2,99 €
Allen, die endlich anfangen wollen, ihr Leben zum Positiven zu verändern, gibt Mike Bayer mit seinem Buch die wichtigsten Tools an die Hand, die helfen, die bestmögliche Variante seiner selbst zu werden. »Coach Mike« hat als Spezialist für psychische Gesundheit schon unzähligen Menschen – vom Unternehmer bis zum Popstar – zu einer solchen Veränderung verholfen. Er bezieht dabei jede der sieben Sphären des Lebens – Soziales, Persönliches, Gesundheit, Bildung, Beziehung, Arbeit und spirituelle Entwicklung – in seine Arbeit mit ein. Dieses Buch enthält erstmals sein über Jahre angesammeltes geballtes Wissen. Sei du selbst - nur besser ist damit ein einzigartiger Ratgeber voller hilfreicher Übungen, Fragebögen und Checklisten, der jeden befähigt, schon beim ersten Lesen die eigene Selbstverwirklichung anzugehen und endlich jene Barrieren zu durchbrechen, die davon abhalten, ein erfülltes Leben zu führen. »Wenn Sie Sei du selbst – nur besser lesen, werden Sie verstehen, dass Mike's Formel die Kraft der Veränderung in die Hände jedes Einzelnen legt. Er ermutigt Menschen, sich grundlegende, aber wichtige Fragen zu stellen: Was willst du wirklich? Wovor hast du Angst? Wer hält dich zurück? Dieses Buch ist ein Muss für jeden, der in allen Lebensbereichen erfolgreich sein will.« Jennifer Lopez
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 472
Veröffentlichungsjahr: 2019
MIKE BAYER
SEI DU SELBST – NUR BESSER
WIE DU ZUR BESTEN VERSION DEINER SELBST WIRST
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
1. Auflage 2019
© 2019 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Copyright der Originalausgabe © 2019 by Michael Bayer, all rights reserved.
Published by arrangement with Dey Street Books, an imprint of HarperCollins Publishers, LLC.
Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel Best Self. Be You, only Better.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Dieses Buch enthält ein breites Spektrum verschiedener Ansichten zu Themen wie Gesundheit und Wohlbefinden, darunter einige Ideen, Verfahren und Prozeduren, welche sich unter Umständen als gefährlich entpuppen könnten, wenn sie ohne angemessene medizinische Aufsicht angewendet werden. Diese Ansichten reflektieren die Recherchen und die Ideen des Autors oder derjenigen, deren Ideen der Autor beschreibt, doch ersetzen sie nicht die Dienste eines ausgebildeten medizinischen Fachmannes. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, bevor Sie diese Ratschläge umsetzen. Der Autor und der Verlag übernehmen keine Verantwortung für negative Folgen, direkt oder indirekt resultierend aus dem Inhalt dieses Buches.
Übersetzung: Thomas Gilbert
Redaktion: Silke Panten
Korrektorat: Anne Horsten
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer
Umschlagabbildung: Shutterstock
Abbildungen auf den Seiten 54, 58, 164, 165 für die deutsche Ausgabe bearbeitet von
Marc-Torben Fischer
Satz: abavo GmbH, Sarah Kunze
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-95972-257-5
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-479-1
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-480-7
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.finanzbuchverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Ich widme dieses Buch meiner Mutter Aina Bayer, die mir beigebracht hat, dass man, egal, was für einen Tag man gehabt hat, immer für Menschen in Not bereitstehen sollte, sowie meinem Vater Ronald Bayer, der mich gelehrt hat, dass Integrität wichtiger ist als Aufstiegschancen – und dass ich immer das Richtige tun sollte. Ich widme es auch denjenigen, die auf der Suche nach ihrem besten Selbst sind. Möge eure Reise aufregend und lohnenswert sein.
Vorwort
Einleitung
Entdecke dein bestes Selbst
Verstehe dein negatives Selbst
Deine einzigartige Reise: So kannst du dich zum Besseren verändern
Erkenne deine Hindernisse
Sphäre 1: Deine sozialen Kontakte
Sphäre 2: Dein Privatleben
Sphäre 3: Deine Gesundheit
Sphäre 4: Deine Bildung und Erziehung
Sphäre 5: Deine Beziehungen
Sphäre 6: Dein Berufsleben
Sphäre 7: Dein spirituelles Leben
Wie du dein bestes Team zusammenstellst
Sieben Schritte, um die Ziele deines besten Selbst zu erreichen
Fazit
Danksagungen
Über den Autor
Anmerkungen
von Dr. Phil McGraw
Lassen Sie uns ein paar Zahlen anschauen: Wenn Sie 25 Jahre alt wären, hätten Sie 9125 Tage gelebt, mit 40 Jahren wären es 14 600 Tage, und mit 50 Jahren hätten Sie 18 250 Tage gelebt. Ich wette, von diesen Tausenden von Tagen sticht nur eine Handvoll wirklich hervor. Es gibt nur wenige Tage, die Sie im Kalender rot ankreuzen würden, weil sie Ihres Erachtens Ihr Leben verändert haben – ob nun positiv oder negativ.
Gleichzeitig möchte ich wetten, dass von den Hunderten oder sogar Tausenden von Menschen, denen Sie im Laufe Ihres Lebens begegnet sind, nur eine Handvoll einen bleibenden Einfluss auf Sie ausgeübt haben. Nur sehr wenige haben sich auf unauslöschliche Weise ins Buch Ihres Lebens eingetragen.
Mit der Anschaffung und der Lektüre des Buches »Sei du selbst – nur besser. Wie du zur besten Version deiner selbst wirst« von Mike Bayer, bekannt als Coach Mike, haben Sie Ihrem »Kernteam« einen dieser Menschen hinzugefügt, die Sie niemals vergessen werden.
Jeder Mensch mit Visitenkarte und Aktentasche kann sich selbst als »Life Coach«, als Lebensberater, bezeichnen. Aber nur sehr wenige haben die Qualifikationen, die Erfahrungen und die Erkenntnisse gesammelt, die nur entstehen können, wenn man es schafft, komplexen Persönlichkeiten zu helfen, sich ihren Weg durch das holperige Terrain eines Lebens voller Kurven, Abfahrten und Steigungen in einer sich ständig verändernden Welt zu bahnen.
Coach Mike ist ein wahrer Profi. Dieses Buch ist seine Anleitung zur Maximierung Ihres Potenzials, da er damit auf effektivste Weise Ihr wahres Ich aus Ihnen herausholt. Mike wirft nicht mit Schlagworten um sich. Er ist ein vernünftiger, handlungsorientierter Coach, der Ihnen sagt, wie Sie von dort, wo Sie sind, dorthin gelangen, wo Sie hinwollen, und zwar in jedem Bereich Ihres Lebens, sei es privat, familiär, beruflich, spirituell oder alles zusammen. Er ist kein Zauberer; er hat nur erkannt, dass der gemeinsame Nenner für alle Bereiche Ihres Lebens Sie selbst sind. Alles beginnt und endet damit, dass Sie Ihr bestes Selbst sind.
Coach Mike verändert das Leben der Menschen auf seriöse und legitime Weise. Er ist absolut authentisch: klug, einfühlsam, ernsthaft, ehrlich, geradlinig und engagiert. Als ich ihn kennenlernte und mit ihm zusammenarbeitete, um Menschen zu helfen, ihr Leben zum Besseren zu verändern, habe ich diese Eigenschaften in Aktion erlebt. Ich bin stolz darauf, ihn als Freund zu bezeichnen, stolz darauf, ihn im Team von Dr. Phil zu haben und stolz darauf, ihn in unserem Beirat zu haben.
In »Sei du selbst – nur besser« hat Mike Bayer das Wort. Es ist die Art von Buch, nach deren Lektüre man deutlich besser ist, als man vorher war. Auf diesen Seiten wird Mike Ihr Life Coach sein, und auf der Reise wird er Sie durch eine Reihe von zum Nachdenken anregenden und provokativen Fragen führen, wie sie Ihnen noch nie zuvor gestellt wurden.
Mike geht auf die Menschen genau dort zu, wo sie sind, ohne zu urteilen, und führt sie sanft und mitfühlend zu ihrer Authentizität. Im Laufe der Lektüre dieses Buches werden Sie die gleiche Sorgfalt empfinden und den Nervenkitzel sinnvoller Durchbrüche spüren, während Sie jeden Aspekt Ihres Lebens auf Ihrem Weg zu Ihrem besten Selbst unter die Lupe nehmen.
