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Er ist der größte Schauspieler der Welt. Aber sie will mit seinem Ruhm nichts zu tun haben
Hannah Cho kann sich wirklich Schöneres vorstellen, als ihre Sommerferien mit Jacob Kim zu verbringen. Seitdem ihr ehemals bester Freund vor drei Jahren von seinem Besuch in Südkorea einfach nicht mehr zurückkam und dort der größte K-Drama-Star der Welt wurde, haben die beiden kein Wort mehr gewechselt. Doch jetzt ist er wieder in San Diego, um eine Pause von seinem Ruhm zu bekommen. Hannah will mit alldem und vor allem Korea nichts zu tun haben. Aber sie kann auch das verräterische Flattern ihres Herzens nicht leugnen, das plötzlich so stark wie nie zuvor ist, seitdem der gut aussehende Schauspieler ihr nicht mehr von der Seite weicht ...
»Eine süße Liebesgeschichte zum Dahinschmelzen!« HELEN HOANG
Ein Buch wie ein K-Drama: der neue Roman von Susan Lee
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2023
Titel
Zu diesem Buch
Leser:innenhinweis
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
Epilog
Danksagungen
Die Autorin
Die Romane von Susan Lee bei LYX
Impressum
SUSAN LEE
Seoulmates
ALWAYS HAVE AND ALWAYS WILL
Roman
Ins Deutsche übertragen von Anne-Sophie Ritscher
Hannah Cho und Jacob Kim waren schon als Kinder beste Freunde. Doch seitdem Jacob vor drei Jahren nicht mehr von einem Sommerurlaub in Südkorea zurückgekehrt ist, herrscht Funkstille zwischen den beiden. Viel zu tief haben sich seine letzten Worte in Hannahs Gedächtnis eingebrannt und die Erinnerungen an ihre Freundschaft unter einer dicken Schicht aus Schmerz und Enttäuschung begraben: »Ich hasse mein Leben in San Diego.« Nur widerwillig hat Hannah aus der Ferne verfolgt, wie Jacob in Seoul als K-Drama-Schauspieler Kim Jin-Suk weltberühmt wurde, und damit alles verkörpert, womit sie nichts zu tun haben möchte. Doch als er jetzt nach San Diego zurückkehrt, um eine Auszeit von seinem Ruhm zu nehmen, ist sie plötzlich dazu gezwungen, ihren Sommer mit ihm zu verbringen! Alles zwischen ihnen gehört der Vergangenheit an, doch trotzdem kann sie das verräterische Flattern ihres Herzens nicht ignorieren, wann immer sie zusammen sind. Und je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto klarer wird ihr, dass in Megastar Kim Jin-Suk immer noch viel zu viel Jacob Kim steckt, als dass sie ihn länger von sich stoßen könnte. Aber darf Hannah Jacob noch einmal in ihr Leben lassen, wenn sie ihn erneut verlieren könnte?
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung. Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!
Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.
Euer LYX-Verlag
Für meinen Vater …
der immer gesagt hat, dass ich alles werden kann – von Miss Korea bis zur Präsidentin der Vereinigten Staaten. : )
Ich habe mich fürs Geschichtenerzählen entschieden …
und ich hoffe, du wärst stolz auf mich.
Du fehlst mir.
Gibt es einen größeren Liebesbeweis, als deinem Freund den Rücken zu tätscheln, während der mit dem Kopf im Klo hängt und warmes Bier auskotzt?
Erbärmliches Stöhnen seinerseits.
Ich gehe zu kreisenden Bewegungen über und murmle: »Ist ja gut.«
Das ist nicht unbedingt das Date meiner Träume, aber ich denke, dass ich insgesamt völlig zufrieden sein kann. Ich bin ohne enge Freundschaften auf die Highschool gekommen, und jetzt beginne ich den Sommer und mein letztes Jahr mit einem perfekten Freund inklusive Freundeskreis an meiner Seite. Es ist schon komisch, wie sich das Leben so plötzlich ändern kann, wenn man am wenigsten damit rechnet.
Nate und ich haben einen langen Weg hinter uns. Wir kennen uns, seit er ein großes, tollpatschiges Kindergartenkind war und ich ein kleines, vorlautes. Als Kinder haben wir uns gehasst. Aber das Schicksal taucht immer dann auf, wenn wir es am wenigsten erwarten.
Ich habe Nate letzten Sommer zufällig am Strand getroffen, am Tag, nachdem meine Schwester nach Boston gezogen ist. Ich fühlte mich besonders verletzlich, und Nate war überraschend charmant. »Warum würde irgendjemand aus San Diego wegziehen?«, fragte er mich. »Schlechteste Entscheidung aller Zeiten. Die beste Rache an jemandem, der weggezogen ist, ist, all das auszunutzen, was die Stadt zu bieten hat.« Und dann sind wir nach Carlsbad gefahren und spazierten durch die Blumenwiesen. Ich war vorher noch nie dort und es war nicht so kitschig, wie ich gedacht hatte. Es war wirklich schön.
Und da wusste ich: Er ist auf meiner Seite. Denn ganz ehrlich, warum würde irgendjemand aus San Diego wegziehen wollen? Nate versteht das. Nate versteht mich.
Das Klopfen an der Tür lässt Nate erneut aufstöhnen, und eine Wolke beißenden Geruchs weht in meine Richtung. Ich schlucke schwer und unterdrücke den Würgereiz, um ein Fiasko meinerseits zu verhindern.
»Wir sind beschäftigt!«, rufe ich.
Auf der anderen Seite höre ich jemanden schnauben und kichern.
»Ähm, nicht auf die Art«, füge ich schnell hinzu.
Das Letzte, was ich brauche, ist, dass die Gerüchteküche eine skandalöse Geschichte über mich und Nate auf der Toilette bei Jason Collins Abschlussparty erfindet. Glaubt mir, dieser Geruch sorgt nicht dafür, dass ich auf irgendeine Weise heiß werde.
Es klopft erneut an der Tür. Ist das hier das einzige Badezimmer im Haus, oder was?
»Hannah? Ist bei euch alles in Ordnung?«
Oh, Gott sei Dank, eine vertraute Stimme. Vielleicht kann uns Shelly ein Uber rufen und mir dabei helfen, Nate nach draußen zu bringen. Andererseits liebt niemand anderes im Freundeskreis mehr als sie den Gossip. Ich versuche, ihr nichts zu erzählen, was nicht am nächsten Tag die gesamte Schule wissen soll – und ich bin mir sicher, Nate will nicht, dass alle darüber reden, dass er keinen Alkohol verträgt. Es würde ihm nicht gefallen, wenn Shelly überall darüber posten und Menschen dann so was wie »Nate kann nichts am Glas« schreiben würden. Die Leute können mit ihren Kommentaren gnadenlos sein.
Alles okay. Ich hab’s im Griff. Ich kann mich selbst um Nate kümmern. Trotz der Lage, in der ich mich befinde, muss ich lächeln. Ich mag es, die verlässliche Freundin zu sein. Ich mag es, gebraucht zu werden.
»Uns geht es gut, Shelly. Alles in Ordnung. Hier drin passiert nichts Spannendes. Danke!«, rufe ich. Hoffentlich findet sie irgendwo anders ein Drama, das sie herumerzählen kann.
»Okidoki! Falls ihr mich braucht, ich bin unten«, sagt sie.
Ein Stöhnen tönt aus dem Inneren der Schüssel. Ich blicke auf Nates Hinterkopf herab. »Oh, Babe, wie geht’s dir? Kann ich etwas für dich tun?«, frage ich.
»Hannah?« Er legt eine Wange auf den Toilettensitz. Ich versuche, nicht an all die Bakterien zu denken, die dadurch vom Porzellanthron auf sein wunderschönes Gesicht gelangen. Nates Stimme ist schwach und sein Mundgeruch eklig. Ich versuche, beim Luftholen nicht durch die Nase zu atmen.
