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Stephan Massimo

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Beschreibung

Vor dem Traumhaus an den Klippen des Atlantiks, dass die Familie Blanck erst vor wenigen Tagen bezogen hat, braut sich etwas zusammen. Voller Sorge erwarten die Küstenbewohner die Ankunft von Millionen Flüchtlingen. Die Bedrohung von außen führt zu Spannungen im Inneren und legt die Risse frei, die in den Fundamenten brüchiger Demokratien entstanden sind. Feuer brechen aus und verschmelzen private Schicksal mit Zeitgeschichte.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2025

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STEPHAN MASSIMO

SIE KOMMEN

Olho de Deus – Auge Gottes.

Chico hatte vorgeschlagen, dem Haus diesen Namen zu geben, und obwohl sie nicht gläubig sind, fanden sie es sehr passend. Unter anderen Umständen wäre es jetzt der Augenblick, von dem Eliot geträumt hat, als er das Grundstück vor fünf Jahren entdeckte. Die klaren Linien der Architektur, in Rundungen fließend, die sich in die Landschaft fügen und um zwei Bäume winden, die achtlose Bauherren gedankenlos dem rechten Winkel der Einfallslosen geopfert hätten. Die hohen Glasfronten im Erdgeschoss, die den darüber liegenden Monolithen mit einer Leichtigkeit tragen, die alle physikalischen und statischen Gesetze verspottet. Die Ruhe dieses auskragenden Blocks, dem Atlantik entgegenragend, ihn durch sein fünf Meter hohes und zwölf Meter breites, gerundetes Glasauge Tag und Nacht bewundernd. Die zweiunddreißig Meter lange Tragfläche einer ausrangierten Boing 747- 400, die als Dach der Terrasse dient, seit ein Helikopter sie vor drei Monaten vom Flugzeugfriedhof Teruel hierher transportiert hat. In den mittlerweile bis zu vierzig Grad heißen Sommermonaten wird sich dort Schatten sammeln und für ein wenig Erleichterung sorgen. Es war Mortons Idee. Eine von vielen außergewöhnlichen Einfällen, die sie zusammen-getragen und größtenteils verwirklicht haben.

Der Pferdestall, den Uma und Libby sich gewünscht haben, liegt am äußersten Ende der Tragfläche. Die Pferde stammen aus dem Gestüt de Cima in der Nähe von Nisa. Eliot hat sie zusammen mit den Kindern vor acht Tagen dort abgeholt, auch wenn Uma das alles plötzlich nicht mehr interessiert. Natürlich vermisst sie ihre Freundinnen und ihre Gewohnheiten, aber sie wird sich schon bald an das neue Leben gewöhnen. Noch vor kurzem war sie Feuer und Flamme für all das hier.

Die Kosten für den Bau des Hauses sind förmlich explodiert. Mit einer Inflationsrate von achtunddreißig Prozent hat Eliot beim Kauf nicht gerechnet. Niemand hat so einen Anstieg erwartet und falls doch, haben die Analysten der Banken es verschwiegen. In Venezuela liegt die Rate inzwischen bei über zweihundert Prozent. So gesehen sind sie noch glimpflich davongekommen. Amerikas Staatsverschuldung liegt bei 154 Prozent, Frankreich steuert auf 130 zu. Warum sich die Welt trotzdem weiterdreht, kann niemand mehr erklären. Das Irrationale ist zum Standard geworden, der Wahnsinn ein Synonym für das Alltägliche.

Keine vier Kilometer weiter hat ein Engländer vor drei Jahren Grund gekauft und zu bauen begonnen. Im letzten Winter musste er – von der Talfahrt an den Börsen und den schwächelnden Märkten in Mitleidenschaft gezogen – aufgegeben. Es ist ein Naturschutzgebiet. Behörden müssen überzeugt werden, der ganze Amtsschimmel, mit dem einzigen Argument, das überall auf der Welt zum Ziel führt.

Es hat seit hundertneunzig Tagen nicht mehr geregnet. Der halbe Distrikt Faro brennt lichterloh. Keine vierzig Kilometer von hier entfernt hat das Feuer Monchique erreicht. Die Feuerwehr ist machtlos. Chico glaubt, dass bald Regen kommt, viel Regen, so viel wie im vorletzten Herbst, als die Bauarbeiten für vier Wochen unterbrochen werden mussten. Die Baustelle stand kniehoch im Wasser. Es waren Wochen, in denen Eliot die ganze Unternehmung verfluchte. Inzwischen ist jede Fuge des Hauses geschlossen. Das nächste Unwetter kann kommen. Es muss sogar kommen, sonst wird aus den momentanen Engpässen schon sehr bald ein schwerwiegendes Problem. Vielleicht kommt es dann zu Unruhen. Viele sind deswegen nervös oder verunsichert. Angeblich haben sich Millionen Menschen auf den Weg hierher gemacht haben. Sie kommen. Diese Parole der Angst geht herum und zündet auch die Lunten derer an, die bisher gelassen und entspannt waren. Veränderungen beginnen unsichtbar. Es ist wie mit einem Virus, der erst um sich greift, wenn alle von seiner Existenz wissen. Man könnte fast glauben, die Erwartung des Ausbruchs führt zum Ausbruch.

Noch vor einem Monat lief alles ganz normal. Jetzt steigern die Leute sich in eine Untergangshysterie. Was für ein Unsinn. Dieser Meinung ist auch Chico, der hier geboren ist und mit der Mentalität vertraut ist. Ihr seid doch keine Deutschen, sagt Eliot jetzt öfter zu ihm, keine Angsthasen. Er glaubt, dass sich die Wogen rasch glätten und schon bald alles wieder seinen gewohnten Gang gehen wird. So war es bis jetzt immer. Viel Wind um nichts. Eliot ist ein Fan des gewohnten Gangs. Für Überraschungen ist er nicht zu haben.

