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Sie leben in völlig unterschiedlichen Welten, bis eine Verwechslung alles verändert ...
Als Jessica Lee am ersten Tag ihres Praktikums bei Haneul Corporation ein Büro auf der Chefetage zugeteilt wird, beschleicht sie das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmen kann! Bis sie Elijah kennenlernt, den Sohn des CEOs, der denselben koreanischen Namen wie Jessica trägt: Yoo-Jin Lee. Es muss zu einer Verwechslung gekommen sein! Doch anstatt das Missverständnis sofort aufzuklären, macht Elijah ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann: Sie nutzt seinen Praktikumsplatz, um wichtige Kontakte für ihr College-Stipendium in New York zu knüpfen, und er erhält dafür einen lang ersehnten Sommer ohne Verpflichtungen. Doch ihr Deal ist bald schon nicht mehr das Einzige, was den beiden Herzklopfen bereitet ...
»Susan Lee schreibt immer exakt das Buch, das ich gerade brauche!« ALI HAZELWOOD
Band 2 der SEOULMATES-Reihe von Bestseller-Autorin Susan Lee
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2024
Titel
Zu diesem Buch
Leser:innenhinweis
Widmung
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1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
Epilog
Danksagungen
Die Autorin
Die Romane von Susan Lee bei LYX
Impressum
SUSAN LEE
Seoulmates
BELIEVE IN US
Roman
Ins Deutsche übertragen von Anne-Sophie Ritscher
Jessica Lee hat einen Praktikumsplatz bei Haneul Corporation, einem großen koreanischen Technologieunternehmen, in New York ergattert. Eine wichtige Chance für die Studentin, auch wenn dies bedeutet sich von ganz unten nach oben arbeiten zu müssen. Als sie jedoch von einem Fahrer am Flughafen abgeholt wird, in eine Villa in einem der vornehmsten Viertel der Stadt gebracht wird und ein Büro auf der Chefetage zugeteilt bekommt, beschleicht Jessica das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmen kann. Und als sie am ersten Tag des Praktikums Elijah kennenlernt, erklärt dies Einiges, denn der Sohn des CEOs und sie tragen den gleichen koreanischen Namen: Yoo-Jin Lee. Jessica möchte die Verwechslung sofort aufklären, da macht Elijah ihr ein Angebot, das sie einfach nicht ablehnen kann: Sie nutzt seinen Praktikumsplatz, um wichtige Kontakte für ihr College-Stipendium zu knüpfen, und er erhält dafür einen lang ersehnten Sommer ohne Verpflichtungen. Doch ihr Deal ist bald schon nicht mehr das Einzige, was Jessica Herzklopfen bereitet …
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung. Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!
Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.
Euer LYX-Verlag
Für alle, denen gesagt wurde, sie könnten es nicht schaffen – egal in welcher Situation, und selbst wenn es von der eigenen inneren Stimme kam. Ich habe das auch schon erlebt.
Aber ich glaube an euch.
You are beautiful. Now, run.
»Dad, mir geht’s gut. Du musst nicht mit reinkommen. Wenn du dein Auto im Drop-off-Bereich stehen lässt, kriegst du einen Strafzettel«, sage ich. Ich hoffe, das reicht, damit er mich gehen lässt. Manchmal ist Geld die einzige Sprache, die mein ausgesprochen geiziger Vater versteht.
Er schließt für einen kurzen Moment die Augen, während er die Optionen abwägt: Begleitet er seine einzige Tochter in den Flughafen und stellt sicher, dass sie ihre erste Reise ganz allein ohne Probleme antritt? Riskiert er dafür einen Strafzettel und wird vielleicht sogar abgeschleppt? Ich kann regelrecht sehen, wie er im Kopf ausrechnet, wie viel Geld von seinen monatlichen Notfallrücklagen abgehen würde.
Er drückt mir sanft die Hand. »Jessica, noch ist es nicht zu spät, deine Pläne für den Sommer zu überdenken«, sagt er und klingt dabei wie eine gesprungene Schallplatte.
»Dad, bitte nicht schon wieder. Ich weiß, dass du es nicht toll findest, mich gehen zu lassen, aber du hast es mir schließlich erlaubt. Müssen wir das noch mal durchkauen? Du arbeitest seit über zehn Jahren für Haneul. Wenn du das überlebt hast, dann schaffe ich mit Sicherheit ein Sommer-Praktikum.« Ich lächle und hoffe, ihn dadurch beruhigen zu können.
Er sieht aus, als würde er sich für eine Diskussion bereit machen, aber zum Glück mischt sich meine Mutter ein und umarmt mich. »Denk dran, dich bei allen zu bedanken, die im Flugzeug arbeiten. Und alle im Unternehmen mit einer Verbeugung zu grüßen. Und allen, die an den Bus- und U-Bahn-Haltestellen arbeiten, ein kleines Lächeln zu schenken.«
»Eomma, ich weiß doch … Respekt zeigen. Ich weiß, ich weiß. Das hämmerst du mir schon mein ganzes Leben lang ein. Habe ich dich je enttäuscht?« Der Knoten in meinem Magen zieht sich noch ein wenig enger zusammen. Wenn man ignoriert, für welches College ich mich entscheiden werde …
»Wir machen uns nur Sorgen, Jessica. Aber wir sind auch sehr, sehr stolz.« Ich sehe, wie ihr sofort die Tränen in die Augen steigen, und mache dicht. Nein. Ich werde nicht weinen.
Ich wende mich meinem Vater zu. Er steht stocksteif da, die Lippen fest zusammengepresst und gibt keinerlei Gefühle preis. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ändert er seine Meinung … noch einmal … und zerrt mich ins Auto und nach Hause, zurück nach Cerritos, wo ich mithilfe meines Teilzeitjobs versuche, für meine Ausbildung zu sparen. Das ist der sichere Weg. Oder er lässt mich gehen, damit ich mich der Herausforderung eines extrem anspruchsvollen Praktikumsprogramms in New York City stellen kann. Das zufällig in dem Unternehmen stattfindet, für das er arbeitet und das er, ach ja, hasst.
Er legt die Stirn in Falten. Dann schluckt er und ich beobachte die Bewegung in seinem Hals. Das Gewicht des Kampfes, den er mit sich austrägt, legt sich schwer auf mein Herz. Ich halte den Atem an.
»Jessica, gib dein Geld nicht leichtfertig aus, wie für Essen oder Kleider.« Er hält inne und räuspert sich, ehe er fortfährt. »Und mach keine Schwierigkeiten. Zieh keine unnötige Aufmerksamkeit auf dich. Geh nirgendwo allein hin. Und kauf Toilettenpapier nur, wenn es im Angebot ist. Noch besser ist es, du rollst es auf der Bürotoilette zusammen und nimmst es mit, aber pass auf, dass dich niemand sieht.«
Ich atme erleichtert auf. Er bemüht sich, mich ziehen zu lassen, und das ist für mich okay. Außerdem ist es kein schlechter Rat, sich einen Vorrat an Klopapier aus dem Büro anzulegen.
»Ich schaffe das schon. Das verspreche ich«, sage ich.
»Aber vor allem darfst du es nicht zulassen, dass dich dieses Praktikum verändert«, sagt er. Dabei sieht er mir nicht in die Augen.
Die Sache ist die: Ich will mich auf jeden Fall von dieser Erfahrung verändern lassen. Das ist das erste Mal, dass ich die Chance habe, etwas selbst in die Hand zu nehmen, und ich werde das Beste daraus machen.
