Sei mutig und dir gehört die Welt - Lola Weippert - E-Book

Sei mutig und dir gehört die Welt E-Book

Lola Weippert

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Beschreibung

Lola Weippert ist bekannt für ihre Power und mitreißende Energie. Das bedeutet für sie immer wieder auch Rückschläge und ziemlich viel Gegenwind. Doch Lola ist egal, was andere sagen — ihr liebstes Mantra: »Sei mutig und dir gehört die Welt!«. Nun teilt sie endlich die persönliche Geschichte hinter ihrem besonderen Spirit und spricht über Empowerment, Spiritualität und Selbstbestimmung. Im Buch immer mit dabei: Lolas mitreißende und optimistische Art, die Welt zu sehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Vorweg ein wichtiger Hinweis …

In diesem Buch werden Themen zu Mobbing, Stalking, psychischer Gewalt und Morddrohungen behandelt. Es werden auch Themen besprochen, die als Trigger wirken können, u. a. (psychische) Krankheit und Panikattacken. Die Inhalte sind ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt und kein Ersatz für die Beratung und Behandlung durch professionell ausgebildete und anerkannte Fachärztinnen und -ärzte. Wenn es dir nicht gut geht – vor allem über eine längere Zeit –, nimm auf jeden Fall professionelle Hilfe an! Die erste Anlaufstelle dafür ist ärztliches Fachpersonal.

Anlaufstellen

Die Nummer gegen Kummer

• Für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene:Per Telefon: 116 111, per E-Mail und Chat unter https://www.nummergegenkummer.de/kinder-und-­jugendberatung/online-beratung

• Für Eltern: 0800-111 0 550

Die TelefonSeelsorge

Per Telefon unter 0800-111 0 111, 0800-111 0 222 oder 116 123, per Mail und Chat unter https://online.telefonseelsorge.de

Lokale Anlaufstellen

In einigen Städten gibt es speziell eingerichtete Sorgen- bzw. ­Krisentelefonnummern oder Beratungsstellen.

Sei mutig und dir gehört die Welt!

Keine Sorge, du hältst hier nicht meine Memoiren in der Hand, das wäre mit meinen 28 Jahren dann doch etwas zu früh und dafür bleibt hoffentlich noch viel Zeit.

Ich bin erst Ende 20, aber mein Leben fühlt sich so intensiv und erlebnisreich an, dass ich meine bisherigen Erfahrungen nicht für mich behalten möchte. Mittlerweile habe ich meinen Flow gefunden, sodass ich aufpassen muss, was ich mir wünsche, denn es könnte sofort wahr werden. Ängste und Zweifel gehören nach wie vor dazu. Aber ich habe gelernt, besser damit umzugehen. Wenn du wissen möchtest, was mir bisher geholfen hat, so viele meiner Träume wahr werden zu lassen, dann bist du hier richtig. Wenn du erfahren möchtest, was mich in dunklen Momenten wieder das Licht am Ende des Tunnels hat sehen lassen und wie ich weder den Kopf in den Sand noch zu viel Sand in den Kopf gesteckt habe.

Ich schreibe dieses Buch voller Erfahrungen und persönlicher Tipps für dich. Damit du genauso wie ich erkennen kannst: Du bist genug. Du bist wichtig. Und du bist einzigartig. Niemand ist wie du und es gibt einen Grund, dass du gerade jetzt auf dieser Welt bist und dieses Buch in den Händen hältst. Gemeinsam können wir so viel bewegen. Die Welt braucht jede und jeden einzelne*n von uns. Besonders uns Frauen, denn immer noch wird die Welt mehrheitlich von und für Männer regiert. Es ist Zeit zu heilen, aufzustehen und laut zu sein. Wir sind rund vier Milliarden Frauen und Mädchen auf der Welt. Lasst uns viele sein und Vorbilder für die Generationen, die nach uns kommen. Bist du dabei?

Nutze gern jedes Kapitel wie ein kleines Ritual: Zünde dir eine Kerze an, höre deine Lieblingsmusik und nimm dir einen Stift für Notizen. Markiere alles, was dich unterstützen kann. Dieses Buch darf markiert und geknickt werden!

Hab Mut, sei mutig, tu’s für dich!

Mein Antrieb ist, dir mit diesem Buch Mut zu machen, weil ich sehe, wie viele Menschen ein gigantisches Potenzial haben, aber zu viel Angst und zu viele Blockaden, um all das Potenzial auszuschöpfen. Ich möchte, dass du nach dem Lesen etwas wagst und einen neuen Schritt in deinem Leben gehst, damit sich etwas für dich zum Positiven verändert. Angst ist die größte Bremse. Das finde ich so schade, weil ich mir immer denke: Hab Mut, sei mutig, bitte tu’s für dich und dein einzigartiges, limitiertes Leben! Wir sind nur für eine kurze Zeit Gäste hier auf der wunderschönen Erde, mach etwas daraus. Für dich und andere Menschen. Denn du kannst alles schaffen, wenn du mutig bist.

Diesen Mut nach außen zu bringen, ist für mich die höchste Form des Lebens. Je mutiger du bist, desto erfüllter kannst du dein Leben leben. Erlaube dir, anders zu sein. Mache Dinge, wie du sie intuitiv fühlst, und nicht, wie sie sein sollten. Anderssein ist deine Superpower. Bringe deine Besonderheit in die Welt und mache sie für alle bunter!

Mein Mut ist mein Motor

Rückblickend ist mein Mut bis heute immer der Motor in meinem Leben gewesen. Mut ist meine Tankstelle. Ich bin das Auto (und manchmal fühle ich mich wie ein getunter Porsche, manchmal eher wie ein alter Fiat Punto mit wortwörtlichem Dachschaden) und mein Mut lädt mich immer wieder mit Kraft und Energie auf, damit ich weiterfahren kann.

