Selbstheilung - Delia Schreiber - E-Book

Selbstheilung E-Book

Delia Schreiber

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Beschreibung

Selbstheilung klingt im ersten Moment wie medizinischer Hokuspokus. Dabei ist ganz selbstverständlich auf unsere Selbstheilungskräfte Verlass, wenn wir uns zum Beispiel auf die Zunge beissen. Nach ein paar Tagen ist nichts mehr davon zu spüren. Was bei banalen Verletzungen ganz von allein funktioniert, ist auch eine Grundvoraussetzung für den Heilungsprozess im komplexen Fall, wenn eine Diagnose den betroffenen Patienten in eine tiefe Krise stürzt. Die Orientierung geht verloren, das eigene Leben steht Kopf, negative Emotionen wie Angst, Schuld, Wut, Ohnmacht und Verzweiflung nehmen Überhand. In diesem Ratgeber zeigt die erfahrene Patienten-Coaching und Therapeutin Delia Schreiber, wie man vorsorglich oder akut die Selbstheilungskräfte gezielt ankurbelt, und sie macht klar, wo die Grenzen von Selbstheilung liegen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dank

Danken möchte ich in erster Linie meinen Eltern G.N. und E.N. Ihr beide werdet vieles von euch in und zwischen diesen Zeilen finden, vor allem die Früchte eurer Liebe und Weisheit, mit der ihr mich stets begleitet.

Ein grosser Dank geht auch an meine Lektorin Christine Klingler Lüthi. Christine, du hast auch den Schreibprozess an diesem Buch wieder mit Umsicht, Klugheit und deinem herzerwärmenden Humor geführt. Ich bedanke mich ausserdem von Herzen bei all «meinen» Klientinnen und Klienten, von denen ich so viel gelernt habe. Und last but not least bei meinen Kolleginnen und Kollegen, bei den vielen Menschen meines beruflichen Netzwerkes, die ihre wertvollen Gedanken und Erkenntnisse mit mir geteilt und damit den Inhalt dieses Buches erst möglich gemacht haben. Ich bin der Zwerg, der auf euren Schultern steht.

5. Auflage, 2024

© 2016 Beobachter-Edition, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

www.beobachter.ch

Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich

Lektorat: Christine Klingler Lüthi

Umschlaggestaltung: fraufederer.ch

Umschlagillustration: Doro Spiro

Reihenkonzept: buchundgrafik.ch

Satz: Bruno Bolliger

Herstellung: Bruno Bächtold

Druck: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe

ISBN 978-3-03875-544-9

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Inhalt

Vorwort

Einleitung

Teil 1: Theoretische Grundlagen der Selbstheilung

1 Sie haben es in sich

Heilung von zwei Seiten

Standard- oder Komplementärmedizin?

Heilung mit Herz und Hirn

Die Kunst, auf sich selbst aufzupassen

Eine Quelle der Selbstheilung: Ihr Denken

Darf ich vorstellen: Ihr innerer Arzt

Diagnose und Therapie von innen

Mein innerer Arzt ist nicht dein innerer Arzt

Innerer und äusserer Arzt – ein starkes Team

Ihre Bedürfnisse zählen

Auf die Kommunikation kommt es an

2 Den Boden bereiten für die Selbstheilung

Ich bin dann mal bei mir

Selbstheilungsimpulse auf den Radar bringen

Achtsamkeit – die bewusst geführte Aufmerksamkeit

Schreiben als Achtsamkeitstraining

Selbstbestimmt in der Krankheit

Ein Krebsmediziner mit Leukämie

Kompetente Patientinnen und Patienten mischen mit

Selbstwirksamkeitserwartung – ich schaffe das!

3 Was sagt die Wissenschaft?

Körper, Seele, Geist: die Unzertrennlichen

Die hohen Hürden wissenschaftlicher Forschung

Von der psychosomatischen Medizin zur Mind-Body-Medizin

Erkenntnisse der Hirnforschung

Salutogenese – die Entstehung von Gesundheit

Quantenphysik, Biochemie und mehr

Epigenetik – wir gestalten uns täglich neu

Sinn rettet Leben

Und was hilft nun erwiesenermassen?

Ein Wort zur Statistik – und zu Spontanheilungen

Keiner ist Durchschnitt

Was uns Spontanheilungen lehren

4 Was der Selbstheilung entgegensteht

Gesellschaftliche Einflüsse

Die gesundheitlichen Auswirkungen des Hochleistungssystems

Stress und der 6. Kondratieff

Nehmen Sie Stress gelassen, aber behalten Sie ihn im Auge!

Was tun bei chronischem Stress?

Hilfe holen

Sich selber auf den Weg machen

Chronischer Stress bei posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS)

Vorsicht, gesundheitsschädigend: der innere Kritiker

Teil 2: Selbstheilungskräfte aktivieren in der Praxis

5 Die Kraft des Bewusstseins

Werden, wer man ist – aufhören zu sein, wer man sein sollte

Die Kunst des Wahrnehmens

Hallo Ich – schön, dich kennenzulernen!

Sie haben die Führung, Captain!

Die wohlwollende innere Beobachterin

Und wenn mir nicht gefällt, was ich wahrnehme?

Das Prinzip Vertrauen

Den roten Faden des Vertrauens finden

Placebo: Und es wirkt doch

Vertrauen ins Vertrauen – seit dem Altertum

Glauben Sie noch oder vertrauen Sie schon?

