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Viviana Uriona

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Beschreibung

Altbekannt ist, welch wichtige Rolle Medien bei der Konsolidierung oder aber auch bei der Transformation einer Gesellschaft spielen. Was aber geschieht, wenn Medien von unten aus agieren und dies in großer Zahl geschieht, unter Einbindung vieler gesellschaftlicher Akteure sowie gegenüber einem umfassenden Publikum? In Argentinien hat sich eine faszinierende Radiolandschaft gebildet, die kollektiv, partizipativ und progressiv arbeitet: Die Community-Radios. Viviana Uriona nimmt uns mit auf eine ethnografische Reise durch die Geschichte dieser Radios, analysiert ihre Arbeitsweise und sucht nach den Gründen ihres Erfolges. Am Ende der Lektüre bleibt eine Frage nicht mehr offen: Könnte hierzulande in gleicher Weise gelingen, was dort geschah?

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Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2020

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Für alle, die den Mut haben zu träumen.

 

Vorwort

Mein erstes Buch, das ich im ibidem-Verlag veröffentlichen konnte, war meine Diplomarbeit zu „Freien Radios“: „Freie Radios als Ort der ‚Jugend-Medien-Arbeit‘“. Der Band ist immer noch erhältlich und meine Leidenschaft für einen Hörfunk, in dem Menschen zu Wort kommen, deren Stimmen sonst nicht gehört werden, ist geblieben. Auch die Vision eines Rundfunks, der kein Sprachrohr der „herrschenden“ Eliten und Parteien ist, sondern ein Medium für Menschen, die sich eine emanzipatorische Gesellschaftsordnung wünschen und dafür eintreten, ist geblieben. Diese Vision teile ich mit der Filmemacherin Viviana Uriona, der Autorin dieser Arbeit.

Ich freue mich deshalb sehr, ein Buch zu „nichtkommerziellem Rundfunk“, zu Bürgermedien, den sog. „Community-Radios“, in Argentinien herausgeben zu dürfen.

Die Autorin nimmt uns in ihrer Dissertation auf eine Reise mit nach Südamerika. Sie gibt einen Einblick in die „Community-Radios“, die sich in Argentinien als Medien für eine Transformation, die den Kapitalismus von unten überwinden möchte, begreifen. Sie sind im Vergleich zu den deutschsprachigen „Freien Radios“ offenbar sehr viel stärker in der lokalen Bevölkerung verankert, stehen mit dieser in einem ständigen funktionalem Austausch, der die Grenze zwischen der Produktion und Konsumtion von Medieninhalten verwischen lässt und verstehen sich – neben selbstverwalteten Fabriken und Landkommunen – als Akteure gesellschaftsverändernder Praxis.

Das deckt Viviana Uriona eindrucksvoll mithilfe von ethnografischen Methoden auf. Wie in einer wissenschaftlichen Arbeit üblich, stellt die Autorin die Methodik, die ihrer Untersuchung zugrunde liegt, ausführlich vor, um sie im wissenschaftlichen Diskurs nachvollziehbar zu machen. Für manchen Praktiker, manche Praktiker*in, der oder die lieber gleich zur Sache kommen möchte, mag der wichtigste Teil dieses Buch erst mit dem zweiten Kapitel, „Motivation“, beginnen. Ausgehend von der Geschichte der Radios der Minenarbeiter in Bolivien, welche Vorbildcharakter für die Community-Radios in Lateinamerika hatten, werden auch andere Formate wie „Bildungsradios“ und Bürgerradios skizziert, um danach das basisdemokratische Konzept der „Poder Popular“ (Populäre Macht) im Kontext einer emanzipatorischen Radiobewegung zu erläutern. In Anlehnung an das Hegemoniekonzept von Antonio Gramsci wird beschrieben, wie die „Community-Radios“ sich einen Platz in der argentinischen Medienlandschaft erkämpften. Dieser Kampf fand einen vorläufigen Höhepunkt, als während der Regierungszeit von Kirchner und Fernandez (2003 bis 2015) die selbstorganisierten sozialen Bewegungen ein neues Mediengesetz erstritten und mitgestaltet hatten.

Die vielen Statements aus den Interviews mit den Radioaktivist*innen, die die Autorin authentisch zu Wort kommen lässt, sind für mich als Herausgeber zweifelsohne das Herz dieser Arbeit und sie machen sichtbar, wie Menschen sich das Medium Radio aneignen und emanzipatorische Prozesse ausgelöst werden können.

Berlin, im Sommer 2020

Harald Hahn

 

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Hintergrund und Rahmenbedingungen

2. Angewandte Methode (Grounded Theory)

2.1. Die Wahl der Methode

2.1.1 Komparative Analyse

2.1.2 Kodieren nach der Methode des permanenten Vergleichs

2.1.3 Interviewführung und Wahl der Interviewpartner*innen

2.1.4 Gütekriterien und kritische Haltung zur Methode

2.2 Hinterfragung der gewählten Methode (Warum nicht Aktionsforschung?)

2.2.1 Darstellung der Aktionsforschung

3. Theoretische Rahmung

3.1 Begriff von Theorien und Theorie der Begriffe

4. Kritische Begrifflichkeiten: Kommunikation, Öffentlichkeit und »Kommunikation als Menschenrecht«

4.1 Zum Begriff der Kommunikation

4.2 Zum Begriff der Öffentlichkeit

4.3 Zum Begriff »Kommunikation als Menschenrecht«

2. Motivation

2.1 (Community)-Radios – ein kurzer Überblick über eine realexistierende Gegenhegemonie

3. Methodologie (Genese)

3.1 Methodologische Herangehensweisen

3.1.1 Eigene Verortung und äußere Rahmenbedingungen

3.1.2 Nördlicher ruraler Raum (Dokumentarfilm Sachamanta)

3.2 Quellen und der Umgang mit ihnen

3.2.1 Interview / Quellen

3.2.2 Vorgehensweise bei der Analyse der Interviews

3.2.3 Auswertungsverfahren (interpretativ)

4. Quellenanalyse und Theoriebildung

4.1 Radio – ein Begriff und viele Begriffsinhalte

*Radios Mineras

*Radios Educadoras

*Radios Propaladoras

*Radios Truchas

*Radios Populares

*Radios Ciudadanas

*Radios Alternativas (Alternative Radios)

*Radios Comunitarias (Community-Radios)

*Freie Radios (eine Abgrenzung)