Wie ich oft sage, kann man nicht ändern, was man nicht akzeptiert. Jetzt ist es an der Zeit, wirklich ehrlich zu sein. Sie denken vielleicht, dass echte Veränderung unmöglich für Sie ist, dass Sie Ihre Beziehungen irreparabel beschädigt, Ihr Leben ruiniert haben und zu weit von Ihren Träumen entfernt sind. Lassen Sie mich Ihnen sagen, dass nichts davon wahr ist, wenn Sie bereit sind, an sich zu arbeiten, und zugeben, dass dies notwendig ist. Aber Sie brauchen die erforderlichen Werkzeuge – den Glauben, dass Sie sich ändern können, den Wunsch, dies zu tun, und Mike Bayers »Sei du selbst – nur besser«. Die Vergangenheit liegt hinter Ihnen. Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Die Zeit ist gekommen. Für das Buch zu Ihrer besten Version von sich selbst.
Die Maschine befand sich endlich im Landeanflug. In der letzten halben Stunde hatte ich die Auswirkungen des Fluges nachdrücklich gespürt. Es gibt keine direkte Verbindung zwischen Los Angeles und Erbil in Kurdistan – es ist nicht gerade eine gängige Route –, daher war ich schon einen ganzen Tag lang unterwegs. Aber hinter dem körperlichen Unbehagen verspürte ich eine Aufregung, die mich genauso sehr vorantrieb wie das Flugzeug.
Fast jeder in meinem Umfeld dachte, ich sei verrückt, diese Reise zu unternehmen, und sie hatten keine Scheu, es mir auch zu sagen. Aber was wussten sie schon? Sie verstanden nicht, welche magnetische Anziehungskraft ich empfand bei dem Gedanken, hierher zu kommen. Ich musste einfach helfen. Diese verzweifelten und verlorenen Menschen hatten so viel Leid ertragen. Je näher das Flugzeug dem festen Boden entgegen glitt, desto überzeugter war ich von den Motiven, aus denen heraus ich bereitwillig meine Existenz zurückgelassen hatte. Ich hatte mein Leben, das einem vorkommen musste wie die absolute Erfüllung des amerikanischen Traums, aufgegeben und wollte mich nun auf etwas einlassen, was manchen wie das Herz der Finsternis erscheinen mag.
Finsternis – ein interessanter Zustand. Vollkommen ohne jegliches Licht zu sein. Manchmal müssen wir in die Finsternis gehen, um zu verstehen, was Licht eigentlich bedeutet. Finsternis war mir nicht neu. Ich war zum ersten Mal sechzehn Jahre zuvor damit konfrontiert worden, als ich nach einer einwöchigen Drogenparty im Badezimmer mein ausgemergeltes, kränkliches Spiegelbild erblickte und feststellte, dass mein inneres Licht durch die Finsternis meiner Metamphetaminsucht völlig verdunkelt worden war. Wie jeder genesende Meth-Süchtige dir sagen wird, stiehlt Meth, mehr noch als jede andere Droge, deine Seele und raubt dir deinen gesunden Menschenverstand. Man ist völlig auf Schlafentzug, isst nicht, trinkt kaum Wasser, sodass der Tank so gut wie leer ist, aber man läuft weiter herum und denkt, dass man die schlaueste Person im ganzen Raum ist. Damals war ich zwanzig Jahre alt und konnte es einfach nicht verstehen, wie ich von einem Reservespieler des Basketballteams an der Fordham University zu einem Zombie geworden war, der völlig realitätsfremd war und in einem Zustand reiner Paranoia lebte. Es kam tatsächlich so weit, dass ich davon überzeugt war, ich sei vom Teufel besessen. Es war schlimm. Ich hatte vollkommen die Kontrolle über mich verloren. Nachdem ich dieses schreckliche Spiegelbild von mir selbst wahrgenommen hatte, dauerte es allerdings noch eine ganze Weile, bis ich clean wurde, aber alles andere, was mir in meinem Leben widerfahren ist, war eine direkte Folge meiner eigenen, persönlichen Reise hinaus aus der Finsternis der Drogenabhängigkeit.
Während ich noch die Erinnerungen abschüttelte, kippte ich leicht nach vorn, als die Bremsen des Flugzeugs ihrer Aufgabe nachkamen, die Geschwindigkeit der Maschine auf dem Asphalt zu verringern. Der Sicherheitsgurt hielt mich fest in meinem nun sanft federnden Sitz. Zurück in die Realität, dachte ich, als ich mich mental wieder auf das Hier und Jetzt konzentrierte.
Vielleicht hätte ich es besser als eine ganz andere Welt beschreiben sollen, stellte ich fest, als ich das Flugzeug verließ und schnell von einer Gruppe von Männern in schwarzen Anzügen, die alle bewaffnet waren, die Stufen hinuntergeführt und zu einem unscheinbaren SUV mit kugelsicheren Scheiben eskortiert wurde. Innerhalb von wenigen Sekunden rasten wir über das Flughafengelände. Es mag wie in einem Film ausgesehen haben, aber wenn man es persönlich erlebt, ist es ein wenig nervenaufreibender als auf einer Großleinwand. Wir hielten vor einem nahegelegenen Gebäude, und ich passierte den Zoll. Bei der ersten Gelegenheit erkundigte ich mich nach einer Toilette, und die Männer zeigten auf eine Tür. Ich ging hinüber.
Als ich den Türknauf betätigte, waren meine Gedanken nicht bei den Toiletten dort drinnen. Ganz und gar nicht. Es gab etwas viel Dringenderes, um das ich mich zuerst kümmern musste. Ich habe den Überblick verloren, wie oft ich mich eingehend mit diesem Ritual beschäftigt habe (vielleicht um die zweitausend Mal), aber das erste Mal werde ich nie vergessen. Schwer vorstellbar, dass das nun schon zwölf Jahre her war. Wenn ich damals gewusst hätte, dass es eine tragende Säule in meinem Leben werden würde, hätte ich es mir zweimal überlegt, damit auf einer Toilette zu beginnen, doch eigentlich ist es der logischste Ort. Wohin auch immer man im Leben geht – in Wohnhäuser, Lebensmittelgeschäfte, Flughäfen, Konzerthallen oder auf Filmsets –, die Wahrscheinlichkeit ist äußerst hoch, dass es dort eine Toilette gibt, und sie bietet einem am ehesten zumindest ein wenig Privatsphäre. (Aber scheinbar nicht genug, denn im Laufe der Jahre haben mich ein paar Leute angeschaut, als sei ich verrückt, und es ist mir immer noch ein bisschen peinlich.)
Die Toilette war standardgemäß ausgestattet – es gab mehrere Kabinen, eine Zeile mit Waschbecken und einen langen Spiegel in der Nähe der Tür. Perfekt. Ich stellte meine Taschen ab, zog zwei Handtücher aus dem Spender, wischte sanft den Boden ab, ging vor einem Waschbecken auf die Knie und schloss für einen Moment die Augen. Dies ist der erste Teil meines Rituals, das ich vor jedem neuen Vorhaben durchführe, und es ist ein Symbol der Demut. Ich war immerhin hier in Kurdistan, um anderen zu dienen, nicht um mich selbst zu feiern. Ich gehe bei meiner gesamten Arbeit so vor. Auf die Knie zu gehen, ist seit Jahrhunderten eine physische Erinnerung an die Verbindung mit unserem eigenen Geist, mit Gott oder einem höheren Wesen, an das wir glauben. Ich habe festgestellt, dass dies auch für mich funktioniert. Es ist ein überzeugendes Mittel, um mein Ego zum Schweigen zu bringen, alle Ängste aufzulösen und mich vom Ergebnis zu lösen, denn solange ich für mich glaubwürdig handle, spielt das Ergebnis keine Rolle.
Ich stand wieder auf und betrachtete mich im Spiegel – das ist der zweite Teil meines Rituals. Mit einer Körpergröße von knapp zwei Metern und als einziger Amerikaner weit und breit war ich kaum zu verfehlen, aber wenn jemand, der die Toilette betreten hätte, auf mein seltsames Verhalten aufmerksam geworden wäre, wäre es mir nicht aufgefallen. Ich war zu tief in mein Ritual versunken. Es gab eine Zeit, in der sich diese ganze Sache für mich lächerlich angefühlt hätte. Das war aber nicht mehr der Fall, denn es war in positiver Weise unerlässlich für mich geworden.
Ich starrte mir im Spiegel weiter tief in die Augen. Auch wenn es schwer war, die dunklen Ringe unter meinen Augen nach dem langen Flug oder die Falten, die sich an den Rändern gebildet hatten, zu ignorieren, wurde das Äußerliche für mich langsam unsichtbar. Der Sinn dieser Übung ist es, über alle äußeren Ablenkungen hinweg und direkt in meine Seele zu schauen. Ich überprüfte mich selbst, wollte sichergehen, dass ich voll und ganz bei mir war und authentisch handelte, bevor ich einen weiteren Schritt auf dieser Reise unternahm.
