Sein letzter Fall - Håkan Nesser - E-Book

Sein letzter Fall E-Book

Håkan Nesser

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Beschreibung

Eine tote Frau in einem leeren Swimmingpool. Ein Mörder mit einem wasserdichten Alibi. Und Ex-Kommissar Van Veeteren, dem dieser Fall – der einzig ungelöste seiner Laufbahn – auch fünfzehn Jahre nach der Tat keine Ruhe lässt. Wer hat Barbara Clarissa Hennan auf dem Gewissen? Ihr Mann, wie alle glauben, dem aber nichts zu beweisen ist? Van Veeteren traut ihm das Verbrechen zu. Er hat mit dem Verdächtigen gemeinsam die Schulbank gedrückt und kennt dessen finstere, boshafte Seite. Doch all seine Bemühungen, ihm die Sache nachzuweisen, laufen ins Leere. Der Fall G – wie er intern genannt wird – bleibt unabgeschlossen. Da rückt über ein Jahrzehnt später die ungesühnte Tat erneut in den Blickwinkel der Maardamer Kriminalpolizei. Die Tochter eines ehemaligen Privatdetektivs, der G damals im Auftrag seiner Frau beschatten sollte, meldet ihren Vater als vermisst. Er ist verschwunden, kurz nachdem er am Telefon erklärt hat, er sei auf einer heißen Spur im Falle G. Anlass genug für Van Veeteren, die Sache von damals noch einmal völlig neu aufzurollen …


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Seitenzahl: 697

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Hakan Nesser

Sein letzter Fall

Roman

Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die schwedische Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel »Fallet G« bei Albert Bonniers, Stockholm.

PeP eBooks erscheinen in der Verlagsgruppe Random House

Deutsche Erstveröffentlichung 2004V003

Copyright © der Originalausgabe 2003 by Håkan Nesser

Copyright © der deutschsprachigen 2004 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

SL · Herstellung: sc

ISBN 978-3-442-7281-3

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Wer einen Strand entlang wandert, wird früher oder später

einem anderen Menschen begegnen.

Unbekannt

1987

Sie wusste, dass sie nachts ins Bett pinkeln würde, und sie wusste, dass Tante Peggy dann böse werden würde.

Das war immer so. Immer, wenn sie bei Tante Peggy schlief und nicht bei ihrer eigenen Mama, passierte es.

Mami. Sie wollte bei Mami sein. In ihrem eigenen Bett in ihrem eigenen Zimmer schlafen mit der Puppe Trudi unter der Decke und der Puppe Bamba unter dem Kopfkissen. So sollte es sein. Wenn es so war und wenn sie mit Mamis gutem Geruch in der Nase einschlief, dann passierte es nie, dass das Bett nass war, wenn sie aufwachte. Jedenfalls fast nie.

Tante Peggy roch überhaupt nicht wie Mami. Sie wollte nicht, dass Tante Peggy sie anfasste, und das tat sie glücklicherweise auch nie. Aber sie schlief im selben Zimmer, auf der anderen Seite eines blauen und ein bisschen roten Vorhangs mit irgendwelchen Drachen drauf, vielleicht waren es auch Schlangen, und manchmal schlief da noch jemand. Sie mochte das nicht.

Trudi und Bamba mochten es auch nicht. Bei Tante Peggy waren sie gezwungen, beide unter dem Kopfkissen zu schlafen, damit sie kein Pipi abbekamen. Das war unbequem und hart, aber sie konnte die Puppen natürlich nicht zu Hause lassen, wie Mami es vorgeschlagen hatte. Manchmal kam Mami wirklich auf die merkwürdigsten Ideen.

Eine Woche, hatte sie beispielsweise gesagt. Du musst für eine Woche zu Peggy, ich werde wegfahren und viel Geld verdienen. Wenn ich zurückkomme, kriegst du ein neues Kleid und so viel Eis und Bonbons, wie du willst.

Eine Woche, das waren viele Tage. Sie wusste nicht genau, wie viele, aber es waren mehr als drei, und die ganze Zeit würde sie gezwungen sein, in diesem ekligen Zimmer zu schlafen, vor dessen Fenster Autos und Busse auf der Straße entlang fuhren, hupten, bremsten und die ganze Nacht mit den Reifen quietschten. Sie würde ins Bett pinkeln, und Tante Peggy würde gar nicht auf die Idee kommen, das Bettzeug zu wechseln, sondern es nur tagsüber zum Trocknen über den Stuhl hängen, und Trudi und Bamba würden so traurig sein, oh, so traurig, dass sie sie nicht würde trösten können, wie sehr sie es auch versuchte.

Ich will nicht bei dieser blöden Tante Peggy sein, dachte sie. Ich wünschte, Tante Peggy wäre tot. Wenn ich Gott bitte, sie wegzubringen, und er das tut, dann verspreche ich, nicht einen einzigen Tropfen mehr ins Bett zu pinkeln, und wenn es dann Morgen ist, dann kommt Mami statt Tante Peggy, nimmt mich mit nach Hause, und ich muss nie wieder hierher zurück. Nie wieder.

Hörst du, lieber Gott, lass Mami zurückkommen, nimm das Pipi und Tante Peggy weg. Lass sie sterben oder setze sie in ein Flugzeug und flieg mit ihr zum Land der Tausend Inseln.

Sie faltete die Hände so fest, dass ihr die Finger wehtaten, und Trudi und Bamba beteten zusammen mit ihr mit all ihrer Kraft, deshalb würde es vielleicht, ja vielleicht doch so geschehen, wie sie es sich wünschte.

1

Auf dem Weg zu seiner Arbeit kaufte der Privatdetektiv Maarten Verlangen am Dienstag, dem 3. Juni, sechs Bier und sechs Staubsaugerbeutel ein.

Ersteres war Routine, Zweiteres war außergewöhnlich. Seit Martha sich vor fünf Jahren hatte von ihm scheiden lassen, waren seine Putzambitionen nicht mehr so ausgeprägt gewesen wie jetzt, und mit dem etwas fremden Gefühl eines guten Gewissens schloss er die rostschutzfarbene Eisentür auf und nahm sein Büro in Beschlag.

Das war schnell geschehen. Der Raum maß drei mal vier Meter, und kein Architekt der Welt wäre auf die Idee gekommen, »Büroraum« auf seine Zeichnung zu schreiben. Der Raum lag in einer der verrußten alten Mietskasernen an der Armastenstraat, gleich neben den Eisenbahngleisen. Vom Hauseingang ging es eine halbe Treppe nach unten; das Zimmer war offenbar anfangs als eine Art Lagerraum für den Hausmeister gedacht gewesen, ein Platz, wo das eine oder andere, was die Mieter nicht mehr brauchten, verwahrt werden konnte: Toilettenschüsseln, Duschschläuche, Kochplatten und sonstige Utensilien der abgenutzten Sorte.

Aber jetzt war es also ein Büro. Wenn auch kein besonders schickes. Die Wände waren von Beginn an mit schmutzigem, erdfarbenem Putz bedeckt gewesen, der Boden war vor zwei oder drei Jahrzehnten dunkelblau gestrichen worden, und die einzige natürliche Lichtquelle war ein klein bemessenes Fenster auf Bodenhöhe, ganz oben unter der Decke. Die Möblierung war einfach und funktionell. Ein Schreibtisch mit einem Schreibtischstuhl. Ein grauer Aktenschrank aus Metall. Ein niedriges Bücherregal, ein brummender Fünfzig-Liter-Kühlschrank, ein Wasserkocher sowie ein abgewetzter Besuchersessel. An einer Wand hing ein Kalender mit Reklame für eine Tankstelle, an einer anderen die Reproduktion einer düsteren Piranesi-Lithographie. Die anderen beiden waren leer.

Abgesehen von dem Kalender, den Verlangen mit schlafwandlerischer Sicherheit jedes Jahr Ende Januar oder Anfang Februar austauschte, sah das Büro haargenau so aus wie in den letzten vier Jahren. Seit er eingezogen war. Man sollte nicht unterschätzen, wie sehr es die Umgebung vermag, dem Leben Sicherheit und Stabilität zu geben, pflegte er gern zu denken. Man sollte nicht den Staub der Jahre verachten, der sich auf unsere Schultern legt.

Er schaltete die Deckenlampe ein, weil die Schreibtischlampe kaputt war. Hängte seine dünne Windjacke an einen Haken an der Türinnenseite und stellte das Bier in den Kühlschrank.

Ließ sich sodann auf dem Schreibtischstuhl nieder und legte die Staubsaugerbeutel in die rechte, oberste Schublade. Er wollte sie nicht hier im Büro benutzen. Ganz und gar nicht. Den Staubsauger der Marke Melfi, den er besaß– eines der wenigen Dinge, die er nach der Scheidung mitbekommen hatte, möglicherweise, weil er bereits zur Zeit seiner Ehe so schlecht funktioniert hatte –, verwahrte er in seiner Wohnung in der Heerbanerstraat. Und dort wollte er sie auch benutzen. Womit die Grenze erreicht war. Er überlegte einen Moment, ob er die Tüten nicht doch lieber auf dem Schreibtisch platzieren sollte; das Risiko, dass sie nach Ende des Arbeitstages in der Schublade zurückbleiben würden, war zweifellos vorhanden, aber er entschloss sich, es zu riskieren. Staubsaugertüten passten nun mal nicht gerade zu dem Inventar, das ein Besucher in einem renommierten Detektivbüro vorzufinden erwartete.