4.2 Partizipation und ihre Räume

4.2.1 Radio als Teil des Ganzen

4.2.2 Radio als offener Raum

4.2.3 Identität (entlang der Praxis) gemeinsam (neu) finden

4.2.4 Das Radio als Werkzeug(kasten)

4.2.5 Entmystifizierung der Technologien als Empowerment-Mechanismus

4.3 Populare Macht (Poder Popular) als Produktionsstätte radikaler Alterität

4.4. Hegemonie und Gegenhegemonie

4.5 Objektive Berichterstattung

4.6 Öffentlichkeit ohne Raum – Raum der Öffentlichkeit

* (Alternative) Gegenöffentlichkeit gestalten

* Alternative Öffentlichkeit schaffen

*Authentische Öffentlichkeit herstellen

4.7 Recht auf Kommunikation

4.7.1 Kommunikationsbegriff

4.7.2 Kommunikation als (Menschen)Recht

5. Sozialer und politischer Druck von »unten« (Soziale Bewegungen)

5.1 Argentinien

5.1.1 »Sie sollen alle abhauen!« – die Emanzipation der Massen

5.1.2 Das Erstarken der gewerkschaftlichen Arbeiter*innenbewegung

5.1.3 Volksversammlungen

5.1.4 (Kleines) Fazit

5.2 Kontinentaler Kontext

6. Das argentinische Medienrecht im (rechts)historischen Kontext

6.1 Antidemokratischer Ursprung

6.2 Verlorene Jahre

6.3 Die Demaskierung der Hegemonie

7. Ein Gesetz für alle Stimmen

8. Ausblick

9. K[l]eine Kommentierung zum LSCA

1. Gliederung und Besonderheit

2. Erster Teil

3. Zweiter Teil

4. Dritter Teil

5. Vierter Teil

6. Fünfter Teil

7. Sechster Teil

8. Siebter Teil

9. Anmerkungen zu verbleibenden Teilen

Abkürzungsverzeichnis

Anhang

I. Inhaltsverzeichnis des LSCA

II. Codesbuch

Literaturverzeichnis

Einleitung

1. Hintergrund und Rahmenbedingungen

Auf dem lateinamerikanischen Kontinent im Allgemeinen – und im Besonderen in Argentinien – existiert eine nach europäischen Maßstäben schier unfassbare Anzahl an Radiostationen. Mehr als 25 000 Sender sind es in ganz Lateinamerika (Ballesteros, T.: https://radialistas.net/mapa-de-radios/1). Unter ihnen gibt es staatliche Sender, dezidiert öffentlich-rechtliche Sender und private Sender. In 2012 gab es nach Ballesteros allein in Argentinien ca. 8000 Sender. (Ballesteros, T. 2012: 35)

Diese hohe Anzahl an Radiostationen erklärt sich nicht allein durch ein anderes Medienkonsumverhalten oder kulturelle Besonderheiten. Es gibt auch deshalb so viele Radiosender in Lateinamerika, weil es einen Typ Radiosender gibt, der in Europa in dieser Form kaum existiert, in Lateinamerika aber eine enorme soziale und politische Bedeutung hat: das Community-Radio. Schätzungen zufolge werden allein in Argentinien zwischen 3000 und 6000 Community-Radios2betrieben. (Ballesteros, T. 2012: 35) Der bürgerlichen Rechtsform nach handelt es sich bei diesem Radiotyp um eine private Station, also eine Station, die weder im Eigentum des Staates steht noch von diesem in Funktion gesetzt und unterhalten wird. Dennoch bestehen fundamentale Unterschiede zu den europäischen »Privatsendern« einerseits und zu den europäischen »Freien Radios« andererseits.

Erstens ist der »Privatbesitz« an einem Community-Radio ein gemeinschaftliches, egalitäres Eigentum einer relativ großen Gruppe von Menschen, die durch den Gebrauch des Eigentums keine Gewinnerzielungsabsicht verfolgen.3 Dies unterscheidet Community-Radios von typischen privaten Sendern. Zweitens sind die betreibenden Gruppen hierarchiearm organisiert, was sie von typischen privaten Sendern ebenso unterscheidet wie von vielen europäischen Freien Radios. Drittens beziehen die Stationen die lokale Bevölkerung in die Gestaltung des Programms und in die Entwicklung der Stationen aktiv ein, was beim europäischen »Freien Radio« allenfalls eine Zielstellung sein mag, die jedoch bislang meist ohne nennenswerten Erfolg blieb. Viertens erreichen Community-Radios – anders als die europäischen Freien Radios – eine enorme Zahl von Hörer*innen und sind wesentliche Akteure bei der politischen Ideenfindung und Willensbildung.

Die vorliegende Studie beschäftigt sich mit diesen argentinischen Community-Radios und untersucht sie und die sie tragende(n) Bewegung(en) als gegenhegemoniales Projekt, als ein gegen den Mainstream der Massenmedien gerichteten dauerhaften (und erfolgreichen) Versuch, (Gegen)Meinungen zu bilden, Gegen(Informationen) zu verbreiten und so zu einer (postkapitalistischen) gesellschaftlichen Transformation beizutragen. Die Untersuchung hat ein Motiv. Dieses besteht in dem Versuch zu der Debatte über »Bürger*innen-Medien« in Deutschland und Europa beizutragen, die bislang nicht zu klären vermochte, warum es hier nie gelang, zu einer massenwirksamen »Berichterstattung von unten« zu kommen.

Es lässt sich annehmen, dass es hierzulande die unzureichende materielle Ausstattung von Bürgermedien ist, ihre Benachteiligung bei der Vergabe von Frequenzen oder ihre mangelnde »Professionalität«, die ihre Wirksamkeit behindert. Und tatsächlich wird diese Studie zeigen, dass die argentinischen Community-Radios im Vergleich besser ausgestattet sind, bei der Frequenzvergabe bessere Rechte haben und den »Professionellen« in Staats- und Privatfunk nicht nachstehen. Dennoch ist diese Besserstellung nicht allein die Ursache der sozialen Wirksamkeit der argentinischen Community-Radios, sondern sie ist zugleich die Folge der sozialen Funktion dieser Radios, ihrer inneren Struktur und ihrer Verankerung in der Bevölkerung – und zwar von ihrem Beginn an und unter wesentlich schlechteren Bedingungen als heute. Diese Studie wird daher auch zeigen, dass es ursächlich das Selbstverständnis der argentinischen Community-Radios als Gesellschaftsveränderer ist, das ihnen in der Folge eine enorme Bedeutung im Medienspektrum verschafft hat.

Dieser Blick auf Ursachen und Folgen kann zudem völlig von dem konkreten untersuchten Medientyp unabhängig erfolgen. Die innere Struktur eines Medienbetriebes und der Grad seiner Verankerung in der Bevölkerung lassen sich ebenso gut für Fernsehstationen, Zeitungen oder Onlineangebote untersuchen.

Der Erfolg der argentinischen Community-Radios ist auch nicht radiotypisch zu erklären, also etwa über die Annahme, das Medium Radio eigne sich besonders gut für eine gesellschaftsverändernde Praxis oder garantiere sie sogar. Träfe dies zu, müssten europäische Stationen ähnlich erfolgreich sein. Die Radiowellen, Antennen, Sender und Empfangsgeräte in Argentinien unterscheiden sich aber technisch nicht von denen an anderen Orten der Welt. Nicht die Betrachtung des äußeren Aufbaus des Mediums trägt zur Analyse bei, sondern die Untersuchung des konkreten Gebrauchs des Mediums, mithin der innere Aufbau.

