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Was bedeutet schon «normal»? Kurt April, langjähriger Therapeut in den Bereichen Liebe und Sexualität, beschreibt, was Sexualität ist und sein kann. Er vermittelt einfach erklärt aktuelles medizinisches Basiswissen und thematisiert auf empfindsame Weise Probleme mit der sexuellen Funktion – bei Männern und Frauen. Mit fundiertem Wissen, wertvollen Tipps und hilfreichen Beispielen aus der Praxis wird mit dem Begriff «normal» aufgeräumt. Kurt April unterstützt Leserinnen und Leser darin, mit ihrer eigenen Sexualtiät oder der der Partnerin oder des Partners umzugehen - wenn eben genau wie im Alltag nicht immer alles glattläuft.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2022
Beobachter-Edition © 2022 Ringier Axel Springer Schweiz AG, Zürich Alle Rechte vorbehalten www.beobachter.ch Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich Lektorat: Andina Schubiger, St. Gallen Umschlagillustration: Malin Widén Layout und Satz: Frau Federer GmbH, fraufederer.ch Infografiken: Andrea Klaiber, Anne Seeger (Seiten 49–51, 53) Reihenkonzept: buchundgrafik.ch Herstellung: Bruno Bächtold Druck: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe ISBN 978-3-03875-434-3
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Inhalt
Vorwort
Sich näherkommen
Verliebtsein
Verliebtheit bei Frauen und Männern
Partnerliebe
Die verschiedenen Liebesstile
Herausforderung Paarbeziehung
Beziehungsfähigkeit ist lernbar
Was hält Paare zusammen?
Reden und Schweigen
Fremdgehen
Trennung und Scheidung
Sexualität
Sexualität im 21. Jahrhundert
Sexout – die sexuelle Rezession
Sexualverhalten aktuell
Aufklärung
Pornos
Körperkunde: Sind meine Sexualorgane normal?
Die männlichen Sexualorgane
Die weiblichen Sexualorgane
«Human Enhancement» und «Schönheitsoperationen»
Sexualverhalten – was ist schon normal?
Dauer des Geschlechtsverkehrs
Häufigkeit
Glücklich ohne Sex
Blümlisex, Peitsche und Fantasien
Was ist guter Sex?
Subjektive Wahrnehmung
Wissenswertes aus der Sexualmedizin
Die biopsychosoziale Betrachtungsweise
Die Zentren der Sexualität: die Psyche und das Hirn
Hormone
Sexuelles Interesse und sexueller Appetit
Motivation
Die sexuelle Reaktion
Das Vier-Phasen-Modell
Männlichkeit und Weiblichkeit
Über Sex reden
Probleme mit der sexuellen Funktion
Diagnosen
Vor- und Nachteile von Diagnosen
Nicht durchschnittlich – na und?
Häufigkeit von Störungen der sexuellen Funktion
Frauen und Männer im Vergleich
Die Häufigkeit von spezifischen Problemen
Vorkommen bei verschiedenen Altersgruppen
Was ist eine sexuelle Funktionsstörung?
Die Sexualanamnese
Psychische Ursachen
Leistungsdenken, Versagensangst, Selbstbeobachtung
Sexuelle Identität und Sexualfunktion
Körperliche Ursachen
Therapien von Störungen der sexuellen Funktion
Die multidisziplinäre Behandlung
Psychologische Methoden
Welcher Arzt ist zuständig?
Probleme bei der Frau
Vermindertes sexuelles Verlangen
Verminderte Erregung
Probleme mit dem Orgasmus
Schmerzen beim Sex
Vaginismus
Probleme beim Mann
Das Testosteronmangelsyndrom
Vermindertes sexuelles Verlangen
Probleme mit der Erektion
Probleme mit dem Orgasmus
Der frühe oder vorzeitige Orgasmus
Verzögerte Ejakulation
Sexuelle Zwangsstörungen, Sexsucht und Hypersexualität
Besondere Neigungen
Was sind Neigungen und was sexuelle Störungen?
Gibt es bekannte Ursachen?
Sexuelle Täter
Präferenzbesonderheiten bei Frauen
Die Klassifikation von Präferenzbesonderheiten
Häufigkeiten
Fetischismus
Transvestismus
Sadomasochismus, BDSM und «Fifty Shades of Grey»
Pädophilie
Voyeurismus
Exhibitionismus
Umgang als Paar mit Präferenzbesonderheiten
Anhang
Links
Literatur
Quellenverzeichnis
Vorwort
Liebe und Sexualität sind für alle Menschen eine Herausforderung, und sie stellen auch für jede neue Beziehung ein Wagnis dar. Zum Glück gibt es aber die Verliebtheit: einen emotionalen Zustand, währenddem die Hormone und damit die Emotionen so verrückt spielen, dass manch einer befürchtet, den Verstand zu verlieren. Aus dem Risiko, eine Beziehung einzugehen, kann sich so ein lohnendes, lebensbestimmendes Abenteuer entwickeln. Damit Beziehungen vertieft werden können – oder auch nur zur Freude –, bedarf es der Sexualität.