Chico Barros ist vor zweiundvierzig Jahren in Aljezur zur Welt gekommen. Er kann den Ozean, den Himmel, die Wolken und somit das lokale Wetter lesen. Er kennt jeden Handwerker im Umkreis von fünfzig Kilometern. Es war Mortens Idee, ihn als Bauleiter mit ins Projekt zu nehmen, eine ausgezeichnete Idee, wie sich herausgestellt hat. Ohne Chico wären sie schon mehrfach aufgeschmissen gewesen. Inzwischen ist er ein Freund, dessen Ratschläge sie nicht überheblich in den Wind schlagen, wie viele es tun, die hier gekauft haben, vor allem die neuen Holländer, die üblichen Engländer, und die überheblichen Deutschen, die sich für besonders schlau halten.

Chicos Frau Isabell ist Hausfrau aus Leidenschaft. Ihr Lebensinhalt ist vor allem ihre Tochter Ana, die keine zwei Jahre älter als Uma ist. Eliot hofft, dass die beiden sich anfreunden. Es würde Uma bestimmt helfen, Lissabon hinter sich zu lassen.

Eliot geht um das Haus, tätschelt mit seinen Handflächen die vor Kraft strotzenden, hölzernen Pfeiler, die wie mächtige Tiere wirken. Vieles ist so geworden, wie sie es sich ausgedacht haben. So ist es nicht immer im Leben. Große Projekte erzeugen große Widerstände. Monate ziehen ins Land, zehren an der Geduld und tauchen das Ziel in beunruhigende Unschärfe.

Am Morgen hat er Amon Asch von Flughafen abgeholt. Ivas Vater Uri hat ihn geschickt. Eliot weiß noch nicht, was er davon halten soll. Während Uris Zeit in der Politik hat Amon Asch als Sicherheitschef für ihn gearbeitet. Die Aura eines Mossad Agenten umgibt ihn, und vermutlich war er das auch einmal. Er wird es Eliot sicher nicht auf die Nase binden. Das Entscheidende an Geheimnissen ist nun mal, sie geheim zu halten. Plaudertaschen haben in diesem Metier nichts verloren. Vielleicht ist es nicht falsch jemanden im Haus zu haben, der die gesamte Lage besser einschätzen kann und gute Verbindungen zum Geheimdienst und zum Militär hat.

Amon Asch hat Juri Agapow mitgebracht, dessen Gesicht so hart ist, wie die Waffen, mit denen er handelt. Agapow befehligt eine Privatarmee mit mehr als achttausend Männern. Er ist aus dem ältesten Holz geschnitzt, scheint humorlos und spaßbefreit. Eliot hofft, dass Agagpows Leute nie einen Fuß auf dieses Stück Land setzen werden, in das er sich vom ersten Augenblick an verliebt hat.

Sie nehmen in den Korbstühlen Platz, die in der Nähe des Pools unter einem Sonnendach stehen. Milele, die seit zwei Jahren bei ihnen ist, hat Melonen, Guacamole, Humus, Linsenchips, Wasser und Weißwein auf den Tisch gestellt. Eliot ist immer wieder erstaunt, welch natürliches Gespür für Farben und Muster Milele hat. Als er sie um ihre Meinung bezüglich der Farbgestaltung in den Zimmern gebeten hatte, war sie stolz und zugleich verlegen.

Libby und Uma begrüßen die Gäste so höflich, wie sie es ihnen beigebracht haben. Erziehung lässt sich erst überprüfen, wenn sie mit der Außenwelt konfrontiert wird. Die Eltern von Umas Freundinnen schwärmen geradezu von ihrer Hilfsbereitschaft, ihrer sozialen Kompetenz und ihrer Freundlichkeit.

Eliot mag die Blicke nicht, mit denen Agapow Uma mustert, als schätze er ihren Verkaufswert ein. Dass sie anziehend auf Männer wirkt, irritiert ihn. Seit einem Monat ist sie ihre Zahnspange los, aber dass sie Rundungen aufweist, die unwiderruflich ihre Verwandlung in eine junge Frau ankündigen, fällt Eliot erst auf, seit Agapows sie unverfroren begutachtet.

In absehbarer Zeit wird er Uma verlieren. An einen jungen Kerl, an die Liebe und ihren Ernst, an die Welt und ihr Chaos. Als Eliot das Grundstück vor fünf Jahren gekauft hat, dachte er, es läge noch jede Menge Zeit vor ihnen. Jetzt kündigt sich ohne Vorwarnung dieser unausweichliche Verlust an und bürdet ihm die Option auf, schon in Kürze ganz plötzlich alt zu sein.

»Schön habt ihr es hier«, sagt Amon Asch, als würden sie sich seit ewigen Zeiten kennen. Mit seinem Hut fächert er sich Luft zu. »Sie sind der Architekt?«

»Ja. Morton Grenberg. Willkommen im Olho de Deus«, sagt Morton.

»Wie lange dauert es von der ersten Idee bis zur Fertigstellung? Ich bin bei solchen Dingen sehr ungeduldig.«

»Nun. Diesmal hat es sich in Länge gezogen, aber jetzt sind wir fast am Ziel«, sagt Morton.

»Löchrige Lieferketten und die damit verbundenen Probleme«, fügt Eliot hinzu, damit Asch nicht auf die Idee kommt, es könne an ihrer Unfähigkeit gelegen haben. »Es war ein Kampf. Libby und Uma mussten lange darauf warten, endlich in den Pool hüpfen zu können.«

»Mein Flug nach Minsk geht in zwei Stunden«, sagt Agapow, sichtlich gelangweilt vom Smalltalk.

»Ja. Richtig. Kommen wir also zur Sache. Uri macht sich große Sorgen um Iva und die Kinder und natürlich auch um Sie, Eliot. Es steht außer Frage, dass sie kommen. Die Frage ist nur wann, und mit welcher Vehemenz. Werden sie bewaffnet sein? Davon ist auszugehen«, sagt Asch. Seine Stirn ist faltig, seine Lippen sind prall und weißfleckig, als stünden sie permanent unter Hochdruck.