Ich nehme den feuchten Lappen vom Waschtisch und wische ihm über den Nacken. Ich bin fasziniert von den kurzen blonden Haaren. Der Schweiß hat den Rest seines Kopfes zu einem sandigen Blond verdunkelt, aber die klitzekleinen Nackenhaare sind beinahe weiß.
Aus irgendeinem Grund wird mein Herz bei ihrem Anblick weich. Obwohl er ein großer, starker Typ ist, hat er kleine Babyhaare. Süß.
»Hannah«, holt er mich in die Gegenwart zurück.
»Ja, Nate?« Widerwillig nähere ich mich ihm.
»Ich …« Er holt Luft und wirkt unsicher, ob er gleich nochmal kotzt.
»Psssst. Es ist okay, Nate. Ich weiß, Babe, ich weiß.«
»Hannah, wir …«
Wir. Ooooh. »Jap, du und ich«, sage ich.
»Ich … ich denke, wir sollten uns trennen«, sagt er und wendet sein Gesicht wieder der Kloschüssel zu.
»Nein, danke«, erwidere ich.
Die Zeit bleibt stehen. Bis auf das sinkende Gefühl in meiner Magengrube kann ich meinen Körper nicht länger spüren. Der dicke Hochflor-Badvorleger fühlt sich auf einmal kratzig und rau an und das Zimmer viel zu eng. Und obwohl es eine warme Nacht in San Diego ist und in einem Haus voll betrunkener Jugendlicher nicht gerade die beste Luftzirkulation herrscht, ist es trotzdem nicht normal, so viel zu schwitzen.
Keine Panik, sage ich mir und schließe die Augen, um meine plötzlich rotierende Welt zu beruhigen.
Ich wiederhole seine Worte im Kopf. Wir sind noch nicht lange genug zusammen, als dass er beschließen könnte, dass wir uns trennen sollten. Ich habe es falsch verstanden.
Wir sollten uns kennen. Ja, wir sind miteinander aufgewachsen, inzwischen sollten wir alles voneinander wissen.
Wir sollten uns kämmen. Haha! Du bist lustig, Nate. Tatsächlich sind seine Haare durch die ganze Kotzerei total verwuschelt.
Wir sollten uns gönnen. Ich meine, nach diesem Abend habe ich mir auf jeden Fall ein gutes Stück Steak verdient. Da bin ich dabei.
Eine große Hand umschließt mein Handgelenk und reißt mich aus meiner Panik. Aber als ich in Nates rotgeränderte Augen blicke, seine laufende Nase sehe und mich bemühe, nicht auf das verdächtige Bröckchen zu starren, das an seiner Wange klebt, schnürt sich mir die Kehle zu.
Es ist keine Liebe, die ich sehe. Noch nicht einmal Wut. Es ist … Mitleid.
»Nate, Babe, du bist nicht klar im Kopf. Du bist betrunken und kotzt«, will ich ihm mit zitternder Stimme klarmachen.
»Hannah, es tut mir leid. Ich habe den ganzen Abend versucht, es dir zu sagen. Aber ich wollte dir nicht wehtun«, sagt Nate und unterstreicht seine Plattitüden mit einem weiteren Stöhnen, das in der Schüssel widerhallt.
»Aber … aber du bist doch meine Ein und Alles.« Ich flüstere beinahe. Meine Stimme klingt jämmerlich und klein.
»Das mit uns funktioniert einfach nicht. Wir können immer noch Freunde bleiben«, sagt er. Er klingt elend. Ich wünschte, er würde sich schlecht fühlen, weil er mir das Herz bricht, und nicht, weil er mit dem Kopf im Klo hängt.
»Was funktioniert nicht? Ich dachte, wir haben Spaß. Wir sind hier, auf dieser Party und, ähm, haben Spaß, oder?« Ich blicke auf Nate herab, der eindeutig nicht so aussieht, als hätte er Spaß.
»Hannah, wir … wir haben nichts gemeinsam«, sagt er.
»Was meinst du damit, wir haben nichts gemeinsam? Wir haben so viel gemeinsam. Wir sind praktisch ein und dieselbe Person.« Es fällt mir schwer, mich an die Liste zu erinnern, die Liste der Dinge, an denen wir beide Spaß haben. Mein Gehirn ist gerade ein schwarzes Loch, und unter Druck konnte ich noch nie gut arbeiten.
»Haben wir wirklich nicht. Du magst nicht einmal die Sachen, die ich …«
»Wir mögen beide Riverdale«, unterbreche ich ihn, als mir endlich eine Antwort einfällt. Na also, ich wusste doch, dass es etwas gibt.
»Du hasst es. Du machst dich jedes Mal über Archie lustig.«
Ich sinke in mich zusammen. Er hat recht. Erwischt.
»Du hasst Tomaten …«
Das ist ein Hindernis, wenn es um die Liebe geht?
»… und Katzen …«
Stimmt. Aber können wir uns nicht darauf einigen, anderer Meinung zu sein?
»… und du hast keine Ahnung von K-Pop oder K-Dramas. Ich kann mit dir einfach nicht über die Dinge reden, für die ich brenne.«
K-Pop? K-Dramas?
Jetzt stöhne ich selbst auf. Nein, nicht auch noch Nate. Ein weiterer Mensch, der von der plötzlichen weltweiten Faszination für alles Koreanische mitgerissen wird. Und natürlich bin ich anscheinend der einzige Mensch auf der Welt, bei dem das nicht so ist, obwohl ich … Koreanerin bin.
»Nate, daran können wir arbeiten.«
»Hannah?« Er sieht mich erneut an.
Ja, sehr gut, er bereut seine Worte bereits. Ich nicke mir selbst zu und lächle. Alles wird gut.
»Nate«, antworte ich selbstbewusst.
Seine Augen werden vor Schreck ganz groß, dann öffnet er den Mund und kotzt mir direkt auf die Sandalen.
Ich klemme mir das Handy zwischen Schulter und Ohr, damit ich mir die Schokolade von Daumen und Zeigefinger lecken kann. Ich habe die gesamte Stange Toblerone gegessen, habe oben angefangen, immer genau im Tal abgebissen und immer die gleiche Stelle unten festgehalten, damit genug Schokolade an meinen Fingerspitzen schmelzen konnte, um sie am Ende abzulutschen. Strategischer Verzehr gegen ein gebrochenes Herz.
»Warum konnte er nicht einfach vor den Schließfächern Schluss machen, oder auf dem In-N-Out-Parkplatz, so wie alle anderen? Warum musste er mir Chicken-Nugget-Stückchen in saurem Bier zwischen die Zehen kotzen? Echt super.«
Shelly schweigt am anderen Ende. Sie muss vermutlich auch vom bloßen Gedanken daran würgen.
»Seit wann ist es ein Trennungsgrund, nicht den gleichen Musikgeschmack zu haben?«, frage ich.
»Nate hat Martin Sheperd erzählt, der es Mandy Hawkins erzählt hat, die es Jason Chen erzählt hat, der es mir erzählt hat, dass du, als er dich fragte, wer dein Bias ist, meintest, dass du zu ›Gerechtigkeit und Gleichberechtigung tendierst und Sasha lieber magst als Malia Obama‹.«
»Ich wusste nicht, dass Nate so starke Gefühle gegenüber Malia hat.«
»Das ist ein K-Pop-Ding.« Durchs Telefon kann ich hören, wie sie die Augen verdreht. »Dein ›Bias‹ ist dein Lieblingsbandmitglied.«
»Okay, aber warum wissen das alle außer mir?«
Ich greife nach der Packung M&Ms auf dem Nachttisch. Ich habe alle Farben gegessen, sodass jetzt nur noch grüne übrig sind. Ein Festmahl aus grünen M&Ms ist mein Rezept gegen Herzschmerz.