Die frühe Entstehung von Vertrauen

Sich begleiten lassen

6 Die Kraft des Unbewussten

Heilsame innere und äussere Bilder

Bilder und Gefühle

Aktive Imagination

Hilfreiche Trancezustände

Mit Kunst zum Ziel

Träume als Heilimpulse

Gute Entscheidungen treffen

7 Die Macht des Körpers

Vom Bauchwissen und anderen Verkörperungen

Die gesunden Anteile stärken

Wenn unsere Bäuche reden könnten

Embodiment – die Verleiblichung von Gefühlen und Gedanken

Sport und Bewegung

Den eigenen Weg in die Bewegung finden

Der Atem – eine ganz besondere Kraft

Der Atem und der Vagabund

Der Atem berührt unseren innersten Wesenskern

Mehr Vertrauen durch eine befreite Atmung

Selbst mit dem Atem arbeiten

Sinn und Sinnlichkeit

8 Die Kraft der Gefühle

Gefühle sind kein Luxus

Schwierige Gefühle und ungelebtes Potenzial

Das emotionale System pflegen

Die Gefühle wieder aus dem Körper holen

Beziehungen mit Heilkraft

Das Selbst in Beziehung erleben

Nähe hilft heilen

Bewusste Einstellung zu schlechten Beziehungen

Die Partnerschaft in der Krise Krankheit stärken

Nehmen ist Geben und Geben ist Nehmen

Dankbarkeit und Vergebungsbereitschaft sind heilsam

Groll niemals kultivieren

Lernen, dankbar zu sein

9 Was Ihnen sonst noch guttut

Das weite Reich der Komplementärmedizin

Sowohl-als-auch statt Entweder-oder

Zurückhaltende Schulmedizin

Vorsicht Falle!

Die Vielfalt der Methoden

Wer zahlt?

Kleine Exkursion ins Glück

Kulturelle Unterschiede

Glück durch Haben und Tun

Folge deinem Glücksgefühl

Das Glück, etwas zu bewirken

Glück durch Sein

Glück durch Hirnaktivität

Es ist Ihre Einzigartigkeit, die zählt

Freude, schöner Götterfunken

10 Anhang

Ausgewählte komplementärtherapeutische Methoden im Überblick

Freude-Aktivität-Flowchart – vom Unbehagen zu Freude und Aktivität

Weiterführende Literatur

Quellen

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser

Wenn Sie dieses Buch zur Hand nehmen, sind Sie eingeladen, sich ganz bewusst auf ein Paradoxon einzulassen: Einerseits möchten Sie etwas erreichen – mehr Lebensqualität und Gesundheit –, andererseits lassen sich Ziele wie Wohlbefinden, Selbstheilungskräfte, Vertrauen, Lebensfreude nicht durch Leistungswillen aktivieren. Das Essenzielle Ihres Seins wächst ganz organisch, sobald Sie innehalten und damit beginnen, sich selbst in Frieden zu lassen. Das hört sich einfach an, ist für viele aber eine der grössten Herausforderungen des Lebens.

Manche Menschen tun alles, damit ihre Selbstheilungskräfte gestärkt werden. Manche tun scheinbar herzlich wenig dafür. Beide können mit ihrer Herangehensweise Erfolg haben – oder aber damit konfrontiert sein, dass die Selbstheilung nur mühsam in Gang kommt. Es ist wichtig, sich stets vor Augen zu halten, dass Sie weder für eine Krankheit noch für einen schleppenden Selbstheilungsprozess eine Schuld trifft. Genauso wenig, wie eine gute Selbstheilung Ihr Verdienst ist. Nennen Sie es ein Geschenk, Gnade, Gewinn – aber «verdienen» und «erarbeiten» lassen sich Selbstheilungskräfte nicht.

Wieso dann dieses Buch? Es soll Ihnen dabei helfen, den Boden für Ihre Selbstheilungskräfte zu bereiten. Wie Sie gute Voraussetzungen schaffen, was Sie für sich selbst und für Ihre Lebensqualität tun können, das lesen Sie in diesem Ratgeber, illustriert mit eindrücklichen Patientenbeispielen, einfach durchführbaren Übungen und dem wissenschaftlichen Hintergrund dazu, verständlich erklärt.

Wenn es um Ihre Selbstheilungskräfte geht, gibt es kein Richtig oder Falsch, keine Rezepte und keine Garantie, keine Leitlinie und keinen sicheren Weg. Es gibt nur Ihren Weg. Ihr Abenteuer. Und der Schatz am Ende des Regenbogens gehört Ihnen.

Delia Schreiber

im Januar 2024

Einleitung

Ein kleiner Schnitt in den Finger verlangt zur Heilung nur eine simple Massnahme: Abwarten. Vielleicht mit einem Pflaster als Schutz gegen Verschmutzung und Berührungsschmerz. Der Körper fährt derweil alle Geschütze der Abwehr gegen Infektionen und seine ganzen Gewebeheilungskünste auf – von selbst.

Wie oft haben Sie sich schon in den Finger geschnitten? Schauen Sie sich Ihre Finger an: Ausser bei sehr tiefen Schnitten sind nicht einmal Narben zurückgeblieben. Diese Selbstheilungskraft unseres Körpers erachten wir in der Regel als ganz normal. Aber wo hören diese Selbstheilungskräfte auf? Wo sind ihnen Grenzen gesetzt? Wer oder was setzt diese Grenzen? Und was können wir tun, um unsere Selbstheilungskräfte ordentlich anzukurbeln?

