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Alles kann, nichts muss! Die erfahrene Sexual-Therapeutin bricht erstmals mit dem Tabu "Unlust": Das einfühlsame und praxisnahe Plädoyer für alle, die unter Sex-Frust leiden. Wer länger keine Lust auf Sex hat, verheimlicht das oft. Denn sexuell Abstinente gelten als seltsam. Dabei ist Lustlosigkeit ganz normal. (Anica Plaßmann) Es gibt ein stillschweigendes Einvernehmen in unserer Gesellschaft, wonach Sex grundlegender Bestandteil monogamer Partnerschaften ist. Wer länger keine Lust auf Sex hat, verheimlicht das deshalb oft, Sexabstinenz wird damit zum Tabu. Aber was aber tun, wenn das Begehren in der Partnerschaft abgeflaut ist? Wurde man sich zu vertraut? Ist etwas anderes wichtiger geworden, die Arbeit, die Kinder? Gibt es ein zurückliegendes Trauma oder einschränkende Krankheit? Und häufig ist diese Sex-Abstinenz eine große Belastung für die Beziehung und für die Betroffenen. Die Sexual-Therapeutin Anica Plaßmann sitzt in ihrer Praxis immer mehr Paaren gegenüber, die mit ihrem (ausbleibenden) Sexleben unzufrieden sind. Die Gründe sind vielfältig: körperlich, oft aber auch psychisch. Sie haben das Gefühl, etwas stimmt mit ihnen nicht, ihre Unlust sei nicht "normal". Vor allem Frauen nach einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren sehen sich oftmals mit dieser Problematik konfrontiert. Anhand vieler Fallbeispiele erzählt die Sexual-Therapeutin anschaulich, welche Gründe es für sexuelle Abstinenz gibt und zeigt Auswege aus dem Teufelskreis aus Frustration und Demütigung. Sie setzt sich für eine neue Gesprächs-Kultur über sexuelle Bedürfnisse und die Enttabuisierung von sexueller Abstinenz ein. Und vor allem: Sie schärft unser Bewusstsein für eine eigenständige Gestaltung unseres Sexuallebens: Jedem soll es selbst überlassen sein, ob er oder sie will oder nicht. Respektieren wir die Intimsphäre jedes einzelnen, so das Plädoyer der Autorin. Jeder hat das Recht auf keinen Sex! Der einfühlsame Appell für eine selbstbestimmte Sexualität in Zeiten der übersexualisierten Gesellschaft.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2021
Anica Plaßmann
Weil es okay ist, keine Lust zu haben
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Jeder hat das Recht auf keinen Sex!
Zu einer glücklichen Beziehung gehört Sex, so der allgemeine Glaube. Wer länger keine Lust darauf hat, verheimlicht das deshalb oft. Sexabstinenz wird zum Tabu und damit eine große Belastung für die Beziehung. Zeit, dem etwas entgegenzusetzen.
Anhand vieler Fallbeispiele zeigt die Sexualtherapeutin Anica Plaßmann Auswege aus dem Teufelskreis aus Frustration und Demütigung. Ihr Buch ist ein Appell zur Enttabuisierung von Unlust und eine einfühlsame Anleitung für eine selbstbestimmte Sexualität: Jedem soll es selbst überlassen sein, ob er oder sie will oder nicht!
»Wer länger keine Lust auf Sex hat, verheimlicht das oft. Denn sexuell Abstinente gelten als seltsam. Dabei ist Lustlosigkeit ganz normal.« Anica Plaßmann
Vorwort
Das große Schweigen
Zur Verbreitung sexueller Abstinenz
In meiner Praxis
Fachlich nennt man Abstinenz auch Störung
In meinem privaten Umfeld
Was uns Sex bedeutet
Welche Bedeutungen kann Sex für uns haben?
Sex hat eine soziale Bedeutung
Es geht ums Wohlgefühl
Eine Frage der emotionalen Bedeutung
Gehört eben zum Lifestyle
Was der Sex für unsere Partnerschaft bedeutet
Konstellationen sexfreier Partnerschaft
Ursachen und Motive für Sexfreiheit
Ich habe Interesse an Sex, aber ich lebe abstinent
Mir fehlt nichts, gibt ja genug anderes
Ich weiß ja nicht, ob ich wollen würde
Eigentlich würde ich schon mal gerne …
Was nicht ist, kann doch werden
Lass mich bloß damit in Ruhe
Ich versteh das Gewese nicht
Sexuelle Abstinenz und die Folgen in der Partnerschaft
Einer will, der andere nicht
So genau kann ich das jetzt gar nicht …
Diffus sexfrei
Wie anders könnte es sein!
Laut gesagt ist mehr als nur halb gewonnen
Die Ursachen für ein Nein
Woher kommt das Nichtwollen?
Organische Ursachen
Psychische Gründe für Abstinenz
Psychische Gründe
Es gibt viele Gründe für ein sexfreies Leben
Strukturelle Ursachen
Niemand ist schuld
Die anderen Gründe
Der Moderne Alltag fordert uns
Wenn Sex »missglückt«
Ängste und persönliche Grenzen
Einsamkeit
Grenzen und der Opferstatus
Angst vor Empfängnis oder Ansteckung
Stealthing
Schmerz
Der lange Weg in die Abstinenz
Dyspareunie und Vaginismus
Es liegt am Partner
Unangenehmes
Sekrete
Untreue und Betrug
Selbstbefriedigung
Falsch verstandene Zurückhaltung
Gesellschaftliche Ursachen
Sexualmoral
Widersprüche
Das Dilemma
Der entscheidende Tipp und meine Forderung
Lösungsansätze für Abstinenzkonflikte
Wünschen beide Sex, muss sich etwas ändern
Wege, eine Partnerschaft mit Abstinenzwunsch zu gestalten
Was ist mit Outsourcing?
Lass uns Freunde bleiben
Kompromisslösungen sind auch manchmal nötig
Achtsamkeit und Bewertung
Von Achtsamkeit und Vorlieben
Klarheit in den Erkenntnissen
Wunsch und Umsetzung
Klarheit auch in den Äußerungen
Die Sache mit der Serviceorientiertheit
Von Glaubenssätzen und echter Partnerschaft
Selbstwertarbeit
Konflikt und Selbstwert
Gesprächskultur
Die Herangehensweise
Die Packungsbeilage
Verhandeln Sie in der richtigen Stimmung/mit der richtigen Stimme
Bieten Sie etwas zum Tausch
Bieten Sie einen Kompromiss an
Persönlich greifbar bleiben
Bringen Sie Ihren Vorschlag auf den Punkt
Bleiben Sie oberhalb der Gürtellinie
Üben Sie die Formulierungen, dann stimmt die Wortwahl
Halten Sie sich an Ihre eigenen Regieanweisungen
Der richtige Rahmen
Die richtige Zeit
Freundlichkeit kostet nichts
Entschuldigungen kosten nichts
Schau mir in die Augen
Du bist die Hauptsache
Wie sage ich’s meinem Liebsten
Zufriedenheit statt Schuld und Sühne
Verständnis ist nicht Zugeständnis
Respekt
Keine falschen Komplimente
Ruhe bewahren
Schweigen ist nicht immer goldig
Scheingefechte
Emotionen
Wie sich nicht festlegen?
Spaß beiseite
Jetzt wird es konkret
Bleiben Sie im Gespräch
Das No-Go: Drohungen
Outsourcing als mögliche Lösung
Trennung als Lösung
Notausgang und Nein
Von Ausdauer, Geduld und Zeit
Zeit zu zweit
Wie übersteht man diese Phasen?
Versuch’s mal mit Humor
Es ist Ihr Ding
Sexfrei! Weil wir es wollen
Liebe Leserin, lieber Leser, liebe andere Lesenden,
ich möchte unser aller Leben erleichtern. Uns den Weg freiräumen für schöne Gefühle und Eindrücke. Sexfrei oder mit Sex – wir alle verdienen es, so zu leben, dass es uns erfüllt. Große Hoffnungen verbinde ich mit diesem Buch, nicht nur, weil ich so lange Jahre mit Menschen im Gespräch bin über ihren Weg zu einem erfüllten Leben. Denn ich gönne Ihnen und uns allen viel Freude an unserer jeweiligen Art, Sex zu haben oder auch keinen zu praktizieren. Dass Letzteres gerade auf längere Distanz Schwierigkeiten bereitet – ich wünsche mir sehr, dass es irgendwann anders sein wird. Bis dahin gibt es noch viel zu tun.