Verlangens Detektivbüro. So stand es auf dem einfachen, aber stilvollen Schild draußen an der Tür. Er hatte es selbst gedruckt, es hatte ihn einen Vormittag gekostet, aber das Ergebnis sah gar nicht so schlecht aus.

Er schaute auf seinen Terminkalender. Da gab es eine Notiz wegen eines Termins mit der Versicherungsgesellschaft am Nachmittag. Ansonsten war er leer. Er kontrollierte den Anrufbeantworter, ob er irgendwelche aufgezeichneten Mitteilungen enthielt. Nahm ein Bier aus dem Kühlschrank, öffnete es und zündete sich eine Zigarette an.

Schaute auf die Uhr. Es war zehn Minuten nach zehn.

Wenn ich keinen Kunden vor zwölf Uhr kriege, dann esse ich schnell was im Oldener Maas, und anschließend gebe ich mir die Kugel, dachte er und lächelte verbissen vor sich hin.

Das war ein Zwangsgedanke, der ihm jeden Morgen in den Sinn kam, und eines Tages würde er ihn in die Tat umsetzen. Er war siebenundvierzig Jahre alt, und die Menschen, die ihn vielleicht vermissen könnten, waren an dem Daumen einer Hand abzulesen.

Sie hieß Belle und war seine Tochter. Siebzehn, fast achtzehn. Er betrachtete eine Zeit lang ihr lachendes Gesicht auf dem Foto neben dem Telefon und trank noch einen Schluck Bier. Zwinkerte die Tränen fort, die der bittere Geschmack hochkommen ließ, und rülpste.

Wie hat so ein Schwein wie ich nur so eine Tochter kriegen können?, überlegte er.

Auch das war ein immer wiederkehrender Gedanke. Überhaupt gab es viele Wiederholungen in Maarten Verlangens Gehirn. In erster Linie alte, trübe Fragen ohne Antwort. In klaren Stunden kam es vor, dass diese Tatsache ihn erschreckte.

Aber es gab ein Gegenmittel gegen klarsichtige Ängste. Zum Glück. Er trank noch einen Schluck und nahm einen tiefen Zug von der Zigarette. Stand auf und stellte das Fenster auf Kipp. Setzte sich wieder.

Inzwischen war es dreizehn Minuten nach zehn geworden.

Sie rief kurz vor elf Uhr an und tauchte eine halbe Stunde später auf. Eine ziemlich große Frau um die fünfunddreißig. Braunrotes, schulterlanges Haar. Schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und klar gezeichneten Zügen. Schlank und sportlich, aber dennoch mit einer sich deutlich abzeichnenden Brust. Sie trug eine eng anliegende schwarze Hose und eine weinrote Bluse mit sehr kurzen Ärmeln. Sorgsam gezupfte Augenbrauen. Er fand, sie sah gut aus.

Sie ließ schnell den Blick durch den Raum schweifen. Verweilte eine Sekunde auf dem Piranesi-Druck, bevor sie schließlich ihre Aufmerksamkeit auf Verlangens düstere Visage richtete.

»You mind, if we speak English?«

Verlangen erklärte, dass er die Sprache nicht vergessen hätte in den letzten dreißig Minuten. So lange war es her, dass sie miteinander telefoniert hatten. Sie verzog leicht den Mund und setzte sich auf den Besucherstuhl. Schlug ein Bein über das andere und räusperte sich. Verlangen streckte ihr die Zigaretten hin, aber sie schüttelte abwehrend den Kopf. Holte stattdessen ihr eigenes Päckchen Gauloises aus der Handtasche und zündete sich eine davon mit einem schlanken goldenen Feuerzeug an.

»Sie sind Privatdetektiv?«

Verlangen nickte.

»Davon gibt es nicht so viele?«

»Na, schon den ein oder anderen.«

»Fünf Stück hier im Ort.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe im Telefonbuch nachgesehen.«

»Alle stehen da wahrscheinlich nicht drin.«

»Nein? Na, jedenfalls habe ich Sie dort gefunden.«

Verlangen zuckte mit den Schultern. Registrierte, dass sie eine kleine Tätowierung ganz oben am linken Arm hatte, direkt unterhalb des Blusenärmels. Es sah aus wie eine Schwalbe. Oder jedenfalls wie ein Vogel.

Er registrierte auch, dass sie ziemlich braun gebrannt war. Muss offenbar schon mehrfach die Gelegenheit dazu gehabt haben, sich zu sonnen, dachte er, obwohl es doch erst Anfang Juni war. Ihre Haut hatte einen angenehmen Farbton, wie Café au lait. Er überlegte, was für ein Gefühl es wohl war, mit den Fingerspitzen darüber zu streifen.

Aber vielleicht war sie ja auch nur ein gewöhnliches Solariumhuhn.

»Womit kann ich dienen?«, fragte er.

»Ein Überwachungsauftrag.«

»Ein Überwachungsauftrag?«

»Oder wie Sie es auch nennen. Das gehört doch in Ihr Repertoire?«

»Natürlich. Und was ist das für ein Objekt, das ich für Sie beobachten soll?«

»Mein Mann.«

»Ihr Mann?«

»Ja. Ich möchte, dass Sie ihn ein paar Tage lang beobachten.«

»Verstehe.«

Er blätterte auf eine neue Seite seines Notizblocks und klickte zweimal mit dem Kugelschreiber.

»Ihr Name, wenn ich darum bitten darf?«

Am Telefon hatte sie ihn nicht angeben wollen, und sie hatte sich nicht vorgestellt, als sie hereinkam. Sie schien auch jetzt noch eine Sekunde zu zögern, während sie den Rauch der Zigarette einsog.

»Barbara Hennan.«

Verlangen schrieb auf.

»Ich bin Amerikanerin. Mein Mädchenname ist Delgado. Ich bin mit Jaan G. Hennan verheiratet.«

Er war erst zu der einzeln stehenden Versalie gekommen, als er innehielt.

Jaan G?, dachte er. Verdammt noch mal. Jaan G. Hennan.

»Wir wohnen seit ein paar Monaten hier im Land. Obwohl, mein Mann kommt ja ursprünglich aus Maardam. Wir haben ein Haus unten in Linden gemietet… dreißig Kilometer von hier, ich nehme an, Sie wissen, wo das liegt?«

»Ja, natürlich.«

Gab es noch weitere Jaan G. Hennans? Vermutlich. Aber wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass es einer der anderen war? Und wie…?

»Wie viel nehmen Sie an Honorar?«

»Das kommt darauf an.«

»Kommt worauf an?«

»Auf die Art des Auftrags. Zeitumfang. Kosten…«

»Ich möchte, dass Sie meinen Mann ein paar Tage lang observieren. Von morgens bis abends, Sie werden kaum Zeit für andere Aufträge haben.«

»Warum wollen Sie, dass er überwacht wird?«

»Darauf möchte ich nicht näher eingehen. Ich wünsche mir nur, dass Sie kontrollieren, was er vorhat, und es mir hinterher berichten. Okay?«

Sie zog eine Augenbraue hoch und wurde noch schöner.

Klassisch, dachte er. Das ist verflucht noch mal einfach klassisch. Es kam nicht oft vor, dass er sich wie Philip Marlowe fühlte, zumindest nicht in nüchternem Zustand. Vielleicht sollte er es einfach genießen, so lange es anhielt.

»Das ist kein ungewöhnlicher Auftrag«, sagte er. »Aber ich habe noch einige Fragen.«

»Bitte schön.«

»Distanz und Diskretion, beispielsweise?«

»Distanz und…?«

»Wie detailliert möchten Sie es haben? Wenn er ins Restaurant geht, wollen Sie auch wissen, was er isst, mit wem er sich unterhält, was gesprochen wird…«

Sie unterbrach ihn, indem sie die rechte Hand zehn Zentimeter über den Tisch hob. Die Schwalbe bewegte sich sinnlich.

»Ich verstehe, was Sie meinen. Nein, es genügt, wenn ich alles in groben Zügen erfahre. Sollten mir überdies spezielle Einzelheiten interessant erscheinen, dann kann ich Ihnen das ja noch mitteilen, oder?«

»Selbstverständlich. Sie bestimmen die Regeln. Und er soll nicht merken, dass ich ihn beschatte?«

Wieder zögerte sie.

»Möglichst nicht.«

»Darf ich fragen, was er arbeitet?«

»Er hat eine Importfirma. Gerade erst gegründet natürlich… aber so was Ähnliches hat er schon in Denver gemacht.«

»Welche Produkte?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Verschiedene. Teile für Computer beispielsweise. Was spielt denn der Beruf meines Mannes in diesem Zusammenhang für eine Rolle? Ich will doch nur, dass Sie ihn im Auge behalten.«

Verlangen faltete die Hände vor sich auf dem Schreibtisch und machte eine kurze Pause.

»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, Frau Hennan«, sagte er dann mit einem, wie er hoffte, rauen und männlichen Ton, »… darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich den Auftrag noch nicht angenommen habe. Sie möchten, dass ich Ihren Mann beschatte, aber wenn ich es tue, dann muss ich wissen, worauf ich mich einlasse… Ich bin es nicht gewohnt, die Katze im Sack zu kaufen. Wer das tut, wird in dieser Branche nicht alt.«

Sie runzelte die Stirn. Offensichtlich war ihr die Möglichkeit, er könnte ablehnen, gar nicht in den Sinn gekommen.

