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Der Druck der Ansprüche, den viele Eltern heute spüren, scheint unermesslich. Alles muss perfekt sein: vor allem sie selbst. Aber die Wirklichkeit schert sich nicht um Ansprüche. Die erfahrene Psychotherapeutin Susan Pollak zeigt anhand einer Fülle von Fallstudien und Übungen, wie achtsames Selbstmitgefühl in jeder Phase der Elternschaft zur entscheidenden Ressource werden kann. Aufbauend auf dem bewährten MSC-Programm, stellt sie ein maßgeschneidertes Sortiment an hilfreichen Übungen für Eltern zusammen, um allen Herausforderungen der Elternschaft von der Geburt bis zum Flüggewerden der Kinder mit Achtsamkeit und Liebe zu begegnen. Die Jahre der Elternschaft können so zu einem leichteren, lustigeren, weiseren und von mehr Liebe erfüllten Lebensweg werden – gerade in den unvermeidlichen Krisen des Lebens. Geführte Meditationen (gesprochen von Julia Süssmann) sind über einen Link im Buch zum Download verfügbar.
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Seitenzahl: 515
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Susan Pollak
Selbstmitgefühlfür Eltern
Sorge für dein Kind, indem du für dich selbst sorgst
Mit einem Vorwort von Christopher Germer
aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Christine Bendner
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel: Self-Compassion for Parents – Nurture Your Child by Caring for Yourself bei Guilford Publications, Inc. 370 Seventh Avenue, Suite 1200 New York, NY 10001–1020 USA
Deutsche Erstausgabe
1. Auflage 2021
Copyright der deutschen Ausgabe © 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Originalausgabe: Copyright © 2019 The Guilford Press, A Division of Guilford Publications, Inc.
Published by arrangement with The Guilford Press
Lektorat: Georg Grässlin
Titelfoto: © Amy Treasure / unsplash.com
Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de
Alle Rechte vorbehalten
www.arbor-verlag.de
ISBN 978-3-86781-373-0
Für Adam, Nathaniel und Hillary;für das Lachen, die Freude und Schönheit, die ihr in unser Leben bringt
Impressum
Vorwort
Einleitung
1 »Bitte lass es aufhören – ich kann nicht mehr!«
Erziehungsarbeit ist eine überwältigende Aufgabe
2 »Warum ist das so schwer?«
Selbstmitgefühl als Rettungsinsel nutzen
3 »Woher kam das denn?«
Die Auseinandersetzung mit dem »Gepäck«, das wir als Eltern mitbringen
4 »Ich werde nie gut genug sein«
Die Falle des Vergleichens meiden
5 »Was soll ich tun?«
Mit den unvermeidlichen Unsicherheiten des Elterndaseins arbeiten
6 »Warum können nicht alle einfach mal runterkommen?«
Der Umgang mit unvermeidlichen »hitzigen« Gefühlen
7 »Es ist einfach alles zu viel«
Die Kraft des Mitgefühls in besonders schwierigen Zeiten nutzen
8 Wurzeln und Flügel
Was wir unseren Kindern mitgeben
Selbstmitgefühls-Werkzeugkiste für Eltern
Literatur
Danksagung
Über die Autorin
Liste der Audioaufnahmen
Hast du als Mutter oder Vater jemals den Wunsch verspürt, eine weise und mitfühlende Person möge auf deiner Türschwelle auftauchen, wenn du sie gerade am dringendsten brauchst – wenn dein Kleinkind einen Wutanfall hat, deine Tochter in der Schule schikaniert wird, wenn du dich mit deinem Partner oder deiner Partnerin nicht über den Erziehungsstil einigen kannst, wenn der Ferienstress überhandnimmt oder du einfach überfordert bist? Wenn ja, dann ist dieses Buch für dich geschrieben worden.
Susan Pollak ist seit über 30 Jahren Mutter und sogar noch länger als klinische Psychologin tätig. Sie meditiert seit Jahrzehnten regelmäßig und ist eine Vorreiterin bei der Integration von Achtsamkeit und Selbstmitgefühl in die Psychotherapie (und den Alltag). Anhand von überzeugenden Beispielen macht Susan Pollak klar, dass sie die Herausforderungen der Elternschaft in- und auswendig kennt, und sie führt ihre Leserinnen und Leser behutsam zu einer neuen Beziehung zu sich selbst und ihren Familien – eine Beziehung, die von Liebe und verbundener Präsenz getragen wird. Das ist Selbstmitgefühl.
Wenn Eltern zum ersten Mal von Selbstmitgefühl hören, sagen sie oft: »Oh, genau das brauche ich!« Eltern stoßen oft an die Grenzen ihrer Fähigkeit, freundlich und mitfühlend mit ihren Lieben umzugehen, und sie verstehen instinktiv, dass sie sich selbst fürsorglicher behandeln müssen, um anderen mehr geben zu können. Doch vieles hindert uns am Selbstmitgefühl – daran, genauso freundlich und verständnisvoll mit uns selbst umzugehen, wie wir es so bereitwillig mit anderen tun. Es gibt falsche Vorstellungen über Selbstmitgefühl, beispielsweise, dass es eine Menge mit Selbstmitmitleid, Selbstverhätschelung und Selbstsucht gemein habe, oder uns schwach und unmotiviert mache. Die wissenschaftliche Forschung weist allerdings zunehmend genau auf das Gegenteil hin: nämlich, dass sich selbstmitfühlende Menschen anderen gegenüber mitfühlender verhalten, dass sie besser für sich sorgen, dass sie emotional stabiler sind, ihre Probleme eher mit Abstand betrachten können und motivierter sind, ihre Ziele zu erreichen. Andere Hindernisse im Hinblick auf Selbstmitgefühl sind persönlicher Natur, beispielsweise Botschaften aus der Vergangenheit, die uns sagen, dass wir uns selbst keine Aufmerksamkeit schenken, sondern uns nur um andere kümmern sollten – insbesondere innerhalb der Familie – oder dass wir es einfach nicht verdient haben, einmal inne zu halten und uns um uns selbst zu kümmern, weil es so viel zu tun gibt.
Die gute Nachricht ist, dass jede und jeder lernen kann, selbstmitfühlender zu werden. Kristin Neff, eine an der University of Texas in Austin forschende Psychologin und ich haben ein achtwöchiges Trainingsprogramm entwickelt, das 2010 an den Start ging und heute überall auf der Welt gelehrt wird: Mindful Self-Compassion oder MSC (Achtsames Selbstmitgefühl). Das Interesse an diesem Thema ist riesengroß – vielleicht, weil die Wirkung von Selbstmitgefühl fast unmittelbar spürbar ist. Es kann auch eine Offenbarung sein, zu entdecken, dass wir alle die Fähigkeit haben, uns selbst zum großen Teil die Freundlichkeit und das Verständnis entgegen zu bringen, die wir oft vergeblich von anderen zu bekommen hoffen.
Susan Pollak hat schon früh erkannt, welche Kraft im Selbstmitgefühl liegt. Sie war eine der ersten MSC-Lehrerinnen und ist inzwischen MSC-Ausbilderin. Ich bin sehr glücklich darüber, dass Susan in diesem Buch ihre tiefen Erkenntnisse über Selbstmitgefühl und ihr Wissen über MSC weitergibt. Eltern sind ganz besonders »reif« für Selbstmitgefühl: Sie kennen die Kämpfe und sie kennen Mitgefühl. Sie müssen im Hinblick auf ihr Mitgefühl einfach gelegentlich einen Richtungswechsel vornehmen und entdecken, welche positiven Auswirkungen das auf sie selbst und ihre Familien haben kann.
Dieses Buch ist eine der niederschwelligsten Einführungen in Selbstmitgefühl, die ich kenne. Es lehrt nicht über Selbstmitgefühl, sondern stellt mithilfe von detaillierten Beispielen, persönlichen Anekdoten und intelligenten Übungen, (die zeigen, wie man elterliche Konflikte durch Achtsamkeit und Selbstmitgefühl transformieren kann,) eine direkte Verbindung zur täglichen Aufgabe des Elternseins her. Es ist tatsächlich so, als hätte man eine weise und mitfühlende Freundin an der Seite. Aber, was noch besser ist: das Buch zeigt den Leserinnen und Lesern, wie sie selbst zu ihrer/ihrem weisen und mitfühlenden Freundin/Freund werden können. Man muss nicht einmal eine Minute darauf warten, dass er oder sie auftaucht.
Dieses Buch lädt dich ein, all jene Verhaltensweisen aufzugeben, die die Erziehungsaufgabe noch schwieriger machen, als sie bereits ist: sich selbst mit anderen Eltern vergleichen, deine Kinder mit anderen Kindern vergleichen, sich selbst für unvermeidliche Fehler anklagen oder unnötigerweise mit deinen Kindern oder deinem Partner, deiner Partnerin zanken. Du wirst stattdessen eingeladen, inmitten der ganzen Schwierigkeiten auf eine authentische Weise mit dir selbst in Kontakt zu treten, neugierig wahrzunehmen, was du fühlst und dich dann um dich selbst zu kümmern – um dein Herz zu kümmern – und dir in diesem Moment zu erlauben, einfach so zu sein, wie du bist.