Ich öffne den Mund, um Dad genau das wissen zu lassen, aber die Wörter bleiben mir im Hals hinter den ganzen Emotionen stecken.
Am besten beweise ich es ihm einfach.
»Ich werde dafür sorgen, dass ihr sehr stolz auf mich sein könnt«, sage ich. »Ich hab euch lieb.« Die letzten Worte presse ich hervor, kann aber nicht verhindern, dass meine Stimme bricht und ich so all meine Gefühle preisgebe – Vorfreude, Entschlossenheit … Angst.
Schnell schnappe ich meinen Koffer und wende mich dem Flughafeneingang zu.
Schau nicht zurück, sage ich mir. Lauf weiter.
Und genau das mache ich.
»Mom, mir geht’s gut. Du musst nicht aussteigen.« Ich beuge mich durchs Fenster und lächle meiner Mutter zu. Der Fahrer, der in den USA für meine Familie arbeitet, wirft mir durch den Rückspiegel einen Blick zu und nickt kurz. Er wird mir dabei helfen, eine große emotionale Verabschiedung zu vermeiden. Wenn meine Mom eins hasst, dann ist es, wenn jemand eine Szene macht. Sie ist die Königin des Anstands.
»Bist du sicher, dass ich dich nicht nach New York begleiten soll, Schatz? Ich könnte daraus jederzeit einen, ich weiß auch nicht, Shoppingtrip oder so machen. Vielleicht will deine Schwester auch mitkommen? Wir könnten uns durch das Met treiben lassen, uns dann irgendeine angesagte neue Show ansehen und am nächsten Tag bei Balthazar brunchen. Balthazar darfst du dir bei deinem ersten Besuch in der Stadt auf keinen Fall entgehen lassen. Es gibt so vieles, was ich dir in New York zeigen will.«
Vor meinen Augen entwirft meine Mom einen Alternativplan für den Sommer. Ich muss zugeben, ihre Vorschläge klingen viel ansprechender als das, was mein Dad für mich geplant hat. Ich kann mir wirklich Besseres vorstellen, als mit einer Menge spießiger Unternehmertypen täglich von 9 bis 5 in einem gläsernen Gefängnis zu verbringen und dabei für die Kinder der VIPs ein erfundenes »Führungskräftetraining« zu absolvieren.
Aber ich habe monatelang nach Ausreden gesucht, um da rauszukommen. Und mein Vater hat die Nase gestrichen voll von mir. Wenn ich den Sommer überlebe und nach Korea zurückkehre, reitet er vielleicht nicht länger auf all den anderen Dingen herum, mit denen ich ihn enttäuscht habe und dem Familiennamen nicht gerecht geworden bin.
»Mom, Opa wäre enttäuscht, wenn du deinen Besuch bei ihm abkürzen würdest. Außerdem muss ich das allein machen. Ist es nicht das, was du und Dad von mir erwartet? Dass ich anfange, Verantwortung zu übernehmen, und meinen Scheiß allein regle?«
Sie stößt einen tiefen Seufzer aus. »Elijah«, mahnt sie.
»Ich weiß, Mom. Ich werde versuchen, auf meine Ausdrucksweise zu achten.« Ich lächle ihr zu, und sofort wird ihr Blick wärmer.
»Geh und gib dein Bestes, Elijah. Aber …« Sie hält inne und blickt in die Ferne, auf etwas, was ich nicht sehen kann, auf eine Zukunft, derer sie sich noch nicht einmal sicher ist. »Hab Spaß und … sei glücklich.«
Ich möchte ihr sagen, dass ich nicht weiß, wie das aussieht, was das bedeutet. Ich möchte sie auf die Ironie hinweisen, da es in unserem Luxusleben keinen Platz für den ultimativen Luxus des Glücklichseins gibt. Und ich möchte sie daran erinnern, wer mein Vater ist, als würde sie nicht ohnehin ständig an den Mann erinnert werden, mit dem sie verheiratet ist.
Stattdessen lege ich den Kopf schräg. »Oh, ich werde viel Spaß haben, Mom. Mach dir keine Sorgen.«
»Wenn du irgendetwas brauchst, egal was, sag einfach dem Personal, wer du bist. Sie werden sich um dich kümmern«, sagt sie.
»Mom, wir haben vereinbart, dass ich diesen Sommer inkognito bleibe. Ich mache, was Dad von mir verlangt, aber ich will nicht, dass sich jemand den Rücken krumm macht, nur weil ich bin, wer ich bin, und weil Dad ist, wer er ist.
Ihr Gesicht verzieht sich sorgenvoll.
»Ich komme schon klar. Vertrau mir. Ich bin stärker, als du denkst«, sage ich in dem Versuch, sie zu überzeugen. Ich zwinkere ihr zu, und sie lacht. Mir war klar, dass ich sie damit kriegen würde.
»Ich hab dich lieb, mein Sohn«, sagt sie.
Mein Herz fängt an zu rasen. Zeit zu gehen. Ich begebe mich in die haifischverseuchten Gewässer der Firma meines Vaters ohne irgendjemanden, der mir als Sicherheitsnetz dient.
»Ich hab dich auch lieb, Mom«, sage ich. Meine Stimme klingt klein in meinen Ohren und verrät meine Anspannung, mein Zögern … meine Angst.
Ich entferne mich schnell vom Fenster, klopfe zweimal aufs Auto, um den Fahrer wissen zu lassen, dass ich gehe, werfe mir den Rucksack über die Schulter und mache mich auf den Weg in den Flughafen. Ich steuere auf eine Zukunft zu, von der ich nicht weiß, ob ich sie überhaupt will.
Lauf weiter, sage ich mir.
Und genau das mache ich.
Ein warmer Nachmittag im Juni …
Es braucht drei tiefe Atemzüge, um mich davon zu überzeugen, dass heute nicht der Tag ist, an dem ich sterben werde.
Warum noch mal habe ich gedacht, es wäre eine gute Idee, ganz allein nach New York City zu fliegen? Als ich draußen bei meinen Eltern stand, wollte ich unbedingt weg. Aber jetzt, wo ich allein hier drinnen bin? Ich schwitze Blut und Wasser.
»Alles in Ordnung?« Die genervte Frau hinter dem Flughafenschalter interessiert sich eindeutig nicht dafür, ob ich möglicherweise eine unangebrachte Panikattacke bekomme – nicht mit der Schlange ungeduldiger Reisender hinter mir, die darauf warten, meinen Platz einzunehmen.
Bevor ich die Frage beantworte, erinnere ich mich daran, was ich dank der Google-Universität gelernt habe: wie statistisch unwahrscheinlich es ist, dass ausgerechnet mein Flugzeug abstürzt. Ich atme noch einmal tief aus und nicke dann.
»Name«, fordert mich die Frau – ihrem Namensschild zufolge Julie aus Tampa, Florida – auf.
»Jessica Lee«, antworte ich. Ich hole meinen Führerschein hervor und reiche ihn ihr.
Julie aus Tampa betrachtet erst meinen Ausweis und dann wieder mich. Ich stehe wie eingefroren da und beobachte die Bewegung ihrer Augäpfel und die Verachtung in ihrem Blick, mit dem sie mich durchbohrt.