»Ernsthaft mal«, macht sie weiter und ignoriert meine Frage. »Ich kann nicht fassen, dass dich Nate genau vor den Sommerferien abserviert hat. Was ist mit all den Plänen, die ihr gemeinsam gemacht habt? Jetzt bist du allein damit.«
Abserviert.
Allein.
Die Worte knallen mir so heftig ins Gesicht, dass der Schmerz lange anhält. Sie hat recht. Ich hatte geplant, jede Minute, die ich nicht bei meinem Praktikum bin, mit ihm zu verbringen.
»Wie zum Beispiel das Rettungsschwimmer-Camp? Du weißt, dass du das nicht erstattet bekommst.« Shellys Mahnung dringt durch den Nebel meines Elends.
Oh nein, das Rettungsschwimmer-Camp. Ich hasse den Chlorgeruch und die Gedanken an all die feuchten Orte, an denen Keime und Krankheiten gedeihen können. Aber Nate hatte all diese Ideen und Pläne für den »großen Sommer vor unserem letzten Schuljahr«, für unseren ersten Sommer als Paar. Und irgendwie war seine Vorfreude ansteckend. Na ja, vielleicht sollte ich froh sein, nicht mehr ins Schwimmbad gehen zu müssen. Jetzt, wo ich …
Abserviert wurde.
Allein bin.
Kein Freund. Keine Pläne für den Sommer. Kein Leben. Eine Reklametafel am Times Square, auf der in hellen Lichtern das Wort »erbärmlich« zur Melodie von Celine Dions »All by Myself« blinkt.
»Vielleicht sollte ich mit Nate reden …«
»Hm, gib ihm ein oder zwei Tage. Damit er dich vermisst. Und wenn du ihn zurückgewinnen willst, solltest du strategisch vorgehen«, schlägt Shelly vor.
»Ihn zurückgewinnen? Ist das möglich? Glaubst du, das könnte funktionieren?«, frage ich.
»Na klar. Ich kann dir helfen. Hör zu, ich weiß ganz sicher, dass Nate Blink, CARAT und ARMY ist. Oh, und er ist besessen von Son Ye-Jin. Er hat versucht, die Theater-AG zu überreden, nächstes Jahr CrashLandingonYouals Musical aufzuführen. Das sind gute Ausgangspunkte. Beschäftige dich mit den Dingen, die er mag, Hannah. Wenn er nicht mit dir zusammen sein will, weil ihr keine Gemeinsamkeiten habt, ändere seine Meinung, indem ihr, du weißt schon, Gemeinsamkeiten habt.«
Ich verstehe kein Wort. Und ich habe ein schlechtes Gefühl dabei, ausgerechnet von Shelly Sanders belehrt zu werden. Aber vielleicht hat sie recht. Vielleicht kann ich ihn zurückgewinnen.
»Äh, danke«, bringe ich heraus. »Ich muss über einiges nachdenken.« Und einiges googeln.
»Wie auch immer, wir wollen diese neue Eisdiele mit den Ice Cream Rolls ausprobieren. Ich muss los.« Und schon ist sie weg, ehe ich auch nur den Mund schließen oder fragen kann, ob ich mitkommen darf. Habe ich durch die Trennung von Nate auch meinen ganzen Freundeskreis verloren?
»Tschüss«, sage ich zu niemandem. Mit dem Ärmel meines Sweatshirts wische ich Schokolade vom Bildschirm. Ich betrachte den Fleck im Stoff und überlege, ob ich ihn ablecken soll. Vielleicht später.
Ich lasse mich rücklings aufs Bett fallen.
Meine Mom stürmt in mein Zimmer und reißt die Vorhänge auf, wodurch mich das Sonnenlicht blendet. Meine Augen, meine Augen!
»Okay, Hannah. Zeit zum Aufstehen. Warum sind die Vorhänge geschlossen? Die Luft ist schlecht hier drin. Hast du heute schon geduscht?«
»Mom, bitte, siehst du nicht, dass ich gerade allein sein will? Ich brauche Zeit, um zu heilen«, jammere ich.
»Sich im Dunkeln herumzuwälzen, Schokolade zu essen und schmutzig zu sein, ist nicht der richtige Weg, um es hinter sich zu lassen, Hannah.«
»Mutter, das ist meine Art.«
»Deine Art wofür? Um dein Leben zu verschwenden? Hannah, du und Nate wart nicht sehr lange zusammen. Das Kimchi, das ich gemacht habe, ist noch nicht einmal igeosseo.« Überlassen wir es meiner Mutter, die Echtheit einer Beziehung mit der Fermentationszeit von Kimchi zu vergleichen. »Jetzt raus aus dem Bett und räum dein Zimmer auf. Wir müssen zur Kirche, um dich für den Sommer als Bibelschullehrerin anzumelden.«
Meine Mutter denkt doch etwa nicht, dass ich, nur weil Nate und ich nicht mehr zusammen sind, plötzlich die ganzen Sommerferien über Zeit habe, einer Meute kreischender Grundschulkinder Bibelunterricht zu geben. Ich habe die Grundschule gehasst.
»Ähm, nein, kein Interesse. Ich habe andere Pläne«, lüge ich. Ich meine, ich kann trotz allem zum Rettungsschwimmer-Camp gehen. Obwohl es mein Ende bedeuten könnte, zu sehen, wie Nate in Surfshorts seine gebräunten Muskeln zur Schau stellt, und gleichzeitig zu wissen, dass er mich nicht will.
Aber Bibelschulunterricht könnte ein noch schmerzhafterer Weg in mein Grab sein.
»Hannah, entweder du unterrichtest an der Bibelschule oder du schreibst dich für eine hagwon ein, um dich aufs College vorzubereiten.«
»Aber ich habe mein Praktikum«, sage ich. Dieses Praktikum habe ich mehr als einmal als Ausrede benutzt, um mich vor etwas zu drücken. Und obwohl es nur an einem Tag in der Woche für zwei Stunden stattfindet, weil ich für einen Immunologen arbeite, glaubt meine Mutter, dass dies mein sicherer Weg ins Medizinstudium ist. Sie könnte recht haben.
»Du kannst beides machen. Bibelunterricht ist nur morgens, und findet dein Praktikum nicht nur am Montagnachmittag statt?«
Erwischt.
Ich vergrabe mein Gesicht im Kopfkissen. »Bitte geh weg«, flehe ich.
Ich spüre, wie die Matratze einsinkt, als sich meine Mom neben mich setzt. Sie klopft mir leicht auf den Rücken. »Hannah, du bist besser als dieser nicht-christliche, amerikanische Junge.« Ihre Stimme ist verdächtig freundlich.
»Mom, du verstehst das nicht.« Er mochte mich, will ich sagen. Aber vielleicht tut er das jetzt nicht mehr. Ich wusste, ich hätte auf den BTS-Zug aufspringen sollen, als das alle getan haben. Ich dachte nur, dass K-Pop und K-Dramas Dinge wären, die »denen« gefallen. Mit denen meine ich koreanische Koreaner, nicht amerikanische Koreaner oder koreanische Amerikaner und ganz bestimmt nicht amerikanische Amerikaner. Wo war ich, als sich das so schnell geändert hat? Jetzt bin ich außen vor und Nate ist auf jeden Fall mittendrin.
»Was gibt es da zu verstehen? Hannah, du verdienst einen Jungen, dem gefällt, dass du klug und talentiert bist und der deine starken Waden schätzt. Was du brauchst, ist ein guter koreanischer Junge.«
Und los geht’s.
Ich setze mich auf und warte darauf, dass meine Mutter versucht, mich mit einem der »guten christlichen Jungen« aus unserer koreanischen Kirche zu verkuppeln, die neu in der Gemeinde sind. Ist es Timothy Chung, weil er perfekt ist und Geige spielt? Oder Joshua Lee, weil er perfekt ist und einen BMW fährt? Nein, nein, es ist bestimmt Elliot Park, weil er perfekt ist und frühzeitig für ein Studium an der UCLA zugelassen wurde.
