Seitenblicke - Timo Ameruoso - E-Book

Seitenblicke E-Book

Timo Ameruoso

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Beschreibung

Der bekannteste Pferdeexperte der Welt erklärt seine einzigartige Methode. Timo Ameruoso beschreibt, wie es gelingen kann, eine starke und stabile Beziehung zwischen Mensch und Pferd aufzubauen, die «ultimative Beziehung» – fernab von Gewalt, Konditionierung und Dressur. Über dreißig Jahre Erfahrung haben ihn ein System entwickeln lassen, mit dem jeder in riesigen Schritten die Beziehung zu seinem Pferd verbessern kann. Wie das funktioniert, auf was man achten muss, wie man das Training mit dem Pferd aufbauen und welche kleinen Tricks man beherrschen sollte, verrät Timo Ameruoso in diesem Buch. Das Praxisbuch: Anschauliche und konkrete Tipps für den richtigen Umgang mit Pferden.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Timo Ameruoso

Seitenblicke

Auf dem Weg zur ultimativen Beziehung zwischen Pferd und Mensch

 

 

 

Über dieses Buch

Der bekannteste Pferdeexperte der Welt erklärt seine einzigartige Methode.

 

Timo Ameruoso beschreibt, wie es gelingen kann, eine starke und stabile Beziehung zwischen Mensch und Pferd aufzubauen, die «ultimative Beziehung» – fernab von Gewalt, Konditionierung und Dressur. Über dreißig Jahre Erfahrung haben ihn ein System entwickeln lassen, mit dem jeder in riesigen Schritten die Beziehung zu seinem Pferd verbessern kann. Wie das funktioniert, auf was man achten muss, wie man das Training mit dem Pferd aufbauen und welche kleinen Tricks man beherrschen sollte, verrät Timo Ameruoso in diesem Buch.

Das Praxisbuch: Anschauliche und konkrete Tipps für den richtigen Umgang mit Pferden.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2018

Copyright © 2018 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

Umschlagabbildung Jürgen Tap, HOCH ZWEI, Hamburg

ISBN 978-3-644-40377-2

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Vorwort

Es gibt so viel zu entdecken, wenn man sich für Pferde und das, was sie wirklich sind, interessiert – vor allem aber können wir sehr viel von ihnen lernen: nicht nur über die Tiere als solche, sondern auch über uns Menschen.

Würde man alles Wissenswerte über Pferde in Metern ausdrücken, so wäre das in den letzten Jahrhunderten gesammelte Wissen gerade einmal einen knappen Meter lang. Und das nicht, weil wir bereits alles über sie wissen. Im Gegenteil: Es gibt immer wieder Neues zu entdecken, und wir stehen, davon bin ich überzeugt, noch am Anfang unserer Erkenntnisse. Genau aus diesem Grund ist es notwendig, den Umgang mit Pferden und seine Ansichten über sie ständig zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Ich bin da keine Ausnahme. Daher habe ich mein 2015 erschienenes Buch Seitenblicke überarbeitet und ergänzt. Das Ergebnis hältst du in den Händen.

Ich lernte vor mehr als dreißig Jahren reiten und war auf dem Weg, ein erfolgreicher Springreiter zu werden. Während dieser Zeit gab es viele Krisen. Eine davon war so schwerwiegend, dass mein Pferd Pascal schließlich kein einziges Hindernis mehr sprang. Es war nichts zu machen: Pascal verweigerte jeden Sprung! Wie sich später herausstellte – und was mir heute sofort auffallen würde –, hatte mein damaliger Springlehrer die Distanzen zwischen den Sprüngen so ungünstig gewählt, dass mein Pferd keinen Sprung passend nehmen konnte. Ich hatte damals zum Glück einen guten Freund, der mir den entscheidenden Hinweis gab und mir so aus dieser Misere half. Nachdem Pascal und ich diese Phase überstanden hatten, trainierten wir konstant weiter. Als ich fünfzehn Jahre alt war, befanden wir uns schließlich auf L/M-Niveau.

Doch dann veränderte mein erster Unfall alles. Er brachte mich am 19.05.1995 in den Rollstuhl. Bei einem Sturz mit meiner Vespa brach ich mir einen Wirbel; seitdem bin ich ab dem achten Brustwirbel querschnittsgelähmt. Sieben Monate verbrachte ich insgesamt im Krankenhaus und kämpfte mich trotzdem innerhalb von knapp zwei Jahren – und gegen den Rat der Ärzte – wieder zurück in den Sattel.