Wir kennen uns noch nicht, das wird sich im Laufe des Buches ändern. Nur so viel vorweg: Wir sind Frauen oder Männer, die sich um ihr Sexleben Gedanken machen. Vermutlich habe ich mich damit länger auseinandergesetzt als Sie, denn als Sexualtherapeutin bin ich seit meiner Ausbildung und somit lange vor Eröffnen meiner ersten eigenen Praxis damit beschäftigt, unser aller Weg zu ebnen – hin zu einem Leben mit Sex, aber gerne auch ohne.
Ich stelle Sie mir oft vor, was Sie denken und welche Fragen Sie gerne von mir beantwortet bekämen. Mit Sicherheit liege ich damit an der einen oder anderen Stelle des Buches falsch. Aber mich treibt die Hoffnung an, dass Sie in weiten Teilen zustimmend nicken und erleichtert erkennen, dass Sie nicht allein sind mit Ihren Gedanken. Daher stelle ich mir diesen Austausch zwischen Ihnen und mir gerne wie ein Zwiegespräch vor. Ob wir uns je begegnen werden? Vielleicht bei einer zukünftigen Lesung. Doch auch, wenn wir uns nie persönlich kennenlernen werden: Ich wünsche mir, dass es Ihnen gut geht. Hoffentlich künftig noch besser.
Ich mache es mir beim Schreiben auf meiner Couch mit den Fransenkissen gemütlich, habe meine Liebste(n) um mich herum versammelt. Zu Beginn des Schreibprozesses bereicherte noch mein kleiner Kater Finn die Runde. Ihm nachfolgend Milo. Während diese Zeit des Schreibens ihrem Ende zugeht, ist mir nur noch Finns Schwester Lumi geblieben, die sich meine Aufmerksamkeit mit Ihnen als meinem gedachten Gegenüber teilt. Hier und da linst sie über meine Schulter, schmiegt sich an oder legt sich schlichtweg auf die Tastatur meines Notebooks. In die Zeit der Pandemie startete ich allein. Das war richtig und wichtig, aber auch nicht immer leicht. Gerade während der beiden Trauerzeiten um meine Kater.
Was genau ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte? Viele Infos, Erfahrungen, Beispiele aus dem realen Leben, wie meine Patienten sie mir anvertraut haben – und meine Schlussfolgerungen. Denn, das nehme ich ganz vertrauensvoll an: Sie werden für sich das Beste aus diesem Buch herausziehen. Ich freue mich, dass Sie diese Offenheit mitbringen. Sie werden sicher viel für sich mitnehmen können. Ganz sicher sogar. Dass auch Informationen dabei sind, die für Sie nicht sonderlich entscheidend sind, kann ich leider nicht ganz ausschließen. Dann springen Sie bitte weiter, überblättern ein paar Seiten, und greifen dort den Faden auf, wo meine Aussagen für Sie wieder mehr Relevanz besitzen. Wo es zu viel ist oder wird, haken Sie den Text ab. Ich verstehe das, wenn Sie denken: »Da hat sie sich zu viele Gedanken gemacht.« Lieber zu viel als zu wenig, denke ich mir wiederum, denn es geht um unser Wohlbefinden. Hauptsache, ich versorge Sie so gut es mir irgend möglich ist mit neuen Gedanken und mit Ideen für Ihr Leben – mit und gerne auch ohne Sex. Damit mir das gelingt, bekommen
Sie anonymisierte Ausschnitte aus Therapiegesprächen mit meinen Patienten, Überlegungen und Interpretationen von mir und dazu das ein oder andere Anekdötchen aus meiner privaten Biografie an die Hand.
Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung, wenn Sie ohne Sex leben wollen. Ja, diese Haltung kann Probleme auslösen. Aber Sie sind ein Mensch unter vielen anderen ganz verschiedenen Menschen. Wir alle haben mehr oder weniger Lust auf Sex, haben mehr oder weniger vom Sex. Meist führt ein sexfreies Leben noch immer zu großem Staunen. Und zu Irritationen. Sie erregen Anstoß? Falls Sie zur Gruppe der Menschen gehören, die Probleme haben, weil sie sexfrei leben möchten, dann schon hier ein erster, mir sehr wichtiger Hinweis: Bloß nicht aufgeben!
Sexfrei leben – ein Thema, das so alt ist wie die Menschheit. Doch zu Beginn meiner Arbeit als Sexualtherapeutin kam es mir oft vor, als sei es trotzdem Neuland, sich kritisch damit zu beschäftigen. Jetzt aber ist die Zeit gekommen für eine offene Diskussion, so meine ich. Wir kämpfen nicht erst seit #MeToo um unser Recht auf Selbstbestimmung. Schon die Frauenbewegung der Achtundsechziger hat vehement eingefordert, dass jede Frau über ihr Glück selbst bestimmen kann. Die Frage der Sexabstinenz aber wurde kaum gestellt. Warum eigentlich? Bereits vor über zehn Jahren bemühte ich mich, die Redaktionen diverser Printmagazine und TV-Formate auf mein Herzensthema aufmerksam zu machen. Jeweils mit der Bitte, Sexfreiheit in die öffentliche Diskussion einzubringen. Kürzlich habe ich meine Liste noch einmal in die Hand genommen, die Aufreihung mit all den Namen, die ich damals angeschrieben habe – ohne je eine Antwort zu erhalten. Zunächst war ich sprachlos, aber dann ging mir auf, dass es um dieses Thema herum sehr viel Sprachlosigkeit gibt. Und ich kam zu dem Schluss: Es ist ein so großes Tabu, dass sich niemand herantraut. Heute aber nehme ich mir das Tabu vor, die Zeit ist reif.
Das hat mir schon vor zwei Jahren ein Artikel gezeigt, den ich für die ZEIT verfasst habe. Dort habe ich Gehör gefunden, und Sie, liebe Leser*in1, haben nun das Buch zum Thema in der Hand. Einen Schluss habe ich gezogen: Sexuelle Abstinenz wird völlig zu Unrecht stigmatisiert. Holen wir das Thema also aus der dunklen Schmuddelecke ans Tageslicht. Und was erkennen wir?
Abstinenz ist weitverbreitet. Und normal. Das ist unser aller Realität. Und nicht nur ich mit meiner langjährigen Erfahrung aus der Sexualtherapie-Praxis bin zu dieser Erkenntnis gekommen. Warum nur ist es für etliche Menschen trotzdem eine schockierende Neuigkeit?
Der Mainstream ist pro Sex. Damit wir uns in diesem Punkt recht verstehen: Nicht jedes Anderssein und nicht jede Abweichung vom Mainstream muss meiner Meinung nach neu beurteilt oder von Vorbehalten befreit werden. In der Frage der Sexfreiheit aber ist es dringend an der Zeit, weil sie eine Ausdrucksmöglichkeit von Normalität ist. Zahlenmäßig. Qualitativ. Unverzichtbar. Diese Variante muss zulässig sein, wenn wir eine frei gewählte Sexualität wollen. Dafür sollten wir eigentlich gar nicht erst streiten müssen. Und doch tut es not.
Wir brauchen allerdings viel mehr als das Lippenbekenntnis, diese freie Entscheidung für richtig zu halten. Wir müssen sie auch unserem Partner zugestehen. Das ist unbequem. Und doch zwingend notwendig. Bei Ihrer Lektüre finden Sie über den Aufruf zur Toleranz gegenüber den Abstinenten auch wichtige Hintergründe und Tipps für die Partner von Abstinenten. Diese haben es oft genug furchtbar schwer zu entscheiden, ob sie bei dem Abstinenten bleiben können oder nicht. Ob und wie lange sie es aushalten können, den sexuellen Teil ihres Wesens zu vernachlässigen, unerfüllte Bedürfnisse in Schach zu halten oder sie – oft heimlich – andernorts zu befriedigen. Von Abstinenz sind stets beide Partner betroffen. Im besten Fall finden diese zwei die Sexlosigkeit in Ordnung. Nur ist dem vielfach nicht so.