»Aber lass uns jetzt nicht über Jungs nachdenken. Ich habe wirklich gute Neuigkeiten, und dann fahren wir zur Kirche.«
Warte, das war’s schon? Wird mir etwa kein Lebenslauf irgendeines neuen koreanischen Jungen zur Begutachtung vorgelegt? Ist das eine Falle? Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich warte darauf, dass die Bombe platzt.
»Äh, welche guten Neuigkeiten, Mom?« Langsam drehe ich mich zu ihr um und betrachte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen.
»Nun ja, nachdem dein Dad und deine Schwester ausgezogen sind, haben wir hier so viel Platz …«
Nachdem mein Dad für seinen Job nach Singapur versetzt wurde und meine Schwester für den ihren nach Boston gezogen ist, ist das Haus merklich leerer geworden. Außerdem habe ich das Gefühl, dass meine Mom öfter in der Kirche als zu Hause ist.
Aber wir haben die Sommer immer gemeinsam verbracht. Sommer ist Familienzeit.
»Für den Vierten Juli werden sie doch wenigstens hier sein«, sage ich und versuche, es nicht wie eine Frage klingen zu lassen.
»Sicher«, meint sie wenig überzeugt. »Aber wir haben trotzdem Platz für Gäste.«
»Welche Gäste?«
»Na ja, ich habe gestern mit meiner Freundin gesprochen …«
Das klingt überhaupt nicht gut. »Mutter?«, frage ich langsam. »Was hast du getan?«
»Rate, wer aus Korea zu Besuch kommt, um den Sommer mit uns zu verbringen?«, ruft sie und klatscht in die Hände.
Oh nein.
»Meine beste Freundin, Mrs Kim. Und ihre Familie!«
Nein, nein, nein.
Ich schnappe nach Luft.
Jacob Kim.
Nach all den Jahren.
Ich öffne den Mund, möchte vor Entsetzen schreien, aber meine Mom zieht mich vom Bett hoch und umarmt mich feierlich. »Meine beste Freundin kommt, und sie bringt ihren wunderbaren Sohn Jacob und ihre hübsche Tochter Jin-Hee mit. Unser Haus wird voller Lachen und Freude sein!«
Es ist nicht so, als wäre das hier ein Krankenhaus. Ich lache. Ich freue mich.
»Ich kann Koreanisch kochen, und wir können alle zusammen essen«, sagt sie.
Sie lässt es klingen, als würde ich das, was sie kocht, nie essen. Ich will einfach nicht zu jeder Mahlzeit koreanisch essen, und sie kocht nichts anderes.
Sie lässt von mir ab, hält mich aber an den Armen fest und schüttelt mich. Vor Entsetzen bin ich ganz schlaff und werde wie eine Puppe herumgeworfen. »Erinnerst du dich an Jacob? Als Kinder wart ihr unzertrennlich. Die ganze Grundschulzeit und bis zur Oberstufe wart ihr die besten Freunde!«
Oh, ich erinnere mich gut an Jacob.
Unsere Mütter haben uns nicht vergessen lassen, dass wir »sogar vor eurer Geburt« befreundet waren, nur weil sie Freundinnen und gleichzeitig schwanger waren.
Hitze kriecht mir in den Nacken, und eine Enge drückt auf meine Brust, aber ich ignoriere sie. Ich habe keinerlei Gefühle mehr für Jacob Kim. Ich werde sicher nicht jetzt wieder damit anfangen.
»Es ist der perfekte Zeitpunkt für eine Freundschaft wie damals, als du klein warst«, sagt sie wehmütig.
»Das ist lange her«, erinnere ich sie. Wir waren Freunde, die besten Freunde. Er hat das weggeworfen. Er hat mich gegen das Leben eines Stars in Korea eingetauscht. »Ich habe kein Interesse.« Ich mache mich von meiner Mom los.
Mom zieht die Augenbrauen vor Schreck hoch. »Aber es ist Jacob, Jacob Kim«, sagt sie, als könne die Wiederholung seines Namens das, was er getan hat, auf einmal ungeschehen machen.
»Gut, aber wenn er hierherkommt, hält er sich besser von mir fern. Ich habe Pläne für den Sommer«, sage ich.
»Aber du und Nate habt euch getrennt. Du hast jetzt keine Pläne mehr.«
Verdammt, Mom, du machst mich echt fertig.
»Tagsüber kannst du in der Bibelschule unterrichten. Und dann kannst du dich für den Rest des Tages mit Jacob vergnügen. Das wird der perfekte Sommer.«
»Mom!« Ich lasse die Schultern hängen und bin kurz davor, mit dem Fuß aufzustampfen. Das kann doch nicht wahr sein.
»Hannah.« Ihr Tonfall ist eine Warnung.
Wir starren einander an. Ich werde nicht wegsehen. Das ist ein Kampf der Willensstärke. Sie wird diesen Kampf nicht gewinnen. Ich werde nicht nachgeben.
Ich blinzle.
»Jedenfalls«, trällert sie, als sänge sie eine Siegeshymne, »gibt es so viel vorzubereiten.« Sie eilt davon, während sie ein Kirchenlied pfeift.
Warte, ich hatte etwas im Auge! Ich will eine Revanche.
Ich schwöre, ich sehe sie die Treppe hinunterhüpfen. Na toll, meine Mom hat jetzt aufregendere Pläne für den Sommer als ich.
Und in diesem Moment entscheide ich mich. Wenn alle den Sommer voll auskosten und tun, was sie wollen, warum sollte ich das also nicht auch? Vergesst die Bibelschule. Vergesst die Gäste aus Korea. Und vergesst vor allem Jacob Kim.
Jetzt gerade habe ich nur eine Sache im Kopf – Mission »Nate zurückgewinnen«.
Erster Schritt: Blink, CARAT und Son Ye-Jin googeln.
»Bitte geh nicht«, schluchzt sie mit vor Verzweiflung bebender Stimme. Sie packt mich unerwartet stark am Arm und zieht mich von der Tür weg.
Ich lasse den Kopf sinken und sehe sie über die Schulter hinweg kaum an. »Ich muss. Ich muss das für mich tun, für meine Familie. Ich will dich nicht verletzen, aber wir müssen uns trennen.« Meine Stimme bricht, und ich bin selbst überrascht, als eine Träne über meine Wange läuft.
»Was soll ich nur tun?«, weint sie gequält, ihr Herz gebrochen.
Dramatische Pause.
»Und … Cut!«, ruft der Regisseur, während das Schluchzen der jungen Frau noch in meinen Ohren nachklingt.
Ich löse mich aus der Szene, aus meiner Rolle und kehre an das Set in einer schicken, perfekt ausgeleuchteten Wolkenkratzerwohnung zurück, von deren bodentiefen Fenstern aus man den Hangang sehen kann. Ich wische die Träne weg.
»Sehr gut, alle zusammen«, sagt der Regisseur. »Für heute sind wir fertig.«
Um mich herum wird es hektisch, als alle anfangen, das Set aufzuräumen. Ich brauche nicht mehr so lange wie früher, um mich nach einer emotionalen Szene zu beruhigen, aber es wundert mich immer noch, wie schnell Menschen einfach weitermachen können.
»Hier.« Mir werden zwei Feuchttücher in die Hand gedrückt, damit ich mein Augen-Make-up entfernen kann, gefolgt von einem Stapel Papier. »Das Auto ist in zehn Minuten hier«, sagt meine Managerin Hae-Jin und lässt mich stehen, um meiner Filmpartnerin zu folgen. Warm und herzlich ist sie nicht.