Christopher Germer, PHDHarvard Medical School/Cambridge Health Alliance
Kürzlich half ich einigen Cousinen bei den Vorbereitungen für eine Hochzeitsfeier meiner Familie auf dem Land. Eine von ihnen war eine junge Mutter von drei kleinen Kindern, einschließlich eines Neugeborenen. Wir fingen an, über Elternschaft und Erziehung zu sprechen. »Also, wie gut mache ich es?«, fragte Emma geradeheraus und sah angespannt aus. »Ich bin die Letzte, die das zu beurteilen hat«, beruhigte ich sie. Während eines der Kinder um Aufmerksamkeit heischend an ihrem Bein zog, gab ich eine Zeile aus einem meiner Lieblingstexte der Schriftstellerin Tillie Olsen wieder: »Mutter zu sein bedeutet, ständig unterbrechbar zu sein.«1 Sie lachte und erwiderte: »Und ununterbrochen korrigierbar zu sein. Und ständig kritisiert zu werden. Ich habe nie das Gefühl, dass ich es richtig mache. Wenn meine Kinder außer Rand und Band geraten, starren mich die Leute an, als würde ich jugendliche Straftäter heranziehen. Ich weigere mich, sie in Zwangsjacken zu stecken und ihnen einen Schnuller in den Mund zu schieben oder sie wie abgerichtete Hündchen an der kurzen Leine zu führen. Als ich klein war, hatte ich die Freiheit, zu rennen, zu klettern, zu schreien und wild zu sein. Heute scheint es, als sei es nicht in Ordnung, wenn Kinder Lärm machen und Spaß haben. Es kommt mir so vor, als sollten sie stets still und zurückhaltend sein. Das ist unmöglich.«
Emmas Worte beschäftigten mich noch länger und beunruhigten mich. Sie hatte etwas ausgesprochen, das ich von fast allen Eltern höre, die ich kenne. Elternschaft ist für niemanden leicht. Wir fühlen uns nie gut genug. Die Dinge laufen fast nie nach unserer Vorstellung. Und wenn sie es nicht tun, dann geben wir uns die Schuld, kritisieren unsere Kinder, strengen uns noch mehr an und versuchen, noch mehr Kontrolle auszuüben. Wir werden angespannt und deprimiert. Unsere Kinder werden angespannt und deprimiert. Wir schauen über die Schulter, vergleichen uns mit unseren Freundinnen, Familien, Nachbarinnen. Wir schlafen schlecht. Was machen wir falsch? Kann man diesem endlosen, freudlosen Kreislauf entkommen?
Halte inne. Atme. Lausche. Hör auf, auf dir herumzuhacken. Sei ein bisschen nachsichtiger mit dir. Hör auf, mit deinen Kindern oder deinem Partner / deiner Partnerin zu zanken. Sigmund Freud hatte recht, Emma ebenso – Elternschaft ist ein »unmöglicher Beruf«. Der Versuch, unsere Kinder zu dominieren oder ihnen einen Maulkorb zu verpassen, ist ein vergebliches Unterfangen. Expert:innen sagen uns, dass letztendlich kaum etwas vorhergesagt oder kontrolliert werden kann.
Wir alle sind erschöpft, angespannt und besorgt. Und wir sind damit nicht allein. Ein Historiker, der sich mit der amerikanischen Kultur auseinandergesetzt hat, bemerkte einmal, »In keinem anderen Land existiert eine so allumfassende gesellschaftliche Anspannung im Hinblick auf das Aufziehen von Kindern«.2 Wir fragen uns, ob es irgendjemand irgendwo besser macht. Haben französische Eltern ein Geheimrezept? Beziehen »Löwenmütter« eine bessere Rendite aus ihrer Investition? Anthropolog:innen erzählen uns, dass japanische Babys durchschlafen und mexikanische Geschwister nicht streiten – sollten wir vielleicht umziehen?
Nein. Beginne da, wo du bist. Dieses Buch bietet auf der Basis jahrzehntelanger Forschung über Achtsamkeit und Mitgefühl einen radikalen Perspektivwechsel an. Der Samen für eine glücklichere und weniger konfliktbeladene Art der Elternschaft liegt in uns selbst, nicht auf einem anderen Kontinent. Wir müssen uns nicht wütend oder hilflos fühlen und unsere Kinder und uns selbst in einen Erschöpfungszustand treiben. Es gibt einen anderen Weg. Anstatt sich dauernd bei dem Versuch aufzureiben, deine Kinder in Ordnung zu bringen oder zu ändern, versuche es mit einer Kehrtwende. Bring dir selbst etwas Freundlichkeit und Mitgefühl entgegen. Fang an, dich selbst zu nähren, damit deine Kinder aufblühen können. Wie bitte? Du schüttelst den Kopf. Du verdrehst die Augen. Du hast zu tun. Du hast keine Zeit für so etwas. Es klingt zu egoistisch und albern. Das antworten mir die meisten Eltern.
Als in Harvard ausgebildete Psychologin mit zwei erwachsenen Kindern und über dreißig Jahren klinischer Erfahrung, habe ich mit vielen Eltern und Kindern gearbeitet. Und ich habe eine Menge Erziehungsratgeber gelesen. Hier liegt das Hauptaugenmerk oft auf der Frage, wie wir unsere Kinder »zur Räson« bringen, wie wir sie dazu bringen können, sich zu benehmen, wie wir sie zum Einschlafen bringen können, wie wir erreichen können, dass sie ein gutes Abitur machen und garantiert erfolgreich werden. Kurz, wie wir sie zu dem machen können, was sie unserer Meinung nach sein sollten. Aber nur selten erhalten wir die gewünschten Resultate.
Was ist aus der Freude geworden? Dem Glück? Der Begeisterung? Wir müssen nicht so hart zu ihnen oder uns sein. Neuere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass wir sie viel eher mit Mitgefühl motivieren können als durch Kritik. Ja, wirklich. Wir können unseren Fokus vom ständigen Tun auf das Sein umlenken. Einfach sein. Wir können aufhören, herumzurennen und hektische, wütende Eltern zu werden, die mit ihren Kindern im Feierabendverkehr zum Fußballtraining oder zum Ballett rasen, während diese sich auf der Rückbank beißen und boxen. Das ist keine Verurteilung – ich habe es auch so gemacht. Ich war die hektische Mutter im Auto, dünnhäutig, total erschöpft, die stets versuchte, viel zu viel zu tun – und den Kampf verlor. Das tat niemandem gut. Und dann versuchte ich, zum inneren Gleichgewicht und zur Vernunft zurückzufinden.
Das Fundament dieses Buches sind über drei Jahrzehnte Elternschaft, klinische Arbeit und Meditation. Die theoretische und wissenschaftliche Grundlage des Buches ist die bahnbrechende Arbeit meiner Kolleg:innen Chris Germer und Kristin Neff, die den bahnbrechenden Kurs für Achtsames Selbstmitgefühl (Mindful Self-Compassion – MSC), entwickelt haben, den ich seit der Einführung 2010 lehre.3 Neben MSC, das inzwischen zehntausenden Menschen in aller Welt vermittelt wurde, ist dieser Elternratgeber vollgepackt mit Geschichten und Beispielen aus meiner langjährigen klinischen Arbeit mit Eltern und Kindern und meiner eigenen Erfahrung als Mutter. (Die Beispiele bestehen aus zusammengesetzten Texten, um die Vertraulichkeit zu wahren). Ich habe diese Geschichten mit Übungen und Reflexionen kombiniert, die sich aus meinem Verständnis darüber, was effektiv ist, sowie aus den Erfahrungen vieler Menschen herauskristallisierten, denen diese Übungen geholfen haben.
Ich hoffe, dass dich dieses Buch dort abholt, wo du gerade stehst und dir eine Hilfe bei deinen Erziehungskonflikten ist. Es muss nicht so schwer sein und wir müssen nicht so sehr leiden. Und unsere Kinder auch nicht. Möge dieses Buch etwas Freude, Glück, Lachen und Mitgefühl in dein Leben und das deiner Familie bringen.