Unsere Sexualität ist störanfällig, ebenso wie unsere Beziehungen. Für beides braucht es fundierte Informationen und gelernte Fähigkeiten. Es ist mir ein Anliegen, dem Leser und der Leserin einen praxisorientierten Überblick über die wichtigsten sexuellen Probleme zu geben. Dabei soll das biopsychosoziale Verständnis in den Fokus gerückt werden, was bedeutet, dass körperliche, psychische und kulturelle Aspekte der Sexualität und mögliche Probleme berücksichtigt werden. Ratschläge und Fallbeispiele helfen, die Sexualität besser zu verstehen und zu geniessen; psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungsansätze werden dabei auch beleuchtet.
Die Idee für dieses Buch entsprang meinem Anliegen, aus der Praxis für den Alltag von Liebespaaren zu schreiben und entsprechend zu raten. Zu Beginn meiner Praxistätigkeit vor 40 Jahren steckten die Sexualmedizin und die Paartherapie noch in den Kinderschuhen. Damals waren die zahlreichen Klienten und Patientinnen meine besten Lehrmeisterinnen, indem sie mir einen tiefen Einblick in ihr Fühlen, Denken und Verhalten vermittelten. Es gibt kaum einen Bereich des menschlichen Zusammenlebens, über den so emotional gestritten wird, wie über Liebe und Sexualität – selbst unter Fachleuten. In den letzten 40 Jahren haben die Sexualmedizin und die Paartherapie sehr grosse Fortschritte gemacht, sodass meine Klientinnen und ich zunehmend von diesen Erkenntnissen profitieren konnten. Meine Erfahrung und Praxis sowie die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse bilden die Grundlage für diesen Ratgeber.
Dr. med. Kurt April
September 2022
«All you need is love» sangen die Beatles und berührten damit die Herzen von Millionen von Menschen. Wir können zwar nicht allein von Liebe leben, aber sie ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken, ohne das wir nicht überleben können. Die Liebe beschreibt ein starkes Gefühl des Hingezogenseins zu einem nahestehenden Menschen. Im allgemeinen Sprachverständnis ist mit Liebe die Partnerliebe gemeint, zu der in der Regel auch Sexualität gehört. Von der Liebe – und damit auch der Sexualität – handelt dieser Ratgeber.
Die Liebe eines Menschen und die Beziehung eines Liebespaares sind einzigartig. Eine Beziehung wiederholt sich nie auf die gleiche Weise. Wenn ein Mensch seinen Partner wechselt, entsteht nie wieder dieselbe Beziehung wie zum vorherigen Partner. Genauso wie es Persönlichkeitsstile gibt, unterscheidet die Psychologie verschiedene Liebesstile (siehe Seite 16). Wie tief und dauerhaft die Liebe sein kann, hängt von der Liebesfähigkeit eines Menschen und von der Antwort seines Partners ab. Die Liebe und die Verliebtheit sind etwas sehr Komplexes. Der Wissenschaft ist es noch nicht gelungen, zu verstehen, wie Liebe entsteht und warum zwei Menschen sich zu lieben beginnen. Aber wir wissen sehr viel darüber, wie man Liebe pflegen und lebendig halten kann.
Verliebtsein
Eine Liebesbeziehung beginnt meist mit Verliebtheit, die allerdings nicht dasselbe wie Liebe ist und auch als Liebesrausch beschrieben werden kann. Doch wie funktioniert die Partnerwahl, und wie hängt das mit der Persönlichkeit und der Sexualität zusammen?
Es scheint nicht zufällig, dass die Verliebtheit zur menschlichen Natur gehört. Die Evolutionspsychologie geht davon aus, dass die Natur die Verliebtheit als Initiator der Liebe einrichtete, um die Fortpflanzung des Menschen zu garantieren. Ohne den Liebesrausch wären Mann und Frau wohl oft zu gehemmt, um zueinander zu finden.