»Oh, Entschuldigung. Mein koreanischer Name, der auf dem Ausweis, ist Yoo-Jin Lee.« Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter. »Ich wollte das offiziell, also auf meinem Führerschein und allen anderen Ausweisen, ändern lassen, als ich achtzehn geworden bin, aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Das ist verwirrend. Normalerweise bin ich viel besser organisiert. So sehr, dass es Leute nervt. Aber meinen Namen offiziell ändern zu lassen, fühlt sich an wie eine große Sache, wissen Sie? Also, jedenfalls fliege ich nach New York … für ein Praktikum. Mein erstes. Ich habe gerade meinen Abschluss gemacht. Im Herbst werde ich aufs Junior College gehen. Das ist im Moment die beste finanzielle Entscheidung für mich.«
Ihre Augäpfel bewegen sich erneut, rollen nach oben, um mich direkt anzuschauen, und dann weiter in Richtung ihrer Stirn, wodurch ihre Wimpern zittern und mich wortlos wissen lassen, dass ihr das alles wirklich völlig egal ist.
Richtig. Hektischer Flughafen, genervte Mitarbeiterin – nicht unbedingt der beste Ort, um in meine nervöse Angewohnheit, viel zu viel zu erzählen, zu verfallen. Ich zwinge mich zu einem unbeholfenen Lächeln.
»Nur die Fakten, Jessica«, sagt meine Mutter immer, wenn ich mich verquatsche. »Du klingst klüger, wenn du dich nur an die Fakten hältst.«
Das ist ein großer Moment, und ich werde ihn nicht kaputt machen, indem ich am Flughafen für Aufruhr sorge. Ich fliege zum ersten Mal allein. Lebe zum ersten Mal ohne meine Eltern. Ich habe mit meinem Nebenjob genug Geld gespart, um das bisschen, was ich mit dem Praktikum verdiene, aufzubessern und hoffentlich eine Weile in New York City zu überleben.
Wenn ich es dort schaffe, schaffe ich es überall. Oder zumindest sagt man es so.
Und das Beste ist, dass mir kein überfürsorglicher Vater über die Schulter schauen wird. Das wird uns beiden guttun. Ich muss erwachsen werden und meine eigenen Entscheidungen treffen, gute wie schlechte. Und er muss lernen, mich, sein einziges Kind, sein kleines Mädchen, gehen zu lassen.
Die Unterhaltung, die wir gerade hatten, war nichts im Vergleich dazu, wie wütend Dad war, als ich ihm mitteilte, dass ich einen Job bei seinem Arbeitgeber, Haneul Corporation, dem zweitgrößten Technologieunternehmen in Korea, angenommen habe. Mein mürrischer, überarbeiteter und unterbezahlter Vater ist eine Art Finanztyp in der Niederlassung in Los Angeles. Es wäre schwer, jemanden zu finden, der seinen Job mehr hasst als er.
Das mag nicht das sein, was Dad sich für mich erhofft hat, aber ich glaube nicht, dass er versteht, wie sehr ich es will, wie sehr ich es sogar brauche.
Dad arbeitet mit Zahlen, aber er versteht die komplizierte Mathematik der College-Finanzierung nicht. Unsere Familie ist zu arm, um sich auch nur eine der Unis leisten zu können, zu denen ich zugelassen worden bin. Aber laut System sind wir offiziell zu »reich«, um finanzielle Unterstützung zu bekommen. Und für die wenigen Stipendien, für die ich infrage gekommen wäre, brauche ich Referenzen, Empfehlungen … Beziehungen. Leute wie wir, Leute aus der Mittelschicht haben keine Beziehungen. Also habe ich mich gar nicht erst beworben.
Es ist besser, wenn Dad denkt, dass ich zu langsam war, um Anträge zu stellen, zu spät, um Unterstützung zu bekommen, zu unbedeutend, um Hilfe zu bekommen. Sonst gibt er sich noch selbst die Schuld. Aber was hätte er anders machen können, um uns in eine andere Lebenssituation zu bringen? So ist es nun einmal. Die Reichen bekommen alle Möglichkeiten, und der Rest muss andere Wege finden.
Dieses Praktikum ist mein anderer Weg.
Ich habe mich nicht nur für Haneul entschieden, weil es mir wichtig ist, für ein koreanisches Unternehmen zu arbeiten, sondern auch, weil es viel wahrscheinlicher ist, dass ich ein Empfehlungsschreiben von einer bekannten koreanischen Person bekomme. Zumindest, solange ich es schaffe, mich abzuheben und sie zu beeindrucken. Aber dazu bin ich bereit. Der Wettbewerb um das Praktikum war sehr hart. Man munkelt, dass es Tausende von Bewerbern gab. Aber ich bin stolz darauf, dass ich nun eine von zehn neuen Praktikantinnen und Praktikanten bin, die für das Programm ausgewählt wurden. Schritt eins, geschafft.
Inneres Happy Dance aktiviert!
Ich sehe mich in der riesigen Abfertigungshalle des Los Angeles International Airports um. Ich frage mich, wie viele Menschen wohl täglich hier durchkommen. Um mich herum sind unzählige Reisende, die der Gedanke ans Fliegen völlig kaltlässt. Das ist ein gutes Zeichen. Auch mich kann das kaltlassen, lüge ich mich selbst an.
Meine Aufmerksamkeit bleibt an einem Typen hängen, der am übernächsten Schalter ansteht. Zuerst fällt mir der lange schwarze Trenchcoat auf, den er über einem grauen Kapuzenpulli trägt. Wer trägt bei dieser Hitze so viele Schichten? Das macht mich neugierig. Obwohl die Klimaanlage im Flughafen zugegebenermaßen nichts für Anfänger ist und ich mir fast wünsche, selbst einen Trenchcoat zu tragen. Ich besitze keinen Trenchcoat. Ich kenne buchstäblich niemanden, der einen Trenchcoat besitzt. Und seiner ist schick. Sogar ich, die von Mode keine Ahnung hat, kann das aus drei Metern Entfernung sehen.
Ich kann nicht richtig erkennen, ob er gut aussieht oder nicht, da seine untere Gesichtshälfte von einer schwarzen Maske verdeckt wird und die Baseballcap zu tief sitzt, als dass ich seine Augen sehen könnte. Aber er strahlt gutaussehend aus. Ich wette, er riecht auch gut. Dafür sorgt das mysteriöse Flair. Am heutigen Tag stelle ich fest, dass mein Typ »International gesuchter Juwelendieb« oder »Hochstapler« ist, denn ich bin extrem interessiert.
Vielleicht würde es Spaß machen, im Flugzeug neben einem süßen Typen zu sitzen. Geistreiche Wortgefechte und ein kleiner Flirt könnten mich von meiner Angst ablenken, zehntausend Meter in den Tod zu stürzen. Ich frage mich, wohin er wohl fliegt.
Er wirft der Flughafenmitarbeiterin seinen Pass entgegen und spricht mit ihr, ohne vom Handy aufzusehen.
Na gut, das war’s wohl mit meiner Fantasie. Wenn er unhöflich zu den Angestellten ist, ist er wahrscheinlich auch unhöflich zu seiner Mutter, und dann wäre er definitiv unhöflich zu mir, seiner Tagtraumfreundin. Und in Anbetracht der möglichen Arbeitsbereiche, die ich ihm zugewiesen habe, glaube ich auch nicht, dass Unhöflichkeit einem Schwerverbrecher viel Charme verleiht.
»Sie sind startklar«, sagt Julie aus Tampa und hält mir meinen Ausweis und meine Bordkarte hin.
Ich sehe zu, wie meine Tasche nicht allzu vorsichtig aufs Band geworfen wird. Auf Wiedersehen, Tasche. Wir sehen uns in New York. Guten Flug. Sei nett zu den anderen Taschen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der möglicherweise süße, mysteriöse Typ, selbst wenn er nichts Gutes im Schilde führt, vermutlich kein Interesse an mir, der Gepäckflüsterin, hätte. Das ist nicht schwer zu verstehen.