Es gibt keine »richtige« Art und Weise, dieses Buch zu nutzen. Du musst es nicht von vorne bis hinten lesen. Spring einfach rein, finde ein Kapitel oder eine Geschichte, die dich anspricht, und fange da an. Falls das Thema Achtsamkeit neu für dich ist, findest du in den ersten Kapiteln Übungen für Anfänger:innen. Ich habe versucht, Achtsamkeits- und Mitgefühlsübungen mit Reflexionsübungen zu kombinieren, um das Material für alle Leserinnen und Leser zugänglich zu machen. Diese Reflexionen sollen dir helfen, dich auf das zu fokussieren, was du brauchst; nimm also Stift und Notizblock zur Hand oder halte deine Antworten auf deinem Smartphone oder Tablet fest, falls das einfacher für dich ist. Du hast keine Zeit zum Lesen? Das verstehe ich – ich hatte auch keine, als meine Kinder klein waren. In dem Fall gehst du einfach ins Arbor Online Center (siehe den Link hier) und lädst die ausgewählten Audio-Dateien herunter (die Nummern der Aufnahmen sind bei den Übungsanleitungen in den folgenden Kapiteln angegeben). Du kannst diese Aufnahmen anhören während du Geschirr spülst, deinen Morgenkaffee trinkst, das Schulvesper für deine Kinder richtest oder Auto fährst (halte aber bitte die Augen offen). Steckst du in einer Krise? Schau in der »Werkzeugkiste« am Ende des Buches nach, um dir sofort Hilfe zu holen: bei Koliken, Wutanfällen, Geschwisterrivalitäten, einem kranken Kind, einem Machtkampf mit einer/einem Teenager:in und anderen häufigen Herausforderungen. Aber das Wichtigste ist, wie mir vor Jahren eine meiner Achtsamkeitslehrerinnen sagte: »Man kann es nicht falsch machen.« »Oh, wirklich?«, erwiderst du. Ja, wirklich. Ich habe mein Leben damit zugebracht, mich für die kleinsten Fehler zu bestrafen. »Man kann es nicht falsch machen«, würde sie uns sagen. War diese Lehrerin von einem anderen Stern? Was hatte sie eingenommen? (Und würde sie es uns verraten?) Während ich in ihrem Mitgefühl, ihrem Humor und ihrer Weisheit badete, musste ich an die unvergessliche Zeile aus »Harry und Sally« denken: Ich beschloss, dass ich »haben will, was sie hat«.
Die gute Nachricht ist: Achtsamkeit und Mitgefühl stehen uns allen zur Verfügung – und wir können sie mit den Menschen in unserer Umgebung teilen. Es sind Qualitäten, die du entwickeln kannst. Die Übungen sind nicht für heiter-gelassene Menschen gedacht, bei denen schon alles perfekt ist. Du musst nicht gut im Stillsitzen sein. Du musst nicht vegan, zucker- oder koffeinfrei leben. Du kannst genau so sein, wie du bist: überarbeitet, angespannt, neurotisch, unter Schlafmangel leidend und kaum in der Lage, alles zusammenzuhalten. Es ist in Ordnung, »ein Durcheinander« zu sein. Ich war das auf jeden Fall. Wenn du atmen kannst (und schau jetzt nicht nach – du tust es bereits), dann kannst du auch das hier schaffen. Willkommen.
1 »To be a mother«. In: Olsen, Tillie: Silences. New York, NY: The Feminist Press, 1965, S. 18.
2 Lerner, Max: Amerika, Wesen und Werden einer Kultur – Geist und Leben der Vereinigten Staaten von heute. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt, 1957, im Orig. S. 562.
3 Neff, Kristin und Germer, Christopher: Selbstmitgefühl – Das Übungsbuch: Ein bewährter Weg zu Selbstakzeptanz, innerer Stärke und Freundschaft mit sich selbst. Freiburg: Arbor Verlag, 2019.
Es war einer jener Morgen. Das Baby hatte nicht geschlafen, Amélies Mann war auf Geschäftsreise und die dreijährige Sophie bestand darauf, im Kindergarten ihr neues Ballettröckchen anzuziehen, während sich an diesem Januarmorgen in Neuengland draußen der Schnee auftürmte. Und außerdem waren sie zu spät dran. Natürlich waren sie zu spät dran. Amélie hatte Zeit gehabt, den Kindern etwas zu Essen zu geben, aber keine Zeit mehr, selbst etwas zu essen.
»Du kannst dein Ballettröckchen und die Ballerinas heute nicht anziehen«, insistierte Amélie. »Es schneit.«
»Das ist mir egal«, gab Sophie zurück und drehte Pirouetten. Amélie war nicht nach streiten zumute. »Liebes, wir sind spät dran«, sagte sie bittend mit höher werdender Stimme.
»Spät dran, spät dran«, äffte Sophie nach und imitierte den hohen Ton ihrer Mutter.
»Genug jetzt, keine Widerrede, wir gehen. JETZT. Zieh deine Jacke an,« sagte Amélie und versuchte, bestimmt aber ruhig zu klingen, wie es in allen guten Erziehungsratgebern empfohlen wird.
»Du kannst mich nicht zwingen, du kannst mich nicht zwingen,« erwiderte Sophie in einem Singsang. Sie hörte auf zu tanzen, ließ sich trotzig zu Boden fallen und streckte die Zunge heraus.
Amélie war wütend. »Genug! Ich habe genug«, schrie sie, schnappte sich beide Kinder und zerrte sie zum Auto, während ihr Anoraks aus den Händen rutschten. Mit einer Hand öffnete sie die Autotür, um das Baby in seinen Sitz zu verfrachten und warf Sophie ihre Jacke zu. Sophie nahm sofort eine neue Möglichkeit wahr, Widerstand zu leisten, während die Entschlossenheit und das Mitgefühl ihrer Mutter schwanden und von kochender Wut abgelöst wurden: Prompt weigerte sie sich.
»Du bist nicht mein Boss«, spottete sie.
»Du kannst ruhig frieren, schau, ob mir das was ausmacht« konterte Amélie, während sie beide Kinder in ihren Kindersitzen anschnallte und losraste.
Sophie begann zu jammern und das Baby schloss sich an.
»Hör sofort damit auf«, zischte Amélie und fühlte sich überfordert und hilflos. Das war eindeutig keiner der schöneren Momente ihrer Mutterschaft.
»Ich will zu meinem Papa«, schrie Sophie. »Er ist nicht so gemein wie du.« Es war eine Erleichterung für alle, am Kindergarten anzukommen. Die Erzieherin war sehr verständnisvoll bei der Begrüßung, wischte Sophies Tränen weg, ließ sie herein und schenkte Amélie ein mitfühlendes Lächeln. Innerhalb von Minuten begann Sophie mit ihren Kindergartenfreund:innen zu malen und zu lachen.
Amélie ging, winkte beschämt zum Abschied und hatte das Gefühl, eine schreckliche Mutter zu sein. Während Sophie die Sache schon vergessen hatte, fiel Amélies Wut wie ein Bumerang aus Scham, Schuld und Bedauern auf sie zurück. Sie begann sich auszuschimpfen. »Ich mache das wirklich ganz schlecht. Ich bin eine furchtbare Mutter.«
Auf der Heimfahrt fing der Motor an zu stottern und das Auto blieb schließlich stehen. »Oh, Mist«, dachte Amélie, Normalerweise sorgte ihr Mann Tom dafür, dass das Auto betankt war, aber da er unterwegs war, hatte sie überhaupt nicht daran gedacht, die Tankanzeige zu überprüfen, die natürlich auf »leer« stand.
Amélie seufzte, packte das Baby in sein Tragegestell und lief in Richtung einer Tankstelle. Inzwischen schneite es heftiger. »Großartig, das ist genau, was ich verdammt nochmal jetzt brauche«, dachte sie, als sie zu weinen begann. Die Intensität ihres Schluchzens überraschte sie selbst. »Wie kann ich das schaffen? Wie kann ich die nächsten 15 Jahre überstehen, ohne mich selbst und die Kinder in den Wahnsinn zu treiben?«
Vielleicht war dein schrecklicher, furchtbarer, sehr schlechter Tag nicht so dramatisch wie derjenige von Amélie, vielleicht war er auch schlimmer, aber wir alle haben mindestens eine Geschichte über »jenen Tag« zu erzählen. Wir sind alle schon mal hungrig, wütend, einsam und müde mit leerem Tank oder etwas Schlimmerem dagesessen. Mutter oder Vater sein ist schwer für alle, aber besonders schwer ist es, wenn Angehörige weit weg sind und die Umgebung sie ersetzen soll, voller Idioten ist, oder anderen Eltern, die keine Zeit für uns haben. Und so erleben die meisten von uns heutzutage ihre Elternschaft – ohne ein Netzwerk und ohne Netz, das uns auffängt oder eine helfende Hand, wenn etwas unweigerlich schief geht. Die Verheißung der Elternschaft war Verbundenheit und Liebe, und doch finden wir uns einen Großteil der Zeit einsam und überfordert wieder. Und selbst wenn wir Hilfe haben, müssen wir immer einen Preis dafür zahlen. Es kann so leicht passieren, dass man ohne »Sprit« dasitzt. Wie können wir ohne Vollbremsung auftanken? Wird sich die Qualität unserer Erziehungsarbeit verbessern, wenn wir dafür sorgen, dass es uns selbst wieder gut geht? Mit diesem Buch möchten wir dir eine »Werkzeugkiste« voller Techniken, Anekdoten, Humor, Unterstützung und Rat anbieten, um dir zu helfen, gesund durch die Jahre der Kindererziehung zu kommen und dabei auch selbst Freude zu haben. Und wir werden dir helfen, die Probleme zu erkennen, die nicht als Eingriffe in oder Unterbrechungen deines früheren kinderlosen Lebens auftauchen, sondern als Chancen für Wachstum und Weisheit.