Verliebtheit ist ein intensives euphorisches Gefühl, bei dem alles andere unwichtig erscheint. Betroffene sind voller Energie, können die ganze Nacht auf den Beinen sein und bis zum nächsten Morgen miteinander reden. Dazu kommen körperliche Begleiterscheinungen: Schmetterlinge im Bauch, Herzklopfen, ein trockener Mund, Nervosität und Schlaflosigkeit. Verliebte sind hoch motiviert, die andere Person für sich zu gewinnen. Es ist erstaunlich, wozu sie dafür imstande sind. Verliebtheit geht normalerweise einher mit einer Einengung der Wahrnehmung, was leicht zu einer Fehleinschätzung des potenziellen Partners führen kann. Fehler des anderen werden leicht ausgeblendet, und seine Stärken werden überhöht gesehen. Die Symptome lassen sich mit einem Drogenrausch vergleichen, der ebenfalls in Verbindung mit erhöhten Dopaminwerten im Hirn steht. Verliebtheit ist ein Ausnahmezustand, der gleichzeitig glücklich und unglücklich machen kann und sowohl Energie hervorbringen als auch rauben kann. Eifersucht kommt häufig vor und kann verliebten Menschen stark zusetzen; sie können aber auch ein Gefühl der Einzigartigkeit sowie ein gesteigertes Selbstwertgefühl empfinden.
Verliebtheit bei Frauen und Männern
Die Partnerwahl ist auch durch die Persönlichkeit, evolutionäre Anpassungen und kulturelle Beeinflussung gekennzeichnet. Die Kriterien für die Partnerwahl von Frauen und Männern entsprechen sich in grossen Teilen, aber es gibt auch Unterschiede. Gleichermassen ist Frauen ebenso wie Männern wichtig, dass der Partner verständnisvoll, vertrauenswürdig, hilfsbereit und treu ist, und beide Geschlechter möchten, dass sie vom Partner so akzeptiert werden, wie sie sind.
tippSelbst im Zustand der Verliebtheit, im Glücksrausch, sind Sie gut beraten, mehr auf Vernunft als auf Schmetterlinge im Bauch zu setzen. Schliesslich wollen die meisten Menschen, dass aus der Verliebtheit eine feste Beziehung wird. Oft verlieben sich Menschen in den ersten Sekunden des Zusammentreffens. Dieses Bauchgefühl ist auch sehr nützlich und trifft unbewusst gute Entscheidungen. Trotzdem kommen Sie nicht darum herum, mit Vernunft und Verstand im Liebesrausch einen Schritt zurückzustehen und den Partner bei Lichte zu betrachten und zu prüfen. Oder wie es Friedrich Schiller (1799) ausdrückt:«Drum prüfe, wer sich ewig bindet,Ob sich das Herz zum Herzen findet.Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang.»
Info Studien zeigen, dass sich schon vermehrt Jugendliche eine tiefe Partnerschaft, die ein Leben lang andauert, wünschen. Es scheint für viele zu einem glücklichen und zufriedenen Leben selbstverständlich dazuzugehören, obwohl sich in den letzten 50 Jahren die Werte des Zeitgeistes insbesondere im Bereich Liebe und Sexualität stark gewandelt haben.
Partnerliebe
Eine Liebesbeziehung ist ein emotional intimes und meist sexuelles Verhältnis zwischen zwei Menschen, das durch gegenseitige Liebe und Mitgefühl, gemeinsame Interessen und Fürsorge geprägt ist. Die Liebesbeziehung schliesst erotische Anziehung ein, wobei es dabei nicht unbedingt um Geschlechtsverkehr, sondern auch um eine Erotik der Zärtlichkeit gehen kann. Eine Partnerbeziehung befindet sich immer in einer Entwicklung.
Eine Liebesbeziehung ist nicht bedingungslos vorhanden, wie etwa das Verliebtsein. Zwar geben viele den ersten Geschlechtsverkehr als Anfang der Beziehung an, tatsächlich bildet sich eine Liebesbeziehung aber erst durch die Interaktion der beiden Liebenden im Laufe von Monaten oder gar Jahren. Erst mit der Zeit und zunehmender Vertrautheit kann sich jeder geben, wie er ist, und das Gefühl bedingungsloser Akzeptanz bekommen. Damit eine Liebe gedeihen kann, braucht es von beiden Partnern die Bereitschaft und Motivation, sich umeinander zu kümmern: das Treueversprechen, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein. Unverbindlichkeit behindert die Beziehungsbildung, wie zum Beispiel die Annahme, dass vielleicht doch noch ein «besserer» Partner kommen könnte.