Ich blättere durch den Papierstapel – das Drehbuch für das Staffelfinale, eine kurze Zusammenfassung der zweiten Staffel und einige hochoffiziell wirkende Dokumente. Meine Vertragsverlängerung. Ich kann immer noch kaum glauben, dass wir eine zweite Staffel bekommen. Im koreanischen Fernsehen ist das eine Seltenheit.
Ich bin gerne Schauspieler. Es ist befreiend, Rollen zu spielen, die so anders sind als ich. Das Gehalt gefällt mir noch besser. Aber allein der Gedanke an eine zweite Staffel mit dieser Rolle und in dieser Besetzung erschöpft mich.
Ich trete ans Fenster und blicke zu den Menschen hinunter, die sich heute versammelt haben. Selbst vom zweiunddreißigsten Stock aus kann ich ihre Aufregung sehen, oder vielleicht auch nur spüren. Die Menge ist größer als gestern und es scheint, als wüchse sie mit jedem Drehtag.
Ich wohne nicht hier. Ich bin vielleicht Kim Jin-Suk, der aufsteigende Stern am K-Drama-Himmel und die große Hoffnung von SKY Entertainment. Aber ich habe nicht annähernd genug Geld, um im Hyundai Tower West in Gangnam zu wohnen. Mein wahres Ich, Jacob Kim, ist ein Jungschauspieler, der gerade durchstartet und mit seiner Mutter und Schwester in einer angemessen großen Zweizimmerwohnung einige dongnae entfernt lebt.
Aber vor nicht allzu langer Zeit wussten wir nicht einmal mit Sicherheit, ob wir überhaupt ein Zuhause haben würden. Ich will mich auf keinen Fall beschweren. Ich bin einfach dankbar, dass wir nicht auf der Straße leben und hungern.
In meinem Magen breitet sich die vertraute Angst aus, droht, in mir zu wachsen, mich aufzufressen und in ihren Schatten zu ziehen. Wenn man mit ständigen Geldsorgen aufwächst, ist es schwer, diese Angst abzulegen. Auch jetzt noch.
»Zeit zu gehen«, sagt Eddie, der SKY-Mitarbeiter, der mir zugeteilt wurde. Er führt mich den Gang entlang in den Aufzug. Nach zwei Stockwerken halten wir, und als sich die Türen öffnen, trifft mich ein überwältigender Jasminduft. Das unverwechselbare Parfum meiner Filmpartnerin Shin Min-Kyung. Es versengt mir die Nasenhaare.
Sie hat sich komplett umgezogen und eine andere Frisur, obwohl seit dem Ende des Drehs gefühlt erste wenige Minuten vergangen sind. Ihr Make-up ist makellos, und sie sieht aus, als wäre sie einer Zeitschrift entstiegen. Das Kilo Make-up, das den heutigen Pickel auf meinem Kinn abdeckt, zerbröselt unter dem Druck ihrer Perfektion. Sie ist umwerfend. Und dazu die gemeinste Person, die ich jemals getroffen habe.
Sie betritt mit ihrem Gefolge den Aufzug, wobei sie mich und meinen Eddie in die Ecke drängt. Ich kann sehen, wie mich ihr Blick kurz streift, als sich ihre Lippen kräuseln.
»Annyeonghaseyo«, begrüße ich sie in der höflichen Form und verbeuge mich leicht.
»Ich habe dir gesagt, du sollst aufhören, Schokolade zu essen. Deine Haut ist eine Katastrophe«, sagt sie.
Ich habe gelernt, dass es sicherer ist, nur zu nicken, anstatt zu antworten, wenn sie in meine Richtung austeilt. Ich kenne meinen Platz. Und trotzdem …
»Die Szene heute lief echt gut, oder?«, frage ich.
Die Luft wird aus dem Aufzug gesaugt, und wir sinken alle zu Boden, wo wir qualvoll ersticken. Jedenfalls fühlt es sich so an, als sie genervt seufzt. Verdammt. Ich hätte mich an meine ursprüngliche Strategie halten und schweigen sollen.
Sie antwortet nicht.
Die Aufzugtüren öffnen sich, und wir werden durch die Lobby und aus dem Gebäude herausgeführt. Hier draußen ist das Geschrei laut, und kurz blendet mich das Blitzlichtgewitter.
»MinJin! MinJin!« Die Fans rufen unseren Ship-Namen. Min-Kyung läuft jetzt dicht neben mir. Sie streicht ihr Haar auf so schüchterne und bescheidene Weise hinters Ohr, dass sie dafür einen Preis bekommen sollte. Ich lege ihr die Hand auf den Rücken.
Ich will anhalten und mich bei jeder einzelnen Person bedanken, die sich die Zeit genommen hat, heute hier auf mich zu warten. Es ist echt cool, dass sie da sind. Aber das ist nicht erlaubt. Jede Interaktion mit den Fans ist sorgfältig einstudiert. Stattdessen verbeugen Min-Kyung und ich uns höflich vor der Gruppe und laufen weiter.
Während wir auf unser Auto warten, nickt mir Hae-Jin zu: das Zeichen für meinen letzten Einsatz. Ich blicke zu den Fans zurück, winke der Menge zu und fahre mir mit den Fingern durch die zu langen Haare. Noch mehr Geschrei. Ich lasse den Blick über die Menge schweifen, zwinkere und lege Daumen und Zeigefinger zu einem winzigen Herz zusammen. Die Fans drehen durch.
In die enthusiastischen Rufe mischt sich ein schmerzvoller Schrei: »Oppa! Ich liebe dich«, schreit ein Mädchen und streckt verzweifelt die Arme nach mir aus. Die Menge bemerkt meine Aufmerksamkeit und drängt nach vorn. Das Mädchen wird gegen die Absperrung gedrückt, ihr Gesichtsausdruck ist panisch. Ich renne zu ihr, um zu helfen und drücke dabei Menschen zur Seite. Aber mein Fuß verfängt sich zwischen zwei Absperrzäunen, und mein Knöchel verdreht sich unangenehm. Vor Schmerz verziehe ich das Gesicht und schreie auf.
Ich spüre, wie mich Hände packen und hochheben. »Aus dem Weg«, höre ich Eddie rufen, als er mich aus der Menge zieht und eilig ins Auto bringt. Kaum kann er die Tür schließen, ehe wir davonrasen und die Fans im Rückspiegel verschwimmen.
»Was hast du dir dabei gedacht?«, faucht Hae-Jin.
Hae-Jin ist perfekt gestylt in ihrem Signature-Look mit dem schwarzen Armani-Hosenanzug und der weißen Seidenbluse. Kein Haar löst sich aus ihrem glatten, straffen Haarknoten. Aber sie ist offensichtlich erschöpft.
»Sie wurde eingequetscht«, sage ich. »Es tut mir leid.« Ich entschuldige mich ständig. Ganz egal, ob ich glaube, etwas falsch gemacht zu haben oder nicht.
»Du hast alle in Gefahr gebracht, auch dieses Mädchen«, sagt Hae-Jin. »Und was, wenn du mit diesem peinlichen Gesichtsausdruck fotografiert worden wärst? Du kennst die Regeln.«
Ich schließe die Augen und schlucke die Wut hinunter, die wie ein Felsbrocken in meinem Hals sitzt. Ich weiß nicht, ob ich auf sie oder auf mich selbst wütender bin. Sie hat recht. Die Regeln sind klar, und ich habe einen Fehler gemacht. Einen leisen Seufzer ausstoßend versuche ich, den Lärm in meinem Kopf zu ignorieren. Genau wie den Schmerz in meinem Knöchel.
Ich hole tief Luft. Das Auto ist neu und riecht nach Leder. Das Auto, mit dem ich groß geworden bin, hatte schmuddelige Polster mit Rissen und Flecken, und ganz egal, wie sehr sich meine Mom bemühte, der schwache saure Geruch ließ sich nie herauswaschen.