Ja, auch darum geht es mir in diesem Buch: Ich möchte alle Seiten des Themas beleuchten, damit auch die Partner all jener zu ihrem Recht kommen, die an der Seite eines bekennend sexfreien Gefährten leben. Ihr Anliegen wird hier auch mitgedacht.
Die abstinente Lebensart ist oft eine Frage des Selbstbewusstseins, des Standings, des Zu-sich-Stehens. Zuweilen hilft es da zu wissen, dass Sie nicht allein dastehen mit Ihren Gedanken. Auch da bin ich mit meinem Buch unterstützend zur Stelle. Wie weit es in der Realität damit her ist, zeigt sich uns allen in einem Punkt: Es ist auch heute noch häufig schwierig, zu sich zu stehen. Zu den eigenen Entscheidungen. Geht es um sexuelle Vorlieben, toleriert unsere Gesellschaft inzwischen eine große Bandbreite. Sexfreiheit gehört seltsamerweise bisher nicht dazu. Wenn jedoch das Gros der Gesellschaft nicht mit Verständnis reagiert, was tun? Und wenn sich der eigene Liebesgefährte dagegen aufbäumt, was dann?
Ein paar Antworten habe ich hier für Sie versammelt, damit es nicht mehr eine Frage von Charakterstärke und Rückgrat ist, gegen den Strom zu schwimmen und sein Anderssein zu leben. Ohne sich zu verstecken. Es ist an der Zeit, offen zu uns zu stehen. Deshalb sage ich mit einem entsprechend mulmigen Gefühl: Ich lebe momentan sexfrei, also ohne Sex mit einem Partner. Das ist nicht allein Corona geschuldet, weil die Ansteckungsgefahr eine Annäherung durch gesundheitliche Risiken verkompliziert. Meine Entscheidung, jetzt sexfrei zu leben, passt gerade gut zu mir und zu meinem Schreibprozess. Auch wenn es Momente gibt, wo ich ihn mir wünsche, Paarsex aber nicht verfügbar ist. In meinem Leben gab es lange Zeiten mit Sex wie ohne ihn. Selbstbefriedigung gibt es unabhängig davon, ob ich in einer Partnerschaft war oder bin. Sinnlichkeit ist eine wichtige Qualität in meinem Leben. Ich mache sie nicht nur an Sex fest. Ich möchte über mein Sexleben flexibel entscheiden und es gestalten. Habe ich Angst, dafür Herabsetzung zu ernten? Aber ja! Das ist es mir allerdings wert. Und ich fühle mich meistens wohl damit.
Leben Sie so, dass es stimmig ist. Dass es ist, was Sie wollen. Damit Sie sich wohlfühlen.
Ich bin bereits auf dem Weg. Mögen Sie mich ein Stück begleiten?
Ohne Sex zu leben ist normal. Es ist eine der zig Möglichkeiten, mit unserem sexuellen Potenzial umzugehen. Denn bloß weil wir könnten, müssen wir nicht. Wir haben in dieser vergleichsweise liberalen Epoche das Privileg, uns irgendwo zwischen den Polen »Sex x-mal täglich« und »gar keinen Sex« zu bewegen.
Wir müssen dabei nicht einmal endgültig festgelegt bleiben, sondern dürfen wechseln. Neu entscheiden, wann immer wir wollen.
Ich, Anica Plaßmann, habe keinen Sex mit jemandem. Nicht in diesem Augenblick. Nicht heute Abend. Vermutlich ein Weilchen nicht. Wann meine Abstinenz aufhören wird, werde ich sehen. Ich allein. Denn ich behalte mir vor, das spontan zu entscheiden. Ich bin okay. Und normal. Keinen Sex zu haben ist normal. Das gilt heute, morgen und so lange ich es wünsche. Für Sie gilt es auch. Und für alle anderen ebenso. Schließlich sind wir uns darin einig, dass Sex frei wählbar ist.
Das sind wir doch, oder?
Fragt man es so, stimmt doch jeder zu. Zumindest in diesem Kulturkreis: Zu Sex muss man sich frei entscheiden können. Das ist ein alter Hut. Warum ich trotzdem darüber schreibe? Weil diese Medaille über keine Kehrseite verfügt, die Thema in der Öffentlichkeit ist. Wo ist die Option des selbstbewusst gelebten »Nein. Ich will nicht«?
Weil es ein totgeschwiegenes Thema ist, wenn jemand nicht willig ist. Nicht mitmachen will. Und schon gar nicht jemals die Initiative ergreift.
Die Gegenseite, also Anregungen für Sex, durchdringt gefühlt fast alle Alltagsbereiche. Ich mache es fest an den »Heißmachern«, Helferlein in der Werbung, wo das subtile Vorspiel am Strand bei der Parfumwerbung zum Kauf animieren soll, während ich zu Abend esse. Für mich ist das wie ein Knoten im Taschentuch: Denk dran, dass Sex normal ist. Dass Sex dazugehört. Später folgt eine Sendung über telefonisches Sexcoaching durch eine Journalistin. Bei mir kommt die Message an, dass die Allgemeinheit fit zum Vögeln gemacht werden will oder soll. Mein Spam-Ordner ist prall gefüllt mit Angeboten für Potenzmittel und Penisprothesen. Wieder denke ich: Sex zu praktizieren – das Thema wird so aufgeblasen. Es gibt Beckenbodentrainingsgewichte für besseren Sex in der Drogerie. Kurz vor der Kasse, damit ich die Allgegenwärtigkeit des Sex nicht aus den Augen verliere. Ohne Ende Bücher zum Thema liegen im Handel, Magazine, dazu die Clips und Sendungen über Sex überall in den Medien. Auch die angrenzenden Themenfelder werden ausgiebig bedacht, z. B. wie ich durch mein Aussehen und Verhalten zum Sex animieren kann. Und praktizierter Sex in Erotikstreifen, Sexszenen in Nicht-Sexfilmen, in Ratgebersendungen und Pornos. Lösungen für Probleme beim Sex. Es gibt Themenabende zu Erektionsproblemen, vorzeitigem Erguss, Minipenissen. In letzter Zeit auch immer mehr Informationen über Vaginas. Sogar im als konservativ verschrienen öffentlich-rechtlichen Fernsehen finden wir die Beiträge. Das ist wirklich eine Menge Sex-Content. Manchmal denke ich, ich bin dermaßen oversexed, dass ich »drüber« bin. Dass es nervt. Auf alle Fälle zeigt die Welt um mich herum ein falsches Bild. Denn ich denke privat gar nicht so oft an Sex. An manchen Tagen gar nicht. Das sind nicht zwingend schlechte Tage.
Gegenwärtig geht die Gesellschaft vergleichsweise offen damit um, dass Menschen wegen sexueller Schwierigkeiten auf Hilfe angewiesen sind. Jetzt kommt der Clou: Niemand spricht über Sexlosigkeit. Lustlosigkeit. Bocklosigkeit. Ungeil-Sein. Es wird darüber geschwiegen, wenn man selbst es so handhabt. Den Satz mit »Ich«, den ich anfangs geschrieben habe, werden Sie noch nicht oft gehört haben: Ich habe keinen Sex. Generell wird schon darüber gesprochen, wenn jemand nicht will. Aber das geschieht dann abfällig. Beleidigend … Soeben läuft eine Berichterstattung über die schlechte Behandlung von Frauen in der Spitzengastronomie im TV. Die interviewte Köchin schildert, dass ihr Männer, wenn sie selbstbewusst auftritt, entgegenschleuderten, sie habe wohl keinen Sex. Bingo! Genau DAS meine ich. Im öffentlichen Raum taugt das Thema nur als Unterwerfungsmanöver.