»Wie viele werden es sein?«, fragt Eliot.

»Tausende vermutlich, wenn nicht sogar Hunderttausende. Es ist nicht mehr aufzuhalten«, erwidert Asch.

»Die Brände schneiden viele Fluchtwege ins Inland ab«, sagt Agapow.

»Wir haben das Haus nicht gebaut, um zu flüchten«, erwidert Eliot.

»Dann sollten Sie bereit sein«, sagt Agapow.

»Und was genau bedeutet das?«

»Sie müssen alles schützen, was Ihnen gehört. Je mehr Abschreckung, desto besser«, sagt Agapow.

»Ich fürchte, er hat recht«, pflichtet Amon Asch ihm bei.

»Klingt, als würden Sie einen Hochsicherheitstrakt aus dem Haus machen wollen«, sagt Morton.

»Das wäre sehr klug«, entgegnet Agapow. »Sie werden das große Besteck brauchen. Kugelsichere Stahlzäune, Videoüberwachung, Druckzünder und Minen, die sicherstellen, dass niemand ungefragt auf das Grundstück gelangt. Ein Geheimzugang zum Grundstück wäre ratsam. Und natürlich sollten Sie so autark werden wie möglich.«

»Wir können die Märkte im Umkreis abgrasen und so viele Lebensmittel besorgen wie wir kriegen können», sagt Iva.

»Je früher, desto besser«, sagt Amon Asch. »Schafft euch ein Kühlhaus an. Nicht irgendwann, sondern heute noch.«

»Noch vor einer Woche war das kein Thema. Jetzt kocht es plötzlich hoch und macht alle verrückt. Ich frage mich, wer das auf die Herdplatte gestellt hat. Irgendjemand, der kräftig an diese Hysterie verdient«, sagt Morton.

»Die Nervosität kommt nicht von ungefähr. Wir können auf keinerlei Erfahrungswerte zurückgreifen. Es ist eine völlig andere Art des Krieges«, erwidert Amon Asch.

»Krieg? Ist das nicht ein sehr großes Wort? Bestimmt haben sie vor allem Hunger und Durst«, sagt Chico.

»Falls Muslime unter ihnen sind, könnten sie …«, sagt Asch.

»Es sind jede Menge Muslime unter ihnen. Ich behaupte sogar, sie sind in der Mehrzahl, und es ist sehr wahrscheinlich, dass sie gegenüber Juden nicht zimperlich sein werden«, erwidert Agapow.

»Aber wir wissen es nicht«, unterbricht Eliot ihn.

»Wenn Sie spekulieren wollen, ist das Ihre Sache«, erwidert Agapow.

»Wie schnell könnte die Ausrüstung hier sein?« fragt Asch.

»In drei Tagen,« entgegnet Agapow. »Ich kann einige Männer aus Angola hierher beordern.«

»Afrikaner?« fragt Asch.

»Schwarze gibt es bei mir nicht.«

»Was würde so ein Einsatz kosten?«, fragt Eliot.

»250.000 für eine Einheit mit fünf Mann samt Ausrüstung für einen Zeitraum von zwei Monaten. Den Stahlzaun nicht eingerechnet. Den kann ich nicht liefern.«

»Wo sollen wir mit diesen Leuten hin?«, sagt Morton. »Die Vorstellung, das Haus könnte wochenlang voller Soldaten sein, behagt mir ganz und gar nicht.«

»Mir auch nicht«, sagt Iva.

»Keine Sorge. Sie werden Zelte aufbauen, eine Feldküche, ein Toilettenhäuschen und eine Dusche.«

»Doch nicht etwa im Garten?«, sagt Iva, und wirft Amon Asch einen ungläubigen Blick zu. »Es ist keine vier Wochen her, dass der Rollrasen verlegt wurde. Der muss anwachsen, sonst war alles für die Katz.«

»Wenn sie kommen – und alles spricht dafür – wird der Rasen euer geringstes Problem sein«, sagt Amon Asch.

»Und was, wenn das alles ein Irrtum ist? Wenn sie gar nicht kommen oder völlig harmlos sind?« sagt Eliot.

Die Männer sehen sich an. Ihre Gesichter geben wieder, was sie von seinem Einwand halten.

»Man hat diese Menschen Jahrhunderte lang kleingehalten, ihre Bodenschätze geplündert, ihr Klima zerstört, ihnen den Zugang zu den Märkten erschwert, sie verhungern lassen. Wenn man mit mir so umgegangen wäre, hätte ich eine satte Rechnung offen«, sagt Agapow. »Aber ich zwinge Ihnen meine Unterstützung nicht auf.«

»Uri wird sich an den Kosten beteiligen. Daran soll es nicht scheitern«, sagt Amon Asch, um dem Plan Nachdruck zu verleihen, dessen Umsetzung Uri bestimmt längst als alternativlos beschlossen hat.

Eliot sieht zu Libby und Uma, die im hinteren Teil des Grundstücks Cricket spielen. Neben Libby, die nächste Woche neun wird, wirkt Uma mit ihren langen schwarzen Haaren wie eine junge Frau. In welche Zeit wachsen die beiden hinein? Noch vor einer Woche hätte Eliot eine positive Antwort darauf gegeben. Er ist nicht einer dieser Deutschen, die jammern, obwohl es ihnen sehr gut geht, besser als den meisten. Für apokalyptisches Geschwätz ist er nicht zu haben. Die Gegenwart beherrschen und die Zukunft so gestalten, dass sie besser wird – das ist sein Credo, war es schon immer.