Info Eine feste, langjährige Partnerschaft kann durch folgende Eigenschaften charakterisiert werden:
– eine tiefe emotionale Nähe,– getragen von gegenseitigem Respekt und Verständnis,– mit dem Ziel einer langfristigen Beziehung mit dem Partner,– es ist eine ausschliessliche Beziehung (Treue),– die eine sexuelle Verbindung beinhaltet.
Die Qualität und die Enge der Beziehung werden zu einer tiefen Bindung, ähnlich wie die frühe Eltern-Kind- oder Geschwister-Beziehungen. Streit und Verstimmtheit gehört ebenso zu einer Liebesbeziehung wie zu einer Geschwisterbeziehung. Trotz der kindlichen Erfahrung ist Lieben nichts Gegebenes, sondern muss oder kann erlernt werden. Erich Fromm beschreibt dies in seinem berühmten Buch «Die Kunst des Liebens» 1956 treffend:
«Es gibt kaum ein Unterfangen, das mit so ungeheuren Hoffnungen und Erwartungen begonnen wird und das mit einer solchen Regelmässigkeit fehlschlägt wie die Liebe. Wäre das auf irgendeinem anderen Gebiet der Fall, so würde man alles daransetzen, die Gründe für den Fehlschlag herauszufinden und in Erfahrung zu bringen, wie man es besser machen könnte – oder man würde es aufgeben. Da letzteres im Fall der Liebe unmöglich ist, scheint es doch nur einen richtigen Weg zu geben, um ein Scheitern zu vermeiden: Die Ursachen für dieses Scheitern herauszufinden und ausserdem zu untersuchen, was Liebe eigentlich bedeutet.»
Beziehungsarbeit ist notwendig, damit eine Liebe Bestand hat; das heisst, die Paarbindung kann durch Engagement, sexuelles Interesse und Aufmerksamkeit gefestigt werden. Studien verschiedener «Liebesforscher» bestätigen in ihren wissenschaftlichen Untersuchungen diese Hypothesen.
TippSeien Sie offen und lernen Sie den Charakter des Partners vorurteilslos kennen. Akzeptieren Sie Ihr Gegenüber, wie es ist, und versuchen Sie nicht, betreffende Person zu formen oder zu erziehen. Bei diesem Vorgang ist es unerlässlich, dass Sie auch sich selbst besser kennenlernen. Die Tiefe der Beziehung stellt Ihre Beziehungsfähigkeit vor neue Herausforderungen. Ausserdem: Ein jeder ist einzigartig in seiner Persönlichkeit und erfordert eine andere Beziehungsaufnahme. Stellen Sie sich darauf ein, Ihr Einfühlungsvermögen weiterzuentwickeln, um mehr Verständnis für den anderen zu erreichen. Gehen Sie davon aus, dass es in der Kommunikation viele Missverständnisse geben kann, und gehen Sie ebenfalls stets davon aus, dass Ihre Partnerin oder Ihr Partner es gut mit Ihnen meint und nichts lieber möchte, als akzeptiert und geschätzt zu werden, so wie sie oder er ist. Schliesslich werden Sie Gleiches erwarten.
Die verschiedenen Liebesstile
Analog zur Kategorisierung von Menschen in Persönlichkeitsstile, unterscheidet die Psychologie sechs Liebesstile. Ein Mensch hat nie mit zwei verschiedenen Partnern die gleiche Beziehung, folglich ist eine Beziehung immer einzigartig. Sie ist bestimmt durch die beiden Persönlichkeitsstile und die Dynamik dieser Beziehung, was den Liebesstil ausmacht. Die Einteilung der Paarbeziehung in Liebesstile ist eine Vereinfachung.
Durch die Erfassung Ihres Liebesstils gewinnen Sie Selbsterkenntnisse und Erfahrung, dadurch können Sie besser erkennen, was Ihnen guttut und wo es Ihnen in der Beziehung unbehaglich zumute ist. Wie bei den Persönlichkeitsstilen auch, trifft auf ein Paar jeweils eine Mischung von Liebesstilen zu.
Herausforderung Paarbeziehung
Die Liebe ist für die Menschen ein grosses Wagnis, trotz der atemberaubenden Fortschritte in der Medizin und den Sozial- und Kulturwissenschaften. Auch heute noch kann die Liebe den Menschen vor seine grösste Lebensaufgabe stellen. Es beginnt nur schon bei dem Mut zur Partnerwahl. Die Partnersuche wird trotz oder gerade wegen der digitalen Möglichkeiten nicht einfacher. Die Risiken einer festen Beziehung bleiben.
Ohne Risiko gibt es kein Glück. Studien zufolge wünschen sich weit über 90 % der Menschen einen festen Partner. Damit das Glück auch eintritt und andauert, ist aber von beiden Partnern ein hohes Lernvermögen erforderlich. Im Folgenden stelle ich Ihnen einige häufige Stolpersteine und Lösungsmöglichkeiten vor.