»Ich verstehe«, sagte sie. »Entschuldigen Sie. Aber Sie sind doch dennoch einer gewissen… Diskretion verpflichtet, oder?«

»Aber natürlich. In den angemessenen Grenzen. Aber ohne gewisse Informationen habe ich einfach nicht die Möglichkeit, den Auftrag in zufrieden stellender Art und Weise auszuführen. Ich muss etwas über die Gewohnheiten Ihres Mannes wissen. Wie sein Arbeitstag aussieht. An welchen Orten er sich aufhält, welche Menschen er zu treffen pflegt. Und so weiter. Am liebsten würde ich natürlich erfahren, was dahinter steckt… warum Sie möchten, dass er überwacht wird, aber ich akzeptiere es, dass Sie mir diese Informationen nicht geben möchten.«

Sie machte eine leichte Kopfbewegung von rechts nach links und betrachtete erneut den Piranesi-Druck einige Sekunden lang.

»Nun ja, ich respektiere natürlich Ihren Berufscodex. Was seine Gewohnheiten angeht, so sind sie nicht besonders ausgefallen. Wir wohnen, wie gesagt, in diesem Haus am Rande von Linden. Er hat sein Büro im Zentrum, wo er jeden Tag sechs, sieben Stunden verbringt. Manchmal essen wir mittags zusammen, wenn ich etwas in der Stadt zu tun habe. Ich bereite gewöhnlich das Abendessen für sieben Uhr vor, aber ab und zu isst er auch mit einem Geschäftspartner… unser Bekanntenkreis ist ziemlich begrenzt, wir wohnen ja erst seit ein paar Monaten hier. Ja, das ist im Großen und Ganzen alles. Die Wochenenden sehen natürlich ganz anders aus, da sind wir meistens die ganze Zeit zusammen, da brauche ich Ihre Hilfe nicht.«

Verlangen hatte sich eifrig Notizen gemacht, während sie redete. Jetzt kratzte er sich im Nacken und schaute auf.

»Was für Bekannten haben Sie?«

Sie fischte eine neue Zigarette heraus.

»Eigentlich gar keine. Mein Mann trifft natürlich durch seine Arbeit so einige Leute, aber ich für meinen Teil habe eigentlich nur die Trottas, an die ich mich wenden kann, wenn etwas sein sollte… das sind unsere direkten Nachbarn, ehrlich gesagt, ziemliche Langweiler, aber jedenfalls haben wir uns schon gegenseitig zum Essen eingeladen. Er ist Pilot, sie ist zu Hause. Außerdem haben sie noch zwei ungezogene Kinder.«

»Im Trotzalter?«

»Ja.«

Verlangen machte sich Notizen.

»Ein Foto?«, fragte er. »Ich brauche ein Foto von Ihrem Mann.«

Sie holte einen weißen Umschlag aus der Handtasche und reichte ihm den. Er nahm zwei Fotos heraus, beide im Format zehn mal fünfzehn Zentimeter.

Jaan G. Hennan betrachtete ihn mit ernstem Blick.

Zehn Jahre älter, aber der gleiche Jaan G., da gab es keinen Zweifel. Die Fotos schienen ziemlich neu zu sein, nach allem zu urteilen, stammten beide vom selben Film, und beide waren im Seitenprofil aufgenommen. Das eine von rechts, das andere von links. Die gleichen intensiv bohrenden Augen. Die gleichen strammen Lippen und die gleiche kräftige Wangenpartie. Das selbe, kurz geschnittene dunkle Haar. Er schob die Fotos zurück in den Umschlag.

»All right«, sagte er. »Ich mache es. Unter der Voraussetzung, dass wir uns bezüglich der Details einig werden.«

»Welcher Details?«

»Der Zeit. Der Art der Durchführung. Des Honorars.«

Sie nickte.

»Nur ein paar Tage, wie gesagt. Auf jeden Fall nicht länger als zwei Wochen. Wenn Sie morgen anfangen könnten, wäre ich Ihnen dankbar… Was meinen Sie mit der Art der Durchführung?«

»Vierundzwanzig Stunden am Tag oder nur zwölf? Der Grad der Diskretion und der Intensität… ja, was ich schon erwähnt habe.«

Sie zog an der Zigarette und blies den Rauch in einem schmalen, langen Strang aus. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, dass sie normalerweise gar nicht rauchte. Dass sie sich nur ein Päckchen Gauloises gekauft hatte, um Eindruck zu schinden. Was für ein Eindruck das auch immer sein mochte.

»Wenn er nicht zu Hause ist«, entschied sie. »Das genügt. Sie beobachten ihn von dem Moment an, wenn er morgens losgeht, bis zu dem Zeitpunkt, wenn er nach Hause kommt…«

»Und er soll mich nicht entdecken.«

Es entstand eine weitere kurze Pause, und er notierte sich, dass sie sich in diesem Punkt noch nicht voll und ganz entschieden hatte.

»Nein«, sagte sie. »Achten Sie darauf, dass er Sie nicht sieht. Wenn ich meine Meinung ändere, dann werde ich Sie das wissen lassen. Wie viel muss ich zahlen?«

Er schien nachzudenken und kritzelte ein paar Ziffern auf den Block.

»Dreihundert Gulden pro Tag plus Unkosten.«

Das schien sie nicht zu überraschen.

»Vorschuss für drei Tage. Es kann sein, dass ich gezwungen bin, mir ein Zimmer in Linden zu nehmen… Wie möchten Sie den Bericht haben?«

»Einmal am Tag«, sagte sie, ohne zu zögern. »Es wäre mir lieb, wenn Sie mich jeweils irgendwann vormittags anrufen. Dann bin ich immer zu Hause. Wenn ich denke, dass es notwendig ist, können wir uns treffen, aber ich hoffe, das wird erst einmal nicht der Fall sein.«

Verlangen hatte ein weiteres »Warum?« auf der Zunge, aber es gelang ihm, es hinunterzuschlucken.

»Gut«, sagte er stattdessen und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Dann gehe ich davon aus, dass wir uns einig sind. Darf ich Sie noch um Ihre Adresse und Telefonnummer bitten, dann werde ich morgen früh anfangen… und um meinen Vorschuss natürlich.«

Sie zog eine dunkelrote Brieftasche heraus und holte zwei Fünfhundertguldenscheine hervor. Und eine Visitenkarte.

»Tausend«, erklärte sie. »Sagen wir erst einmal bis auf weiteres tausend.«

Er nahm das Geld und die Karte entgegen. Sie stand auf und streckte ihm über den Tisch hinweg die Hand entgegen.

»Danke, Herr Verlangen. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie die Sache übernehmen. Das wird… das wird mein Leben leichter machen.«

Wirklich?, dachte er und ergriff ihre Hand. Und wie? Sie schaute ihm für einen langen Bruchteil einer Sekunde direkt in die Augen, und er überlegte wieder, was für ein Gefühl das wohl wäre, einen anderen Teil ihres Körpers anzufassen als nur die feste und angenehm kühle Handfläche.

»Ich werde mein Bestes tun«, versprach er.

Sie verzog kurz den Mund. Kehrte auf dem Absatz um und verließ ihn.

Er blieb stehen und lauschte ihren verhallenden Schritten die Treppe hinauf. Erwartete fast, dass eine Art schwarzer Vorhang fallen würde.

Dann öffnete er den Kühlschrank und nahm sich ein Bier.

2

In dem Moment, als er die Tür zu seiner engbrüstigen Wohnung in der Heerbanerstraat öffnete, fiel ihm ein, dass die Staubsaugertüten noch in der Schreibtischschublade im Büro lagen.

Andererseits stand keine einzige der Bierdosen mehr im Kühlschrank, sozusagen als ausgleichende Gerechtigkeit.

Seine Putzwut musste sich jedenfalls noch etwas gedulden, aber auf einen Tag mehr oder weniger kam es natürlich auch nicht an. Der Geruch nach altem, muffigem Schmutz und etwas Verrottetem, was wahrscheinlich der Schimmel unter der Badewanne war, schlug ihm wie eine Art Willkommensgruß entgegen. Man soll das Gewohnte nicht verachten und einfach über Bord schmeißen, dachte er. Und auch Staub hat was für sich… wie schon gesagt.

Unter dem Briefschlitz lagen ein Stapel Werbebroschüren und zwei Rechnungen. Er hob alles zusammen auf und warf es auf den Korbsessel, wo schon mehr von der gleichen Sorte lag. My home is my castle, dachte er und öffnete die Balkontür. Wandte sich wieder der Trübsal drinnen zu. Betrachtete eine Weile das ungemachte Bett, das schmutzige Geschirr und das allgemeine Durcheinander. Schaltete die Stereoanlage aus, die schon mindestens seit einem Tag an gewesen sein musste. Dachte daran, dass der rechte Lautsprecher kaputt war und dass er etwas daran ändern musste.

Ging ins Badezimmer. Warf einen Blick in den schmierigen Spiegel und stellte fest, dass er zehn Jahre älter aussah als am Morgen.

Warum interessiert es mich überhaupt, weiterzuleben?, wunderte er sich, nachdem er sich in die Dusche gestellt und das Wasser aufgedreht hatte.

Und warum stelle ich mir selbst tagein, tagaus immer die gleichen optimistischen Fragen?

Eine Stunde später war es acht Uhr geworden, und er hatte den gesammelten Abwasch von drei Tagen bewältigt. Er ließ sich vor dem Fernseher nieder und schaute sich zehn Minuten lang eine Nachrichtensendung an. Ein Polizistenmord in Groenstadt und ein Ministertreffen in Berlin wegen der Währungsschwankungen. Ein verrückter Schwan, der eine Massenkarambolage auf der Autobahn außerhalb von Saaren verursacht hatte. Er schaltete ab und rief seine Tochter an.