Als ich in Korea ankam, war ich ein kränkliches Kind. Wir hatten kaum Geld. Drei harte Jahre im Trainingsprogramm der Produktionsfirma (quasi dem Gewächshaus für neue K-Pop- und K-Drama-Stars) haben mir dabei geholfen, das zu perfektionieren, was in Korea als meine »Vorzüge« gelten. Und jetzt spiele ich die männliche Hauptrolle in Heart and Seoul, der lang erwarteten Serie über zwei unglücklich verliebte Teenager. Jetzt, wo sie bei Netflix läuft, sind unsere Zuschauerzahlen explodiert. Wir sind weltweit bekannt.
Ich darf es nicht als selbstverständlich ansehen. Und ich darf es nicht kaputtmachen.
»Wir fahren jetzt zum Interview mit dem deutschen Magazin und danach seid ihr bei Entertainment News Canada. Minky wird das geblümte Gucci-Kleid und dann das fliederfarbene von Celine tragen. Jin-Suk wird das rote Supreme-Sweatshirt und danach das weiße Button-Down-Hemd von Balenciaga anhaben. Anscheinend ist dein Beliebtheitsindex in Nordamerika am höchsten, wenn du Weiß trägst.«
»Wieso achtet ihr darauf überhaupt?«, frage ich. Es ist krass, welche Statistiken das Unternehmen aufstellt. Ich kann kaum glauben, dass sich Fans dafür interessieren, was ich anhabe, geschweige denn denken, ich sähe darin heiß aus.
Fans. Ich habe Fans. Ehe ich nach Korea kam, hat sich niemand für mich interessiert. Meine ganze Kindheit in San Diego über war ich immer das kleine, nervöse, ostasiatische Kind mit den schlimmen Allergien. Wer hätte gedacht, dass ein Bowl Cut an einem großen, dürren Typ eines Tages allen Mädels den Kopf verdrehen würde?
»Stell keine blöden Fragen. Ich habe es so satt, mit einem Anfänger zu arbeiten. Und was war das für eine Aktion, die du vorhin gebracht hast? Warum kannst du dich nicht einfach an die Regeln halten? Ich will nie wieder mit einem undisziplinierten amerikanischen Schauspieler zusammenarbeiten.« Min-Kyungs scharfer Kommentar trifft mich wie ein Messerstich. Er erwischt einen meiner wunden Punkte: dass ich für diese Karriere nicht koreanisch genug bin.
»Minky.« In Hae-Jins Stimme liegt eine Warnung. Hör auf, die Diva zu spielen und kooperiere. Die Wahrheit ist, Min-Kyung kann es sich nicht leisten, dass ein weiterer männlicher Filmpartner über die Zusammenarbeit mit ihr unzufrieden ist. Wenn kein Schauspieler mehr mit ihr drehen will, wird sie bald nicht mehr für romantische Serien gecastet.
»Morgen fahren wir für das Shooting mit Vogue Korea nach Busan«, macht Hae-Jin weiter.
»Oh, cool. Meint ihr, wir können an den Strand gehen?« Seit wir umgezogen sind, vermisse ich den Strand besonders. »Oder werden wir Zeit haben, Gamcheon Culture Village zu besichtigen? Ich habe Fotos gesehen …«
»Dafür haben wir keine Zeit«, unterbricht mich Hae-Jin.
»Wir sind nicht im Urlaub. Das ist Arbeit«, sagt Min-Kyung, die sich keine Mühe gibt, ihre Verachtung mir gegenüber zu verbergen.
»Entschuldigung«, sage ich zum vielleicht hundertsten Mal heute. Und es ist noch früh.
Ich seufze und versuche, meine Enttäuschung zu verbergen. Ich habe nie die Möglichkeit, etwas zu sehen oder zu unternehmen, selbst wenn mich mein Job an aufregende Orte führt. Keine Achterbahnen in Lotte World, kein Wachwechsel beim Gyeongbokgung-Palast, gar nichts. Ich will nicht so klingen, als hätte ich eine Midlifecrisis oder so, aber ich habe das Gefühl, meine Jugend zu verschwenden.
»Und, Jin-Suk.« Hae-Jins ernster Ton holt mich aus meinen Gedanken, und ich schenke ihr meine ganze Aufmerksamkeit. »Streng dich in den Interviews und auf den Fotos stärker an, deine Gefühle für Minky rüberzubringen. Keine Witze. Kein Sarkasmus. Vermittle das Gefühl zwischen euch beiden.«
Ich muss die Welt glauben lassen, ich sei wirklich in Min-Kyung verliebt, damit die emotionale Beteiligung in den Herzen der Fans für unsere Beziehung vor der Kamera wächst. Als mir Hae-Jin zum ersten Mal sagte, dass das von mir erwartet würde, war ich mir sicher, sie scherzte. Dann habe ich mich sehr schnell daran erinnert, dass sie keinen Sinn für Humor hat.
Ihr drohender Tonfall entgeht mir nicht. Spiele glaubhaft oder setze die zweite Staffel und damit deine bezahlte Beschäftigung aufs Spiel. Ich muss ein höllisch guter Schauspieler sein, wenn die Leute ernsthaft glauben, ich würde dieses Mädchen mögen.
Ich blicke zu Min-Kyung hinüber, Augen zu, Ohrstöpsel drin. Mir ist das alles noch neu, aber sie macht diesen Job schon lange. Ist sie deswegen so schlecht gelaunt? Wenn der Glanz des Ruhmes verblasst, ende ich dann so abgestumpft und gemein wie sie?
Nein, das werde ich nicht zulassen. Auch wenn dieser Job fordernd ist, die Leute erkennen mich wieder. Sie rufen meinen Namen. Außerdem bezahlt er die Rechnungen. Und das ist in meinem Leben gerade alles, worauf es ankommt.
»Also, das war eine Katastrophe.«
Jin-Hee, meine kleine Schwester, kann sich wirklich gut ausdrücken.
»Pst.« Meine Mutter versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Als ob das jemals geklappt hätte. Wir sitzen im Sprechzimmer und warten darauf, dass der Arzt mit Neuigkeiten zurückkommt.
Seit ich versucht habe, dem Fan zu helfen, ging der ganze Tag nur noch bergab. Die Stylistin hat mir unglaublich harte Stiefeletten verpasst, und jedes Mal, wenn ich vor Schmerz zusammenzuckte, meinte sie: »Alles okay, sie sind von Dior.« Worauf mein Knöchel schrie: »Fuck Dior!«
Ich konnte kaum zum Interview-Set laufen, und der Schmerz stand mir die ganze Zeit ins Gesicht geschrieben. Hae-Jin stand hinter der Kamera auch etwas ins Gesicht geschrieben, aber das war eher Wut.
Und um alles noch schlimmer zu machen, fragte jemand beim Live-Q&A nach meinem Leben vor der Schauspielerei. Keine Ahnung, warum sich irgendjemand dafür interessieren würde. Und ich war sprachlos. Bin ich immer noch.
Aber natürlich sprang Min-Kyung ein, wie immer ganz professionell. Sie witterte eine Chance und ergriff sie.
Alle im Publikum fraßen ihr aus der Hand. Sie seufzten, als sie erzählte, wie sehr sie es liebt, mit mir für die Serie zusammenzuarbeiten. Sie machten große Augen, als sie erzählte, wie sehr sie unsere Nähe genießt. Und dann weinten sie alle, als sie erzählte, wie krank ich als Kind war. Wie mein Vater ganz plötzlich starb und uns in finanzieller Not zurückließ. Wie wir nach Korea kamen und seine Familie um Hilfe baten. Wie sie uns den Rücken kehrten. Und wie ich all das überwand, um zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin. Ohne meine Zustimmung breitete sie meine komplette Lebensgeschichte bis ins kleinste Detail aus.