Am 28.07.1999 dann der zweite Schicksalsschlag: Ich stürzte von meinem Pferd Pascal und fiel für zehn Tage ins Koma. Es folgten zwei Herzstillstände und ein Atemstillstand.

Dieser weitere schwere Einschnitt brachte mich zum Umdenken. Die vielen Jahre, die ich für die physische und psychische Genesung brauchte, ermöglichten mir, neue Trainingsansätze zu entwickeln und alte zu verändern und auszubauen. Aus heutiger Sicht besteht für mich keinerlei Zweifel daran, dass meine Unfälle dafür verantwortlich sind, dass ich die Barriere zwischen meinem Pferd und mir überwinden konnte. Plötzlich konnte ich mein Potenzial – und das meines Pferdes – in einer Art entfalten, von der ich zuvor noch nicht mal zu träumen gewagt hatte.

Ich entdeckte etwas, das «der Wahrheit» über Pferde viel näher kam als alles, was ich bis dahin von den verschiedensten Trainern über Pferde gelernt oder selbst erfahren hatte. Der Ausdruck «die Wahrheit über Pferde» mag manchen etwas vollmundig vorkommen, aber ich habe dafür meine Gründe – dazu im Laufe dieses Buches mehr.

Das Gute an meiner Entdeckung ist, dass jeder sie für sich nutzen kann. Ich bin keine Ausnahmeerscheinung. Es gibt weder Geheimnisse bei dieser Methode noch besonders knifflige Tricks. Alles, was man braucht, ist Wissen. Denn Wissen ist Macht, wie es so schön heißt. Mit einem tiefgründigen Wissen über Pferde erhältst du die Macht, den Graben zwischen dir und deinem Pferd zu überbrücken.

Dieser Graben besteht deshalb, weil ein Fluchttier (Pferd) und ein Raubtier (Mensch) – und damit unterschiedliche «Weltsichten» – aufeinandertreffen. Hinzu kommt, dass alle etablierten Trainings- und Ausbildungskonzepte, egal, welcher Stilrichtung sie angehören, ob Englisch, Western oder Klassisch, eines gemeinsam haben: Wenn Probleme mit dem Pferd auftreten, beschäftigen sie sich lediglich mit der Bekämpfung von Symptomen und bedienen sich dabei der Konditionierung. Sie gehen weder auf die wahren Ursachen der Probleme ein, noch lösen sie diese nachhaltig auf. Vielmehr beurteilen sie alles aus der Sicht des Menschen. Meine Methode setzt an einem völlig anderen Punkt an: beim Pferd selbst!

Um diese Perspektive einnehmen zu können, benötigen wir etwas Hilfe von der Wissenschaft. Erst wenn wir z.B. verstehen, wie das Gehirn eines Pferdes funktioniert, verstehen wir, warum es sich so verhält, wie es das tut.

Wir müssen uns darüber hinaus mit der Natur der Pferde, ihrem Lernverhalten, ihrer Psyche und der Herdendynamik beschäftigen. Außerdem ist es wichtig, eine klare Linie zwischen uns und unserem Pferd zu ziehen. Die Gefühle, die wir glauben, in unseren Pferden wahrzunehmen – Aggression, Renitenz, Angst –, sind oft unsere eigenen. Wir projizieren sie auf das Pferd. Die wahre Gefühlswelt unseres Pferdes erschließt sich uns erst, wenn wir seine natürlichen Verhaltensweisen kennen und verstehen.

Auf dieser Basis beruht meine Methode, die ich dir in diesem Buch näherbringen möchte. Ich habe hier vieles von dem zusammengetragen, was ich in den letzten Jahrzehnten bei der Arbeit mit Pferden gelernt und entwickelt habe; es ist praxiserprobt und hat sich bewährt.

Ich werde dir einen neuen Blickwinkel auf die Psyche deines Pferdes zeigen und lade dich ein, die Welt einmal aus seiner Sicht zu betrachten.

Ich weiß, dass dich das, was du in diesem Buch lesen wirst, zum Nachdenken bringen wird. Du wirst über vieles staunen, und wahrscheinlich wird es dir manches Mal wie Schuppen von den Augen fallen. Vielleicht bist du auch skeptisch? Es ist schließlich ungewohnt, die Perspektive deines Pferdes einzunehmen. Aber es ist meiner Erfahrung nach der einzige Weg, um Probleme nachhaltig zu lösen und eine tiefe und gute Beziehung zu seinem Pferd aufzubauen.

 

Dein Timo Ameruoso

Teil 1: Grundlagen

In diesem ersten Teil soll es darum gehen, ein besseres Verständnis für dein Pferd zu entwickeln. Dazu möchte ich dir die theoretischen und praktischen Säulen, auf denen meine Arbeit ruht, vorstellen. Mit diesem methodischen Wissen schaffen wir die Basis für die konkrete Arbeit im Ring und das Reiten.