Diesen Fragen werden wir gemeinsam nachgehen. Ich schreibe gemeinsam, weil dies ein interaktives Buch ist; das heisst, Sie werden immer mal wieder zu der einen oder anderen Übung eingeladen, um sozusagen am eigenen Leib zu erleben, was wir gerade erarbeitet haben.

HINWEIS Eins ist klar: Auch wenn unser Körper über phänomenale Möglichkeiten der Selbstheilung verfügt und es gut ist, ihm zu vertrauen und das Beste von ihm zu erwarten, so braucht es dennoch bei vielen Krankheiten die Unterstützung der Medizin. Das Vertrauen in Ihre Selbstheilungskräfte darf Sie nicht dazu verführen, den Kopf in den Sand zu stecken und zu lange abzuwarten, wenn Sie Symptome haben, die nicht innerhalb von ein paar Tagen wieder verschwinden. In der Regel ist es nichts Ernstes. Und wenn doch, ist die Früherkennung immens wichtig. Viele Erkrankungen führen zu Schäden im Körper, die nach einiger Zeit nicht mehr rückgängig zu machen sind. Daher gilt, wenn es um beunruhigende Symptome geht: Vertrauen ist gut – aber Kontrolle muss auch sein.

Im besten Fall sind Sie gesund und werfen einen Blick in dieses Buch, um Ihren Organismus weiter zu stärken und Krankheiten vorzubeugen. Sie sind sich darüber im Klaren, wie kostbar ein gesunder Körper und ein gesunder Geist für die Lebensqualität und damit für ein gelingendes Leben sind. In diesem Buch finden Sie Ideen und Anregungen, wie Sie Ihre Gesundheit bewahren können.

Im schlechtesten Fall sind Sie oder ein Ihnen nahestehender Mensch bereits erkrankt, und dabei handelt es sich nicht nur um einen Schnitt in den Finger. Eine Diagnose kann einen Menschen in eine tiefe Krise stürzen. Man verliert die Orientierung, das eigene Leben steht Kopf, schwierige Emotionen wie Angst, Schuld, Wut, Ohnmacht und Verzweiflung überfluten den Geist. Es gibt so viel, das nun zu bewältigen ist. Eine schwere Reise beginnt. Auf dieser Reise soll dieses Buch Sie begleiten und Wege aufzeigen, wie Sie sich selbst, Ihre erkrankten Angehörigen oder Patientinnen und Patienten in der Krise Krankheit unterstützen können.

HINWEIS Die Idee ist nicht, dass Sie sich tapfer durch alle Übungen kämpfen. Lesen Sie dieses Buch nach dem Lustprinzip. Schlagen Sie Kapitel auf, die Sie interessieren. Machen Sie Übungen, von denen Sie glauben, dass sie ein Wohlbefinden in Ihnen auslösen könnten. Wenn Sie merken, dass Sie durch etwas unter Druck geraten, schlagen Sie das Buch an einer anderen Stelle wieder auf. Folgen Sie Ihrem Bauchgefühl und nicht Ihrem Leistungswillen.

VORSICHT: SCHULD UND SCHAM

Sie lesen in diesem Buch, welche Möglichkeiten Ihnen zur Verfügung stehen könnten, um Ihre Selbstheilungskräfte zu stärken. Bitte lassen Sie sich im Umkehrschluss nicht dazu verleiten, zu denken, Sie hätten etwas getan oder unterlassen, was Sie krank gemacht hat. Sie sind nicht schuld an Ihrer Erkrankung! Krankheitsentstehung ist wie die Gesundheitsentstehung etwas, das viele verschiedene Auslöser hat. Weshalb jemand krank wird, ist eine Frage, die die Medizin noch nicht beantworten kann. Hier gibt es nur Vermutungen.

Sie verfügen über Selbstheilungskräfte. Ob Sie diese im gewünschten Ausmass aktivieren können, steht nicht allein in Ihrer Macht. Sollten Sie Ihre persönlichen Ziele nicht erreichen, hat das nichts mit Unvermögen zu tun. Das Beste, was Sie für sich tun können, ist ohnehin, sich vertrauensvoll zurückzulehnen und von allem Abstand zu nehmen, was Ihnen unangenehmen Stress bereitet – auch davon, krampfhaft Selbstheilungskräfte aktivieren zu wollen!

Theoretische Grundlagen der Selbstheilung

Dass die mentale Haltung einen Einfluss auf körperliche Geschehnisse hat, das würden heute wohl nur wenige bestreiten. Doch gibt es dafür auch eine Erklärung? Die Antwort: Nicht eine, sondern mehrere. Im theoretischen Teil dieses Ratgebers sind die wichtigsten versammelt.

Heilung von zwei Seiten

Schulmedizin und Komplementärmedizin ergänzen sich ideal, denn sie gehen Krankheiten aus unterschiedlicher Perspektive an. Während die Schulmedizin vor allem das Eliminieren der Krankheit im Visier hat, fokussiert die Komplementärmedizin auf die Stärkung der körpereigenen Abwehr- und Selbstheilungskräfte.