Obwohl das Grundstück direkt am Atlantik liegt, hat sich niemand außer ihm ernsthaft dafür interessiert, weder Einheimische noch Ausländer. Zu hohe Kosten, zu viel Risiko in unsicheren Zeiten, zu viel Arbeit für die Personal benötigt wird. Sich von allem zurückzuziehen, die Dinge einfach laufen lassen, bis eines Tages das Licht ausgeht, ist bestimmt nicht die Lösung. Falls die alte Welt tatsächlich untergeht, was Eliot bezweifelt, müssen mutige Menschen sich bereit erklären, eine neue aufzubauen. Sich dem Ende hinzugeben, liegt nicht in seinem Naturell.

»Geben Sie uns eine Stunde Bedenkzeit«, sagt er zu Agapow. Dass sein Schwiegervater Amon Asch und einen Mann geschickt hat, dessen Geschäftsgrundlage bewaff-nete Auseinandersetzungen sind, ist befremdlich, fast so, als wolle man sie für eine Versteckte Kamera Sendung aufs Korn nehmen.

»Du hast meine Nummer», sagt Agapow zu Amon Asch. Er erhebt sich, verabschiedet sich mit einem Handzeichen. Vor zwei Stunden hat Eliot sich noch keine Sorgen gemacht, aber jetzt muss er sich eingestehen, dass er ein wenig verunsichert ist.

Es spielt keine Rolle, ob er noch zehn Mal im Wohnzimmer auf und ab geht oder sich hinsetzt. Egal wie sie sich entscheiden, es werden immer Zweifel zurückbleiben. Eliot kann sie körperlich spüren. Sie lösen ein Unbehagen aus, eine Verkrampfung.

»Wir müssen es tun. Auch wenn es uns nicht gefällt. Für Libby und Uma. Woher wissen wir, ob wir an einem anderen Ort sicherer sind? Und all das hier? Was wird daraus? Wer kann uns garantieren, dass es in unserer Abwesenheit nicht verwüstet wird?«, sagt Eliot, um sich selbst zu überreden.

»Ich bin nicht gerade begeistert, aber ich will mir das Gesicht meines Vaters nicht vorstellen, wenn hier etwas passiert und wir seinen Ratschlag ignoriert haben«, sagt Iva.

Dann wird Uri sagen, dass sie einen überheblichen Deutschen geheiratet hat, dessen positive Einstellung auf einem halsbrecherisch naiven Weltbild basiert. Zu Eliots Leidwesen sammeln sich seit dem Erscheinen von Amon Asch Argumente in ihm an, die genau diese Diagnose bestätigen. Vielleicht ist er wirklich zu optimistisch, in einer Zeit in der es keine Garantien mehr gibt und die häufigen Unwetter so heftig sind, dass es unmöglich geworden ist, sich gegen Elementarschäden zu versichern. Aus Jahrhundertfluten sind alljährliche Hochwasserkatastrophen geworden, aus lokalen Feuern Flächenbrände, die Milliarden verschlingen. Die Prämien würden ins Unermessliche steigen. Die Regierungen vieler Länder haben sich in Reparaturunternehmen verwandelt. Der Kampf gegen die Klimaschäden wirkt wie ein lachhafter Versuch, mit bloßen Händen den Einsturz eines Bergmassivs aufzuhalten. Auf die Nachsicht eines Zufalls zu hoffen, der einen die ganze Sache halbwegs unbeschadet überstehen lässt, wäre fahrlässig.

»Dann sage ich Amon Asch Bescheid. Agapow soll seine Männer schicken.«

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man Entscheidungen treffen muss, die einem widerstreben und ausschließlich der Vernunft und der Verantwortung geschuldet sind. Wenn sie das Haus jetzt unbewacht zurücklassen, waren alle Mühen der letzten Jahre umsonst. Sie müssen diesen Sturm irgendwie überstehen, in diesem Haus, und es ist wahrscheinlich, dass sie es nicht alleine schaffen können. Nicht, wenn es so schlimm wird, wie Amon Asch und Agapow befürchten.

Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass Eliot sich mit Gewalt konfrontiert sieht, genauer gesagt mit der Möglichkeit, dass es dazu kommen könnte. Er weiß nicht, wie er damit umgehen soll, hat noch nie eine Waffe in der Hand gehalten, geschweige denn abgefeuert. Bis vor kurzem haben sie mit vier Millionen anderen Menschen in der Stadt gelebt, sich keine Gedanken um Überwachungskameras, Zäune und Bewegungsmelder gemacht. Städte sind Schutzräume. Das wird Eliot erst jetzt bewusst. Das Olho de Deus liegt auf dem Präsentierteller, aber als er das Grundstück gekauft hat, konnte er nicht ahnen, dass die exponierte Lage zum Problem werden könnte. Es hat es ihm gefallen, dass die nächsten Nachbarn drei Kilometer entfernt sind. Vielleicht hat er aufkommende Zweifel nicht ernst genug genommen, sie in den Wind geschossen. Das kann passieren, wenn man etwas unbedingt haben will. Ein Unternehmen, eine Frau, ein Auto, ein Haus. Man redet sich die Risiken und Schattenseiten schön. Schlechte Nachrichten gibt es vor allem deshalb, weil sich gutes Geld damit verdienen lässt. Eigentlich muss er sich keine Sorgen machen. Alles was sich versichern lässt, ist versichert.

Vor zwanzig Jahren haben die Experten verkündet, es würde noch mindestens ein halbes Jahrhundert dauern, bis die Probleme sichtbar würden. Vor zehn Jahren sagte sie, es blieben noch gut fünfundzwanzig Jahre, genug Zeit also, um Maßnahmen zu ergreifen, die das Schlimmste verhindern, aber vielleicht haben sie sich getäuscht oder sogar vorsätzlich gelogen, weil sie bis jetzt keine Lösung für die großen Probleme gefunden haben oder sie möglicherweise unlösbar sind. Die Kräfte, die beim Kollabieren großer Systeme freiwerden, sind immens und unumkehrbar. Wenn es einmal begonnen hat, ist es nicht mehr aufzuhalten. Eliot hat miterlebt, wie das Firmenimperium seines Vaters binnen weniger Monate zerfiel. Das hat ihm die Kettenreaktion einer Katastrophe deutlich vor Augen geführt, ihr rasendes Tempo, das sich aus dem normalen Gang der Uhr löst und zum Zeitraffer wird. Ein Erdbeben beginnt, bevor man es spürt. Es ist unberechenbar, von einer Wucht wie die Brecher, die keine fünfzig Meter vom Haus entfernt gegen die Klippen donnern.