Jetzt sitze ich hier in meiner ersten eigenen großen Wohnung in Berlin-Charlottenburg mit dem Laptop auf den Knien, habe all meine Kerzen angezündet (die ganze Fensterbank steht voll und ich hoffe sehr, dass die Fensterbank vor lauter Lodern nicht gleich Feuer fängt!), höre meine Lieblingsplaylist auf Spotify (diese findest du samt persönlichen Tipps und Empfehlungen am Ende des Buches) und freue mich so unglaublich, dass ich meine Erfahrungen mit dir teilen darf. Es fühlt sich unbegreiflich an, dass ein Buch, welches ich selbst geschrieben habe, noch mehr Menschen als meine Mama freiwillig lesen. Ich danke dir aus tiefstem Herzen.

Ich schließe kurz meine Augen und wünsche mir, dass meine Worte in dir etwas auslösen. Das würde mich so unendlich freuen. Und wenn es nur ein Satz ist oder diese Erkenntnis: »Na, wenn Lola das schafft, dann schaffe ich das auch!« Und genau so ist es. Wenn ich es schaffe, mir mein Traumleben aufzubauen, dann kannst du das auch. Ich bin bereit, dir alles zu erzählen, mit dir viel mehr zu teilen als auf Instagram oder in einem Podcast. Ich bin ein offenes Buch für meine Freunde und Freundinnen – und diese Seite(n) lernst du nun auch kennen. Du wirst am Ende des Buches sogar noch mehr als viele meiner Freundinnen und Freunde wissen. Du wirst erfahren: Mein Leben hätte auch ganz anders verlaufen können und ich bin immer wieder in tiefe Löcher gefallen.

Wenn ich an mein Leben denke, dann kommt mir oft das Bild einer Lotusblüte in den Sinn, die nur in Dunkelheit und Schlamm wachsen kann. Je dicker und tiefer der Schlamm, desto schöner und stärker ist die Blüte.

Dunkelheit und Schlamm gab es bei mir eine Menge. Aber ich habe immer weitergemacht und nicht aufgegeben. Auch wenn es leider als Frau immer noch nicht so einfach ist, sich durchzusetzen und dabei selbstbewusst und authentisch zu bleiben. Wenn mir jemand in meinem Leben gesagt hat, wie ich es machen soll, dann habe ich es genau anders gemacht und bin gegen den Strom geschwommen. Das ist vielleicht anstrengender und rückblickend sicher auch nicht immer clever gewesen, weil sich mir viele Türen verschlossen haben, aber ich bin mir selbst immer treu geblieben.

Und ich werde weiter gegen den Strom schwimmen und Dinge wagen, von denen mir andere abraten. Ich werde es wie einen inneren Wegweiser wiederholen. Wenn mir jemand meine Pläne ausreden möchte, mich klein macht oder ausbremst, sage ich: »Sei mutig und dir gehört die Welt!«

Ein persönliches Vorwort von ­Stefanie Stahl

Ganz nach dem Motto »Sei mutig und dir gehört die Welt« habe ich meine Lieblingsautorin Stefanie Stahl gefragt, ob sie mir ein Vorwort schreiben würde. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass sie ihre kostbare Zeit dafür opfert und meine Anfrage überhaupt liest, aber wollte es nicht unversucht lassen. Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass sie Nein sagt. Aber dann die Überraschung: Sie sagte zu, ich schickte ihr voller Aufregung mein Manuskript und bekam ein Vorwort zurück, das mich zu Tränen rührte:

Das Bedürfnis nach Kontrolle, gehört zu unseren Grundbedürfnissen. Dabei üben wir nicht allein Kontrolle aus, um bestimmte Ziele zu erreichen, wir wollen uns auch vor Verletzungen schützen. So kann ich den starken Wunsch hegen, dass ich meinen Traumjob bekommen werde aber gleichzeitig Angst vor dem Scheitern haben. Die Frage ist dann: Nehme ich die Angst in Kauf und setze mich aktiv für eine Jobzusage ein? Oder möchte ich mich eher vor einem etwaigen Scheitern bewahren und verzichte deshalb auf eine Bewerbung? Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von Annäherungs- und Vermeidungszielen. Bei der Annäherung habe ich ein klares Ziel vor Augen und weiß, wo es hingehen soll. Bei der Vermeidung bewege ich mich von etwas weg. Ein typisches Vermeidungsziel ist es, wenn wir unseren Selbstwert vor einer Kränkung schützen wollen.

Die deutsche Fernsehmoderatorin Lola Weippert richtet ihr Leben eher nach Annäherungszielen aus und das, obwohl sie Ängste sehr gut kennt. Verlust- und Versagensängste, die Angst angefeindet, verfolgt oder nicht wertgeschätzt zu werden. Sogar Todesängste hat sie ausgestanden, Panikattacken. Und Angst ist eine so starke und grundlegende Emotion, die unseren Alltag bewusst und unbewusst dominieren und uns in allem, was wir tun, blockieren kann. Wenn da nicht der Mut wäre, der natürliche Gegenspieler der Angst. Für Lola bedeutet Mut, zu ihrer Verletzbarkeit zu stehen, sich aber nicht von ihr abhalten zu lassen. Es ist der Glaube an uns selbst, der uns vorantreibt und befähigt, die Ziele zu erreichen, die wir uns gesetzt haben.