Obwohl Ungeil-Sein in jeder Partnerschaft auftreten kann. Obwohl Sexlosigkeit eine Schneise der Verwüstung durch so manches Beziehungsleben zieht. Begleitet von Auseinandersetzungen: »Ich kann das so nicht mehr«, oder gar: »Lass mich. Ich mag nicht mehr. Das gibt mir nichts mehr.« Oder von dem ins Nichts begehrenden Partner, dem die sexuelle Resonanz fehlt: »Schatz, ich muss dir was sagen. Da ist was passiert. Es war bloß Sex. Es hatte wirklich nichts zu bedeuten.« Vermutlich haben Sie sogar persönliche Erfahrungen damit gemacht, wie das ankommt, wenn man mal nicht will. Oder grad gar nicht mehr. Und das sind bestimmt keine angenehmen Erlebnisse gewesen.
Wir müssen reden.
Ich habe viel mit Ihnen zu besprechen.
Wussten Sie, dass das häufigste sexuelle Problem bei Frauen das mangelnde Interesse an Sex darstellt? Der Fachbegriff dafür lautet »Störung der sexuellen Appetenz«.2 Sie kommt bei Frauen und auch Männern vor. Kennen Sie bestimmt auch. So wie ich. So wie sehr, sehr viele Erwachsene. Fast jeder kennt es aus eigenem Erleben. Das ist nichts Besonderes, dass es zwischenzeitlich ein Weilchen nicht läuft. Dass Sie offiziell deshalb vielleicht als gestört gelten, ist Ihnen neu? Willkommen im Klub der Überraschten.
Ich kann Sie jedoch beruhigen: Sie sind damit nicht allein. Ganz im Gegenteil. Die Masse der Frauen und Männer ist oder war betroffen oder wird es erst noch sein. Fast jeder ist es fast immer mal wieder: unlustig. Und jetzt, da Sie wissen, dass es diese Masse an gleichermaßen Abstinenten gibt: Fragen Sie sich auch, wo all diese anderen sind und weshalb Sie niemanden davon kennen? Ganz genau DAS ist der springende Punkt. Abstinente leben in der Deckung. Im Schutz des Schweigens.
Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Performance zählt und in der das Image in der Sexualität zur eigenständigen Einflussgröße herangewachsen ist. Während ich in den 1980ern und 1990ern noch glimpflich davongekommen wäre, wenn ich keinen Sex gehabt hätte, ist es heute deutlich blamabler, bekennend nicht-aktiv zu sein. Sex war damals schon ein Thema. Nur waren die sexuell Abstinenten besser geschützt, da es noch nicht die Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken gab. Den daraus resultierenden Gruppendruck. Der sich als Leidensdruck Bahn bricht. Wer damals mit Sex prahlte, wurde komisch angeschaut und als Anlass zum Fremdschämen betrachtet. Das ist schon länger vorbei. In den Medien werden heutzutage breitflächig Sexmythen als Realitäten platziert. Was und wie oft Sex angeblich hinter verschlossenen Türen stattfindet. Der Wert vieler Menschen wird durch einen sexy Body und das Sammeln sexueller Erfahrungen oder sogar von Trophäen generiert. Beweis es uns, dass du aktiv warst. Sonst gehen wir davon aus, dass du lügst. Bitte gleich mit Foto. Puh, ich finde das sooo übel.
Die schützenden Grenzen der Intimsphäre werden übergangen, was ich sehr bedauere. Auch meine Patienten sagen mir, wie sehr sie Qualitäten wie Genuss, zwischenmenschliche Nähe, Gefühle von Verbundenheit und Zugehörigkeit als altmodisch verlacht sehen – und vermissen diese Ausdrucksmöglichkeiten von Zuneigung. Sie sehen Sexualität in der Masse mehr zum Leistungssport und Entertainment degradiert, als dass es dort ums Schwelgen in Wohlgefühl durch und mit dem Partner geht. Zielorientiert wird auf den Orgasmus hingearbeitet, während ein angenehmer Weg dorthin vernachlässigt wird.
Da, wo auf der einen Seite die Veröffentlichung der Sexualität vorangetrieben wird und wo Schülerinnen auf dem eigenen YouTube-Kanal gewagt Falschinformationen an ihre Abonnenten verteilen, wird auf der anderen Seite maximal verschleiert, was all diese Transparenz an Leistungsdruck bewirkt. Und der befördert wiederum die ganze Palette sogenannter sexueller Funktionsstörungen. Die Pharmaindustrie verzeichnet beim Verkauf von potenzfördernden Präparaten Rekordumsätze. Selbst die Camouflage vermeintlicher körperlicher Mängel ist hochgradig professionalisiert. Man fragt sich, ob da nicht Moden wie der Schlankheitswahn und andere Definitionen von Schönheit eine zu große Rolle spielen. Der Gruppendruck wächst. Nur die Psyche und der Selbstwert hinken deutlich hinterher. Und viele flüchten sich in eine Selbstdarstellung, die nicht repräsentiert, was man ist, sondern ein kreiertes Image.
Eine sechsundzwanzigjährige Patientin, eine junge Mutter, schafft es nur sehr selten, zu mir zur Therapie zu kommen. Sie brauchte zwei Stunden im Bad, um sich anschließend »vorzeigbar« vor die Tür zu trauen. Sie hat keine Deformationen, ist nicht verunstaltet. Da ist nichts an ihr, was überschminkt werden müsste. Noch nicht einmal so etwas wie ein Feuermal, eine Warze im Gesicht oder etwas anderes, das sie von der Masse unterscheiden würde. Oder was unsere Gesellschaft einem sonst negativ vorwerfen könnte. Die Patientin ist eine normale, hübsche junge Frau. Und nicht nur sie fühlt sich zu hässlich. Die Störung Dysmorphophobie, die eine anhaltende Beschäftigung mit einer angenommenen – also faktisch nicht vorhandenen – Missbildung oder Entstellung beinhaltet, ist auf dem Vormarsch.3 Die junge Frau, die ich meine, ist ein Mensch mit Schwächen, Fehlern – und einem grandiosen Lachen, das sie mich sogar manchmal sehen lässt.
Ich finde es schade, wie sehr der Faktor Mensch übersehen wird. Bei all dieser medialen Sexprotzerei schwindet die Toleranz gegenüber jenen, die nicht können. Die nicht mithalten. Oder denen, die nicht wollen. Und dazu zähle ich nicht nur überlastete Mütter, hart arbeitende Menschen, gestresste Ehrenamtler, Frauen in den Wechseljahren, Großeltern im Stress, die sich um Kinder und Enkel kümmern. Auch Menschen mit psychischen Belastungen rechne ich dazu, Patienten mit Krankheiten und nach Eingriffen. Frisch vom Partner Betrogene. Sich selbst unansehnlich Findende – ich könnte die Aufzählung endlos fortsetzen. Wenn wir all jene, die es angeblich nicht gibt, von unserer Gesellschaft trennen würden: Es wäre die Mehrheit. Wie kann das sein?
Der Anlass, weshalb ich mich für Menschen, die ohne Sex leben, starkmache? Weil wir bis heute keine Interessenvertretung haben. Keine Lobby. Dabei sind wir zahlenmäßig wirklich viele. Und diese Tatsache ist für diese vielen und auch für die betroffenen Partner z. T. existenziell bedrohlich. Denn die Konsequenzen der Sexlosigkeit reichen von der selbstverleugnenden Haltung eines »Augen zu und durch«, die einer Selbstvergewaltigung gleichkommen kann, über Vorhaltungen und endlosen Ehestreit bis hin zu Scheidungen und zur Auflösung ganzer Familien. Infolge von Unverständnis, Streitigkeiten und Anfeindungen werden in Kindern und Eltern große emotionale Löcher aufgerissen, die manche auch über Jahrzehnte in Psychotherapie nicht aufgefüllt bekommen.
Ich habe Ihnen ein paar Krisenherde aus meiner Praxis mitgebracht. Nicht alle münden in eine Trennung oder Scheidung, denn wer lernt, zur eigenen Sexfreiheit zu stehen, lernt auch, sich selbst wertzuschätzen und umgekehrt. Und das tut vielen Partnerschaften gut. Dazu verhelfe ich in meiner Praxis gerne – und vielleicht hilft Ihnen die Lektüre meines Buches. Was aber ist zu tun, wenn Probleme wie die Folgenden vorliegen?