»Ja klar, Auftanken,« spottest du. »Wie wäre es mit Wut-Management? Oder ein paar Beruhigungspillen? Oder einem doppelten Martini?«
Ich verstehe. Wir alle waren schon an diesem Punkt. Was ich dir in diesem Buch aber hoffentlich vermitteln kann, ist, dass es dir leichter fallen wird, deine Wut in den Griff zu bekommen, Verantwortung zu übernehmen, emotional stabil zu bleiben und dich an deinem Kind (oder deinen Kindern) zu erfreuen, wenn du gut für dich selbst sorgst. Die Autorin Audre Lorde drückte es prägnant in einem Satz aus: »Selbstfürsorge ist keine Selbstverhätschelung, sondern Selbsterhaltung.«
Dir selbst Achtsamkeit und Mitgefühl entgegenzubringen ist kein Freibrief, faul zu sein, sich vor Verantwortung zu drücken oder auf einem Kissen zu sitzen und Nabelschau zu betreiben, während deine Kinder streiten und die Wohnung demolieren. Es hat nichts damit zu tun, sich selbst gegenüber zu nachgiebig zu sein. Im Gegenteil, Achtsamkeit hilft uns, klar zu sehen und aus einer Position der Freundlichkeit und Weisheit heraus zu handeln. Eine Definition von Achtsamkeit ist »klar sehen«.
Was also ist »Achtsamkeit«? Es gibt viele Definitionen aber die eine, die mich als Mutter und Psychologin stets geleitet hat, ist eine sehr einfache, unaufgeregte, schnörkellose Definition: »Gewahrsein des gegenwärtigen Moments mit Freundlichkeit und Akzeptanz.« Angesichts der ständigen Stresssituationen und Belastungen der Elternschaft, seien es schlaflose Nächte, kindliche Wutanfälle, Geschwisterrivalitäten, schwierige Schwiegereltern oder ein(e) kritische(r) Partner:in – wir brauchen eine warmherzige und mitfühlende Antwort auf unsere jeweilige Erfahrung.
»Klingt gut«, wendest du vielleicht ein, »aber das ist nicht realistisch. Die Welt ist ein rauer Ort; wir alle werden ständig beurteilt. Es ist lebensfremd, zu denken, man könne immer freundlich und akzeptierend sein. Manchmal werde ich einfach wütend. Und wie bringt man Kindern bei, was richtig und was falsch ist? Wie kann man sie motivieren, ihr Bestes zu geben, wenn man keinen Druck macht? Und wir müssen an die Zukunft denken. Es ist einfach nicht machbar.«
Das sind alles sehr gute Fragen, denen ich mich noch widmen werde. Was ich vorschlage, ist ein radikal anderer Ansatz, Kinder zu erziehen, Mutter oder Vater zu sein: eine andere Art, mit unseren Kindern und uns selbst zu sein. Die meisten von uns sind daran gewöhnt, sich durch Kritik zu motivieren, und meinen, dass wir, wenn wir uns selbst anschreien und ausschimpfen, besser, effektiver, glücklicher und erfolgreicher sein werden.
Tatsächlich funktioniert Selbstkritik so gut wie nie. Kristin Neff, weithin bekannt für ihre umfassende Forschung über Selbstmitgefühl (siehe Kapitel 2), hat viel zu diesem Thema geschrieben. Selbstmotivation mit Freundlichkeit und Mitgefühl ist tatsächlich effektiver als der Einsatz von Kritik.4
»Ja klar, noch mehr Psycho-Blabla,« protestierst du und willst das Buch schon weglegen. Warte einen Moment! Diese Ideen haben auch einen Einfluss auf die Geschäftswelt. Der Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmer und Philanthrop Charles Schwab schrieb: »Ich muss erst noch den Menschen finden, wie hochrangig seine Position auch sein mag, der in einem Klima der Zustimmung nicht besser arbeiten und sich stärker bemühen würde als in einem Klima der Kritik.«5
Wenden wir uns, um dies zu veranschaulichen, noch einmal Amélie zu, die mich nicht wegen einer Therapie konsultierte, sondern um »bei Verstand« zu bleiben, wie sie es ausdrückte. »Ich brauche keine Therapie«, protestierte sie, »sondern einen Eltern- und Erziehungscoach. Ich weiß nicht, was ich machen soll, meine Geschwister, die auch kleine Kinder haben, und meine Eltern sind viele Flugstunden entfernt. Ich habe keine Hilfe und ich will nicht die neuen Freundschaften mit anderen Eltern strapazieren, die sowieso rar sind.«
Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde Amélies Geschichte greifbarer. Sie war wegen des Jobs ihres Mannes an die Ostküste gezogen und hatte Freunde und Familie zurückgelassen. »Die Menschen hier sind so kalt wie das Wetter«, sagte sie traurig. »Und alle wirken so ausgeglichen. Ich fühle mich wie ein einziges Durcheinander«. Sie begann zu weinen. »Wir sind wegen Toms Arbeitsstelle hierher gezogen – nicht, dass er je da ist; er muss zweimal im Monat auf Geschäftsreise.
Und wenn er nach Hause kommt, ist er müde und hungrig und will, dass die Kinder nur Freude machen und das Haus picobello ist und dabei vergisst er, dass das Haus kein Hotelzimmer ist und es hier keinen täglichen Zimmerservice gibt …« Sie hielt inne und holte tief Luft. »Es funktioniert einfach nicht.« Sie schwieg einen Moment. »Ich kümmere mich um alle, ich schlafe nicht, ich bin einsam, ich esse, was die Kinder übriglassen, weil ich so viel zugenommen habe, aber jetzt laufe ich meistens hungrig durch die Gegend. Manchmal habe ich das Gefühl, so schnell durch meinen Alltag zu hetzen, dass ich kaum Luft holen kann. Aber was mir am meisten Angst macht, ist das Gefühl, dass ich mich selbst verliere und mein Gehirn nur noch Brei ist. Ich habe mein altes, kompetentes Selbst verloren. Niemand kümmert sich um mich. Ich brauche Hilfe – und zwar jetzt. An diesem schrecklichen Morgen, als mir das Benzin ausging und ich im Schnee zu einer Tankstelle laufen musste, sah ich das Schild, auf dem ›Rundum-Service‹ stand und ich fragte mich, ›werde ich mich je wieder ganz fühlen?‹ Oder werde ich mich für immer so ausgelaugt fühlen?«
Ich probierte die folgende Reflexionsübung mit Amélie aus, die ihr half, sich wieder mit dem Gefühl, kompetent zu sein, zu verbinden.
Hast du das Gefühl, dich verloren zu haben als du Mutter (Vater) wurdest? Nimm dir einen Augenblick Zeit und frage dich: »Wer bin ich?« Frage dich das wieder und wieder. Kam das Wort »Mutter« (Vater) in einer der ersten Antworten vor? Das ist wunderbar, aber wer bist du AUSSERDEM? Wir können diese unsere Essenz auch dann nicht verlieren, wenn uns das Elternsein überfordert.
Im Laufe der weiteren Arbeit fügte ich noch folgende Übung hinzu (angeregt von Christopher Germers Buch Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl), die Amélie morgens nach dem Aufwachen praktizierte. Das ist eine großartige Ausgangsposition. Wir wissen, dass du viel zu tun und keine freie Zeit hast. Keine Sorge. Stell dir einen Küchenwecker, die Übung dauert nur drei Minuten. (Bitte erzähl mir nicht, du hättest keine drei Minuten).
Amélie probierte das ein paar Wochen lang aus. An manchen Tagen gelang es ihr nur für drei Atemzüge, aber auch das schien bereits zu helfen. Obwohl es ihr so simpel vorkam, hatte sie das Gefühl, dass es sie erdete.
»Manchmal bin ich so hektisch, dass ich vergesse zu essen oder keine Zeit zum Duschen finde. Ich war völlig ausgepowert. «Und jetzt erkenne ich, wie wahr die Redensart ist, mit der ich im Süden aufgewachsen bin: ›Wenn Mama nicht glücklich ist, ist niemand glücklich‹», sagte sie lachend. Ich kann nicht ohne Schlaf oder Essen auskommen und dann erwarten, dass es in der Familie gut läuft. Wenn ich nichts zu geben habe, leiden alle darunter. Ich habe erkannt – und das war ein Durchbruch für mich – dass ich nicht von anderen abhängig sein muss, um meine Batterien aufzuladen. Ich kann es selbst tun. Ich brauche weder meinen Mann, noch meine Geschwister oder Eltern, um mich zu stärken. Das war sehr befreiend.«
Es gibt viele Möglichkeiten, Achtsamkeit und Mitgefühl zu praktizieren. Nicht alle wollen still sitzen und nach innen schauen. Kein Problem. Eine Größe passt nicht für alle. Ich werde dir helfen, herauszufinden, was für dich funktioniert. Ich vermittele den Leuten gerne kurze Reflexionen, bei denen man sich einen Moment Zeit für sich selbst nimmt (vielleicht wenn die Kinder im Bett sind), und sich Gedanken über die eigenen Bedürfnisse und Wünsche macht. Nach dieser Übung kannst du notieren, was bei dir dabei aufgetaucht ist.