»Wir werden das überstehen«, sagt Eliot.

»Natürlich«, sagt Iva. »Meine Familie hat sich so oft vertreiben lassen. Es ist genug. Hier endet es.«

Ihre Entschlossenheit macht ihm Angst und Mut zugleich.

Eliot hat Blanck Motors+Power vor fünfzehn Jahren gegründet. Es lief von Anfang an sehr gut, aber so viele Motoren wie jetzt hat er noch nie verkauft. Man reißt sie ihm förmlich aus den Händen. Hinter den guten Absatzzahlen verbergen sich Fluchtgedanken und die panische Dynamik einer Gesellschaft, die mit dem Schlimmsten rechnet und sich verzweifelt gegen drohende Veränderungen stemmt, obwohl es eigentlich gut aussieht. Eliot scheffelt Geld wie nie zuvor, aber wenn er ehrlich ist, resultiert aus diesem Mehrgewinn weder mehr Zufriedenheit, noch mehr Glück. Ein gut gefülltes Festgeld-Konto klingt wie eine Insel der Glückseligen, aber im Krisenfall kann man sich nicht auf ihr verstecken. Im Grunde ist die nervöse Stimmung eine Aufforderung, alles hinter sich zu lassen und irgendwo neu zu beginnen, aber Eliot hat keine Ahnung wo sich dieses Irgendwo befindet oder wohin sie gehen könnten, um in Sicherheit zu sein, selbst wenn es ein anderes, schlichteres Leben wäre. Lange Zeit hat er sich eingeredet, die Politik würde für den Fall der Fälle Lösungen in der Schublade haben, aber offensichtlich ist sie leer. Seltsamerweise verspürt er dennoch die Zuversicht, dass sich alles zum Guten wendet. Seine Hoffnung ist, dass sie nicht kommen, um sich zu rächen. Vielleicht wollen sie nur essen, trinken und sich ausruhen, um dann weiterzuziehen, wohin auch immer. Diejenigen, die schon immer hier waren, können sich jedenfalls nicht in Luft auflösen, haben auch Rechte, Sorgen und Wünsche. Man sollte sich nicht dafür entschuldigen müssen, dass es einem gut geht. Verglichen mit den übelsten Verhältnissen wirkt selbst das Minimalste wie Luxus, wie etwas, wofür man sich schämen sollte.

Amon Asch hat sich in das Gästezimmer zurückgezogen, das Milele, die Hausangestellte von Iva, für ihn zurecht gemacht hat. Er lässt sein Smartphone die Nummer von Uri wählen, der in Tel Aviv auf seinen Anruf wartet. Uris Begeisterung für seinen Schwiegersohn hält sich in Grenzen. Dass Eliot nicht beim Militär war, erweist sich jetzt als Problem. Er mag gut in seinem Job sein, aber als Kämpfer ist er eine glatte Fehlbesetzung, zu verwöhnt, zu unentschlossen, zu weich, wie seine gesamte Generation, der es zu lange zu gut gegangen ist. Genau genommen war es das, was Amon immer wollte. Seinen Kindern und Enkelkindern sollte es einmal besser gehen. Sie sollten eine bessere Welt vorfinden. Dafür hat er gekämpft, seit er denken kann, aber in der Euphorie des Aufbruchs hat er die Schattenseiten dieses Wunsches übersehen. Jetzt haben sie den Salat, Zauderer, die keiner Fliege etwas zu Leide tun können, die wehrlos wirken, schockiert beim Anblick von Blut. Jeder Terrorangriff, wie weit entfernt von ihnen er sich auch immer zuträgt, lässt sie erzittern und noch verzweifelter an der Hoffnung festklammern, für sie möge sich bis an Ende ihrer Tage nichts ändern. Vor jedem Straßenfest bauen sie jetzt Panzer auf, um ihre Sicherheit zu garantieren, aber ein permanent bewachter Frieden ist kein Frieden. Sicherheit geht immer zulasten der Freiheit.

Uri hat diesem Pseudo-Frieden nie getraut. Skeptiker bekommen am Ende immer Recht, sie müssen nur lange genug darauf warten. Früher oder später erlebt jede Kultur ihren Niedergang. Auch Epochen sind an die Dynamik der Natur gebunden. Sie entstehen, erblühen, beginnen dann unmerklich im Inneren zu verwelken, bis man die Fäulnis schließlich mit bloßem Auge erkennen kann und ihren Verwesungsgeruch immer deutlicher wahrnimmt. Nichts ist von Dauer, nichts hat Bestand. Die Brücke, die über den reißenden Fluss des Lebens führt, beginnt gleich nach ihrem Bau zu korrodieren und immer schwächer zu werden, bis sie eines Tages in sich zusammenfällt. Der Gang der Dinge bedeutet, dass sie vergänglich sind.

Agapows Privat-Armee besteht aus Kämpfern ohne Tötungshemmung, deren Lieblingsparolen Angriff und Keine Gefangenen sind. Mit einer bezahlten Truppe von nur fünf Soldaten die Karawanen derer aufzuhalten, die sich auf den Weg hierher gemacht haben, ist pures Wunschdenken. Diejenigen, die kommen, werden ganz Europa überrennen, haben Kreuzfahrt- und Containerschiffe gekapert und die Lieferketten gekappt, die Europa zu dem Paradies gemacht haben, in das sie unbedingt gelangen wollten. Jetzt, da das Bachanal zu Ende ist, kommen sie. Es ist absurd, aus ihrer Sicht tragisch. Sie werden enttäuscht sein, und das wird sie vermutlich noch wütender machen. Die Verwandlung von Menschen in Bestien vollzieht sich rasend schnell.