Als ich die Eheleute D. (34/35) kennenlerne, sind sie seit sieben Jahren zusammen. Frau D. blieb für die Kinder, inzwischen knapp ein und fünf Jahre alt, seit der Geburt des ersten Kindes zu Hause. Sie kümmerte sich um den Haushalt wie sie mir beschreibt: »Ich machte alles, was anfiel, nur Geld bekam ich dafür nicht.« Ihr Mann bewerkstelligte derweil, dass es in der Kasse stimmte. Auch ein paar Extras wie ein Urlaub im Ausland pro Jahr waren möglich. Abends waren beide Eltern entsprechend erledigt. Nachts fanden sie nachwuchsbedingt keine Ruhe, die Kleinen zahnten, hatten Albträume. Irgendwas war immer. Frau D. bekam ihren Mann generell selten zu Gesicht. Morgens ging er früh aus dem Haus, abends kam er spät zurück. Familienleben fand eher am Wochenende statt. Deshalb fiel es Frau D. auch nicht auf. Irgendwann erzählte ihr eine Nachbarin, sie habe Herrn D. mit einer unbekannten Frau gesehen. Frau D. hatte gerade andere Sorgen: Mittelohrentzündung bei der Kleinen, Schulreifetest des Großen. Sie dachte sich nichts dabei. Mit Zeitverzögerung kamen die Zweifel. Die Frau stellte ihren Mann zur Rede. Doch der druckste rum. Er spielte die Sache herunter. Ließ sich abfällig über die »klatschsüchtige« Nachbarin aus. Von da an häuften sich Irritationen. Es kam zum Eklat, als Herr D. die Rechnung für die Blumen, die Frau D. nie bekommen hatte, und vieles weitere nicht mehr erklären konnte. Er gestand seiner Frau, eine Affäre zu haben. Er verwendete dabei die Salamitaktik. Gab die Informationen nur scheibchenweise preis. Stets gerade so viel, wie unbedingt erforderlich war. Seine Frau traute ihm da längst nicht mehr über den Weg. Spionierte ihm hinterher. Drohte mit Trennung, wenn der Mann seine Affäre nicht sofort beende. Das Familiengefüge geriet ins Wanken. Keiner im Freundeskreis hatte eine Ahnung, wie so etwas passieren konnte, die zwei waren doch so ein vorbildliches Paar. Was war der eigentliche Grund?
Es war einmal Corona … Meine Patientinnen Svenja (28) und Christin (36) lernten sich vor zwei Jahren bei der Arbeit kennen. Sie verliebten sich ineinander. Gründeten einen gemeinsamen Hausstand. Die wirtschaftliche Situation des Unternehmens, in dem beide arbeiten, verschlechterte sich durch die Pandemie. Kurzarbeit wurde angesagt. Für Christin brach eine Welt zusammen, war der Job doch bisher ihr Leben. Der Erfolg, die Anerkennung durch Kollegen und nicht zuletzt ihr Gehalt hatten immer einen hohen Stellenwert für sie. Hobbys hatte Christin bislang nicht. Zumindest keine, die für sie als sinnvolle Tätigkeiten durchgingen. Sie fühlte sich weniger wert. Entwickelte Existenzängste. Svenja freute sich anfänglich: »Endlich haben wir mehr Zeit füreinander. Können das Leben viel mehr genießen.« Sie hatte immer schon Ideen, was sie tun wollte. Aber wegen der Arbeit hatte die Zeit nie gereicht. Die ersten Monate waren für Christin schwer zu ertragen. Sie fühlte sich schlecht, mochte sich nicht aufraffen. Ihr Leben erschien ihr unsagbar trist. Svenja reagierte mit Zuspruch: »Das wird schon werden. Komm, raff dich auf. Wir machen was Schönes.« Aber Christin raffte sich nicht auf. Blieb zu Hause auf der Couch. Alles war ihr zu viel. »Geh du alleine.« Svenja bemühte sich. Redete ihrer Partnerin gut zu. Aber sie hatte keine Chance. Irgendwann waren fünf Monate vergangen. Christin saß inzwischen meistens daheim auf der Couch. In Joggingklamotten. Sie war krankgeschrieben. Selbst die wenigen Stunden Arbeit überforderten sie am Ende. Sie schlief tagsüber, weshalb sie nachts kaum einschlafen konnte und sich Serien ansah. Auf dem Handy spielte. Währenddessen ging Svenja arbeiten. Traf sich mit den gemeinsamen Freunden. Zu Hause kam es immer wieder zu Streit. Beide liebten sich. Aber die unterschiedliche Lebensgestaltung trieb sie auseinander. Die Bindung wurde schwächer, was beide beunruhigte. Weder wussten die Freunde noch die Familien des Paares, was sich hinter verschlossenen Türen abspielte. Die eine der beiden Frauen, die ein normales Leben führte, schien unverändert. Und die andere war depressiv. Sie war krank. Dass auch die Gesunde sehr litt, vermutete niemand. Was war los?
Frau L. (49) und Herr A. (58) lebten zusammen. Beide waren geschieden. Sie hatten sich von den ersten Ehepartnern getrennt und die Kinder behalten, weil die ersten Partner ihr neues Glück ohne Ballast leben wollten. Die zurückbleibende Frau L. und der zurückbleibende Herr A. lernten sich daher in einer Erziehungsberatungsstelle kennen. Die Nachzügler der beiden, es sind Jungen, hatten in der Schule Probleme. Die durchlebte Trennung ging an den Kindern nicht spurlos vorbei. Beide Erwachsenen mochten und verstanden sich auf Anhieb. Respektierten einander. Liebten sich. Sie arbeiteten gerne nebeneinander im Garten. Kümmerten sich um ihre Kinder. Manches taten sie gemeinsam. Anderes getrennt. So hatte jeder seinen Platz in der neuen Beziehung. Dann bekam Herr A. auf einmal Probleme mit der Potenz. Frau L. fand das nicht so schlimm. Er glaubte ihr nicht, sagte ihr aber auch nicht, wie schlimm das für sein Ego war. Er fühlte sich als halber Mann. Sie wusste nichts darüber. Mit der Zeit veränderte sich ihr Miteinander. Die Atmosphäre kühlte sich ab. Am Weihnachtsabend saß Frau L. weinend in der Küche, nachdem die Gäste gegangen waren, und schluchzte: »Ich halte das nicht mehr aus.« Trotzdem äußerten beide bei unserem ersten Termin: »Unsere Freunde halten uns für ein Traumpaar.« Wie passt das zusammen?
Ein Patientenpaar Ende sechzig hat gemeinsame Kinder und Enkel. Beide sind Pensionäre. Sie führen ein gut situiertes Leben. Manche Nachbarn in dem gepflegten Stadtteil beneiden sie. Ich sehe die beiden manchmal beim Einkaufen. Der Mann schaut andere Menschen an. Lächelt. Hat oft einen netten Spruch parat. Schäkert mit der Kassiererin. Seine Frau schaut grimmig drein. Eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen. Verkniffene Furchen um den Mund zeugen von Unzufriedenheit. Oft nörgelt sie an ihm herum. Er soll dies nicht und das nicht. Nichts scheint er ihr recht machen zu können. Die Frau ist sehr gepflegt. Teure Kleidung. Markenware. Stets trägt sie ein dezentes Make-up. Die Lippen rosé. Stilvoll. Perfekt manikürte Nägel. Und immer ist sie ansteckend schlecht gelaunt. Es ist sichtbar, dass etwas nicht stimmt. Dass es ihr nicht gut geht. Und ich weiß, warum.
Was ist das Geheimnis dieser vier Krisenherde? Es ist in allen drei Fällen dieselbe Problematik: sexuelle Abstinenz. Wie, seit wann und warum der Sex fehlt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.
