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Eine Epoche geht zu Ende, und der Anfang der nächsten lässt auf sich warten. In diesem Interregnum versuchen vier junge Männer ihren Weg in die Zukunft zu finden. Die Herkunft und die Lebensentwürfe der vier Männer könnten nicht unterschiedlicher sein. Aber folgen sie wirklich ihren Plänen oder werden sie von der Strömung der Zeit einfach mitgerissen?
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Seitenzahl: 427
Veröffentlichungsjahr: 2024
STEPHAN MASSIMO
JUNK BEACH
©2023
Es war sechs Uhr morgens.Über Nacht hatte jemand TÖTET ALLE REICHEN an die Außenwanddes Billig! - Centers gesprayt. Eisige Böen trieben Schneewehen über den Ladehof. Wenn die Möglichkeit existierte, diesen Tag zu töten, hätte Jakob es getan. Erbärmlich frierend stand er auf der betonierten Rampe im Ladehof und dirigierte mit steifen Händen einen Lastwagen zu einem Leergutcontainer, dem ungefähr achtzigsten, den er in den vier Monaten, seit er im Billig! - Center arbeitete, bis zur Halskrause mit leeren Plastikflaschen gefüllt hatte. Das hydraulische Hakenliftsystem begann zu jammern, Eisenteile rieben kreischend aneinander, eine stinkende Wolke verbrannten Diesels trieb auf die Rampe zu. Schließlich fuhr der Lastwagen wieder an und verlor sich in der graphitgrauen Suppe des anbrechenden Novembertages. Jakob sah auf die Uhr. In vier Stunden würde er in einem der beheizten Vorlesungssäle der Universität sitzen. Es war nicht seine Schuld in dieser gottverdammten Siedlung zur Welt gekommen zu sein, aber falls es ihm nicht gelang, dem Schattenreich der Halbidioten, Armseligen und Gescheiterten zu entkommen, wäre es dennoch sein eigenes Versagen; das fortgesetzte Versagen seines Vaters. Die Siedlung, von ihren Bewohner Hölle genannt, befand sich am Rand eines ohnehin prekären Stadtviertels, in dessen Zentrum der Billig! - Center stand, die neue Version einer Kirche, in der die Gebote des Kapitalismus galten:
SO VIEL WIE MÖGLICH. SO GÜNSTIG WIE MÖGLICH. JEDER FÜR SICH.
Die Höllenbewohner, die ab sieben Uhr morgens durch die Türen des Billig! - Centers kamen, um sich mit Konservierungsstoffen, Zucker, Transfetten, Billigfleisch, Analogkäse, E-Stoffen und künstlichen Aromen einzudecken, gehörten zur Legion der vom Lauf der Welt Überrollten. Harzer, Alkoholiker, Arbeitslose und unscheinbares, überflüssiges Fußvolk.
Ein Windstoß scheuchte die Reste eines Wochenanzeigers vor Jakobs Füße, einen Fetzen mit Stellenanzeigen. Er hob ihn auf, trottete damit zurück in den fensterlosen Aufenthaltsraum für die Angestellten, wo ihm die lachhafte Wärme der Heizung einen Augenblick lang Behaglichkeit vorgaukelte. Einer der Polen, der auch beim Regal-Service arbeitete, platzte herein, ging grußlos an ihm vorbei, sperrte einen der mausgrauen Spinde auf, zwängte sich in einen quecksilbergrauen Kittel, schlüpfte in leichengraue Gummisandalen und verschwand wieder. Grau und nochmals grau. Staub, der auf alles Gewöhnliche rieselte. Jakob strich den Zeitungsfetzen glatt und fuhr mit einem Finger die Stellenanzeigen entlang, bis ihn etwas innehalten ließ: EVENT CARS SUCHT ZUVERLÄSSIGE FACHKRAFT
Neonlicht flutete die Fluchten zwischen den Warenregalen und malträtierte seine Netzhaut. Neben der Flaschenrückgabe wartete schon eine Armada von Rollwägen mit Neuware. Die erste Fuhre bestand aus bleischweren Bohnenkonserven. Jedes Bücken kostete ihn Überwindung, jedes Strecken schmerzte. Muskelkater flammte in seinen Armen und seinem Rücken auf. Mühelos nach oben kamen nur diejenigen, denen die Größe bereits in die DNA graviert war oder kleine ehrgeizige Machtbolzen, die geübt darin waren, sich für jedes Foto in die erste Reihe zu schmuggeln, aber zu diesen Spezies gehörte er nicht. Er entstammte dem Orkus der Lakaien, Verlierer und Echoisten. Diese Erkenntnis traf ihn jeden Tag wie ein gleichmäßig schwingendes Pendel an der immer gleichen, von Geburt an, lädierten Stelle.
Der Pole zog eine Palette Milch vor das Kühlregal. In zehn Stunden wäre sie, wie alle Frischware, ausverkauft. Die Fressmaschine machte niemals Pause. ALL YOU CAN EAT IS ALL YOU WILL SHIT
Unter dem Asphalt und den Gebäuden der Städte, hinter den Gullys und Abflüssen brodelte die anschwellende Lava der Exkremente von mehr als sieben Milliarden Menschen, überdeckt von der Illusion, die Dämme sämtlicher Waren und der Verpackungen, in denen sie durch die Welt transportiert wurden, könnten dem wachsenden Druck des Untergangs widerstehen. Aber viel wahrscheinlicher war es, dass diese Deiche an einem x-beliebigen Tag mitten im Kaufrausch bersten würden und sich mit der stinkenden Lava menschlicher Ausscheidungen und allem anderen, was sich in der Welt an Unheil zusammengebraut hatte, über den kleinen nimmersatten und den großen hungrigen Teil der Menschheit ergießen würden; über die Länder, die Reste der Urwälder, den Asphalt, über die Städte und den Glauben an eine noch mögliche Absolution und die schwachsinnige Illusion, es könne sich am Ende alles auf wundersame Weise plötzlich doch noch zum Guten wenden. Aber das war gar nicht mehr möglich. Die Menschheit würde aussterben wie ein kranker, an Hypertrophie leidender Parasit. Viele hatten es noch nicht einmal zu einem Wasserloch, geschweige denn einem Supermarkt geschafft, aber falls sie sich jemals bis dorthin vorkämpften, würden sich die Gänge zwischen den Regalen in Schützengräben verwandeln; in Fronten eines Krieges um die letzten Stückchen Kuchen der Welt. TÖTET ALLE MITESSER.
Jakob schob die nächste Fuhre leerer Plastikflaschen auf die Rampe und schwor bei allem, was schon lange nicht mehr heilig war, sich in Sicherheit zu bringen, ehe die Schlacht begann.
Es dämmerte bereits, als er bei Event Cars ankam. Eisige Luft verbiss sich in seine Lungen. Er fühlte sich hundemüde, dehydriert vom trockenen Stoff des Seminars über die Grundlagen von Finanzierung und Investition, aber dann betrat er das Wagendepot von Event Cars und wurde vom Glanz von etwa dreißig Luxuslimousinen erweckt. Zwei stämmige Kerle polierten einen schwarzen Porsche Panamera so hingebungsvoll, als salbten sie den Körper einer exotischen Göttin. Jakob näherte sich ihnen. Für den Fall, dass sie der deutschen Sprache nicht mächtig waren, hielt er den Zeitungsfetzen mit dem Stellenangebot sichtbar in den Händen. Der kleinere der beiden, den ein Schild am Revers seines Hemds als Tico Dominguez auswies, schüttelte mit dem Kopf und deutete mit seinem reichlich behaarten Zeigefinger immer wieder auf das Datum auf dem zerknitterten Stück Papier, während sein Partner Salvador Arista die Geste in holpriges Deutsch übersetzte. Das Inserat stammte vom letzten September. Ihr Boss hatte den Posten längst vergeben.
Der 53iger, ein Ziehharmonika Bus, brachte Jakob zurück in die Hölle. Alle fünfzehn Minuten deportierte eines der über zwanzig Meter langen Ungetüme an die zweihundert Lakaien zur Endstation. Die Bodentruppen der Globalisierung, die man im Morgengrauen für einen Hungerlohn ins Paradies einließ und nach Einbruch der Dunkelheit schon allein deshalb wieder loswurde, weil sie sich niemals eine der Behausungen im Eldorado würden leisten können.