Der Erfolg der Stationen ist abstrakt betrachtet zunächst ein medientypischer Erfolg, dessen Analyse zu Erkenntnissen für das »Medienmachen« führt, die übertragbar sind auf alle anderen Formen von Medien. Diese übertragbaren Ursachen des Erfolges der argentinischen Community-Radios lauten überblicksartig: Selbstorganisation, eigene Produktionsmittel, hierarchiefreier Aufbau, Empowerment, Streben nach Aufhebung des Sender-Empfänger-Prinzips, Verwurzelung in der Community.

Auf all diese Bereiche wird diese Studie ausführlich eingehen. Sie stützt sich dazu auf Interviewanalysen nach der Grounded Theory und auf eine Vielzahl gesellschaftstheoretischer (poder popular), philosophischer (marxistischer), juristischer, historischer und medientheoretischer Überlegungen, die sie zum Verständnis des Datenmaterials heranzieht.

2. Angewandte Methode (Grounded Theory)

Der vorliegenden Untersuchung liegt die Methode der Grounded Theory zugrunde. Dies ist ein vor allem in der Sozialwissenschaft verwendeter Ansatz zur Auswertung qualitativer Daten, wie sie etwa bei der Interviewführung gewonnen werden, mit dem Ziel der Gewinnung von Theorien zum Forschungsgegenstand. In der englischen Sprache wird das Wort »Theory« sowohl im Sinne von »Methode« als auch im Sinne von »Theorie« verwendet. Nach deutscher Lesart ist die Grounded Theory selbst noch keine Theorie, sondern eine Methode zur Generierung von Theorien4. Sie ist überdies keine einheitliche Methode. Verschiedene Wissenschaftler*innen, die zur oder mit der Grounded Theory arbeiten, haben unterschiedliche Auffassungen zum Gehalt der Methode, die zum Teil zurückgehen auf die von den Urhebern Glaser und Strauss5 untereinander eröffnete Diskussion zum Verständnis der von ihnen vorgelegten Methode.

Allen diesen verschiedenen Ansätzen ist aber auch ein spezifisches Erkenntnisinteresse gemeinsam, auf das es mir für meine Forschungen entscheidend ankommt: Anstatt die im Datenmaterial erfassten subjektiven Sichtweisen zu rekonstruieren, kommt es darauf an, die sozialen (und m.E. auch materiellen) Phänomene herauszuarbeiten, die diesen Sichtweisen (ursächlich bzw. motivierend) zugrunde liegen.

2.1. Die Wahl der Methode

Während meiner universitäts-wissenschaftlichen Zeit habe ich bereits als Studentin, aber auch als Mitarbeiterin unterschiedlicher Lehrstühle jahrelange Erfahrungen mit unterschiedlichen Forschungsmethoden, sowohl quantitativer als auch qualitativer Forschungsdesigns, gesammelt. Diese Erfahrungen, die aus der Anfertigung kleiner, mittlerer und größerer Untersuchungsarbeiten sowie der Tätigkeit als Dozentin für diverse universitäre Seminare entstammten, ermöglichten mir, bereits im Frühstadium meines Forschungsvorhabens zu den Radiostationen (Exposé) eine genaue Vorstellung zu entwickeln, welche Methode genutzt werden sollte: die Grounded Theory.

Diese Methode ermöglichte es mir, für mein Forschungsdesign das Forschungsfeld der Radios mittels leitfadengestützter Interviews angemessen zu erheben und ganz nach (u.a.) Charmaz (1996) aus Versionen von Realität einen konsistenten Kern herausarbeiten zu können, als eine Version von Realität, d.h. als eine mögliche (wahre) Darstellung von Geschehnissen, denen eine (materielle) Ursächlichkeit zugrunde liegt. Die Entscheidung für eine bestimmte Forschungs- und Auswertungsmethode ist im Sinne von Schirmer (2009) das Ergebnis einer Kompromissfindung seitens der Forschenden. Sogleich erläutern werde ich, warum ich die so genannte Aktionsforschung als Methode weniger tauglich fand und daher auch nicht verwandte.

Das Erscheinen der ersten Publikationen6 zur Grounded Theory von Glaser und Strauss legte Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts einen neuen Grundstein in unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, der zahlreich adaptiert und verbreitet worden ist. (Lampert, C. 2005: 516-517) Relativ neu war dabei zum einen der Ansatz, nicht etwa (bestehende) Theorien anhand eines geschlossenen Datenmaterials aufzustellen oder zu überprüfen, sondern neue Theorien durch zyklische Datenerhebung aufzufinden, wobei die Theorien gleichsam im Datenmaterial »schliefen«.7 Zum anderen förderte m.E. die dem Ansatz inne liegende Logik eines abduktiven Schließens die Realitätsnähe bzw. Praxisnähe der Forschenden, weil sie diese in einen Kreislauf zwang, bei dem sie ihre aus den Hypothesen gefundenen Vorannahmen immer wieder faktisch überprüfen mussten und ihre Hypothesen entlang des Faktischen ggf. neu aufstellen, wenn die Überprüfung der aus ihnen abgeleiteten Vorannahmen zu keiner Bestätigung führte. Im Bereich der Naturwissenschaft entspräche die Grounded Theory gewissermaßen einem Ansatz, der z.B. die theoretische Physik aufforderte, von der Tafel und vom Simulationscomputer einen Schritt zurückzugehen und die Messinstrumente neu aufzubauen. Im Bereich der Sozialwissenschaft ist die Methode ein Ausfluss des Symbolischen Interaktionismus.

Wenn wir uns die Methode Grounded Theory als einen Werkzeugkasten mit verschiedenen Werkzeugen vorstellen (sowie Anleitungen zu deren Gebrauch), so enthielte der Kasten in etwa das Folgende:

Die Erhebung eigenen Datenmaterials (hier Interviews) zur Interpolation der in ihm auffindbaren Realitätsgehalte zum Zwecke der Theorienbildung im Wege komparativer Analyse und permanenten Vergleichs (dazu sogleich) (Strübing, J. 2004: 13ff.)

die Möglichkeit und sogar die Pflicht der Forschenden, sich selbst zu verorten8

die Betrachtung und Thematisierung der äußeren Rahmenbedingen des Forschungsgegenstandes

Die Heranziehung externer Materialien zur Theoriebildung (und Überprüfung)9

Insbesondere auf die Erfordernisse der komparativen Analyse und die Methode des permanenten Vergleichs möchte ich bereits hier näher eingehen.