»Wie läuft es da drüben«, hört er Uri sagen, der noch nie für Floskeln oder Begrüßungsblabla zu haben war.

»Iva und Eliot haben es akzeptiert. Agapows Leute werden in spätestens drei Tagen hier aufkreuzen und eine Festung aus dem Haus machen.«

»Jason Stolz wird mit dem Material für den Zaun zu euch stoßen.«

»Wann?«

»In spätestens 48 Stunden.«

»Wie soll ich das Iva und Eliot erklären?«

»Sag ihnen einfach, es ist Teil von Agapows Maßnahmen.«

So ist Uri schon immer gewesen. Zupackend, kompromisslos, nie um eine Notlüge verlegen, wenn sie ihm hilft, seinen Willen und seine Entscheidungen durchzusetzen. Das Böse wartet wie eine Schlange auf die geringste Unachtsamkeit und beißt dann zu. Diese Erkenntnis bestimmt Uris Handeln. Er will den ersten Schritt machen, zuschlagen, bevor die Gegenseite auch nur einen Gedanken an Verteidigung verschwendet. Er will die Schlange sein. Es ist ihm egal, was andere von ihm denken. Das ist seine große Stärke.

»Ich hoffe, sie schlucken das.«

»Mir wäre es lieber gewesen, sie hätten das Haus hier in meiner Nähe gebaut«, brummt Uri.

»Aber das haben sie nun mal nicht.«

»Nein. Das haben sie nicht. Halt mich auf dem Laufenden. Gib Iva und den Kindern einen Kuss von mir.«

Amon kennt Iva seit ihrer Geburt, seit vierzig Jahren also. Inzwischen ist er siebzig, ein alter Mann, der sich bis vor kurzem jung und stark fühlte und nun plötzlich das Ende seines Weges sehen kann. Die Zeit ist verflogen, die besten Jahre liegen hinter ihm, aber er beneidet die Nachkommenden nicht, möchte nicht mehr jung sein. Kriege und Krisen hat es immer gegeben, aber diesmal kommt etwas Monströses auf die Menschen zu, zu groß, um das gesamte Ausmaß zu erfassen. Die nahe Zukunft wird ein ungemütlicher Ort sein. Der Mensch ist anpassungsfähig, aber Amon fühlt sich nicht mehr bereit für eine Verwandlung. Er ist zu steif in den Gliedern, zu müde im Kopf. Irgendwie zu überleben, ist ihm zu wenig. Er ist Jahrgang 1955, hat immer aus dem Vollen geschöpft, das goldene Zeitalter erlebt, in dem alles ständig besser wurde. Bessere Bildung, bessere Ernährung, mehr Komfort. Er kann sich nicht beklagen. Nur die Kinder tun ihm leid.

Uma erinnert ihn so sehr an Noomi, dass er sie ständig ansehen muss. Es ist nicht so, dass sie einander äußerlich ähnlich wären. Es ist ihre beneidenswerte Jugend und die bereits spürbare Grenzlinie, hinter der die Kindheit jäh endet, die seine Tage mit Noomi, die fünfzig Jahre zurückliegen, wieder zum Leben erwecken. Amon kann Noomi in seinen Händen und in seinem Kreislauf spüren. Er ist weiß Gott kein Romantiker, aber zwischen Himmel und Erde geschieht manchmal etwas Bedeutsames, dessen einziger Beweise zwei entflammte Herzen sind.

Er legt sich auf das Bett, schließt die Augen, lässt seinen mit mehr als 25000 Tagen beschwerten Kopf ins Kissen fallen, zieht sich in den besten Raum zurück, den er sich vorstellen kann, in den Halbschlaf, in dem die Welt nie in Unordnung gerät; in dem Noomi an seiner Seite ist, seine erste große Liebe, und in dem sie beide für immer blutjung bleiben werden, frei vom Gewicht der Wirklichkeit. Nie begegnet Amon im Halbschlaf Elana, der Frau, die er geheiratet hat, die ihm zwei Töchter geschenkt hat. Er hat kein schlechtes Gewissen deswegen. Auch sie haben eine Epoche hinter sich, haben alles gegeben, sich gegenseitig zum Erblühen gebracht und es wie alle anderen nicht verhindern können, zu verwelken und an Reiz zu verlieren. Sie durchleben das übliche Drama der Gewohnheit, dem Amon nur im Halbschlaf entfliehen kann, der ihn zurück zum ersten Brand seines Herzens führt. Außerhalb dieses verzauberten Raums wartet eine Schlacht auf ihn, für die er eigentlich nicht mehr genug Kraft hat, nicht mehr jene Kampfeslust, die ihn damals nach dem Küstenstraßen-Anschlag erfasst hatte.

»Noomi. Wo bist du jetzt? Wie geht es dir? Du fehlst mir«, flüstert Amon.

Gibt es so etwas wie Untreue in Gedanken? Nein. Die Gedanken sind die einzig Freien dieser Welt.

Amon beginnt leise zu sprechen und in gebrochenem Deutsch das Lied von Hoffmann von Fallersleben zu rezitieren, dass seine Großmutter ihm vor ewigen Zeiten beigebracht hat: »Ich denke, was ich will, und was mich beglücket, doch alles in der Still, und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei: die Gedanken sind frei. Ich liebe den Wein, mein Mädchen vor allen, sie tut mir allein am besten gefallen. Ich bin nicht alleine bei meinem Glas Weine, mein Mädchen dabei: die Gedanken sind frei.«

Er konnte schon gut schießen, als Onkel Samuel ihm die erste Waffe seines Lebens in die Hand gedrückt hat. Da war er acht Jahre alt, ein Naturtalent, wie man so schön sagt. Manchmal stört es ihn, ausgerechnet dieses Talent zu besitzen. Arzt, Fußballspieler oder Filmregisseur zu werden, hätte ihm besser gefallen. Es wäre leichter für Elana und die Kinder gewesen, die sich immer Sorgen um ihn gemacht haben, es noch immer tun. Er hat niemals Angst. Auch das ist ein Talent. Mut und Verwegenheit wurden ihm in die Wiege gelegt. Er kennt nichts anderes. Manchmal wundert er sich, dass er noch lebt. Es hätte ihn hundert Mal erwischen können. Die Liste der Mitstreiter, Kollegen und Freunde, an deren offenen Gräbern er Abschied nehmen musste, ist lang. Im Halbschlaf ist er ein freier Mann. Frei von der Verantwortung, die seine Begabungen ihm aufgebürdet haben; die ihn zu dem gemacht haben, was er ist. Man kann sich sein Leben nicht aussuchen. Es besteht aus dem Wenigen, was man kann und all dem, wozu man nicht fähig ist.