Finde einen ruhigen Augenblick, vielleicht am frühen Morgen oder Abends, nachdem die Kinder zu Bett gegangen sind. Stell dir, wenn du magst, vor deinem inneren Auge einen mächtigen Baum mit tiefen Wurzeln und einem starken Stamm vor. Nimm wahr, dass die Zweige des Baumes sich so hoch gen Himmel strecken, wie die Wurzeln tief sind. Du könntest dir sogar vorstellen, dass du durch deine Schädeldecke einatmest und dann durch deine »Wurzeln« oder Füße ausatmest.
Frage dich »Was brauche ich?«
Halte inne und achte auf Worte oder Bilder, die eventuell auftauchen.
Frage noch einmal »Was brauche ich wirklich?«
Nimm dir ein paar Minuten Zeit, um dich für alles zu öffnen, was hochkommt.
Schreib auf, was du entdeckt hast.
Als Amélie diese Übung ausprobierte, bemerkte sie, dass sie sich innerlich mit dem Bild des tief verwurzelten Baumes verband. »Ich habe meine Familie und meine Geschwister und meinen Freundeskreis verlassen, um hierher zu kommen und ich vermisse dieses Gefühl der Verbundenheit wirklich. Irgendwann hatte ich die Vorstellung, dass ich eines Tages einen Partner, ein Zuhause und Kinder haben würde und dass alles wundervoll sein würde und ich alles hätte, was ich brauchte; dass ich mich erfüllt fühlen würde. Wie ich mich getäuscht habe! Ich fühle mich hier so isoliert, so allein. Und ich dachte, ich könnte das alles schaffen, aber ich schaffe es nicht. Ich brauche eine Auszeit. Ich kann nicht sieben Tage die Woche 24 Stunden am Tag für alle da sein. Dieser Baum braucht Sonne, Wasser und ein bisschen Dünger!«
Damit ist Amélie nicht allein. Viele von uns fühlen sich isoliert. Im Laufe der vergangenen 30 Jahre habe ich mit so vielen Eltern gesprochen und habe so viele Wege gesehen, die in die Isolation führten. Manchmal warten wir, bis wir meinen, alle Puzzlestücke am richtigen Platz zu haben: Die Karriere, das Haus oder die Wohnung, ein anständiges Einkommen, und wir denken »Ja, das ist der richtige Zeitpunkt«. Aber dann klappt es vielleicht nicht mit der Schwangerschaft, und wenn wir dann endlich Kinder bekommen, haben die meisten unserer Freundinnen ihre Kinder schon gehabt oder sind wieder in den Beruf zurückgekehrt. Anstatt mit unseren Freundinnen Zeit zu verbringen und unsere Kinder im goldenen Sonnenlicht auf der Schaukel anzustoßen, sind wir auf der Suche nach Babysitter:innen und Kindermädchen. Plötzlich haben wir das Gefühl, aus dem Tritt zu sein. Oder das Unternehmen, für das wir arbeiten, hat uns in ein anderes Bundesland oder sogar ins Ausland versetzt. Soviel zu diesem Traum. Vielleicht hat auch unsere Partnerin das Gefühl, dass sie nun an der Reihe ist, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren und wir sind an den meisten Tagen der einzige Mann auf dem Spielplatz, und die Mütter und Babysitterinnen sind nicht sehr freundlich und es gibt niemanden, mit dem wir uns unterhalten können. Wie sehr wir uns auch anstrengen, wie viel wir auch planen: Es ist nie perfekt, und wir erkennen, wie wenig Kontrolle wir über die Dinge haben. (Falls du dich in dieser oder einer ähnlichen Situation befindest, gefällt dir vielleicht die Übung »Du musst nicht alles kontrollieren« in Kapitel 5, Seite 123).
Die Leute beklagen sich oft darüber, dass sie keine Zeit für eine Achtsamkeitspraxis haben, insbesondere mit kleinen Kindern. Keine Sorge: Ich verstehe das sehr gut. Ich hatte auch keine. Deshalb sind die von mir vorgeschlagenen Übungen – besonders die in den ersten Kapiteln – für Eltern gedacht, die zu viel zu tun haben, und denen es an Zeit für sich selbst mangelt. Die meisten dieser Übungen dauern nur drei Minuten oder weniger. Forscher:innen sagen uns, dass es auf die Regelmäßigkeit ankommt, nicht auf die Dauer der Übung oder Meditation. Denk mal darüber nach: Was würde dein Zahnarzt empfehlen? Einmal pro Woche die Zähne 40 Minuten lang zu putzen oder zweimal täglich drei Minuten lang? Und du musst auch nicht stillsitzen, um Achtsamkeit praktizieren zu können. Man kann das im Gehen, im Stehen, beim Autofahren (halte die Augen offen!), im Bett liegend und sogar beim Windelnwechseln tun (siehe die Übungen »Achtsamkeit im Alltag«).
Achtsamkeit muss nicht etwas sein, das du allein in der Stille eines Meditationsraums oder auf einem entgelegenen Berggipfel tust, sondern kann Teil deines verrückten, geschäftigen Lebens als hektische Mutter (oder Vater) werden, die oder der versucht, zu viel auf einmal unter einen Hut zu bringen. Und genau dann brauchst du sie am meisten.
Eine der einfachsten Übungen ist die »Elternpause«, die von der Psychologin und Meditationslehrerin Tara Brach adaptiert wurde. Tara Brach lehrt, dass eine simple ein- oder zweiminütige Pause den Ton und die Richtung einer Interaktion verändern kann – eine Fertigkeit, die sich bei der Kindererziehung und in allen Beziehungen (insbesondere engen Beziehungen) als sehr wertvoll erweist.6
Leon hatte einen sehr stressigen Job im Verkauf. Bevor er und Kyra heirateten, hatten sie sich darauf geeinigt, die Kinderbetreuung halbe-halbe untereinander aufzuteilen. Theoretisch hatte sich das gut angehört aber Tim war eine Frühgeburt und hatte Atemprobleme. Es wurde zwar besser, aber sowohl Kyra als auch Leon machten sich weiterhin Sorgen um ihn. Als Tim sieben Monate alt war und nachts immer noch nicht durchschlief, schlief niemand im Haus nachts durch.
Kyra arbeitete im Einzelhandel, was bedeutete, dass sie lange Arbeitstage hatte und manchmal auch am Wochenende arbeiten musste. In den ersten Monaten, als Kyra im Mutterschutz war, hatten sie das Baby nach Bedarf gefüttert und sich über jeden Schrei Sorgen gemacht. Nach ihrer Rückkehr an ihren Arbeitsplatz war Kyras Chef nicht gerade begeistert darüber, dass sie tagsüber abpumpte. Und das Baby nachts alle zwei Stunden zu füttern war zusätzlicher Stress.
Leon war sicher, dass er es besser machen könne und bot großzügig an, das nächtliche Füttern zu übernehmen. »Kein Problem, ich hab das im Griff«, versicherte er Kyra. Doch es war nicht so einfach wie er gedacht hatte. Beim Versuch, es »richtig« zu machen und Kyra zu zeigen, wie kompetent er war, stand er jedes Mal auf, wenn Tim einen Laut von sich gab, fütterte ihn und versuchte, ihn wieder schlafen zu legen. Doch Tim genoss es, mitten in der Nacht seinen Papa zu sehen und beschloss, dass jetzt »Partyzeit« war: Er weigerte sich, wieder einzuschlafen. Die nächtlichen Fütterungen dehnten sich von fünf Minuten auf 50 Minuten aus und Leons Erschöpfung begann sich am Arbeitsplatz bemerkbar zu machen, was sich auch in Flüchtigkeitsfehlern niederschlug.
Die Nächte wurden schlimmer, nicht besser. »Wir müssen mit einem Schlaftraining anfangen«, sagte Leon, »Mein Job steht auf der Kippe. Ich mache Fehler und schlafe bei der Arbeit ein.«
»Auf keinen Fall«, insistierte Kyra. »Das ist missbräuchlich und sadistisch. Wir werden das unserem Kind nicht antun.«
Als Leon und Kyra zur Beratung kamen, sprachen (oder schliefen) sie kaum noch. Ihre Uneinigkeit über Tims Schlafgewohnheiten hatte zu einer tiefen Kluft in ihrer Ehe geführt. Sie litten nicht nur unter erheblichem Schlafmangel, das Problem hatte auch alte Probleme aus Kyras Familie zutage gefördert. Sie war sicher, dass es Tim schaden würde, wenn man ihn schreien ließ. Leon war der festen Überzeugung, dass es Tim prima ging und dass sie »übertrieben emotional« sei. Und das sagte er ihr auch. Diese Missachtung ihrer Gefühle erinnerte Kyra daran, wie ihr Vater ihre Mutter behandelt hatte, und sie revanchierte sich, indem sie ihn als unsensibel bezeichnete. Sie waren in einem Teufelskreis gefangen und weder er noch sie konnten nachgeben. Zu diesem Zeitpunkt war Tim fast ein Jahr alt.