Es ist eine banale Weisheit, dass alle Teile und Elemente unseres Körpers zusammenspielen, in einem einzigartigen Balanceakt, den die Wissenschaft noch längst nicht erschöpfend erforscht hat. Die Schulmedizin arbeitet vor allem mit diagnostischen Mitteln und Therapien, denen Forschungsergebnisse zugrunde liegen. Aber es gibt auch noch andere «Medizinen» als die Schulmedizin: Methoden aus der Erfahrungsmedizin unserer Breitengrade, aber auch aus anderen Ländern, wie zum Beispiel die traditionelle chinesische und die indische Medizin. Diese nennt man Komplementärmedizin. Die Schulmedizin fokussiert vor allem darauf, bereits entstandene Schäden gezielt zu reparieren. Die Komplementärmedizin geht den Schaden oft nicht direkt, sondern indirekt an. Sie stärkt den ganzen Organismus, sodass der Körper sich selbst um die Krankheit kümmern kann.

Standard- oder Komplementärmedizin?

Die Frage, welcher Weg der bessere ist, kann nur im Einzelfall und nach sorgfältiger Abwägung entschieden werden. Wie so oft im Leben könnte auch hier die klügste Entscheidung heissen: Das eine tun, das andere nicht lassen.

Die Photonen, Elementarteilchen des Lichts, besitzen sowohl Eigenschaften von Wellen als auch Eigenschaften von Teilchen. Licht ist also beides zugleich, je nachdem, wie wir es betrachten: Teilchen und Welle. Auch der Mensch besitzt beide Ebenen in seinem Körper: biochemische Wirkmechanismen und physikalische, elektromagnetische, quantenphysikalische Wirkmechanismen. Und beide sollten im Fall einer Erkrankung berücksichtigt werden. Der biochemische Wirkmechanismus wird hervorragend durch die Schulmedizin abgedeckt. Dem zweiten Wirkmechanismus wird vor allem die Komplementärmedizin gerecht. Sie rückt ganz anderen Krankheitsursachen auf den Pelz als die Schulmedizin.

Der Stress mit dem Stress

Einer der grossen Krankmacher unserer Zeit ist Stress – und gerade hier ist die Schulmedizin auf die ergänzenden Methoden der Komplementärmedizin angewiesen. Stress führt zu Atembeschwerden und einem stresshormonüberfluteten Hirn, dessen Denkfähigkeit und Konzentration beeinträchtigt werden. Der Blutdruck steigt, die Durchblutung verändert sich, der Herzschlag beschleunigt sich. Die Nebennierenrinde schüttet das Stresshormon Cortisol aus; es führt auf die Dauer dazu, dass Netzwerke im Hirn destabilisert werden. Das kann auch Vorteile haben, zum Beispiel wenn diese neuronalen Verschaltungen eher negativ sind. Das überaktivierte Stresssystem greift jedoch tief in unser Immunsystem ein und bringt dieses durcheinander. Die Schulmedizin vermag auf die dadurch entstehenden Erkrankungen einzuwirken, Symptome zu lindern. Aber oft versagt sie, wenn es darum geht, den Körper, der das Entspannen verlernt hat, wieder in seine ursprüngliche Aktivitäts-Ruhe-Balance zu bringen. Monate- und jahrelanger Stress führen nicht selten dazu, dass auch eingehaltene Ruhephasen nicht mehr die gewünschte Entspannung bringen. Hier braucht es tiefgreifendere Hilfe – und genau diese kann die Komplementärmedizin leisten. Dabei erfolgt die Hilfe nicht immer mit Substanzen, die eingenommen werden müssen, sondern oft mit Körper- und Atemübungen, durch eine ganz bestimmte Form, sich selbst zu begegnen: wohlwollend, achtsam, mit wechselndem Fokus nach innen und aussen. Damit rücken Komplementärtherapeuten den Ursachen von stressbedingten Erkrankungen auf den Leib, während die Schulmedizin ihnen nur mit Symptombekämpfung begegnen kann.

Heilung mit Herz und Hirn

Die Selbstheilung ist ein Grundprinzip unseres Lebens, auf das wir uns verlassen. Interessant ist, dass unser Vertrauen in die Heilkraft unseres Körpers sich zumeist schneller erschöpft als die Selbstheilungskräfte an sich. Ein Beispiel: Wie viele Menschen schleppen sich mit einem simplen fiebrigen Infekt zum Arzt. Da sitzen sie verschnupft niesend in der Praxis und verstreuen munter ihre Viren, statt sich ins Bett zu legen und schlicht abzuwarten. «Ich brauche Medikamente, damit die Erkältung schneller abflaut. Ausserdem brauch’ ich was, um die Symptome zu bekämpfen, damit ich weiter arbeiten kann.» Doch keine durch Viren bedingte Erkältung heilt mit Medikamenten schneller ab. Die Symptome lassen sich natürlich unterdrücken, aber eben nur das. Damit unterstützen wir nicht die Selbstheilungskräfte, sondern schwächen sie im Gegenteil. Dem Umsatz der Firma, für die wir arbeiten, und dem Bruttosozialprodukt helfen wir mit unserer heroischen Einstellung auch nicht weiter.

Die Kunst, auf sich selbst aufzupassen

Wer Fieber hat, ist in der Regel ansteckend. Senkt man das Fieber mit einem Medikament, fühlt man sich zwar nicht mehr fiebrig, ansteckend ist man jedoch weiterhin. Wenn wir uns also mit Fieber- und Schmerzkillern bewaffnet ins Büro schleppen, treten wir dort möglicherweise eine Erkältungswelle los, die zu vermehrten Krankheitstagen und zu Arztbesuchen führt. Das schadet (gesundheits-)ökonomisch mehr, als es nützt.