Widerwillig reißt Amon sich von seinen Gefühlen für Noomi los. Er steht auf, geht hinaus in den Garten, steuert auf den Pool zu, in dem Libby herumtollt, als wäre das Leben eine endlose Abfolge unbeschwerter Momente. Wenigsten ein Mensch, der nicht bedrückt wirkt. Ein Sonnenstrahl.

Uma sitzt auf dem Rand des Beckens, in sich gekehrt, diesen reizvollen Hauch zu jung für die große Liebe, an deren Versprechen sie noch glauben darf. Wie sehr Noomie ihm fehlt. Er hätte sie nie verlassen dürfen,denkt Amon Asch, während er Iva den Kuss gibt, den er Uri versprochen hat.

»Dein Vater lässt dich herzlich grüßen. Jason Stolz wird übermorgen hier eintreffen und ein paar Tage bleiben.«

»Jason? Was will er hier?«

»Er wird einen Zaun um das Grundstück ziehen.«

»Es gibt doch schon einen«, sagt Iva, und deutet auf die schulterhohen Hecken und Holzzäune, die das Grundstück einfassen.«

»Es ist ja nicht für immer.«

Als Milele vor fünf Jahren bei den Blancks angefangen hat, konnte sie sich nicht vorstellen, wozu man einen mannshohen, zweitürigen Kühlschrank benötigen sollte. Jedes der vier Gästezimmer verfügt zudem über einen eigenen Kühlschrank und ein eigenes Bad. Auch Uma und Libby haben eigene Bäder. Insgesamt sind es also sieben Bäder mit Duschen, und im Erdgeschoss befinden sich zwei weitere Toiletten für Gäste.

Der große Kühlschrank in der Hauptküche ist so aufzufüllen, dass neu gekaufte Lebensmittel immer hinter jene sortiert werden, die sich bereits darin befinden. Es ist Mileles Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die einzelnen Fächer immer gut gefüllt sind und Verschwendung vermieden wird, auch was auch die Kälte betrifft. Ein leerer Kühlschrank verschwendet sinnlos Energie. Der Inhalt der drei Gefrierschubladen ist mit Datumsaufklebern versehen. Alles, was Familie Blanck gerne isst, sollte immer vorrätig sein. Auch darum muss Milele sich kümmern.

Ludwig Joost Blanck, denn alle Eliot nennen, ist ein sehr höflicher, zuvorkommender Mensch. Mileles Befürchtung, sie könnte wie eine Sklavin behandelt werden, hat sich als unbegründet herausgestellt. Was ihr jetzt Sorgen bereitet, sind ihre eigene Leute. Wenn sie tatsächlich kommen, werden sie die Angestellten von reichen Weißen wie reiche Weiße behandeln. Es wird ihr nichts nützen, dass ihr Name die Unsterbliche bedeutet, dass sie jeden Monat Geld in ihr Dorf schickt und jeden Abend für das Wohlergehen aller Dorfbewohner betet. Taio hat ihr geschrieben, dass sich weltweit zwei Milliarden Menschen auf den Weg machen. Weil sie nichts mehr haben. Weil sie leben wollen. So gut leben wollen, wie die Familie Blanck.

Das neue Kühlhaus zu organisieren ist eine Herausforderung. Milele hat eine Liste aller Lebensmittel erstellt, die benötigt werden, um einen Haushalt mit rund sechs Personen für einen Zeitraum von vier Monaten unabhängig zu machen, autark,wie Iva es nennt. Jeden Au-Tag kommt etwas hinzu. Sie muss an so viele Dinge denken.

120 Kg Fleisch

50 Kg Wurst

50 Kg Käse

45 Kg Fisch

200 Kg Gemüse

140 Kg Obst

20 Kg Brot (alles andere wird frisch gebacken)

400 Eier (können nicht mit Schale eingefroren werden)

1500 Liter Wasser (500 mit / 1000 ohne Kohlensäure)

360 Liter Milch

120 Flaschen Wein (je 40 Rot,Weiß/ Rosè)

25 Liter Öl (10 Liter Olivenöl, 10 Liter Rapsöl, 5 Liter Sesamöl)

4 Liter Sojasauce

150 Liter Orangensaft

40 Liter Limonade

4 Kästen Bier

2 Flaschen Wodka

2 Flaschen Grappa

8 Flaschen Campari

2 Flaschen weißer Rum

14 Kg Mehl

5 Kg Salz

1 Kg Pfeffer

20 Kg Nudeln

16 Kg Reis

8 Kg Linsen

12 Kg Kaffee

(je 6 Kg gemahlen und

6 Kg Bohnen)

6 Kg Tee

(6 unterschiedliche Sorten)

16 Gläser Marmelade

(unterschiedlich Sorten)

200 Gläser Jogurt

(unterschiedliche Sorten)

12 Packungen Cornflakes

16 Kg Schokolade

10 Kg Speiseeis

(unterschiedliche Sorten)

100 Rollen Klopapier

(4 - lagig, weiß ohne Muster)

32 Küchenrollen

(weiß, ohne Muster)

16 Liter Waschmittel

8 Liter Weichspüler

10 Tuben Zahnpasta

8 Flaschen Shampoo

8 Flaschen Conditioner

8 Flaschen Duschgel

16 Tubens Hautcreme

12 Spülschwämme

10 Lorbeer- Seifen

16 Packungen Tampons (verschiedene Größen)

1 Tonne Brennholz

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Es läutet. Milele geht zur Tür, aktiviert den Monitor um nachzusehen, wer vor dem stählernen, schwarzen Tor steht. Die Soldaten von Agapow werden im Laufe des Tages eintreffen. Alle sind etwas nervös deswegen, haben Sorge, sie könnten sich zu sehr ausbreiten und dem Haus und seinen Bewohner die Privatsphäre rauben. Etwas, das bewacht werden muss, ist gefährdet. So sieht Milele das, aber Angst verspürt sie nicht.