Sonja, eine von Jakobs Kommilitoninnen, verteilte Flugblätter. Wie üblich sah sie kernseifig aus, biologisch unbedenklich. Sie war ihm einige Male in der Mensa über den Weg gelaufen, aber meistens sah er sie vor oder hinter den Infotheken von Amnesty, Fridays for future oder Blockupy herumhängen. Sie reichte ihm eines der Flugblätter und musterte ihn so lange, bis er zu lesen begann.
PLASTIKALARM AM JUNK BEACH!
Hundert Megatonnen Plastikschrott strudeln im Nordpazifik-Wirbel und werden in Kleinteilen an Strände geworfen! Algen wachsen darauf! Meerestiere verwechseln es mit Plankton! Sie fressen es und schleusen es zurück in die Nahrungskette! Wir sind auf dem besten Weg, von Bisphenol-A und Phtalaten unfruchtbar zu werden! WEHRT EUCH! SAGT NEIN ZU PLASTIK! RETTET DIE OZEANE! RETTET DIE STRÄNDE! RETTET DIE ERDE! RETTET EUCH SELBST.
Idealisten wie Sonja kapierten einfach nicht, dass sich die Menschheit zu einem wuchernden Tumor entwickelt hatte. Wenn man die Erde wirklich retten wollte, musste man als erstes den Homo Sapiens aus dem Organismus der Natur entfernen, aber wer tat sich schon gerne selbst weh? Vermutlich nicht mal Sonja. Im Niemandsland zwischen Himmel und Hölle stieg die Weltretterin aus und verschwand in Richtung einer Ansammlung von Wohnsilos, die aussahen wie Blockbatterien. Jakob faltete das Flugblatt zusammen und versuchte sich auf die Reste an Zuversicht zu konzentrieren, die er aus dem Büro von Event Cars gerettet hatte. Immerhin hatte Tico Dominguez sich seinen Namen notiert. Vermutlich stammte der Mann selbst aus ärmlichen Verhältnissen und kannte den Wunsch, den Schatten der Armut und des Gewöhnlichen zu entfliehen, nur zu genau.
Den ganzen Weg von der Endstation bis nach Hause dachte Jakob an all die Dinge des täglichen Lebens, die aus Plastik bestanden und an die Millionen Barrel Öl, die für deren Herstellung benötigt wurden. Wenn er eine geheimnisvolle biologische Substanz erfände, die alles Plastik über Nacht ersetzte, würden sich die Pforten von Eldorado für ihn öffnen. Man würde ihn sogar anflehen, einzutreten. Eine riesige Marktlücke tat sich vor seinen Augen auf, aber er war zu müde, um sie mit seinen Gedanken zu füllen. Er erklomm die einundneunzig Stufen zu seinem zwanzig Quadratmeter kleinen Elfenbeinturm im siebten Stock eines von acht gleichförmigen Plattenbauten und warf sich auf das Bett, wo ihm sofort die Augen zufielen.
Manchmal redete Zino sich ein, es könnte etwas bringen, die Gitarre zu wechseln. Er stellte die dunkelgrüne Gretsch zu Seite und schloß die ozeanblaue Fender Telecaster an den Vox AC60 an. Das A-Moll, mit dem Fionas Song begann, wurde in den Röhren des Verstärkers aufgewärmt und in die Pearly Suite gedrückt wie die Druckwelle einer Explosion. Zum weiß der Teufel wievielten Mal in seinem Leben keimte die Hoffnung in ihm auf, der Song könnte sich urplötzlich in einen Hit verwandeln. Für den Moment verdrängte der raue Klang der Gitarre seine Sorge, wieder einmal grandios zu scheitern. Vielleicht schwamm der unerschütterliche Glauben seiner Mutter in seiner DNA. Immerhin hatte sie ihn durch fünf Bildungsanstalten bis zur Mittleren Reife bugsiert, ohne depressiv zu werden oder einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Für das Schluffiabitur gab es in Profit City bestenfalls ein B-high Rating. Er war also eine hochspekulative Anlage, und dennoch hatte seine Mutter ihn nicht abgestoßen. In ihrer Vision seines Lebens machten draußen vor dem Bungalow Touristenbusse Station und eine Reiseleiterin quäkte ...hier hat die glanzvolle Karriere des achtfachen Grammy-Siegers Zino VanZant begonnen. Links erkennen sie sein Studio, die legendäre Pearly Suite, die seinem Vater, dem korrupten Bankier Andy „Triple-A“ VanZant einmal als profane Garage gedient hat. Beim Gedanken daran spürte Zino eine satte Dosis Zuversicht durch sein von Malana Cream benebeltes Gehirn sickern. Früher oder später würde es passieren. Sein Leben alias totaler Glücksrausch mit Fiona Kaminski war im Prinzip nur ein paar lächerliche Akkordfolgen entfernt. Er musste dem Orbit der Amplituden bloß einen einzigen gottverdammten Smash-Hit entlocken, nur tat er sich damit genau so schwer wie ein Photon, das versuchte sich aus der Konvektionszone der Sonne zu lösen.
Aber dann blieb eine Stunde lang alles wieder nur Gefummel am Reißverschluss der Fantasie, und er zweifelte daran, die Erleuchtung jemals zu erleben. Da dümpelte so eine beschissene Ahnung in ihm, nicht zu Gottes Günstlingen zu gehören, und von diesem Verdacht war es nicht mehr weit bis zu dem Gefühl, noch nie irgendwo dazugehört zu haben. Aus diesem Grund hatten sie ihm völlig überzogene zwei Monate Knast für das bisschen gerippte Software und ein paar alberne Sounds aufgebrummt, die er nie benützt hatte – weil er nicht zu ihnen gehörte; weil er sich weigerte, Sklave der verdammten Maschine zu werden, der bösen Turbine des BIP, die endloses Wachstum von allen forderte. Falls sie vorhatten ihn noch einmal einzusperren, würden sie es bereuen. Die Festplatten von Little Boy hüteten inzwischen genug Sprengstoff, um jede Menge Konzerne und ihre Chefetagen hochgehen zu lassen. Allen voran seinen Vater, samt seiner korrupten Bank und seinem windigen Partner Rambo Maarten.
Zino zwängte seine Hand zwischen seinem Onepack und dem Totenkopfgürtel ins Innere seiner Shorts und tastete sich mit Hilfe der Skinny Fotostrecke, die Fiona Kaminski in knapper Unterwäsche zeigte, zurück in eine bessere Stimmung.
Vor drei Jahren war Fiona in der gleichen Privatschule wie er gelandet, einem Institut, das darauf spezialisiert war, menschliche Unikate zu kompatiblen Schulabgängern gehirnzuwaschen. Obwohl sie nie ein Wort mit ihm gewechselt hatte, war sie innerhalb einer Nanosekunde zur Aurora seines Daseins geworden – Fionaphrodite, Göttin der sinnlichen Liebe, der Schönheit und der Fruchtbarkeit. Nach ihrem viel zu schnellen Abgang aus der Deformationsfabrik war Zino wochenlang auf den süßlichen Wolken von Acapulco Gold durch das schwarze Loch ihrer Abwesenheit gesegelt, und im Grunde tat er das noch immer. Er war süchtig nach Fiona Kaminski und weit davon entfernt, clean zu werden. Es war erstaunlich, wie sehr ihm fehlte, was er keine einzige Sekunde seines Lebens besessen hatte.
Zino trat aus der Pearly Suite hinaus in das bleiche Licht des anbrechenden Morgens. Schneeflocken ließen sich auf seinen nackten Armen und dem hellblauen Nirwana-Shirt nieder. Durch den dickflüssigen Kleister seiner Müdigkeit nahm er die Paradiesgärten von Profit City und die Schemen ihrer Jünger wahr. Von den beheizten Arschpfannen ihrer SUVs sahen sie auf ihn herab, entfernten sich und lösten sich im Aluminium des Tages auf, wie verschmorendes Zelluloid.
Seit er sechzehn war vergaß Elmo manchmal im Schlaf zu atmen. Wenn es geschah und ein Reflex ihn eine Sekunde vor dem endgültigen Atemstillstand wieder zurück ins Leben beförderte, galoppierte sein Herz noch lange wütend weiter wie ein Wildpferd. Oft dauerte es halbe Stunden, bis er es wieder eingefangen hatte.