Nachdem ich dieses Muster eines eskalierenden Konflikts eine Weile beobachtet hatte, fragte ich: „Können wir an dieser Stelle etwas anderes ausprobieren? Wir drehen uns immer wieder im Kreis. Darf ich euch eine Achtsamkeitsübung zeigen, die dazu beitragen könnte, den Teufelskreis zu durchbrechen?
»Auf keinen Fall«, erwiderte Kyra und ging in die Defensive. »Das ist uns zu esoterisch. Wir sind schon in einer Kirche. Ich will keinen trendigen Quatsch. Das machen wir nicht.«
»Okay, was ich euch beibringen will, hat mit all dem nichts zu tun. Es geht ausschließlich darum, euren Stress zu reduzieren, die ständigen Streitereien zu verringern und euch zu etwas Schlaf zu verhelfen.«
»Nun, das wäre nichts Geringeres als ein Wunder«, erwiderte Kyra sarkastisch.
»Ein Versuch kann nicht schaden. Wenn es nicht funktioniert, müsst ihr es ja nicht machen.«
In Ihrer Verzweiflung willigten Kyra und Leon ein, es zu versuchen.
Es ist eine sehr wirkungsvolle Übung für Paare, aber sie ist auch hilfreich bei Spannungen zwischen einem Elternteil und einem Kind. Stelle den Küchenwecker auf fünf Minuten ein.
»Was habt Ihr also festgestellt?«, fragte ich.
Kyra lachte: »Ich bin eingeschlafen. Im Sitzen. Ist das zu glauben?«
»Ich bin auch weggedöst,« witzelte Leon. »He, das könnte im Hinblick auf den Schlafmangel hilfreich sein.«
Die beiden konnten sich nun eingestehen, wie erschöpft sie waren, während sie das zuvor geleugnet und darüber gestritten hatten. Ihre Hausaufgabe bestand darin, drei Minuten pro Tag die »Elternpause« zu praktizieren. Sie erinnerten sich gegenseitig daran, eine Pause einzulegen, wenn sie zu streiten anfingen, und das schien ein bisschen Humor und Abstand in die Kommunikation zu bringen. Tara Brach schreibt: »Wenn wir innehalten, wissen wir nicht, was als nächstes passieren wird. Indem wir unsere gewohnten Verhaltensweisen unterbrechen öffnen wir uns für die Möglichkeit, auf eine neue, kreative Art und Weise mit unseren Wünschen und Ängsten umzugehen.«7
Ich betrachte die Elternpause als eine Art Rettungsweste, die mich und meine Klientinnen und Klienten davor bewahrt hat, unterzugehen. Ich habe sie in Situationen angewendet, in denen die Kinder miteinander stritten und anscheinend nicht aufhören konnten und ich mehr als genug hatte.
Sie war ein Lebensretter, als mein alternder Vater immer und immer wieder dieselben törichten Fragen stellte und ich kaum noch an mich halten konnte und einfach schreien wollte: »Warum fragst du mich das noch einmal. Ich habe es dir doch gerade gesagt.« Es ist auch eine meiner Lieblingsübungen, wenn ich am Ende meiner Kräfte bin.
Tatjana wandte diese Übung an, als ihre Mutter sie vor ihren eigenen Kindern demütigte, indem sie über all die Fehler sprach, die Tatjana in ihrer Jugend gemacht hatte und betonte, was für ein schwieriges Kind sie doch gewesen sei. »Ich hatte das Gefühl, nur einen winzigen Schritt davon entfernt zu sein, sie zu verstoßen und ihr für immer den Umgang mit ihren Enkeln zu verbieten. Glücklicherweise gelang es mir, inne zu halten und mich zu sammeln, bevor ich vielleicht großen Schaden angerichtet hätte.« Jonathan griff auf die Übung zurück, wenn die Kinder ihn piesackten, weil sie Spielsachen oder süße Frühstücksflocken gekauft haben wollten, die sie gerade im Fernsehen gesehen hatten. Albert, dessen Schwiegereltern ihn wie einen inkompetenten Vater behandelten, fand heraus, dass diese Übung seine erste Wahl war, wenn seine Schwiegermutter seinen Erziehungsstil kritisierte und ihm sagte, wie er es richtig machen müsse. »Es half mir wirklich, mich zusammenzureißen. Es wäre einfach für mich gewesen, einen Wutanfall zu bekommen und zu sagen ›Wie kannst du es wagen, mir Ratschläge zu erteilen, in Anbetracht dessen, was du für eine Mutter für Diane warst!‹ Das hätte allerdings katastrophale Konsequenzen gehabt. Ich bin so froh, dass ich mich beherrscht habe. Ich betrachte dieses Innehalten als meine ›Superpower‹, auf die ich zurückgreife, wenn ich leerlaufe.«
Nach ein paar Wochen des Übens machte ich Kyra und Leon einen Vorschlag: »Ich weiß nicht, ob ihr offen dafür seid, aber ihr könntet die Übung mit Tim ausprobieren.«
»Das ist absurd«, erwiderte Kyra. »Er kann kaum sprechen.«
»Aber Babys verstehen eine Menge, mehr als uns bewusst ist.«
»Was können wir ihm also sagen?«, spottete Kyra. »Nimm einen tiefen Atemzug, Tim und halte inne? Willst du mich veräppeln?«
Alle lachten. »Lass uns darüber sprechen. Ich höre deine Einwände, Kyra,« erwiderte ich.
»Wie wäre es, Leon, wenn du in der nächsten Woche die Elternpause machen würdest, bevor du in sein Zimmer gehst? Selbst wenn er unruhig ist und jammert. Es ist in Ordnung. Babys machen einfach einen Aufstand, das ist einfach so. Es bedeutet nicht, dass etwas verkehrt ist. Ihr wollt ja, dass er lernt, sich selbst zu beruhigen.«
»Du kannst mir glauben, dass das nicht passieren wird«, gab Leon zurück. »Nicht mit diesem Kind.« »Ich höre, was du sagst. Mir ging es genauso,« sagte ich. »Ich möchte euch eine Geschichte erzählen. Eines meiner Kinder wachte so oft auf – nahezu alle zwei Stunden – dass ich anfing, bei den Therapiesitzungen einzuschlafen! Ich war so erschöpft, dass ich meine Augen nicht offenhalten konnte. Kein guter Stil. Eine schnarchende Therapeutin ist nicht sehr hilfreich und meine Patientinnen und Patienten fanden das nicht lustig. Ich musste eine Lösung finden, bevor ich Gefahr lief, meinen Job zu verlieren!«
Die Beiden nickten.
»Betrachtet es als etwas, das ihr ihm beibringt, so wie ihr ihm bald beibringen werdet, Fangen zu spielen.«
»Ich werde nicht zulassen, dass er sich die Lunge aus dem Hals schreit«, insistierte Kyra. »Sonst breche ich das hier ab«, sagte sie warnend.
Im Laufe der nächsten paar Wochen arbeiteten alle zusammen, um Tim zu helfen, nachts durchzuschlafen. Sie begannen sanft und langsam. Anstatt ihn hochzunehmen und zu füttern, kam Leon ins Zimmer und legte seine warme Hand auf den Rücken des Babys.
»Es ist Okay, Großer, du brauchst jetzt keine weitere Mahlzeit. Es geht dir gut. Ich bin hier, ich liebe dich.«
Manchmal sang Leon. Oft waren es die Lieder, die seine Mutter und Großmutter einst für ihn gesungen hatten, oder Lieder, die er in der Kirche gelernt hatte. Wenn Leon sang, lächelte Tim und kuschelte sich in seine Decke und an seinen Teddybär. Nachdem Tim sich daran gewöhnt hatte, brauchte er manchmal nur noch einen kleinen Klaps auf den Rücken und sanft gesprochene Worte. »Ich bin hier, du kannst wieder einschlafen. Es ist alles in Ordnung. Mama und Papa lieben dich.«
Auch wenn Tim manchmal noch jammerte und es nicht jede Nacht funktionierte, so wurde es doch besser. Die Sache lief in die richtige Richtung. Tim lernte, dass er wieder einschlafen konnte, ohne gehalten und gefüttert zu werden.
»Es sieht so aus, als ob er seinen eigenen Rhythmus findet. So als ob er den Rhythmus der Lieder in sich aufnimmt, die Worte und Klänge, und sie in seinem Körper fühlt. Wirklich, ich schwöre,« lächelte Leon stolz. »Ich komme aus einer Musikerfamilie, er hat das im Blut.«
Nachdem Tims Eltern durch unsere Arbeit im Laufe der folgenden Wochen gelernt hatten, seine natürlichen Schlafzyklen zu verstehen und zu respektieren, und dass er nicht mehr nach Bedarf gefüttert werden musste, fiel es ihnen leichter, loszulassen. Und als Kyra und Leon anfingen, sich selbst Pausen zu gönnen, zur Ruhe zu kommen und gemeinsam am Schlafproblem zu arbeiten, hörten sie auf, ständig zu zanken, und begannen, die Gegenwart des jeweils anderen allmählich wieder zu genießen. Und am Ende schliefen alle nachts durch – meistens jedenfalls. »Also anfangs dachte ich, das funktioniert nie«, sagte Leon, »aber dieser Kram hat wirklich geholfen.«
Es war ein hartes Jahr gewesen. Margot hatte die letzten Monate ihrer Hochrisikoschwangerschaft im Bett verbracht, worauf eine komplizierte Geburt folgte. Sie und das Baby überlebten nur durch eine Notfallbehandlung. Sowohl sie selbst als auch Lila hatten danach weiterhin mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und Margot hatte kaum genug Energie, sich selbst zu versorgen, geschweige denn, dieses zarte Baby und ihren widerspenstigen fünfjährigen Hannes.