»Die bevorzugte Sicherheitskontrolle ist auf der rechten Seite.«
Ich nicke und lächle. Es ist nett, dass Julie mir sagt, welche Schlange sie bevorzugt. Ich nehme meine Unterlagen und lege sie vorsichtig in ein Fach in meiner neuen Handtasche von Coach. Sie ist mein wertvollster Besitz. Es grenzt an ein Wunder, dass ich sie im Outlet gefunden habe. Obwohl sie bereits reduziert war und die Verkäuferin mir wegen des kaum sichtbaren schwarzen Kratzers auf der Rückseite des hellbraunen Leders einen zusätzlichen Rabatt von fünfzehn Prozent angeboten hat, habe ich dafür mehr ausgegeben als für alles andere. Ich brauche eine ernsthafte Tasche für mein ernsthaftes Praktikum.
»Das kann nicht stimmen«, höre ich beim Vorbeigehen den frustrierten Trenchcoattypen sagen. Ein teuer aussehender Rucksack mit einem dreieckigen Logo, auf dem »Prada« steht, hängt über seiner Schulter. Der Reißverschluss der vorderen Tasche steht offen. Ich habe das Bedürfnis, ihn anzutippen und ihn darauf hinzuweisen, bevor seine Sachen herausfallen.
Aber er wirkt aufgebracht.
Er hält einen koreanischen Pass in der Hand. Wir werden wohl nicht im gleichen Flugzeug sitzen. Erleichterung durchströmt mich. Ich bin ohnehin aufgeregt genug. Ich habe keine Lust, dass wütende Passagiere mieses Mojo mit an Bord bringen.
Die Schlange vor dem Sicherheitscheck ist überraschend kurz und das Prozedere viel einfacher, als ich es von den wenigen Flügen mit meiner Familie in den Sommerferien in Erinnerung habe. Julie wusste wirklich, wovon sie sprach, als sie mich zu dieser Schlange geschickt hat. Ich verstehe, warum sie für Julie Priorität hat.
Ich lächle den Sicherheitsbeamten an und reiche ihm Ticket und Ausweis. Um Zeit zu sparen, bücke ich mich und fange an, meine Schnürsenkel zu lösen.
»Die Schuhe bleiben an. Alles bleibt in der Tasche.«
Aus meiner gebückten Haltung blicke ich verwirrt auf.
»Sie müssen Ihre Schuhe hier nicht ausziehen. Sie können Ihre Sachen im Handgepäck lassen. Legen Sie die Tasche einfach aufs Band.«
»Aber ich habe meine Flüssigkeiten in einem durchsichtigen Etui verstaut«, erkläre ich. »Ich bin extra auf Nummer sicher gegangen, dass sie weniger als hundert Milliliter beinhalten, und alles, was nicht reingepasst hat, werde ich in der nächsten Duane-Reade-Drogerie kaufen, sobald ich in New York City bin. Angeblich gibt es dort an jeder dritten Ecke eine.«
Oversharing. Das ist eine Gabe.
»Gute Übung fürs nächste Mal«, sagt der Beamte und winkt mich durch.
Mir ist nicht ganz wohl dabei, dass die Security ihren Job nicht so gründlich macht, wie sie sollte. Muss ich das melden? Wer etwas beobachtet, sollte es melden. Aber der Beamte war so freundlich – warum bin ich dafür verantwortlich, ihn zur Rechenschaft zu ziehen?
Den anderen in der Schlange, die vor allem aus älteren Männern in Anzügen besteht, scheint es nicht aufzufallen. Für sie ist diese Routine Standard. Sie scheinen ihr Leben häufiger aufs Spiel zu setzen.
Und außerdem, wer würde schon einer Achtzehnjährigen glauben, die erst dreimal in ihrem Leben geflogen ist? Ich sollte denen, die sich besser auskennen, vertrauen und dem Beispiel der Generationen vor mir folgen. Manchmal überrascht es mich selbst, wie altmodisch und koreanisch ich tatsächlich bin, obwohl ich zuletzt als Kind in Korea war.
Als ich am Gate ankomme, bleiben mir noch vierundfünfzig Minuten bis zum Boarding. Meine Nervosität geht durch die Decke, als ich bemerke, dass ich sechs Minuten hinter meinem sorgfältig ausgearbeiteten Flughafenplan liege. Wenn ich zu spät komme, kann ich mich wohl kaum als die herausragende Praktikantin beweisen.
Komm immer als Erste und gehe als Letzte, höre ich die weisen Worte meiner Mutter in ihrer beruhigenden Stimme. Sie werden schnell vom enttäuschten Gesichtsausdruck meines Vaters ersetzt. Er muss nicht einmal etwas sagen, und ich weiß bereits, dass ich einen Fehler gemacht habe. Sofort schlägt mein Herz schneller.
Ich muss mich mehr beeilen. Direkter kommunizieren und keine Zeit mit Geplauder verschwenden. Und im Zweifel richte ich mich auf, hebe das Kinn und spitze selbstbewusst die Lippen. Das ist meine »Fake it till you make it«-Haltung.
Ich war unter den drei Besten meines Abschlussjahrgangs, bin Vertreterin des Klassenrats und spiele in der Schulmannschaft Tennis. Ich habe alles getan, um sicherzustellen, dass ich als herausragend angesehen werde. Und jetzt ist es Zeit, mich im Praktikum zu beweisen.
Denn ich bin nichts Besonderes. Mich unterscheidet nichts von den privilegierten Kids, denen die Welt offensteht. Ich habe weder einen Namen noch ein Vermögen, mit dem ich angeben kann, wie die anderen Kids, die an den besten Unis zugelassen werden. Dieses Praktikum ist meine Chance, einen Schritt voranzukommen, selbst wenn es nur ein winziger ist.
Verängstigt, klar. Aber fähig, einhundert Prozent, rede ich mir ein. Und wenn alles andere schiefgeht, so sage ich es mir mindestens zehn Mal am Tag, fakeittillyoumakeit.
Und eines Tages werde ich in meinem Leben an einen Punkt kommen, an dem ich weniger faken muss und mehr machen kann.
Ich hoffe sehr, dass dieser Sommer den Anfang dieser Reise darstellt.
»Können Sie noch mal nachsehen? Probieren Sie mal Lee Yoo-Jin. Oder vielleicht Yoo-Jin Lee.«
Vielleicht hätte ich das Angebot meiner Mutter, mich zu begleiten, doch annehmen sollen. Wie konnte ich denken, ich würde das alleine schaffen?
Ich versuche, statt des Tonfalls meines Vaters den meiner Mutter nachzuahmen. Wenn sie möchte, kann sie freundlich und überzeugend klingen. Dad hingegen war noch nie in seinem Leben freundlich. Sein Ton ist herablassend, beleidigend und furchteinflößend.
Ich glaube nicht, dass es hier vorteilhaft wäre.
Ich hätte auch »bitte« und »danke« sagen sollen. Es fühlt sich so an, als gäbe es keine mir fremderen Wörter, die ich jemals in der englischen Sprache gelernt habe. Niemand erwartet sie von mir. Ich bin in den Augen aller der Sohn meines Vaters. Zumindest in den Augen all derer, die unsere Familie kennen.
