SIE FINDEN DICH. - Dankmar H. Isleib - E-Book

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Dankmar H. Isleib

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Beschreibung

Der Autor, Ex-Rockmusiker und Journalist, hat die Thriller-Trilogie 666-PERFEKTION DES BÖSEN im Jahr 1999 begonnen … Die Welt geht zum Teufel. Die vier apokalyptischen Reiter scharren längst nicht mehr mit den Hufen, sie sind losgelassen. Unsere Welt stürzt in Chaos. Seuchen, Überbevölkerung, Hunger, Kriege, die massive Zerstörung unserer Umwelt bedrohen die Erde. Die schlimmsten Waffen aber sind die Technologien des 21. Jahrhunderts – Robotik, Gentechnik und Nanotechnologie. Selbst Einzelne oder kleine Gruppen können diese Waffen missbrauchen. Oder tun sie es bereits …? Die CORONA-Krise als Synonym dafür …? Dieses Szenario beschreibt der Autor Dankmar H. Isleib in seiner Thriller-Trilogie "666-Trilogie – Perfektion des Bösen" so düster, dass einem das Blut in den Adern gefriert. Der Allmachtswahn treibt eine Handvoll Superreiche, die unseren Planeten längst unter ihrer Kontrolle haben, dazu, die Welt, wie wir sie kennen, mittels kreuzgefährli-cher Technologien zu demontieren und zu beherrschen. Ihre Handlanger: Skrupello-se, geldgierige Politiker, Wissenschaftler und Geschäftemacher. Ein wilder Tanz Gut gegen Böse beginnt. Hinter dem Bösen stecken Geheimbünde, uralte Religionen und die mystische Tradition der Zahlenkabbala. Alles Fiktion oder doch Wirklichkeit? Das kann jeder für sich entscheiden.

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DANKMAR H. ISLEIB

SIE FINDEN DICH

BUCH DREI: NANOTECHNOLOGIE

666-TRILOGIE – PERFEKTION DES BÖSEN

THRILLER

Alle Namen und Personen der Handlung sind frei erfunden. Eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden Personen sind unbewusst geschehen; Namen der Zeitgeschichte rein zufällig möglicherweise richtig.

Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zur Meinungsfreiheit: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Der Autor nimmt das Gesetz über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (Urheberrechtsgesetz) UrhG in Anspruch.

Einleitung zur Trilogie 666-Perfektion des Bösen

Die Technologien, die in den atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen des 20. Jahrhunderts Anwendung finden, waren und sind weitgehend militärischen Charakters und wurden in staatlichen Forschungseinrichtungen entwickelt. In deutlichem Gegensatz dazu handelt es sich bei Gentechnik, Nanotechnologie und Robotik um kommerziell genutzte Technologien, die fast ausschließlich von privaten Unternehmen entwickelt werden. In unserer Zeit eines triumphierenden Kommerzialismus liefert die Technologie – unter Zuarbeit der Wissenschaft – eine Reihe nahezu magischer Erfindungen, die Gewinne unerhörten Ausmaßes versprechen. Aggressiv folgen wir den Versprechen dieser neuen Technologien innerhalb eines entfesselten, globalisierten Kapitalismus mit seinen vielfältigen finanziellen Anreizen und seinem Wettbewerbsdruck.

Da wir ständig neue wissenschaftliche Durchbrüche erleben, müssen wir uns erst noch klarmachen, dass die stärksten Technologien des einundzwanzigsten Jahrhunderts – Robotik, Gentechnik und Nanotechnologie – ganz andere Gefahren heraufbeschwören als die bisherigen Technologien. Vor allem Roboter, technisch erzeugte Lebewesen, und Nanoboter besitzen eine gefährliche Eigenschaft: Sie können sich selbstständig vermehren. Eine Bombe explodiert nur einmal, aus einem einzigen Roboter können viele werden, die rasch außer Kontrolle geraten.

Was war im zwanzigsten Jahrhundert anders? Natürlich bargen die Technologien, die den nuklearen, chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen zugrunde lagen, gewaltige Potenziale und die Waffen stellen eine ebenso große Gefahr dar. Aber zum Bau von Atomwaffen benötigte man zumindest in der Anfangszeit seltene – tatsächlich sogar nahezu unerreichbare – Rohstoffe und ein durch Geheimhaltung geschütztes Wissen; auch der Bau biologischer und chemischer Waffen verlangte einigen Aufwand. Die Technologien des einundzwanzigsten Jahrhunderts – Genetik, Nanotechnologie und Robotik – bergen dagegen Gefahren, die sich in ganz anderen Dimensionen bewegen. Und am gefährlichsten ist wohl die Tatsache, dass selbst Einzelne und kleine Gruppen diese Technologien missbrauchen können. Dazu benötigen sie keine Großanlagen und keine seltenen Rohstoffe, sondern lediglich Wissen.

Zitat:BILL JOY – Ex Chef Scientist und Mitgründer von SUN MICROSYSTEMS, Entwickler bahnbrechender Mikroprozessorarchitekturen wie SPARC, picoJAVA, Jini und MAJC sowie Solaris für ORACLE. Die Silicon Valley-Ikone Bill Joy hat sich bereits 2003 aus dem Geschäft der Software-Entwicklung zurückgezogen ...

Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt,

der wird nie die Wahrheit erobern.

Friedrich von Schiller

Wahrheit erscheint uns oft fremd,

weil der purpurne Mantel der Lüge blendet.

Dankmar H. Isleib

Eine Wahrheit kann erst wirken,

wenn der Empfänger für sie reif ist.

Christian Morgenstern

NIBIRU

Der die Mitte des Meeres

ohne Ruhe überschreitet,

sein Name sei Nibiru,

denn er nimmt die Mitte davon ein.

I

Franco war dem Verzweifeln nahe. In jeder Minute verdoppelte sich die Zahl der Toten.

Erschreckend.

Die Meldungen überschlugen sich; die Netze der großen Webhosting-Betreiber und deren Internet-Backbones – von AT&T, Orange, Tata Communications, Telefónica, Hurricane Electrics und vielen anderen der IT-Riesen – waren weltweit zusammengebrochen.

Die Erde im Schockzustand.

Keiner ging mehr einer Arbeit nach. Weder in New York noch in Moskau, schon gar nicht in Mumbai, Berlin oder London. 9/11 war eine relativ unbedeutende, von Geheimdiensten und Politikern im Auftrag der Herrscherclique – manche nennen sie auch Illuminaten – geplante und durchgeführte Mahnung an die dummen Menschen, sich vom bösen Islam fernzuhalten. Und vor allem ihm die Schuld für den ‚Anschlag‘ zu geben. Wie unsäglich beschränkt die Bosse der Bosse sind, zeigt sich daran, dass ihre Firmen immer mehr Waffen an Saudi Arabien, den Irak, Syrien und andere Länder des Nahen Ostens verkaufen.

Perverse Welt, ging es Franco durch den Kopf. Alles verdreht. Und ich weiß nicht weiter. Lappalien?

Stimmt.

Mehr nicht, gemessen an dem, was sich gerade in Indien abspielte und nicht nur dort: Eine Pandemie unfassbaren Ausmaßes hatte die Welt erreicht. Die Pestepidemie in Europa hatte in den Jahren 1347 bis 1353 ein Drittel der Bevölkerung des damals bevölkerungsreichsten Kontinents ausgerottet.

Das heißt, in sechs Jahren 25 Millionen Menschen.

In sechs Jahren.

Pandemie.

Jetzt waren es schon vierhundert Millionen.

Tot.

Vierhundert Millionen. Mindestens.

In weniger als einer Woche!

Unvorstellbar?

Ja.

Weltweit berichteten über eintausend Fernsehsender rund um die Uhr von dem unfassbaren Ereignis. Binnen drei Tagen hatte sich die Zahl der Toten in Indien schätzungsweise verzehnfacht. Der Sprecher der indischen Regierung ging heute, 17:30 Uhr Ortszeit, von „circa 186 Millionen“ Toten aus.

Gelogen.

Es waren weit mehr. Dennoch reichte die Zahl.

Panik total. Weltweit!

Morgen würden es vielleicht schon 500 Millionen Tote sein.

Nichts funktionierte mehr.

Die Welt in Agonie.

Todeskampf.

Ja.

Egon Schieles Bild „Agonie“ aus dem Jahre 1912, düster, eklig, realistisch. Multipliziert mit dem Faktor 500 Millionen.

Schock pur. Unfassbar.

Unfassbar!

Aber real.

Wie würde sich die Pandemie ausbreiten? Worin hatte sie ihren Ursprung? Würde Pakistan betroffen werden – oder schon sein? China? Indonesien? Es wurde spekuliert, aber keiner konnte auch nur annähernd eine realistische Prognose abgeben. Die Wissenschaftler rund um den Globus waren hilflos und sprachlos. Schulterzucken. Nachrichtensperre on top. Als wenn man damit die Gefahr beseitigen könnte.

Franco saß mit seinen Verschworenen Jonathan, Fuckbingo – Winnfried von Löske –, Alberto de Morrero und dem finnischen Therapeuten Mika Nurman zusammen. Romantisch, unter Weinreben nordöstlich von Kapstadt, inmitten einer Idylle. IN VINO VERITAS. Das Weingut Alberto de Morreros im riesigen Jonkershoek Naturreservat.