2.1.1 Komparative Analyse

Glaser und Strauss empfahlen eine Vorgehensweise, die stark an die Idee der abduktiven Logik von Charles Sanders Peirce (1839–1914) angelehnt ist, ohne dies zu benennen und vielleicht sogar, ohne sich dessen bewusst zu sein. (Reichertz J. 2011: 208) Die Forschenden mögen sich zur Theoriebildung in einen zyklischen Kreislauf aus Erhebung von Daten, Analyse von Daten und Auswertung von Daten begeben. (Strübing, J. 2014: 15f)

So bin auch ich verfahren. Die für diese Arbeit geführten Interviews mit den Radiomacher*innen entstanden entlang einer sich stetig verfeinernden Theoriebildung zu den ideellen und materiellen Ursachen des Erfolges der Radios. Zugleich entwickelte ich die Theorie und deren Hypothesen entlang des in den Interviews aufgefundenen Datenmaterials durch Falsifikation oder Verifikation nach dessen Transkription und Kodierung.

Ich änderte dabei allerdings nicht die Struktur der leitfadengestützten Interviews, weil ich davon ausgehen durfte, dass mir die Interviewführung selbst genug Raum gab, um neu auftauchende Codes, Kategorien und Theorieansätze zu überprüfen.

2.1.2 Kodieren nach der Methode des permanenten Vergleichs

Mein Sampling umfasste 20 Interviews mit Radiomenschen aus urbanen und ruralen Zusammenhängen sowie ca. 24 weitere Interviews, die ausschließlich im ruralen Raum geführt wurden10, um einen maximalen Kontrast in der Datenerhebung hervorzurufen. Die Kodierung der Interviews erfolgte iterativ entlang der Führung neuer Interviews. Der stetig anwachsende Datensatz wurde zunächst einer offenen Kodierung unterzogen, um sich wiederholende bzw. wiederkehrende Phrasen (oder Wörter) zu identifizieren. Anhand von Kernvariablen (Verhaltensmuster) der interviewten Personen bildete ich dann Kategorien. Dabei wurden die Wertigkeit des Codes, die Relevanz der Kernvariablen und die Tauglichkeit der Kategorien durch fortlaufendes Erheben und Kodieren neuer Daten jeweils hinterfragt. Kategorien, die eher Bestand behielten, dienten bei der Codierung neuer Daten als jeweils maßgeblicher (selektive Kodierung). Die sich verstärkenden Kategorien dienten der Theoriebildung (unter Berücksichtigung der hinter ihnen stehenden Kernvariablen und unter Heranziehung philosophischer, sozialwissenschaftlicher und politikwissenschaftlicher Grundannahmen).

2.1.3 Interviewführung und Wahl der Interviewpartner*innen

Für die Durchführung der Interviews bediente ich mich der Haltung der ethnografischen Interviewerin. (Spradley, J. 197911) Damit war gewährleistet, dass die Bedeutung des »Fremden«, des von »außen Kommens« gewahrt blieb, obwohl ich sowohl eine argentinische Herkunft als auch einen Radiohintergrund habe.12 Selbstverständlich kann mein subjektives Vorverständnis aber nicht völlig ausgeblendet werden. Es hatte sicher Einfluss auf die Entscheidungen zu spezifischen Nachfragen oder Vertiefungen. Die interviewten Personen sind als »Teil des Handlungsfeldes« ganz im Sinne von Meuser und Nagel zu verstehen. (Meuser, M; Nagel, U. 2005: 73)13

2.1.4 Gütekriterien und kritische Haltung zur Methode

Schließlich sah ich mich bei der Forschung zu dieser Arbeit an grundsätzliche Parameter (Gütekriterien) gebunden, deren Wichtigkeit oft im Zusammenhang mit der Grounded Theory betont werden. Diese sind:

die Pflicht zur Auswahl und zum Erfassen des Untersuchungsgegenstands in der bestmöglichen Art und Weise,

die Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses, indem dieser transparent und intersubjektiv vorgelegt wird,

und schließlich das Ermöglichen der Nachvollziehbarkeit der Reflexion sowohl dieses Forschungsprozesses als auch seiner Ergebnisse. (Strauss, A. und Corbin, J. 1996: 214f.; Lampert, C. 2005: 522)

Darüber hinaus waren die Texte von Strübing (u.a. 2006) und Hildebrand (u.a. 2004) für mich aufschlussreich, um die Entwicklung und Auseinandersetzung der zwei Richtungen der Grounded Theory zu durchdringen14 und eine kritische Auseinandersetzung mit der Methode zu finden. Denn die Grounded Theory ist nicht nur eine Methode zur Generierung von Theorien. Sie ist eben auch eine Methode zur Hinterfragung von Methoden und das schließt sie selbst ein.

Ich finde es schwer vorstellbar, dass im Datenmaterial selbst bereits Erkenntnisse »schlummern«, die dort sozusagen objektiv bestehen und von jedem Forschenden gleichermaßen nur aufgefunden werden müssen, solange die Methode beachtet wird. Ich denke, im Datenmaterial schlummern vielmehr solche Erkenntnisse, die nach den ideellen Maßstäben, der sozialen Verortung, der Klassenzugehörigkeit und der Vorbildung des Suchenden dort spezifisch erkennbar werden. In diesem Punkt folge ich eher Strauss, der die Haltung vertrat, dass theoretisches Vorwissen in die Analyse der Daten notwendig einfließen müsse, wobei ich anmerken möchte, dass bereits das theoretische Vorwissen nicht allein gleichsam in der Summe des Gelesenen und Behaltenen besteht, sondern immer zugleich das »für richtig« und »für relevant« Gehaltene beinhaltet, das wiederum ohne Hinzuziehung der sozial-ökonomischen Verortung des Forschenden nicht sinnvoll bestimmt werden kann.

Ähnlich Strauss gemeinsam mit Corbin:

»Theory is not the formulation of some discovered aspect of a pre-existing reality ›out there‹ [...] Theories are interpretations made from perspectives as adopted or researched by researchers« (Strauss, A. und Corbin, J. 1994: 279)

Dazu schreibt Strübing aufschlussreich:

»Aus Daten allein ›emergiert‹ gar nichts, erst recht keine Konzepte. Zwar rekonstruiert der Kodierprozess in der Grounded Theory in der von Strauss und Corbin vertretenen Variante durchaus, doch ist der Prozess kein durchweg logischer, denn er kommt nicht ohne das kreative Zutun der Forschenden aus: Wir ›machen‹ Sinn aus den Daten, sie sprechen nicht zu uns. Auch wenn wir den Sinn der Interaktionen von Handelnden zu rekonstruieren versuchen, so ist der dabei zu leistende analytisch-interpretative Prozess doch kein logisch zwingender, sondern ein tentativ-experimenteller. Zwischen Daten und Konzepten liegen mühevolle Explikationen, die Aktivierung von alltags- und wissenschaftlichem Vorwissen und Heuristiken, Abduktionen, riskante, weil probabilistische Schlüsse und die fortgesetzte experimentelle Überprüfung vorläufiger Konzepte (Ad-hoc-Hypothesen) an systematisch ausgewähltem Datenmaterial.« (Strübing, J. 2006: 150)

Während der Analyse der Interviews sprachen die Daten also deutlich zu mir, während sie anderen Personen durchaus auch Anderes zu erzählen gehabt hätten. Die Daten gaben mir schon beim offenen Kodieren oft eine deutliche Richtung an, die ich dann durch das Heranziehen anderer Vergleiche und in zyklischer Form nicht selten validieren konnte (»Radio und sozialer Wandel«). Viele andere Codes (»Radio und Familie«), die bereits von Anfang an nicht relevant für die Analyse waren, validierten sich auch in ihrer Relevanzlosigkeit.