Ich verfolge die Augenbrauen der Flughafenangestellten, während sie sich langsam einen Weg in die Mitte ihrer Stirn bahnen. Wie dünne Würmer, die sich küssen. Sie ist mit unserer Familie eindeutig nicht vertraut.
»Sie meinten, Ihr Name sei Elijah Ri … mit einem R.« Sie spricht den Buchstaben R aus, als wäre er ein Codewort für »Verpiss dich«.
Alles, was ich je wollte, war, etwas Abstand zwischen mich und den Namen zu bekommen, den ich seit meiner Geburt trage. Ich bin sogar so weit gegangen, dass ich für meinen Familiennamen die Romanisierung »Ri« benutze, anstatt die englische Version »Lee«. Und das sorgt jetzt vermutlich dafür, dass ich wegen Identitätsdiebstahls oder so etwas abgeführt werde.
»Ja, ähm, aber das ist mein englischer Name. Und Sie meinten, ich stehe nicht auf der Liste für den Flug. Bitte sehr.« Ich greife in das offene Fach meines Rucksacks und hole meinen koreanischen Pass heraus. »Das ist der Pass mit meinem koreanischen Namen. Ich sehe mal in den E-Mails nach, ob ich vielleicht eine Bestätigungsnummer oder so habe. Die Reiseassistentin meines Vaters hat den Flug gebucht, also hat sie möglicherweise meine koreanischen Daten verwendet. Entschuldigung.« Ich überfliege die E-Mail, während mir der Schweiß den Rücken hinunterläuft. Ich bin zu nervös, um dieser missbilligenden Fremden auch nur ins Gesicht zu sehen. Ich lege den Pass auf den Tresen und versuche, die E-Mail mit den Daten auf meinem Handy zu finden.
Langsam bekomme ich das Gefühl, dass Betty Sue, die Flughafenmitarbeiterin, glaubt, dass hier etwas faul ist. Nur weil ich hier in einem langen schwarzen Trenchcoat stehe, im Juni in L. A., die schwarze Cap tief ins Gesicht gezogen, mit einer schwarzen Maske vor dem Gesicht, und ihr zwei verschiedene Ausweise mit zwei verschiedenen Namen reiche … klingt doch gar nicht besonders verdächtig, oder?
Scheiße.
Wo ist bloß diese E-Mail?
Ich hätte den Flug einfach selbst buchen sollen. Aber mein Dad, der immer davon ausgeht, dass ich einen Fehler mache, hat nicht mit sich reden lassen. Und er hätte sicher einen Riesenspaß, wenn ich diesen Flug verpassen würde.
Ich bin neunzehn Jahre alt und nicht in der Lage, die einfachsten Dinge selbst zu tun. Ich darf nichts selbst tun. Wir haben Leute, die für uns arbeiten und so gut wie alles erledigen, was wir brauchen. Ich wische mir nicht einmal selbst den Hintern ab. Dafür haben wir ein Hightech-Bidet, das mit Warmluft zum Trocknen ausgestattet ist.
Ich fange besser gar nicht davon an, wie sehr mich das ärgert.
Hier stehe ich also, meine Zukunft liegt in den Händen einer Angestellten einer Fluggesellschaft, die darüber entscheidet, ob meine Mehrfachidentitäten glaubwürdig genug sind. Ihre Laune wird darüber entscheiden, ob ich in das Flugzeug nach New York steige und mich den Sommer über im Führungskräftetraining der Firma meines Vaters zu Tode langweile oder nicht.
Ich betrachte meinen Geldbeutel und hole meine VVIP-Karte hervor. Die dient in Korea als automatischer Zugang zu so gut wie jedem Ort. Aber ich schiebe sie zurück an ihren Platz. Irgendwie bezweifle ich, dass es hier funktionieren würde. Es würde sie wahrscheinlich sogar noch mehr verärgern.
Vielleicht ist das alles ein Zeichen. Vielleicht lächeln meine Vorfahren auf mich herab und lachen hinter dem Rücken meines Vaters.
Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, ob ich will, dass sie mich durchlässt, oder nicht. Den Sommer damit zu verbringen, für eine Menge mies gelaunter Führungskräfte bei der Haneul Corporation zu arbeiten, klingt nicht unbedingt verlockend. Aber wenigstens weiß niemand, dass ich der Sohn des Geschäftsführers und Thronfolger des Unternehmens bin. Ich würde es nicht ertragen, wenn sie mir in den Arsch kriechen und gleichzeitig hinter meinem Rücken darüber reden, wie inkompetent ich bin. Das sagt mir mein Dad regelmäßig ins Gesicht. Zum Glück haben meine Mom und meine Schwester mir dabei geholfen, ihn zu überreden, mich im New Yorker Büro arbeiten zu lassen und nicht in der Zentrale in Seoul, wo er mir die ganze Zeit im Nacken sitzen würde.
»Ihre Bordkarte«, sagt Betty Sue und reicht mir meinen Pass, in dem ein Stück Papier steckt.
Platz 34B. Normalerweise fliege ich mit dem Privatjet meines Dads. Ich nehme selten Linienflüge, und wenn, dann in der ersten Klasse, wo die Sitznummern meist einstellig sind.
»Das kann nicht sein«, sage ich. »Haben Flugzeuge überhaupt so viele Sitze?«
Als ich ihre Miene sehe, denke ich kurz darüber nach, mir den Trenchcoat über den Kopf zu ziehen und mich zu verstecken. Die verdrehten Augen, der verzogene Mund, der Ausdruck, als hätte sie etwas Unangenehmes gerochen. Das ist wieder einer dieser Momente, in denen ich wie ein total privilegiertes Arschloch auftrete und es nicht bemerke. Normalerweise bin ich besser darin, mir dieser Momente bewusst zu sein und mich daran zu erinnern, genau das Gegenteil von dem zu sagen, was ich denke.
Deswegen will ich das Praktikum in New York diesen Sommer allein machen. Ich muss lernen, ein Leben zu führen, das weniger behütet ist als in Korea. Ich hasse es, so privilegiert zu sein, dass ich nicht einmal ein Grundverständnis dafür habe, wie Menschen Dinge tun und sich in bestimmten Situationen verhalten. Manchmal ist es, als käme ich von einem anderen Planeten. Und obwohl jeder in Korea die Familie Lee von Haneul Corp kennt – schließlich gelten wir als Jaebeol, als eine der reichsten und am besten vernetzten Familien –, bezweifle ich, dass das hier in Amerika überhaupt jemand weiß oder sich dafür interessiert.
»Der Sicherheitscheck ist links entlang.«
Ich nicke und lächle, obwohl das hinter meiner Maske niemand sehen kann. Na ja, wie mein Dad immer meint, »Wenn sie später nicht wichtig für dich sind, müssen sie auch jetzt nicht wichtig für dich sein«.
Wow, wenn ich darüber nachdenke, ist dieses Motto um einiges ätzender, als mir bislang bewusst war. Wenn ich nicht aufpasse, setzen sich solche Gedanken fest, und ich verwandle mich noch in die Juniorversion des Geschäftsführers Lee Jung-Hyun.
Ich kann den Schauer des Entsetzens nicht unterdrücken. Ich habe Angst, dass das tatsächlich passieren könnte.
Ich stecke meinen Pass zurück in meinen Rucksack und gehe zur Sicherheitskontrolle.
Die Schlange reicht, so weit ich sehen kann. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so viele Menschen an einem Flughafen gesehen. Wohin fliegen die nur alle zur gleichen Zeit?
Schließlich gelange ich zu einem Schalter und übergebe der dort sitzenden, ernst dreinblickenden Angestellten mein Ticket.