Ruhelos stand er auf, schnupperte im Vorbeigehen an Mijous Schal, der seit einem Jahr über der Lehne des Schreibtischstuhls hing. Schneeflocken saugten sich lautlos an den Fenstern fest wie Albino Schnecken. Er betrachtete sich in der Spiegelung der schmutzigen Scheiben. Endlich sah er wieder aus wie ein Mensch.
Als er nach Stockholm gekommen war, hatte er keine sechzig Kilo mehr auf die Waage gebracht, sichtbar zu wenig für einen fast zwei Meter großen Mann. Seine Wangen waren eingefallen, die Rippen hervorgetreten. Zwei Jahre lang hatte er ausgesehen wie der Gefangene eines Sibirischen Straflagers, und er war sich noch immer nicht sicher, ihm endgültig entkommen zu sein. Vielleicht versteckte sich in einem der Areale seines Gehirns ein weiterer Abgrund, der sich in einer sicher geglaubten Nacht urplötzlich auftat. Etwas anderes gab ihm noch mehr zu denken. Niemand hatte seinen Gewichtsverlust wahrgenommen oder sich Sorgen um ihn gemacht. Er schien unsichtbar geworden zu sein. Manchmal fragte er sich, ob er es vielleicht schon sein ganzes Leben lang war. Ganze Tage hatte er hier am Fenster zugebracht, eingesperrt in sich selbst, unfähig hinaus in die Welt zu treten, als sei er durch eine Panzerglasscheibe von ihr isoliert. Abgesehen von einigen Aufträgen hatte ihn dieser Zustand vor allem sein Grundvertrauen in das Leben gekostet, und er machte sich ernsthafte Sorgen, es könne nie mehr zurückkehren. Im Nebel bleischwerer Gedanken hatte er in jeder Sekunde gehofft, das zerschlagene Gefühl loszuwerden, das er seit Moskau mit sich herumschleppte, aber es war erst vor einem Monat im Krankenhaus wieder verschwunden. Seitdem war er fertig mit dieser Stadt. Sie hatte sich als wasserloser Strand entpuppt, auf dem er nichts und niemanden entdeckt hatte, außer Mijou.
Mitten im Gewühl von hundert Partygästen hatte seine Fremdheit ihre Neugier geweckt, ausgerechnet seine Nichtzugehörigkeit, die er zu überwinden versuchte, seit sie ihn gleich nach seiner Geburt in einen Brutkasten gesteckt hatten. Er war nicht sicher, ob er sich Mijou zumuten konnte, aber die Art, wie sie über seine Scherze lachte und ihn vertraut berührte, vertrieb seine Zweifel. Zum ersten Mal seit langer Zeit wagte er es an die Zukunft zu denken, an ein Leben im Schimmer von Mijous roten Haaren, umgeben von Schwarm ihrer Pheromone, die ihn schwindelig flattern, und die feine Linie zwischen einer banalen chemischen Reaktion und einer schicksalhaften Begegnung verwischen würden. Ihre warme Stimme weckte die Schmetterlinge in seinem Nukleus, ließ sie aufsteigen und weite weiche Schleifen in der Landschaft seines mesolimbischen Systems drehen. Er wollte ihren Hals küssen, ihre geschwungenen Lippen und die sanfte Anse unterhalb ihrer Schulter.
So hatte es in dieser Stadt angefangen. Mit der Einladung, frisches Blut in die verkalkte Aorta von Mijous Leben zu bringen. Mit einem Flirt, der seine Hoffnung anfachte, er könne seiner Vergangenheit ungeschoren so entkommen. Aber dann hatte Mijous Handy eine simple Tonfolge abgespielt und auf dem Bildschirm war das Gesicht eines Mannes erschienen, den sie mit vertrauter Stimme Schatz nannte. In diesem Augenblick dachte Elmo an Barbet, an seinen Vorsatz, niemanden mehr die Frau zu stehlen und kein Unglück heraufzubeschwören. Nur deshalb hatte er Mijou ziehen lassen und, in der diffusen Vorstellung eines schicksalhaften Wiedersehens mit ihr, einen kläglichen Frieden mit dem grausamen Gefühl geschlossen, etwas Wertvolles gefunden und sofort wieder verloren zu haben.
Der Abend lag ein Jahr zurück. Der Duft im Schal, den Mijou vergessen oder absichtlich zurückgelassen hatte, war nur noch ein blasser Fleck in Elmos Limbischen System. Seit er denken konnte, suchte er nach einer Passage aus seinem stets von Einsamkeit bedrohten Leben und hoffte auf einen Wendepunkt, hinter dem mehr Nähe auf ihn wartete. Von Zeit zu Zeit hatte ihn die Euphorie des einen oder anderen Anfangs glauben lassen, dorthin gefunden zu haben, aber eigentlich war er nirgendwo angekommen. Sein Leben war ein ständiges Unterwegs, eine Flucht vor der Befürchtung, seine Sehnsucht könnte für immer unerfüllt bleiben. Er dachte an die Hasselblad Kamera, die alles durcheinandergebracht hatte, die ihn von Hannover nach London, Kapstadt, Mailand, Prag, Kopenhagen, Helsinki, Moskau und schließlich nach Stockholm gescheucht hatte, ohne ihn, von einer Ausnahme abgesehen, auf die andere Seite der Scheibe geführt zu haben, die ihn vom Rest der Menschheit trennte. Er war nicht Hirnforscher geworden, sondern Fotograf, er war kein Löwe geworden, sondern ein Fisch, der sich vor dem Wasser fürchtete. Er war nicht an der Seite von Barbet, sondern allein. Der Sommer mit ihr glich einer verlorenen Heimat, hinter deren Grenzen er in ein schwarzes Loch gefallen war, das ihn erst vor einigen Wochen in einem Krankenhaus wieder ausgespuckt hatte.
Der Operationssaal war so kalt gewesen, wie er sich den Abschied vom Leben vorstellte. Die Haare der Anästhesistin hatten die Farbe von Cornflakes. Ihr Name war Marina. Es ist der Blinddarm, sagte Marina. Elmo bemühte sich seine Angst zu verbergen, gleichzeitig suchte er Marinas warme Hand, fand sie und hielt sie, bis eine fremde Macht ihn durch die dünne Membran zwischen Sein und Nichtsein zog, hinter der die Zeiger der unerbittlichen Uhr, die alle Lebewesen zum Tod verdammte, aufhörten, sich zu bewegen. Als existierte zwischen Sterben und Geburt nur eine einzige Sekunde, eine von allen Naturgesetzen befreite Systole, brachte die wiederkehrende Stimme von Marina sie wieder in Gang. In dieser kurzen, erinnerungslosen Fermate hatten sie ihn aufgeschnitten und wieder zusammengeflickt. Plötzlich spürte er das Pochen der Wunde. Mit dem Schmerz kam die Welt zurück. Die Welt ist also Schmerz, hatte er in diesem Moment gedacht. Schmerz, der in der Gewissheit der Vergänglichkeit entbrannte, die den beginnenden Tag, den Anblick der Geliebten, den ersten Schrei eines Kindes und die warme Hand von Marina bedrohte. Er würde die Welt mehr vermissen als sich selbst.
Vor dem Fenster kamen die Autos am Bahnübergang schlitternd wieder in Bewegung. Die Lichter ihrer Scheinwerfer tauchten in die verschneiten Schluchten der Straßen von Stockholm. Eiskristalle taumelten wie tote Motten durch das gelbliche Licht der Laternen. Die Ziffern des Weckers auf dem Fensterbrett oszillierten durch die halbverbrauchte Nacht und warfen einen bläulichen Schimmer auf den Schreibtisch, auf dem seit einer Woche seine Greencard lag.
Die Zeit würde nie anhalten und auf ihn warten.
Eisiger Wind fletschte den Bahnsteig an, wie eine Meute hungriger Wölfe. An der Schleuse zwischen Vernunft und Leichtsinn versuchte Max Kurzweil die Euphorie in sich zu drosseln, die ihm vorgaukelte, nur noch aus Zukunft zu bestehen. In einigen Tagen würde sie verflogen sein und alles würde sich als viel mühsamer entpuppen, als es jetzt den Anschein hatte. Selbst am Glück, Erbe einer Wohnung in Florenz zu sein, hing das Gewicht des Todes seines Großvaters. Von der Südspitze einer Insel sah man unweigerlich auf den Norden der nächsten.