Das Training beginnt bei dir

Bevor wir uns mit den Pferden selbst beschäftigen, sollten wir uns als Besitzer, Trainer oder Reiter selbst in den Blick nehmen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir uns viel zu sehr auf die Ausbildung unserer Pferde und später auf deren permanente Korrektur konzentrieren und dabei völlig vergessen, die Ursache der Probleme auch in unserer Vorgehensweise oder unserer Persönlichkeit zu suchen.

Dabei liegt die Lösung klar auf der Hand: Es ist die Bereitschaft, sich selbst weiterzuentwickeln. Als Mensch, als Beziehungspartner und als Reiter. Sich zu fragen, ob man die nötige Zugewandtheit, Stärke, Ruhe, Konzentration und das Durchhaltevermögen an den Tag legt, die es für jede gute Beziehung braucht; ob man klar, verständlich und empathisch kommuniziert. Denn ganz egal, ob du reitest, Kutsche fährst, voltigierst, Polo spielst, Pferderennsport betreibst oder nur mit dem Pferd spazieren gehst: Im Kern geht es immer darum, wie gut die Beziehung zu deinem Pferd ist. Und die wird von dir und deinem Verhalten genauso mitbestimmt wie vom Pferd.

Natürlich spielen dabei die Erziehung und die Ausbildung des Pferdes eine Rolle. Ohne das eine gäbe es das andere nicht. Aber erst wenn wir selbst uns entwickeln, kann auch das Pferd ausgebildet werden und sein Potenzial entfalten: Wer ungeduldig, wankelmütig, unsicher ist, wird keine vertrauensvolle Beziehung zu seinem Pferd aufbauen können.

Du musst die Barriere zwischen euch überwinden! Diese Barriere ist u.a. dadurch entstanden, dass sich die Beziehung zu unseren Pferden mittlerweile weit von dem ursprünglichen Miteinander entfernt hat. Wir Menschen haben so viel Equipment entwickelt, um das Pferd mechanisch unter Kontrolle zu bringen. Wie will sich unser Pferd da noch natürlich ausdrücken? Es gibt unzählige Gebisse, eines schärfer als das andere. Es gibt diverse Hilfszügel, mit denen man das Pferd in bestimmte Haltungen zwingt. Es gibt sogar Halfter, die mit Kraft auf das Pferd wirken.

Die natürliche Dynamik zwischen Pferd und Mensch, also die Dynamik, die vom Pferd selbst ausgeht, findet fast gar keinen Platz mehr.

Dabei wird vieles einfacher und effizienter, wenn wir das Pferd verstehen und seine biologischen Voraussetzungen kennenlernen. Stattdessen verwenden wir in der Regel viel Zeit und Kraft darauf, unser Pferd zu dressieren und es damit emotional abstumpfen zu lassen. Daher ist es umso wichtiger, noch lange bevor man an die eigentliche Arbeit mit dem Pferd denkt, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Pferd und Mensch weiterentwickeln können.

Dazu gehört es auch zu akzeptieren, dass das Pferd in den meisten Fällen nicht der Grund für die vorhandenen Probleme ist. Da es nahezu ausschließlich auf uns reagiert, in Wechselwirkung zu uns steht, ist sein Verhalten lediglich das Spiegelbild unseres eigenen inneren Zustands.

Ich will dir dazu ein amüsantes Beispiel erzählen. 2007, nach fast zwei Jahren ununterbrochener Messebesuche und Workshops, war ich ausgebrannt, gestresst und müde. So viele Reisen mit meinem Pferd Paolo, so viele Vorträge und Termine mit Radio- und TV-Sendern lagen hinter uns. Ich war froh, dass Weihnachten nahte – endlich ausspannen! Doch kaum lagen die Feiertage hinter uns, fing ich gleich wieder mit den Vorbereitungen für die nächsten Veranstaltungen an. Aber es lief mehr als bescheiden. Das Training plätscherte vor sich hin, und zum Reiten war ich seit einem Jahr nicht mehr gekommen. Je näher der erste Termin rückte, desto schlechter klappte zu allem Überfluss auch noch das Verladen.