»Nehmen Sie die Maske ab«, sagt sie emotionslos.
Ich ziehe die Maske herunter und probiere mich noch mal an einem »Sehen Sie, ich bin genau wie alle anderen«-Lächeln.
Sie wirft mir kaum einen Blick zu, bevor sie wieder auf meinen Ausweis schaut, nickt und mich in eine weitere lange Schlange ungeduldiger Menschen winkt. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum sie alle ihre Schuhe und Jacken ausziehen und in schmutzige graue Behälter legen. Aber ich folge einfach ihrem Beispiel.
Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass dies alles eine Art Strafe meines Vaters für meine wenig enthusiastische Reaktion auf diesen Sommerjob sein könnte. Es wäre typisch für ihn, mir eine Reise zu buchen, die jeder normale Mensch machen würde, und keine, die einem Mitglied eines koreanischen Jaebeols, einer ausländischen Königsfamilie oder einem K-Pop-Star angemessen wäre.
Na gut, ist mir recht. Ich habe es nicht eilig. Ich kann mit allen anderen in einer Schlange warten. Eigentlich genieße ich es sogar, wie alle anderen zu sein, ohne Sonderbehandlung. Ich stecke mir die In-Ear-Kopfhörer in die Ohren, drehe meine SEVENTEEN-Playlist auf und warte, dass ich an der Reihe bin, durch die Sicherheitsschleusen zu gehen.
Es ist ja nicht so, als würde das Flugzeug ohne mich abheben, oder?
Als ich das Gate erreiche, bin ich schweißnass und schnappe nach Luft. Ich war gerade dabei, meine Jordans wieder anzuziehen, als das Boarding für meinen Flug ausgerufen wurde. Bei der letzten Ansage war ich noch zwanzig Gates entfernt. Da fing ich an zu rennen.
Ich werde meine Stylistin dafür umbringen, dass sie mich im Sommer in L. A. in diesen schwarzen Woll-Trenchcoat gesteckt hat. Ich reiche dem Flugbegleiter meine Bordkarte, und er scheucht mich den Gang hinunter. Ich betrete das Flugzeug gerade noch rechtzeitig – hinter mir schließen sich die Türen.
Ich gehe den schmalen Gang entlang, vorbei an den unglücklichen Gesichtern praktisch aller Passagiere. Mein Blick fällt auf ein Mädchen in Reihe vier. Ihr langes schwarzes Haar ist zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden, der Pony ein wenig schief geschnitten. Ich sehe, wie sie mit großen Augen und einem Lächeln auf dem Gesicht aus dem Fenster sieht. Sie könnte nicht deplatzierter wirken. Ich bezweifle, dass irgendjemand sonst in diesem Flugzeug lächelt.
Was kann jemanden so glücklich machen?
Nach den ersten paar Reihen wird der Gang noch schmaler und die Gesichtsausdrücke unglücklicher. Bei diesem Anblick bleibe ich fast stehen. Wie können so viele Menschen wie Sardinen in den hinteren Teil des Flugzeugs gestopft werden? Dieser Flug dauert über fünf Stunden. Menschen aller Größen, Mütter mit schreienden Babys, andere Leute, die sich mit den Broschüren des Flugzeugs Luft zufächeln, und kein einziges Glas Champagner oder Kissen in Sicht.
Ich gehe weiter und erreiche schließlich den hinteren Teil des Flugzeugs und Reihe vierunddreißig, Sitz B. Der einzige freie Platz befindet sich zwischen einem Mann, der aussieht, als wäre er olympischer Gewichtheber, und einem sehr großen ostasiatischen Typen in meinem Alter, der ein Bein gegen den Sitz vor ihm stemmt und das andere im Gang ausstreckt. Ich zeige auf den leeren Sitz neben ihm. »Ähm, das bin ich.«
Er runzelt die Stirn, schnallt sich aber ab und steht auf, um mich vorbeizulassen. Ich überlege einen Moment, ob ich überhaupt hindurchpasse und ob ich mich mit dem Gesicht zu ihm oder von ihm abgewandt hineinquetschen soll. Ich entscheide mich für Letzteres. Eher riskiere ich unangenehmen Hinternkontakt als einen Beinahe-Kuss mit einem Fremden.
Ich drücke mich an ihm vorbei und lasse mich auf den Sitz fallen, wobei meine Knie gegen den Vordersitz stoßen. »Tschuldigung«, sage ich zu einem Hinterkopf. Ich schiebe meinen Rucksack unter den Sitz vor mir und ziehe die Ellbogen ein, nachdem die Passagiere auf beiden Seiten ihre Arme über die Lehnen gelegt haben. Ich schwitze wie verrückt und möchte nur noch meine Jacke ausziehen. Aber das ist unmöglich. Ich kann mich nicht einmal einen Zentimeter bewegen.
Okay, Dad, du hast gewonnen. Lektion gelernt.
Ich drücke auf den Knopf, um den Sitz zurückzulehnen, merke aber, dass das von der Wand hinter mir verhindert wird. Na toll. Ich wusste, dass mein Vater ein Tyrann ist, aber das hier ist grausamer, als ich es mir je habe vorstellen können.
Das wird ein sehr langer Flug. Aber ich kann auch fünf Stunden im Dunst des chemischen Toilettengeruchs, in einem engen Sitz, der sich nicht verstellen lässt, überleben.
Wenigstens fliege ich nicht nach Korea zurück, wo ich einen Sommer lang mit meinem Vater zusammenarbeiten müsste. Wenn das hier das Schlimmste ist, werde ich schon klarkommen. Ich bin zäher, als er denkt.
Aber wenn ich damals gewusst hätte, wie viel schlimmer dieser Sommer noch werden würde, hätte ich dieses Flugzeug nie bestiegen.
Ich bin noch nie in der First Class geflogen, und der Unterschied ist bemerkenswert. Ich habe auf meinem Sitz genug Platz, um die Beine unter der Decke auszustrecken und mich zu entspannen. Ich wollte der Flugbegleiterin keine zusätzlichen Schwierigkeiten bereiten, aber nachdem sie ohnehin regelmäßig vorbeigekommen ist, um zu fragen, ob ich etwas trinken möchte, probiere ich jede Sorte Saft, die sie an Bord haben: Orange, Apfel, Cranberry-Apfel, Grapefruit. Weswegen es mir auch sehr gelegen kommt, dass die First Class ihre eigene Toilette hat, vor der man auch nur selten warten muss.
Ich gewöhne mich besser nicht zu sehr daran.
Ich bin mir nicht sicher, warum mir mein Vater eine derart extravagante Reise spendiert. Wir sind keine First-Class-Leute. Wir gehören eindeutig zur günstigen, nicht erstattungsfähigen, mit allen möglichen Einschränkungen verbundenen Sorte. Vielleicht fühlt er sich aber auch schuldig, weil er sich von vornherein so gegen das Praktikum ausgesprochen hat. Vielleicht ist das seine Art, mir zu sagen, dass er stolz auf mich ist. Wenn ich nur daran denke, schnürt sich mir der Hals zu.
In der E-Mail von Mira Im, Haneuls Praktikumskoordinatorin, steht, dass ein Shuttle bereitstehen würde, um uns Praktikanten zu unseren Unterkünften zu bringen. Nach der Landung überprüfe ich die Flüge der anderen Praktikanten und stelle fest, dass ich wohl noch etwa zwei Stunden warten muss, bis der Rest der Gruppe aus ihren jeweiligen Städten ankommt. Ich könnte den Flughafen Newark Liberty bis ins kleinste Detail erkunden, aber ich bin einfach zu müde und will mich nicht verlaufen. Also beschließe ich, den Shuttle-Fahrer zu suchen und abzuwarten.