Zu allem Unglück litt Margot auch noch sehr unter dem Tod ihrer Mutter, die während Margots Schwangerschaft gestorben war. Weil Margot damals strikte Bettruhe einhalten musste, hatte sie ihre Mutter nicht mehr besuchen können, um sich zu verabschieden. Sie hatten ein sehr ambivalentes Verhältnis gehabt und nun war Margot überrascht, wie sehr die Trauer sie überwältigte. Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass sie ihre Mutter jemals so sehr vermissen würde und wünschte sich oft, ihre Mutter würde wie durch ein Wunder plötzlich auftauchen, um ihr zu helfen – besonders jetzt.
Tatsächlich musste sie eines Abends, als sie versuchte, ein Abendessen zuzubereiten, an ihre Mutter denken. Ihr Mann war bei der Arbeit, denn er hatte einen zusätzlichen Job angenommen, damit sie die Rechnungen für Margots medizinische Behandlung bezahlen konnten. Die Versicherung hatte nur einen kleinen Teil der Kosten übernommen. Er tat, was er konnte, aber auch er war erschöpft und reizbar. Sie hatten sich vorgestellt, dass es schön für Hannes wäre, ein Geschwisterchen als Spielkameraden zu haben und dass auch ihr Leben dadurch leichter würde. Niemand hatte mit diesem Albtraum gerechnet.
»Hannes, könntest du bitte ein bisschen mit Lila spielen, während ich das Abendessen mache?«, fragte Margot.
»Was soll ich tun?«, fragte er zurück.
»Oh, erzähl ihr einfach eine Geschichte oder singe ihr ein Lied vor; alles ist okay«, erwiderte Margot.
Hannes begann seine Lieblingslieder zu singen, war aber schon bald mit seinem Repertoire am Ende. Das Baby fing an zu weinen. Zu allem Unglück litt es unter Koliken und schrie ständig. Das brachte alle an ihre Grenzen.
»Versuche etwas anderes,« schlug Margot vor. »Das Essen ist fast fertig. Nur noch ein paar Minuten.«
»Können wir sie nicht zurück ins Krankenhaus bringen?«, fragte Hannes. »Ich mag sie nicht, sie macht zu viel Krach.«
»Hör auf, das ist deine Schwester und sie war krank. Sie ist hier und wird bleiben.« Hannes warf seiner Mutter ein boshaftes Grinsen zu und erfand sein eigenes Lied, das er in einem Singsang zum Besten gab.
Mami liebt dich
Mich liebt sie nicht
Aber das ist mir egal
Ich brauche Mami nicht mehr
Du kannst die grantige Mami haben
Ist mir egal
Sie gehört ganz dir
Ich brauch keine Mami mehr.
Margot war sprachlos. Sie wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte. Sie hätte am liebsten losgeschrien und Hannes aus dem Zimmer geschickt. Sie wollte ihn sogar versohlen, obwohl sie sich geschworen hatte, das niemals zu tun, aber sie hatte keine Kraft mehr für irgendetwas – außer sich ins Bett zu legen. Und er hatte getan, worum er gebeten worden war. Allerdings hatte sie nicht um Aggression gebeten. »Wow«, dachte Margot, »jetzt verstehe ich, warum unsere Mutter uns so oft geschlagen hat. Ich hätte nie gedacht, dass ich so wütend auf mein eigenes Kind werden könnte.«
»Aber ich liebe dich doch«, protestierte sie. Hannes wirkte nicht überzeugt. Und in Wahrheit war sie wütend auf ihn.
Sie verharrten in eisigem Schweigen, der einzige »Soundtrack« war das Schreien des Babys.
Margot brachte die Kinder zu Bett und ging dann in ihr Zimmer. Ihr war eiskalt und sie fühlte sich wie abgestorben. Als ihr Mann von der Arbeit nach Hause kam, konnte sie kaum sprechen. Sie hatte stundenlang geweint, in Wolldecken gehüllt, zitternd, mit einem Stofftier des Babys im Arm.
»Schon wieder ein schwerer Tag? Was ist los?« Margots Mann versuchte kaum, seine Gereiztheit zu verbergen.
»Ich bin am Ende. Ich bin am Boden zerstört. Und ich habe Hannes Schaden zugefügt. Er hasst mich. Ich schaffe das nicht – es ist einfach zu viel«, schluchzte Margot. »Ich bin eine furchtbare Mutter.«
In der Klinik wurde Margot eine postnatale Depression diagnostiziert und eine Medikation begonnen. Nachdem sie sich allmählich stabilisiert hatte, arbeiteten wir daran, ihre Gesundheit wieder herzustellen, ihre Mutter zu betrauern und mehr Unterstützung zu bekommen.
Margot hatte keine Zeit und kein Interesse an einer formellen Achtsamkeitspraxis. Einfach nur den Tag zu überstehen war bereits ein Sieg, aber sie war offen für alle informellen Übungen, die ihr helfen könnten, die Dinge wieder »in den Griff zu bekommen« – besonders an Tagen, an denen Hannes schwierig war und das Baby unter Koliken litt.
Gemeinsam dachten wir uns folgende Übung aus. Wie bereits erwähnt, musst du dich nicht aufs Meditationskissen setzen, um Achtsamkeit zu praktizieren; du kannst das auch im Gehen, Stehen oder Liegen tun.
Vielleicht magst du dem Baby ein paar Sätze vorsingen. Du kannst deine eigenen Sätze erfinden. Margot hat sich Folgendes ausgedacht, das sie und das Baby beruhigte: »Du bist mein Baby und ich liebe dich wie verrückt.« Die anderen hilfreichen Sätze lauteten: »Ich bin für dich da; es war schwer, aber wir werden es schaffen. Ja, zusammen werden wir es schaffen. Wir finden einen Weg.«
Du kannst dabei hin und her gehen oder tanzen und diese Praxis zu deiner eigenen machen, indem du sie an deine Vorlieben und Bedürfnisse anpasst.
Die Ärztin hatte recht: Die Koliken ließen innerhalb von wenigen Monaten nach. Als Margot sich erholte, widmete sie ihre Aufmerksamkeit teilweise wieder der Beziehung zu Hannes, aber sie war immer noch wütend.
»Ich weiß, es ist schrecklich, das zu sagen – bitte sperrt mich nicht dafür ein – aber ich mag ihn nicht mehr. Ich möchte nicht mit ihm zusammen sein. Er ist irgendwie … ein Idiot! Manchmal zwickt er das Baby, nur um mich zu ärgern. Sie schreit und ich bekomme einen Wutanfall.« Sie hielt inne. »Ich bin ein ziemlich schlechtes Beispiel als Mutter,« sagte sie und schüttelte den Kopf.
Das ist etwas, worüber Eltern nur selten außerhalb des Therapieraums sprechen, aber es gibt oft Phasen in der Eltern-Kind-Beziehung, in denen Spannungen und Wut vorherrschen – lange Phasen. Doch in allen Beziehungen sind harte Zeiten ein unvermeidlicher Teil des menschlichen Daseins. Während wir an die Konflikte und Spannungen mit pubertierenden Kindern gewöhnt sind und sie sogar erwarten, können zu jedem Zeitpunkt negative Gefühle auftauchen. Es ist vollkommen normal, verärgert über sein Kind (oder seinen Partner, seine Partnerin) zu sein. Doch wir fühlen uns schuldig, wenn wir solche Gefühle haben und verleugnen oder unterdrücken sie, weil wir glauben, mit uns stimme etwas nicht.
Nehmen wir uns einen Moment Zeit, um zu schauen, welche Dinge oder Situationen typischerweise auftreten und bei Eltern negative Gefühle auslösen.