Sie war nicht zu Hause, deshalb musste er stattdessen mit dem neuen Freund seiner früheren Ehefrau ein paar Sätze wechseln. Dazu brauchte er eine halbe Minute, und hinterher konnte er sich auf die Schulter klopfen, dass er kein einziges Mal geflucht hatte. Das war doch schon mal was.

Im Kühlschrank gab es noch vier Bier und eine Flasche Mineralwasser. Er machte sich ein Brot mit Salami, Käse und Gurke – aber ohne Butter, weil er vergessen hatte, welche einzukaufen – und entschied sich nach einem inneren Kampf für das Wasser. Setzte sich wieder auf das Wohnzimmersofa und holte den Collegeblock mit den Aufzeichnungen hervor.

Barbara Hennan. Die schöne Amerikanerin.

Geborene Delgado, aber jetzt also Hennan.

Nachdem sie den Stinkstiefel Jaan G. Hennan geheiratet hatte.

Aus irgendeinem verfluchten Grund.

G., dachte er. Warum ausgerechnet G.?

Und warum sollte er, Maarten Baudewijn Verlangen, in Herrgotts Namen seine so knapp bemessene Zeit mit etwas so unglaublich Simplem vergeuden, wie Jaan G. Hennan zu beschatten?

Dem er vor… er überschlug es kurz im Kopf, ja, es war jetzt tatsächlich fast auf den Tag genau zwölf Jahre her, – mehr oder minder eigenhändig – dazu verholfen hatte, hinter Schloss und Riegel zu kommen. Ende Mai 1975. Als er noch als anständiger Polizist in der Truppe gearbeitet hatte.

Als er noch einen ordentlichen Job, eine Familie und ein gewisses Recht gehabt hatte, sich selbst im Spiegel anzusehen, ohne den Blick abwenden zu müssen.

Als er noch eine Zukunft gehabt hatte.

Anfang der Achtziger war es dann bergab gegangen. 1981– 82. Der Hauskauf draußen in Dikken. Streitereien mit Martha. Ihr Liebesleben, aus dem die Luft entwich… wie aus einem benutzten Kondom.

Die Bestechungsgelder. Die plötzlich sich bietende Chance, ein bisschen nebenher zu verdienen, indem er einfach nicht so genau hinsah. Übrigens nicht gerade nur ein bisschen. Ohne diese Zusatzeinkünfte hätten sie nie die Zinsen und Abzahlungsraten für das Haus bezahlen können; das hatte er Martha hinterher zu erklären versucht, nachdem alles aufgeflogen war, nach dem großen Knall, aber sie hatte nur wortlos den Kopf geschüttelt und geschnaubt.

Und diese Dame da?, hatte sie wissen wollen. Inwieweit sei es denn für ihre Ehe wichtig gewesen, dass er die Nächte mit ihr verbrachte? Ob er die Güte haben könnte, ihr das auch zu erklären? Das konnte er nicht.

Fünf Jahre, dachte er. Seit dem Absturz sind fünf Jahre vergangen, und ich lebe immer noch.

Mittlerweile gab es Momente, in denen ihn das nicht einmal mehr verwunderte.

Er kippte den Rest des Wassers in sich hinein und holte sich ein Bier. Zog um in den Sessel mit der Leselampe und lehnte sich zurück.

Barbara Hennan, dachte er und schloss die Augen.

Verdammt noch mal, wieso konnte eine so schöne Frau mit so einem Arschloch wie G. zusammen sein?

Sicher, das war ein Rätsel, aber kein neues. Was die Urteilskraft der Frauen in Bezug auf Männer anging, so war ihnen die sehr früh im Laufe der Weltgeschichte abhanden gekommen. Sie verirrten sich zwischen aufgeplusterten Pfauen und allen möglichen Äußerlichkeiten. Er nahm die Fotos heraus und betrachtete sie eine Weile voller Verachtung.

Warum?, überlegte er. Warum will sie ihn beschatten lassen?

Gab es mehr als eine Antwort darauf? Mehr als eine Möglichkeit?

Er nahm es nicht an. Es war natürlich immer das gleiche Lied. Der untreue Ehemann und die eifersüchtige Ehefrau. Die einen Beweis haben will. Für seine Untreue, schwarz auf weiß.

Maarten Verlangen war inzwischen seit vier Jahren im Geschäft, und wenn er es einmal schätzen sollte, dann waren zwei Drittel seiner Aufträge von dieser Art.

Natürlich nur, wenn man seine Dienste für die Versicherung nicht mit berechnete, aber diese Aufgaben fielen eigentlich nicht unter seine Tätigkeiten als Privatschnüffler. Das war etwas anderes: F/B Trustor benötigten eine Art Detektiv, der verdächtige Unregelmäßigkeiten mit etwas unorthodoxen Methoden überprüfen konnte, und was eignete sich dazu besser als ein Polizist, der gefeuert worden war? Oder, genauer gesagt, der sich lieber dafür entschieden hatte, den Dienst zu quittieren, als öffentlich gehängt zu werden. Gentlemen’s Agreement. An eine feste Stelle war gar nicht zu denken gewesen, aber so langsam war mit der Zeit ein Auftrag zum anderen gekommen – meistens mit einem für die Gesellschaft erfreulichen Ergebnis –, und die Zusammenarbeit wurde fortgeführt. Wenn Verlangen seine spärlichen Einkünfte zusammenrechnete, konnte er feststellen, dass es ungefähr fifty-fifty war. Die Hälfte von der Versicherungsgesellschaft, die Hälfte aus anderen Privataufträgen.

Er zündete sich eine Zigarette an, wahrscheinlich die vierzigste des Tages, und versuchte sich wieder das Bild der amerikanischen Frau ins Gedächtnis zu rufen. Frau Barbara Hennan. Siebenunddreißig, achtunddreißig? Älter konnte sie nicht sein. Also mindestens zehn Jahre jünger als ihr Ehemann.

Und zehn Mal attraktiver. Nein, nicht zehn Mal. Zehntausend Mal. Wieso wurde jemand untreu, wenn er eine Frau wie Barbara hatte? Unbegreiflich.

Er rauchte und dachte nach. War es wirklich so selbstverständlich, dass es das alte, übliche Motiv war? War Barbara Hennan, geb. Delgado, zu ihm gekommen, weil sie glaubte, ihr Mann könnte mit einer anderen Frau zusammen sein? Nach wenigen Monaten in dem neuen Land?

Oder handelte es sich hier um etwas anderes? Und wenn ja, um was?

Er hätte sie am liebsten geradewegs danach gefragt – hatte es im Laufe des Gesprächs ein paar Mal auf der Zunge gehabt, und normalerweise pflegte er in dieser Beziehung nicht um den heißen Brei herumzureden – aber irgendetwas hatte ihn zurückgehalten.

Vielleicht nur der Wunsch, sie nicht zu beleidigen. Vielleicht gab es aber auch noch andere Gründe.

Welche genau, darüber war er sich selbst nicht im Klaren. Jedenfalls nicht, als sie ihm auf der anderen Seite des Schreibtischs gegenüber saß, und auch jetzt nicht, während er hier in seiner staubigen Bude saß und sich zu erinnern und eine Strategie zu entwickeln versuchte.

Strategie?, dachte er. Blödsinn. Ich brauche ja wohl keine Strategie. Ich fahre einfach morgen früh hin. Bleibe den ganzen Tag vor seinem Büro im Auto sitzen und glotze vor mich hin. Werde mich zu Tode rauchen. So, wie ich gealtert bin, wird er mich unter keinen Umständen wiedererkennen.

Einfacher Job. Klassisch, wie gesagt. Wenn es ein Film wäre, würde das Haus irgendwann so gegen halb fünf Uhr explodieren.

Er trank sein Bier aus und überlegte, ob er sich noch eins genehmigen sollte, bevor er ins Bett ging. Im Laufe des Tages hatte er insgesamt acht konsumiert. Das war hart an der Grenze – die bei zehn verlief –, aber warum sich nicht ausnahmsweise einmal den Luxus eines guten Gewissens gönnen?

Noch zwei gut? Irgendwo in ihm gab es natürlich eine Stimme, die zaghaft flüsterte, dass der Deal mit den zehn erlaubten Bieren am Tag wahrlich zu diskutieren wäre. Aber was soll’s, dachte er, alles ist relativ außer dem Tod und der Wut einer dicken Frau. So what?

Letzteres hatte er irgendwo gehört. Wahrscheinlich vor ziemlich langer Zeit, zu einem Zeitpunkt, als er sich noch an Dinge, die in Büchern standen, erinnern konnte.

Er rülpste und drückte die letzte Zigarette des Tages aus. Verrichtete seine Abendtoilette in gut einer Minute und krabbelte in sein ungemachtes Bett. Das Kopfkissen roch vage unsauber, nach alter, kranker Kopfhaut, schmutzigem Kummer oder Ähnlichem. Es nützte nichts, wenn er es umdrehte.

Er stellte die Uhr auf sieben und löschte das Licht.

Linden?, überlegte er. Wenn ich ein Zimmer im Hotel nehme, brauche ich zumindest ein paar Nächte lang nicht in schmutziger Wäsche zu schlafen.

Fünf Minuten später schnarchte Maarten Baudewijn Verlangen mit offenem Mund.

3

Belle rief genau in dem Moment an, als er aus der Dusche kam. Wie üblich genügte schon der Klang ihrer Stimme, um etwas in seiner Brust zu entfachen. Ein Irrlicht von Vaterstolz.