»Sei mutig und dir gehört die Welt«, lautet Lolas Mantra, mit dem sie auch ihr erstes Buch betitelt hat. Ein Buch, das vom Mut erzählt und zugleich dazu anregt, selbst öfter mal ein Wagnis einzugehen. Lola schreibt: »Du bist die Autorin deines Lebens. Du schreibst dein Drehbuch, und du hältst den Stift in der Hand. Lass dir diesen Stift von niemandem aus der Hand reißen« – aus psychologischer Sicht ein absolut zutreffender Gedanke. Lolas Drehbuch lernen wir hier nun kennen, ihren »riskanten Seiltanz zwischen Mut und Risiko«, wie sie ihren bisherigen Lebensweg nennt. Von den ersten Kindheitsjahren auf einem Bauernhof über ihre zum Teil als traumatisch erlebte Schulzeit bis hin zu ihrem erfolgreichen Berufsleben in der Medienbranche. Ein steiniger Weg ist es gewesen, auf den Lola mit einer ermutigenden Erkenntnis zurückblickt: Dass es sich lohnt, für seine Träume zu kämpfen, egal, was die anderen sagen.

Lola ist heute bekannt für ihre mitreißende Energie, dabei ist ihr das Gefühl sehr vertraut, wenn die Kraft nachlässt, Energie nicht mehr vorhanden ist. Weil sie entschlossen vorangeht und ihr Leben in die eigene Hand nimmt, was Kraft kostet. Das liegt auch daran, dass Lola gerne gegen den Strom schwimmt und sich einsetzt, für die Gleichberechtigung der Frau etwa oder gegen den Hass im Netz. Sie wählt selten den einfachen Weg, hinterfragt ständig ihr eigenes Denken, Fühlen und Handeln – mit dem Ziel, Probleme zu erkennen und Veränderungen zu schaffen. Und sie wagt immer wieder einen Realitätscheck, bei dem es um die Überprüfung der tatsächlichen Gegebenheiten geht und den Abgleich mit den eigenen Wahrnehmungen und Annahmen. Und Selbstreflexion ist ganz sicher das beste Mut-Training, denn um mutig handeln zu können, müssen die Überzeugungen in Bezug auf die eigene Wirksamkeit und das Selbstvertrauen größer sein als die Angst vor dem Scheitern.

Lola Weippert handelt manchmal auch mutig, ohne dass sie zu dieser Überzeugung gelangt ist. Auch das kann psychologisch gesehen sinnvoll sein. Denn manchmal müssen wir erst auf die Nase fallen, damit wir uns weiterentwickeln können und Erkenntnis möglich wird. Dass wir etwa nicht das tun, was wir gut können und entsprechend nicht das für uns passende Leben führen. Wenn nämlich immer alles glatt läuft, besteht für uns keine Notwendigkeit, uns zu hinterfragen. Und in dem Fall werden wir nichts über uns lernen, werden uns weder verändern noch wachsen können. Auch würden wir ohne Misserfolge nicht die Erfahrung machen, dass wir mit Frustrationen und Niederlagen umgehen, sie sogar konstruktiv und kreativ nutzen können. Diese gelernte Fähigkeit verringert im Laufe des Lebens die Anzahl potenziell frustrierender Situationen. All dies scheint Lola intuitiv gewusst zu haben, als sie sich in diversen schwierigen Lebenssituationen immer wieder fürs Weiterkämpfen entschieden hat. Entschieden hat sie sich dabei auch für das Vertrauen in die eigenen Stärken und dass sich am Ende die eigenen Träume verwirklichen lassen. Wenn man nur fest genug daran glaubt.

Lola hat den Glauben an die Erfüllung ihrer Träume nie verloren, egal wie viele Rückschläge sie erfahren und wie viel Gegenwind sie ertragen musste. Sie ist viel gestolpert, häufig auch gefallen – immer aber wieder aufgestanden. Während ich ihre Geschichte las, kam mir die Lotusblume in den Sinn, mit ihrer beeindruckenden Eigenart, äußere Einflüsse, die ihr nicht guttun, einfach an sich abperlen zu lassen. Aufnehmen tut diese Blume nur das, was förderlich für ihr Wachstum und ihre Gesundheit ist. Wer dieses Buch liest, kann das Lotusblumenprinzip für sich selbst entdecken und lernen, es umzusetzen. In dem Moment werden mutige Entscheidungen auch keine so große Herausforderung mehr sein, auch nicht die Handlungen, die ihnen folgen.

Stefanie Stahl

1. Zwischen ­Burnout und FOMO

Warum ich mir eine Auszeit nehmen musste

Journal-Eintrag vom 17. September 2023

Ich hätte niemals gedacht, dass mir das passiert. Ich kann nicht mehr, meine Batterien sind leer und ich fühle mich ausgebrannt.

Ich bin jetzt 27 Jahre alt und erlebe bereits zum zweiten Mal ein Burnout und wiederkehrende Panikattacken. Ich arbeite seit zehn Jahren gefühlt 16 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche.

Zumindest war das bis vor zwei Tagen der Fall. Bis ich alles abgesagt habe. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich aufgegeben. So fühlt es sich zumindest an. Ich dachte immer, dass mir niemals so etwas passieren würde. Jetzt sitze ich hier. Im Garten meines eigenen Bauernhofs in Brandenburg.

Der Wind streichelt meine kurzen Monchichi-Haare auf der Haut und lässt sie tanzen. Die Schwalben sammeln sich an der alten Eiche vor mir und singen so laut, dass es einem Chor gleicht. Und ich sitze hier. Im Paradies, in meiner Hängematte, umgeben von den Klängen der Natur und ­inmitten meiner Wiese. Klingt himmlisch – und jetzt der tiefe Fall, der mich wahnsinnig macht: Es fühlt sich alles andere als entspannend und himmlisch an. Es fühlt sich ­gerade in mir einfach nur nach einem an: nach purer Verzweiflung und Überforderung.