InfoDie Scheidungsrate hat in den vergangenen Jahren zwar zugelegt, aber eine Ehe oder eine stabile Partnerschaft bleibt für die meisten Menschen weiterhin ein Ideal. So haben sich Eheschliessungen zwar zunächst verringert, blieben aber in den letzten zwei Jahrzehnten stabil.
Beziehungsfähigkeit ist lernbar
Der Mensch lernt nicht nur seine praktischen und schulischen Fähigkeiten, sondern auch seine Sozialkompetenz. Für Partnerschaften braucht es dazu verschiedene Tools, die im Folgenden erklärt werden. Oft sind es einfache Verhaltensweisen, die sich entweder aufbauend oder zerstörerisch auf eine Beziehung auswirken. Die Beachtung dieses Wissens kann Ihnen viel Leid und Tränen ersparen und zu einer Partnerschaft führen, die Sie zufrieden und ausgeglichen macht.
TippÜbernehmen Sie Verantwortung für eine Beziehung, nur so können Sie diese mitgestalten. Ein Partner, der sich in der Partnerschaft treiben lässt und Entscheidungen und Aktivitäten der Partnerin überlässt, übernimmt wenig Verantwortung. Es ist notwendig, herauszufinden, was dem Gegenüber guttut und wo die wunden Punkte liegen. Durch diese Beobachtung schulen Sie Ihr Einfühlungsvermögen. Auch Personen, die eine Gefühlskommunikation nicht gewohnt sind, können eine angemessene Beziehungsaufnahme lernen. Sie können jederzeit beginnen, eine bessere Beziehungsfähigkeit zu lernen, dafür ist es nie zu spät, und es ist selbst in hohem Alter noch möglich.
Eine neue Partnerschaft erfordert immer wieder von Neuem ein Kennenlernen oder ein Beziehungstraining. Lernen Sie, Ihre Partnerin in all ihren Facetten zu beobachten, und diskutieren Sie über Auffassungen und Vorlieben und was sie mag oder eben nicht mag. Wichtig ist auch, dass Sie sich grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Es werden bei beiden Emotionen aufkommen, die nicht rational und der Situation nicht angemessen sind. Sie können aber davon ausgehen, dass sie sich gegenseitig nicht verlezten oder erniedrigen möchten. Es ist normal, dass man seine Emotionen nicht immer im Griff hat. Häufig kommen unbewusste Gefühle auf, für die nicht Sie der Grund, sondern höchstens der Auslöser sind. Der wahre Grund sind meist Emotionen, die in der Kindheit, in der Beziehung zu den Eltern und Geschwistern, entstanden sind und Sie irgendwann, wenn sich das Hirn an etwas aus der Vergangenheit erinnert, automatisch so reagieren lassen wie früher als Kind. Diese Verhaltensweisen bei sich und dem Partner zu erkennen, ist ein wichtiger Teil, um die Beziehung positiv zu gestalten.
Was hält Paare zusammen?
Die meisten Paare trennen sich nicht, weil sie Meinungsverschiedenheiten oder ab und zu Streit haben. Ihre Beziehung scheitert an einer destruktiven Streitkultur und dem Mangel an Lob und positiver Zuwendung. John Gottman, ein bekannter Forscher über Partnerschaften, beobachtete Paare über Jahre und Jahrzehnte. Er befragte seine Probanden nicht nur, sondern nahm zusätzlich viele Stunden von Paarkommunikation auf Video auf und wertete sie aus. Er fand heraus, dass nicht Streit per se verantwortlich für eine Trennung war. Es streiten sich alle Paare, auch glückliche sagen sich manchmal Dinge, die sie später bereuen und für die sie sich entschuldigen. Der entscheidende Punkt ist, dass glückliche, langjährige Paare fünf Mal mehr positive als negative Interaktionen haben. Heisst: Sie gehen häufiger positiv aufeinander zu, loben sich, geben einander Wertschätzung oder Anerkennung. Frisch Verliebte geben sich im Durchschnitt zwanzig Mal so viel Anerkennung und Wertschätzung wie Kritik und schlechte Laune. Wenn sich das Verhältnis von positiven Zuwendungen zu Kritik langsam verkleinert auf 4:1, dann 3:1, kann es zu einem Selbstläufer werden. Eine kritische Aktion wird mit einer Gegenkritik beantwortet, und so kann es sehr schnell gehen, bis das Verhältnis unter 1 fällt und eine Trennung bald Wirklichkeit sein könnte. Will ein Paar in Frieden zusammenleben, braucht es von beiden Partnern den bewussten Wunsch, dem anderen möglichst viele gute Erlebnisse zu bescheren und sich wohlwollend zu begegnen. Eine solche Einstellung kann sich jeder aneignen.