Als ich die Rolltreppe zum Ankunftsbereich hinunterfahre, halte ich nach jemandem Ausschau, der wie angekündigt ein Schild der Haneul Corporation hochhält. Ich habe nicht erwartet, in der Gruppe schwarz gekleideter Männer, die verschiedene Schilder hochhalten, ein Tablet zu sehen, auf dessen Display »Lee Yoo-Jin« steht.
Ich schüttle den Kopf und sehe noch einmal hin. Ja, das ist mein Name. Aber der Fahrer kann unmöglich für mich allein sein. Warum sollte ich einen gesonderten Fahrer haben?
Aber für wen kann er sonst sein? Da steht mein Name. Auf meinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. Haneul gibt sich mit seinem Praktikumsprogramm wirklich Mühe. Gut. Mein Dad beschwert sich immer über diese Firma. Aber vielleicht ist er einfach ein Griesgram, der gern übertreibt. Ich habe das Gefühl, wie eine Königin behandelt zu werden. Und wenn sie so mit ihren Praktikantinnen umgehen, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass es ein toller Arbeitsplatz ist.
»Hi«, sage ich, während ich mich bemühe, so selbstbewusst wie möglich zu lächeln. »Das bin ich.« Ich deute auf das Tablet. »Lee Yoo-Jin. Wollen Sie meinen Ausweis sehen? Mein amerikanischer Name ist Jessica Lee, aber auf meinen Ausweisen steht noch Yoo-Jin Lee, mein koreanischer Name, also denke ich, dass ich diejenige bin, für die Sie hier sind. Ich habe auch die Adresse der Unterkunft, falls Sie die sehen wollen. Aber ich nehme an, Sie wissen bereits, wohin wir müssen. Zumindest hoffe ich das. Ich bin zum ersten Mal in New York City und könnte Ihnen unmöglich den Weg zeigen. Obwohl ich unser Ziel bei Google Maps eingeben könnte, wenn Sie wollen, dass ich navigiere.«
Nichts regt sich im Gesicht des gutaussehenden Fahrers, während er mich anstarrt. Ich denke, ich habe ihn überrumpelt. Das wäre nicht das erste Mal. Er nickt knapp und greift nach meiner Handtasche.
»Oh, ähm, die kann ich selbst tragen«, sage ich und umklammere den Henkel. »Ich, ähm, habe auch einen Koffer.«
»Gepäckausgabe ist da drüben«, sagt er schroff. Ich hoffe, ich habe seine Gefühle nicht verletzt. Es ist sehr nett von ihm, dass er meine Sachen tragen will, aber die wichtigsten Dinge wie mein Geldbeutel, mein Handy und meine Papiere sind in dieser Tasche. Es ist am sichersten, wenn ich sie immer bei mir habe.
Er geht schnellen Schrittes in Richtung Gepäckband. Es ist, als würde er mit jedem Schritt schneller werden, und meine kurzen Beinchen haben Mühe, mitzuhalten. Ich konzentriere mich darauf, schneller zu laufen …
… und renne direkt gegen eine menschliche Wand.
»Uff, tut mir leid«, sage ich, während ich meinem Tascheninhalt dabei zusehe, wie er sich in Zeitlupe über den Boden ergießt, und ein stechender Schmerz meinen Arm durchfährt. Autsch, das gibt einen blauen Fleck.
Ich gehe in die Knie und fange an, alles vom Boden aufzusammeln, wobei ich versuche, nicht an die unzähligen Füße zu denken, die bereits über diesen Boden gelaufen sind und wie viele von ihnen gerade die Toilette verlassen haben.
Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist, dass die ganze Welt mitkriegt, was ich in meine Reisetasche packe. Na ja, ich bin sicher, dass ich mir noch Schlimmeres vorstellen könnte, aber in diesem Moment ist das alles, woran ich denken kann. Ich stopfe mein Portemonnaie, mein Desinfektionsmittel, zwei Müsliriegel, ein Extrapaar Socken, meine gefälschten AirPods und die Ginseng-Bonbons, die ich hasse, aber auf die meine Mutter bei allen möglichen Beschwerden von Verdauungsstörungen bis hin zur Grippe schwört, wieder in meine Handtasche. Dann bliebe nur noch …
Wie kann es sein, dass, wenn man kurz vor dem erniedrigendsten Augenblick seines Lebens steht, alles in Super-Slow-Mo abläuft? Es ist, als ob das Leben will, dass du nie vergisst, wie peinlich dieser Moment war. Du weißt schon, dieser Moment, wenn du zu den schwarzen Nike-Turnschuhen hinüberschaust, dann zu der perfekt zerrissenen, schmal geschnittenen schwarzen Jeans und schließlich zu einer ausgestreckten Hand … in der sich deine zusätzliche Notfallunterhose befindet.
Oder geht es nur mir so?
Ich schnappe mir schnell die Unterhose und stecke die Hand in die Tasche. »Pass auf, wo du langläufst«, sage ich und will brüsk klingen, es wirkt aber eher so, als würde ich gleich weinen. Wenn ich es mir recht überlege, könnte ich hier und jetzt vor Scham sterben, und dabei werden sicher einige Tränen fließen.
»Tschuldigung«, sagt eine Stimme. Von einem ganz in Schwarz gekleideten Mann hätte ich etwas Tieferes erwartet. In meiner Vorstellung bedeutet schwarze Kleidung offenbar Darth Vader. Aber die Stimme ist überraschend sanft und melodisch. Einen Atemzug lang kneife ich die Augen zusammen und wünsche mir, ich könnte den Tag einfach neu starten. Vielleicht ab dem Zeitpunkt, nachdem wir aus dem Flugzeug gestiegen sind, schließlich will ich mir das Erlebnis in der ersten Klasse nicht entgehen lassen.
Dann öffne ich die Augen und wage einen Blick.
Ich zucke überrascht zurück, als ich ihn als den Typen vom Flughafen in L. A. wiedererkenne. Der internationale Juwelendieb. Ein bekannter Hochstapler. Unhöflich zu seiner Mutter. Verdammt, er riecht wirklich gut.
»Ich war in Gedanken und habe nicht darauf geachtet, wo ich hinlaufe«, sagt er. Er streckt die Hand aus – hat er sie überhaupt wieder zurückgezogen, nachdem er mir meine Unterhose gegeben hat (oh mein Gott)? Ich starre seine langen Finger mit den perfekt manikürten Nägeln an. Vielleicht doch kein Juwelendieb, denn diese Hände haben eindeutig noch nie die Wand eines Sotheby’s erklommen oder versucht, einen Safe zu knacken. Diese Hände gehören offensichtlich zu einem reichen und verwöhnten Menschen. Keine abgekauten Nägel oder Schwielen weit und breit.
Ich sehe ihm in die Augen. Sie sind das Einzige, was ich zwischen dem Schwarz seiner Baseballkappe und dem Schwarz seiner Maske sehen kann. Es sind warme, lächelnde Augen mit Wimpern, die so lang und dicht sind wie die eines Kamels.
Okay, aus mir wird wohl nie eine Dichterin werden.