Der Tipp meiner Freundinnen und Freunde: »Mach etwas, das dir guttut, das dir gute Laune bringt.« Wenn das nur so einfach wäre. Ich weiß gerade gar nichts mehr. Ich weiß noch nicht einmal, was mich glücklich machen würde. Produktivität, das bringt mir Zufriedenheit. Und so sitze ich hier und hacke meine Gedanken in die Tasten ohne die leiseste Ahnung, wohin das Ganze führt. Mal sehen. Könnte eine wilde Achterbahn werden. Denn ich fühle mich so nutzlos und komisch wie noch nie zuvor.

Von außen sieht mein Leben oft so perfekt aus: Alles läuft, ich strahle (fast) immer in die Kamera und bin eine sehr privilegierte junge Frau.

Doch vor zwei Tagen hatte ich morgens einen Gedanken, der mir Angst bereitete. Ich lag da, öffnete die Augen und dachte mir: Wow, es ist scheißegal, ob ich jetzt aufstehe oder nicht, es ist irrelevant. Ich werde nicht gebraucht, die Welt dreht sich auch ohne mich weiter.

Das kann einen auf der anderen Seite natürlich entspannt zurücklassen, doch mich stresst es ungemein. Ich bin also irrelevant? So fühlt es sich zumindest an. Und dieses Gefühl tut weh. Denn ich liebe nichts mehr als das Gefühl, gebraucht zu werden. Das Leben anderer zu bereichern. Zu wissen, dass ich, wenn ich aufstehe, den Tag meiner Mitmenschen verschönere. Wenn auch nur ein kleines bisschen. Allein die letzten Sätze klingen schon so ambivalent. Es ist, als würden zwei Menschen in mir leben. Ein Engelchen und ein Teufelchen. Das Engelchen sagt mir die ganze Zeit, dass ich besonders bin, dass ich einen Unterschied auf dieser Welt machen kann und hoffentlich werde. Und das Teufelchen, das mir in mein Ohr schreit und damit das Engelchen oft übertönt: Du bist nicht gut genug. Du bist egal, und es ist so was von egal, ob du nun hier bist oder nicht.

Ich bin gerade nicht Herrin meiner Sinne und das macht mir Angst.

Ich habe Angst vor der Ruhe, Angst vor dem, was hochkommen könnte. Habe ich Angst vor der Angst? Ich kann mich nicht einschätzen. Vor allem nach den Panikattacken in den letzten Tagen und ­Wochen. Die erste Panikattacke hatte ich mit Anfang zwanzig. Damals konnte ich kaum einschätzen, was es war. Einfach nur ein komischer Moment, eine pure Überforderung, eine Panikattacke oder ein Burnout? Ich weiß es bis heute nicht.

Immer wieder kommen plötzliche Geistesblitze wie: Ach, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Blätter in der Trauerweide rechts von mir auf der Wiese tanzen im Wind. Eigentlich könnte mein Leben doch nicht schöner sein.

Und im nächsten Moment dann wieder der geistige Wahnsinn in die entgegengesetzte Richtung. Ich bin definitiv überfordert und brauche Hilfe. Das ist alles, was ich gerade weiß.

Vielleicht erinnerst du dich an den Moment, als ich einen für viele überraschenden Beitrag auf Instagram postete: »Hallo, ihr Herzen. Ich nehme mir gerade eine wichtige Auszeit. Passt bitte auf euch auf und bis bald. Fühlt euch gedrückt.« Das war im September 2023.

Danach wurde ich überschwemmt mit Nachrichten und Interviewanfragen. Viele Menschen hatten sich Sorgen gemacht, aber ich las alles erst Wochen später, als ich wieder in der Lage war, aufzutauchen. Ich hätte auf die Frage »Was ist mit dir los?« keine Antwort gehabt. Diese fand ich erst Wochen später. Bis dahin blieb nur die Möglichkeit, komplett abzutauchen. Alles abzusagen. Ich löschte die Instagram-App von meinem Handy und war nur noch für meine Familie und enge Freundinnen und Freunde erreichbar.

Lange habe ich es nicht geschafft, über die Gründe meiner nicht ganz freiwilligen Auszeit zu schreiben oder öffentlich über alle Details zu sprechen. Zu tief saßen der Schock und die Scham, und bis heute sammle ich einzelne Mini-Scherben auf.

Aber jetzt habe ich den Mut gefasst, mit dir auf den folgenden Seiten alles zu teilen: Warum ich diesen radikalen Schritt gehen musste, was ich daraus gelernt habe und was ich seitdem anders mache. Nicht, weil meine Lebensgeschichte wichtiger ist als die von anderen, sondern weil ich dich und mich erinnern möchte: Nur weil wir jung sind, heißt es nicht, dass wir endlos viel Energie haben.

Ich dachte lange, man hätte mir bei der Geburt die endlos laufenden Batterien eines Duracell-Hasen eingesetzt, aber ich wurde definitiv eines Besseren belehrt. Gerade wenn wir mutig sind und etwas riskieren, bedeutet das auch, dass wir doppelt so gut auf uns aufpassen sollten. Denn es kostet im Hintergrund mehr Kraft, als wir oft merken, wenn wir entschlossen vorangehen. Sein Leben ­anders zu gestalten und es in die eigene Hand nehmen zu können, ist ein großes Geschenk. Aber wenn du auf dieser Autobahn nicht konzentriert steuerst und beide Hände am Lenker hältst, kann es dich leider schnell aus der Spur werfen.

Ich musste schmerzhaft erkennen, dass auch meine Batterie ohne konstante Akkuladungen ausgeht, selbst wenn ich mich meistens energetisch sehr aufgeladen fühle.