Ansonsten gab ihre Botschaft nicht viel Grund zur Fröhlichkeit. Sie hatten vage verabredet, sich am Wochenende zu treffen. Einen Tag zusammen zu verbringen. Oder zwei. Er hatte sich darauf gefreut – auf diese düster zurückhaltende Art, auf die er sich immer noch traute, sich auf Dinge und Ereignisse zu freuen –, aber jetzt war stattdessen ein Bootsausflug zu den Inseln aufgetaucht. Ob es ihm etwas ausmachte…?

Es machte ihm nichts aus. Wer war er denn, der das seiner siebzehnjährigen Tochter nicht gönnen würde, die er mehr als alles auf der Welt liebte, eine Bootstour mit Gleichaltrigen – statt mit einem verfetteten, vorzeitig ergrauten, leicht alkoholisierten Vater herumzulatschen? Gott bewahre.

Sicher?, wollte sie wissen. Du bist nicht traurig? Vielleicht können wir es nächstes Wochenende nachholen?

Ja, ganz sicher, versicherte er ihr. Natürlich, genau betrachtet passte ihm das nächste Wochenende sogar besser. Er hatte im Augenblick ziemlich viel zu tun.

Vielleicht glaubte sie ihm sogar, sie war trotz allem noch nicht so alt.

Sie schickte ihm ein Küsschen durch die Leitung und legte auf. Er schluckte einen Kloß hinunter und zwinkerte die Feuchtigkeit fort. Ging nach unten zum Kiosk und kaufte die Allgemejne. Iss dein Frühstück und lies die Neuigkeiten, du verdammtes Weichei!, dachte er.

Und das tat er dann auch.

Ein paar Minuten nach neun war er am Aldemarckt in Linden, und eine Viertelstunde später hatte er den Kammerweg gefunden. Er parkte schräg gegenüber der Villa Zephir, kurbelte das Seitenfenster hinunter und stellte sich darauf ein, warten zu müssen.

Linden war an und für sich kaum mehr als ein Dorf. Zwanzig-, dreißigtausend Einwohner schätzungsweise. Ein wenig Kleinindustrie. Eine ziemlich bekannte Brauerei, eine Kirche aus dem frühen 12. Jahrhundert – und eine Bebauung, die hauptsächlich nach dem Krieg entstanden war und sich aus Einzelhäusern und kleineren Mietblöcken zusammensetzte. Keine zu große Entfernung für Pendler von und nach Maardam. Er erinnerte sich daran, dass er einmal irgendwann in seiner Jugend ein Mädchen aus Linden kennen gelernt hatte; sie war kühl und schön gewesen, und er hatte sich nie getraut, sie zu küssen. Sie hieß Margarita, er überlegte, was wohl aus ihr geworden war.

Ansonsten gab es nicht viel. Das träge dahinfließende Flüsschen Megel – auch das hübsch und wahrscheinlich ziemlich kühl und, soweit er sich erinnern konnte, ein Nebenfluss der Maar – schlängelte sich gemächlich durch den Ort und weiter durch die Hügellandschaft nach Nordwesten hin. Südlich des Wasserwegs verlief ein Bergrücken, und auf diesem lag der Kammerweg. Gut und gern vier Kilometer vom Lindener Zentrum mit Rathaus, Polizeistation, Markt und all diesen zivilisatorischen Erfindungen und Bequemlichkeiten entfernt. Und einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert, wie gesagt.

Und einer Brauerei, er registrierte, wie er langsam durstig wurde.

Verlangen seufzte. Setzte sich die dunkle Sonnenbrille auf, obwohl es der Sonne bis jetzt noch nicht gelungen war, durch die grauweiße Wolkendecke zu brechen, und zündete sich eine Zigarette an. Spähte zum Haus hinüber, das mit Mühe und Not zwischen Baumreihen und dicht stehenden blühenden Büschen zu erahnen war, die sicher zur Straße hin gepflanzt worden waren, um den Einblick zu verhindern. Er versuchte den Marktwert zu schätzen.

Nicht unter einer Million, zu dem Schluss kam er. Vermutlich nicht unter eineinhalb. Aber sie hatten es ja nur gemietet, wenn er Frau Hennan richtig verstanden hatte.

Die Lage schien in vielerlei Hinsicht ideal zu sein. Ein großes Grundstück und eine Art Wald oder verwachsener Park auf der einen Seite. Ein mindestens genauso großes Grundstück auf der anderen, mit einer Hütte, die auch halb im Grünen begraben war. Er nahm an, dass hier die Trottas wohnten, die Pilotenfamilie mit den ungezogenen Töchtern, aber beschwören wollte er das natürlich nicht.

Auf der anderen Straßenseite, dort, wo er parkte, gab es gar keine Bebauung, nur einen schroff nach unten verlaufenden Abhang, der auf einen asphaltierten Radweg führte, der wiederum neben einem Bach zur Stadt hin verlief.

Ziemlich splendid isolation, stellte Verlangen mit einem automatischen Stich von Neid fest. Das Hennansche Haus selbst, das er da hinten kaum sehen konnte, war blassblau, nicht die schönste Variante an Hausfarben, die es gab, aber wen kümmerte das? Seine eigenen fünfundvierzig Quadratmeter enthielten mehr verdammte Nuancen, als Kandinsky es sich hätte erträumen können. Und außerdem ragte ein richtiggehend klinisch weißer Sprungturm ganz rechts auf dem Grundstück auf… ja, soweit er es beurteilen konnte, handelte es sich tatsächlich um einen Sprungturm.

Also auch ein Pool. Und warum nicht ein Tennisplatz und ein reichlich bemessener Wintergarten auf der Rückseite? Er überlegte eine Weile, wie kompliziert es wohl sein würde, den ganzen Mist niederzubrennen – gern mit G. in den Flammen, während der Privatschnüffler selbst heldenmutig dessen junge Ehefrau daraus errettete und auf behänden Beinen mit ihr über der Schulter ins Freie sprang –, wurde aber gezwungen, die Spekulationen abzubrechen, als ein glänzend blauer Saab langsam zwischen den schwarzen Granitpfeilern herausrollte, die die Einfahrt zum Haus markierten. Wie zwei starre, aber ordentlich uniformierte und etwas überheblich erscheinende Lakaien standen sie dort und drückten ihre stumme Verachtung gegenüber allen nicht willkommenen Besuchern aus.

Es saß nur ein Mann hinter dem Steuer, und Verlangen hegte keinerlei Zweifel daran, dass es sich dabei um Jaan G. Hennan höchstpersönlich handelte – obwohl er nur ein sehr getrübtes Bild von ihm bekam.

Wer sollte es auch sonst sein? Man durfte ja wohl voraussetzen, dass Barbara Hennan ihm zumindest die richtige Adresse genannt hatte.

Er ließ dem Saab fünfzig Meter Vorsprung, dann startete er seinen guten alten Toyota und nahm die Verfolgung auf.

Klassisch, dachte er mit hartnäckiger Monotonie.

Hennan parkte auf einem der schmalen Grundstücke hinter der Kirche und ging die hundert Meter zum Marktplatz zu Fuß. Er verschwand durch das Tor eines Geschäfts- und Bürokomplexes in traditionellem, beigefarbenem Fünfzigerjahreschnitt mit drei Stockwerken. Verlangen gelang es, den Toyota in eine enge Parklücke auf der anderen Straßenseite zu manövrieren. Er stellte den Motor ab, zündete sich eine neue Zigarette an und kurbelte wieder die Scheibe hinunter.

Er hielt seine Aufmerksamkeit auf die Reihen leerer, geschlechtsloser Fenster über den Geschäften im Erdgeschoss gerichtet. Ein Schuhgeschäft. Ein Beerdigungsinstitut. Eine Schlachterei.

Nach knapp zwei Minuten wurde eines der Fenster über dem Beerdigungsinstitut geöffnet. Jaan G. Hennan beugte sich hinaus und kippte eine halbe Tasse Kaffee auf den Bürgersteig. Anschließend schloss er das Fenster.

Typisch, dachte Verlangen. Ein geborener Stinkstiefel bleibt sein Leben lang ein Stinkstiefel. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, nachzusehen, ob er jemanden erwischen könnte.

Verlangen kurbelte die Rückenlehne zurück, damit er bequemer sitzen konnte. Er holte den Sportteil der Allgemejne hervor und schaute auf die Uhr. Es war Viertel vor zehn.

Nun denn, dachte er. Da ist man also wieder mal bei der Arbeit.

Als er sogar die Todesanzeigen zum zweiten Mal gelesen und an die zehn Zigaretten geraucht hatte, begann Verlangen seinen Vorsatz eines nüchternen Tages zu bereuen.

Es war zwanzig nach elf, und er veränderte ihn schnell in einen nüchternen Vormittag. Ein paar Biere beim Mittagessen – wenn es denn überhaupt ein Mittagessen geben würde – durfte er sich doch wohl nach diesen blaugrauen Beschattungsstunden gönnen. Monoton wie Meditationsübungen in einem buddhistischen Kloster. Verlangen hatte einen guten Freund, der vor ein paar Jahren auf diesem Weg verschwunden war. Nach Tibet oder Nepal oder zum Teufel wohin.

Hennan war auch ziemlich unsichtbar. Er zeigte sich ein einziges Mal am Fenster, das war alles. Stand bewegungslos ein paar Sekunden da und starrte auf die Wolkendecke, als dächte er über irgendetwas nach. Oder als bekäme er soeben eine leichtere Hirnblutung. Anschließend hatte er sich umgedreht und war aus Verlangens Horizont verschwunden.

Das Objekt. Das Bewachungsobjekt. Der Grund, warum Verlangen hier in seinem abgehalfterten japanischen Reistopf saß, um für sein verpfuschtes Leben dreihundert Gulden am Tag zu verdienen. Carpe diem, oh Scheiße.