TippGehen Sie ganz bewusst positiv auf Ihre Partnerin zu.Denken Sie es nicht nur, sondern sagen Sie direkt, wie Sie sich auf das Wiedersehen gefreut haben oder dass Sie sich auf das gemeinsame Wochenende freuen. Machen Sie Ihrem Partner Komplimente, sagen Sie, wie gut er riecht, dass sie wieder einmal besonders gut aussieht oder wie sehr Sie die Grübchen lieben, wenn er lacht. Zeigen Sie Ihre Anteilnahme und das Interesse an seinem Alltag, indem Sie nachfragen.
Auch wenn Sie sich jeden Abend sehen: Die Freude zu zeigen, tut gut. Auch nach einem schlechten Tag können Sie sich vornehmen, Ihre schlechte Laune nicht an Ihrer Partnerin auszulassen. Schaffen Sie es nicht, Ihre Stimmung zu verbessern, reden Sie darüber. Erklären Sie, warum Ihre Gemütsverfassung schlecht ist. Vielleicht brauchen Sie zuerst einen Moment für sich, um Musik zu hören oder sich die Füsse zu vertreten. Geben Sie Ihrem Partner die Chance, Ihnen Gutes zu tun.
Abwesenheit von Kritik genügt nicht
Einige gestandene Paare gehen davon aus, dass die Abwesenheit von Kritik schon Anerkennung genug ist. Beispielsweise äusserte in einer Paartherapiesitzung ein Ehemann zu seiner Frau, die sich über zu wenig Wertschätzung beklagte: «Wenn ich dich nicht gut finden würde, wäre ich schon längst nicht mehr mit dir zusammen. Ich habe dir schon mehrmals erklärt, dass ich zufrieden mit dir bin. Das sollte doch Wertschätzung genug sein.» In diesen Zusammenhang passt der Ausspruch von Benjamin Franklin: «Es ist ein Zeichen von Mittelmässigkeit, nur mittelmässig zu loben.» Es ist zwar richtig, dass Paare den Partner das Wohlwollen und die unausgesprochene Anerkennung auf einer nonverbalen Ebene spüren lassen. Umgekehrt ist es auch unerlässlich, unausgesprochenes Wohlwollen und andere bejahende Gefühle des Partners wahrzunehmen. Es braucht eine positive Grundhaltung beider Partner. Allerdings braucht jeder Mensch aktive positive Wertschätzung, sonst «trocknet» er aus, und sein Selbstwert wird kleiner. Aktiv Wertschätzung zu vermitteln, heisst: aufmerksam sein, Lob aussprechen, sich für die Belange des anderen interessieren, zuhören und aufeinander eingehen. Erotische und körperliche Zuwendung sowie Sexualität vermittelt dem Partner ebenso, dass er oder sie attraktiv ist und begehrt wird. Damit solche Gefühle nach der anfänglichen Verliebtheit nicht verloren gehen, muss die Partnerin die Anerkennung und das Lob auch hören und fühlen. Der deutsche Maler Anselm Feuerbach schrieb zu Recht: «Tadeln ist leicht, deshalb versuchen sich so viele darin; mit Verstand zu loben ist schwer, darum tun es so wenige.»
TippVergessen Sie nicht, Ihre Partnerin zu loben, zeigen Sie Anerkennung. Zu viel loben ist fast unmöglich. Allerdings müssen Sie es auch aufrichtig meinen. Lassen Sie Ihren Partner auch spüren, dass Sie seine Zuwendung und Worte der Anerkennung schätzen. Lassen Sie ihn nicht ins Leere laufen, indem Sie seine positive Aktion nicht beachten oder gar abwerten.
Reden und Schweigen
Die differenzierte Kommunikation durch Sprache ist für den Menschen überlebenswichtig. Sie ist bei der Kooperation unerlässlich, im sozialen Zusammenleben, aber auch in der differenzierten Arbeitswelt. Für eine positive Entwicklung Ihrer Partnerschaft ist ebenfalls eine Verständigung durch Sprache unabdingbar. Es gibt aber auch negative Gesprächsführung, es kommt also auf das Wie an, ob ein Gespräch produktiv ist oder nicht. Manchmal kann Reden aber auch eine Stimmung kaputtmachen und Schweigen bedeuten, den Augenblick zu geniessen. Schweigen kann aber genauso ein Mittel zur Dominanz sein. Stunden, ja tage- oder wochenlang zu schweigen, um den Partner für ein Verhalten zu bestrafen, kann sehr schmerzhaft sein und gehört zur psychischen Gewalt in einer Beziehung.