Damit sind wir im Prinzip schon beim Kern des Problems. Es gibt eine Methode, mit der wir unsere Selbstheilungskräfte garantiert torpedieren können: unachtsamer Umgang mit uns selbst. «Pass auf dich auf!», rufen wir einander aufmunternd zu. Leichter gesagt als getan, denn diese Kunst hat uns in der Regel keiner beigebracht. Und bei dieser Kunst geht es nicht nur um Selbstheilungskräfte, sondern auch um Vertrauen, um Selbstvertrauen, darum, stressfrei aus dem Vollen schöpfen zu dürfen. Es geht um die Erlaubnis, im lustvollen Tun Fehler machen zu dürfen und trotzdem ein gelingendes Leben zu führen.

Eine Quelle der Selbstheilung: Ihr Denken

Heilung ist nicht nur eine Sache des Körpers. Heilung beginnt im Kopf, in Ihrem Hirn, noch genauer: in Ihren Gedanken. Wobei ich Sie hier nicht zum positiven Denken anstiften will. Im Gegenteil – wer geheilt werden will, muss seine Wunden zu würdigen wissen. Aber wenn man sie zu lange leckt, wird damit ihre Heilung unter Umständen verhindert.

Unser Hirn ist – neben den fantastischen Selbstheilungskräften unseres Körpers – der Hauptproduzent von Gesundheit. Das Hirn ist nicht nur der Sitz unseres bewussten Verstandes, sondern auch von vielen unbewussten Fähigkeiten und Kompetenzen. Zudem hat unser Hirn Zugriff auf Gefühle und kann diese hilfreich steuern, denn «Herzensangelegenheiten» sind wichtig, wenn es um unsere Gesundheit geht.

Gerade diejenigen Hirnstrukturen, die unserem bewussten Denken nicht so einfach zugänglich sind, bieten eine Fülle von heilsamen Möglichkeiten, lösungsorientierten Strategien und regelrechten Programmen, die man zur «Herstellung» von Gesundheit aktivieren kann.

INFO Apropos Programme: Haben Sie gewusst, dass in jeder einzelnen Ihrer Körperzellen ständig krankheitsabwehrende und gesundheitsfördernde Programme laufen – ganz von alleine? Unsere Zellen sind wahre Mini-Gesundheitsfabriken. Und wussten Sie, dass nützliche Erfahrungen unsere Gene verändern können? Auf der Recherche nach den Wurzeln und Mechanismen unserer Selbstheilungskräfte stösst man auf Tatsachen und Theorien, die Mut machen und begeistern.

Darf ich vorstellen: Ihr innerer Arzt

Mediziner werden in der Ausbildung darauf trainiert, die Krankheit im Menschen zu erkennen und zu therapieren. Das ist auch gut so. Den Menschen in der Krankheit zu betreuen ist aber ebenso wichtig. Hier kommt Ihr innerer Arzt zum Zug. Holen Sie ihn ins Team!

Wenn Sie erkranken, gehen Sie zum Arzt – wahrscheinlich zuerst zum Hausarzt, der Sie bei Bedarf zu einem Spezialisten weiterschickt. Mediziner sind dafür ausgebildet, Krankheiten zu erkennen und zu therapieren. Während seiner Ausbildung durchläuft ein Arzt fast ein Jahrzehnt lang eine Art Gehirntraining, das ihn befähigt, in phänomenaler Weise Symptome zu erkennen, miteinander zu verknüpfen und in kürzester Zeit eine Diagnose zu stellen.

Was ihm bei diesem intensiven Training häufig abhanden kommt, ist der Fokus auf den Menschen in der Krankheit. Er wird darauf trainiert, die Krankheit im Menschen zu behandeln – nicht umgekehrt. Er wird nicht darin geschult, den Menschen mit all seinen Facetten, Möglichkeiten, Fähigkeiten und Bedürfnissen durch die Krise Krankheit zu navigieren. Sein Ziel ist einzig, die Krankheit zu erkennen, zu benennen und die geeigneten Therapien zu identifizieren, um Sie möglichst rasch und möglichst gründlich davon zu befreien, damit Sie wieder Ihr normales Leben aufnehmen können. Das heisst natürlich nicht, dass Ärztinnen und Ärzte das Menschliche und allzu Menschliche in ihren Patienten und Patientinnen grundsätzlich vernachlässigen. Aber es ist nicht ihr Kerngeschäft.

Wer ist denn dann zuständig für den Menschen in der Krankheit? Wer ist zuständig, wenn es darum geht, Ihre inneren Kräfte und Möglichkeiten zu aktivieren und zu stärken? Das ist Ihr «innerer Arzt».

Diagnose und Therapie von innen

Ihr innerer Arzt – oder natürlich Ihre innere Ärztin – steht für all das, was Sie in Bezug auf die Krankheit intuitiv wissen und selbst anwenden oder organisieren können. Die Diagnoseinstrumente Ihres inneren Arztes sind Ihre Selbstwahrnehmung, Ihre Sinne, Ihre Gedanken, Ihre Körperempfindungen, Ihre Intuition, Ihre inneren Bilder, Ideen und Ahnungen. Die Therapiemöglichkeiten Ihres inneren Arztes sind unvergleichlich vielfältig. Und er hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber Ihren äusseren Ärzten: Er weiss immer ganz genau, was in Ihnen vorgeht. Er weiss es sogar, wenn Sie es nicht wissen. Denn er hat Zugang zu Hirnbereichen, zu denen Ihr Bewusstsein keinen Zugang besitzt. Ihr innerer Wunderheiler hat Einblick in die innersten Zellvorgänge, hat Zugriff auf Ihre Energien und braucht Sie nie zu fragen: «Wie gehts uns denn heute?», denn er weiss es zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ihr innerer Arzt ist in der Lage, sämtliche körperlichen und seelischen Geschehnisse gleichzeitig zu überblicken. Wenden Sie sich also vertrauensvoll an ihn (und lesen Sie keine Packungsbeilagen – aber dazu kommen wir später).