Diese notwendige Subjektivität besteht m.E. auch im Bereich der (zyklischen) Theoriebildung unter Berücksichtigung spezifischer Literatur. Für diese Arbeit habe ich eine Vielzahl von Literatur herangezogen, die vor allem im lateinamerikanischen Raum als relevant erachtet wird und im deutschsprachigen Raum bislang kaum bis gar nicht in der Sozialwissenschaft rezipiert wurde.

»People construct texts for specific purposes and they do so within social, economic, historical, cultural and situational contexts. Texts draw on particular discourses and provide accounts that record, explore, explain, justify, or foretell actions, whether the specific texts are elicited or extant.« (Charmaz, K. 2006: 35)

Viele der herangezogenen Texte lateinamerikanischer Autoren entstammen dem Feld eines kritischen dialektischen Materialismus. Es dürfte auf der Hand liegen, dass dessen Einbeziehung in die Theoriebildung deutlich andere Ergebnisse hervorbrachte, als es etwa im Falle der ausschließlichen Einbeziehung idealistischer (deutscher) Philosophie der Fall gewesen wäre.

»Es geht bei der Datenanalyse um die Dialektik von Daten und Theorie ebenso, wie von Feld und Forschenden.« (Strübing, J. 2006: 150)

Dimension sowie auch Relevanz des dialektischen materialistischen Aspekts werden in der vorliegenden Studie später vertieft (Kapitel 4: Quellenanalyse und Theoriebildung). Als ich meine Forschungen begann, kannte ich den ganz überwiegenden Teil der nun verwandten lateinamerikanischen Literatur selbst nicht. Ich las diese Literatur vielmehr erstmals entlang der Codierungen der Interviews. In weiten Teilen schien mir diese Literatur auch wesentlich geeigneter zur Theorienbildung als die (zum Teil) innerlich als untauglich verworfene europäische Literatur. In Teilen entsprach ich damit einer von Strauss und Corbin geforderten Haltung, wonach die Forschenden bereit sein müssten, vorhandenes Vorwissen auszublenden bzw. zu revidieren. (Corbin, J. und Strauss, A. 2008: 37-38)

2.2 Hinterfragung der gewählten Methode (Warum nicht Aktionsforschung?)

Intention der Aktionsforschung ist es (u.a.), praxisnahe Hypothesen aufzustellen, die zu Veränderungen im Sinne einer Problemlösung führen. Diese Studie sieht in der Hegemonie der klassischen Medien ein Problem, zu dessen Lösung sie beitragen möchte. Es wäre also zunächst nicht fernliegend, bei der Wahl der Methoden statt oder neben der Grounded Theory auch die Aktionsforschung15 einzubeziehen, zumal beide Methoden von einem starken Praxisbezug ausgehen. Beide Methoden können grundsätzlich ergänzend, also nebeneinander angewandt werden bzw. in einen befruchtenden Zusammenhang gebracht werden, wie unter anderem Dick feststellt.16 Dazu müssten dann m.E. aber auch für beide Ansätze die Minimalvoraussetzungen vorliegen. Dazu sogleich.

2.2.1 Darstellung der Aktionsforschung

Die Aktionsforschung versteht sich als eine problemlösende Forschungsstrategie, die die Akteur*innen und Forscher*innen gleichermaßen einbezieht. (Pieper, R. 1972)17 Von Anfang bis zum Ende eines Prozesses sollen Forscher*innen und Akteure Probleme feststellen und Lösungsansätze ausarbeiten, die entlang des realen Erlebens geschehen bzw. evident werden. Durch die zyklische Form des realen Prozesses (welche nicht zu verwechseln ist mit dem von der Grounded Theory angeratenen ideellen, zyklischen Durchlaufen abduktiver Logikkreisläufe) sollen Ergebnisse oder Lösungsansätze im konkreten Umfeld getestet bzw. ausprobiert werden.

»The research needed for social practice can best be characterized as research for social management or social engineering. It is a type of action-research, a comparative research on the conditions and effects of various forms of social action, and research leading to social action. Research that produces nothing but books will not suffice.«18 (Lewin, K. 1946: 202-203)

Bezüglich des Zyklischen benennt schon Moser im Jahr 1977 als Minimalkriterium, dass

»[...] ein Datenfeedback stattfinde[t]n soll, ein problematisierender Diskurs mit den Betroffenen.« (Moser, H. 1977a: 58)

Nach Moser ist die Aktionsforschung darauf ausgerichtet, auch die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse der Forschenden dem Feedback der Akteure zu unterziehen. (Moser, H. 1977a: 59) Und tatsächlich ist dem Ansatz wohlwollend entgegenzubringen, dass die Sozialwissenschaft ein merkwürdiges Verständnis von sich selbst hätte, wenn sie an ihrem Echo in der (sozialen) Realität kein Interesse hätte. Doch der Imperativ der Aktionsforschung geht noch weiter:

»Aktionsforschung […] erfordert die zielbezogene Diskussion konkreter Forschungsmethoden, wobei insbesondere mitzureflektieren ist, auf welche Weise die sozialen Beziehungen durch die betreffende Methode mitbestimmt bzw. verändert wird [sic!].« (Moser, H. 1977a: 60)

Sogar die Methodenwahl der Forschenden kann gemeinsam kritisch evaluiert werden, bis hin zu deren Abwahl und der Neuausrichtung der Forschung. (Moser, H. 1977a: 61)

Seit Lewin und über Moser hinweg hat sich die Aktionsforschung stetig weiterentwickelt und sie ist heute als Methode (als Werkzeug) in bestimmten Forschungszusammenhängen stabil verankert. Die große Zahl an Dissertationsschriften, Forschungsarbeiten im Bereich Erziehung und Bildung (z. B. Altrichter, H. 1998) und Arbeiten im Bereich der Psychologie, die die Aktionsforschung zugrunde legen, zeigen nicht nur ihre Aktualität, sondern auch ihre Wertschätzung als Methode.

Ich schätze den kritischen Ansatz der Aktionsforschung wegen der durch sie angeordneten großen Nähe zwischen Forschenden und den Menschen, zu denen geforscht wird, und dies nicht nur deshalb, weil damit die künstlichen (Macht)Grenzen zwischen Beurteilenden und Beurteilten aufgehoben werden, sondern auch, weil die in der Methode angelegte inhärente Überprüfung wissenschaftlicher Ergebnisse die Sozialwissenschaft insgesamt bereichern dürfte.