»Wir sind alle betroffen, glaube ich. Indien scheint weit weg zu sein, aber was ist, wenn die Pandemie morgen auch nach Afrika rüberschwappt? Ich kann mir nicht denken, dass die Vergiftung der Menschen plötzlich aufhört oder an einer Grenze haltmacht«, ergriff Franco das Wort. »Auch wenn wir noch nicht wissen, ob der Auslöser wirklich der von Südafrika gelieferte Weizen ist.«

Er schaute den Jüngsten dabei ängstlich an, Winnfried von Löske, FB. Fuck Bingo. Als erhoffe er sich gerade von dem Kind eine Antwort. Intuitiv hatte Franco vielleicht sogar Recht. Nur mit ungewöhnlichen Ideen und Gedanken, mit unverbildetem Denken, einem noch für alles offenen Geist, einer sauberen Seele, war es vielleicht möglich, das Unmögliche zu erreichen. Jetzt galt es, einen Plan zu entwickeln, wie man der Lage Herr werden könne. Vermessen, von dem lächerlich kleinen Haufen unterschiedlicher Typen, die bei Alberto mitten im Weinberg saßen, das zu erwarten. Altruismus schien Franco angeboren zu sein. Aber was soll ein junger Typ gegen Mächte, von denen er nur ahnte, wer sie sind und was sie der Erde gerade antun, einer Pandemie dieses Ausmaßes ausrichten können? Andererseits: Jesus war angeblich auch allein gewesen und hatte die Welt verändert. Wenn das über Jahrtausende gut erzählte Märchen denn stimmen sollte. Für viele Wissenschaftler rund um den Globus war Gott nur eine Erfindung einer Gesellschaftsclique, die die Erde unter Kontrolle bringen wollte.

Ja, es war längst an der Zeit, die Herrschaft der Repräsentanten der 13 Blutlinien zu durchbrechen. Klar: Die Welt braucht Leader. Nur nicht solche wie die, die die Menschheit seit Jahrhunderten verdummt und versklavt halten. Echte Vorbilder werden gebraucht. Nein, selbst wenn irgendjemand ihn fragen sollte, Franco konnte und wollte das alles nicht sein. Schon der Gedanke daran war ihm fremd.

Er sah nur Leid und wollte helfen.

Doch Franco wusste, wer diese Leader-Position einnehmen könnte: FB. Der geniale Hacker mit dem Ethik-Gen im Blut. FB war nicht zu verbiegen und war sich seiner ungewöhnlichen, großen Kraft, die in ihm steckte, überhaupt nicht bewusst! Nur so einem Erdenwesen könnte es gelingen die Welt zum Positiven zu verändern ...

»Wir können nichts machen, Franco, solange wir den Auslöser der lebensvernichtenden Seuche nicht kennen«, antwortete ihm FB ganz ruhig, ganz gefasst. Er schien in der Tat der Einzige in der kleinen Runde zu sein, der die erschütternde Nachricht seelenruhig, ja fast lässig aufnahm.

»Also Freunde, lasst uns systematisch an die Sache herangehen und nicht den Sand in den Kopf stecken, wie es einmal ein deutscher Fußballspieler sagte«, schaltete sich Alberto mit forscher Stimme ein.

Er war der Älteste, Erfahrenste in der Runde, der Professor für Design und Architektur. Einer, der planen kann. Planung war jetzt gefragt. Eine Struktur aufbauen, mit der man vielleicht irgendwie helfen konnte.

»Ich schlage vor, dass wir uns verteilen. Jeder zappt sich jetzt mal durch die Medien. Geht ins Netz, schaut TV, hört Radio. Wir müssen sehen, ob wir einen uns noch immer unbekannten Hintergrund, eine Richtung, in die die Katastrophe noch gehen könnte, erkennen können. Jeder schreibt sich auf, was ihm auffällt. Uns bleibt nichts Anderes übrig, als nach der Chaos-Theorie zu verfahren und es dem Zufallsprinzip zu überlassen, ob wir auf einen kosmischen Weg treffen, der uns zum Ziel bringt«, forderte Alberto die anderen auf.

»Okay. Wir treffen uns in vier Stunden wieder hier«, sagte FB mit stoischer Ruhe, stand auf, nahm seinen Laptop und ging in sein Gästehaus. Auch Franco und Mika verschwanden still.

Nur Alberto blieb sitzen. Schaute in den friedlichen, noch immer strahlend blauen Himmel, schritt in Gedanken den Weinberg ab und dachte nach. Dann griff er zum Handy, nicht ohne vorher ein kleines technisches Gerät angekoppelt zu haben, und wählte eine Nummer. Es dauerte lange, bis er eine Verbindung zu dem anderen Teilnehmer bekam.

Endlos lange, fast 10 Minuten.

»Darf ich Sie etwas fragen«, begann er die Konversation. Das zeigte, dass sein Gesprächspartner wusste, wen er in der Leitung hatte.

»Selbstverständlich!«

»Womit haben wir es in Indien zu tun«, fragte Alberto in die entstandene Stille.

»Die Ursache für die Massenvernichtung von Menschenwesen ist eine Genmutation. In Auftrag gegeben von unseren ‚Freunden‘ in New York. Umgesetzt durch Bigson Laboratories Bakersfield, Kalifornien; entwickelt und in 3000 Jahre altes Emmer-Saatgut implantiert durch eine Tochtergesellschaft von BLB, bei Ihnen um die Ecke, der GrainBrain Ltd. in Kapstadt.«

Eine klare Antwort von dem Wesen ohne Namen, das weit, weit weg von Südafrika zu sein schien.

»Sie wissen, dass wir uns in der letzten Phase des großen Sabbat-Jahres befinden. In der Kabbala gilt die Zahl 7 als ein Symbol für die Zeiteinteilung. Es ist die heilige Zahl Gottes. Die Woche der Schöpfung bestand aus 7 Tagen, wovon der Sabbat der letzte Tag ist. Das Fest der Wochen wird so genannt, weil es immer 7 Wochen nach Passover – den Feiern zum Auszug aus Ägypten – stattfindet, am 50. Tag. Das ist der erste Pfingsttag. Diese Tage verlaufen parallel zu den Sabbat-Jahren und den Sabbat-Jubel-Jahren. Die Menschenwelt, so wie man sie heute kennt, besteht 7000 Jahre. Das 7000. Jahr ist das Jahrtausend-Jahr, der Große Gottes-Sabbat. Nicht zu vergessen die ´7 noachidischen Gebote´ mit den 7 Lebensgesetzen, die zugunsten einer sehr kleinen Minderheit mit einem unendlichen Machtanspruch gefälscht wurden. Sieben plus sechs. Die Zahl des Unglücks, 13. So einfach erklären es sich die Menschen. Doch: Die Erde ist noch immer unter der Kontrolle der Sechs. Sie wissen, eigentlich der 666! Satan! Wir haben es unvermindert noch immer mit den dreizehn Familien zu tun, die das Zepter an sich gerissen haben. Satanisten, die sich als Philanthropen getarnt haben. Ihr seid in der Phase der brutalsten Vernichtung, die es je in der Geschichte der Menschheit gab. Man will von den 7 Milliarden Menschen, die es derzeit auf der Erde gibt, wieder auf eine göttliche Zahl zurückkommen, die von der Machtelite, den Kabbalisten, als beherrschbar gilt. Sie wollen nicht akzeptieren, dass es sieben Milliarden Menschen gibt. Damit ist ihre größte heilige Zahl, die 7, beschmutzt. Schauen Sie sich das Vierte Buch Moses an. Dort wird Ihnen alles über die kabbalistischen Zahlen erläutert. Wir befinden uns in einer Hochphase der negativen Elemente. Wenn Sie in die Geschicke eingreifen wollen, mein Freund, können Sie die Lösung nur in der richtigen Auslegung der Kabbala finden. Wie Sie wissen, gibt es die vier Silbernen Schlüssel und drei Goldene Schlüssel. Zusammen ergibt das die 7. Eines der Sieben Tore zum Kosmos liegt direkt vor Ihrer Nase. Sie müssen nur noch einen Mathematiker finden, der sich auf die Bildegesetze versteht und PHI in sehr hohen Potenzen berechnen und dann richtig werten kann ...«

Damit beendete der Unbekannte – der mit einer nach Erdenmaßstäben sehr tiefen, männlich klingenden Stimme und einem ausgesprochen angenehmen Sound gesprochen hatte – abrupt das kurze Gespräch. Alberto hatte gehofft, Antworten zu finden. Man hatte sie ihm gegeben. Er wusste nun, woher die Genmanipulation kam, wer dafür verantwortlich zeichnete. Jetzt galt es, die Verbrecher zu identifizieren und die Manipulation irgendwie rückgängig zu machen oder aber alles zu dem Thema der Manipulation schnellstmöglich zu vernichten. Die Forschungsunterlagen, das noch vorhandene Saatgut, einfach alles. Damit zukünftig nicht noch einmal ein Unheil dieser Dimension geschehen kann. Das lag nun in den Händen der Cracks der Genforschung. Das war ihm klar. Die müssten sie für ihre Mission gewinnen. Aber es war zu bewältigen. Noch dazu, wo der Verursacher vor ihrer Tür saß – mitten in Kapstadt ...

Das Gesamtproblem war jedoch viel größer. Jetzt war es wohl die Aufgabe von FB, Winnfried von Löske, aus den wenigen Fakten, die ‚man‘ Alberto geliefert hatte, einen Plan zu entwickeln und die Zahl 7 richtig zu deuten und zu verarbeiten. FB war das Genie der Zahlen und wüsste, wie man damit etwas Positives anfangen kann.

Alberto de Morrero ging nach einigem Zögern zum Gästehaus, in dem FB untergebracht war.

»Winnfried, bitte kümmere dich um die Zahl Sieben. Sie hat eine entscheidende Bedeutung beim Aufbau des Kosmos und vielleicht gelingt es dir, ihre negativen Einflüsse auf uns zu entschlüsseln. Sicher wird sie auch etwas mit der Pandemie in Asien zu tun haben. Ich habe ein Gespräch aufgezeichnet, das dir einige wichtige Ansätze dazu gibt«, kam Alberto zurück zu den Wartenden und übergab FB/Winnfried einen Stick.