Abstinenz ist manchmal die Folge von Lustlosigkeit, und dann wieder findet sich ein anderer Grund. Zumeist aber sind die Beteiligten hilflos, es ist ihnen peinlich, und sprachlos stehen sie vor den Trümmern ihrer Beziehung. Deshalb wissen die wenigsten Betroffenen von anderen Abstinenten. Dadurch aber wird das Problem konserviert, es bleibt unverändert und wird zur Gewohnheit. Zumindest so lange, bis es einer der Beteiligten nicht mehr ertragen kann.
Das ist doch nicht immer so, wenn es um eine Scheidung geht, werden Sie vielleicht einwenden. Oder Sie sagen: Da kann doch auch vieles andere passiert sein. Sicher, das kann es. Und dann sagen Sie: Aber zeigen Sie mir ein Scheidungspaar, das noch glücklichen Sex hat. Und ich werde Ihnen sagen: Nein, in diese Falle tappe ich nicht. Ich zeige Ihnen gerne ein Paar, das glücklich beisammen ist, weil sich die Partner damit auseinandergesetzt haben, dass es auch (phasenweise) sexfrei leben darf.
Wir können doch heute über alles reden. Wieso können dann die Konsequenzen rund um fehlenden Sex so heftig werden? So furchtbar verunsichern? Entwerten? Und warum ist manchem Paar selbst angesichts einer final erfolgten Trennung oft nicht bewusst, wie viel das mit der unausgesprochenen und leidvollen Abstinenz zu tun hat? Weil sie sich nicht verständigen konnten über die selbstverständlichste Sache der Welt: sexfrei zu leben …
Was stimmt mit uns und in unserer Gesellschaft nicht? Was ist geschehen in unserer Welt, in der wir schlussendlich frei wählen können und sollen, aber am Ende nicht mit den Ergebnissen umgehen können? Und woher kommt diese Bigotterie rund um Sex: Warum sagen wir emanzipierten Menschen weiterhin unseren Töchtern, Söhnen, Enkelinnen, Neffen, wenn wir ihnen einen guten Start in ihr eigenes Sexleben ermöglichen wollen: »Tu nichts, was du nicht willst! Du musst keinen Sex haben, wenn du nicht willst«, obwohl viele von uns es selbst nicht beherzigen? Das gilt übrigens für Frauen ebenso wie für Männer. Wie viel Sex hatten wir schon, obwohl wir nicht wollten? Wie oft haben wir ausgehalten, durchgehalten, mitgemacht – dem Partner zuliebe oder damit jemand anders mit einem allzu hoffnungsvollen Angebot nicht das Gesicht verliert, wenn wir ablehnen? Wie viel »Gnadensex« – wie ich Sex nenne, den wir nur dem anderen zum Gefallen haben – gibt es in der Welt? Wozu sind wir bereit, um den anderen nicht zu kränken? Damit es keinen Streit gibt? Wie sieht es da erst aus bei »Versöhnungssex«, motiviert allein durch Verlustangst? (Ein Wort, in dem Lust zwar vorkommt, aber keinerlei Rolle spielt …) Vielleicht lassen wir uns manchmal auf Sex nur ein, weil schon wieder die x Wochen oder Monate rum sind, die wir uns phasenweise selbst zugestehen – unausgesprochen natürlich.
In der Welt wird so viel schlechter Sex praktiziert. »Das tut ja keinem weh« oder »Es hört ja gleich auf« sind die Antworten, die mir Patientinnen geben, und sie erklären sich damit Sex schön, den sie nicht wollten. Den sie über sich ergehen ließen – und wodurch sie sich vielleicht sogar selbst die Freude am Sex genommen haben. Es ist schon ungeheuer optimistisch anzunehmen, x-mal schlechter Sex oder nicht verhinderter, ungewollter Sex werde ohne Nachwirkung an uns vorbeiziehen, als seien wir währenddessen in Narkose gewesen. Wir bemerken sogar heimliche Werbebotschaften im Kino, die nur für x-tel Sekunden gezeigt wurden, sodass wir sie nicht bewusst wahrnehmen. Wie kommen wir dann darauf, dermaßen dickfellig auf unangenehme Erfahrungen beim Sex zu reagieren?! Wir sind doch nicht aus Holz!
Es ist an der Zeit, einen bewussten Sex-Purismus zu kultivieren: Tun wir nur das, wonach es uns verlangt.
Um den Angstgegner beim Namen zu nennen: Ich rede nicht von Enthaltsamkeit oder Askese und schon gar nicht von Übergriffigkeit, sondern von einem mutigen, selbstbewussten Ja oder Nein zu jeder einzelnen Option. Wir sind keine Bonobos, die ihr soziales Miteinander ausschließlich über Sex regeln können und müssen. Wir können uns entscheiden.
Was würde geschehen, wenn wir alle nur noch Sex hätten, den wir auch wirklich wollen? Freiwillig, bereitwillig, wirklich willig? Ich würde das nur zu gerne ausgelebt sehen … Und ich glaube fest, dass es unsere Beziehungen tragfähiger machen würde.
Die doppelbödige Message: »Hab nur Sex, wenn du wirklich willst«, hinter der eigentlich etwas anderes steckt, nämlich ein: »Wenn du als normal gelten willst, wirst du Sex haben müssen«, halte ich für brandgefährlich. Denn dieses althergebrachte und eigentlich (spätestens seit dem Gesetz zur Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe) obsolete Dogma liefert hinter Tausenden von Schlafzimmertüren noch immer die Argumente, sein Gegenüber zu ungewolltem Sex zu nötigen. Aufzuzwingen, was offenkundig nur einer möchte. Das ist Gewaltanwendung. Auch in einer Partnerschaft. Und es ist mit dem sexuellen Liberalismus unserer Zeit, unserem »anything goes« absolut nicht vereinbar. Genauso wenig mit ernst zu nehmender Partnerschaftlichkeit. Denn wenn alles okay ist, dann muss es auch die Abstinenz sein.
Also was wollen wir denn nun: Ist Sex Pflicht – oder darf ich ihn auch bleiben lassen? Offenbar gilt beides. Was für ein Wirrwarr. Und schließlich füttert die Abneigung gegen die – gesellschaftlich akzeptierte – Gesamtsituation nur den eigenen Widerwillen. Am Ende stinkt einem die Situation dermaßen, dass man verärgert verweigert.
Wie leicht kann es da sein, dass man einen gesundheitlichen oder sonstigen Grund vorschiebt, warum Sex nicht möglich ist, nur um nicht erklären zu müssen, warum man nicht will. Dabei sollte man doch wohl nicht-wollen dürfen …
Bei vielen meiner Patientinnen und Patienten kommen irgendwann so viele Negativerfahrungen vor und mit Sex zusammen – und diese eindringlichen Standpauken, Sex hätte doch schon längst wieder mal stattfinden müssen, dass dem in den seltensten Fällen mit geringfügigen Modifikationen der sexuellen Routinen beizukommen ist. So ein Eingehen auf Probleme beim Sex hilft, solange es tatsächlich bloß darum geht, etwas anders zu machen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Nur ist auch da der Zeitpunkt entscheidend. Wo nur auf das Anrecht auf Sex gepocht wird, bleibt häufig Unverständnis, egal, wie bereit wir sind, die Sache auszudiskutieren. Und letztlich haben beide Partner unnötig Zeit mit schlechtem Sex und unnützen Gesprächen verbracht.
Ich habe ja oben einige Patientenprobleme geschildert. Jetzt darf ich Sie noch bekannt machen mit ein paar O-Tönen, die ich in der Praxis hören durfte, wenn ich bei der Paartherapie die Frage gestellt habe: »Wie wollen Sie damit in Zukunft umgehen. Wie denken Sie über sexfreie Phasen.«
Da wurde unsicher geantwortet: »Was denn jetzt: Darf ich den Sex auch ablehnen? Ich soll also frei entscheiden und sexfreimachen? Oder muss ich nicht doch Sex haben?« Und dann, Achtung, jetzt kommt’s: »Wenn es nach meiner Frau/meinem Mann geht, muss ich ja doch Sex haben.« Worauf besagter Partner feststellte: »Du verdrehst das jetzt, so habe ich das nie gemeint.«
Manchmal höre ich dann: »Was soll das denn wieder?«, oder: »Was soll denn der Unfug?« Gerne wird auch der Partner mundtot gemacht mit Formulierungen wie: »Aber da habe ich doch gar nichts dagegen.«
Wir alle sollten für uns überprüfen, wie wir es wirklich mit der Sexfreiheit halten. Ist es okay für mich, wenn ich selbst mal/gerade/für eine Weile oder auch dauerhaft nicht will? Und gestehen wir diese Wahlmöglichkeit auch unserem Partner zu?