Seine Gedanken wanderten zurück zu Hennan. Zu den wenigen Eindrücken, die er während der Voruntersuchung gegen ihn vor zwölf Jahren hatte gewinnen können.

Der Prozess selbst war ziemlich schmerzfrei verlaufen. Die Beweise gegen Jaan G. Hennan waren, nachdem man ein paar Handlanger dazu gebracht hatte, den Mund aufzumachen, überwältigend gewesen. Er hatte bereits seit ein paar Jahren Cannabis, Heroin und Amphetamine via Kurier ge- und verkauft, hatte ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut und wahrscheinlich gut und gerne die eine oder andere Million eingesackt. Was vor allem der Tatsache zu verdanken war, dass er offenbar selbst nie irgendeiner Sucht zum Opfer gefallen war.

Mit anderen Worten: keine besonders interessante Geschichte, aber es war vor allem der hartnäckigen Lauferei und Kleinarbeit von Verlangen und seinem Kollegen Müller zu verdanken, dass er ihnen ins Netz gegangen war. Woraufhin G. bekam, was er verdiente – zwei Jahre und sechs Monate –, und die Gewissheit, dass die beiden, er und Verlangen, vermutlich nie wieder einander schätzen oder die jeweiligen Geburtstage und Jubiläen zusammen feiern würden. Nicht einmal, wenn sie fünfhundert Jahre alt werden sollten.

Er erinnerte sich an Hennans eiskalte, fast persönliche Verachtung beim Verhör. Seine unerschütterliche Weigerung, irgendeine Art von moralischem Aspekt in Bezug auf sein schmutziges Handwerk anzuerkennen. Es gab keinen moralischen Bereich bei G., wie Müller einmal angemerkt hatte, und da war etwas dran. Seine Selbstsicherheit – und die Rachlust, die ab und zu tief in seinem schwarzen, leicht schielenden Blick aufblitzte – war von einer Art, die man nicht einfach beiseite schob.

Und seine Kommentare. Wie aus einem vergessenen B-Movie aus den Vierzigern:

»Eines Tages komme ich zurück. Und dann nehmt euch in Acht, ihr Würmer!«

Oder: »Glaubt ja nicht, dass ich euch vergessen werde. Ihr denkt, ihr hättet gewonnen, aber das ist nur der Anfang eurer Niederlage. Glaubt mir, ihr Wichser, haut lieber ab und lasst mich in Ruhe!«

Selbstsicher? Ja, das konnte man wohl sagen. Wenn Verlangen zurückdachte, konnte er sich nicht daran erinnern – zumindest nicht so auf die Schnelle –, jemals einem stureren und egozentrischeren Menschen begegnet zu sein, solange er im Polizeidienst tätig war. In all den vierzehn Jahren. Denn dieser Jaan G. Hennan, der hatte etwas Bedrohliches an sich, nicht wahr? Eine Art langsam aufkochender Hass, den man nicht so ohne weiteres abschüttelte. Die unterschwellige Ankündigung von Repressalien und Vergeltungsmaßnahmen – natürlich waren Drohungen der einen oder anderen Art Alltag in dieser Branche, aber in Hennans Fall hatten sie sich ungewöhnlich selbstbewusst und entschlossen angehört. Geradezu eine Form des Bösen. Wenn Hennan eine Krankheit und kein Mensch gewesen wäre, dachte Verlangen, dann würde er ein Krebsgeschwür sein. Da gab es gar keinen Zweifel.

Ein bösartiges, verdammtes Geschwür mitten im Stirnlappen.

Er schüttelte den Kopf und setzte sich auf. Spürte, dass ihm langsam das Kreuz wehtat, und entschied sich für einen kurzen Spaziergang. Nur eine kleine Runde hinunter zum Markt und zurück, das waren nicht mehr als fünfzig Meter, die konnte er zurücklegen, ohne sein Objekt direkt aus den Augen zu verlieren.

Und wenn Hennan wirklich daran interessiert sein sollte, ihn abzuschütteln, dann wäre das natürlich die einfachste Sache der Welt. Er brauchte sich nur auf die Rückseite des Gebäudes zu begeben und zu verschwinden. Kein Problem.

Aber warum sollte er das tun? Er wusste ja nicht, dass er beschattet wurde.

Und sein Schatten hatte keine Ahnung, warum er ihn beobachtete.

Mein Gott, dachte Maarten Verlangen und schlug die Autotür zu. Gib mir zwei Gründe, warum ich auf dieser Welt nüchtern bleiben soll.

Um halb eins trat Jaan G. Hennan ins Freie und ging zum Mittagessen. Verlangen verließ erneut sein Auto und folgte ihm über den Markt bis zu einer Gaststätte namens Cava del Popolo. Hennan setzte sich an einen Tisch am Fenster, Verlangen in eine Nische weiter hinten im Lokal. Es waren nicht viele Leute dort, obwohl es die Zeit der Mittagspause war; der Schatten hatte freien Blick auf sein Objekt und bestellte optimistisch zwei Bier sowie das Pastagericht des Tages.

Hennan saß vierzig Minuten dort, und es geschah nichts, außer dass er Zeitung las, eine Art Fischsuppe aß und eine kleine Flasche Weißwein trank. Verlangen seinerseits schaffte es ebenfalls bis zu Kaffee und Cognac, und mit der frommen Hoffnung, eine oder eineinhalb Stunden Mittagsschlaf zu bekommen, kehrte er zum Auto zurück.

Und das klappte auch. Er erwachte gegen halb drei davon, dass die Sonne durch die Wolkendecke gebrochen und durch seine schmutzige Windschutzscheibe gedrungen war. Es war heiß wie in einem Backofen, und er registrierte, dass der Alkoholkonsum langsam Nägel in seinen Kopf schlug. Er überprüfte, ob Hennans dunkelblauer Saab noch da stand, stieg aus und kaufte sich ein Bier und eine Selters unten am Kiosk vor dem Rathaus.

Nachdem er beides ausgetrunken hatte, zeigte die Uhr zehn Minuten nach drei. Die Sonne hatte den Nachmittag erobert, und die Kleidung klebte ihm am Leib. Hennan hatte sich erneut in seinem Fensterviereck gezeigt, mit einem Telefonhörer am Ohr, und eine Parkwächterin war gekommen und hatte sich unverrichteter Dinge wieder davongemacht. Das war alles.

Verlangen zog die Socken aus und stopfte sie ins Handschuhfach. Das Leben fühlte sich ein wenig leichter an, aber nicht sehr viel. Er zündete die fünfundzwanzigste Zigarette des Tages an und überlegte, ob er etwas unternehmen sollte.

Nach Nummer sechsundzwanzig war das Haus immer noch nicht explodiert, und es war nicht kühler geworden. Verlangen ging zu der Telefonzelle vor der Schlachterei und rief seine Auftraggeberin an. Nach eineinhalb Klingeltönen hob sie ab.

»Schön«, sagte sie. »Schön, dass Sie anrufen. Wie läuft es?«

»Ausgezeichnet«, sagte Verlangen. »Wie geschmiert. Ich habe nur gedacht, dass es keinen Sinn hätte, schon heute Vormittag anzurufen. Er ist im Büro, Ihr Mann. Er hat da nahezu den ganzen Tag zugebracht.«

»Ich weiß«, erklärte Barbara Hennan. »Ich habe gerade mit ihm telefoniert. Er kommt in einer Stunde nach Hause.«

»Das wissen Sie?«, fragte Verlangen.

»Ja, er hat das behauptet.«

Ach so?, dachte Verlangen. Und warum zum Teufel willst du dann, dass ich hier noch herumsitze und mir den Arsch wund scheure?

»Ich denke, Sie können für heute Schluss machen«, fuhr Frau Hennan fort. »Wir werden den ganzen Abend zusammen sein, es genügt, wenn Sie Ihre Arbeit morgen Nachmittag wieder aufnehmen.«

»Morgen Nachmittag?«

»Ja. Wenn Sie morgen nach der Mittagspause an Ort und Stelle sind und beobachten, was er dann vorhat und wo er den Nachmittag und Abend verbringt… in erster Linie den Abend… ja, das wäre von großer Bedeutung für mich, wenn Sie ihn dann nicht aus den Augen verlieren würden.«

Verlangen überlegte zwei Sekunden lang.

»Ich verstehe«, sagte er. »Ihr Wunsch ist mir Befehl. Dann bekommen Sie übermorgen den nächsten Bericht, ist das in Ordnung?«

»Ausgezeichnet«, sagte Barbara Hennan und legte den Hörer auf.

Er blieb einen Augenblick in der stickigen Telefonzelle stehen, bemerkte dann aber, dass sich die beerdigungsgraue Uniform des weiblichen Parkwächters näherte, und eilte zu seinem Auto.

Leben, wo ist dein Stachel?, dachte er, startete und fuhr davon.

Obwohl er mehr Zeit hatte, als gut für ihn war, entschied sich Verlangen, nicht nach Hause nach Maardam zu fahren. Die Saubere-Laken-Alternative erschien ihm doch zu verlockend, und um Viertel vor fünf nahm er sich ein Zimmer im Belvedere, einem einfachen, aber sauberen Hotel in der Lofterstraat, in dem Viertel hinter dem Rathaus.