Ich greife nach der ausgestreckten Hand und warte darauf, dass er mir aufhilft. Aber ich sitze weiterhin auf dem Boden, halte seine Hand, und er steht weder auf, um mich hochzuziehen, noch gibt er mir einen Ruck. Stattdessen reckt er sein Kinn in Richtung meiner anderen Hand. Ich sehe hinab und bemerke, dass ich ein Handy festhalte. Nicht mein Handy.
Oh verdammt. Sein Handy.
Er wollte mir überhaupt nicht helfen.
Höflichkeit ist heutzutage wirklich ausgestorben.
»Oh, tut mir leid, ist das deins? Wie konnte das in meine Hand geraten? Ich habe nicht einmal dieses Modell. Ich hab immer noch die Version von vor zwei Jahren. Meins ist viel kleiner. Ich glaube, ich könnte keins haben, das so groß ist wie dieses. Ich kann es kaum halten. Viel Glück dabei, ein Selfie zu machen. Passt das überhaupt in deine Hosentasche?«
Ich warte darauf, dass er die Augen verdreht oder die Stirn runzelt – ganz normale Reaktionen auf einen meiner verbalen Ausbrüche. Es ist das leise Lachen, das hinter seiner Maske ertönt, das mich erröten lässt.
Er nimmt mir das Handy aus der Hand, und dann hilft er mir tatsächlich auf.
»Miss Lee, sind Sie bereit zu gehen?«, fragt der Fahrer. Er lässt den Blick zwischen mir und dem Typen, der immer noch meine Hand hält, hin- und herwandern. Ich lasse los. Die Wärme fehlt mir sofort.
»Oh, wir sind nicht zusammen. Ich meine, er kommt nicht mit uns mit«, stammle ich. »Du, ähm, du wirst doch von jemandem abgeholt, oder?«
Ich weiß nicht, warum ich ihn das frage. Vielleicht, weil er ein wenig verloren wirkt. Als würde er vielleicht auch zum ersten Mal allein reisen. Dann wiederum trägt er teure Kleidung und das neueste iPhone bei sich. Vermutlich hat er Zugriff auf die Art Vermögen, die ihm eine Vielzahl von Transportmöglichkeiten bietet.
Er nimmt die Cap ab und fährt sich mit der Hand durch die Haare. Sein Haaransatz ist ein wenig feucht, und das kann ich verstehen. Wir sind mitten im Sommer in Newark, und er ist für das Wetter völlig unpassend gekleidet.
Andererseits trage ich ein schlichtes weißes T-Shirt und Jeans und fühle mich ebenfalls ein wenig erhitzt. Nein, das ist der New Yorker Sommer, der mir zu schaffen macht. Und dieser Schweißfilm, der sich auf meiner Stirn bildet? Luftfeuchtigkeit, ich sag’s euch, Luftfeuchtigkeit. Ganz sicher nicht wegen dieses süßen Typs vor mir.
»Ja, ich komme schon klar. Danke der Nachfrage … Miss Lee«, sagt er. Seine Augenwinkel heben sich wieder, als er hinter seiner Maske lächelt. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass er sich über mich lustig macht. Er lacht mit mir. Als ob es in unserem Alter lächerlich wäre, so förmlich angesprochen zu werden.
Ich erwidere sein Lächeln und nicke. »Okay, gut, dann gehe ich jetzt weiter meiner Wege.« Wenn ich mir auf eine Weise an die Stirn schlagen könnte, die keine Aufmerksamkeit auf mich lenkt, dann täte ich das jetzt. Dann gehe ich jetzt weiter meiner Wege?
Ich laufe los und befehle mir, mich nicht umzudrehen. Dreh dich NICHT um.
Aber als ich mich doch umdrehe, denn natürlich tue ich das, ist er verschwunden.
Und das Gefühl der Enttäuschung bleibt. Wie bitte? Habe ich gedacht, er würde dort stehen und mir beim Weggehen zusehen?
Anscheinend, denn im Bruchteil einer Sekunde spielt sich vor meinem inneren Auge eine komplette Sommerromanze ab. Gut, dass ich mir das jetzt direkt abschminken kann. Ich habe keine Zeit für Romantik, für Freundschaften, für irgendetwas in der Art. Ich muss mich auf mein Praktikum konzentrieren, hart arbeiten und mich vom Rest der Gruppe abheben. Wenn der Eindruck, den ich hinterlasse, gut genug ist, wird mir die Haneul Corp vielleicht ein Empfehlungsschreiben für künftige Uni- und Stipendienbewerbungen ausstellen. Und das verschafft mir nach meinem ersten Jahr am Junior College mehr Möglichkeiten.
Das gesamte Hochschulwesen ist auf eine Welt der Reichen und noch Reicheren ausgerichtet. Ich habe nie einen Fuß in diese Welt gesetzt. Aber ich betrachte dieses Praktikum als meine Einladung, einzutreten – oder zumindest meinen großen Zeh hineinzustecken. Und vielleicht ist es meine einzige Chance überhaupt.
Ich wende mich dem Fahrer zu, der, seinen verschränkten Armen und den Blicken auf die Uhr nach, eindeutig dabei ist, die Geduld zu verlieren. Wahrscheinlich hasst er es, Teenager durch die Gegend zu fahren. Muss ich ihm Trinkgeld geben, nachdem er mich abgesetzt hat? Wie viel Trinkgeld ist angemessen? Ich könnte einfach so tun, als wüsste ich von nichts, und hoffen, dass Haneul sich bereits darum gekümmert hat.
»Entschuldigung. Ja, ich bin bereit«, sage ich. Ich deute auf meine Tasche, die auf dem Gepäckband ihre Runden dreht. Er nimmt sie und macht sich wortlos auf den Weg. Ich folge ihm durch die Türen des Flughafens und durchs Parkhaus hindurch, bis wir einen schwarzen SUV erreichen.
Verdammt, das ist ein tolles Auto. Da passen locker sechs Leute rein, vielleicht sogar mehr. Ist es wirklich nur für mich? Ich ermahne mich, nicht mehr so schockiert zu sein, als ob das alles neu für mich ist. Dieses Auto kostet wahrscheinlich so viel wie sämtliche Studiengebühren des ersten Jahres. Was für eine Verschwendung. Bloß nicht beeindrucken lassen.
Trotzdem kann ich nicht anders, als mit einem tiefen Atemzug den Lederduft im SUV aufzunehmen. So riecht also reich. Ich atme aus und erinnere mich daran, mich nicht zu sehr daran zu gewöhnen. Es ist wahrscheinlich ein einmaliger Luxus, um dieses Praktikum stilvoll zu beginnen.
Ich beschließe, die Erinnerung an diese Erfahrung im Hinterkopf abzuspeichern, um sie erst dann wieder hervorzuholen, wenn ich es endgültig geschafft habe. Denn wenn ich dort ankomme, werde ich wissen, dass dieses Praktikum mein erster Schritt war. Und wenn ich es geschafft habe, will ich ein Auto haben, das genau so riecht.
Süß.
Das war mein erster Gedanke, als ich am Flughafen mit dem Mädchen zusammengestoßen bin. Nein, spitze Ellbogen war tatsächlich der erste. Ich kann immer noch spüren, wie ihr knochiger Arm mir den Atem nimmt. Obwohl ich vermute, dass mir zumindest die weniger unangenehmen Dinge genommen wurden.
Normalerweise fände ich ein zusätzliches Paar Unterwäsche in einer Mädchenhandtasche sexy. Aber dieser Baumwollslip war viel eher praktischer Natur. Nicht, dass ich ein Experte in Sachen Mädchenunterwäsche wäre. Das war trotzdem heiß, ich will nicht lügen.