Als sich die Fünf am Abend wieder auf der Terrasse zum Dinner trafen, hatten sie alle ihre Hausaufgaben gemacht. So gut sie konnten, denn für Mika und Jonathan, wie auch Franco, war vieles von dem, was gerade auf sie einstürzte, völlig unerklärlich. Die Fünf hatten einen unterschiedlichen Wissensstand, eine unterschiedliche Ausbildung, andere Erfahrungen und verschiedene Ansätze sich mit der Katastrophe zu beschäftigen und über Lösungen nachzudenken. Das war gut so, dadurch war ihr Denken nicht genormt. Vielseitigkeit war gefragt, um der Pandemie irgendwie Herr zu werden.

»Der Verursacher der Katastrophe ist mit 90-prozentiger Sicherheit in Kapstadt zu finden. Eine Firma, die sich ´GrainBrain´ nennt und – das habe ich recherchiert – einem Gerry Bigson aus Bakersfield, Kalifornien, USA, gehört. Er hat sein Geld zum Aufbau seines Genforschungsinstitutes von einem Capital-Fonds bekommen, der in New York sitzt. Die haben ihm seinerzeit fünf Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt, ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Er forscht mit seinem Team an der Entzifferung des menschlichen Genoms, der DNA-Helix. Mit seiner Tochtergesellschaft hier bei uns in Südafrika hat er sich auf die Manipulation von Saatgut spezialisiert«, begann Alberto das Gespräch, nachdem in den ersten Minuten nur Vogelstimmen und das Geklapper von Besteck und Geschirr zu hören waren. Alle in der kleinen Gemeinschaft schienen ausgesprochen angespannt zu sein.

FB legte seine Gabel zur Seite, öffnete sein MacBook Pro und begann seinen prägnanten Vortrag, von dem Franco, Mika und Jonathan völlig überrascht waren, da sie nicht wussten, dass es vor wenigen Stunden eine kurze Kommunikation zwischen Alberto und FB gegeben hatte: »Die Sieben ist eine mystische, heilige und göttliche Zahl, die in der Bibel und in den Mysterien immer wieder vorkommt. Da hat derjenige Recht, mit dem du vorhin gesprochen hast, Alberto. Wer immer das sein mag. Er weiß viel, viel mehr als wir ...«

FB unterbrach. War völlig in sich gekehrt.

Wirkte jetzt nicht wie ein pubertierender Jüngling mit nicht einmal 14 Jahren, sondern wie ein echter Herr in seinen allerbesten Jahren.

Winnfried von Löske halt.

Superb gebildet und weit vorausschauend.

»... Sie ist die Zahl der Vollendung, die Addition von 3 und 4, die Verbindung des Geistigen und der Materie. Wer den Weg der Mitte hier auf der Erde in Verbindung mit dem Spirituellen gehen kann, wird zum Meister des Lebens. Die Sieben ist auch die Zahl der Heilung. Bei den Juden kennt man den siebenarmigen Leuchter, die Menora. Weitere Beispiele, wo die Sieben überall auftaucht und von großer Wichtigkeit ist: 7 Weltwunder, 7 Erzengel, 7 Schöpfungstage, 7 Wochentage, 7 Farben des Regenbogens, 7 Siegel, 7 Chakren, 7 Grundtöne in der Musik, 7 Grundfarben, 7 Himmel, 7 Todsünden, 7 Imame, 7 Generationen zwischen der Geburt David und Christi, 7 Engel bei den Chaldäern, 7 Devas in der Heiligen Schrift, 7 Amschaspands bei den Persern, 7 Sephiroth in der hebräischen Kabbala, 7 Hüll- und Blütenblätter des Lotos, 7 Propheten, 7 Zwerge hinter den 7 Bergen, 7 Geißlein oder 7 Raben im Märchen.

Das ist alles kein Zufall.

Es ist das Gesetz des Kosmos.

Und die negativ gepolten Menschen auf der Erde haben die Sieben auch noch mit dem Teufel besetzt. 666 – die Zahl des Bösen. Der Apokalypse, des Teufels!

In der Theosophie der Kabbala geht man von den Sieben Ebenen des Seins aus:

1. Atmische, atomare, monadische Welt,

2. Buddhi,

3. Kausalwelt,

4. Mentalwelt (Manas),

5. Astralwelt,

6. Welt der Bildekräfte,

7. Physische Welt.«

FB schaffte sich während der Erläuterung der 7 und seine anfangs seriöse, angenehme, weiche, sonore Stimme wurde nun doch immer schriller. Franco kannte das schon. Es gipfelte regelmäßig in seinem Schlachtruf „Fuck, Bingoooo!“ – und zwar so schrill und laut, dass Fenster platzen konnten ...

»Freunde, ich bin noch nicht fertig. Wir müssen ja erst die Zusammenhänge erkennen. Dann erst wird ein Schuh daraus. Und ich kann euch sagen, Franco, Alberto, Jonathan und Mika – das sieht verdammt nicht gut aus. Wir haben es mit einem Obersuperarschloch zu tun, der uns das alles aufbürdet, was die Menschheit in diesen Zeiten zu ertragen hat. Aber, das kann ich euch sagen, wenn man das erkannt hat, gibt es auch eine Gegenkraft. Daran muss ich noch arbeiten. Fuck!«

FB verstummte nur ganz kurz, um Luft zu holen. Das Essen war der Clique inzwischen vergangen. Schon setzte Winnfried von Löske wieder an:

»Was hat noch entscheidenden Einfluss auf unser Leben auf der Erde? Die sieben Strahlen als kosmische Energieträger. Da gibt es die 3 Haupt- oder Aspektstrahlen:

1. Der Strahl des Willens und der Macht,

2. Der Strahl der Liebe-Weisheit,

3. Der Strahl der aktiven Intelligenz.

Und dann sind da noch die vier Neben- und Attributsstrahlen.

4. Der Strahl der Harmonie durch Konflikt,

5. Der Strahl des konkreten Wissens,

6. Der Strahl des Idealismus und der Hingabe,

7. Der Strahl der zeremoniellen Ordnung und der Magie.

Wir sind wieder bei der kosmisch so wichtigen Zahl Sieben. Ihr seht, der Kosmos weiß, was er tut. Aber das wissen natürlich auch die Eingeweihten. Davon gibt es nur wenige. Die Masse Mensch ist zu ignorant und wird aus kühlem Grunde dumm gehalten. Ja, dumm. Es sind die großen Geheimnisse! Aber man kann sie, wenn man nicht ganz dämlich ist, zusammentragen. Mit meinen Programmen als kleiner Hacker ist es mir möglich gewesen.«

Jetzt grinste FB verschmitzt wie ein Schuljunge, der dem Lehrer einen großen Streich gespielt hat. Er ließ seinen Heavy-Metal-Kopf kreisen, wie es Headbanger in höchster Verzückung tun, wenn die „Eagles of Death Metal“ mit „Save A Prayer“ abfeiern, und griff zu seinem Glas mit frisch gepressten Himbeersaft.

Franco kannte ja schon die großartigen Fähigkeiten von Winnfried von Löske, dem 13-jährigen Superkid. Für Alberto, Jonathan und Mika war das völlig neu und man sah ihnen an, dass sie aus dem Staunen nicht herauskamen.

»Jetzt muss ich nur noch herausfinden, was die Ärsche vorhaben«, setzte FB mit nun wieder schriller Stimme fort. Wolln die nu, dass nur noch 70 Millionen Menschen auf dem Planeten Erde übrigbleiben, oder 700 Millionen. Weiß noch nich. Die Sieben spielt, soviel ist hundertprozentig sicher, eine entscheidende Rolle. Ihr verfluchten Bastarde! Das ist abgewichst! Und: Wir befinden uns in einem numerologisch wichtigen Jahr. Das passiert nich ohne Grund genau jetzt!«

Wen er mit ´Bastarde´ meinte, ob seine vier Mitstreiter in der Abendsonne des Jonkershoek Nature Reservate oder ‚die‘, von denen FB in Andeutungen sprach, war zurzeit noch unklar. Franco wusste, dass es keinen Sinn machen würde bei FB nachzuhaken. Das erwachsene Hackerkind war längst wieder in seine eigene, für ´Normalos´ unerreichbare Welt eingetaucht und zudem schweigsam wie ein Grab, wenn es noch nichts von seinem frisch angereicherten Wissen preisgeben wollte.

Franco rief Alberto, Jonathan und Mika mit den Augen zum Schweigen auf. Sie verstanden ihn.

Keine Fragen.

» Ich verstehe, wenn ich ehrlich bin, überwiegend gar nichts «, mischte sich nun Franco ein. » Ich brauche Nachhilfe. Aber das muss nicht jetzt sein. Wichtig ist doch nur, dass wir irgendeinen Zugang zu dem Monsterverbrechen finden, um ...«

Franco konnte seinen Satz nicht beenden, denn in der Sekunde kam Stella zu den Männern – wenn man FB schon als solchen bezeichnen wollte –, die alle sehr bedrückt aussahen. Als sensibles Wesen merkte sie natürlich sofort, dass etwas nicht stimmte. In den letzten Tagen, seit sie sich ihrer Liebe zu Franco bewusst geworden war und sie sich beide fast um den Verstand gevögelt hatten, hatte sich vieles in ihr verändert. Sie war auf eine nicht zu erklärende Weise noch sensibler geworden. Ihre Antennen waren auf Empfang ausgefahren; leider konnten sie noch immer nicht richtig in ihr Inneres, auch nicht klar in die Außenwelt blicken.