Sprechstunde beim inneren Arzt

Seine Therapiemöglichkeiten können zum Beispiel damit beginnen, dass er Ihnen Ruhe verordnet, indem er Ihnen zeigt, wie müde und erschöpft Sie sind. Er sendet Ihnen eine Emotion aus Ihrem Unbewussten, von der er weiss, dass sie die Heilung entscheidend vorantreibt, wenn Sie sie annehmen und eine Weile mit ihr unterwegs sind. Er zeigt Ihnen mittels Lust und Unlustgefühl, welche Tätigkeiten, Nahrungsmittel, Bewegungen, menschlichen Kontakte jetzt gerade heilsam oder weniger zuträglich für Sie sind.

Einflüsse, die von aussen auf Sie einprallen – auch die, die Sie selbst gar nicht bemerken –, werden von Ihrem inneren Arzt sortiert, und er begleitet Sie dabei, diesen auf eine für Ihren Organismus stärkende Weise zu begegnen.

INFO Paracelsus sagte: «Der Arzt verbindet nur deine Wunden. Dein innerer Arzt aber wird dich gesunden. Bitte ihn darum, so oft du kannst.» Und der berühmte deutsch-französische Arzt Albert Schweitzer ermahnte seine Kollegen: «Alle Patienten tragen ihren eigenen Arzt in sich. Sie kommen zu uns, ohne diese Wahrheit zu kennen. Wir sind dann am erfolgreichsten, wenn wir dem Arzt, der in jedem Patienten steckt, die Chance geben, in Funktion zu treten.»

Dem inneren Arzt eine Praxis einrichten

Wichtig ist, dass Sie selbst Ihren inneren Arzt als heilende Instanz in sich wahrnehmen und ihm genügend Raum und Zeit geben, um tätig zu werden. Oft machen wir in einer Krisensituation den Fehler, uns entweder durch äussere Umstände, durch unsere Gedanken oder durch unsere Gefühle leiten zu lassen. In der Regel führt jeder dieser Wege früher oder später in eine Sackgasse. Falls Sie frisch erkrankt sind, ist Regel Nr. 1, um Ihrem inneren Arzt Platz zu machen: Was immer von aussen an Sie herangetragen wird, was immer Ihr Gedankenkarussell Ihnen als Logik verkauft und wozu auch immer Ihre Gefühle und Emotionen Sie drängen – kochen Sie sich erst eine Tasse Tee und besprechen Sie alles mit Ihrem inneren Arzt. Sie tun damit nichts anderes, als Ihren Selbstheilungskräften Raum zu verschaffen.

Zugegeben, das hört sich etwas seltsam an, und es ist vielleicht auch nicht die beste Idee, im Bus oder auf dem Parkbänkchen mit Ihrem inneren Arzt laut ein Gespräch zu führen. Obwohl – warum eigentlich nicht? Wenn Ihnen danach ist, tun Sie es ruhig.

HINWEIS Eine Sprechstunde bei Ihrem inneren Arzt können Sie jederzeit haben. Alles, was es dazu braucht, ist etwas Ruhe.

Mein innerer Arzt ist nicht dein innerer Arzt

Innere Ärzte sind so verschieden wie die Menschen selbst. Das Wichtigste ist, dass sie wohlwollend und unterstützend sind. Ein guter innerer Arzt wertet Sie und Ihr Verhalten nicht ab. Er schaut liebevoll hin. Schauen wir uns ein paar Beispiele an, wie die Begegnung mit dem inneren Arzt aussehen könnte:

ROSALY, 49. Der innere Arzt als Symbol für meinen inneren Reichtum an Selbstheilungskräften war für mich sehr hilfreich. Mir fiel spontan ein Name ein: Meine innere Ärztin heisst Frau Dr. Weisgut. Ich hatte das Bedürfnis, eine Gestalt vor mir zu haben, und googelte Bilder zum Begriff «Ärztin» und «Ärzteteam» etc. Die meisten Bilder waren unbrauchbar, aber dann entdeckte ich sie. Sie ist eine ältere, verschmitzt dreinblickende Dame, die eine wundervolle Zuversicht und Kompetenz ausstrahlt. Ich sah sofort: Das Leben hat sie mit allen Wassern gewaschen. Die kennt sich aus. Der kann ich vertrauen. Ich druckte das Bild aus, und wenn mich die Herausforderungen und Ängste mal wieder zu überschwemmen drohen, so greife ich zu diesem Bild und halte innerlich Zwiesprache mit ihr.

Rosaly entschied sich dafür, ihrer inneren Ärztin ein Gesicht zu geben. So baute sie ihrem Hirn eine Brücke, damit sie sich auf die Impulse zur Selbstheilung, die ihr Organismus entstehen liess, einlassen konnte.

