er für unser Waschbecken kaufen wollte und außerdem einem Restauranttipp. Mit aller Leidenschaft, zu der ein echter Franzose fähig ist, wenn es um Essen geht, hat der alte Drogist „Les Échevins“, ein uraltes Lokal in Mouzon, angepriesen. Dort speisen wir abends tatsächlich superb und fürstlich und fühlen uns wie Gott in Frankreich.