Es ist ein einfaches Ritual – die Selbstbetrachtung im Spiegel als mentale Konzentrationsübung –, aber es ist tiefgründig. Das ist eine Sache, die ich im Verlauf der Zeit gelernt habe: Die einfachen Handlungen können die folgenreichsten in unserem Leben sein. Ich wusste, solange ich mir die Zeit nähme, in diesen meditativen Zustand einzutreten, mich zu zentrieren und sicherzustellen, dass ich Entscheidungen träfe, die in meiner spirituellen Wahrheit verwurzelt sind, wäre ich in der Lage, mich als die beste Version von mir selbst zu präsentieren und mich voll und ganz auf meinen Klienten zu konzentrieren. Mit anderen Worten, es hilft mir dabei, jede Situation selbstlos anzugehen.
Da stand ich also in dieser kurdischen öffentlichen Toilette, nur wenige Zentimeter vom Spiegel entfernt und blickte mir in die Augen, als ich, wie schon oft zuvor, einige der Menschen, mit denen ich in der Vergangenheit gearbeitet hatte, förmlich vor mir sehen konnte, wie ein Wandteppich von Gesichtern, der sich vor mir entfaltete. So sehr es bei diesem Ritual auch darum geht, in meine eigene Seele zu blicken, kommen mir zugleich oft Erinnerungen an andere Menschen in den Sinn, weil sie mir helfen, mich mit meiner eigenen Authentizität, meiner Bestimmung und meiner Leidenschaft zu verbinden. Dies sind Menschen, mit denen ich schwere Zeiten durchgemacht habe, und für diese Erfahrungen bin ich zutiefst dankbar.
An jenem Tag tauchte vor meinem geistigen Auge das Bild von Wyatt auf, einem korpulenten, wohlhabenden Unternehmer, dessen Wangen vor Wut gerötet und dessen Augen geschwollen und blutunterlaufen waren. Es war vielleicht die fünfzigste Interventionsmaßnahme, die ich in meiner Karriere durchgeführt hatte, und auch wenn das schon viele Jahre zurücklag, verfolgte mich dieser spezielle Fall noch immer. Sarah, Wyatts verzweifelte Frau, die Angst vor ihrem Mann hatte, und den sie kaum noch wiedererkannte, hatte mich gebeten, in ihr Haus zu kommen und der Gewalt ein Ende zu setzen. Dieser einst liebevolle Familienvater hatte sie gewürgt, während ihre vier Kinder entsetzt hatten zusehen müssen. Sein Geschäft hatte keinen Erfolg, weil seine Mitarbeiter es satthatten, sich in die Ecke zu verkriechen, wenn er aufbrauste und boshafte Tiraden von sich gab. Seine Wut war zu einem Selbstläufer geworden, und niemand wusste, wie weit er noch gehen würde. Aber bereits beim ersten Gespräch mit Sarah wusste ich, dass ich für diese Situation die richtige Person war.
In Vorbereitung auf die Intervention musste ich mich neu einkleiden. Sarah hatte mich gewarnt, dass ich keine Chance hätte, wenn ich nicht Anzug und Krawatte trüge. Eine seltsame Bitte, aber ich war ihren Anweisungen trotzdem gefolgt, in der Hoffnung, dass es mir bei diesem egoistischen Charakter zumindest ein wenig Respekt verschaffen würde. Da stand ich nun, piekfein gekleidet in einem geliehenen Anzug (damals konnte ich mir keinen eigenen leisten), in der vergoldeten Empfangshalle einer Villa aus Kolonialzeiten und wartete.
Dann, plötzlich, konnte ich seine lauten Schritte den Flur entlangkommen hören. Die Spannung im Raum nahm sofort zu und wuchs mit jedem widerhallenden Schritt, der durch das Haus drang.
Er erschien in der Empfangshalle und runzelte sofort die Stirn, als er mich sah, blieb aber still. Wyatt begann dann, mich langsam zu umkreisen, wie ein hungriger Löwe. Er beobachtete mich mit blinzelnden Augen. Schließlich fragte er zähneknirschend: »Wer sind Sie und warum betreten Sie unerlaubt mein Haus?«
»Ich heiße Mike, und Ihre Frau hat mich eingeladen, also bin ich nicht unerlaubt hier. Schön, Sie kennenzulernen, nebenbei bemerkt.«
»Meine Frau, sagen Sie? Nun, sie wird mich nicht daran hindern, dass ich Sie wieder hochkant vor die Tür setze«, giftete Wyatt.
»Wenn ich gehe, geht sie auch«, antwortete ich ruhig. Sarah nickte zustimmend, bestärkt durch meine Anwesenheit – ich fungierte im Grunde genommen als ihr Beschützer.
Wyatt machte zwei schnelle Schritte auf mich zu, und mir nichts, dir nichts standen wir dicht an dicht voreinander. »Wer zum Teufel denken Sie, wer Sie sind? Verschwinden Sie sofort!«, brüllte er. Ich schenkte ihm nur ein Grinsen, und anstatt mich auf einen Blickwechsel einzulassen, schlenderte ich hinüber zu dem schicken Sofa, streifte lässig meine nagelneuen, schwarz glänzenden Lederschuhe ab, die ich nur für diesen Tag gekauft hatte, legte meine Füße auf den Ottoman und breitete meine Arme weit über die Sitzkissen aus. Ich reagierte auf diese Weise, weil ich gelernt hatte, dass man, wenn etwas nicht läuft, die Dinge nicht erzwingen sollte, und bei einem Typen wie diesem galt es, unkontrollierbar und einfach nur irre genug zu erscheinen, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dem Wahnsinn mit Methode begegnen, sozusagen.
»Ich hätte gerne eine Tasse Tee.« Ich versuchte mit allen Mitteln, ihm auf die Nerven zu gehen, und es funktionierte. Wyatt schaute mich an, als sei ich völlig von Sinnen.
Sarah, ganz die Gastgeberin, antwortete: »Sicher. Wir haben schwarzen Tee.«
»Haben Sie irgendeinen Kräutertee? Pfefferminze?« Ich konnte sehen, dass Wyatt begann, die Fassung zu verlieren. Das war perfekt. Ich wollte ihn provozieren, weil unter der zornigen Fassade der Schmerz lauerte. Je schneller wir zu dem Schmerz vordringen konnten, desto schneller würden wir erste Fortschritte erzielen.
»Nein, tut mir leid, wir haben nur schwarzen Tee da«, sagte sie.
»Wirklich? Unfassbar. Man sollte meinen, dass in einer solchen Villa jede vorstellbare Sorte Tee vorhanden wäre. Also gut, schwarzer Tee ist in Ordnung. Oh, und bitte mit Honig.« Sie wandte sich der Küche zu.
Bumm. Wyatt explodierte förmlich.
»Willst du diesem Mann, diesem Fremden, ernsthaft erlauben, sich in unsere Privatangelegenheiten einzumischen?« Wyatt drang auf seine Frau ein, aber sie ließ sich nicht unterkriegen und blieb standhaft.
»Ja, genau das tue ich. Und du wirst dich jetzt hinsetzen und zuhören, was er zu sagen hat, oder ich werde die Kinder nehmen, aus dieser Tür marschieren und das wird das Letzte sein, was du von uns zu sehen bekommst.« Sie überraschte sogar sich selbst und schaute mich kurz an – ich zwinkerte ihr zu. Sie hatte es genauso ausgesprochen, wie wir es zuvor eingeübt hatten. Die Worte schienen nur so aus ihr herauszusprudeln.
Seit unserem ersten Treffen waren nur 24 Stunden vergangen, und in dieser Sitzung war sie zu einigen wichtigen Erkenntnissen gekommen. Sie erkannte, dass ihre Kinder viel zu oft erlebt hatten, wie ihr Vater sturztrunken auf dem Boden lag. Sie erkannte, dass ihre Kinder lernten, dass Frauen es verdienten, erniedrigt und misshandelt zu werden. Sie erkannte, dass sie es diesem Vampir erlaubt hatte, ihr Leben auszusaugen. Sie erkannte, dass sie und ihre Kinder etwas Besseres verdient hatten. Und vor allem erkannte sie, dass sie nicht mehr länger ein Teil dieses Problems sein wollte.
Wyatt wurde unsicher. Er konnte es nicht begreifen, dass er seine manipulative Macht über seine normalerweise unterwürfige Frau verloren hatte. Mit hochrotem Kopf stampfte er in die Küche. Im Haus wurde es ganz still, während wir auf seinen nächsten Schritt warteten. Er kehrte mit einem Highball in der Hand zurück.
»Scotch. Mögen Sie den am liebsten?«, fragte ich.
»Beruhigt das Gemüt.« Wyatt nahm einen Schluck, setzte sich hin und lockerte die Krawatte. »Hübsche Schuhe«, scherzte er mit einem gehörigen Schuss Sarkasmus in seinem Ton.
»Danke! Ich schätze das Kompliment von jemandem, der wahrscheinlich ein ganzes Zimmer nur für seine Schuhe hat«, sagte ich, während ich daran dachte, dass ich dieses Paar erst am Tag zuvor gekauft hatte, weil ich noch nie zuvor ein Paar anständige Schuhe für eine Intervention gebraucht hatte.