»Komme ich ungelegen«, fragte sie mit zuckersüßer Stimme in die Stille und Alberto, Franco, Jonathan, Mika und FB schauten sie erstaunt, liebevoll und zugleich fragend an.

»Stella, du kommst nie ungelegen! Du bist unsere Sonne, mehr noch als die da oben!«, schaltete sich sofort Alberto de Morrero ein und zeigte auf den Stern, durch den Leben auf der Erde möglich ist. Er war der Hausherr, der Älteste in der Runde und wollte jede Aufregung vermeiden. Waren sie doch alle froh, dass es ihrem Superstar insgesamt schon wieder recht gut zu gehen schien. Mika stand auf und bat Stella zu sich an seine Seite. Das entpuppte sich als – hilfreicher – Fehler, den aber keiner voraussehen konnte. Mika hatte auf einen Block, der vor ihm lag, groß und fett in Graffiti-Design ´GrainBrain´ gekritzelt und daneben einen menschlichen Kopf gezeichnet, aus dem Getreidehalme zu wachsen schienen. Das sah Stella natürlich.

»Was habt ihr mit Hugh zu tun?!«, entfuhr es Stella, die einen ziemlich roten Kopf bekam.

»Mit wem bitte«, fragte Franco Stella.

»Ach, den kennt ihr nicht. Das ist ein Typ, den ich bei meinem Ausflug in die Nachtwelt von Kapstadt kennenlernte. Nichts von Wichtigkeit. Habt ihr mir nachspioniert? Der arbeitet nämlich bei dieser Firma, die du, Mika, da gemalt hast. GrainBrain. Wie kommt ihr auf die? Ihr macht doch hier in Wein, Alberto! Was wollt ihr von denen? Was ist da los? Ihr schaut alle so bedrückt. Was ist denn passiert?! Ist der Typ gestorben, ihr Spione?!«

Stella war hellhörig geworden. Nach ihrer unglaublichen Liebesnacht mit Franco war Stella wie ausgewechselt. Sie war in allen Belangen der Gegenwart wieder völlig klar im Kopf. Aber da war der Filmriss. Ihr vorheriges Leben als Weltstar schien ausgelöscht zu sein. Auch ihr Ausflug vom Weingut nach Kapstadt war nur äußerst lückenhaft in ihrem zerfledderten Gedächtnis hängengeblieben. „Hugh“ – ??? – schien eine Begegnung gewesen zu sein, die auf die vergangene Woche zu datieren war.

Vielleicht.

Für die Menschen in ihrer Umgebung, allen voran ihrer Mutter, war es entsetzlich mit ansehen zu müssen, welch große Defizite Stella in ihrer Erinnerung hatte. Ja, sie hatte Sarah als ihre Mutter erkannt. Immerhin. Zwischen Müttern und ihren Kindern gibt es eine besondere Verbindung. Das war immer so und wird auch für ewig so bleiben. Dadurch hoffte SAHE, die tolle Malerin aus New York, irgendwann wieder kompletten Zugang zu ihrer Tochter zu finden, aber sicher war sie sich nicht. Denn wenn Sarah/SAHE Stella auf ihrem iPad Gemälde von sich zeigte, reagierte Stella so gut wie gar nicht. „Ach, das ist aber hübsch“, sagte sie vielleicht zu ihrer Mutter, gar nicht wahrnehmend, dass es das künstlerische Werk ihrer Mutter war. Ihr war nicht einmal bewusst, dass sie einen Bruder hatte, Aaron, der ermordet worden war.

Welcher Bruder?

Bei der aktuellen Band glaubte sie, es sei ihre alte Band. Sie redete die Musiker ständig mit falschen Namen an. Die, die ihr noch irgendwie unbewusst im Gedächtnis geblieben waren. Für Franco war es schwer, ihre großen Aussetzer zu akzeptieren. Sie hatte alle Songs im Kopf, aber sie konnte sich nicht erinnern, dass sie sie geschrieben hatte.

So ging das durch alle Lebensbereiche.

Stelle lebte im Jetzt und Heute.

Dresden?

Tote Mädchen?

Nichts!

Ausgelöscht.

Aber sie erinnerte sich sofort an die Nacht mit Hugh Tellerman, den versoffenen, verzweifelten Genforscher, und seine Verbindung zu GrainBrain. Zwar wusste sie nicht explizit, was in der Nacht geschehen war, aber es war in ihrem Gehirn etwas abgespeichert worden, was sie unter positiv für sich eingeordnet hatte. Sie hatte etwas Schönes erlebt. Deshalb war sie auch rot geworden, als sie GrainBrain-Hugh als Mini-Graffiti gesehen hatte, was Franco nicht entgangen war. Dadurch sagte ihr ihr Unterbewusstsein, das der gezeichnete Mann definitiv Hugh Sowieso sein müsste.

Auch ihr Verhältnis zu Franco war widersprüchlich. Mal ging sie an ihm vorbei, nickte nur mit dem Kopf, dann wieder sprang sie ihn förmlich an und fraß ihn mit Küssen auf. Hielt seine Hand, drückte sie dermaßen intensiv, dass Franco vor Freude Tränen über sein sommersprossiges Gesicht liefen.

Stella – eine Frau in zwei Welten.

Zugänglich, aber auch verschlossene Türen.

»Stella, bitte, wer ist „Hugh“?«

Franco war aufgestanden, hatte sich hinter sie gestellt, seine Arme um ihre Schultern gelegt und nun sah er auch die Skizze von Mika. GrainBrain schien der Schlüssel zu sein.

Doch wer war Hugh ...?

»Mit Hugh habe ich ein paar Sachen getrunken. In einem geilen Musikschuppen. Der Typ stand an der Bar. Ich glaube, wir haben uns auch unterhalten.«

Stella kramte in ihrem Gedächtnis. Fünf Augenpaare waren auf sie gerichtet und sie konnten es förmlich rattern sehen, besser – hören.

Mit sanfter Stimme fragte FB:

»Stella, hat dieser Hugh was mit GrainBrain zu tun? Ist es das? Kennst du seinen Nachnamen?«

»Weiß ich nicht«, antwortete Stella, stand auf, nahm Franco an die Hand und lief mit ihm in den Weinberg.

Filmriss.

FB wäre nicht FB, wenn er nicht sofort kombiniert hätte. Schon hing er über seinem Laptop und durchforstete GrainBrain im Zusammenhang mit einem „Hugh“. Natürlich nicht über das öffentliche Internet. Er ging davon aus, dass er da nicht fündig werden würde. FB hatte sein eigenes Darknet im Darknet. Er hackte sich direkt bei GrainBrain ein. Nicht auf die Homepage, sondern in das interne Netz der Firma. Das dauerte keine zwei Minuten. Schlecht gesichert, die Bude, sagte er zu sich. Das Glück war auf seiner Seite. Es gab in der Firma einen Professor Hugh Tellerman. Die einzige Person, die „Hugh“ mit Vornamen hieß. Und schon ertönte sein Schlachtruf, durch den er in der Hackerszene berühmt geworden war:

»Fuck! Bingooo!!«

Die Freunde erschraken sich, die Weinreben hielten sich die Ohren zu und wurden trotzdem in einer Umgebung von fünf Meilen schocksauer ...

»Geschafft!«

Nun wieder ganz Winnfried von Löske, nicht FB, berichtete er seinen Kumpels:

»Es gibt nur einen Hugh bei GrainBrain. Der ist der leitende Spezialist im Bereich der Gentechnologie der Firma. Professor. Ursprünglich aus New York.«

Und nun betete er in Windeseile die gesamte Karriere des Hugh Tellerman runter. Sachlich, prägnant und wohlformuliert mit sonorer Stimme, die nicht zu einem 13-jährigen passte. Aufmerksam hörten Alberto und Mika zu. Allmählich konnten sie sich das Puzzle aufbauen. Es fehlten noch einige Teile, aber das große Bild war jetzt schon klar:

Es gab eine gewaltige Macht, die die Erde in ihren Festen erschüttern wollte ...

II

Jutta saß wieder einmal, wie jeden Tag, auf dem großen Balkon ihres wunderschönen Hotelzimmers. Der Blick auf die Bucht von Kapstadt versöhnte sie für einen klitzekleinen Moment. Ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr trauriges, abgespanntes Gesicht. Auf ihrem schönen Antlitz hatten sich zwischen den Augenbrauen nicht nur kleine Sorgenfalten gebildet, ihre Haut war grau. Trotz der Sonne. Grau. Jutta traute sich nicht mehr in den Spiegel zu schauen.

So soll ich aussehen, mit gerade mal 25 Jahren? Das bin doch nicht ich, ging es ihr jeden Morgen wieder durch den Kopf. Sie konnte ihr Schicksal nicht begreifen. Blieb in ihrer Lethargie stecken.

Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich verbrochen, dass ich so gedemütigt werde? Dass ein wildfremder Mensch, dessen Namen ich nicht einmal weiß, mich zwingen kann, meinen geliebten Franco auszuhorchen und ihn letztlich umzubringen? Um nichts Anderes geht es doch dem Scheusal aus New York. Nein, nein, nein! Ich werde ihn austricksen. Niemals werde ich es zulassen, dass dem kleinen hässlichhübschen Italiener auch nur ein einziges Haar gekrümmt wird! Ich bringe doch den Menschen nicht um, den ich am meisten liebe!