Halte einen Moment inne. Ahhhh. Du brauchst diesen Moment der Reflexion und hast ihn verdient.Atme ein paarmal tief ein und aus oder lausche den Umgebungsgeräuschen. Nimm das in dich auf. Tanke auf.Manchmal ist es am einfachsten, sich zunächst an die Dinge zu erinnern, die unsere Eltern »ausrasten« ließen. – War es, wenn du …nicht im Haushalt geholfen hast?nach dem Essen den Tisch nicht abgeräumt hast?den Eltern widersprochen hast?Milch oder Essen verschüttet hast?dein Zimmer nicht aufgeräumt hast?mit deinen Geschwistern gestritten hast?in der Schule in Streitigkeiten mit anderen Kindern verwickelt warst?deine Hausaufgaben nicht gemacht hast?keine guten Noten nach Hause gebracht hast?Wie sieht es bei dir aus? Was macht dich wütend? Was löst bei dir negative Gefühle aus? Schreib es auf und achte darauf, ob du bestimmte Muster erkennen kannst.Bring dir zum Schluss ein bisschen Mitgefühl entgegen (und sogar deinen Eltern, wenn du kannst). Wir alle sind nur Menschen und verlieren manchmal die Beherrschung.Forscher:innen sagen uns »what we resist persists«, das heißt, alles, wogegen wir inneren Widerstand leisten, verhärtet sich. Wenn du bei dir also Ärger wahrnimmst, dann kämpfe nicht dagegen an. Registriere diese Gefühle, erkenne sie an und lass sie dann los. Gedanken und Gefühle dauern selten länger als 30 Sekunden an. Versuche nicht, dir eine Geschichte dazu auszudenken oder mehr daraus zu machen als einen vorübergehenden menschlichen Moment der Verärgerung. Wenn es weiterhin an dir nagt, dann übe, was wir das mitfühlende NAG nennen.
Nimm das Gefühl oder die Empfindung wahr.
Akzeptiere, dass es da ist, ohne dagegen anzukämpfen, beobachte, wie es sich auflöst, und lass es schließlich Gehen.
Dem eigenen Kind immer wieder mit einer Haltung zu begegnen, die von Meditationslehrern »Anfängergeist« genannt wird, kann zu einem Neustart in der Beziehung beitragen. Es ist sehr leicht, in negativen Verhaltensmustern stecken zu bleiben. Glücklicherweise können wir solche Betrachtungsweisen und Beziehungsmuster ändern. Probiere folgende Reflexionsübung aus, wenn du dir einen Neuanfang wünschst und die Beziehungsdynamik verändern willst.
Versuche diese Übung zu machen, wenn dein Kind schläft.
Setz dich still neben dein Kind, ohne seinen Schlaf zu stören.Beobachte, wie dein Kind atmet. Wenn du magst, kannst du dein Ein- und Ausatmen mit dem deines Kindes in Einklang bringen.Denke, ohne dich zu kritisieren, ehrlich darüber nach, wie du dein Kind siehst. Welche Gedanken und Gefühle tauchen jetzt, in diesem Moment, auf?Oft sind unsere Gedanken neutral oder kritisch. Sagst du häufig »Warum ziehst du das heute in der Schule an?«, »Warum bist du so schlampig?«, »Musst du dich über alles beschweren, was ich sage oder tue?«, »Warum isst du dein Gemüse nicht?«Wie reagierst du auf dein Kind, wie ist die Interaktion zwischen euch? Verurteile dich nicht, hacke nicht auf dir herum, sondern werde neugierig. Bemerkst du den Fleck auf einem T-Shirt oder das Feuerwehrauto, das noch im Wohnzimmer herumliegt?Versuche, dein Kind zu sehen, als sei es das erste Mal so, als hättest du es noch nie zuvor gesehen. Verweile dort.Was nimmst du wahr? Schau, ob du im Gesicht deines Kindes etwas Neues sehen kannst.Bleib einen Moment bei der Verletzlichkeit deines Kindes. Sieh die Stärken und die Schwächen.Was könnte sein Leiden verursachen?Denk darüber nach, dass dein Kind, wie alle Wesen, glücklich sein möchte.Kannst du zulassen, dass dein Herz weicher wird, wenn du dein Kind aus dieser neuen Perspektive siehst?Margot praktizierte das ein paarmal und stellte fest, dass es ihr half, sich wieder mit den Dingen zu verbinden, die sie an Hannes liebte. Sie begann die Situation aus seiner Perspektive zu sehen – wie schwer muss es für ihn gewesen sein, als sie die strenge Bettruhe einhalten musste, als seine alte Familienstruktur aus den Fugen geriet oder als er sich deplatziert fühlte? Natürlich war er wütend und schlug über die Stränge. Jetzt konnte sie das sehen und wurde sanfter. Zum ersten Mal sah sie die Möglichkeit, dass ihr Ärger nicht Hannes ganzes Leben lang andauern würde.
Ich schlug vor, etwas gemeinsam zu unternehmen – nur zu zweit. Könnte der Papa das Baby am Wochenende ein oder zwei Stunden hüten, während sie besondere Zeit miteinander verbrachten?
Es bedurfte einiger Verhandlungen aber Hannes gefiel die Idee und er trug dazu bei, dass es klappte. Zuerst gab es zum Mittagessen eine Pizza, sein Lieblingsessen, in der Pizzaria um die Ecke. Danach spielten sie zusammen Fußball auf dem Spielplatz. Margot hatte in der Schule Fußball gespielt und konnte Hannes ein paar Tricks bei der Fußarbeit zeigen, die er nachzuahmen versuchte. Für sie fühlte es sich gut an, wieder einmal körperlich aktiv zu sein und Hannes war beeindruckt.
»Cool, Mama«, sagte er voller Bewunderung. »Das ist toll!« Die Zeichen standen auf Besserung.
Es schien nur eine schlimme Erkältung zu sein. »Mach dir nicht so viele Sorgen, Valerie,« schimpfte ihr Mann. »Kinder kriegen laufend Erkältungen. Du überreagierst ständig.« Dem vierjährigen Matthis ging es allerdings miserabel. Er war so verschleimt, dass ihm das Atmen schwerfiel, er konnte nicht schlafen, hatte Schmerzen und war reizbar. »Schick ihn einfach in den Kindergarten. Das ist keine große Sache – mach keine Memme aus ihm.« Matthis war ihr erstes Kind und Valerie bekam schon ihr Leben lang zu hören, dass sie zu emotional sei. Also steckte sie Matthis in einen warmen Pullover, zog ihm Schal und Handschuhe an und brachte ihn in die Tagesbetreuung. Er hatte kaum Temperatur und sie musste arbeiten gehen. Ein paar Stunden später rief die Erzieherin an: »Matthis hat sich gerade übergeben. Sie müssen ihn abholen«, insistierte sie. »Großartig«, dachte Valerie, »soviel zu einem erfolgreichen Arbeitstag.« Als sie im Kindergarten ankam, war Matthis Temperatur erhöht. Er wirkte ungewöhnlich blass und apathisch, schien sich aber sehr zu freuen, sie zu sehen.
Sie gab ihm ein Mittel gegen das Fieber aber die Temperatur sank nicht. Sie stieg sogar noch. »Das ist nicht in Ordnung«, sagte sie zu ihrem Mann, »ich bringe ihn zum Arzt, da stimmt etwas nicht.« »Meine Güte, Valerie. Lass ihn sich gesund schlafen. Du kannst doch nicht spätabends die Ärztin anrufen. Und wir beide brauchen auch unseren Schlaf. Belästige sie nicht so spät, es ist doch nur eine Grippe.«
Als das Fieber am nächsten Morgen immer noch nicht gesunken war, musste Valerie bei ihrer Arbeitsstelle anrufen, um einen weiteren Tag frei zu nehmen. »Wie um Himmelswillen können die Leute ihre Jobs behalten, wenn sie Kinder haben?«, fragte sie sich. Sie war wütend, hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen und machte sich Sorgen. Das Fieber stieg weiter und Valerie brachte Matthis zur Kinderärztin. Er war apathisch, rang um jeden Atemzug und sein Herz raste. Die Kinderärztin untersuchte ihn und sagte in ruhigem aber ernstem Ton: »Fahren Sie mit ihm ins Krankenhaus, wir geben ihm sofort Medikamente. Und Valerie –«, die Ärztin hielt inne und legte eine Hand auf Valeries Schulter, »ich will Ihnen keine Angst einjagen, aber fahren Sie bitte direkt ins Krankenhaus, fahren Sie nicht erst zu Hause vorbei.«
Natürlich bekam Valerie Angst. Sie packte Matthis ins Auto und fuhr so schnell sie konnte ins Kinderkrankenhaus in der Innenstadt. Sie hasste es, durch den Stadtverkehr zu fahren, besonders im Berufsverkehr, aber sie hatte keine Wahl.
Als sie im Krankenhaus ankamen, war sein Fieber auf 39,5 Grad gestiegen. Und das Atmen fiel ihm immer noch schwer. Die Wartezeit schien sich endlos hinzuziehen. Valerie fühlte sich so allein. »Bitte, er bekommt kaum Luft. Könnte vielleicht schon jemand nach ihm schauen?« Valerie schnappte sich eine Krankenschwester in einem Versuch, Hilfe zu bekommen. Nach wenigen Augenblicken standen sie in der Notfallambulanz. Matthis lag auf einem Metalltisch über dem grelle Lampen hingen und wurde von Ärztinnen, Schwestern und jungen Assistenzärzten umringt. Plötzlich war sein kleiner Körper an Maschinen, Schläuche, Monitore angeschlossen. Alles ging so schnell. Es wirkte so unwirklich.
»Es ist gut, dass Sie ihn jetzt hergebracht haben«, sagte die diensthabende Ärztin. »Ihr kleiner Junge hat eine schwerwiegende Atemwegsinfektion. Ich möchte ihn heute Nacht hierbehalten, damit wir ihn unter Beobachtung haben.«