Als ich mich im Raum umschaute, fiel mein Blick auf einen Aufzug am anderen Ende des Raumes. »Netter Aufzug. Wer hat schon einen Aufzug daheim?«, fragte ich. Humor dient dazu, das Eis zu brechen, ist aber auch ein riskanter Zug. Wyatt warf mir einen Blick von der Seite zu.
»Ich habe einen. Und der geht mir echt auf die Nerven. Bin viel zu oft in dem verdammten Ding steckengeblieben.«
Das Gespräch ging weiter und schien eine Weile produktiv zu sein, aber aus einem Scotch wurden schnell fünf, und Wyatts Ego übernahm die Kontrolle, als ich das Gespräch auf unseren Schlachtplan lenkte, der damit anfing, dass er in die Entzugsklinik gehen sollte. Wie ich es erwartet hatte, wurde er aggressiv, also nahm Sarah die Kinder und ging in ein Hotel. Sie hatte zuvor schon dutzende Male damit gedroht, ihn zu verlassen, aber an diesem Abend hatte sie es in die Tat umgesetzt, nachdem sie für genau diesen Fall die Koffer bereits zuvor gepackt hatte.
Es war nicht so sehr der Anblick seiner Familie, wie sie das Haus verließ, sondern vielmehr, wie leicht es ihnen fiel zu gehen, was Wyatt erschütterte. Wie jeder Narzisst blühte er auf, wenn die Menschen Angst vor ihm hatten. Aber sie hatten keine Angst mehr. Und genau das machte ihm Angst.
»Ich habe einige Geschäftsabschlüsse, die ich betreuen muss. Ich kann nicht einfach aufstehen und verschwinden.«
»Ich habe einen Platz im Sinn, wo Sie Zugang zu Telefon und E-Mail haben. Sie wären in der Lage, Ihre Geschäfte am Laufen zu halten.«
Lange Pause.
»Okay. Aber nicht heute Abend. Morgen früh.«
»Ich hole Sie um acht Uhr ab.«
Tatsächlich saßen wir am nächsten Morgen Seite an Seite auf dem Rücksitz eines Autos, auf dem Weg zu einem brandneuen Kapitel in Wyatts Leben.
Ich verscheuchte die Erinnerung, konzentrierte mich wieder auf den gegenwärtigen Moment und sagte laut mein Mantra auf: »Du schaffst das schon.« Dieses Mantra hatte sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt – es begann als »Glaube an dich selbst«, dann lautete es »Du bist liebenswert«, »Sei du selbst«, dann »Du bist gut genug«, »Sprich die Wahrheit, wie du sie siehst«, »Du bist genau am richtigen Ort«, »Ich liebe dich« und nun ist es »Du schaffst das schon«. Das Ritual bleibt immer gleich, aber das Mantra ändert sich. Ich begann mit diesem Ritual, als ich mit Anfang zwanzig bei meiner allerersten Intervention hilflos überfordert war. Alles war an jenem Tag schiefgelaufen – meinem Drucker war die Tinte ausgegangen, und ich hatte die Rede nicht auswendig gelernt, die ich im Auftrag der Firma, für die ich damals arbeitete, an die Familie richten sollte. Eins kam zum anderen, und als alles vorbei war, rief die Familie an und forderte wegen meiner angeblichen Unerfahrenheit ihr Geld zurück. Aber ich fühlte mich trotzdem gut, weil ich mit meinem besten Selbst verbunden war.
Seit damals hat mir mein Ritual stets genau das gegeben, was ich brauchte – das Gefühl, dass ich bereits gewonnen habe, unabhängig vom Ergebnis, weil ich meine Arbeit aus dem wahren und tiefen Wunsch heraus verrichtete, anderen zu helfen. Ich konnte die Handlungen der anderen nicht kontrollieren oder voraussagen, aber ich konnte sicher sein, dass ich immer von diesem authentischen Standpunkt in mir handelte und dass ich gut genug war.
Ich atmete tief durch, klaubte meine Habseligkeiten vom Boden des Waschraums auf, traf vor der Tür auf mein Security-Team, und wir fuhren weiter. Es lag noch eine weite Strecke vor uns. In Kurdistan von einem Ort zu einem anderen zu gelangen, war nicht ganz so einfach wie meine übliche Fahrt nach Hollywood, selbst in Anbetracht des dichten Verkehrs in Los Angeles. Gleichwohl fühlte ich mich hier wie zu Hause. Es gibt wirklich keinen Ort, der einladender ist als Kurdistan – die Einheimischen akzeptieren und respektieren alle Religionen und alle Menschen. Deshalb haben so viele Menschen in dieser Region Zuflucht gesucht. Ich hatte mit meinem kurdischen Reiseleiter vor der Ankunft einige Male am Telefon gesprochen, also hatte ich ein Gefühl dafür, wohin ich gehen würde und wen ich treffen würde, aber trotzdem ist es schwierig, sich auf die Ankunft in einem Flüchtlingslager auf der anderen Seite der Welt vorzubereiten. Was ich sicher wusste, war, dass ich eine Auszeit von meiner Stammkundschaft brauchte, zumindest für eine Weile, und dass ich meine Fähigkeiten auf eine neue Art und Weise einsetzen wollte.
Ich habe in meinem Leben immer ein Gleichgewicht erreicht, indem ich das genaue Gegenteil meiner gegenwärtigen Situation gesucht habe. Diese Dichotomie hält mich geerdet und erfüllt mich mit Dankbarkeit. Die meisten meiner Kunden aus jüngster Zeit waren Prominente, die über alle nur erdenklichen Güter verfügten, während die Menschen hier mit ansehen mussten, wie ihre Häuser durch Raketen zerstört wurden, wie ihre Familien ermordet wurden und wie ihnen alles außer dem, was sie auf dem Rücken tragen konnten, entrissen wurde. Aber diese Reise war nicht nur deshalb zustande gekommen, weil ich einen Ort auf dieser Welt ausgewählt hatte, an dem Menschen Hilfe brauchten, und wo ich als eine Art Retter fungieren konnte. Tatsächlich wusste ich, dass es höchst unwahrscheinlich war, dass ich wirklich in der Lage sein würde, im Verlauf von nur einer Woche besonders viel für diese Menschen zu erreichen.
Ich hatte diesen Teil der Welt acht Jahre zuvor schon einmal besucht und mich zu Afghanistan hingezogen gefühlt, weil ich den Eindruck hatte, dass die Art und Weise, wie diese Region in den amerikanischen Medien dargestellt wurde – als von Terroristen überlaufenes Land, wo jeder ein Radikaler ist –, so nicht stimmen konnte. Ich musste mir das einfach selbst anschauen. Außerdem war Afghanistan die internationale Hochburg der Opiumproduktion, und ich hatte mir selbst ein Bild davon machen wollen. Ich lerne gerne aus eigener Erfahrung, und wenn ich mich in etwas weiterbilden will, muss ich mich darin vertiefen. Auf dieser Afghanistan-Reise hatte ich Reha- und Entgiftungszentren besucht, und in einigen von ihnen wurden barbarische Methoden eingesetzt, um Menschen vom Heroin zu befreien. Man kettete die Menschen einfach an und ließ sie zittern, weinen und sich vor Schmerzen krümmen, während ihr Körper von den harten Drogen, von denen sie schwer abhängig waren, entgiftet wurde. Es war erschütternd gewesen. Sie brauchten dringend moderne und medizinisch einwandfreie Entgiftungs- und Rehabilitationseinrichtungen. (Ich war schon seit ein paar Jahren nicht mehr in dieser Region, es könnte also sein, dass sie jetzt bessere Behandlungsmethoden haben, aber zu diesem Zeitpunkt war es das, was in einigen Einrichtungen vor sich ging, weil sie einfach nicht die Mittel hatten, die sie benötigten.) Was ich von dieser Reise und allen anderen, die ihr gefolgt sind, mitgenommen habe, ist ein tieferes Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen dort, und dass die Hilfe für sie Teil einer größeren Aufgabe in meinem Leben ist.
Als ich mich mit Regierungsbeamten zusammensetzte, um ein besseres Verständnis der katastrophalen Situation zu erlangen, erfuhr ich, dass Kurdistan seit Beginn des Krieges gegen den IS das Land war, das die größte Aufnahmebereitschaft zeigte für Flüchtlinge einschließlich der Jesiden, Christen und Syrer. Diese Menschen hatten ihre Heimatorte verlassen, nachdem ein Großteil ihrer Familien von Terroristen getötet worden war. Es gab Tausende von Waisenkindern. Das waren Szenen, die wir in den Abendnachrichten oder auf den Titelseiten von Zeitungen gesehen hatten, aber für mich war es endlich an der Zeit, selbst zu erleben, wie genau die Flüchtlingskrise im wirklichen Leben aussah.