Es war einer seiner schlechten Angewohnheiten, sich nicht warm genug anzuziehen. Möglicherweise pflegte er diese Marotte unterbewusst, da sie ihn an Xùan Lan erinnerte und für Augenblicke wieder bei ihr sein ließ. Zieh dir etwas Warmes an, sonst gehe ich nicht mit dir, hörte er sie sagen. Max sehnte er sich danach, sie hinter einem der Pfeiler zu entdecken, obwohl ihm ein Übermaß an Glück schon immer suspekt war, ihm wie eine Fallgrube erschien, über der ein hübscher Teppich lag. Sie waren keine Kinder mehr. Xùan Lans Gesicht und ihr Körper würden sich verändert haben. Sie war jetzt eine Frau, aber dennoch war Max sich sicher, sie sofort zu erkennen, falls sie wieder in seinem Leben auftauchte. Das war es doch, was den Unterschied ausmachte – dieses zweifelsfreie Erkennen eines Menschen, mit dem die Liebe nicht unmöglich schien. Aber es würde ohnehin nicht geschehen. Er wusste ja noch nicht einmal, wo Xùan Lan jetzt lebte.
»Du gehst also wirklich.«
Aus dem Nichts tauchte Melina auf dem Bahnsteig auf wie die Resonanz eines überwunden geglaubten Schmerzes. Max hatte sie nicht kommen sehen. Er fühlte sich überrumpelt. Vor zehn Tagen hatte er sie, in der Hoffnung sich selbst zu retten, aus seinem Leben verbannt. Deshalb verstand er nicht, warum sie nun wieder zum Vorschein kam, wie ein raffinierter Zaubertrick, der den Illusionisten selbst überraschte. An heißen Sommertagen geschehen seltsame Dinge, hatte sein Großvater gesagt, aber jetzt war es bitterkalt. Sie schwiegen, wärmten sich an der Glut des Feuers, das sie wie das Amalgam verschmolzen hatte, das Max seit Monaten wieder in seine ursprünglichen Bestandteile zu spalten versuchte – in sein Leben und das Leben, in dem er Melina mit Jann zurücklassen wollte. Der Wunsch, sie auf diese Weise zu bestrafen, vertuschte jedoch nur seine Hoffnung auf Gnade oder die Revision eines von ihm über sich selbst verhängten Urteils. Melina fuhr mit den Fingern durch seine Haare.
»Du bist der beste Mensch, den ich kenne.«
Max kam sich unverhältnismäßig groß vor, in einer ungewohnten Distanz gefangen, als existiere ein Gefälle zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. Er hatte den Wunsch Melina hochzuheben und sie in diese Zukunft zu tragen, aber die Vergangenheit lässt sich nicht umsiedeln. Sie ist nicht frei, sondern fügt sich dem ungeschriebenen Gesetz, dass jedem Anfang ein Ende vorausgehen muss.
Melina steckte ihm einen Umschlag zu und geriet dann, als ein Pfiff ertönte, aus dem Raster der Fenster, wurde in die Kulissen einer verflossenen Zeit gezogen, in der sie sich mit den Molekülen sämtlicher Erinnerungen und Fragmente vermischte, die sich in Max anhäuften wie das Strandgut einer inneren Strömung. Schleppend, als wolle das Schicksal ihm eine Chance offerieren, verließ der Zug den Bahnhof. Im diffusen Licht der Parkplatzlaternen, neben dem alten blauen Saab, in dem Melina und er sich einmal geliebt hatten, erkannte Max für Sekunden das Gesicht von Jann. Der Krebs der Eifersucht kroch darauf herum und verströmte das ätzende Gift der Angst, Melina könne nicht mehr zurückkehren.
Im Umschlag steckte eine Postkarte: Edvard Munch – Eye in Eye. Auf der Rückseite, Melinas vertraute Handschrift: Ich bin dein Schatten und deine Sonne. Immer um dich, niemals fort. Ein Lebewohl und ein Begehren. Lass mich los. Halt mich fest. Lange Zeit hatte er gedacht, Liebe wäre seine Bestimmung, sein gelobtes Land, sein Leibarzt, aber inzwischen wusste er, dass sie auch ein Verhängnis sein konnte.
Max trat in die Wärme des Abteils und schloss in der Hoffnung, das Amalgam für immer zu trennen, die Türe hinter sich.
Es fühlte sich überwältigend an, eine der schwarzen Luxuslimousinen von Event Cars zu steuern. Seit Jakob Prominente durch die Stadt kutschierte, wirkte sein früheres Leben wie ein bloßer Irrtum. Einer der Fahrer war mit nur einunddreißig Jahren gestorben. Beim Gedanken daran, ihm könnten nur noch neun Jahre bleiben, wurde Jakob mulmig zumute. Leben, und Tod, Gesundheit und Krankheit, Krieg oder Frieden, Reichtum oder Armut schienen ihm auf beunruhigende Weise zufällig. Niemand hatte die Wahl, im Tal oder auf dem Gipfel zur Welt zu kommen. Alles geschah einfach, wurde hingenommen, ertragen oder zur Schau getragen. Er versuchte sich auf das Gefühl zu konzentrieren, auf dem Weg nach oben zu sein und verdrängte alle anderen Gedanken mit der Aussicht auf einen Sieg, wie auch immer er aussehen würde. Der schwarze Anzug von Event Cars und die Limousine würden ihm dabei helfen, die beschränkte Welt seiner Eltern für immer hinter sich zu lassen. Er konnte es schaffen der Hölle zu entkommen. TÖTET ALLE ARMEN.
Eines Tages wäre er es, der auf der Rückbank der Limousine Platz nehmen und bestimmen würde, wo es langging. Noch lernte er von seinen Fahrgästen, wie man die Komparsen des Reichtums warten ließen, herumkommandierte, abwies oder geschickt für sich einspannte. Jakob studierte die Gesetze der Macht und diejenigen, die sie mit Selbstbewusstsein, Disziplin, Ehrgeiz, Ignoranz und einer hohen Dosis an Hybris an sich gerissen hatten, als handle es sich um einen erlernbaren Beruf: Mächtiger. Wenn er am Ende seiner Touren in die Hölle zurückkehrte, erzählte er Frieda davon, die immer ganz verrückt danach war, etwas über Menschen zu erfahren, die sie nur aus den Medien kannte.
Er hatte Frieda vor einem halben Jahr im Friseursalon Haare Krishna kennengelernt. Ihre roten Haare hatten ihn magisch angezogen. Dann hatte er herausgefunden, dass sie nur gefärbt waren und Frieda die Haarfarbe wechselte wie andere Leute ihre Socken. Das Rosa, das sie neuerdings trug, ließ sie besonders billig aussehen, aber nicht nur deshalb fühlte Jakob sich nicht mehr wohl mit ihr. Seit er für Event Cars fuhr, begegnete er Frauen einer Güteklasse, die Frieda niemals erreichen würde; Wesen, die über die Mittel verfügten, die man benötigte, um sich oberhalb des Gestanks aufzuhalten, der den Niederungen und Niederlagen anhaftete. Seitdem sah der Köper von Frieda, wenn Jakob nachts zu ihr ins Bett stieg, teigig aus, und die fettige Blässe ihres abgeschminkten Gesichts wirkte wie ein aufgeflogener Betrug.
Am Morgen hatte Frieda ihn angebettelt, ihr ein Autogramm von Nora zu besorgen, auf deren Erscheinen jetzt eine Schar junger Mädchen am Bühnenausgang hinter einer Absperrung wartete. Dicht zusammengedrängt wie Schlachtvieh sehnten sie sich danach, ein Autogramm ihres Idols zu ergattern, einen Händedruck oder wenigstens einen Schweißtropfen. Für einen Augenblick würden sie in die gleißende Aureole ihrer Göttin geraten, ehe Jakob das Objekt ihrer Begierde in eine Hemisphäre brachte, die zu betreten ihnen für immer versagt bliebe.