Dennoch kam die Aktionsforschung als Methode für diese Arbeit nicht in Frage, und zwar weil mein Forschungsvorhaben den von Moser benannten »Minimalkonsens«19 für die Aktionsforschung in zwei Bereichen nicht erfüllte. Erstens bin ich kein gleichberechtigtes Teil der von mir untersuchten Bewegungen und musste mich auch nicht zu einem Teil machen. Dies wäre zweitens auch ganz sinnlos gewesen, denn in den untersuchten Gruppen bestand kein (gemeinsames) Problem, das wir hätten lösen können oder wollen. Die Untersuchten schilderten auch kein solches Problem, zu deren Lösung sie meine Mithilfe erfragt hätten.

Der Ausgangspunkt der Untersuchung lag nicht in einem Problem, sondern in der Suche nach den Ursachen eines »Nichtproblems«, nämlich der Suche nach den Gründen des Erfolges der Community-Radios, repräsentiert in ihrer großen Anzahl, ihrer großen Zuhörer*innenzahl und ihrer enormen sozialen Wirkung. Das zu lösende Problem bestand und besteht nicht in Argentinien. Es besteht in Deutschland und Europa.

3. Theoretische Rahmung

Durch das Herausarbeiten von Aussagen mit höheren Dichte (density20), welche in sich einen analytischen bzw. der Analyse zugänglichen Charakter trugen, entstand entlang der Auswertung der geführten Interviews (in zyklischer Form) die theoretische Rahmung dieser Studie. Mir war von Anfang an klar, dass ich mich auf die Suche nach prägender lateinamerikanischer Literatur machen musste. Diese Literatur beeinflusst bis heute maßgeblich Diskussionen um das Selbstverständnis der argentinischen (Medien-)Aktivist*innenszene. Darüber hinaus verfügt die untersuchte Szene über Kenntnisse und Durchdringungen der europäischen Literatur zum Thema. Diese Literatur wurde hier selbstverständlich auch herangezogen.

3.1 Begriff von Theorien und Theorie der Begriffe

Es ist natürlich unmöglich, beide Literaturkreise in inhaltlicher Hinsicht präzise voneinander abzugrenzen. Gleichwohl gibt es zwischen ihnen markante Unterschiede. Tendenziell pflegt die lateinamerikanische Literatur einen praktischen Umgang mit den von ihr behandelten medienpolitischen Themen. Sie ist agitativer, auf ihre Wirkung in der Medienwelt orientiert und legt weit weniger Wert auf begriffliche Diskussionen als in der europäischen Literatur üblich. Der Grund liegt wohl darin, dass sich die herangezogenen Autoren mit ihren Schriften sich auf eine lebendige Szene der gegenhegemonialen Praktiken stützen und abzielen können und ihre Werke daher zuerst für die Praxis und dann erst für die Universitätsbibliotheken schreiben. In dieser Literatur ist etwa die gelehrige Differenzierung zwischen Öffentlichkeit und Scheinöffentlichkeit oder die Abgrenzung von Öffentlichkeit als Zustand und Öffentlichkeit als Gruppe nicht besonders relevant. Dafür fragt sich diese Literatur aber beständig, wie sich dieÖffentlichkeit als Menge der in irgendeiner Form erreichbaren und überzeugbaren Personen erreichen und überzeugen lässt oder wie hinsichtlich der Themensetzungen in den ersehnten Bereichen ein Höchstmaß an Öffentlichkeit (als Zustand) erzielt werden kann – ohne zwischen beiden Begriffen überhaupt zu unterscheiden. Es mutet seltsam an, die Qualität dieser Abhandlungen, die eine enorme soziale Wirkkraft haben, an ihrer begrifflichen Disziplin festmachen zu wollen.

Demgegenüber verfügen wir im europäischen Kontext über Arbeiten, die sich mit hoher sprachlicher Präzision seitenreich der Phänomenologie widmen, ohne die Vorstellungskraft oder Phantasie aufzubringen, wie sich die bestehenden Verhältnisse im Bereich der Themensetzungen dieser Arbeiten tatsächlich praktisch ändern ließen. Diese Arbeiten erreichen daher m.E. auch nur Menschen, die sie am Schreibtisch oder in der Bibliothek lesen, weil sie gerade selbst ähnliche Arbeiten verfassen. Diese Haltung des Scientia enim est solum scientia darf man kritisieren.

Für die Fertigstellung dieser Studie wählte ich einen Mittelweg zwischen lateinamerikanischer und europäischer Schule des wissenschaftlichen Schreibens. Ich verdichtete und kritisierte die europäischen Begrifflichkeiten in wiederkehrender Reflexion und im Kontrast zu der lateinamerikanischen Praxis. Feine begriffliche Differenzierungen nehme ich nur dort vor, wo sie zu einer (praktischen) Erkenntnis führen.

4. Kritische Begrifflichkeiten: Kommunikation, Öffentlichkeit und »Kommunikation als Menschenrecht«

4.1 Zum Begriff der Kommunikation

Wenn wir uns dem Begriff der Kommunikation etymologisch annähern, erfahren wir, dass das lateinische communicare »Teilen«, (sich) »Mitteilen« und »Teilnehmen« als eine Sozialhandlung bezeichnet. In dieser Studie gehe ich von der negativen Prämisse aus, dass die menschliche Kommunikation weder zum Selbstzweck geschieht, noch, dass sie gleichsam (Wesen des Menschen) als eine etwaige anthropologische Grundkonstante keiner materiellen Begründung mehr bedürfe. Ich gehe von der positiven Prämisse aus, dass communicare seine volle Bedeutung erst auf der Grundlage eines gemeinsamen Tuns erhält, auf das die Sprache gerichtet ist, ein Tun, das Prozesse vorantreibt und vervollständigt und auf Veränderung zielt. Kommunikation ist demnach für diese Studie ein (soziales) Mittel zur Gestaltung von Realität, ist mithin materiell orientiert und bemisst sich in ihrer Tauglichkeit daran, ob das gesetzte Ziel erreicht werden kann oder nicht.

Unter dem Zugang der Handlungstheorien wird Kommunikation auch (selbst schon) als soziales Handeln verstanden, dies aber selbstverständlich mit Ziele und Zwecken, die ihre Verortungen im Materiellen haben. Das übergeordnete Ziel ist die Entstehung neuer Gedanken, Ideen, Lösungen, welche die Realität (Wirklichkeit) als das Bezugsobjekt der Kommunizierenden betreffen. So schreibt John Dewey:

»communication can alone create a great community«21

Auch die Systemtheorie bringt nur einen sehr veränderten Blickwinkel, jedoch kein abweichendes Ergebnis mit sich. Die Autopoesis eines sozialen Systems erfordert selbstverständlich eine erfolgreiche Kommunikation, also eine Kommunikation der Systemteilnehmer*innen, die in der Folge die Funktionsgrundlagen des Systems betrifft, die eben nicht ideell, sondern materiell fundiert sind.