Als wir uns dem staubigen Lager näherten, das aus lauter Reihen mit einfachen Zelten bestand, zwischen denen zerfledderte Kleidung an Wäscheleinen hing, war ich sofort beeindruckt von der Anzahl der Kinder, die herumliefen, lachten und vor Freude kreischten. Sie spielten mit einem alten Fußball, dessen Nähte schon platzten, aber das Bild, das sich mir ergab, machte mir Folgendes klar: Allen Widrigkeiten zum Trotz gab es hier Hoffnung. Es gab Licht.
Als der Wagen in der Nähe des Lagers anhielt, stieg ich aus und sah mich um. Sofort umringten mich die Kinder, mit ihrem staubigen Haar und der zerschlissenen Kleidung. Ich wusste, dass viele von ihnen Waisen waren, und auch wenn ihre Situation trostlos schien, konnte ich ein klares Gefühl von Freude erkennen. Dieses unschuldige Wundern in ihren Augen war nicht verloren gegangen. Diejenigen mit dem geringsten weltlichen Besitz schienen die größte Hoffnung zu haben. Ich war hierhergekommen, um ihnen zu helfen, aber schon nach wenigen Stunden meiner Reise wusste ich, dass ich von diesem Geschenk am meisten profitieren würde. Mein Herz war erfüllt und floss über.
Ich erzähle dir diese Geschichte, weil sie die handfeste Verkörperung einer mentalen und emotionalen Verbindung zu meinem wahren Ich war. Wenn du mir vor ein paar Jahren gesagt hättest, dass ich nach Kurdistan gehen würde, hätte ich dir nicht mehr geglaubt, als wenn du gesagt hättest, dass ich auf dem Mond leben würde. Aber das ist die Art von unglaublichen und unerwarteten Dingen, die passieren, wenn man ein Leben führt, das mit dem übereinstimmt, was man wirklich ist.
Seinem wahren, natürlichen Ich zu folgen, bedeutet manchmal, einen Sinneswandel durchzumachen und nicht vollkommen zu verstehen, wohin es einen führen wird. Als ich in dieses Flugzeug stieg, war ich mir meines Ziels überhaupt nicht sicher. Ich wusste, dass ich einer riesigen Gemeinschaft von Menschen helfen wollte, die Opfer des Krieges geworden waren, obwohl die Schritte zur Erreichung dieses Ziels bestenfalls vage waren. Aber als ich erst einmal in diesem Lager stand, umringt von Waisenkindern, wollte ich alles in meiner Macht Stehende tun, um Programme zu entwickeln und solche Programme zu unterstützen, die verhindern würden, dass diese Kinder einer Gehirnwäsche unterzogen werden, um die nächste Generation von Terroristen zu bilden. Sie waren so verletzlich, so wehrlos, wie kleine Fische umgeben von blutrünstigen Haien. Wenn ich ihnen nur Zugang zur Seelsorge geben und ihnen helfen könnte, ihr Selbstwertgefühl aufzubauen, wäre es vielleicht weniger wahrscheinlich, dass sie den Terroristengruppen zum Opfer fielen. Wie sehr die einzelnen Komponenten miteinander verwoben waren, wurde mir auf dieser Reise immer klarer. Für mich ist diese Reise, dieser Wunsch, dabei zu helfen, den Verlauf des Lebens dieser Kinder zu ändern, noch lange nicht beendet.
Was bedeutet das alles für dich? Ich möchte, dass du erkennst, dass der Weg das Ziel ist. Wir alle entwickeln uns ständig weiter und verändern uns, und wir haben keine Ahnung, was, wer oder wo wir am Ende unserer Transformation sein werden. Und wenn du unterwegs irgendeine Finsternis entdeckst – damit meine ich einen Bereich, in dem du nicht mit deinem besten Selbst eins bist – dann ist es unsere Aufgabe, Licht in diese Finsternis zu bringen und dich neu auszurichten.
Einer der Gründe, warum ich weiß, dass ich dir helfen kann, dies zu erreichen, ist, dass ich es in meinem eigenen Leben geschafft habe. Wie ich bereits erwähnt habe, gab es eine Zeit, in der ich alles andere als ein authentisches Leben führte, da mich eine schwere Drogenabhängigkeit im Griff hatte. Obwohl ich schon viele Male ernsthaft versucht hatte, mit ambulanten Programmen clean zu werden, verstand ich nicht, warum ich immer wieder den Drogen verfiel. Ich kaufte Crystal Meth, nahm eine Line, spülte dann den Rest die Toilette herunter und schwor mir, dass das das letzte Mal gewesen sei, dass es vorbei und erledigt sei. Doch nur drei Tage später kaufte ich dann ein weiteres Tütchen mit Drogen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung von chemischen Abhängigkeiten und konnte nicht begreifen, warum ich immer wieder zu den Drogen zurückkehrte. Ich strich meine Wohnung rot, überzeugt davon, dass ich vom Teufel besessen war. Ich glaubte, dass eine Kamera in das Guckloch meiner Tür eingebaut war, durch die ich die ganze Zeit beobachtet wurde. Ich dachte, wenn ich aufhörte, Meth zu nehmen, bedeute das, dass ich clean sei. Mein Leben war ein Trümmerhaufen, und ich war völlig machtlos. Das passierte immer wieder, bis ich schließlich ohne Zweifel wusste, dass ich mich in eine Entzugsklinik begeben musste. Das tat ich dann, und ich folgte damals ganz penibel jeder Empfehlung, denn für meine Genesung wollte ich mein Bestes geben. Im Genesungsprozess bekam ich endlich eine praktische Anleitung dafür. Es war anstrengend, und es dauerte Monate, aber ich kroch aus dieser Finsternis der Sucht heraus.
Als ich schließlich clean war, war ich endlich in der Lage, ganz ich selbst zu sein. Und es ist wirklich unglaublich, wie dramatisch sich danach die Dinge verändert haben! Obwohl ich zuvor in der Schule nie besonders gut gewesen war, entdeckte ich plötzlich eine Leidenschaft dafür, alles über die Rehabilitation von Drogen- und Alkoholabhängigen zu lernen. Und aus dieser neu entdeckten Leidenschaft heraus fand ich das Selbstvertrauen, auf eigene Faust ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen und vielen Menschen auf ihrem Weg zu helfen.
Ich habe etwa die Hälfte meiner Karriere in den Schützengräben verbracht, mit Menschen, die sich an ihren Tiefpunkten befanden, und ihnen geholfen, sich ihren Weg nach oben zu bahnen. In der anderen Hälfte meiner Karriere habe ich Menschen geholfen, die nicht unbedingt an Tiefpunkten waren, aber wussten, dass sie glücklicher im Leben sein könnten, doch ratlos waren, wo sie anfangen sollten. Viele dieser Klienten kamen auf unerwartete Weise zu mir, und ich glaube, dass sich in meinem Leben Chancen ergeben haben, weil ich offen dafür bin. Ich mag diese Balance der Arbeit mit Menschen, die mit verschiedenen Arten von Problemen konfrontiert sind; ich suche nach Ausgleich in allen Bereichen meines Lebens. Es gibt mir eine weitreichende Perspektive, und es bedeutet auch, dass ich dich dort treffen und dir helfen kann, dorthin zu gelangen, wo du hinwillst, weil ich glaube, dass es einige universelle Gesetze des Lebens gibt, die für uns alle gelten.
Ich möchte wetten, dass die meisten Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, um einiges schlechter dran waren, als du es gerade bist. Ich begann als Berater für Alkohol- und Drogenmissbrauch und habe in einigen der renommiertesten Rehabilitationseinrichtungen des Landes gearbeitet. Dann habe ich mich verändert und wurde Interventionist. Das bedeutet, dass die Leute mich anriefen, wenn jemand in ihrem Leben völlig unwillig war, sich zu ändern. Diese Interventionen waren oft sehr brisante Situationen. Niemand erwartet, dass er, wenn er nach Hause kommt, nicht nur seine Familie und Freunde sieht, sondern dazu noch irgendeinen Fremden. Niemand erwartet, dass die alle im Wohnzimmer sitzen, vorbereitet und mit dem festen Vorhaben, einen dazu zu bringen, das eigene Leben zu verändern. Es ist normalerweise eine sehr angespannte Situation, und sie kann sich ziemlich dramatisch zuspitzen, aber am Ende konnte ich Menschen helfen, sich zu verändern, die eingangs keinerlei Interesse daran hatten. Wenn du dieses Buch liest, hast du den Wunsch, dich zu verändern, also hast du einen großen ersten Schritt gemacht. Veränderungen sind für dich in greifbarer Nähe.