Ich jedenfalls votiere dafür, in jeder Partnerschaft die Sexpflicht auf den Prüfstand zu stellen. Denn sie bringt nicht viel Gutes mit sich.
Wie gerne würde ich ankündigen: Es folgen die Zahlen, die beweisen, dass die von sexueller Abstinenz Betroffenen nicht allein auf der Welt sind. Ich möchte gerne Statistiken vorweisen, die besagen: Es gibt noch viele weitere, die sich auch mit diesem ominösen Zuwenig an Sex herumschlagen. Die sich ein Herz gefasst haben, aus dem Schatten getreten sind und gesagt haben: »Hier bin ich. Hier stehe ich. In der Öffentlichkeit. Ich bin eine von euch. Ich lebe abstinent.« Und noch etwas weitergedacht: Anstelle eines abstinent lebenden Menschen in der Deckung der Anonymität – eben nicht ich, die sich schon aufgrund ihres Status als Sexualtherapeutin abhebt – wäre ich sehr erleichtert, wenn ich von einem möglichst großen Anteil weiterer Abstinenter in der Gesellschaft lesen würde.
So gerne ich Ihnen einen maximal geschmeidigen Weg zur Akzeptanz der Sexlosigkeit eröffnen möchte, so wenig gesichert ist er. Über Erwachsene, die ohne Sex leben, gibt es fast keine zuverlässigen Daten. Natürlich existieren einzelne Gruppen, deren Sexlosigkeit bekannt ist. Katholische Priester beispielsweise – ein deutlich exklusiverer, kleinerer Kreis als der Kreis der Personen, die sexlos leben, ohne dass sie religiöse Gründe dafür haben. Und eine Umfrage unter katholischen Geistlichen durchzuführen, wer von ihnen Sex hat, obwohl sie diesem abgeschworen haben – vergessen Sie es.
Ich könnte Ihnen jetzt die Umfrageergebnisse nennen, die ich gefunden habe. Aber bei jeder dieser Zahlen müsste ich Einwände erheben: Weil es nur darum ging, wer keinen Sex hat – es wurde nicht hinterfragt, wie motiviert das war. Oder weil nur nach Geschlechtsverkehr gefragt wurde – aber was ist mit Stimulation von Hand, Mund oder mithilfe von Gegenständen wie Federn, Massageutensilien oder Sexspielzeug? Oder weil nur heterosexuelle Frauen gefragt wurden – und was ist mit allen anderen? Ich könnte so noch eine Weile weitermachen. Unterm Strich wären wir dadurch kein bisschen klüger. Es tut mir leid.
Um wen es mir geht, ist die Mehrheit der Bevölkerung, die abstinenzerfahren ist. Das sind viel mehr als die üblichen Verdächtigen wie in die Jahre gekommene Jungfrauen, Asexuelle, katholische Priester oder ältere Herrschaften, denen man Sexlosigkeit sowieso gern unterstellt.
Sexuelle Abstinenz heißt für mich so viel wie: fern von Sexualität zu sein. Ich verorte sie bei zwei verschiedenen Gruppen. Zum einen bei Menschen, die keinen Sex mit Partner(n) praktizieren, weil sie nicht wollen. Zum anderen bei denen, die schon wollen, aber keinen Sex praktizieren.
Für mich sind erregende Stimulationen bereits in Sex inkludiert. Soll heißen: Wo sexuelle Erregung mit und durch den Partner ist, gilt dies für mich als Sex. Mir ist es wurscht, ob irgendwo irgendwas in Körperöffnungen eingeführt wird oder nicht. Auch erotisches Streicheln, Necking und Petting ist nach meinem Verständnis Sex.
Gar nicht so selten geraten Paare mit einem Abstinenzkonflikt in Streit darüber, ob jenes Streicheln nun erotisch gemeint war, aber beim Partner gefühlsmäßig anders umgesetzt wurde, oder ob es »harmlos gemeint«, aber vom Gegenüber wiederum erotisch motiviert erlebt wurde. Es ist ein klassisches Szenario, dass der Begehrende äußert, er habe sich zurückgehalten und seine Versuche zu kuscheln und sein Streicheln seien absolut unschuldig gedacht gewesen, was ihm der abstinente Partner nicht abnimmt. Wurde dem Unwilligen nachgestellt, oder war alles ganz harmlos? Das ist nicht so einfach feststellbar.
Ich bin immer wieder überrascht, welche Körperbereiche am anderen für neutral und als deutlich nicht sexuell belegt erachtet werden. Da werden von Begehrenden Brüste, die Oberschenkel- und Leistengegend und der Po genannt. Das sei unschuldiges Kuscheln gewesen, meint der eine – der andere aber sieht das ganz anders, und ich kann verstehen, wenn dem Abstinenten der Kragen platzt, weil er diese Zonen als erotisch bewertet. Dazu ist zu sagen: Es kann schon sein, dass solches Streicheln unschuldig gemeint war und ein wenig gedankenlos und ohne Hintergedanken erfolgte. Es entlastet den Streichelnden aber nicht von der Verantwortung, wenn er darum weiß, dass der Gestreichelte das nicht möchte. Wenn ich meine Hand in den Schritt meines Partners lege, obwohl er das nicht will – Achtung, jetzt formuliere ich sehr hart –, ist diese Handlung genau genommen sexuelle Nötigung. Dasselbe Urteil gilt, würde ein Mann gegen den Willen der Frau die Hand auf ihre Brust oder den Po legen.
Das mag Sie schockieren. Genau dieses Schockiertsein zeigt umso mehr, dass in unseren Köpfen erstaunlich viel Anspruchsdenken in Bezug auf den Körper und die Sexualität eines Partners vorherrscht. Woher aber kommt dieses Anspruchsdenken? Um Grenzen setzen zu können, müssen die Grenzbereiche klar definiert sein.
Deshalb zurück zur Definition: Ab wann ist etwas Sex? Es wird Sie vielleicht erstaunen, aber: Wir alle sollten darüber mit unseren Partnern Klarheit schaffen. Denn unsere Sprache im Alltagsgebrauch ist nicht immer eindeutig.
Wenn also Malte und Katrin kommen und sagen, sie hätten noch nie Sex gehabt, sondern nur »rumgemacht«. Und wenn sie für sich einschränken: »Nur den Penis und die Scheide streicheln, sich gegenseitig zum Orgasmus bringen geht«, dann haben die beiden nach meinem Verständnis Sex gehabt. Falls Malte und Katrin Veränderungswünsche haben sollten, weil das Miteinanderschlafen im Sinne von Penetrieren für beide erstrebenswert und wichtig ist, dann ist das schlichtweg ein anderes Thema. Sexuelle Stimulation und Erregung sind auch ohne Penetration, also Einführen des Penis, nach meiner Definition Sex. Telefonsex heißt ja nicht ohne Grund so.
Ich möchte auch noch deutlich darauf hinweisen, dass es – und hier befinden wir uns in einem Grenzbereich, also in allernächster Nähe zur Abstinenz – reichlich Personen gibt, die »eigentlich« keinen Sex wollen, aber de facto Sex praktizieren. Diese leben ihrem Tun nach nicht abstinent. Abstinenz wäre die ihnen gemäße, die eigentlich gewünschte Lebensform, die sie allerdings nicht leben. Ich meine nicht Überlebende von übergriffigem Sex. Sondern diejenigen, die denken: »Fummelt er schon wieder … Na okay, dann bringen wir es halt hinter uns.« Es sind oft die feinen Zwischentöne, an denen ich beim Gespräch mit Patienten festmache, dass der Sex nicht wirklich gewollt ist.