Min-Kyung ist gesund und wohlhabend aufgewachsen. Aber mit dieser Geschichte gewinnt man keine Bekanntheit und keine Fans. Ihre neue Strategie ist es, sich an mich zu binden, um mit meiner Geschichte die Herzen der Fans zu erobern. Indem sie sich als das fürsorgliche Mädchen präsentiert, das ihren Filmpartner liebt, verfestigt sie ihre Position in dieser Partnerschaft und unsere Zukunft. Ich sollte ihr dankbar sein. Ich sollte beeindruckt sein, wie gekonnt sie uns und die Show verkauft. Ich sollte mir Notizen machen, denn genau das, was sie tut, verlangt das Studio von uns.
Stattdessen ist mir übel. Sie hat persönliche Dinge erzählt, die sie nicht hätte erzählen dürfen, die die Leute nicht einmal wissen sollen, und ich saß einfach daneben und habe es zugelassen.
Der Arzt und meine Managerin betreten den Raum. Ihre finsteren Mienen verraten mir alles, was ich wissen muss. Es ist nicht gut. Mist. Mein Herz schlägt schneller, wie immer, wenn ich glaube, in Schwierigkeiten zu sein.
»Jin-Suk«, sagt der Arzt in einem Ton, der mich sofort nervös macht. »Dein Knöchel ist zum Glück nicht gebrochen, du hast nur eine schwere Verstauchung. Du musst nicht operiert werden, aber du wirst eine Orthese tragen müssen, und ich empfehle, den Knöchel mindestens vier bis sechs Wochen lang nicht zu belasten, damit er heilen kann.«
Ich stoße einen tiefen Seufzer aus. Es ist nicht so schlimm, wie es hätte sein können, aber ich muss zugeben, es tut immer noch ganz schön weh.
»Gut, es ist beruhigend, dass du nicht operiert werden musst«, sagt meine Mutter.
»Doktor, können Sie uns kurz allein lassen?«, fragt Hae-Jin. Der Arzt nickt und schließt die Tür hinter sich.
Hae-Jins Nasenlöcher blähen sich wie bei einem wütenden Stier. Ich schlucke.
»Das ist nur eines der bedauerlichen Vorkommnisse des heutigen Tages«, zischt sie durch ihre zusammengepressten Zähne.
»Warum, was ist noch passiert?«, frage ich.
»Ein freundlicher Herr namens Kim Byung-Woo hat angerufen.«
Hinter mir höre ich ein Keuchen. Ich blicke über meine Schulter und sehe, wie meine Mutter sich die Hand vor den Mund hält, die Augen schreckgeweitet.
»Mom?«, frage ich.
»Wer ist Kim Byung-Woo?«, fragt meine Schwester.
»Euer Keun Abeoji, der große Bruder eures Vaters«, erklärt meine Mutter.
Ich mag die Familie meines Vaters nicht besonders gern. Als er starb, verlangten sie, dass er in Korea beigesetzt würde. Also flog unsere ganze Familie hierher, obwohl wir kaum genug Geld hatten, um die Miete zu bezahlen. Und als wir um Hilfe, um Unterstützung baten, bekamen wir nichts.
»Warum meldet er sich bei der Agentur?«, frage ich panisch.
»Er hat wohl das Interview heute gesehen. Er will darüber reden, was nach dem Tod deines Vaters wirklich passiert ist. Er ist bereit, ein exklusives Interview zu geben … für viel Geld. Der Sender hat sich an uns gewendet, um seine Identität zu bestätigen«, erklärt Hae-Jin.
»Wie will er alle Details in einem Interview ausbreiten, wenn er gar nichts über uns weiß? Und er will dafür bezahlt werden?« Ich zittere und meine Stimme ist zu laut für das kleine Untersuchungszimmer.
Hae-Jin sieht mich prüfend an und wendet sich dann an meine Mutter. »Wenn Sie keine Einwände haben, kümmert sich die Produktionsfirma darum.«
Sich darum kümmern. Das klingt alles so düster, dass ich mich frage, wie zur Hölle ich hier gelandet bin. Mein eigenes Leben ist ein K-Drama.
»Das ist nicht meine Schuld. Min-Kyung hat das Privatleben meiner Familie im Interview ausgebreitet. Ich habe sie nicht darum gebeten. Ich verstehe nicht einmal, woher sie das alles weiß.« Ich bin so am Ende. So am Ende.
Meine Mom drückt meine Schulter. »Niemand gibt dir die Schuld, Jacob«, sagt sie ruhig. »Die Agentur soll sich darum kümmern.«
»Wir haben darüber gesprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass es am besten ist, wenn du dich für eine Weile zurückziehst. Dein verstauchter Knöchel ist ein guter Grund dafür. Das Shooting in Busan morgen sagen wir ab, und wir finden einen Weg, um das Finale trotz deiner Verletzung zu filmen. Dann geben wir eine Erklärung ab, und du und deine Familie verlasst die Stadt für ein paar Monate. Vielleicht verbringt ihr den Sommer in Jeju-do. Hast du dich nicht beklagt, du wärst nicht genug am Strand? Wir kümmern uns um das fehlgeleitete Familienmitglied.«
Hae-Jin ist total geschäftsmäßig. Sie klingt wie ein Mafiaboss. Wir kümmern uns um das fehlgeleitete Familienmitglied. Ich stelle mir vor, wie sie ihre heiseren Anweisungen flüstert, mit kratziger Stimme und Lippen, die sich kaum bewegen. Wir halten uns bedeckt, Boss, antworte ich in meinem Kopf.
Ich sehe auf und alle starren mich an. Vielleicht habe ich das laut gesagt. Ich habe eindeutig zu viele Gangsterfilme gesehen.
Mom und Jin-Hee kichern.
Hae-Jin verdreht nur die Augen und schüttelt den Kopf. »Ich rufe dich später an, wenn ich mehr weiß«, sagt sie mit einem Blick über die Schulter, als sie den Raum verlässt.
»Na ja, ein paar Wochen Urlaub klingen nicht so schlecht«, sagt meine Mom.
»Das klingt eigentlich genau nach dem, was ich brauche«, meine ich.
»Wo sollen wir hinfahren? In Jeju wird gerade richtig viel los sein. Igitt, Menschenmassen«, sagt Jin-Hee.
»Nein, nicht nach Jeju. Auch nicht nach Busan. Ich habe eine andere Idee«, sagt Mom. Sie holt ihr Handy hervor und verlässt zum Telefonieren das Zimmer. Jin-Hee und ich bleiben verwirrt zurück.
Moms laute Stimme dringt durch die Tür, aber ich kann nicht sagen, worüber und mit wem sie spricht.
»Mir ist egal, wohin wir fahren. Es wird einfach schön sein, nicht von deinen kreischenden Fans umgeben zu sein. Bäh«, sagt Jin-Hee mit gerümpfter Nase.
»Hey, ich kann nichts dafür, dass die Fans mich lieben«, sage ich.
»Du bist ekelhaft.«
»Na ja, nach dem heutigen Tag werden mich die Leute wahrscheinlich hassen. Ich habe eine so schlechte Figur gemacht und, oh Gott, all die Dinge, die Min-Kyung im Interview gesagt hat.« Ich fahre mir übers Gesicht und schüttle beschämt den Kopf, als ich an das Interview denke.
Jin-Hee zeigt mir ihr Handy. »Schau mal, die Kommentare sind gar nicht so schlimm. Den meisten ist an deinem Gesichtsausdruck aufgefallen, dass du nicht du selbst warst. Aber sie wirken eher besorgt als verärgert. Und was MinJin betrifft, da sind die Meinungen geteilt. Nicht alle denken, dass du und Minky auch hinter der Kamera ein Paar sein solltet. Sie hat einen … Ruf.«
Ich sehe meine Schwester mit einer erhobenen Augenbraue an, als ich das Handy nehme. Was weiß sie über Min-Kyungs Ruf? »Habe ich dir nicht oft genug gesagt, du sollst die Kommentare nicht lesen?«
Trotzdem sehe ich mir die Seite an, die meine Schwester aufgerufen hat. Hunderte Kommentare zum Interview. Manche freuen sich, dass wir vielleicht auch im echten Leben zusammen sind. Viele MinJin-Hashtags. Andere meinen, wegen der Gerüchte über ihre vergangenen Beziehungen wäre ich zu gut für sie. Einige sagen, ich sähe aus, als hätte ich in eine Zitrone gebissen.