Als ich im Jahr 2006 die CAST-Center eröffnete, geschah dies aus dem Wunsch heraus, eine humanistische Strategie zu entwickeln, um jeden Kampf im Leben eines Menschen anzugehen. Von Anfang an, als wir einfach von meiner winzigen Wohnung im kalifornischen Venice Beach aus arbeiteten, boten wir verschiedene evidenzbasierte Ansätze an, um Menschen zu helfen, ihr Leben zu verbessern. Es geht um so viel mehr als nur um eine einfache Diagnose. Das wirkliche Problem ist, dass die Menschen ein Leben führen, das mit ihrem eigentlichen Selbst unvereinbar ist, entweder weil sie in die Fußstapfen ihrer Familie treten, anstatt ihren eigenen Weg zu gehen, oder weil sie das tun, was für sie vor zehn Jahren funktioniert hat, jetzt aber einfach nicht mehr stimmig ist, oder weil sie sich aus Angst oder aus einer Vielzahl anderer Gründe dem verschlossen haben, was das Leben zu bieten hat. Jede Situation ist einzigartig. Einige Menschen benötigen Medikamente. Andere benötigen möglicherweise eine spezifische Behandlung, etwa bei Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). In einigen Fällen kann eine kognitive Verhaltenstherapie erforderlich sein. Vielleicht erlebt jemand Trauer nach einem Verlust und findet einfach nicht in den Alltag zurück. Mir wurde klar, dass es einen erheblichen Bedarf an einem klaren, individuellen Plan gab, dem die Menschen folgen konnten, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen oder ihre neue Normalität nach einem einschneidenden Erlebnis im Leben anzunehmen.
Stell dir vor, das Haus von jemandem brennt. Zuerst bringst du die Person in Sicherheit, holst sie aus dem brennenden Gebäude. Aber danach gibt es noch viele weitere Schritte, oder? Du hörst nicht einfach auf, sobald die Person außer Gefahr ist, und lässt das Ding bis auf die Grundmauern niederbrennen. Die Feuerwehr kommt, löscht das Feuer, dann muss man sich mit den Versicherungen auseinandersetzen, die Trümmer wegschaffen, umbauen oder umziehen, neue Möbel kaufen und so weiter. Aber wenn jemand ein bedeutendes emotionales Ereignis erlebt hat, dann unternimmt er häufig nicht die notwendigen Schritte, um vernünftig damit umzugehen. Es ist so, als würde man die Person zurück in das ausgebrannte Haus bringen und ihr sagen, sie soll die Asche einfach ignorieren.
In meiner langjährigen Eigenschaft als Interventionist half ich Spielsüchtigen, die die College-Rücklagen für ihre Kinder und die Rentenfonds ihrer Familien verloren hatten, Menschen mit Angststörungen, die nach dem Tod ihres Ehepartners monatelang die Wohnung nicht mehr verlassen hatten, Cholerikern und Opfern von häuslicher Gewalt, Popstars, die inmitten einer weltweiten Tournee wieder geerdet werden mussten, und vielen mehr. Diese Erfahrung habe ich dann genutzt, um Krisenmanager zu werden. Manchmal ist es nicht notwendig, jemanden zur Behandlung zu schicken, aber er oder sie braucht Hilfe, um eine Krise auf nachhaltige Weise zu überwinden. Das führte schließlich dazu, dass ich mit Prominenten arbeitete, die scheinbar regelmäßig Krisen bewältigen müssen.
Man kann mich als Change Agent betrachten. Ich weiß, was Menschen verändert. Es gibt diesen allgegenwärtigen Glauben in der Gesellschaft, dass die Menschen sich nicht ändern können. Das ist komplett falsch. Wenn sich die Menschen nicht ändern könnten, wäre ich immer noch mittellos und drogenabhängig. Wenn sich die Menschen nicht ändern könnten, würde niemand jemals abnehmen. Wenn sich die Menschen nicht ändern könnten, würde niemand mit dem Rauchen aufhören. Wenn sich die Menschen nicht ändern könnten, wäre im Grunde genommen jeder dem Untergang geweiht. Ich habe gesehen, wie Menschen alle Widrigkeiten überwunden haben – Trauma, Verlust, psychische Krankheiten, körperliche Behinderungen –, um ihr Leben zu verändern. Menschen verändern sich. Sie haben es getan. Ich habe es getan. Du kannst es tun.
Vielleicht hast du mitunter das Gefühl, dass dir nicht mehr zu helfen ist, und du bist gerade erst so weit, deine Situation zu akzeptieren. Nun, darauf kann ich Folgendes sagen: Solange du lebst und atmest, gibt es Hoffnung.
Erinnerst du dich an Sarah, die Frau, die mich aus Verzweiflung angerufen hatte, als Wyatt, ihr einst liebevoller Mann, sich in ein wahres Monster verwandelt hatte? Nun, sie bekam ihren freundlichen, sanften Mann zurück und verschaffte sich endlich wieder Gehör. Wyatt ging zur Alkoholtherapie und nahm an einer Anti-Aggressionsbehandlung teil, aber genauso wichtig war es, dass er feststellte, dass das Unternehmen, das er geerbt hatte, an seiner Seele nagte. Er hatte mehr als siebzig Stunden pro Woche für etwas aufgewendet, was ihn nicht im Geringsten interessierte. Also verkaufte er das Familienunternehmen und kaufte eine Pferdefarm. Er war seit seiner Jugend nicht mehr geritten, und es war genau das, was ihm gefehlt hatte. Ehe er sichs versah, hatte er nicht nur mehrere Vollblut-Champions in seinem Stall, sondern er leitete auch ein erfolgreiches Reittherapie-Camp. Jeden Tag setzte er sich ein neues Ziel. Ich erhalte oft herzliche E-Mails von Sarah mit Fotos ihrer Kinder, die alle gedeihen und die Früchte von Wyatts Entscheidung ernten, sich seinen Problemen zu stellen. Der Dominoeffekt, der eintritt, wenn sich jemand verändert und sich selbst verwirklicht, kann erstaunlich sein.
Letztes Jahr, als ich auf all die Menschen zurückblickte, die durch die CAST-Center ihr Leben verändert hatten, begann ich mich nach einem Weg zu sehnen, diese Strategien mit dem Rest der Welt zu teilen. Ich wollte unbedingt Menschen erreichen, die sich zu sehr schämen, über ihre Gefühle zu sprechen, oder die orientierungslos durchs Leben laufen, oder die einfach nicht das Leben führen, das sie verdient haben. Deshalb habe ich CAST on Tour ins Leben gerufen, eine Veranstaltung in siebzig Städten mit Motivationsrednern und Prominenten, die den Sprung aus ihrer eigenen Finsternis ins Licht geschafft haben.
Über 30 000 Menschen haben an den Veranstaltungen teilgenommen. Die Tour war bereits kurz nach Bekanntgabe ausverkauft. Die Menschen sehnen sich nach Erkenntnissen darüber, wie man ein besseres Leben führen kann. Dutzende Menschen sind nach den Veranstaltungen zu mir gekommen und haben mir gesagt, dass sie nie über die emotionalen Kämpfe gesprochen hätten, die sie durchgemacht hatten, aber jetzt bereit seien, eine Veränderung vorzunehmen und sich auf ihr bestes Ich auszurichten. Diesen Moment der zwischenmenschlichen Verbindung zu erleben, das ist es, was mich antreibt, dieser kraftvolle Durchbruch, wenn jemand plötzlich die Bestimmung seines Lebens erkennt. Jeder kann sein bestes Ich sein! Man muss sich nur darüber im Klaren sein, wie dieses beste Ich aussieht, und den Weg finden, diese Version der Person, die man ist, anzunehmen.
Ich habe kürzlich eine Umfrage durchgeführt, auf die Tausende von Antworten eingetroffen sind, und eine der Fragen, die ich gestellt hatte, lautete: »Glauben Sie, dass Sie derzeit Ihr bestes Leben führen?« Es mag dich schockieren zu erfahren, dass 81 Prozent der Menschen mit »Nein« geantwortet haben, aber es hat mich nicht im Geringsten überrascht. Wie würdest du diese Frage beantworten? Bedenke: Es gibt immer Raum für Verbesserungen.
Wenn du Schwierigkeiten hast, dir selbst einzugestehen, dass das Leben, das du derzeit lebst, nicht annähernd dasjenige ist, das du dir wirklich wünschst oder verdienst, möchte ich, dass du weißt, dass du nicht allein bist. Aber wie mein Freund Dr. Phil immer sagt: »Man kann nicht ändern, was man nicht akzeptiert.« Wir sollten akzeptieren, dass sich etwas ändern muss. Ich bin hier, um dir dabei zu helfen. Das ist der Zweck dieses Buches. Ich freue mich, mit dir meine Erkenntnisse zu teilen, die Lektionen, die ich durch jahrelange Arbeit mit meinen Klienten über viele Jahre hinweg entwickelt habe, und die Übungen, die so vielen Menschen dabei geholfen haben, das Beste aus sich herauszuholen.