Wie ich das gemerkt habe? Es klingt vielleicht komisch, aber es ist wahrhaftig passiert: Ich habe es mit 27 Jahren plötzlich nicht mehr geschafft, meine Schnürsenkel allein zu binden. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Schlüsselmoment nach einer Reihe von Panikattacken und emotionalen Zusammenbrüchen: Eigentlich hätte ich zu einem wichtigen Termin gemusst. Es war nichts Außergewöhnliches, denn mein Leben bestand schon seit meinem ersten Job beim Radio immer aus Terminen und langen Arbeitstagen. Wenn ich mal frei hatte, suchte ich im Privaten die Action, traf meine Freundinnen und Freunde oder schaffte mir durch Sport Ausgleich. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer dabei bin, wenn es etwas zu erleben gibt. Ich kann gar nicht anders. Ich bin eine absolute Ja-­Sagerin. Je verrückter die Idee, desto schneller und unüberlegter sage ich mit meinem Golden-Retriever-Gesichtsausdruck freudig Ja.

Meine FOMO sagt: »Nichts verpassen!«

Soweit ich zurückdenken kann, habe ich Angst, etwas zu verpassen. Ich bin der Prototyp für FOMO (»Fear of missing out«, übersetzt: die Angst, etwas zu verpassen). Das fing schon früh an: Wenn mich meine Mama Conny in die Wiege legte, schrie ich so lange, bis sie mich aufrecht setzte, damit ich bloß nichts vom Geschehen verpasste. Am Ende schlief ich öfter im Sitzen als im Liegen. Aber Hauptsache, ich bekam alles mit. Wenn sie mich beim Spaziergang mit meinem Gesicht zu sich in ihr Tragetuch spannte, gab es das gleiche Drama: Ich schrie so lange, bis sie mich mit dem Kopf nach vorne drehte und ich nichts mehr verpassen konnte. Immer schon wollte ich mitbekommen, was um mich herum passierte und mitten im Geschehen sein. Alles aufnehmen. Immer dabei sein. Ich habe große Teile meines Lebens nur vier oder fünf Stunden in der Nacht geschlafen, um so viel wie möglich in diesem einen Leben unterzubringen, denn mir war und ist bewusst: Wir sind nur eine begrenzte Zeit hier. Nur weil ich jung bin, heißt es nicht automatisch, dass ich alt werde und noch viel Zeit habe. Ich möchte deshalb nicht irgendeinen Beruf machen, sondern mich ständig weiterentwickeln, meine Stimme für Sinnvolles nutzen und bedeutungsvolle Beziehungen führen. Ich möchte nicht irgendwann kurz vor meinem Tod denken: Hätte ich doch mal! Sondern ich möchte das Gefühl haben: Mehr ging nicht! Ich habe alles mitgenommen.

Deswegen sage ich immer einmal mehr Ja als Nein, wenn es etwas zu erleben gibt. Besonders wenn die Chance besteht, etwas Neues zu wagen – wie Bungee-Jumping, spontan aus dem Flieger springen oder eben dieses Buch zu schreiben, was sich genauso waghalsig schön und aufregend anfühlt wie ein freier Fall.

Was mir aber lange nicht klar war und was ich selbst im vollen Bewusstsein immer wieder erfolgreich verdrängte: Irgendwo dazwischen brauche ich auch einen Raum für mich. Das habe ich lange hinten angestellt. Zu lange. Ich dachte wirklich, meine Batterien leeren sich niemals komplett, auch wenn ich nur vier Stunden pro Nacht schlief und am nächsten Morgen nach einer Morningshow in Dauerschleife bis 22 Uhr durchgetaktet war mit Terminen. Ich dachte immer, ich wäre wie ein Fisch, den man nicht fangen oder aufhalten kann und der ohne Rast immer weiter gegen den Strom schwimmt.

Nur wer für seinen Job brennt, läuft auch Gefahr, daran zu verbrennen. Dieser Spruch hat mir geholfen zu verstehen, vor welcher Herausforderung ich damit stehe, denn ich liebe meinen Beruf.

Warum ich mir selten Freiräume und Pausen gönnte, lag auch daran, weil mir das Meiste so einen unendlichen Spaß macht. Und ich bedanke mich bis heute jeden einzelnen Tag dafür, dass ich so privilegiert leben kann: Als Cis-Frau in einem Land ohne Krieg mit gefühlt unendlich vielen Möglichkeiten und einem Beruf als Radio- und TV-Moderatorin, der mir viele weitere Türen geöffnet hat. Mein Wunsch ist es, alles auszukosten und so viel wie möglich zu teilen. Ich möchte einen Unterschied machen. Dabei dachte ich bis zu einem bestimmten Punkt an alles, außer an mich und meine Gesundheit. Ich unterschätze mich bis heute in vielem. Lediglich in einer Sache überschätze ich mich: meiner Energie. Ich denke mir immer wieder: Das geht alles. Aber genau das ist der Fehler! Und das hat mir mein Körper bewiesen.

Wie bei den tanzenden Luftfiguren vor den Autohäusern hat mir mein Körper den Stecker gezogen und damit die Luft rausgelassen.

Das Normale wurde für mich zum Ausnahmezustand

Denn nur weil ich immer wieder über meine Grenzen gegangen bin, sah ich mir im September 2023 nach Wochen des Durcharbeitens mit Jobs auf der halben Welt selbst dabei zu, wie ich bei den normalsten Dingen überreagierte oder mich anders als sonst verhielt.

Was dazukam, war, dass sich meine Bekanntheit gesteigert hatte und ich zunehmend nicht nur mit dem Arbeitspensum, sondern auch mit den Schattenseiten meines Erfolgs klarkommen musste. Darauf werde ich noch genauer in Kapitel 7 eingehen, aber vorweg solltest du schon einmal wissen, dass ich seit Jahren jeden Tag mit Hass auf Social Media umgehen muss. An manchen Tagen kann ich Hass-Nachrichten weglächeln, doch manchmal holt mich plötzlich alles ein und es trifft mich mitten ins Herz.