Jutta raffte sich endlich dazu auf aktiv zu werden, nachdem sie mindestens eine Stunde einfach nur in die Luft geschaut hatte. Sie zog sich an. Jeans, blauweiße Bluse, knallgelbe Ballerinas, passend zu ihrem knallgelben Rucksack. Wenigstens äußerlich wollte sie fröhlich wirken. Sie verließ das Hotel und schlenderte in Richtung Innenstadt. Einen Plan hatte sie nicht. Wo sollte sie die Suche beginnen? Hotels abklappern würde nichts bringen. Obwohl ...

Ja, ich werde zuerst einmal alle guten Hotels ansteuern. Mich einfach dumm stellen und sagen, dass ich mit Franco Mignello verabredet bin. Dann schauen die in ihre Buchung und sagen „Moment bitte, ich verbinde“, oder „sorry, den haben wir hier nicht“. Es wird eine Wahnsinnsarbeit werden, aber so muss ich das machen. Vielleicht habe ich ja Glück. Am Telefon bringt die Suche nichts. Niemand gibt mir Auskunft, das kenne ich schon.

Sie ging in das erstbeste Reisebüro und fragte nach einer Hotelliste der Stadt. Die war mit Sicherheit genauer, als wenn sie die Hotels googelte. Wozu war sie denn aus der Branche?! Dann setzte sie sich in das nebenan liegende Café und studierte den Plan mit den Hotels. Sie legte sich eine Route zurecht und wusste nun wenigstens schon, wie sie einen Schritt weiterkommen könnte. Vielleicht hatte sie das Glück auf ihrer Seite. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, denn der Druck des Fieslings aus New York lastete schwer auf ihr. Sie müsste ihm heute wieder eine Nachricht auf das kleine Ding sprechen, das für sie das hässlichste Schmuckstück war, das sie je gesehen hatte und das sie seit Joplin um den Hals trug. Denn wenn sie sich nicht meldete, drohte der Geheimnisvolle, sie sofort töten zu lassen ...

Sie hatte in der Innenstadt allein vierhundertdreiundzwanzig Hotels gefunden. In ganz Kapstadt mit den Außenbezirken waren es sogar weit über 900 Hotels! Das war selbst Jutta nicht bekannt gewesen.

Kapstadt – Urlaubermetropole.

Da sie glaubte, in etwa zu wissen, wie Franco tickt, nahm sie sich erst einmal die schönen, kleinen Boutique-Hotels vor. Immerhin ‚nur‘ 89 an der Zahl. Das würde schon fast eine Woche Zeit in Anspruch nehmen. Denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie mehr als fünfzehn oder ein paar mehr Hotels pro Tag schaffen würde. Ihr Mut verließ sie – bei der Sisyphus-Aufgabe! Sie bestellte sich noch einen Cappuccino. Dann sprach sie dem Kotzbrocken in New York noch eine kurze Message auf den ihr wie ein Collier um den Hals hängenden elektronischen Mühlstein, der Tonnen wog, und machte sich auf den Weg zum ersten Hotel. Es lag nur dreihundert Meter vom Café entfernt.

Nichts.

Niemand kannte dort seinen Namen.

»Wie soll der heißen? Franco Mignello? Nein, junge Frau, der hat bei uns nicht eingecheckt!«

Ab zum nächsten.

Wieder nichts.

Nach dem neunten Hotel und einem neunfachen „nein“ war es bereits späterer Nachmittag. Rushhour und Feierabend. Fröhliche Gesichter, wohin Jutta auch blickte und ihr war nur zum Heulen.

Ich muss mir was Besseres einfallen lassen. So komme ich nie ans Ziel.

Resigniert.

Ihr rannen Tränen über das Gesicht. Jutta war nahe daran sich vor den nächsten Bus zu schmeißen.

Aus, vorbei. Liebster – das schaffe ich nicht! Wie soll ich dich nur finden?!

Erschöpft vom Misserfolg, weniger von den paar Kilometern, die sie durch die lebendige Stadt gelaufen war als von ihrer Angst, Franco nicht retten zu können, schlich sie mehr, als sie lief. Sie setzte sich auf die Terrasse einer kleinen Bar.

Der Kellner: sympathischer Typ. Ein riesiger Schlaks, Rastamähne bis zum Hintern, coole Jeans, Flipflops in Neongelb, sich mit ihrer Fußbekleidung ätzend beißend, und ein leicht abgehobenes Grinsen im Gesicht.

Dauerhaft.

»Du siehst scheiße aus, wenn ich mir die Bemerkung gestatten darf, Lady«, kam er an ihren Tisch. »Du brauchst keinen Kaffee, du brauchst was zum Aufmuntern, klar?!«

Sekunden später stellte er der verzweifelt aussehenden Miss AfricameetsEurope ein Cocktailglas mit einer braunen Flüssigkeit hin, die nicht dazu führte, dass sich ihr trauriger Gesichtsausdruck in ein Lächeln verwandelte.

»Trink das.«

Wieder das unverschämte, anziehende Grinsen des Rastaman, der noch um einige Zentimeter größer war als die deutsche Riesin mit ihren gefühlten Zweimetersiebenunddreißig.

Jutta gehorchte widerwillig. Aber schon während des vorsichtigen Trinkens hellte sich ihr wunderschönes, leider ätzend graues, Gesicht auf. Sie strahlte, wie wenn sich der Himmel nach einem heftigen Gewitterguss auftut und die Sonne durch die Wolken blinzelt. Es kam sofort Farbe auf ihre Wangen.

»Was ist das für ein Zeug?«, war das Erste, was aus Juttas Lippen strömte, seit sie hier saß.

»Ein Rezept meiner Großmutter. Was da drin ist, willst du nicht wissen. Aber die Wirkung ist genial, Süße!«

Auch nach Anmachsprüchen war Jutta nicht. Dennoch musste sie sein aufdringliches Grinsen ungewollt erwidern. Der Mix aus Kräutern einer Schamanin und Alkohol ließ nichts Anderes zu.

»Vielleicht kannst du mir ja helfen. Ich suche eine bestimmte Person«.

In der Sekunde kam ihr die Idee, dass sie ja Franco zeichnen könnte ...

»Hast du mal ein Blatt Papier und einen Stift?«

»Bin schon unterwegs, Lady!«

Jutta zeichnete Franco. So, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Es wurde ein wildes, liebevolles, aussagekräftiges Bild. Die Augen! Der Typ mit der Rastamähne vergaß seinen Job. Setzte sich zu Jutta. Als sein Chef fluchend nach draußen kam, um ihm mitzuteilen, dass er gefeuert sei, wenn er nicht augenblicklich die zahlreichen Gäste bedienen würde, grinste der nur noch unverschämter:

»Mann, du siehst, dass ich gerade Lebenshilfe leiste und einer jungen Dame bewundernd zuschaue. Die malt besser als meine Tante Kate Gottgens, wenn dir der Name was sagt, du Ignorant!«

Und schon stand der Barbesitzer, ein grauhaariger Mittfünfziger, hinter Jutta und schaute ihr auch über die Schulter.

»Willst du bei mir ausstellen, Misses,« fragte er die verzweifelte Schönheit und erhielt keine Antwort. Jutta war in ihr Werk vertieft und schon schossen wieder Tränen aus ihren Augen.

»Das ist genial, Lady. Ich weiß nicht, ob einer meiner Kumpels den Typen erkennt, doch das, was du gerade gezeichnet hast, ist großartig. Ich verstehe noch zu wenig von dem, was du machst, aber ...«

Rastaman und Bartender waren begeistert.

Der Rastaman hatte sogar einen Namen:

»Nenn mich einfach Masimba. Ich komme aus Zimbabwe, studiere Kunst an der Michaelis School of Fine Art hier in Kapstadt und verdiene mir die nötige Kohle mit diesem Scheißjob bei dem Typen, der hinter dir steht. Aber der Job macht mir sogar Spaß. Besonders heute. Mein Glückstag, ´ne Malerin!«

»Das ist fantastisch. Ich danke dir. Ich bin Jutta und komme aus Deutschland«, stellte sich die traurige Malerin vor.

»Komm in zwei Tagen wieder. Ich bin ab mittags da. In der Zwischenzeit frage ich meine Freunde. Morgen geht nicht. Da habe ich an der Uni zu tun. Klar?!«

Jutta war selig. Ein erster Ansatzpunkt, obwohl noch nichts geschehen war.

III

Als Franco und Stella sich nach Stunden – es war inzwischen drei Uhr morgens – wieder zu der noch immer auf der Terrasse sitzenden und arbeitenden Gruppe gesellten, hatte FB die Gen-Firma völlig durchleuchtet. Jeder der dort tätigen Wissenschaftler und Angestellten hatte ein Dossier erhalten. Ebenso hatte FB sich die Mutterfirma, >Bigson Laboratories Bakersfield< – BLB –, vorgenommen und festgestellt, dass die einen Chef hatten, Gerry Bigson, der ein Monster war. Der Drucker lief heiß, denn er druckte für jeden in der kleinen verschworenen Gemeinschaft immer gleich eine Kopie seiner Recherchen aus. Allmählich bildete sich ein Gesamtbild, denn Bigson Laboratories hatte wiederum eine sehr stimmige Connection zu Mantonsa und die seit wenigen Tagen wiederum zu Weyer, einem deutschen Chemiekonzern, der Mantonsa gekauft hatte. Mantonsa wurde – genau wie BLB – von einer Bank finanziert, die der Familie gehörte, denen fast alles auf der Erde zu gehören schien und die einst ein auffälliges Schild an der Tür ihrer Bank hängen hatten. Inzwischen – das war ein Nebeneffekt von FBs Cyber-Angriffen auf BLB & Co. – hielt er auch die Liste der über 150 Nationalbanken in der Hand, die ebenfalls alle der Familie gehören ... Und FB stieß auf weitere Verbindungen, die ihn erneut seinen Schlachtruf in die Nacht schicken ließ. Ergebnis: Nachtruhe von tausenden von Tieren, von der Ameise über die Bemeise bis zum Elefanten, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard, Eichhörnchen und die überaus gefährlichen Faultiere, im Umkreis von hundert Kilometern gestört.