Die Backstage-Türe platzte auf. Fotografen zückten ihre Kameras. Handys wurden auf Nora gerichtet. Kreischende Fans brachen aus dem Gehege. Jakob ließ die Bolzen der automatischen Türverriegelung aufspringen wie Bajonette. Der hintere Wagenschlag wurde aufgerissen, das Inferno quetschte sich für Sekunden in die Limousine, bevor es von der zuschlagenden Tür abgeschnitten wurde, wie eine lästige Franse. Mit einem Knopfdruck verriegelte Jakob den Wagen wieder und sah Nora durch den Rückspiegel dabei zu, wie sie Glücksgefühle verteilte. Schlampig wischte sie ihren Namen auf Autogrammkarten und steckte sie durch einen Fensterspalt in Hände, die zu keinen Körpern zu gehören schienen. »Nora! Nora! Bitte! Sie ist es wirklich! Sie hat mich berührt! Ich glaube ich sterbe!« rief eine grelle Stimme, die der Stimme von Frieda zum Verwechseln ähnlich war. Der Security Chef gab Jakob das Signal, die V.I.P. aus der Gefahrenzone zu bringen; aus dem aufgewirbelten Staub der Medienmeute, weg von den aufgerissenen Mäulern hysterischer Teenies, den Krallen versteckter Stalker und Kannibalen, die von Nora träumen, sein und aussehen wollten wie Nora, die sie küssen, umarmen, lieben, töten, auffressen und sich einverleiben wollten. Die Göttin winkte ihren Anbetern ein letztes Mal zu und ließ dann, wie alle seine Fahrgäste, keinen Zweifel aufkommen, dass der Wagen, die Straßen durch die er sie brachte und sogar die Stadt, ihr gehörten. In der Gewissheit, alle Bewunderung und allen Luxus verdient zu haben, gleich einer Belohnung für die Vernichtung der Schatten des Gewöhnlichen durch das Licht, deren Ursprung Nora selbst war, oder das zu sein, sie nur vorgab. Möglicherweise verwechselten sie sich auch nur mit diesem Licht oder verbargen sich hinter einer leuchtenden Maske, der sie, wenn sie sie in der Einsamkeit jenseits aller Bühnen abnahmen, in keiner Weise ähnelten.
»Champagner, Wasser, Cashew Nüsse und Kaviar sind im Kühlfach«, betete Jakob artig seinen Spruch herunter. Nora verlangte nach frisch gepresstem Orangensaft, aber den hatte er nicht zu bieten.
»Dann halten wir gleich mal an und besorgen einen«, säuselte Nora. Sie griff nach seinem Arm, hielt sich daran fest und kletterte auf den Beifahrersitz. Ein Warnsignal ertönte, das Anschnallzeichen leuchtete auf.
»Wie heißt du?«
»Jakob.«
»Kannst du das bescheuerte Piepsen abstellen?«
»Sie müssen sich anschnallen, sonst haben wir ein Haftungsproblem.«
»Ach was, Jimmy, wir zwei kommen ganz gut ohne den ganzen Sicherheitsfuck aus.«
»Ich weiß nicht.«
»Aber ich. Und das reicht völlig, glaub mir, Jimmy.«
Sie wuschelte ihm durch die Haare, wie seine Mutter es früher getan hatte. Beim Frühstück hatte Frieda ihm erzählt, dass Nora nur zwei Jahre jünger war, als seine Mutter. Sie wirkte nicht mal halb so alt.
An der Kasse der Tankstelle stand Jakob mit einem angeblich frischgepresstem O-Saft am Ende einer Schlange von Nachtschwärmern und Nothungrigen. TÖTET ALLE KASSENSCHLANGEN. Unentwegt sah er zur Limousine und hoffte, dass niemand Nora entdeckte und ein riesiges Geschrei losging. Es war verboten vor dem Ziel aus dem Wagen zu steigen und die V.I.P. alleine zurückzulassen. Deshalb hatte er Nora hinter den getönten Scheiben eingesperrt. Sie konnte den Wagen jederzeit von innen öffnen, aber er versuchte sich damit zu beruhigen, dass sie vermutlich schon seit Ewigkeiten keine Tür mehr selbst geöffnet hatte. Plötzlich wurde ihr Gesicht von der glimmenden Glut einer Zigarette erhellt. Tico und Salvador hatten ihm eingebläut, niemanden im Wagen rauchen zu lassen, nicht einmal den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er bezahlte, ohne auf das Rückgeld zu warten, und rannte zum Wagen. Wenn er Pech hatte, würde der Qualm bis zu seinem Boss aufsteigen und ihn wieder vor die Regale des Billig!-Centers treiben.
»Sie dürfen hier im Wagen nicht rauchen.«
»Wer sagt das?«
»Mein Boss.«
»Ich bin der Boss. Und hör gefälligst damit auf, mich zu siezen«, erwiderte Nora. Sie grub die Hacken ihrer Stiefel in das Lederpolster, wo sie graue Abdrücke hinterließen und lachte ein Lachen, das Jakob nicht gefiel. Der Wagen roch nach Haschisch, aber er erwähnte es nicht, weil er keinen Bedarf hatte, sich von Nora zum Spießer stempeln zu lassen.
Vor dem Waldorf Astoria öffnete ein Hoteldiener die Wagentüre und verbeugte sich vor ihr.
»Nicht weglaufen, Jimmy. Bin in zwei Minuten wieder da.«
Sie stieg aus, ohne den Diener eines einzigen Blickes zu würdigen und verschwand im Hotel. Frische Luft strömte in den Wagen. Jakob hoffte, der kalte Rauch des Joints möge sich aus seinem Arbeitsplatz verziehen, anstatt sich auf das Leder, das Wurzelholz und die jungfräulichen Fußmatten zu legen wie böses, zu Staub geronnenes Frittenfett.
Je hartnäckiger Zino an Fionas Song herumdokterte, desto schlechter wurde er. Die Forever-rich-and-famos-Hooklinewürde ihm erst einfallen, wenn er den Kopf ausschaltete, aber genau das bekam er nicht hin. Er befand sich in einem Teufelskreis. Die Muschi des Rock ’n ’Roll würde sich erst öffnen, wenn er sie nicht mehr ständig anglotzte, aber sobald er auch nur eine Sekunde nicht hinsah, verspürte er die Sorge, den entscheidenden Augenblick zu verpassen.
Artig bezahlte er per Kreditkarte eine Sammlung indischer Klänge und sah zu, wie die Files auf die Festplatte des Angel sprangen. Es waren Wundertüten voller Tabla Rhythmen, Sitar Sounds, Hindi, Bengali und Malayalam Gesangsfetzen. Material für einen anderen Trip, auf dem sich der Song für Fiona vielleicht endlich in einen Hit verwandeln würde.
Gestern hatte er sich die Fingernägel seiner linken Hand in der gleichen Farbe lackiert, die Fiona auf der Skinny Fotostrecke trug. Jetzt prangte ein erdbeerroter Fleck auf seinem besten Stück, der so schnell nicht wieder verschwinden würde. Er nahm sich vor, ein paar Tage die Finger davon zu lassen und sich damit zu befriedigen, andere Sünder zu überführen.
Die Firewalls von Little Boy richteten sich auf. Unsichtbar zu sein war lebensnotwendig, und abgesehen davon, war es verdammt lässig. Die Brandschutzmauern machten es möglich, die Welt zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Zudem schützten sie die Smurfing Highways, auf denen er seine Einkünfte verschwinden, und zurück in den Kreislauf schleuste. Nach einer gründlichen Wäsche zauberte Zino sie auf sein Konto auf der Insel Nauru in Mikronesien. Houdini hätte Augen gemacht.