Denn am Ende bin ich auch nur ein Mensch mit Gefühlen. Verrückt, oder? Das Absurde: Das vergessen viele anscheinend, wenn sie gerade dabei sind, dir verbal ein Geschäft vor deiner Haustüre zu verrichten. Es lässt mich nicht unberührt, vor allem nicht, wenn ich Morddrohungen erhalte und Wahnsinnige mir schreiben, auf welche monströse Art sie mich umbringen wollen. Genau das ist bei mir und vielen anderen Personen in der Öffentlichkeit leider oft an der Tagesordnung.

Ich verlor mich, mein Leben entglitt mir

Das alles führte in Summe schleichend dazu, dass ich immer weniger meinen Körper, meinen Geist und meine Seele greifen konnte. Sie entglitten mir wie Sand aus meiner Hand. War es pure Überforderung, eine Panikattacke oder ein Burnout? Ich weiß es bis heute nicht so recht. Was ich weiß: Mir ging es noch nie so schlecht.

Ich musste Restaurants oder Gespräche verlassen und sagen: »Es tut mir leid, aber mir wird gerade alles zu viel.« Die vermeintlich normalsten Dinge wurden zu einer Herausforderung. Ich wusste zwischendurch nicht mal mehr, was mir eigentlich so große Angst machte. Ich hatte Angst vor der Angst entwickelt und sorgte mich, dass ich aus dem Panikattacken-Hamsterrad nie wieder aussteigen könnte. Das Einzige, was mir in dieser akuten Phase der Überforderung noch als Gegenpol einfiel: weitermachen und ablenken.

Panikattacken überrollten mich wie ein Tsunami

Wenn andere in meinen Kalender blickten und sahen, dass ich quasi jede Stunde des Tages einen neuen Termin hatte, bekamen sie immer große Augen und sagten: »Oh mein Gott, ich würde bei dieser Taktung durchdrehen.« Aber ich sagte dann immer: »Ich finde im Sturm meine Ruhe.«

Doch diese Worte gehörten jetzt plötzlich der Vergangenheit an, denn: Es gab in mir keinerlei Ruhe mehr, sondern nur noch einen unaufhaltsamen Tsunami nach dem anderen. Bis ich kapitulierte und erkannte, dass ich kein Land mehr sehen würde, wenn ich mich nicht komplett aus dem Auge des Sturms nähme. Jahrelang hatte ich mich über Wasser gehalten und mir ab und zu mal kurz für ein paar Tage freigenommen, aber es war nie genug. Ich behandelte immer nur kurzfristig die Symptome, aber erforschte nie grundlegend die Ursache für meine Einbrüche.

Ich habe mich überhaupt nicht ernst genommen. Ich ignorierte mein Energielevel und meine Schwächen, weil ich so darauf gepolt war, stark zu sein und zu funktionieren. ­Genauso, wie ich dachte, meine Reserven seien endlos, dachte ich früher auch: Panikattacken? So etwas wird mir doch nie passieren! Aber mein Körper zog die Reißleine …

Als ich dachte, ich werde ermordet

Dieser Moment war für mich einer der schlimmsten, die ich jemals erlebt habe. Ich saß mit einer guten Freundin und meinem Papa draußen in einem Café. Es war ein wunderschöner, lauer Spätsommertag in Berlin. Die Sonne schien und die ganze Stadt hatte gute Laune. Und das in Berlin, das mag was heißen.

Wir genossen unsere belegten Brötchen und unterhielten uns freudig über das Leben. Plötzlich verstummte ich mitten in einem Gruppenlacher, weil eine schwarze Mercedes G-Klasse mit abgedunkelten Scheiben langsam auf der Straße dicht an uns vorbei­rollte. Ich erstarrte, denn vor meinem inneren Auge spielte sich mein größter Albtraum ab: Ich sah einen Mann mit gezückter Waffe aussteigen und auf mich zukommen. Ich war überzeugt, dass das einer meiner Hater war, der mir schon oft geschrieben hatte, dass er mich umbringen wollte, und nun setzte er seine Worte in die Realität um. Er wollte mich erschießen. Ich war mir sicher, dass er mir schon seit Tagen gefolgt war, mich beobachtet hatte und mich in diesem schönen Moment töten wollte. Es war nur ein ­Gedanke, aber mein Körper reagierte auf den inneren Film. Ich begann zu zittern, mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich konnte kaum atmen. Mir wurde heiß, kalter Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Der Wagen war längst weitergefahren und so sehr ich auch versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, schossen mir Tränen in die Augen, meine Emotionen waren nicht mehr zu stoppen. Wenn ich das schreibe, bekomme ich wieder Gänsehaut, meine Hände schwitzen und mir wird schlecht. Es nimmt mich immer noch emotional mit.

Natürlich existierte auch ein Teil in mir, der wusste: Es ist alles gut, nichts ist passiert. Es droht keine akute Gefahr, es fährt nur ein Auto vorbei. Deine Reaktion passt gar nicht zu der Situation. Doch die Angst in mir saß so tief und war so stark, dass sie in Panik mündete und mich fast ohnmächtig werden ließ. Ich sehe wieder das geschockte Gesicht meines Papas vor mir. Er hatte mich noch nie so erlebt und fragte mich entsetzt und mit Tränen in den Augen: »Was ist los? Wie kann ich dir helfen?« Ich antwortete noch immer nach Atem ringend: »Ich dachte gerade, ich werde umgebracht.« Er wusste, dass in der kommenden Woche viel anstand, darunter eine wichtige internationale Live-Moderation, und stellte mir besorgt die Frage: »Schaffst du es, morgen auf der Bühne zu stehen und dabei nicht durchzudrehen?«

Ohne zu überlegen, schoss es aus mir heraus: »Nein, auf gar keinen Fall.« Nur der Gedanke daran, vor Hunderten Kameras und Tausenden Menschen zu stehen, löste die nächste Panik in mir aus. Was sonst mein größter Traum war, fühlte sich plötzlich an wie mein größter Albtraum.