Für FB war klar, dass es sich in Indien um einen lange geplanten Angriff zur Vernichtung eines Großteils der Menschheit handelte. Und nachdem Franco, Alberto de Morrero, Bodyguard Jonathan Burger und der ahnungslose Mika Norman, der eigentlich nur Stella heilen wollte, das Dossier des Winnfried von Löske gelesen hatten, trat auf der Terrasse absolute Stille ein. Zu wahnsinnig und erschütternd waren die von FB aufgezeigten Tatsachen. FB war sich auch sicher, dass die Sieben bei der Gen-Manipulation, die für ihn zweifelsfrei der Auslöser der Menschenmassenvernichtung war, eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Er hatte sich natürlich auch in die wissenschaftlichen Arbeiten der Forscher bei GrainBrain eingehackt und war immer wieder auf das Fehlen der Sieben in der Struktur des Gens im Erbgut des Weizens gestoßen, der der Auslöser für die Katastrophe in Asien sein könnte.

Nur Stella saß, Händchen haltend, neben Franco und schien von all dem nichts mitzubekommen. Sie war verliebt. Ihre Umwelt schien völlig ausgeblendet zu sein.

»Jungs«, begann der Jüngste in der Runde seinen neuen Fast-Freunden mitzuteilen – ohne dass er sie gefragt hätte und ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass eine bildschöne junge Dame unter ihnen weilte, Stella, die eigentlich die Hauptperson der Runde war und alle in der Runde sehnsüchtig auf völlige Genesung des Weltstars hoffte – »ich habe vorhin meine Hacker-Kumpels eingeladen. Die brauchen wir hier, wenn wir die Welt retten wollen. Denn um nichts Geringeres scheint es ja zu gehen, oder sehe ich das falsch?«

Und FB lachte schon wieder so verdammt irre in die herrlich milde Nacht, dass man die Traubenernte auf IN VINO VERITAS in diesem Jahr nun endgültig vergessen konnte.

FB tickte ständig zwischen Wahnsinn und Genie.

Der einzige, der in diesem Moment schnallte, dass Winnfried von Löske eine Show abzog, war Franco. Der kannte ihn inzwischen besser. Das erwachsene Kind aus Wiesbaden hatte einen ätzenden britischen Humor, der in Soho zu Hause zu sein schien, so schräg war er.

»Bald treffen hier meine echten Freunde ein. Ihr müsst euch erst noch dazu qualifizieren. Dich, Stella, nehme ich mal aus. Du bist eine begnadete Musikerin und hast die Pflicht tolle Songs zu schreiben und auf Tour zu gehen, wenn das nach diesem Angriff der Illuminaten auf unseren wunderschönen Planeten noch möglich ist. Die Menschen brauchen dich und deine Stimme!«

Dabei schaute er die New Yorker Schönheit mit den Augen eines um die Liebe wissenden Dreißigjährigen an, ohne Stella dabei anzumachen.

Ein irgendwie unwirkliches Bild:

Magersüchtiger dreizehnjähriger Headbanger trifft auf außergewöhnlichen Weltstar, der zur Zeit nicht weiß, wer er ist, aber unendlich viel Sexappeal hat ...

Wow!

»Auf noch etwas müsst ihr euch gefasst machen: Ein mittlerer Kindergarten fällt übermorgen ein. Mein CC-Team. Die kommen aus den unterschiedlichsten Ecken. Ich habe versucht es so zu timen, dass sie in etwa um die gleiche Zeit am Cape Town International Airport ankommen. Damit du, Alberto, mit deinen Jungs nicht ständig zum Flughafen rasen musst. Ihr wollt wissen, wer kommt? Da ich als der Jüngste der Chef der Cyber-Cracks bin, kenne ich die Typen, kein Problem:

Mah´ma aus Tibet ist mit fünfzehn Jahren nach mir der Jüngste unter uns Männern. Ein Genie. Ihr werdet sehen. War übrigens nicht so ganz einfach den aus Lhasa rauszuschleusen. Innerhalb von Stunden brauchte der einen Pass, der ihn als 19-jährigen Japaner ausweist, plus Visum plus Flugticket plus – na ja, das geht euch nichts an. Ist jedenfalls gelungen.

Dann kommt Maite aus Argentinien. Die ist immerhin schon vierzehn Jahre alt. Die jüngste Frau in meiner Cyber-Bande. Wäre mein Typ, aber viel zu jung für mich ... Geht in Buenos Aires auf eine Sonderschule. Für besonders Begabte und sieht aus wie Selena Gomez. Nur viel hübscher. Könnte deine Tochter sein, Alberto!

Und dann kommen noch Brian aus San Francisco und seine Freundin Wendy aus London. Beide sind angeblich schon 18. Also in meinen Augen echte Senioren. Die sind seit Menschengedenken ein Liebespaar. Vermutlich schon seit der Zeit vor Adam und Eva. Brian studiert an der San Francisco State University am College of Business, wie man die Welt verbessern kann, und Wendy an der Londoner Brunel Universität Computer Science. Beide werden als Hochbegabte schon im nächsten Jahr fertig und ihren MBA oder BS gemacht haben.

Alle zusammen sind wir echt geile Hacker und ohne arrogant zu sein, glaube ich, dass es keine besseren weltweit gibt. Wir haben den Vorteil, wir arbeiten als Team, als Schwarm, als ein großes Molekül. Aufgebaut aus einem einzigen Element:

Wahrhaftigkeit!

Fünf Atome aus Radikalen, Ionen, ionischen Addukten. Wenn ihr versteht, was ich meine. Was der eine nicht kann, übernimmt wortlos der andere. Wir fünf arbeiten schon seit ein paar Jahren zusammen. Ich habe mit Neun angefangen.

Alle haben hohe ethische Ansprüche und Franco weiß in etwa, was wir machen und können. Die Clique brauche ich hier. Das werdet ihr verstehen und Alberto: Du musst vermutlich anbauen ...«

»Amigo. Das ist kein Problem. Die bringen wir alle mit dir zusammen im größten der Gästehäuser unter und Stella, ihre Mutter und Franco bleiben bei mir im Haupthaus, okay?«

»Ja, das lässt sich einrichten.«

Der Tag erwachte bereits wieder, als Alberto, FB, Franco, Mika und Jonathan ins Bett gingen. Stella hatte sich schon eher verabschiedet, nicht ohne ihren Liebsten, Franco, ohne Hemmungen mit Küssen fast völlig aufgefressen zu haben. FB schaute die beiden an, als sei er versehentlich in einem Porno gelandet, obwohl die Liebesbekundungen völlig harmlos waren.

Jeder hatte seine Aufgaben erhalten. Selbst Alberto folgte den Anweisungen FBs, ohne auch nur darüber nachzudenken, dass ihm, dem gestandenen Professor, ein Dreizehnjähriger diese erteilt.

– Jonathan war ab sofort für die Sicherheit der Bewohner des Weingutes verantwortlich und würde dabei vom Schwager Alberto, Sam Gilmore, dem Ex-Agenten des britischen GCHQ, unterstützt werden. Ihre Aufgabe war es, einen Abwehrriegel um das Weingut herum aufzubauen, der effektiver als der Schutz des Pentagons sein müsse.

– Mika wurde von Winnfried von Löske als Seelsorger der Mannschaft eingesetzt. Musik heilt. Musik gibt Kraft. Musik hellt die Stimmung der Seele auf. Mika war in seinem Element und nahm, still lächelnd, den ihm zugedachten Job gerne an. Er würde für alle die richtigen Musikprogramme zusammenstellen. Dass Stella bei seiner Arbeit nach wie vor im Mittelpunkt stehen würde, verstand sich von selbst.

– FB bestimmte Franco zu seinem persönlichen Assistenten und Berater. Seinen genialen Geist und sein generalistisches Denken brauchte der Headbanger jetzt wie die Luft zum Atmen. Die beiden tickten auf ziemlich ähnlicher Wellenlänge.

– Alberto bekam den Job des Elder Statesman, des Vaters, Oberfreundes und des Regulativs, der eventuelle Fehler seiner Kinder erkennt und sofort eingreift.

– Und die übermorgen eintreffenden Maite, Mah‘ma, Brian und Wendy würden ausschließlich FB unterstellt werden. Sie würden versuchen Programme zur Bewältigung der Krise zu entwickeln.

– Von nun an, so hatte es FB für sich beschlossen, wird es FB nicht mehr geben. Nur noch Winnfried von Löske. Schluss mit seinem Schrei „Fuck Bingoooo!“

»Zukünftig bitte nur noch Winnfried, klar?! Auch nicht Winnie oder so‘n Scheiß, oder Herr Baron von Löske, einfach Winnfried!«, bat er im liebenswerten Befehlston die Älteren. Auch in ihm hatte ein rigoroser Wandel stattgefunden.

Ein letztes Mal lachte FB irre in die sich verabschiedende Nacht.

Kurz und bellend, augenzwinkernd.

Was für ein Typ!

Die Truppe bedauerte, das Abgefahrene an FB nicht mehr erleben zu dürfen, dafür aber von heute an das Erwachsenwerden ihres Jüngsten zu begleiten ...