Auf der ersten Messe im neuen Jahr ging der altbekannte Stress sofort wieder los. Eine Beratung jagte die nächste, eine Terminzusage folgte der anderen. Als der erste Messetag zu Ende ging und ich Paolo für die Heimfahrt verladen wollte, blieb er stur vor dem Anhänger stehen. «Wenn das nun für den Rest der Woche zweimal am Tag so wird, na dann gute Nacht!», dachte ich mir. «Am besten bleibe ich mit Paolo so lange hier, bis er sich bequemt, in den Hänger zu steigen.» Doch genau das wollte ich eigentlich vermeiden. Ich halte nicht sonderlich viel davon, Pferde mehrere Tage oder sogar eine ganze Woche auf einer Messe in einem stickigen Stallzelt unterzubringen.

Nun saß ich also in meinem Rolli, und neben mir stand Paolo wie angewurzelt vor dem Hänger. Ich konnte tun, was ich wollte, Paolo ließ sich nicht ein Stück bewegen – und das, obwohl er sich normalerweise frei verladen lässt. Auch als ich in meiner Verzweiflung jemand anderen sein Glück versuchen ließ, war nichts zu erreichen. All meine Strategien und Motivationsversuche scheiterten an seinem Dickschädel. Das kratzte ganz schön an meinem Ego. Ich, der ich normalerweise auf jedes Pferdeproblem eine Antwort habe, war plötzlich nicht mehr imstande, ein gut ausgebildetes Pferd zu verladen!

Nach langem Ringen drängte mich ein natürliches Bedürfnis. Ich machte mich also auf den Weg zur Toilette – und dann geschah das Unerwartete: Kaum war ich außer Reichweite, ließ sich Paolo ohne Widerstand verladen. Einfach so, als wäre nichts gewesen. Mich traf fast der Schlag, als ich zurückkam und sah, wie mein Pferd ganz selbstverständlich im Anhänger stand.

Diese Erfahrung wurde für mich zum Meilenstein. Das erste Mal begriff ich, wie maßgeblich die Wechselwirkung zwischen Pferd und Mensch das Verhalten des Pferdes beeinflusst. Der Grund für Paolos Verweigerung lag in meiner emotionalen Haltung. Pferde reagieren auf unsere Gefühle, selbst wenn sie uns unbedeutend scheinen. Da Paolo noch nie mit längeren Fahrten im Hänger Probleme hatte, war ich davon ausgegangen, dass auch diesmal alles problemlos vonstattenging. Eine Erwartungshaltung, die zu Stress und Ungeduld bei mir geführt hatte und sich schlagartig negativ auf Paolo auswirkte (wie genau das passiert, wirst du noch erfahren). Als ich dann noch an mir selbst zu zweifeln begann, verstärkte sich das Verladeproblem mit Paolo derart, dass es für mich unlösbar wurde. Auch wenn es schmerzhaft für mich war, brauchte ich diese Erfahrung, um etwas Wesentliches zu lernen: Ich selbst war das Problem.

Wie wichtig es ist, sich selbst in den Fokus zu nehmen, zeigt auch dieses Beispiel: Nachdem ich Paolo bereits mehrere Male erfolgreich mit einem Springsattel gesattelt hatte, machte er plötzlich Schwierigkeiten, als ich ihm einen (erheblich schwereren) Westernsattel auflegen wollte. Kaum hatte ich den Sattel hochgehoben, begann er, nach mir zu beißen. Paolo konnte aber nicht wissen, wie schwer der Sattel ist. Er hatte ihn noch nie getragen. Wieso verhielt er sich so? Um das herauszufinden, musste ich die Perspektive des Pferdes einnehmen: Ich stellte mir vor, wie es für Paolo aussehen musste, wenn ich versuchte, den auch für mich schweren Westernsattel aus dem Rollstuhl heraus aufzulegen. Es könnte für ihn so wirken, als «kämpfte» ich mit dem Sattel. Wenn man sich nun noch vor Augen führt, dass der Mensch aus Pferdesicht der Räuber und es selbst die Beute ist, ist es kein Wunder, dass es unweigerlich den Impuls zur Flucht oder zur Abwehr hat. Also begann ich, das Heben des schwereren Sattels zu üben, und als ich es problemlos hinbekam, löste sich auch das Abwehrverhalten von Paolo in Luft auf.

Endlich hatte ich verstanden, dass das Geheimnis für eine ultimative Beziehung zwischen Pferd und Mensch nicht in meinem Pferd Paolo liegt, sondern vor allem in meiner eigenen Entwicklung – der mentalen, aber natürlich auch der körperlichen. Je weiter ich mich entwickeln würde, das war mir nach diesen Erlebnissen klar, desto mehr würde sich auch die Beziehung zwischen meinem Pferd und mir intensivieren.