Ein Kennzeichen für mich ist dieses eingestreute Wörtchen »eigentlich«. Wer es viel verwendet, gehört für mich zu den potenziell Abstinenten, die eventuell noch vor dem erklärten Ausstieg aus sexuellen Aktivitäten mit dem Partner stehen. Ich bezeichne diese Menschen als »Schläfer« unter den sexuell Aktiven. Es ist durchaus vorstellbar, dass sie unbemerkt ihr Leben lang Sex mit dem Partner haben, weil sie denken, es müsse so sein. Oder sie tun es, weil sie sich sorgen, sonst käme es zur Trennung. Oder aus einem der zig anderen möglichen Gründe, zu denen ich im Verlauf des Buches auch noch komme. Es ist genauso vorstellbar, dass z. B. die Frau irgendwann sagt: »Spatzl, das gibt mir schon lange nichts mehr. Aber ich hab es gern für dich getan. Ab heute ist allerdings Ende im Gelände.« Oder der Mann sagt: »Von den Pillen krieg ich bloß Kopfweh. Nö, lass mal. Im Grunde ist es mir gar nicht so wichtig.« Übersetzt heißt das so viel wie: »Ich will nicht mehr, dass wir miteinander vögeln.« Eine Aussage wie diese ist für an Sex interessierte Partner in etwa so leicht zu schlucken wie ein Ytong-Block.
Mit solchen Äußerungen im Kopf kommen häufig Paare zu mir, weil sie damit emotional nicht fertigwerden. Sagt einer der Partner Nein, ist die altbewährte Balance dahin. Dies alte Gleichgewicht möchten beide ja schon gern zurückhaben. Das Einverständnis, oft auch unausgesprochen, das am Anfang der Beziehung gegeben war. Dann aber kommt ein Zeitpunkt, an dem einer gern weiterhin Sex hätte, und der andere sagt: Nein. Ein klassischer Paarkonflikt, für den es übrigens keine Standardlösung gibt, wenn man sich als Therapeut neutral dazu verhält.
Zurück zu meiner Definition von Abstinenz. Die Frage der erlaubten Körperareale haben wir ja geklärt: Sie muss mitgeteilt werden. Damit klar ist: bis hierhin und nicht weiter. Manchmal empfinden es Patienten bei Streichelübungen als hilfreich, mit Körperfarbe kenntlich zu machen: Bis dorthin darf angefasst werden. Und jenseits der Linie nicht.
Körperteile haben wir definiert in der Partnerschaft? Dann wäre es nun auch hilfreich, eine präzise Zeitspanne zu benennen, wann Abstinenz als solche beginnt, also ab welcher Dauer man sexfreies Leben als Abstinenz bezeichnet. Nur finde ich das denkbar schwierig. Ich würde alles unterhalb von zwei Wochen ohne Sex mit Partner nicht als Abstinenz bezeichnen. Natürlich wäre ich auch bereit, darüber zu diskutieren. Ob es Ausnahmen gibt, denn die gibt es sicherlich. Diese Zeitspanne ist einfach mal so aus dem Bauch heraus gesagt. Das hier ist ja schließlich kein psychotherapeutisches Lexikon oder Diagnostikwerk. Aber ich kann verstehen, dass Sie möglichst konkrete Definitionen an die Hand gegeben haben möchten. Denn: Abstinenz ist Verhandlungssache.
Was mit Sex zu tun hat, ist oft Geheimnis, Tabu, was auch immer. Wir haben weniger Übung, darüber zu sprechen. Ich komme darauf, weil es bei abstinenten Patienten im Regelfall heißt: »Ich habe noch nie mit jemandem darüber geredet. Nicht einmal mit meiner besten Freundin.«
Abstinenz ist wirklich ein großes Tabu. Ich kann Ihnen versichern, dass es sich in unserer Gesellschaft hingegen mit Themenfeldern wie Fetischen, Swingen, Erektionsproblemen etc. ganz anders verhält. Letztere werden gern in wohlmeinenden Männergesprächen thematisiert oder unter Geschwistern und Freundinnen. Das sind manchmal regelrecht stolz hervorgebrachte Erfahrungsberichte, für die die mutigen Erzähler Anerkennung und interessierte Nachfragen ernten. »Wow, ihr habt echt so eine Party wie in dem Film ›Eyes Wide Shut‹ besucht? Wie ist das dort? Das würd ich mich gar nicht trauen. Alle Achtung!« Schulterklopfer folgen. Es werden die Top-Urologen-Visitenkarten weitergereicht. Potenzfördernde Präparate empfohlen. Und man tauscht sich aus, wie doch noch »was geht«.
Aber wenn Paare vielleicht seit Jahren keinen Sex mehr haben, ist das Ansprechen der Tatsachen schwierig. Fast fühlt es sich an wie eine Behinderung, als sei etwas nicht in Ordnung mit einem, als sei man »nicht normal«, wenn man überhaupt darüber spricht. Wir können das Schweigen folglich nicht damit erklären, dass alle Aspekte rund um das Thema Sex über alle Maßen diskret behandelt werden.
Warum ist das so, dass sexfreies Leben für uns so ein Tabu darstellt? Ich nenne Ihnen hier gerne einige mögliche Gründe – ob ich sie für zutreffend halte, ist schon wieder eine andere Frage:
Es gibt kaum Betroffene.
Die Betroffenen geben es nicht oder nur selten zu.
Selbst Wissenschaftler und Meinungsforschungsinstitute haben noch keinen Weg gefunden, wie man nach diesem Thema fragen kann, ohne dass etliche der Befragten innerlich dichtmachen.
Einige wenige, die sich in Befragungen als Betroffene outen, leben gar nicht abstinent, sondern sind bloß an der Aufmerksamkeit von Fragestellern interessiert. Diese Personen bewegen sich meist im Grenzbereich zu einer psychischen Erkrankung. Dennoch möchte ich hier darauf hinweisen. Sie sind wie diese Schaulustigen, die sich bei der Berichterstattung von Katastrophen hinter dem Reporter ins Bild drängeln.
Antwort a) ist meiner Meinung nach so falsch, wie es eine Antwort nur sein kann. Sie scheidet schon deswegen aus, weil ich persönlich viel zu viele Betroffene kenne. Antwort d) verzerrt generell die Ergebnisse von Befragungen. Diese Menschen interessieren uns hier ohnehin nicht. Sie sind in ganz, ganz anderen Büchern richtig aufgehoben. Bleiben b) und c) – aber um diese beiden Punkte zu ändern, lohnt es sich, hier weiterzulesen. Denn ich strebe an, dass wir alle zu unseren Gestaltungswünschen in Bezug auf unser Sexualleben stehen.
Wer ein sexfreies Sexualleben praktizieren möchte, sollte nicht mehr Für und Wider begegnen als jeder andere bei der Umsetzung seiner Vorlieben.
Ich kann Ihnen trotzdem Antworten auf die Frage geben, warum wir nichts Genaues wissen. Das werden keine Statistiken sein, die Sie von mir bekommen.
Ich habe etwas viel Besseres für Sie, nämlich Antworten und Aussagen von Menschen mit eigenen Erfahrungen rund um das Thema »Ich will nicht Sex mit jemandem haben«, und ich meine, dass diese persönlichen Antworten aussagekräftiger sind als Statistiken und Zahlen. Das wird deutlich, wenn ich mir mal eine Zahl ausdenke: Dreiundsiebzig Prozent aller Deutschen kennen das Phänomen. Das sag ich so dahin. Das hilft nicht, denn eine solche Zahl erklärt nicht, tröstet nicht.
Anstelle von Zahlen möchte ich Ihnen hier konkrete Situationen an die Hand geben. Sie können schwarz auf weiß lesen, was Menschen schon passiert ist. Wie sie vorgegangen sind. Wie sie sich dabei gefühlt haben. Was das für Konsequenzen für ihre Partnerschaft und ihr weiteres Leben hatte. Das ist besser als eine Zahl. Sehr viel besser. Im sozialen Kontext lernen wir am besten durch das Beispiel anderer. Und Beispiele finde ich in meinem Praxisalltag zuhauf.