Der Rastaman Masimba blickte immer wieder verzückt auf die Zeichnung, die Jutta gemacht hatte. Seinen Kellnerjob hatte er für heute beendet und war nach Hause gefahren. Mit dem Fahrrad. In Kapstadt nicht ungefährlich. Er wohnte mit drei Kommilitonen in einer WG. Alles Studenten der Kunsthochschule. Masimba saß seit einer Stunde in der gemeinsamen Wohnküche und bastelte an dem Porträt, das die Deutsche angefertigt hatte. Auf dem Weg zur WG hatte er schnell noch ein Dutzend Kopien von der Zeichnung machen lassen. Natürlich erkannte er die wahnsinnige Begabung des ausgelaugt erscheinenden, doch wunderschönen Riesenbabys und es reizte ihn, aus der Schwarzweißskizze mehr zu machen. Die Augen des Typen, den sie suchte, waren einfach unglaublich. Er spielte mit Aquarellfarben und als seine Kumpels von ihren Nachmittagsvorlesungen eintrafen, hatte er schon ein halbes Dutzend Blätter verfremdet. Jetzt war der Gesuchte, Franco Mignello, sehr lebendig geworden. Intuitiv hatte auch Masimba mit seinen Farben den Charakter des Wuschelkopfes richtig getroffen. Ein echtes Kunstwerk war entstanden und die einhellige Meinung seiner WG-Bande:

»Great!!«

»Wer ist das, Masimba?«

»Der wird gesucht. Von einer Weißen, die so schön ist, dass ich geblendet bin! Es ist ihr Typ. Den vermisst sie. Er soll in Kapstadt sein. Wenn ihr eine Idee habt, wie wir sie finden können, helft mir bitte!«

»Ist die Malerin? Das ist fantastisch, was sie skizziert hat. Diese Augen! Und deine Interpretationen – die müssen wir unbedingt zu nächsten Ausstellung einreichen. Das hat was, echt!«, ereiferte sich Kato, sein bester Freund an der Uni.

»Okay. Lass uns mit dem Verteilen der Bilder in der Szene anfangen. So wie der Typ aussieht, ist er einer von uns. Der muss doch zu finden sein, wenn er wirklich in-town ist!«

Kapstadt schläft nicht. Als sich die WG nach einem gemeinsamen Essen – es gab Chakalaka (Tomaten, Karotten, Paprika, gebackene Bohnen, Chilischoten, Weißkohl und gewürzt mit Knoblauch, Curry, Ingwer und Koriander, dazu Brot), gut und billig – auf den Weg in die angesagten Clubs, Bars und Restaurants machte, kannte jeder von ihnen die Story des Tages um Jutta und den charismatischen Typen, der verlorengegangen zu sein schien. Alle hatten eine Kopie und sie schwärmten sternförmig in die pulsierende Szene aus.

Es war längst nach Mitternacht, als Masimba in einem Live-Club abhing. Bis jetzt hatten weder er noch seine Studienkumpels den Italiener gefunden. Die eingehenden SMS‘ waren ernüchternd. Niemand schien ihn zu kennen. In dem Club, in dem Masimba ein Bier trank, spielten drei Jungs, die er kannte. Gitarre, Bass, Drums. Jimi Hendrix-Cover. „Voodoo Child“: ... Well, I stand up next to a mountain / And I chop it down with the edge of my hand / Well, I stand up next to a mountain / Chop it down with the edge of my hand / Well, I pick up all the pieces and make an island / Might even raise just a little sand / Cause I’m a voodoo child / Lord knows I’m a voodoo child ...

Pause. Kaum Beifall, obwohl die Jungs sehr gut waren.

»Hey Zane! Wie geht‘s dir. Ich habe dich lange nicht mehr gesehen!«, begann Masimba das Gespräch mit dem Gitarristen.

»Ja, kann sein, Mann. Wir proben zurzeit viel. Ich möchte mit den Jungs auf Tour gehen, weißt du? Wir brauchen noch ‘n Plakat. Kannst dich ja mal reinhängen. Dann wirst du berühmt wie wir ...«

»Schaust cool aus, Mann. Geiler Style. Ist bei dir der Wohlstand ausgebrochen?«

»Lass sein, Masimba. Noch ein Set. Dann sind wir für heute durch. Gibt‘s was Besonderes, weil du mich so anmachst? Was willst du?«

Genervter Gitarrero.

»Wenn du mich so fragst, Zane, nee. Eigentlich nicht. Aber ich suche für eine echte Lady den Typen hier. Ist er dir in den letzten Wochen vielleicht schon mal untergekommen?«

Masimba schob Zane, dem Gitarristen, der fast besser als die Legende Hendrix war, die kolorierte Zeichnung über den Tresen, an dem sie beide saßen.

Zufall, Irrtum oder Glück?

Zanes Augen leuchteten für den Bruchteil einer Sekunde auf. Erschrocken oder neugierig? Auf jeden Fall so auffällig, dass Masimba, der es gewohnt war, genau zu beobachten – dass hatten ihm seine Professoren als Erstes beigebracht – etwas in den Augen des arroganten Musikers hatte leuchten sehen, das ihm sagte, dass Zane den Gesuchten kennt.

Tausendprozentig!

Irrtum ausgeschlossen.

Zufall und Glück!

»Arbeitest du jetzt für die SSA (State Security Agency, ein südafrikanischer Geheimdienst), du Pfeife?!«

Unsicher-bösartiger Sound in der Stimme:

»Ich mache keine Spitzeldienste.«

Stand auf, drückte die Kippe aus und schlurfte wieder zur Bühne. Seine Kollegen warteten schon. Das zweite Set begann mit „Hey Joe“.

Masimba war happy.

Er glaubte fest daran, dass Zane M‘Mababa, der müde Supergitarrist des Trios, den Typen mit den strahlenden Augen kennt. Darauf würde er sein geliebtes Fahrrad, ein Hercules aus dem Jahr 1922, verwetten.

Winnfried, du arbeitest zu viel!«, begrüßte Franco das erwachsene Kind am frühen Nachmittag des nächsten Tages, als der ehemalige FB mit tiefliegenden, von starken Ringen der Müdigkeit abgegrenzten Augen zur Terrasse des Haupthauses kam, wo die anderen schon beim Lunch saßen.

»Sorry. Ich habe durchgemacht. Mir ging so vieles durch den Kopf und ich hatte keine Zeit zum Schlafen. Was ist passiert? Habt ihr schon neue Meldungen aus Indien? Dazu bin ich gar nicht gekommen ...«, entschuldigte sich Winnfried bei seinen Neufreunden, denen er nun vollends vertraute. Dazu hatte er sich in der Nacht durchgerungen, denn anders konnte er nicht arbeiten.

Alberto saß nachdenklich an der Stirnseite des Tisches. Sein Blick war voll von Trauer und Unverständnis.

»Wir können nur auf unsere eigenen Mutmaßungen bauen. Demnach sterben in Indien noch immer täglich mehr als fünf Millionen Menschen. Es ist eine totale Nachrichtensperre in Kraft. Weltweit. Die Macht, so etwas anzuordnen, haben nur wenige Menschen. Ich habe mich mit Franco ausgetauscht und auch Jonathan und Mika mit einbezogen. Wir sind der Ansicht, dass nur du uns weiterhelfen kannst, Winnfried.«

»Ich habe schon mal angefangen, am Grundübel zu arbeiten. Das ist nicht leicht, aber zumindest ist es mir in den letzten Stunden gelungen, BLB in Kalifornien auszuschalten und auch deren Tochter GrainBrain hier in Kapstadt. Endgültig können wir das auf Dauer programmieren, ohne dass diese Verbrecherfirmen noch eine Chance erhalten, die Erde weiterhin zu verpesten, wenn meine Clique morgen angekommen ist. Das ist eine Menge Holz, das kann ich euch sagen. Die haben Verschlüsselungstechniken, die sind vom Allerfeinsten. Aber: Zurzeit haben beide Firmen eine Störung auf ihren Systemen, die sie erst mal für die nächsten ein, zwei Wochen beschäftigen wird. Und bis dahin haben wir eine Lösung gefunden, die perversen Gentechnologien vom Markt zu nehmen. Franco weiß, dass wir es schon in einem anderen Zusammenhang im IT-Bereich geschafft haben.«

»Ja, das kann ich bestätigen«, antwortete Franco, ohne näher darauf einzugehen. Er war verzweifelt und gleichzeitig wahnsinnig motiviert das Chaos irgendwie abzuwenden, denn er ging davon aus, dass nicht nur Indien betroffen bleibt, sondern große Teile der Menschheit auf der gesamten Erde vernichtet werden sollen. Franco wirkte angestrengt. Das lag daran, dass er ebenso kaum geschlafen hatte, da er mit der Ausarbeitung einer Logistik beschäftigt war, wie man die Toten irgendwie noch würdevoll in das Jenseits verabschieden könne. Er wusste, dass das nicht möglich war und dennoch beschäftigte es ihn massiv. Noch dazu, weil er es auf dem indischen Kontinent mit anderen Bräuchen und Riten zu tun hatte. Der Hinduismus ging mit Toten ganz anders um als das Christentum. Dazu kamen die vielen Moslems, die wiederum andere Beerdigungen vorsehen. Wie würde das alles zu bewältigen sein, wenn ...

»Mangwanani shumba!«, begrüßte Masimba Jutta. Wie locker verabredet, kam sie am Morgen des übernächsten Tages wieder in die kleine Bar, in der der Kunststudent seine Studiengebühren verdiente.

»Was heißt das, Masimba?«, fragte die heute schon wieder viel besser aussehende Malerin den Rastaman, der sie anstrahlte, als sei sie die zweite Sonne.

»Das heißt „Guten Morgen, Löwin!“ in meiner Heimatsprache Shona. Ich sehe mit Freuden, dass du wieder du bist und zum Kämpfen bereit. Das ist gut so, musikana!«

»Halt, ich bin keine Musikerin, ich bin Malerin«, erwiderte Jutta.