Wir sind uns alle einig, dass man nur einmal sein Leben lebt, aber es gibt keine Regel, die besagt, dass man an dem Leben festhalten muss, das man hat. In diesem Buch werde ich dir persönliche Anleitungen geben, wie du dein Leben neu erfinden kannst, indem du dein bestes Ich entdeckst und umsetzt. Ich selbst habe mich mehrmals neu erfunden – in der Tat bin ich im Begriff, während ich genau diese Worte schreibe, mich ein weiteres Mal neu zu erfinden. Es liegt ganz an dir, ob du eine Veränderung herbeiführst, aber wenn du einmal begonnen hast, wirst du überrascht sein, wie schnell es geschieht. Du schaffst das schon. Also los geht’s!
Du bist einzigartig.
Vielleicht hast du das schon mal gehört, aber diesmal möchte ich, dass du dich dieser Vorstellung auf eine neue Art und Weise hingibst. Niemand kann wirklich wissen, was es bedeutet, in deiner Haut zu stecken, denn nur du steckst in deiner Haut. Deine gesammelten Erfahrungen, Gedanken, Gefühle, deine Genetik und dein Geist gehören dir allein. Es gab noch nie ein anderes Du, und es wird auch nie ein anderes geben. Du bist nicht besser oder schlechter als jeder andere, und selbst wenn du nicht das Gefühl hast, dass du nur annähernd gut genug bist, bist du doch gut genug, und zwar wegen einer einfachen Wahrheit: Du bist du. Ein einzigartiger Mensch.
Du bist mit einigen angeborenen Eigenschaften zur Welt gekommen, die dich von anderen unterscheiden. Du trägst bestimmte Gene in dir, die du von deinen Eltern geerbt hast. Du schätzt wahrscheinlich deine Eltern für einige dieser genetischen Eigenschaften, die sie an dich weitergegeben haben; bei anderen wünschst du dir vielleicht, du könntest sie zurückgeben. Aber deine DNA ist nur ein Teil der Geschichte von dir, und zwar nur ein kleiner Teil.
Unsere Geschichten beginnen schon in sehr jungen Jahren, obwohl wir keine Macht darüber haben, was und wer sich in diesem Stadium unseres Lebens um uns herum befindet. Jedes Kind ist ein unbeschriebenes Blatt, und in den ersten Jahren hinterlassen die Eltern und andere ihre Spuren auf dem Blatt. Aber es ist wichtig, trotzdem die Geschichte unserer Herkunft zu kennen, damit wir uns bewusst sein können, ob wir uns als Erwachsene in einer Weise ausdrücken, die mit dem übereinstimmt, was wir wirklich sind, und, was noch wichtiger ist, damit wir verstehen, ob irgendwelche negativen Aspekte unserer Vergangenheit unser gegenwärtiges Verhalten in irgendeiner Weise beeinflussen.
Du fragst dich vielleicht, wie es möglich ist, sich nicht mit sich selbst im Einklang zu fühlen, also lass uns mit objektivem Blick die typische Entwicklung einer Kindheit untersuchen. Dies mag vielleicht nicht gerade deinen persönlichen Erfahrungen entsprechen, aber basierend auf meinen langjährigen Coaching-Erfahrungen möchte ich wetten, dass es nicht allzu weit entfernt ist.
Wir können uns nicht aussuchen, wie wir aufwachsen. Wir werden alle in ein bestimmtes Familiensystem hineingeboren. Die Dynamik der Kernfamilie ist sehr unterschiedlich, und es gibt grundlegende Werte innerhalb der Familiensysteme, die mit unseren eigenen, individuellen Werten übereinstimmen können oder auch nicht. Wir werden eine ausführliche Diskussion über Werte in Kapitel 9, »Sphäre 5: Deine Beziehungen«, führen, aber das Entscheidende hier ist, dass ein Großteil der frühen Ausformung unserer Persönlichkeit das Resultat der Dynamik innerhalb unserer Familie ist, also davon geprägt wird, wie wir aufwachsen und erzogen werden. Die meisten von uns gehen zur Schule oder nehmen an Gruppenaktivitäten teil, wo wir nach und nach lernen, mit anderen Menschen umzugehen. Wir entwickeln Hobbys. Irgendwann in unserem frühen Leben beginnen wir, ein Bauchgefühl dafür zu entwickeln, was richtig und falsch ist. Schließlich, wenn wir körperlich reif sind, übernehmen wir die Verantwortung für unsere eigene Selbstfürsorge und unsere körperliche Gesundheit.
Wir lernen in der Schule, wie wichtig Allgemeinbildung ist, aber später im Leben scheinen sich viele von uns von der Idee des Lernens zu verabschieden und sich einfach mit dem Wissen zufriedenzugeben, welches wir bereits erworben haben. Ich glaube, dass viele von uns die Sehnsucht nach mehr Wissen verlieren, weil wir uns vielleicht gezwungen gefühlt haben, Dinge zu lernen, die wir später im Leben als nutzlos empfanden, und weil als Folge davon eine gewisse Ernüchterung eintritt.
Unsere allererste Beziehung beginnt eigentlich im Mutterleib – die Beziehung zu unserer Mutter. Dann bilden wir Beziehungen zu den Menschen in unserer unmittelbaren Familie, während wir uns vom hilflosen Säugling zum jungen Erwachsenen entwickeln. Die Pubertät setzt ein, sie manifestiert sich mit einer hormonbedingten Flut verwirrender Gefühle, und viele von uns haben zum ersten Mal eine Liebesbeziehung.
Während wir uns auf die Selbstständigkeit vorbereiten, lernen wir etwas über finanzielle Verantwortung. Wir nehmen zunächst vielleicht Jobs an, die nicht genau unserem Lebensziel entsprechen; stattdessen sind sie ein solider Übungsplatz, auf dem wir in das Erwachsenenalter übergehen.
Abhängig von unserer Erziehung nehmen wir eine Religion oder spirituellen Glauben an. Später treffen wir eine bewusste Entscheidung, ob wir diese Praktiken fortsetzen, Veränderungen an ihnen vornehmen oder eine neue spirituelle Richtung wählen.
Diese ganze Beschreibung ist sehr grob skizziert, eine allgemeine Übersicht über die gängigsten Schritte vom Kind zum Erwachsenen. Aber ich frage dich: An welchem Punkt auf dieser Reise lernen wir, wie wir uns mit unserem besten Selbst verbinden können?
Schulen lehren uns diese Fähigkeit nicht, unsere Eltern wahrscheinlich auch nicht, da sie selbst möglicherweise nicht mit ihrem besten Selbst in Verbindung stehen, und selbst wenn sie es tun, dann vielleicht nicht durchgängig. Unsere Freunde haben sicherlich ebenfalls nicht die Mittel dazu. Deshalb stellen die meisten von uns früher oder später fest, dass sich bestimmte Aspekte des eigenen Lebens einfach merkwürdig anfühlen. Wir können es nicht vollständig benennen, aber wir wissen, dass etwas nicht ganz richtig ist. Das Problem? Wir sind nicht ganz wir selbst in dem einen oder anderen Lebensbereich.
Wir stecken mitten im Leben, und durch unsere Erfahrungen definieren wir, wer wir sind oder wer wir glauben zu sein. Einige Ereignisse helfen uns, unsere Authentizität zu festigen, andere bringen uns davon ab. Zum Beispiel können wir eine Leidenschaft für ehrenamtliche Tätigkeiten in einem bestimmten Bereich entdecken, was eine an sich lohnende Aktivität ist, die dazu dienen soll, einige der besten Eigenschaften unseres besten Selbst zu festigen, wie etwa Großzügigkeit und Altruismus. Es kann aber auch sein, dass wir irgendeine Art von Missbrauch oder Vernachlässigung erleben und dadurch negative Ansichten von uns selbst bilden – das kann uns weiter von unserem besten Selbst entfernen. Wir können sogar anfangen, falsche Ansichten über uns selbst und die Welt um uns herum zu bilden. Unser Verstand ist wie eine Kamera, die unser Leben beobachtet, und wir machen Bilder von bedeutenden Momenten. Diese Momente erzeugen unterschiedliche Gedanken und Gefühle, die wir dann an Erinnerungen koppeln. Einige sind wichtig; sie stechen heraus. Andere, von denen wir uns wünschen, dass sie nie existiert hätten, tauchen manchmal in den Zeiten in unseren Köpfen wieder auf, in denen wir es am wenigsten erwartet hätten.