YVONNE, 24. Mein innerer Arzt – schön und gut, dachte ich. Aber mit diesem Begriff allein kam ich nicht weiter. Ich bin ein sinnlicher Mensch und brauche für abstrakte Begriffe eine «Übersetzung», damit auch der Rest von mir begreift, um was es eigentlich geht. Auf einem langen Spaziergang stimmte ich mich auf meinen inneren Arzt ein und gab sozusagen meinen Augen den Auftrag, ein Symbol dafür zu finden. Da entdeckte ich in einem kleinen Waldbächlein einen Stein in Herzform, mit ganz vielen glitzernden Quarzeinschlüssen. Das ist mein Symbol, mein Zugang zu meinem inneren Heiler. Wenn ich seine Gegenwart brauche oder ihm einen Auftrag geben will, halte ich den Stein in meiner Hand und spreche aus, was mir Sorgen macht und was ich mir wünsche.

Der Stein ist für Yvonne das, was die wissenschaftliche Forschung einen Prime nennt (siehe Kasten auf der nächsten Seite). Und Yvonnes Eindruck stimmt – ein selbst gewählter Prime kann tatsächlich immer wieder die Quellen ihrer Selbstheilung anregen. Dafür muss er mit positiven Gefühlen verknüpft sein. Den Stein in der Hand zu halten hilft Yvonne, sich auf ihr Inneres, auf die «Stimmen» der Selbstheilungskräfte zu konzentrieren. Das Gewicht und die Textur des Steins zu spüren unterstützt sie dabei, ihren inneren Ressourcen Raum zu geben.

EINE BRÜCKE FÜRS HIRN

Die Prime-Forschung beschäftigt sind mit dem Phänomen, dass ein Reiz, zum Beispiel ein Gegenstand, in unserem Gedächtnis gespeicherte innere Bilder aktivieren kann. Die aktivierten Bilder machen wir uns meist nicht bewusst, aber sie bestimmen unser Verhalten mit. Untersuchungen zeigten etwa, dass Menschen, die mit Begriffen zum Thema Alter Sätze bilden sollten, sich danach für eine gewisse Zeit bedeutend langsamer bewegten als Personen, die die Aufgabe hatten, mit neutralen Wörtern Sätze zu bilden. Primes können stärkendes und schwächendes Verhalten auslösen.

Genau genommen ist jedes Objekt in Ihrer Wohnung ein Prime. Stehen bei Ihnen alte Möbelstücke herum, oder hängen in Ihrem Schrank Kleidungsstücke, die Sie an belastende Ereignisse erinnern? Jedesmal, wenn Sie diese Objekte sehen, werden in Ihrem Hirn die alten Krisennetzwerke aktiviert. Vielleicht ist es an der Zeit, sich von ein paar Sachen zu trennen?

ROLF-ULRICH, 65. Ich wollte meinem inneren Arzt begegnen und machte ihn zum Fokus einer Meditation. Als ich seine Gegenwart das erste Mal wahrnahm, war mir klar: Das ist niemand anderer als Jesus selbst. Die Christuskraft hat in mir Gestalt angenommen. Ich habe zum ersten Mal begriffen, was beten bedeutet: mich Gott gegenüber ganz öffnen – mit allem Schwierigen, Schmerzhaften, Zerbrochenen, das in mir ist. Es ihm hinlegen. Und vertrauen, dass von ihm eine heilende Kraft kommt.

Bei gläubigen Menschen wie Rolf-Ulrich mündet die Konzentration auf die inneren Kräfte oft in ein Gebet. Es ist ein Schritt des Vertrauens – in Gott, ins Leben, in das, was die Zukunft bringt. Vertrauen heisst für den Gläubigen (oder auch für den normalen Zweifler), sich in seinem Schmerz an Gott zu wenden und ihn nicht zu betäuben durch Menschen, Dinge oder Tun.

Ob eine spirituelle Figur, ob ein inneres Bild oder ein Gegenstand – die Forschung gibt den Menschen in den Beispielen oben recht: Es ist einfacher, sich auf ein inneres Ziel oder Konzept zu konzentrieren, wenn wir Primes (in diesem Fall einen Erinnerungsgegenstand oder ein Erinnerungsbild) dafür haben. Manchen Menschen reicht aber schon ein Name oder der Begriff «innerer Arzt» selbst, um sich die Präsenz der Selbstheilungskräfte ins Bewusstsein zu rufen.

Innerer und äusserer Arzt – ein starkes Team

Nicht nur Ihr innerer Arzt ist wichtig, um die Selbstheilung anzukurbeln, sondern auch der äussere Arzt. Im besten Fall sind die beiden ein Team und ziehen an einem Strang. Ihr äusserer Arzt kümmert sich um dasjenige System oder Organ Ihres Körpers, das Heilung braucht. Darüber hinaus haben Ihr Arzt, Ihre Ärztin, Ihr Krankenpfleger, Ihre Physio- oder Ergotherapeutin, Ihre Seelsorgerin und Ihr Psychotherapeut es in der Hand, auch Ihre Selbstheilungskräfte zu stärken. Allerdings nur gemeinsam mit Ihnen.

INFO Eine Studie des Neuropsychotherapeuten Klaus Grawe 1 an der Universität Bern ergab, dass einer der wichtigsten Wirkfaktoren der Psychotherapie die Qualität der Beziehung zwischen Therapeut und Klient ist. In eigenen Umfragen in zahlreichen Workshops bestätigten Patientinnen und Patienten dieses Ergebnis unisono: Eine vertrauensvolle Beziehung zu unseren medizinischen Experten hat Heilkraft.