Masimba lachte ... »“Musikana“ heißt in unserer Sprache Mädchen und nicht Musikerin!«

»Ach so, in deinen Augen bin ich ein Mädchen?! Heiratet ihr hier nicht schon mit Vierzehn? Dann bin ich doch schon eine ältere Frau ...«

Jutta gefiel der Masimba. Er hatte etwas Fröhliches, Optimistisches an sich und das baute sie auf.

»Ich bringe dir jetzt den besten Kaffee der Stadt – sagt zumindest mein Chef –, musikana, und dann setze ich mich kurz zu dir ...«

Jutta schaute dem fantastisch aussehenden Typen mit dem Kennerblick einer von der Malerei besessenen Expertin hinterher und ihr Tag ließ sich schon viel besser an als die Wochen zuvor. Jutta fand allmählich ins Leben zurück. Wenn da nicht dieser verdammte alte, widerliche, perverse Typ in New York wäre, der ihr unendlich viel Angst machte und sie völlig im Griff hatte.

Masimba kam mit einem Tablett zurück, auf dem nicht nur ein herrlich duftender Kaffee stand, sondern ein Frühstück, das Juttas Sinne total anregte. Ja, sie verspürte endlich wieder so etwas wie Hunger und griff zu, bevor Masimba die liebevoll zubereiteten Köstlichkeiten absetzen konnte.

»Jutta, ich denke, wir haben deinen Typen so gut wie gefunden«, überfiel er voller Stolz die Frau, in die er sich auf der Stelle verlieben könnte. Aber er war zu schüchtern. Große Klappe und viel dahinter – nur nicht in Sachen Liebe. Er kam aus einem Dorf, nördlich der Hauptstadt Simbabwes, Harare, und seine Eltern legten großen Wert darauf, dass er sich Frauen gegenüber wie ein Gentleman zu verhalten habe. Sie waren es auch, die ihn zur Malerei gebracht hatten, denn sie erklärten ihm mit schlüssigen Argumenten, dass das Schönste vom Schönen auf der Erde eine schöne Frau ist. So wie seine Mutter noch immer eine wunderschöne Frau war. Und die Weiße aus Deutschland, Jutta, war definitiv als schön zu bezeichnen. Masimba hatte große Ehrfurcht gegenüber der Schöpfung. Schon in den ersten Monaten an der Kunsthochschule lernte er, Schönheit auch rein sachlich beurteilen zu können. Der Goldene Schnitt war für ihn das Allergrößte. Die Schöpfung hatte Unglaubliches geleistet. Die Harmonie der Grenzen gehörte definitiv zu den Wundern Gottes.

»Was soll das heißen, Masimba?!«

Jutta geriet augenblicklich in einen positiven Schockzustand.

»Na ja, so einfach ist es nicht. Aber ich habe gestern einen Musiker getroffen, der hatte ein absolut verräterisches Zucken in seinen Augen als ich ihm das Bild von deinem Typen zeigte. Gesagt hat er nichts.«

Und wie Masimba das sagte, legte er das von ihm vollendete Bild von Franco Mignello auf den Tisch, dass Jutta die Gabel, mit der sie gerade eine Mangoscheibe aufgabeln wollte, aus der Hand fiel.

Klirr.

»Franco! Das ist Franco! Kennst du ihn, hast du mich belogen?! Ja, du musst ihn kennen!« Jutta war außer sich. Sie hatte dem studierenden Kellner eine Skizze in Schwarzweiß übergeben. Jetzt erhielt sie ein Kunstwerk zurück, das ihren Franco so klar und unmissverständlich zeigte, dass es für sie keinen Zweifel daran geben konnte, dass der Rastaman ihn kennen muss! Selbst die Farbe seiner Haare stimmte, natürlich die der intensiven Augen.

»Nein. Nur so, wie du ihn skizziert und beschrieben hast, konnte er auf Grund der unwahrscheinlichen Augen aussehen. Nicht anders. Ich habe einfach ein bisschen rumexperimentiert und so, wie er jetzt vor dir liegt, kann er nur der sein, den du suchst. Was Anderes passt nicht zu seinen bemerkenswerten Augen, musikana!«

»Du bist ein Genie, Masimba! Das ist ohne Zweifel der junge Mann, den ich suche!«

Jutta rannen literweise Tränen aus dem Gesicht. Wieder bahnte sich eine Katastrophe an, wie einst in Miami Beach. Die Überflutung Kapstadts war nur noch eine Frage der Zeit ...

Masimba holte Jutta wieder seinen Spezialdrink, den er ihr schon vorgestern serviert hatte. Und siehe da: Die Schleusen für das Absondern von salzigem Wasser schlossen sich.

»Was heißt das „... so gut wie gefunden ...“?«

»So, wie ich es sagte. So gut wie. Deine von mir aufgepeppte Skizze von dem Typen habe ich meinen Mitkommilitonen gegeben. Wir wohnen zu viert in einer WG, alles Kunststudenten. Wir machten uns noch am gleichen Abend nach deinem Besuch hier in der Bar auf die Suche. Wir waren erfolglos. Dann ging ich vor lauter Frust noch auf einen Absacker in einen Laden, in dem hin und wieder eine Jimi-Hendrix-Coverband spielt. Die haben einen Gitarristen, der sensationell ist. Und dem zeigte ich nach einem Set bei einem Bier genau dieses Bild. Er sagte nichts, aber seine Augen zuckten verdammt noch mal verräterisch. Ich bin überzeugt, dass er deinen Franco kennt. An den musst du dich hängen. Klar?«

Bevor Jutta vor Freude wieder zu Heulen anfangen konnte, lief Masimba blitzschnell in die Bar an die Bar. Mixte ihr noch einmal das verschärfte Gesöff und servierte es ihr mit seinem ekelhaft sympathischen Grinsen, so dass Jutta nun auch endlich lächelte.

»Wie können wir den treffen?«

»Geduld, Lady. Der spielt erst am nächsten Montag wieder ab Mitternacht in dem Club. Ich weiß nicht, wo er wohnt. Keine Chance. Übe dich bitte in Geduld. Die haben wir hier in Afrika seit die Kolonialmächte über uns hergefallen sind. Wir gehen am Montag da hin, versprochen. Und dann sehen wir, wie wir weitermachen, okay?«

Jutta streichelte die Fotokopie von Franco so zärtlich, dass es dem Rastaman ganz anders wurde.

Wäre ich doch der, den sie sucht, ging es durch seinen verfilzten Schädel.

IV

New York. Dreizehn Männer saßen schweigend um den Kamin. Downtown. #13, Mulberry Street. Nie waren sie in den letzten Jahren zufriedener gewesen als heute. Ihnen waren gerade gigantische Zahlen durch Joe Wood gemeldet worden. Mit zwei Dutzend der besten Agenten, die der >Rat der Dreizehn< über Wood zur Verfügung hatte, leitete dieser von Kapstadt aus die Kontrollaktion der in Indien eingesetzten Agenten. Da spielte es auch im Moment keine Rolle, dass Wood in Sachen Vernichtung des Franco Mignello noch nicht erfolgreich war.

Der Souveräne General-Großinspekteur Juda Weisenfeld hatte heute, nur kurz nach dem Beginn der Getreideernte in Indien, die ersten einhundert Millionen Toten verzeichnen können. An den Zahlen, die Wood geliefert hatte, war nichts zu rütteln. Drei Bundesländer waren so gut wie ausgelöscht. Von Menschen befreit. Der Tod selbst würde auch noch zu einem gigantischen Geschäft werden können. Das hatte Weisenfeld in seiner Konzentration auf das eigentliche Ziel anfangs völlig aus den Augen gelassen. Dass er da falsch lag, war seiner Arroganz zuzuschreiben ... Ein Fehler, den er sich in dem Moment der stillen Einkehr mit seinen Ratsbrüdern eingestand. Ein Novum. Denn Weisenfeld war selbstherrlich.

Mehr als das.

Er fühlte sich als Stellvertreter Gottes.

So weit ging sein Wahnsinn.

Eigentlich wollte er ja nur den Anweisungen folgen, die ihm das Oberhaupt der Familie, dem die Erde mit ihren Ressourcen zu mindestens 80 Prozent gehört, vor wenigen Jahren gegeben hatte. Eine Genmanipulation an einem Lebensmittel so zu entwickeln und umzusetzen, dass sie gezielt auf einem Kontinent mit extremer Überbevölkerung eingesetzt werden könne. Dass das Saatgut von Gerry Bigson und seiner Grain-Brain-Firma in Südafrika dermaßen vorzüglich funktionieren würde, hatte er gehofft, aber anfangs nicht so recht daran geglaubt. Jetzt übertraf der Erfolg seine kühnsten Träume!

Still und verzückt, entrückt und abartig selig, saßen die Verwalter der Herrscherfamilien der Welt, die sich im ´Rat der 13´ widerspiegelten, und lauschten dem Knistern des schwer, aber letztlich vorzüglich lange brennenden Teakholzes in dem überdimensionierten Kamin.

Die 13 Anwesenden agierten und lebten streng nach und mit der magischen Zahl der Kabbala, der 7. Es ist die mächtigste Zahl im Okkultismus. Der 7-Jahres-Zyklus hatte zuerst erfolgreich die letzte Finanzkatastrophe ausgearbeitet, dann ausgelöst und gnadenlos durchgezogen. Zum Nutzen der wenigen Familien. In dieser Zeit hatte Weisenfeld im Auftrag seiner Herren auch die Gen-Manipulation in Auftrag gegeben. Dass die Umsetzung etwas mehr als sieben Jahre gedauert hatte, war ein aus heutiger Sicht zu vernachlässigender Lapsus gewesen.