Vor dem Tor steht ein Lastwagen mit einer Hebevorrichtung, auf dessen Ladefläche sich das Kühlhaus befindet, das Eliot und Iva gekauft haben. Milele öffnet das Tor per Knopfdruck, geht hinaus, um dem Fahrer zu zeigen, wo er das Monstrum abladen soll. Sein Name ist Wagner, seine Oberarme sind so kräftig wie Mileles Schenkel. Sie winkt ihn hinter das Haus, zu einer Stelle, wo niemand das Kühlhaus im Vorbeifahren entdecken kann. Eliot ist immer bestrebt, keinen Neid zu wecken. Er ist ein großzügiger Mensch, aber die Welt retten, kann er auch er nicht. Er sorgt für die seinen. So würden es doch alle machen.

Wagner lädt das Kühlhaus ab, versorgt es mit Energie und erklärt Milele, wie man das Notstromaggregat einschaltet, das viel lauter ist, als sie gedacht hat. Man würde es bis auf die Straße hören und jeder, der am Haus vorbeikäme, könnte zwei und zwei zusammenzählen, sogar sie selbst.

Als sie vor fünf Jahren in Lissabon ankam, konnte sie nicht rechnen, nicht lesen, nicht schreiben. Iva hat sie auf eine Schule geschickt. Jetzt kann Milele sogar richtige Bücher lesen. Dafür ist sie Iva und Eliot dankbar. Sie muss die beiden nicht Ma’am und Sir nennen, wie in sie es in Filmen gesehen hat. Sie geben ihr das Gefühl, zur Familie zu gehören. Wenn Tajo hier auftaucht, wird sie ihm erzählen, wie gut die Blancks zu ihr sind, dass sie nichts dafürkönnen und niemandem schaden wollen. Sie führen nur das Leben, das Tajo auch gerne hätte; für das sich so viele auf den Weg hierher machen. Sicherheit, Frieden, ab und an ein bisschen Vergnügen, ein Dach über dem Kopf, Wasser, das aus der Wand sprudelt, so lange man will. Eliot sagt, dass es viel mehr Bedürfnisse auf der Welt gibt, als durch alles, was getan werden kann, befriedigt werden können. Tajo sagt, dass es zu viele Menschen auf der Erde gibt, und es deshalb zunehmend größere Probleme und immer weniger Lösungen dafür gibt. Die Rechnung könne nie aufgehen. Eines Tages, glaubt Tajo, wird eine winzige Gruppe von Überlebenden ganz von vorne anfangen müssen, in einer neuen Steinzeit. Milele möchte nicht in einer Höhle leben, in einer Welt ohne Licht. Licht ist die beste Erfindung, die der Mensch je gemacht hat.

Sie unterschreibt den Lieferschein, begleitet Wagner und den Lastwagen wieder zum Tor und schließt es von Hand. In der Minute bevor es mit Hilfe der Lichtschranke automatisch schließt, könnten ungebetene Gäste eindringen, befürchtet Iva, seit dieser Agapow hier war. Morgen wird Milele mit ihr auf die umliegenden Märkte fahren und so viele Vorräte einkaufen wie nur möglich.

Die Blancks sind sehr wohlhabend. Eliot besitzt eine Fabrik in der Wasserstoffmotoren für Automobile, Schiffe und Flugzeuge hergestellt werden. Die Firma boomt. Taio wird niemals eine Fabrik besitzen. Er ist einfach an der falschen Stelle zu Welt gekommen. Zu Anfang hat Milele ihn vermisst, aber jetzt denkt sie nur noch vor dem Einschlafen an ihn. Sie weiß nicht, wie es sein wird, wenn er plötzlich hier auftaucht. Sie hat ihm vorgeschlagen als Poolboy und Gärtner für die Blancks zu arbeiten. Es wäre ein besseres Leben, als das Leben, das er jetzt führt, aber das würde Taio nie zugeben. Dafür ist er viel zu stolz. Er sagt – »Wenn alle es so machen wie du, Milele, bleiben wir für immer Sklaven und lassen uns bis ans Ende aller Tage unterdrücken und ausbeuten.«

Vermutlich hat er Recht, und doch geht es ihr jetzt viel besser als damals im Dorf. Sie hat immer zu trinken und zu essen, kann sich jeden Tag waschen, trägt saubere, gebügelte Kleidung und schläft in einem sehr bequemen Bett. Milele denkt oft darüber nach, wie es für alle Menschen gleich gut werden könnte. Wenn diejenigen, die viel zu viel haben, denen etwas abgeben würden, die nichts haben, hätten am Ende alle ungefähr gleich viel. Dann wäre doch alles gut. Alle hätten etwas zu essen und niemand müsste verdursten, aber es funktioniert nicht, weil diejenigen, denen es gut geht, nie mehr anders leben wollen, als sie es gewohnt sind. Und auch das kann Milele verstehen, seit sie bei den Blancks lebt.

Vor einigen Wochen hat Tajo ihr eine SMS geschrieben:

Bald sind wir an der Reihe. Das Zeitalter der Weißen endet. Du wirst keine Sklavin mehr sein.