1 Für diese und alle weiteren erwähnten Quellen siehe Anhang

Grawe schrieb: «Eine gute Therapiebeziehung bewirkt nicht nur direkt ein verbessertes Selbstwertgefühl des Patienten und erhöht seine Bereitschaft, sich seinen Schwierigkeiten zu stellen, sie öffnet den Patienten auch für die therapeutischen Einflüsse, macht ihn aufnahmebereit für die therapeutischen Interventionen, die ohne eine solche Aufnahmebereitschaft nicht viel ausrichten würden.» Er erklärte weiter, dass es vor allem darauf ankomme, wie der Patient den Therapeuten und die Therapiebeziehung wahrnimmt und was er selbst für einen Beitrag zu einer guten Therapiebeziehung leistet.

NORA, 59. Meine MS (Multiple Sklerose, chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems) ist unberechenbar. Ich weiss nie, wann ich wieder einen Schub habe. Dann kann ich mit meiner rechten Hand nicht mehr greifen, und die Beine gehorchen mir nicht mehr. Mein Neurologe kann mir Gott sei Dank immer zeitnah einen Termin geben. Und es ist manchmal wie ein Wunder – schon bevor er mir die Medikation verabreicht, geht es mir besser. Es kam schon vor, dass er mir nicht glauben wollte, dass ich einen Schub habe, weil ich ihm fast ganz normal die Hand geben konnte und gleich darauf erklärte, ich könne mit der Hand nicht greifen. Er packte meine Hand, ich drückte zu, und er sagte erstaunt: «Na, geht doch!» Es ist einfach so: Sobald ich weiss, dass er sich meiner annimmt, geht es mir besser, und die Symptome nehmen ab.

Mit dieser Beobachtung steht Nora nicht alleine da. Vielen Patientinnen und Patienten geht es so, dass ihr Befinden sich in der Kommunikation oder der Begegnung mit ihrem Arzt schlagartig bessert. Offenbar arbeiten der innere und der äussere Arzt in den meisten Fällen Seite an Seite. Der innere Arzt signalisiert: «Passt. Hier sehe ich einen kompetenten Kollegen und eine gute Kommunikation. Du fühlst dich aufgehoben und gut begleitet. Das hilft mir, zu wirken.»

Die Droge Arzt

Michael Balint, einer der Pioniere der psychosomatischen Medizin, der schon in den 50er-Jahren darauf hinwies, wie wichtig die Arzt-Patienten-Beziehung für den Prozess der Heilung ist, nannte diesen Effekt die «Droge Arzt».

Auf den ersten Blick wirkt der Begriff «die Droge Arzt» nicht gerade sympathisch. Aber Balint redet nicht nur von einer Droge, sondern von einem Heilmittel. In einem Forschungsseminar, das er in London hielt, ging es um die psychologischen Probleme innerhalb der medizinischen Allgemeinpraxis:

«Eines der ersten Themen, die zur Diskussion kamen, betraf die gebräuchlichsten, vom praktischen Arzt besonders oft verschriebenen Medikamente. Und gewiss nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin führte die Diskussion sehr bald zu der Erkenntnis, dass das am allerhäufigsten verwendete Heilmittel der Arzt selber sei. Nicht die Flasche Medizin oder die Tabletten seien ausschlaggebend, sondern die Art und Weise, wie der Arzt sie verschreibe – kurz, die ganze Atmosphäre, in welcher die Medizin verabreicht und genommen wird.»

Sehr bald warf die bahnbrechende «Droge Arzt» jedoch die ersten Fragen auf:

«Um es auf eine Weise auszudrücken, die dem Arzt vertraut ist: In keinem Lehrbuch steht etwas über die Dosierung, in welcher der Arzt sich selbst verschreiben soll (…) Noch beunruhigender ist der Mangel an Literatur über die Risiken dieses Medikaments, über die vielfältigen allergischen Zustände, auf die man die Patienten zu beobachten hat, oder über etwaige unerwünschte Nebenwirkungen.»

TIPP Ihr Vertrauen in Ihren Arzt, Ihre Ärztin, Ihre Pflegenden, Ihren Physiotherapeuten, Ihre Psychotherapeutin hat Heilkraft. Pflegen Sie dieses Vertrauen mit allen Mitteln, die Ihnen zur Verfügung stehen: mit Ihrem Denken, Ihrem Optimismus, Ihrer (Körper-)Haltung, Ihrer guten Kinderstube, Ihrer Menschlichkeit, Ihrer Freundlichkeit, Ihrem Verständnis und Ihrem Lächeln.

Ihre Bedürfnisse zählen

Stellen Sie sich vor, Ihr Arzt würde Sie nach Ihren Zielen fragen und gemeinsam mit Ihnen an Ihren selbst gesteckten Zielen arbeiten, statt sich an der medizinischen Machbarkeit zu orientieren. Sie würden zu 100 % hinter den Behandlungsmassnahmen stehen, die Sie gemeinsam beschlossen hätten, da Sie wüssten: Damit erreiche ich mein Ziel.

Eine gute Beziehung zum Arzt, zur Ärztin

verbessert das Selbstwertgefühl des Patienten

erhöht seine Bereitschaft, sich den Schwierigkeiten zu stellen

macht ihn aufnahmebereit für therapeutische Einflüsse.