Weitere Theorien zu Kommunikation werden in die Arbeit einbezogen, die als aktuelle Weiterentwicklung der Chicagoer Schule22 der 1920er Jahre einzuordnen sind. Richtigerweise ordneten sie die Kommunikation in ihren sozialen Kontext ein und betrieben eine kritische Reflexion und Analyse der seinerzeit entstehenden mächtigen Medienmonopole. Diese Arbeiten untersuchen die Beziehungen zwischen Kommunikation, Demokratie und Gemeinschaft vor dem Hintergrund der Verteilung gesellschaftlicher materieller Ressourcen.

Im Rahmen des materiell eingefassten Verständnisses von Kommunikation, das dieser Studie zugrunde liegt, ließe sich freilich endlos differenzieren, wenn dazu nur die passenden Fragen gestellt werden: Sind Selbstgespräche Kommunikation oder braucht es mindestens zwei Teilnehmer*innen?23 Inwieweit ist ein Roman ein kommunikativer Akt, wenn ihn niemand liest?24 Kann Schweigen Kommunikation sein?25

Die für diese Arbeit entscheidenden Fragen sind aber ganz andere. Sie lauten etwa, unter welchen sozialökonomischen Bedingungen sich der an sich geklärte Inhalt des Kommunikationsbegriffes entfaltet oder nicht entfaltet. Wo wird Kommunikation behindert? Wo wird sie beherrscht und wo kann sie befreit werden (sogleich dazu: Kommunikation als Menschenrecht)? Woran liegt es, dass die Kommunikation einer gesellschaftlichen Klasse so viel wirksamer die gesellschaftliche Realität gestaltet (bzw.) reproduziert als es die Kommunikation einer anderen gesellschaftlichen Klasse vermag, diese Realität zu ändern?

Diese Fragen lassen sich selbst durch ein Höchstmaß an Differenzierungen innerhalb des Kommunikationsbegriff weder besser noch schlechter beantworten, weswegen diese sehr weitgehenden Differenzierungen für diese Arbeit auch unterlassen werden. Diese Fragen lassen sich aber beantworten durch die Hinzunahme von Theorien, die zwar von Kommunikation handeln, aber eben auch von Macht und Gegenmacht, von den Gründen von Ausbeutung und Unterdrückung und von Strategien weltverändernder Praxis, auf die daher allesamt in dieser Studie verstärkt abgehoben wird.

4.2 Zum Begriff der Öffentlichkeit

Bereits Negt und Kluge attestierten dem Begriff der Öffentlichkeit eine »bemerkenswerte Schwammigkeit« (Negt, O. und Kluge, A. 1972). Einige seitdem und zuvor in den Sozialwissenschaften immer wieder besprochenen Probleme im Umgang mit dem Begriff der Öffentlichkeit sind wohl rein sprachlicher Natur und dies insofern, als der Begriff je nach kontextuellem Bezug verschiedene Bedeutungen haben kann, die wir freilich mühelos unterscheiden können.

Beispiel: Wer in aller Öffentlichkeit nackt spazieren geht und keine öffentliche Persönlichkeit ist, muss kaum fürchten, dass die veröffentlichte Meinung darüber die Öffentlichkeit informieren wird, zu deren Existenz, Ansichten und Meinung in der Literatur durchaus verschiedene Meinungen von Sozialwissenschaftler*innen veröffentlicht werden.

Mit dem ersten unterstrichenen Wort ist der offene Raum jenseits von Umfriedung oder häuslicher Sphäre gemeint. Die »öffentliche Persönlichkeit« ist ein lebender Mensch, der eine Bekanntheit bei vielen Menschen erfolgreich sucht oder schlicht erfährt. Mit der »veröffentlichten Meinung« sind große Medien gemeint, deren Gebrauch der Meinungsfreiheit besonders wirksam ist. Das dann folgende Wort »Öffentlichkeit« bezeichnet (im Unterschied zum ersten) eine sehr große Zahl von Medienempfänger*innen, und »veröffentlicht« meint publizieren, also die Zugänglichmachung von perpetuierten Gedanken in medienspezifischer Form an einen nicht individualisierbaren Empfänger*innenkreis.

Allerdings hätte es dieser Definitionsversuche gar nicht bedurft. Der kurze Satz war auch für sozialwissenschaftliche Laien völlig verständlich. Die sozialwissenschaftliche Hoffnung, aus der Kritik von Begriffen Erkenntnisse zu gewinnen, ist groß, ihre Wirkung auf die außeruniversitäre Praxis dagegen gering. Viel weiter trägt dort die inhaltliche Kritik an denen mit den kritisierten Begriffen in Zusammenhang stehenden Medieninstitutionen und deren Rolle in der Gesellschaft. Jürgen Habermas stellte 1962 in seiner Arbeit zum historisch-systematischen Strukturwandel der Öffentlichkeit fest: »Öffentlich« und »Öffentlichkeit« entstammen

»[...]aus verschiedene(n) geschichtliche(n) Phasen und gehen, in ihrer synchronen Anwendung auf Verhältnisse der industriell fortgeschrittenen und sozialstaatlich verfaßten bürgerlichen Gesellschaft, eine trübe Verbindung ein.« (Habermas, J. 1990 [1962]: 54)

Das dem Zeitalter des bürgerlichen Liberalismus entstammende und dort einmal utopisch-kraftvoll gemeinte Verständnis des Begriffs »Öffentlichkeit«26 suggeriert uns heute fälschlich (nach Überwindung des Feudalismus) die Existenz einer Gruppe von untereinander approximativ gleichen Bürger*innen, die Adressat*innen, Interessent*innen und sogar gleichrangige Produzent*innen von Informationen und Meinungen sein könnten. Damit wird ein künstlicher Archetyp eines »Volkes der Öffentlichkeit« konstruiert, das ein »öffentliches Interesse« und eine »öffentliche Meinung« inne hat und auch Ansprüche, z.B. darauf, öffentlich informiert zu werden.

Aber:

»Wenn es gelingt, den Komplex, den wir heute, konfus genug, unter dem Titel ›Öffentlichkeit‹ subsumieren, in seinen Strukturen historisch zu verstehen, dürfen wir deshalb hoffen, über eine soziologische Klärung des Begriffs hinaus, unsere eigene Gesellschaft von einer ihrer zentralen Kategorien her systematisch in den Griff zu bekommen.« (Habermas, J. 1990 [1962]: 58)

Das heißt, diese behauptete Öffentlichkeit (der approximativ Gleichen) existiert real noch nicht. Sie ist Utopie geblieben und die Behauptung der Realität der Utopie behindert deren Umsetzung. Der bürgerliche Liberalismus hat eben nicht die Gesellschaft der Freien und Gleichen hervorgebracht, sondern mit dem Kapitalismus eine Gesellschaft geschaffen, in der die Ungleichheit unter den für alle gleichen Gesetzen perpetuiert wird.