Wenn du dich auf diese Odyssee der Selbstfindung begibst, möchte ich, dass du im Hinterkopf behältst, dass du, egal was du in deinem Leben erreichen willst, die Werkzeuge in diesem Buch einsetzen kannst, um dies umzusetzen. Obwohl wir alle einzigartig sind, ebenso wie unsere Wege und unsere Ziele alle einzigartig sind, glaube ich, dass es einige universelle Werkzeuge und Konzepte gibt, die uns helfen werden, dorthin zu gelangen, wo wir hinwollen. Besonders heutzutage bewegen wir uns in einer Welt, die es liebt, uns zu sagen, wer wir sein sollen: von dem, was wir anziehen sollen, bis hin zu dem, was wir essen sollen, woran wir politisch glauben, wie wir uns der Welt präsentieren sollen und sogar, was wir uns vom Leben wünschen sollen – aber das ist alles Humbug! Das sind alles Entscheidungen, die du für dich selbst treffen solltest, basierend darauf, was mit dem, was du wirklich bist, übereinstimmt. Viele gesellschaftliche »Regeln« gelten einfach nicht für uns als Individuen, und wenn wir all unsere Energie darauf verwenden, zu versuchen, so zu sein, zu handeln und zu reden, wie die Gesellschaft es will, verschwenden wir bloß Zeit, die wir damit verbringen könnten, unser bestes Selbst zu entdecken und uns mit ihm zu verbinden.
Der Reiz dieses Buches besteht darin, dass es dir helfen wird, herauszufinden, welche Bereiche du in deinem Leben verbessern musst und wie du das tun kannst, wenn du dich dafür entscheidest. Auf meinem eigenen Lebensweg habe ich entdeckt, dass ich leidenschaftlich daran interessiert bin, Menschen zu helfen, ihr bestes Selbst zu entwickeln. Das ist es, was mich jeden Tag antreibt. Ich habe festgestellt, dass die größten Herausforderungen im Leben der Menschen dann auftreten, wenn das Leben, das sie führen, nicht mit dem übereinstimmt, wer sie wirklich sind. Das mag allzu simpel klingen, aber ich habe es immer wieder als zutreffend erlebt. Ich kam kürzlich an einen Punkt in meiner Karriere, an dem ich wusste, dass ich alles in Buchform bringen wollte, was ich in den vergangenen Jahren darüber gelernt habe, wie wir konsequent mit unserem besten Selbst leben. Mein Ziel ist schlicht und einfach, dir einen Leitfaden zu geben, der dir hilft, Probleme zu lösen und in deinem Leben zu wachsen, und zwar ausgehend von dem Punkt in dir, der dein bestes Selbst birgt.
Ganz gleich, wo du anfängst, dieses Buch kann dir helfen, dein Leben auf kraftvolle, sogar unerwartete Weise zu verbessern. Du könntest an deinem tiefsten Punkt beginnen – vielleicht bist du gerade dabei, dich einigen deiner größten Herausforderungen zu stellen –, dieses Buch kann dir helfen, deinen Weg zu finden, die andere Seite des Ufers zu erreichen und dich stärker zu fühlen als je zuvor. Oder du hast vielleicht das Gefühl, dass du dich im Moment treiben lässt, als wäre das Leben gerade mal akzeptabel, aber tief in dir drin weißt du, dass du mehr willst und mehr verdienst. Dieses Buch kann dir helfen, dein Ziel zu entdecken oder wieder neu zu entdecken, und es kann dich auf ungeahnte Weise antreiben. Es könnte sogar sein, dass sich dein Leben insgesamt ziemlich gut anfühlt, aber du nur ein Problem hast, von dem du weißt, dass es deine Aufmerksamkeit benötigt, doch du hast einfach noch nicht den richtigen Weg gefunden, es anzugehen. Dieses Buch kann dir darüber Klarheit verschaffen, sodass du dieses Problem sowohl angehen als auch effektiv lösen kannst. Ob du nun hoffst, dass du …
bessere Freunde findest,
deine Beziehung zu dir selbst in Bezug auf den inneren Dialog und das Verständnis für dich selbst verbesserst,
deiner Gesundheit auf sinnvolle Weise Priorität gibst,
dich stärker in deinem Leben weiterentwickelst, indem du dein Wissen oder dein Verständnis für die Welt erweiterst,
deine Beziehungen verbesserst,
ein erfülltes Berufsleben hast,
oder einen stärkeren Sinn für Spiritualität entwickelst,
… du kannst deine Ziele erreichen. Selbst wenn du dir noch nicht sicher bist, was du verändern willst, sondern lediglich weißt, dass du derzeit nicht dein ideales Leben führst, selbst dann können wir dein Ziel gemeinsam finden und dich dorthin bringen.
Wir alle wissen, dass das Leben unvorhersehbar ist. Da ich körperlich nicht anwesend sein kann, um als dein Ansprechpartner zu fungieren, wenn Probleme auftreten oder wenn neue Abschnitte in deinem Leben dein Ziel verändern, möchte ich sicherstellen, dass du eine klar definierte innere Stimme hast, die dich leiten kann. Du musst in der Lage sein, eine besonnene, kritisch durchdachte, logische und objektive Meinung aufzubieten, wenn es hart auf hart kommt. Dazu verwenden wir das Modell des besten Selbst, das aus Übungen besteht, die ich über die Jahre mit meinen Klienten durchgeführt habe. Ob es sich nun um eine hochrangige Führungskraft handelt oder um jemanden, der nur darum kämpft, die Miete zahlen zu können – das Modell des besten Selbst funktioniert.
Es ist eine Methode, die dir hilft, dich selbst und die Menschen in deinem Leben zu beurteilen. Wir betrachten, was in deinem Leben gut funktioniert und was nicht, und zwar mit Blick auf sieben verschiedene Lebensbereiche oder Sphären, die dein ganzes Leben umfassen: soziale Kontakte, Privatleben, Gesundheit, Bildung und Erziehung, Beziehungen, Berufsleben und spirituelle Entwicklung. Und weil ich auch davon überzeugt bin, dass die Gruppe von Menschen, mit denen du dich in deinem Leben umgibst, sehr wichtig ist, werden wir auch einen realistischen und objektiven Blick auf diese Menschen werfen. Wir werden prüfen, welche dir mehr nutzen und bei wem du dich eher zurückziehen solltest. Dein innerer Kreis kann dein Schicksal bestimmen, ist also ein wichtiger Mosaikstein in dem Prozess.
Der Grund, warum das Modell des besten Selbst für so viele verschiedene Menschen funktioniert, ist, dass ich niemandem vorschreibe, wer er oder sie sein soll, sondern nur nahelege, dass man sich zu seinem besten Selbst entwickelt. Es gibt jedoch eine Handvoll Eigenschaften, die ich in all unseren besten Versionen von uns selbst als universell empfinde, und eine davon ist eine freundliche innere Stimme. In unserem Kern sind wir nicht dazu bestimmt, uns selbst oder anderen gegenüber kritisch zu sein. Zum Beispiel lehne ich die Vorstellung ab, dass Menschen, die andere schikanieren, »nur ehrlich sind«. Ich glaube, dass diese Individuen im Allgemeinen ihren eigenen Schmerz nach außen hin zum Ausdruck bringen, in Form von aggressivem Verhalten. Außerdem glaube ich, dass man, wenn man ein niedriges Selbstwertgefühl hat, nicht sein bestes Selbst sein kann. Wenn jemand von sich selbst wenig hält, ist das aus irgendeiner Art von Schmerz heraus entstanden. Ich glaube auch, dass wir in unserem Innersten grundsätzlich furchtlos, schamlos, ehrlich, tatkräftig, dankbar und frei sind.
Wir werden deine authentische innere Stimme finden, indem wir uns zuerst die Eigenschaften ansehen, die dir an dir selbst am besten gefallen. Dann, in Kapitel 2, werden wir uns ansehen, was ich als deine Charakterfehler bezeichnen möchte. Wir alle haben sie, und wir sprechen sie normalerweise erst an, wenn wir dazu gezwungen werden, oder wenn wir jemand anderem mit dem gleichen Problem begegnen. Wir kehren diese »Makel« gern unter den Teppich, aber wir werden etwas ganz Revolutionäres mit ihnen machen: Wir werden sie wieder ans Licht zerren – und sie zu deinem Vorteil einsetzen. In anderen Worten: Es sind überhaupt keine Makel oder Schwächen, es sind Facetten von dir, die wir nur anders einsetzen werden.
Sobald wir diese Aspekte unserer selbst identifiziert haben, werden wir ein wenig kreativ werden. Zusammen werden wir zwei (oder in einigen Fällen mehr– ich habe tatsächlich mehrere) sehr gut definierte Charaktere erstellen, die beide in dir existieren. Du kannst sie dir klassisch als »Engel und Teufel«, »Held und Antiheld« oder »Freund und Feind« vorstellen, was immer du willst – aber wir werden konkret werden, und du sollst ihnen Namen geben. Ich werde dich sogar bitten, sie zu zeichnen! Ich meine es sehr ernst, je detaillierter du deine Charaktere gestalten kannst, desto besser, denn dann weißt du, wer gerade das Sagen hat, wenn du dich auf bestimmte Weise verhältst oder bestimmte Gedanken oder Gefühle hegst.