Zwischen sieben und acht aß er unten in dem sepiabraunen Speiseraum zusammen mit einem Schwimmclub aus Warschau. Irgendeine Art von Ragout, das ihn vage an seine frühere Schwiegermutter erinnerte. Nicht an sie selbst als Person, sondern eher an die Sonntagsessen, die sie zuzubereiten pflegte, und das war eine Erinnerung, auf die er gern verzichtet hätte. Er kaufte sich zwei dunkle Bier, nahm sie mit auf sein Zimmer, schaffte es, den immer dringlicheren Wunsch, seine Tochter anzurufen, zu bezwingen, und schlief mitten in einer amerikanischen Krimiserie irgendwann zwischen elf und halb zwölf Uhr ein.

Die Laken waren kühl und frisch gemangelt, und auch wenn der Tag letztendlich doch nicht so trocken abgelaufen war, wie es ihm vorgeschwebt hatte, gab es immerhin noch eine Spanne bis zur zehn.

Eine reichliche Spanne.

4

Die Kneipe hieß Colombine, und nach zwei Schluck Bier sah sie aus wie alle Kneipen auf der Welt.

Endlich war es Abend geworden. Die alte Maasleitneruhr, die über den Whiskyflaschen hinter der Bar hing, zeigte fünf nach halb acht – an diesem absolut wolkenfreien Donnerstag hatte Hennan bis sieben im Büro herumgetrödelt. Aus irgendeinem verfluchten Grund. Verlangen war es schon seit vier Uhr leid gewesen.

Aber er war es gewohnt, etwas überdrüssig zu sein. Dieses Gefühl war in den letzten vier Jahren sein treuer Weggefährte gewesen, und manchmal hatte er den Eindruck, als wäre es die Zeit selbst – und nichts sonst –, die sich an ihm rieb. Wie ein altes, muffiges Kleidungsstück, das er am liebsten so schnell wie möglich von sich gerissen hätte. Den Rausch einfach wegschlafen, irgendwo ganz woanders aufwachen und sich schließlich eine neue Zeit überstreifen.

In der die Sekunden und Minuten nach etwas schmeckten.

Aber es gab auch am nächsten Morgen nie eine neue Zeit. Nur die gleichen ungewaschenen Tücher, die an der Haut klebten, Tag für Tag, Jahr für Jahr. So war es nun einmal, und die wenigen Abende, an denen er es wagte, nüchtern ins Bett zu gehen, hatten jedes Mal dazu geführt, dass der Versuch, einzuschlafen, gescheitert war.

Er leerte sein Glas bis auf den Grund und warf einen Blick zu Hennan hinüber. Es standen nur zwei Tische zwischen ihnen, aber an dem einen saß eine ziemlich aufgekratzte Gesellschaft: vier mit Schnurrbärten versehene, leicht verfettete Männer so um die achtundzwanzig, die immer wieder in wiehernde Lachsalven ausbrachen, auf ihren Stühlen kippelten und mit den Fäusten auf den Tisch schlugen. Aus ihrem harten Akzent zog Verlangen den Schluss, dass sie aus den südlichen Provinzen stammten. Wahrscheinlich aus Groenstadt. Oder aus Balderslacht oder so.

Auch ansonsten gab es ziemlich viele Gäste im Lokal, deshalb kostete es ein gewisses Maß an Konzentration, das Beobachtungsobjekt im Auge zu behalten. Trotz allem.

Andererseits sah es ganz so aus, als hätte Hennan die Absicht zu essen, und das in aller Ruhe. Er hatte seine Jacke über die Stuhllehne gehängt. Blätterte in der Speisekarte, während er von einem durchsichtigen Getränk nippte, vermutlich einem Gin Tonic, und alle Zeit der Welt zu haben schien. Vielleicht wartete er auf jemanden – der Platz ihm gegenüber an dem Zweiertisch war frei. Vielleicht auf eine Frau, dachte Verlangen, das war ja nun, wenn man alles in Betracht zog, die wahrscheinlichste Variante. Und die Lösung, die er von Anfang an erwartet hatte.

Also hieß es nur warten und die Zeit verstreichen lassen.

Verlangen beschloss, ebenfalls etwas zu essen. Er bekam eine Kellnerin zu fassen, bestellte noch ein Bier und bat um die Speisekarte. Wie es aussah, gab es allen Grund, davon auszugehen, dass er eine Weile hier sitzen würde.

Zwei Stunden später saß Jaan G. Hennan immer noch allein an seinem Tisch. Verlangen war zwei Mal auf dem Weg zur Toilette dicht an ihm vorbeigekommen und hatte feststellen können, dass sein Beobachtungsobjekt sich eine ordentliche Mahlzeit gönnte. Mindestens drei Gänge und zwei verschiedene Sorten Wein, und im Augenblick saß er da und sog an einer schmalen schwarzen Zigarre, während er aus dem Fenster schaute und etwas gedankenverloren einen Cognacschwenker in der Hand drehte. Soweit Verlangen sehen konnte, hatte er während des ganzen Abends nicht ein einziges Wort mit einem Menschen gewechselt, von der Kellnerin einmal abgesehen. Er war einmal zur Toilette gegangen, und was sich verdammt noch mal in seinem Kopf abspielte – oder warum er hier herumhing, statt zu Hause bei seiner schönen Ehefrau zu sein – ja, diese Fragen entzogen sich seiner Beurteilung.

Zumindest wirkte es nicht so, als wartete er auf jemanden oder hätte auf jemanden gewartet. Zwar hatte er ab und zu auf die Uhr geschaut, aber ansonsten gab es keinerlei Zeichen, die auf eine ausbleibende Verabredung hätten hindeuten können, kein Telefongespräch draußen im Eingang, kein längeres Zögern bei der Bestellung, keine entschuldigenden Erklärungen an die Kellnerin. Nichts.

Und keine Zeitung, kein Buch dabei, um sich damit zu beschäftigen. Das hatte Verlangen zwar auch nicht, aber er befand sich zumindest beruflich hier. Ein paar Minuten lang spielte er mit dem Gedanken, hinzugehen und Hennan ein Bier in den Nacken zu kippen. Oder jemand anderen zu bestechen, es zu tun. Es gab genügend leicht berauschte Jünglinge im Lokal, sicher wäre es nicht unmöglich gewesen, einen von ihnen dazu zu bringen.

Einfach nur, damit etwas passierte. Verlangens Verdruss hatte ihn wieder eingeholt. Er hatte etwas gegessen, was Kalb gewesen sein sollte, aber das musste dann das älteste Kalb der Welt gewesen sein.

Dazu hatte er vier oder fünf Bier getrunken und war schließlich zu Kreuze gekrochen und Jaan G. Hennans Beispiel gefolgt. Kaffee und Cognac.

Er zündete sich eine neue Zigarette an, obwohl die alte immer noch im Aschenbecher vor sich hin glimmte.

Schaute auf die Uhr. Zehn Minuten vor zehn.

Verdammte Scheiße, dachte er und wies mechanisch einen weiteren Gast ab, der wissen wollte, ob der Platz ihm gegenüber besetzt sei.

Trink deinen beschissenen Cognac aus und bezahl deine Rechnung! Und sieh zu, dass du endlich wegkommst!

Kaum hatte er sich diesen frommen Wünschen hingegeben, sah er, dass Hennan auf dem Weg zu seinem Tisch war.

Oh, verfluchte Sch…, konnte er gerade noch denken.

»Darf ich mich setzen?«

»Bitte.«

»Hennan. Jaan G. Hennan.«

»Verlangen.«

Hennan zog den Stuhl heraus und setzte sich.

»Verlangen?«

»Ja.«

»Doch nicht Maarten Verlangen?«

»Doch.«

»Da habe ich also Recht gehabt.«

»Was meinen Sie damit?«

»Du. Ich würde vorschlagen, dass wir uns duzen.«

»Aber gern. Aber ich glaube nicht, dass…?

»Was?«

»Na, dass ich weiß, wer Sie… wer du bist.«

Hennan hatte seine Zigarre in den Aschenbecher gelegt und stützte sich jetzt mit beiden Ellbogen auf dem Tisch ab.

»Tu doch nicht so, Maarten Verlangen. Ich weiß verdammt gut, wer du bist, und du weißt ebenso gut, wer ich bin. Warum sitzt du denn hier?«

Verlangen trank einen Schluck Cognac und dachte schnell nach.

»Das ist eine ziemlich merkwürdige Frage.«

»Findest du? Ja, jedenfalls wäre es nett, wenn du drauf antworten würdest.«

»Warum ich hier sitze?«

»Ja.«

»Weil ich gegessen habe natürlich.«

»Ach, tatsächlich. Und das soll der einzige Grund sein?«

Verlangen spürte plötzlich Wut in sich hochsteigen.

»Und wie wäre es, wenn du mir erklärst, worauf du zum Teufel noch mal hinaus willst? Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wer du bist oder was du im Schilde führst. Wenn du keinen guten Grund nennen kannst, dann möchte ich dich bitten, von hier zu verschwinden, bevor ich jemanden vom Personal hole, um dich rauszuschmeißen!«

Hennan saß schweigend da und betrachtete ihn leicht blinzelnd. Nicht die Andeutung eines Lächelns. Etwas sagte Verlangen, dass es hätte vorhanden sein müssen. Er spürte, dass er ganz instinktiv die Hände zu Fäusten ballte, und schob den Stuhl ein paar Zentimeter nach hinten.

Um schnell auf die Füße zu kommen und sich verteidigen zu können. Blödsinn, dachte er, meine Fantasie geht mit mir durch. Er kann ja wohl verdammt noch mal nicht hier drinnen anfangen, sich zu prügeln. Das wäre ja der reine…

»Bulle. Du bist doch immer noch Bulle, oder?«

Verlangen zögerte den Bruchteil einer Sekunde. Dann schüttelte er den Kopf.