Kommunikation ist alles: den Fokus nutzen

Die Voraussetzung, um die oben angesprochene Wechselwirkung besser zu gestalten, ist die richtige Kommunikation. Kommunikation ist im Prinzip nichts anderes als Aktion, Verarbeitung und Reaktion. Es ist dabei völlig egal, ob man verbal oder nonverbal kommuniziert – immer geht es um die Aktion eines Individuums und die darauf folgende Reaktion eines anderen.

Die Kommunikation mit unserem Pferd beginnt bereits in dem Moment, in dem wir in sein Blickfeld und somit in sein Bewusstsein treten. Das ist auch bei uns Menschen nicht anders. Sobald wir wahrgenommen werden oder einen anderen Menschen wahrnehmen, beginnt diese Wechselwirkung. Wir interagieren ständig mit unserer Umwelt und unser Umfeld mit uns. Immer. Mal bewusst, mal unbewusst. Mal verbal, mal nonverbal, z.B., indem ein Mensch ein bestimmtes Gefühl in uns auslöst oder eine bestimme Erinnerung. Wir transportieren diese Gefühlsregung mit unserer Körpersprache nach außen. Ganz automatisch, oftmals unbewusst. Und das Unterbewusstsein unseres Gegenübers reagiert ebenfalls darauf und verarbeitet diese Reize – es entsteht das sogenannte Bauchgefühl.

Sobald wir in das BEWUSSTSEIN des Pferdes treten, beginnen KOMMUNIKATION und WECHSELWIRKUNG.

Es muss unser Ziel sein, die Kommunikation mit dem Pferd fließender und harmonischer werden zu lassen und letztlich mit dem Pferd zu verschmelzen. Wie das geht, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Für mich beginnt diese Verschmelzung bereits damit, die eigene Energie auf das Pferd zu konzentrieren und gleichzeitig die Energie des Pferdes auf- oder auch nur wahrzunehmen. Das hat nichts mit einer esoterischen Weltanschauung zu tun, sondern ist eine Folge der natürlichen Wechselwirkung zwischen Mensch und Pferd, die u.a. auf den sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn beruht. Diese Neuronen sind eine Art Resonanzsystem im Gehirn, das auf Gefühle und Stimmungen anderer reagiert. Das Interessante dabei: Die Spiegelneuronen sind bereits aktiv, wenn wir eine Handlung lediglich beobachten. Schauen wir jemandem z.B. beim Tanzen zu, sind (in abgeschwächter Form) dieselben Areale aktiv, die es wären, wenn wir selbst tanzen würden.

Die Metapher von der «Energie», die zwischen zwei Individuen fließen kann, ist also gar nicht so weit hergeholt. In Asien gehört das Denken in Energien seit Jahrtausenden zum Alltag. Hier geht man davon aus, dass jeder Mensch, aber auch jedes Tier oder jede Pflanze, erfüllt ist von Energie. Diese Energie nennt man Qi. Die meisten von uns haben sie schon erlebt. Der Chef kommt ins Büro, und man weiß sofort: «Oje, heute gehe ich ihm besser aus dem Weg!» Man kann die negative Energie des Vorgesetzten spüren, es ist, als habe er im wahrsten Sinne des Wortes Gift versprüht.

Wenn ich mit sehr dominanten Pferden arbeite, kann ich beim Betreten des Ringes meist ihr Qi, ihre Kraft, spüren. Ich muss meine ganze Energie bündeln, um dieser Kraft etwas entgegenstellen zu können. Man könnte auch sagen, ich versuche, mehr positive Energie zu konzentrieren, um nach und nach die negative Energie des Pferdes zu neutralisieren. Das Ziel jeglicher Arbeit mit dem Pferd ist es, sich zu synchronisieren. Deine Energie und die des Pferdes müssen eine Einheit werden.

Das gesamte Handeln, also alle Reaktionen und Aktionen, sollten ungehindert aus dem Geist kommen und fließen können. In beide Richtungen: Wir müssen eine klare Vorstellung von unserem Ziel und dem Weg dahin haben, gleichzeitig aber auch aufnehmen können, was uns das Pferd mitteilt.

Pferde beherrschen über die Körpersprache hinaus noch eine subtilere Art der Kommunikation: Sie kommunizieren vor allem über ihren Fokus. Diese Art zu kommunizieren ist für sie als Beutetiere überlebenswichtig. Nur so können sie blitzschnell in der Herde interagieren und bei Gefahr flüchten.

Mit dem Fokus zu kommunizieren bedeutet, den Gedanken eines anderen Individuums anhand seiner veränderten Körpersprache zu erkennen. Jeder Gedanke bekommt durch den Körper Ausdruck, oft, bevor daraus eine Handlung abgeleitet wird.