Im Windschatten des trivialen Google-Amazon-Zalando-Bewerten-Bestellen-und-Zurückschicken-Betriebes und des infantilen Facebook-Twitter-WhatsApp-Snapchat-Pokemon-Kinderfaschings-der-Belanglosigkeiten, befand sich eine von dunkler Energie gespeiste Welt, die alle Süchtigen, Neugierigen, Sorglosen, Einsamen, Bedürftigen und Exhibitionisten ausweidete wie wehrlose Opferlämmer. Im www-Selbstbedienungsladen gab alles was das nimmersatte Herz begehrte: Adelstitel, Anabolika, Analmassagen. Doktortitel, Diplome, Drogen. Feuerwaffen, Fistfuck, Frischfleisch. Epo, Steroide und Medaillen. Zeugnisse, Zeitzünder, Zyankali. Vaterschaftstests, Viagra, Versehrtenausweise. Parklizenzen, Pässe, Penispumpen. Nagelbomben, Senfgas, Plutonium. Sex mit Erwachsenen, Sex mit Kindern, Sex mit Puppen und Sex mit sich selbst. Sex selbst. An all das heranzukommen war ein Kinderspiel, aber nur gewiefte Trackswiper, die sich hinter gefälschten Identitäten und kryptisch verplombten IP-Adressen versteckten, kamen sauber wieder aus dem Laden. Ohne ein einziges Staubkorn zu hinterlassen sammelte Zino die Web-DNA von Leichtsinnigen, verhängnisvolle Flecken, die kein Waschmittel jemals wieder wegbekam. Ein unsichtbarer Niemand zu sein, verlangte Disziplin, aber es garantierte Freiheit. Es bedeutete, den klebrigen Tentakeln der nimmersatten Maschine von Profit City zu entkommen, an deren Schalthebel Bankmanager, Wirtschaftsbosse und andere kriminelle Ausbeuter saßen, deren Raubzüge von machtlosen Politikern längst nur noch moderiert wurden. Sie versuchten ihre Finger wieder an den Ausschaltknopf zu bekommen, aber sie waren nicht mehr im Geschäft. Während die Fat Cats seelenruhig den Planeten brandschatzten und seine Bewohner ausweideten wie Weihnachtsgänse, mutierten die Betrogenen zu beleidigten Leberwürsten, zu Denunzianten und Möchtegernrichtern. Süchtig nach Bestrafung trieben sie jede Woche eine neue Sau durchs Land, sprangen hysterisch darauf herum und ließen sie blutend liegen, sobald sich ein frisches Opfer fand. So lief es da draußen im Wilden Westen. Der Kapitalismus war ein sterbender, von Gewinnoptimier-Maden und kaltherzigen Controllern befallener Organismus. Die Menschheit war eine einzige Enttäuschung. Zino kartierte alle Bewegungen der gierigen Hände, jeden Riss, den die Ausbeuter ins Gefüge der Zivilisation trieben. Und jedes Mal war es wieder so, als hebe er den Deckel einer infernalisch stinkenden Kloake an, in der sich die Selbstsucht der Aasgeier der New Economy unter Beimischung von Korruption, Vorteilsnahme, Wirtschaftskriminalität, Doping, Fälschung, Betrug, Unterschlagung, Preisabsprachen, Insiderhandel, Drogengeschäften, Waffenschiebereien, Steuervergehen, Fälschungen und technischen Manipulationen in toxische Substanzen verwandelte, die unablässig in die Adern der Welt sickerten, wo sie zu Vorboten des Untergangs gerannen.
Vollgestopft mit den Sauereien des gigantischen Schwindels des freien Marktes war Little Boy samt seiner drei SDD-Platten so etwas wie der Urenkel der Atombombe, die Hiroshima zerstört hatte. An seiner Seite kämpfte Canon, der Barbar, der den ganzen Wahnsinn zur Sicherheit auf Papier druckte. AUF PAPIER! Papier war die cleverste Idee von allen. Papier war völlig out. Mit Papier, das wusste Zino, würde niemand rechnen. Selbst wenn der Strom ausfiel oder Little Boy einen Mainboard-Infarkt erlitt, würden sämtliche Dokumente noch da sein, mit denen er seine kleinen Gaunereien gegen die großen Sünden der großen Gauner austauschen konnte, wie Gefangene. Er durfte nur niemals von seinem obersten Gesetz abweichen:
BLEIBE UNSICHTBAR.
Mit einem einzigen Klick auf das Atompilz Icon auf dem Desktop von Little Boy konnte Zino jederzeit die wahrhaftige Wahrheit hinter sämtlichen Pseudo-Wahrheiten in die Welt jagen wie Schleuderhonig.
Und der Mob liebte Honig.
Der graue Betonkörper der Klinik zeichnete sich im feinen Dunst ab, der vom fast unbewegten blauen Tuch des Sees aufstieg. Elmo erkannte den altersschwachen Volvo seiner Eltern auf dem Parkplatz der Klinik, im Schatten einer zum Wasser geneigten Linde.
Der Körper seines Vaters hatte sich in einen fragilen Kokon verwandelt, die Arme in schmale Streben, das Gesicht in eine blutleeren Scheibe, in der sich seine Pupillen wie graue Käfer in bromfarbigen Pfützen bewegten. Als Elmo dieser fremden, völlig ausgelaugten Version von Aage Christensen half, sich aufzurichten, fühlte es sich an, als höbe er ein Stück Styropor auf. Mit fahler Stimme äußerte sein Vater die Hoffnung, bis zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft wieder auf den Beinen zu sein. Er fragte Elmo nach dem Wetter in Stockholm und danach, ob es gut lief mit seinem Job. Sie humpelten einige Sätze lang über sämtliche Gemeinplätze, deren Zäune sie in all den Jahren nie überwunden hatten und verfielen dann wieder in das übliche Schweigen, das ihre Unfähigkeit demaskierte, sich dem Offensichtlichen zu stellen.
Seine Mutter saß am Fenster und sah hinaus in die Freiheit. Von ihrem Mann existierten nur mehr ein matter Geist und ein paar Gramm Seele. Er war verloren, und nichts würde ihn zurückkehren lassen, nicht einmal der Duft des Frühlings, der, wie sie selbst, nicht in diesem Zimmer sein wollte. Sie stand nicht auf, setzte sich nicht zu dem Todgeweihten, sprach nicht mit ihm, sah ihn nicht an. Sie weinte nicht, weil es Ausdruck einer Nacktheit gewesen wäre, die sie fürchtete und sich deshalb verbat. Der Trost gelangte nicht in den Raum, weil seine Eltern schon lange Fremde füreinander waren. Der gut vernarbte Riss des jahrelangen Schweigens der Zärtlichkeit zerteilte das Zimmer in zwei Hälften. Alles Mitleid und alle Wehmut seiner Mutter waren der Unfähigkeit erlegen, ihren sterbenden Mann zu berühren. Das unbenützte zweite Bett zwischen ihnen war ein Wall, eine Grenze. Das Ende saß am Bett und der Anfang am Fenster, dort, wo sie in sicherer Entfernung die Wahrheit ignorierte.
In der Hoffnung, die warme Abendluft könnte den Gestank des Todes vertreiben, lief Elmo ziellos durch die Straßen seiner Heimatstadt. Er versuchte sich vorzustellen, wie seine Eltern sich hier zum ersten Mal begegnet waren. Der Vater aus Kopenhagen kommend, die Mutter Deutschlehrerin an einer Sprachenschule, beide jung und, für ihn unvorstellbar, verliebt. Er kannte seine Eltern nur in diesem, von Gewohnheit überrollten Zustand. Es war nicht möglich, von ihnen etwas über die Liebe zu erfahren. Deshalb hatte er eines Tages begonnen zu improvisieren, aber nach vielen gescheiterten Anfängen wurde er die Sorge nicht mehr los, ein Instrument zu spielen, dass er nicht beherrschte. Es immer wieder aufs Neue zu versuchen glich der Einstein’schen Definition von Wahnsinn – dem Versuch, mit der immer gleichen Methode zu einem anderen Ergebnis zu gelangen. Er hatte Mona, Melanie, Elodiè, Ria und Zòe gesagt, was sie hören wollten, das Repertoire ihrer Wünsche auswendig gelernt, das sich weit weniger unterschied, als ihre Körper und ihre Wesen. Weder sie noch er konnten sich von den abgenützten Ritualen, Plattitüden und Komplimenten befreien, mit denen Menschen seit ewigen Zeiten versuchten, die beste Option aus der scheinbaren Vielfalt an Möglichkeiten für sich herauszufiltern. Sie waren Gefangene uralter Konventionen, würden nichts anderes als Konglomerate ihrer Unzulänglichkeiten bleiben, lächerliche Versteckspieler und Taktiker. Er hatte nichts anderes getan, als ihnen all das zu geben, was zu erwarten man ihnen beigebracht hatte und im Gegenzug mit serviler Hingabe auf alles verzichtet, was sie nicht zu geben bereit waren. Um seine Sehnsucht nach Nähe zu stillen, hatte er all das in Kauf genommen, dem er eigentlich zu entkommen wünschte: Monas Angst vor Nacktheit, Melanies Sucht nach Gewohnheit, Elodies kühler Vernunft, der Absenz jeglicher Leidenschaft im Wesen von Ria oder der sexuellen Talentlosigkeit von Zoe. Lektionen müssen so lange wiederholt werden, bis sie verstanden sind. Mona, Melanie, Elodie, Ria und Zòe waren Namen auf der Liste seines Scheiterns. Sie hatten nach einem Erfüllungsgehilfen ihrer Erwartungen gesucht, nach einem Sendboten unablässiger Aufmerksamkeit, einem Schauspieler, der lebenslang ihrem Manuskript gehorchte. Und immer hatte er vorgegeben, all das zu sein. Deshalb würde Elmo Christensen in der Erinnerung dieser Frauen für immer ein Irrtum bleiben. Ein läufiger, zahnloser Hund, der nie bellte.