»Und du?«

»Was?«

»Du selbst. Was machst du so? Wie war noch dein Name, was hast du gesagt?«

Hennan gab keine Antwort. Schürzte die Lippen nur zu einer verächtlichen Grimasse. Verlangen brach den Blickkontakt zu ihm ab. Lehnte sich zurück und schaute stattdessen an die Decke. Ein paar Sekunden lang herrschte Schweigen.

»Und warum bist du kein Bulle mehr? Haben sie dich gefeuert?«

Verlangen zuckte mit den Schultern.

»Ich habe aufgehört.«

»Freiwillig?«

»Sozusagen. Und jetzt erklär mir endlich, was du eigentlich willst, oder geh zurück an deinen Tisch. Ich habe keine Lust, hier länger rumzusitzen und…«

Er brach ab und suchte nach den richtigen Worten.

»Und was?«

»Belästigt zu werden.«

Wieder ballte er die Fäuste und machte sich bereit, sich zu verteidigen.

»Mein Gott, was bist du empfindlich«, sagte Hennan, und plötzlich grinste er über das ganze Gesicht. »Und dabei bin ich doch derjenige, der eine Scheißwut auf dich haben sollte. Und nicht umgekehrt.«

Verlangen zündete sich eine Zigarette an.

»Wütend? Warum?«

»Jaan G. Hennan. Behauptest du immer noch, dass du dich nicht erinnerst?«

Verlangen schüttelte den Kopf. Etwas zu heftig, er merkte, wie der Raum um ihn schwankte. Verdammte Scheiße, dachte er. Ich bin viel zu besoffen.

»Nicht die geringste Ahnung.«

Hennan stützte sein Kinn auf die Hand und schien nachzudenken.

»Wollen wir uns nicht lieber an die Bar setzen? Dann können wir das klären. Ich gebe einen aus.«

Einen kurzen Moment lang zögerte Verlangen. Dann nickte er vorsichtig und stand auf.

»Du hast zehn Minuten«, sagte er. »Und keine Sekunde mehr.«

Beim ersten Whisky erklärte Hennan, wieso er Verlangen wiedererkannt und sich an seinen Namen erinnert hatte.

Beim zweiten erinnerte Verlangen sich an die zwölf Jahre zurück liegenden Ermittlungen und sagte, dass ihm das einfach entfallen war. Aber jetzt, wo Hennan alles wieder hochholte, ja, da…

Beim dritten ergriff Hennan erneut die Initiative und berichtete, wie es war, zwei und ein halbes Jahr im Gefängnis zu sitzen, obwohl man unschuldig war.

Unschuldig?, dachte Verlangen und spürte von Neuem eine gewisse Wut. Du bist schuldiger als Crippen, du Arschloch!

Aber er ließ es nicht darauf ankommen. Stellte nur fest, dass er sich nicht mehr an die Einzelheiten des Falles erinnern konnte, im Laufe der Zeit waren da so einige zusammengekommen. Außerdem merkte er, dass er Probleme mit der Artikulation bekam, und stellte eilig eine Regel auf, an die er sich – komme da, was da wolle – für den Rest des Barhockens und Abends halten wollte:

Lass Hennan nicht erahnen, warum du hier bist! Unter gar keinen Umständen. Halte deiner Auftraggeberin die Treue!

Hennan laberte über das eine und andere, aber der vierte Whisky schlug ganz offensichtlich auf Verlangens Gehörzentrum. Er war ganz einfach nicht mehr für die gleichen Geräuscheindrücke empfänglich – konnte sich aber dennoch dazu überwinden, stilvoll in den Pausen zu brummen und etwas zu murmeln. Als er das erste Mal auf die Uhr sah, war es fünf vor halb eins. Auch Hennan schien genug zu haben.

»Feierabend«, sagte er. »Ich muss nach Hause.«

Verlangen stimmte zu und rutschte vom Barhocker.

»Ich wohne gleich um die Ecke«, erklärte er.

»Ich muss ein Taxi nehmen«, berichtete Hennan.

Der Barkeeper, ein verdammt junger Mann mit rotem lockigem Haar, richtete sich auf und informierte sie, dass es gleich um die Ecke immer Autos gab. Nur fünfzig Meter, zum Kleinmarckt hin, das war einfacher, als anzurufen und eins zu bestellen.

Sie traten gemeinsam in den warmen Vorsommerabend hinaus. Verlangen hatte leichte Probleme mit dem Gleichgewicht, aber Hennan legte ihm einen Arm um die Schulter und schob ihn voran. Als sie an den gelb-schwarzen Autos angekommen waren, verabschiedete er sich ohne weitere Umschweife, krabbelte auf den Rücksitz, winkte und schenkte ihm noch ein breites Grinsen durch die Autoscheibe.

Verlangen hob die Hand und sah, wie der Wagen losfuhr. Plötzlich verspürte er einen heftigen Anfall von Unlust, den er nicht so recht deuten konnte. Insgesamt hatte Hennan sich friedlich verhalten, und der Grund, warum seine Ehefrau ihn unter Beobachtung haben wollte, war noch unklarer als je zuvor.

Aber Verlangen hatte sich mit seinem Objekt verbrüdert. Auf das Gröbste. Hatte mit ihm zusammengehockt und verdammt viel Whisky gesoffen .. neben Bier und Cognac, und nur Gott wusste, was er gesagt und was er nicht gesagt hatte.

Auf seinem Weg zum Hotel schlug er ein paar Mal die falsche Richtung ein. Landete stattdessen auf dem Friedhof, wo er die Gelegenheit nutzte, im Schutze einer Art von Leichenschauhaus und einiger Mülltonnen zu pinkeln.

Aber mit der Zeit gelang es ihm doch, sich in Richtung des Belvedere zu orientieren, und als er auf seinem Zimmer angekommen war, zeigte die Uhr Viertel nach eins. Verlangen selbst war sich dessen nicht bewusst, doch der Zeitpunkt konnte später mit Hilfe einiger unabhängiger Beobachter mit ziemlich großer Gewissheit festgestellt werden.

5

Polizeianwärter Wagner gähnte und schaute auf die Uhr. Sie zeigte fünf Minuten nach halb zwei.

Dann schaute er auf das Kreuzworträtsel. Es war noch ungelöst.

Zumindest zum überwiegenden Teil. Er hatte acht Kästchen ausgefüllt. Zwei Worte. Und war sich nicht einmal sicher, ob sie auch richtig waren.

Um die Zeit totzuschlagen, begann er, die leeren Kästchen zu zählen.

Vierundneunzig Stück. Man konnte nicht behaupten, dass er sehr weit gekommen war.

Einen Moment lang überlegte er, ob er sich nicht doch lieber in die Koje legen sollte. Man musste schließlich nicht wach bleiben, wenn man Bereitschaftsdienst hatte. Es genügte, wenn man da war und ans Telefon ging, falls etwas sein sollte. In dieser Beziehung waren die Anweisungen ebenso klar und eindeutig wie alles andere auch auf dem Revier.

Auf dem Polizeirevier von Linzhuisen. Wagner arbeitete jetzt seit einem Jahr hier, und es gefiel ihm. Er war fünfundzwanzig Jahre alt und konnte sich gut vorstellen, für den Rest seines Lebens Polizist zu bleiben. Und erst recht in einer kleineren Dienststelle wie dieser. Hier gab es eine klare Ordnung, gute Pensionsbedingungen, und die Verbrechen waren nicht der Rede wert.

Außerdem nette Arbeitskollegen, sowohl Gaardner, sein Chef, als auch Willumsen, mit dem er ab und zu Tennis spielte.

Linzhuisen war kein eigener Polizeidistrikt, er hing mit Linden zusammen, wo auch der Polizeichef, Kommissar Sachs, seinen Sitz hatte. Dort in Linden gab es eine etwas größere Mannschaft, zwei Inspektoren und drei oder vier Beamte in Uniform sowie Assistenten.

Und des Nachts teilte man sich den Dienst. Es wäre schließlich unnötig gewesen, jeweils sowohl in Linden als auch in Linzhuisen einen Anwärter oder einen Inspektor vor sich hin dösen zu lassen, schließlich lagen nur zwölf Kilometer zwischen den Ortschaften, und wenn ein Einsatz notwendig war, dann musste man ja sowieso Hilfe holen. Kollegen wecken, die zu Hause dafür eingeteilt waren, oder in Maardam anrufen.

Was Wagner betraf, so hatte er laut Plan vier Bereitschaftsdienste im Monat, und dagegen hatte er nichts einzuwenden.

Ganz im Gegenteil. Diese einsamen, nächtlichen Stunden hatten etwas Besonderes an sich. Er mochte das. Auf dem dunklen Revier zu sitzen und über Recht und Ordnung zu wachen, während die ganze Welt ihren wohlverdienten Schlaf genoss. Bereit, einen Einsatz anzuweisen, sobald ein betroffener Mitbürger seine Aufmerksamkeit begehrte, ja, hatte diese Rolle nicht etwas von dem wichtigsten, wenn auch nicht immer angeführten Motiv an sich, das ihn bewogen hatte, sich vor vier Jahren auf die Polizeischule zu bewerben? Über das Leben und den Besitz der Menschen zu wachen und der äußerste Garant für ihre Sicherheit zu sein.

Manchmal, wenn ihm derartige Gedanken kamen, überlegte Polizeianwärter Wagner, dass er sie eigentlich aufschreiben sollte. Vielleicht konnte man sie im Unterricht oder bei der Anwerbung benutzen. Warum eigentlich nicht?