»Dann rufe sofort deine Managerin an und sage alles ab.«

In mir sträubte sich alles, denn ich wollte mir nicht eingestehen, dass es mir wohl den Stecker gezogen hatte. Ich versuchte, es wie immer herunterzuspielen, und sagte ihm: »Ach, ich brauche nur kurz etwas Ruhe, in ein paar Stunden sieht die Welt bestimmt schon wieder anders aus.« Und wieder nutzte ich mein gelerntes Ventil, um auf Probleme zu reagieren: Ich lenkte mich ab und ging mit meiner Freundin zu einer Comedyshow. So könnte ich mein Problem doch sicherlich ganz einfach aus der Welt lachen.

Ich dachte ernsthaft, dass mir das guttun würde. Ein bisschen unter Menschen sein und über Sparwitze lachen. Ich weiß noch, wie ich im Publikum saß und eine Sonnenbrille trug, was ich sonst nie mache. Aber ich wollte nicht erkannt werden. Ich wollte, dass mich niemand in meiner Panik sah oder mich nach einem gemeinsamen Foto fragte, worüber ich mich normalerweise immer freue. Ich fühlte mich von allem und jedem bedrängt. Ich versuchte mich so gut es ging zusammenzureißen, weil ich nicht mit meiner Angst auffallen wollte.

Alle um mich herum grölten und lachten, aber ich saß die ganze Zeit mit meiner gigantischen Angst da und versuchte sie zu deckeln, damit sie nicht wie ein Vulkan ausbrach. Doch in mir braute sich eine immer größer werdende Angst zusammen und der Gedanke wurde immer lauter: Ich sterbe jetzt! Du hast richtig gelesen. Es mag absurd klingen, aber das war mein Gefühl. Ich dachte in den schönsten Momenten plötzlich an den Tod, obwohl es dafür keinen erklärbaren Grund gab. Ich fragte mich immer häufiger, ob mir das Leben mit diesen gedanklichen Abgründen etwas sagen wollte? Ich konnte die ­Botschaft aber nicht lesen und machte wieder weiter.

Die Antwort kam einen Tag später von meinem Körper. Als ich es nicht mehr schaffte, die vermeintlich selbstverständlichsten Dinge zu tun, wie Wasser in meine Trinkflasche zu füllen. Diese sonst so banale Aufgabe war für mich eine riesengroße Herausforderung und ich hatte so einen Knoten im Kopf, dass ich nicht wusste, wie ich nun das Wasser in die Flasche bekommen sollte. Ich war überfordert. Meine Hände zitterten und ich begann, ernsthaft an mir zu zweifeln.

Ich schaffte es nicht mal mehr, meine Schuhe zuzuschnüren. Es fühlte sich an wie eine unlösbare Matheaufgabe. Minutenlang hantierte ich mit den Schnürsenkeln und schaffte es einfach nicht, sie zu binden. Ich konnte meine Hände nicht kontrollieren, ich konnte ihnen nicht sagen: »Hey, bitte bindet den Schuh zu, wie die tausend Male zuvor!« Funktionieren, genau das klappte nicht mehr und das machte mir große Angst. Dazu mischten sich Gefühle wie Scham, Wut und Traurigkeit. Wenn ich noch nicht einmal meine Schuhe anziehen konnte, was würde ich noch hinbekommen? Und war das nur eine Momentaufnahme oder würde sich diese Unfähigkeit für immer einnisten?

Es fühlte sich an, als würden Geist, Seele und Körper komplett andere Sprachen sprechen und hätten ihre Kommunikationsfähigkeit von der einen auf die andere Sekunde verloren.

Und obwohl ich gerade mit meinem Privatleben kämpfte, ploppte plötzlich wieder mein Beruf auf und ich dachte daran, dass sich andere auf mich verließen, die ich jetzt enttäuschte. Ich hatte Verträge unterschrieben und Jobs angenommen, auf die ich mich seit Wochen freute.

Es fühlte sich so an, als hätte ich einen ganzen Cocktail an unangenehmen Gefühlen getrunken. Ich war überwältigt und dachte, jegliche Kontrolle zu verlieren. Ich kauerte mich im Hausflur meiner Berliner Wohnung zusammen, zitterte am ganzen Körper und heulte. Als meine Hände endlich ruhiger wurden, kroch ich zu meinem Handy und rief meinen Papa an, der als Einziger meiner Familie auch in Berlin lebt: »Ich kann nicht mehr!«, schluchzte ich.

Er reagierte sofort: »Lola, ich hole dich jetzt ab und wir fahren sofort zusammen auf deinen Bauernhof und bleiben dort mindestens eine Woche. Sag alles ab!«

Und zum allerersten Mal in meinem Leben gehorchte ich und rief meine Managerin Leni voller Angst und unter Tränen an. »Leni, es tut mir so leid, ich will niemanden enttäuschen, aber es geht nichts mehr, ich kann einfach nicht mehr.«

Ich hatte so eine große Angst vor diesem Moment, weil ich nicht wusste, wie sie reagieren würde. Es ging um fünfstellige Beträge, Verträge, die wir nun auflösen mussten und nicht erfüllen konnten, und auch dieses Buch musste ich erst mal absagen. Der Druck nahm mir die Luft zum Atmen und ich musste von all den Projekten ablassen, um zur Ruhe kommen zu können. Leni antwortete gefasst: »Alles gut, ich sage alles ab.« Mir fiel ein Stein vom Herzen. Es war mal wieder der Beweis, dass sie die beste Managerin war, weil sie mir auch in so einer Ausnahmesituation den Rücken freihielt, statt mir Vorwürfe zu machen.