An heißen Sommertagen geschehen seltsame Dinge. Raupen geben ihr Leben für die Schönheit hin. Frauen tragen nackte Röcke. Kinder ertrinken im seichten Wasser. Männer schießen auf Plastikblumen. Frauen lieben sich selbst, erlöst von Verantwortung und Vernunft. Fette Jungs träumen davon, Lionel Messi zu sein. Greise wichsen sich ein neues Leben. Kirchenglocken läuten „we are the champions“. Von den Gräbern wachsen Rosen in den blauen Himmel. Mädchen tanzen um die Säule der Verschwendung und träumen von Robert Pattinson.
Max schrieb, löschte das Geschriebene, begann erneut, überließ es dem Mülleimer seines Laptops, fing wieder an und hörte wieder auf. Das zumindest schien ihm die einzig richtige Methode zu sein, ans Ziel zu gelangen, das zugleich das größte Hindernis darstellte. Niemand verlangte von ihm, Schriftsteller zu werden. Er selbst hatte sich diesem Wunsch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Es war sein erster Winter in Florenz. Schneeregen fiel auf die Säule der Verschwendung. Die Stühle der Giubbe Rosse standen auf der Piazza della Repubblica wie ein erfrorenes Heer.
»So kalt wie dieses Jahr, war es noch nie«, sagte einer der Gäste und rieb sich fröstelnd die Hände.
»Das sagst du jedes Jahr, Guiseppe«, erwiderte der Barrista.
»Aber es ist wahr«, raunte Guiseppe, »die Welt wird immer kälter.«
Eine Schwarzhaarige trug den Duft von Melinas Parfum in das Cafè. Max schloss die Augen und begab sich auf die Suche nach dem archimedischen Punkt, an dem es möglich sein würde, den Ballast seiner Erfahrungen von der Beschwernis zu trennen, die er selbst war, und der er vermutlich niemals entkommen konnte.
Wichtige Begegnungen erheben sich augenblicklich aus der Belanglosigkeit des alltäglichen Lebens, haben schlagartig jenes Gewicht, das nur die Leidenschaft erzielt. Als Melina sich auf einem Straßenfest bei Max nach dem Buch erkundigte, das er mit sich herumtrug, wusste er augenblicklich, dass er an keinem der kommenden Tage mehr auf sie verzichten wollte. Zu seinem Erstaunen wohnten sie keine zweihundert Meter voneinander entfernt, was rätselhaft erscheinen ließ, warum er ihr an keinem der vorangegangen Tage schon einmal begegnet war. An allen folgenden Morgen jedenfalls ging er an den Fenstern ihrer Wohnung vorbei, sah nach ihr, fing ihr Lächeln auf, vernahm ihre Stimme und sehnte sich dann den restlichen Tag danach, sie am nächsten Morgen wieder zu hören. Diesem Ritual ging er nach, bis Melina es eines Tages unterbrach und ihn in ihre Wohnung bat. Von diesem Moment an liebten sie sich an jedem Tag ein oder mehrmals in unterschiedlichen Stellungen in verschiedenen Räumen ihrer Wohnung, verbanden bald alle Tage zu einer Perlenkette von Wochen, bis eines Tages Jann aus dem Nichts auftauchte und diese Kette zerriss. In denen Tagen danach fühlte Max sich vergiftet, verwandelt in Schwarze Materie, vor der das Feuer zwischen Melina und Jann aufleuchtete wie die Ölfackeln einer Bohrstation vor der Leinwand eines pechschwarzen Himmels.
Wenn Jann verschwand, um in Beirut, Kabul oder anderen Kriegsgebieten die Grausamkeit der menschlichen Rasse zu dokumentieren, verkam Max wieder zu Melinas Muse, zum Trost ihres Wartens, zur ihrer Kurzweil. Er war ihr Pfand, ein alternativer Lebensentwurf, ein aus Hingabe gewirkter Mantel, in dem sie jederzeit Wärme finden konnte. Und das zeigte die gewünschte Wirkung. Max konnte die Eifersucht in Janns Gesicht ablesen, wann immer er für unbestimmte Zeiträume zurückkehrte, an den Blumen und Geschenken, die er mitbrachte, an den Gesten, die vertraut und besitzend wirken sollten, und es zu Max’ Enttäuschung auch waren. Wann immer er während Janns Abwesenheiten nach einer Liebesnacht im Morgengrauen zurück zu seiner Wohnung schlich, nahm er sich vor, das Spiel zu beenden, die Vampire ans Licht zu zerren und ihnen die Nahrung zu entziehen. Aber da war er bereits verloren. Melina war seine Krankheit und zugleich die Ärztin, die ihn davon heilte. In einem beständigen Kreislauf aus Infektion und Genesung war sie sowohl die Wunde, als auch der blutstillende Verband, und das änderte sich erst in jener Silvesternacht, die Melina mit Jann in Paris verbrachte. In einer Bar in Schwabing lernte Max Carla Kamper kennen, die aus Gründen, die er damals noch nicht kannte, ihre verwundete Seele mit einigen Mojitos zu desinfizieren versuchte. Um Mitternacht, im Lärm der Böller und Raketen, begannen sie auf der schmalen Matratze in Max’ Appartement, nur wenige Schritte von Melinas Wohnung entfernt, ohne die Sucht des anderen zu kennen, mit dem Entzug. Ineinander verwoben versuchten sie sich an denen zu rächen, die sie vergeblich begehrten. Sie atmeten sich ein wie frischen Sauerstoff, der ein Feuer entfachen sollte, das sie miteinander verschmelzen würde. Aber das war nicht geschehen. Sie trösteten sich einige Wochen, ehe Carla weiter nach Prag zog, wo sie einen Job als Tänzerin in einem Fernsehballett gefunden hatte. Max versprach nachzukommen, erlitt jedoch, als er Melina zufällig auf der Straße begegnete, einen Rückfall, und kehrte für ein weiteres Jahr zurück ins Gefängnis seiner Leidenschaft.
In der halben Stunde, die Nora ihn nun schon auf dem Vorplatz des Hotels warten ließ, hatte Jakob ihre Hinterlassenschaften weitestgehend beseitigt. Die zum Klingelton degenerierte Melodie von Madonnas Hung Up sprudelte in den Wagen wie Kohlensäure. Eigentlich durfte er während der Arbeit keine privaten Gespräche führen, aber dann überkam ihn die Lust, Frieda von Noras speckigen Fingerabdrücken auf dem Armaturenbrett zu erzählen, vom Nikotin auf den Fensterscheiben und der klebrigen O-Saft-Flasche, in der der Stummel eines Joints schwamm. All das würde Frieda vom Irrglauben befreien, Prominente seien bessere Menschen, aber dann erzählte er ihr, wie nett Nora sei, wie normal. Das war es nämlich, was Frieda und alle anderen immer hören wollten – dass alle gleich waren, und nur der Zufall den einen oder anderen Menschen aus der Masse hob und das Glück in jedem Augenblick jeden von ihnen streifen konnte. Nur bei Mördern und Verbrechern hoffte man, sie seien nicht normal, um sich in der Sicherheit zu wiegen, nie werden zu können wie sie.
Endlich erschien Nora am Portal des Hotels. Die hauchdünne Lederjeans gab die Umrisse ihrer Muskeln, ihrer Sehnen und ihrer Vulva preis, ließ sie nackt und paarungswillig wirken. Frisch aufgetragenes Parfum drängte sich zusammen mit ihr in die Limousine, platzte dort auf wie eine überreife Frucht, um Wildheit und ewige Abkehr vom Gewöhnlichen zu versprühen.