TippLassen Sie Ihren Emotionen nicht einfach freien Lauf. Der vermeintlich banale Rat, auf zehn zu zählen, an die frische Luft zu gehen, bis der gröbste Ärger verraucht ist, funktioniert tatsächlich. Nehmen Sie sich etwas vor, das Ihnen hilft, überbordende Emotionen in den Griff zu bekommen. Das geht aber nicht von selbst. Es muss geübt werden. Manchmal hilft auch eine Vereinbarung mit dem Partner: beispielsweise, dass sie ein Codewort sagt, eine vereinbarte Bemerkung, die Sie emotional herunterholt. Denken Sie daran, dass der Partner Ihnen gut gesinnt ist. Manchmal gelingt es bei Uneinigkeiten, einen guten Kompromiss zu finden, mit dem Sie beide leben können und keiner den Kürzeren zieht.
Das Gespräch – Streit- oder Friedenskultur
«Ein Streit ist wie ein reinigendes Gewitter» lautet ein weitverbreiteter Mythos. Dahinter steht die Annahme, der Mensch habe einen Aggressionstrieb, und persönliche Probleme oder Partnerschaftsschwierigkeiten seien das Ergebnis von unterdrückten Aggressionen. Die Idee dahinter ist, dass Ärger herauszulassen einer Katharsis gleichkomme. Seit dieser Theorie der 1970er-Jahre werden Boxsäcke angepriesen, um Aggressionen «abzureagieren». Einmal deutlich die Meinung zu sagen und die angestaute Wut herauszulassen, raten manchmal sogar heute noch Therapeutinnen. Diese Theorie funktioniert in der Praxis nicht, ist sogar kontraproduktiv. Kaum ein Mensch wird durch einen Angriff einsichtiger oder verständnisvoller. Die meisten gehen zum Gegenangriff über und zahlen mit gleicher Münze heim, mit schlechter Auswirkung auf die Partnerschaft.
TippWann ist eine Psychotherapie, Paartherapie oder Beratung angezeigt? Eine problematische Beziehung ist der häufigste Grund für durch Umweltfaktoren ausgelöste Depressionen. Realisieren Sie, dass Ihre Beziehung Sie krank macht und Sie sich trotzdem nicht trennen können oder wollen, dann ist der Zeitpunkt gekommen, sich professionelle Hilfe zu holen. Eine Psychotherapie hilft Ihnen, Ihre Beziehungsmuster zu erkennen, diese aufzulösen und sich dann für oder gegen eine Beziehung entscheiden zu können. Eine Paartherapie ist sinnvoll, wenn beide Partner bereit sind, ihre störenden Beziehungsmuster zu erkennen und diese zu verbessern. Das Ziel einer Paartherapie kann eine Verbesserung der Beziehung sein. Es kommt aber auch vor, dass am Ende einer Paartherapie eine Trennung realisiert wird.
In der Psychotherapie erleben wir oft, dass Menschen ihre Partner zu einer Paartherapie drängen, damit die Therapeutin ihnen hilft, die Partnerin zu ändern. Das funktioniert nie. Nur wenn Sie selber bereit sind, Ihr Verhalten zu ändern, kann eine Paartherapie fruchten. Manchmal reichen auch schon einige Beratungsgespräche, um einer Person oder einem Paar weiterzuhelfen.
In jeder Partnerschaft entstehen unterschiedliche Meinungen. Selbst in einer guten, konsolidierten Partnerschaft ist Streiten normal, ebenso das Aufkommen von negativen Emotionen wie Neid, Eifersucht, dem Gefühl erniedrigt zu werden oder sich ausgenutzt zu fühlen. Paare verhalten sich bei Streitigkeiten manchmal so unvernünftig wie kleine Geschwister. Die Kunst ist, auch in Situationen, bei denen Emotionen ins Spiel kommen, eine ruhige, sachliche Diskussion über einen Sachverhalt oder eine Situation führen zu können. Das kann gelingen, wenn einer der beiden Partner besonnen reagiert.