»Dir ist schon klar, dass du das alles umgehen könntest, wenn du mit einer anderen zusammen wärst? Das Studio kann dich nicht dazu zwingen, mit Minky zusammen zu sein, wenn du schon eine Freundin hast.«
»Keine K-Dramas oder Webtoons mehr für dich, verstanden? Wie kommst du auf solche Ideen? So einfach ist das nicht. Das Studio würde das niemals erlauben. Wie soll ich außerdem jemanden kennenlernen, eine Anziehung herstellen, witzige Gespräche führen und die Gefühle so lange eskalieren lassen, bis wir der Beziehung einen Namen geben können? Es ist nicht so, als ob ich derzeit besonders viel mit Mädchen zu tun hätte.«
»Oh wow, du bist echt komisch, hm? Ein richtiger Romantiker.« Sie schüttelt den Kopf und verdreht die Augen. »Das echte Leben ist kein K-Drama, Oppa. Finde einfach ein Mädchen, das du magst, und frage sie nach einem Date.«
»Ja, einfach so.« Als ob das so leicht wäre.
»Na ja, du könntest wenigstens so tun, als wärst du an anderen Mädchen interessiert, damit sie dich nicht zu einer Beziehung mit Minky zwingen können. Ganz ehrlich, Oppa, du lässt dich von ihnen herumschubsen und unglücklich machen. Sie haben sogar all deine Login-Daten. Du lädst sie praktisch dazu ein, online die Geschichten über dich zu erzählen, die sie erzählen wollen.«
Mit beiden Händen reibe ich mir übers Gesicht und versuche, diese Unterhaltung zu vergessen. Mein Knöchel pocht, und ich habe Heißhunger auf Hotteok. Es ist mir egal, dass das Studio meine Social-Media-Accounts überwacht. Es gibt ohnehin nichts, worüber ich posten könnte. Ich habe nicht einmal Freunde. Diese Wahrheit klingt in meinem Herzen nach und erinnert mich daran, wie einsam ich wirklich bin.
Mom betritt das Sprechzimmer mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht und beendet ihr Telefonat. »Ich freue mich auch sehr. Es ist so lange her. Wir können es kaum erwarten, euch zu sehen.« Ich starre sie an und frage mich, was sie vorhat. Ich warte, bis sie sich von wem auch immer am anderen Ende verabschiedet hat.
»Ich habe sehr gute Neuigkeiten«, verkündet sie und drückt sich das Handy an die Brust. Ihre Augen leuchten und die allgegenwärtigen Falten auf ihrem Gesicht scheinen zu verblassen. »Kinder, packt eure Sachen. Wir sind auf dem Weg ins Land der Sonne, des Surfens, der Fish Tacos und der guten alten Freunde.«
Nein.
»Oh mein Gott, wir fliegen nach San Diego?«, quietscht Jin-Hee freudig.
»Ja! Wir fliegen gleich morgen, nachdem das Finale abgedreht ist«, ruft meine Mom. »Ich habe alles für uns geregelt.«
»Aber wie?«, frage ich. Das Studio würde uns niemals erlauben, nach Amerika zu fliegen, oder?
»Mach du dir keine Sorgen. Sie haben sich Sorgen gemacht, dich mit deinem verletzten Knöchel fliegen zu lassen, aber wir bemühen uns um Sitze in der Business Class«, sagt sie.
Wir haben inzwischen ein wenig Geld gespart. Aber ich fühle mich nie wohl dabei, es leichtsinnig auszugeben. »Mom, ich halte das für keine gute Idee.«
»Na ja, wir werden ansonsten viel Geld sparen, weil wir …«, sie klatscht in die Hände, »… weil wir bei den Chos wohnen werden.« Vor Freude wird ihre Stimme ganz hell.
Ich erstarre.
Genau, wie ich befürchtet habe.
Hannah.
Eine Mischung aus Trauer, Sorge, Reue … und Wut schnürt mir die Kehle zusammen.
Drei Jahre ist es her. Ich habe mich immer gefragt, ob ich sie jemals wiedersehe, und wie dieses Wiedersehen ablaufen würde.
Brutal. Ein Blutbad, genau so.
Einen kurzen Moment lang frage ich mich, was schlimmer wäre: In Korea zu bleiben und dazu gezwungen werden, Gefühle für eine Person vorzutäuschen, die ich nicht ausstehen kann. Oder nach Hause zu fliegen und dem Menschen zu begegnen, der mir am wichtigsten war, aber den ich verlassen habe?
So viel zu Urlaub.
Die Kameras und das Studio können mir vielleicht nicht folgen, aber meine Vergangenheit tut es sehr wohl.
Mom eilt umher, um das Haus für unsere Gäste herzurichten, und auch ich mache mit … indem ich Süßigkeitenverpackungen, Müll und schmutzige Socken im Gästezimmer verstecke. Als Kinder waren Jacob und ich superordentlich, deswegen habe ich jetzt so viel Spaß daran, sein Zimmer zu verdrecken.
Nach dem Telefonat mit Mrs Kim gestern strahlte meine Mom über das ganze Gesicht, wodurch sich mein Schicksal noch düsterer anfühlte. Dadurch, dass sich Jacob bei der Arbeit verletzt hat – wahrscheinlich ein böser Pickel auf der Nase oder so was – hoffte ich, er würde nicht anreisen. Aber anscheinend kommen die Kims deshalb nur noch früher. Und zwar heute.
Mein Herz rast. Aber ich tadle es dafür, auch nur so zu tun, als stünde etwas Wichtiges an.
Denn da ist nichts. Wichtiges. An Jacob.
Ich werde zu tun haben. Mit dem Praktikum und dem Rettungsschwimmer-Camp und anderen wichtigen Dingen. Ich muss Nate zurückgewinnen, und das verlangt meine gesamte Aufmerksamkeit. Ich werde nicht einmal genug zu Hause sein, um Jacob zu sehen.
Das heißt allerdings nicht, dass ich mich nicht darum kümmern kann, seinen Aufenthalt ein wenig unangenehmer zu gestalten.
In unserem Haus stehen gerade zwei Zimmer leer, das alte Schlafzimmer meiner Schwester und mein altes Spielzimmer, jetzt Gästezimmer genannt. Das Gästezimmer liegt direkt neben meinem, aber es bietet mehr Sabotagepotenzial. Ich habe es Jacob zugeteilt und bin damit beschäftigt, es für den ungebetenen Gast vorzubereiten. Das böse Genie in mir kichert beim Gedanken an Jacob im winzigen Kinderbett mit der zu kurzen Decke.
Ich sehe auf die Uhr. 13:30 Uhr, sie kommen bald. Eins noch: Ich schiebe mir eine Banane in den Mund und verstecke die Schale unter dem Bett. Die Ameisen hier sind brutal während der warmen Monate. Rollen wir ihnen den roten Teppich aus. Ich sehe mich noch einmal um. Perfekt.
Ich haste in mein Zimmer und schließe mich ein. Ich drehe den Hamilton-Soundtrack auf volle Lautstärke, um die Geräusche vor der Tür zu übertönen. Den Fernseher mache ich auch an. The Food Network läuft, und Ree Drummond, die Pioneer Woman, sorgt mit einem ihrer Eintöpfe für zusätzliche Geräuschkulisse. Und dann setze ich mich aufs Bett und warte.