Ich packte weinend meine Stricksachen, Bücher, Malutensilien und meine Hängematte ein und wir fuhren immer weiter raus aus der grauen Stadt, rein in die Idylle, aufs grüne Land, zu meinem Bauernhof (über mein »Lolaland« erzähle ich dir noch mehr in Kapitel 2). Dort konnte es nur besser werden … dachte ich jedenfalls.

Ich konnte selbst das Schöne nicht mehr genießen

Mir war zunächst kaum bewusst, was ich erlebt hatte. Ich konnte es mir erst eingestehen, als ich in der Hängematte meines Bauernhofs in Brandenburg lag, als die Welt um mich paradiesisch und heil erschien, als ich endlich mal wieder einfach so in den Tag leben konnte, ohne funktionieren zu müssen: Ich war 27 ­Jahre alt und völlig ­ausgebrannt. Ich schaute die ersten Tage nur ins Leere, in den Himmel. Ich beobachtete die wunderschönen, uralten Trauerweiden um mich herum, die dort seit Jahren verwurzelt sind. Ich hörte die Vögel fröhlich singen, aber ich konnte es nicht genießen. In mir blieb es dunkel, als wäre eine graue Wolke über mir. Ich fühlte mich in mir selbst gefangen und hatte riesengroße Angst und Respekt vor dieser nun anstehenden Pause, weil ich fürchtete, dass in der Ruhe irgendetwas Schlimmes aufkommen könnte. Vielleicht eine dunkle Erinnerung, die ich erfolgreich verdrängt hatte? Kennst du dieses Gefühl?

Ich fragte mich: Kenne ich mich wirklich? Alle Schatten? Alle Dämonen? Kenne ich meine tiefsten und dunkelsten Ecken oder gibt es Kellerräume, die ich noch nie gesehen habe? Genau das machte mir Angst.

Ich wollte mein Gedankenchaos wie ein Zimmer aufräumen. Also schnappte ich mir meinen Laptop, setzte mich mitten auf meiner Wiese in meine Hängematte und begann, die ersten Seiten dieses Buches zu schreiben. Es fühlte sich an wie eine Therapiestunde, mir flossen die Worte regelrecht durch die Finger auf diese Seiten. Ich stellte mich endlich meiner Angst und traute mich, die Frage zu beantworten, was in und mit mir los war.

Dabei wurde mir bewusst: Mein Körper hatte mir unzählige Alarmzeichen geschickt, damit ich hinhörte und mich endlich mit mir selbst auseinandersetzte. Und plötzlich befand ich mich in einem regelrechten Selbstheilungsprozess: Ich durfte erstmal lernen, mir selbst zu verzeihen. Meine erzwungene Auszeit fühlte sich nämlich wie ein herber Rückschlag an, denn ich hatte die Hoffnung gehabt, aus meinem ersten Zusammenbruch Jahre zuvor gelernt zu haben.

Ich erinnerte mich an meinen ersten Zusammenbruch

Damals, als ich das erste Mal eine Panikattacke erlebte, war ich zwanzig Jahre alt, lag im Bett und machte mir Druck, schnell einzuschlafen, damit ich wenigstens ein bisschen ausruhen konnte, bevor ich am nächsten Morgen wieder live die Morningshow bei bigFM um fünf Uhr moderieren würde.

Als ich meine Augen schloss, hatte ich aber plötzlich das Gefühl, in einem Zug zu sitzen. Dieser Zug fuhr immer schneller. Wenn ich rechts und links aus den Fenstern schaute, rasten Sequenzen aus meinem Leben an mir vorbei. In meinen Ohren wurden immer mehr Stimmen lauter und lauter, der Lärm war kaum zu ertragen. Ich konnte die vielen Szenen mit unterschiedlichen Menschen an verschiedenen Orten gar nicht verarbeiten und geriet in Panik. Mein Herz schlug immer schneller. Meine Hände fingen an zu zittern. Die gesamte Situation war für mich total unkontrollierbar. Ich war auf mich allein gestellt, denn ich war in meiner Stuttgarter Wohnung und versuchte, mich irgendwie durch tiefe Atmung zu entspannen. Aber es brachte nichts. Die Stimmen in mir wurden lauter, die Bilder schneller und schneller. Meine Ohren piepsten, ich konnte meine Augen vor Schmerz kaum geschlossen halten, dabei musste ich doch längst schlafen. Ich riss meine Augen auf und fragte mich: Was passiert hier mit mir? Wer kann mir helfen? Ich riss das Fenster auf, um frische Luft zu atmen und mich zu beruhigen. Es klappte alles nicht. Ich hoffte nur, dass die Nacht schnell vorbeiging, damit ich am nächsten Tag meine Ärztin um einen Termin bitten konnte. Irgendwann schlief ich erschöpft ein, die Morningshow war eine Qual. Aber ich wollte niemandem davon erzählen, zu groß war die Scham. Meine Ärztin war wenig überrascht und sagte mir geradeheraus: »Herzlichen Glückwunsch Frau ­Weippert, das nennt sich Burnout, und das mit Anfang 20.«

Als ich mit wachem Geist darüber nachdachte, wunderte es mich nicht. Mit nur vier Stunden Schlaf täglich und dem Pensum, das ich im Beruf fuhr, wurde mir damals schon klar: Ich muss etwas ändern. Damals versuchte ich als Erstes, mehr zu schlafen und mich beruflich zu verändern (siehe dazu auch Kapitel 5). Über die Jahre ließ ich mich aber vom Strudel weitertreiben, mein Siebhirn vergaß die Vorsätze und kam erneut an den Punkt der kompletten Erschöpfung.

Deinen Selbstwert bestimmst nur du