TippDrohen Sie bei einem Streit nicht mit einer Trennung. Dass diese Möglichkeit jederzeit besteht, ist eine Selbstverständlichkeit und bedarf keiner Erwähnung. Wenn Sie nicht tatsächlich eine Trennung wollen, dann lassen Sie diese leere Drohung, denn sie erodiert die Liebe. Versuchen Sie, Unstimmigkeiten vernünftig und gütlich zu lösen, ohne das Ausleben negativer Emotionen. Manchmal braucht eine Lösung Geduld und gegenseitiges Wohlwollen. Schaffen Sie dieses Vorgehen nicht selbst und sind beide Partner willens, scheinbar unlösbare Probleme gemeinsam zu lösen, lohnt es sich, eine Paartherapie zu versuchen. Ist Ihnen zum Davonlaufen, können Sie es auch machen. Eine Verschnaufpause ist manchmal besser als eine Eskalation. Aber erklären Sie, dass Sie Ihre Emotionen nicht mehr im Griff haben und zurückkommen werden, wenn Sie sich beruhigt haben. Wenn Sie einen unwiderruflichen Trennungswunsch haben, seien Sie konsequent und trennen Sie sich. Manchmal ist für beide Partner ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende. Spätestens wenn ein Paar sich so zerstritten hat, dass einer oder beide psychisch oder körperlich krank werden, ist eine Trennung angezeigt.
Gespräche über Ihre Beziehung
Gespräche über die Beziehung sind unumgänglich und wertvoll. Bei vielen Paaren verlaufen solche Gespräche kontraproduktiv und die Aufforderung «Wir müssen reden» wurde schon für viele zu einem Trauma. In meinem Praxisalltag habe ich die Erfahrung gemacht, dass Männer im Allgemeinen wortkarger und weniger redegewandt sind und emotional geführte Diskussionen eher meiden. Es gibt einige Tipps, wie Paare solche Gespräche konstruktiv führen können.
TippManche Sachverhalte müssen zwingend angesprochen werden, aber: Warten Sie den passenden Augenblick ab, um anzusprechen, was Sie beschäftigt, berührt oder unglücklich macht. In gestresster Stimmung, kurz vor einer Verabredung oder vor dem Schlafengehen ist nicht der richtige Zeitpunkt für Beziehungsgespräche. Es braucht eine entspannte und ruhige Atmosphäre, um eine diffizile Angelegenheit konstruktiv zu bereden. Dazu ist es wichtig, dass Sie ein Beziehungsgespräch nicht beginnen, wenn Sie gerade in einer negativen oder verärgerten Stimmung sind.
Reden löst nicht alle Probleme
Es können nicht alle Probleme einer Partnerschaft aus dem Weg geschafft werden. Beispielsweise: Welches Paar hat schon dieselben Reinlichkeitsbedürfnisse? Muss sich nun der Unordentliche dem Ordentlichen anpassen oder umgekehrt? John Gottman schreibt zu Recht:
«Es gibt Probleme, die lassen sich nicht lösen. Lernen Sie, mit ihnen zu leben. Die Auffassung, dass Probleme dazu da sind, um sie zu lösen, hat seine Berechtigung in der Arbeitswelt. Für eine Partnerschaft ist es eine untaugliche Forderung. Lassen Sie sich leben. Lassen Sie dem Partner seine Pingeligkeit oder seine Unordentlichkeit. Solche Probleme lassen sich nicht lösen, ausser einer ordnet sich dem anderen unter. Aber dazu rate ich nicht, denn das ist der Anfang vom Ende. Viele Verhaltensweisen oder Charaktereigenschaften haben sich in der Kindheit entwickelt. Sie gehören zu einer Persönlichkeit und lassen sich nicht ändern, ohne dass der eine sich verbiegen muss. Es gilt also der Ratschlag: Lassen Sie die Partnerin, den Partner leben, denn ein Kompromiss hilft nicht weiter. Sie können vom Partner nicht verlangen, halb so pingelig oder doppelt so ordentlich zu werden.»
Tipp Sie haben drei Möglichkeiten, mit unterschiedlichen Bedürfnissen oder Eigenarten umzugehen: Sie nehmen den Partner, wie er ist, und geben sich beispielsweise mit dem Sex und der Zärtlichkeit, die er Ihnen gibt, zufrieden und sind damit einverstanden. Es ist nicht zielführend, sich selbst zu bemitleiden. Trainieren Sie sich in Liebe ohne Erwartung. Diese Form von Akzeptanz kann ein steiniger Weg sein, aber auch hier gilt: Übung macht den Meister. Wenn Sie nicht mit den Bedürfnissen der Partnerin leben können, haben Sie die Möglichkeit, sich für eine Trennung zu entscheiden. Eine dritte Option ist die Paartherapie. Manchmal können schon wenige Gespräche sehr viel positive Veränderung bewirken.
Fremdgehen