»Zu dir oder zu dir?« sagte Nora, und Jakob wusste schon wieder nicht, wie er das Lachen deuten sollte, in das sie ausbrach. »Hey, ganz ruhig, Jimmy. Ich mag dich, ich finde dich irgendwie unique. Ich steh auf schüchterne Jungs. Die sind am Ende immer besser als die notgeilen Tiger.«
Letzte Woche hatte Frieda ihm eine Homestory über Nora gezeigt, die in einem der Promi-Magazine abgedruckt war, die im Haare Krishna herumlagen. Jetzt sah er ihr Anwesen wieder vor seinem geistigen Auge. Den nierenförmigen Pool, den buddhistischen Garten, die Tropenhölzer und die erlesenen Kunstwerke, Toiletten die aussahen, als habe sie noch nie ein einziger Batzen Exkremente oder der Verwesungshauch eines Fastfoodfurzes belästigt. Je näher sie seiner erbärmlichen Behausung kamen, desto mulmiger wurde Jakob, schamvoll berührt in der Vorstellung der Offenbarung seiner Herkunft, seines Zustandes und seiner Möglichkeiten.
Zum ersten Mal seit er in der Platte wohnte, benützte er den Aufzug, sah die mit lausig gemalten Geschlechtsteilen und stupiden Sprüchen übersäte Blechverkleidung. Fack evrieebuddy. Sido for President. Kolja ist schwul. Death Muschi. Der sexte Stock hat Aids. Nuttenmuddi – ich weis wo du wohnst. Blas mich gesund geile Peggy.
Für gewöhnlich putzte Jakob jeden Freitagmorgen seine Wohnung, bezog das Bett frisch, wischte Staub und kippte ätzenden Reiniger ins Klo, um all den Dreck zu atomisieren, der in den achtzig Wohneinheiten des Plattenbaus gefressen, verdaut und wieder ausgeschissen wurde. Es geschah auch aus Protest gegen den unaufhaltsamen Verfall des Gebäudes und der Verfettung und Verblödung aller seiner dem Untergang geweihten Insassen. Heute war Freitag, und das beruhigte ihn, als er die Göttin in den Elfenbeinturm einließ.
»Hey! Genauso eine Bude hatte ich früher auch mal, genial. Haben wir `was zu futtern da?«
Mit überwältigender Selbstverständlichkeit riss Nora den Kühlschrank auf und packte den Multikulti-Wochenendeinkauf auf die Arbeitsplatte, der Jakob ein kleines Vermögen gekostet hatte. Käse aus der Schweiz, Avocados aus Mexiko, Kirschtomaten aus Lanzarote, Riesengarnelen aus dem Indischen Ozean, Wildlachs aus Irland und Prosecco aus dem Piemont. Widerspruchslos sah er zu, wie Nora alle Köstlichkeiten so gierig in ihren zierlichen Körper aufnahm, als beende sie einen langen Hungerstreik. Schließlich hielt sie ihm die letzte Scheibe Lachs hin, schleckte sich mit der Zunge Dill-Senfsauce von den Lippen und setzte sich breitbeinig auf seine Knie.
»Weißt du was, Jimmy? Manchmal würde ich gerne mit dir tauschen. Ich stell mir vor, ich schmeiße einfach hin, verkaufe den ganzen fucking Besitz, sage alle Tourneen ab, alle Fernsehauftritte, alle Galas für verlogene Vorstandsmitglieder und die verlogenen Aktionäre von verlogenen Konzernen und zieh mich hier in die Platte zurück. Keiner kennt mich, keiner will was von mir. Ich bin einfach nur da, schwebe durch die Tage, lese Bücher und sehe mir gute Filme an. Jede Sekunde des Tages gehört mir. Wir lachen uns über die verblödeten Gesichter der Farts und Pussys kaputt, die nicht glauben wollen, dass ich den ganzen fuckin Hype einfach stecke, ihn platzen lasse wie einen Ballon. Puff! Was meinst du, Jimmy? Vielleicht mach ich es gleich morgen früh. Ich geh kurz vor die Tür und sage – fickt euch und die ganze Maschine, ich spiele nur noch für mich und für Jimmy. Und dann lassen wir Gott endlich in Ruhe mit unseren Wünschen und ballern nur noch Träume in die Luft, die nicht real und so beschissen schwer werden. An denen nichts mehr hängt. Die einfach nur so herumfliegen.«
Sie verschwand im Bad und kotze dort geschätzte siebzig Euro aus. Hinter dem Fenster funkelten die Lichter der Stadt von der Seite des Schattens bis weit hinüber in die Bezirke derer, die in Sicherheit waren. Bis zum Horizont, wo die Häuser kleiner wirkten, aber die Freiheit um sie herum größer. Das Echo von Noras Worten kreiselte wie ein Deckenventilator in Jakobs Schädel und verbog seine Träume zu Fragezeichen. Auf der vom Licht beschienen Seite schien nicht alles so rosig zu sein, wie er hoffte, aber vielleicht kokettierte Nora auch nur mit der angeblichen Kehrseite ihrer Privilegien.
Unten am Straßenrand machte er das glänzende schwarze Blech der Limousine aus. Zwei prekäre Nichtsnutze standen rauchend neben der Motorhaube und kickten mit ihren Schuhen gegen die Reifen. Es war ihnen zuzutrauen, dass sie sich mit einem scharfen Gegenstand an seinem Aufstieg rächten, ihn mit einem tiefen Riss durch die makellose Haut des Wagens zurück an die Regale des Billig! - Centers beförderten, dessen feuerrotes Logo durch die Nacht waberte, wie das Tor zur Hölle. Jakob machte sich plötzlich Sorgen, die Nora fremd waren und es für immer bleiben würden. Ohne ein einziges Kleidungsstück auf ihrer Haut kam sie zurück ins Zimmer. Ihr souveränes Lächeln degradierte ihn zu einer Harmlosigkeit, die ihn wütend machte. Ihr Atem roch nach Zahnpasta. Sie lehnte sich gegen den Türrahmen des Schlafzimmers.
»Du kannst mich ruhig anschauen. Ich mach das auch immer. Dafür sind wir doch hier, Jimmy. Um uns alles ganz genau anzusehen.«
Sie posierte, drehte ihm ihren Hintern entgegen, stemmte die Hände in die scharfen Kanten ihrer Hüfte, führte seinen Blick mit ihren schmalen Fingern zum pechschwarzen Gras ihrer Schamhaare und zog sie wieder hinauf über die herrischen Linien ihrer Schlüsselbeine. Der Kontrast zum früh entgleisten, fast gleichaltrigen Körper seiner Mutter war surreal. Mit einer aus irgendeinem Film gestohlenen Bewegung öffnete Jakob den Gürtel seiner Hose. Nora kicherte und verschwand.
Sie lag bereits unter der Decke, als er ins Zimmer kam. Er legte sich zu ihr und drückte seinen Ständer gegen sie. Winners Dinner. Wenn ihm jemand gesagt hätte, dass es so einfach sein würde, hätte er nur gelacht. Der arme Junge aus der Hölle war nur noch eine Schwanzlänge davon entfernt, die reiche Göttin zu vögeln.
»Ich liebe frisch gebügelte Bettwäsche«, summte Nora und gab wieder dieses irritierende Lachen von sich. Sie wich seinem Kussversuch aus, stupste mit dem Zeigefinger gegen seine Nase.
»Wie alt bist du, Jimmy?«
»Zweiundzwanzig.«
»Wow, das ist ein Alter, in dem Jungs noch fünf Mal am Tag einen hochkriegen. Genieß es, Jimmy. Ich könnte echt neidisch werden, weil ihr so viel Spaß an dem ganzen Sexding und der Rumschleckerei habt.«
Jakob hatte Lust ihr weh zu tun, etwas Gemeines zu sagen oder sie einfach rauszuschmeißen, bevor irgendetwas geschah, das er bereuen würde. Er schob sie von sich und stand auf. Das schwache Licht der Nachtischlampe warf den Schatten seines sinnlosen Ständers an die Wand.
»Hey«, flüsterte Nora, »bleib hier, ja, bitte. Halt mich. Nur ein bisschen, bis ich eingeschlafen bin. Morgen früh hol ich dir einen runter, wenn du willst. Ich kann das. Ich kenne alle Tricks, Jimmy, glaub mir. Aber jetzt muss ich schlafen. Ich bin müde. So wundervoll müde.«