Wir leben in einer Klassengesellschaft. Ihre Öffentlichkeit ist ebenso antagonistisch gespalten wie es die Interessen derjenigen sind, die diese Öffentlichkeit im Wege der Kommunikation beeinflussen wollen. Keine Information und keine Meinung kann separat gedacht werden von dem jeweiligen Nutzen oder Schaden, den sie vor dem Hintergrund entgegengesetzter systemischer materieller Interessenlagen bewirkt.

Die vom Medienbetrieb (Luhmann) beständig reproduzierte Behauptung einer Öffentlichkeit betrifft dessen Funktionserhalt unter den konkreten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Denn grundsätzlich geht es dabei um die Gestaltung eines gesellschaftlichen und politischen Narrativs im Interesse des Kapitals bzw. zum Zwecke der Erhaltung des kapitalistischen Systems. (Neidhardt, F. 1994: 10)27 Dennoch hat der Begriff auch einen wahren Gehalt. Dort, wo seine Verwender*innen die Klassenverhältnisse innerhalb des Publikums anerkennen oder zumindest erahnen, lässt sich eine Inhaltsverschiebung konstatieren. Öffentlichkeit wäre dann so etwas wie die Summe der Menschen – mit unterschiedlichen Klassen- und Interessenlagen –, die medial erreicht werden kann oder soll. Der Begriff wäre dann ein schiefes Synonym für: uneinheitliches Publikum mit uneinheitlichen Interessen.

Soweit nicht anders erläutert, liegt dieses Verständnis von »Öffentlichkeit« (als uneinheitliches Publikum) dieser Studie zugrunde.

4.3 Zum Begriff »Kommunikation als Menschenrecht«

Ein zentraler Begriff dieser Studie ist der von der Kommunikation als einem Menschenrecht. Die in den USA und Lateinamerika übliche sprachliche Phrase »Kommunikation als Menschenrecht« ist im europäischen Raum bislang weitgehend unbekannt geblieben. Es bestehen auch große Unklarheiten hinsichtlich der Bedeutung des Begriffs.

Teleologisch mag sich zunächst nicht erschließen, warum die menschliche Kommunikation durch irgendein Recht geschützt oder gestärkt werden müsse. Denn die Kommunikation scheint dem Menschen als Bedürfnis inne zu liegen. Doch so steht es ganz ähnlich mit dem Bedürfnis nach Nahrung. Die Tatsache, dass Menschen regelmäßig Hunger verspüren, macht sie noch nicht satt. Aus diesem Grund gewähren viele nationale Rechtsordnungen und auch bereits die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (Artikel 22) einen sozialen Schutz durch die Gesellschaft. Ein Recht auf Kommunikation hat teleologisch keine andere Funktion: Es würde einem menschlichen Bedürfnis zu einer (umfassenderen) Erfüllung verhelfen.

Juristisch-systematisch mag verwirren, dass einigen Rechten auch Pflichten gegenüber stehen. Wie müsste eine Pflicht zur Kommunikation aussehen? Allerdings sind die von Gesetzgeber, Rechtswissenschaft oder Gerichten ermittelten korrespondierenden Pflichten nur ganz selten exakte Spiegelbilder der Rechte.28 Selbstverständlich ist eine Pflicht zur Kommunikation ebenso abwegig wie die Pflicht, die eigene Meinung zu verkünden.

Juristisch-systematisch unklar erscheint weiterhin zunächst das Verhältnis zwischen dem in vielen nationalen Rechtsordnungen und den Menschenrechten historisch viel früher bereits anerkannten Recht der Meinungsäußerungsfreiheit sowie dem der Pressefreiheit29 einerseits und dem diskutierten Recht auf Kommunikation andererseits. Diese Verhältnis erhellt sich, wenn diese »älteren« Rechte als Teilmenge des neuen Rechtes eingeordnet werden, das insoweit weitgehender ist, als dass es das durchsetzbare Recht für eine wirksame Massenkommunikation für jeden Menschen beinhaltet und die Garantien der älteren Rechte beibehält. Das neue Recht wird dabei in kritischer Auseinandersetzung mit den realen Beschränkungen der alten Rechte diskutiert, wobei die Diskussion in inhaltlicher Hinsicht nicht erst seit kurzem stattfindet.

Der MacBride-Report30 problematisierte 1980 für diese Diskussion die relevanten Fragen: Wer hat die Meinungsmacht? Wer sendet wie für wen? Wer bleibt ungehört und wer wird gehört? Der Bericht rügte die Asymmetrie in der »öffentlichen« Kommunikation und regte ein »Recht auf Kommunikation« an, das auf symmetrische Kommunikation in allen Bereichen, in denen sie fehlt, zielte.

Die Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung etablieren sich historisch mit dem Übergang des feudalistischen in das kapitalistische Zeitalter. Sie sind Geburtshelfer und Kinder des Kapitalismus zugleich. Geburtshelfer waren sie, weil die Ausübung dieser Rechte den Absolutismus als letzte Phase des Feudalismus zu erschüttern half. Kinder sind sie, weil erst die entwickelte Form des Kapitalismus eine umfangreiche Garantie dieser Rechte überhaupt leisten konnte. Nach der bürgerlichen Selbstwahrnehmung sind diese bürgerlichen Freiheitsrechte solche Rechte, die gleichermaßen jeden Bürger gegenüber dem Staat31 und gegenüber Privaten in mittelbarer Drittwirkung32 schützen.

Für die Ausübung der allgemeinen Meinungsfreiheit im privaten Bereich mag dies zutreffend sein. Mit Blick auf die die Meinungsfreiheit konkretisierende Pressefreiheit »genießt« die übergroße Zahl der Menschen dieses Recht nur als Empfänger*innen von Informationen, weil es ihnen an den materiellen Grundlagen für eine wirksame Massenkommunikation fehlt. Es ist nun nicht ungewöhnlich, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft Wenige etwas Konkretes für Viele produzieren. Das stört für sich genommen auch nicht sonderlich, wenn es um Grünkohl, Taschenrechner oder Jeans geht. Der Medienbetrieb (re)produziert jedoch als Hegemonie die Informationen, die die kapitalistische Struktur der Gesellschaft betreffen.

Pressefreiheit ist das Recht von Wenigen, den Vielen die Welt zu erklären, und dies oft auch noch so, dass diese Vielen an dieser Welt besser nichts Entscheidendes ändern möchten. Was mögen sich dagegen wohl die Vielen zu erzählen beginnen, wenn sie sich gegenseitig zuhören könnten? Was würden sie dann verändern wollen? Es ist dieses Experiment eines symmetrischen Massen-Kommunizierens33, dem das Recht auf Kommunikation Vorschub leisten will.

1 Das Projekt umfasst Forscher*innen aus diesem Bereich, die aus allen Ländern des Kontinents Material und Ergebnisse beitragen.

2 Die genaue Anzahl an Stationen ist umstritten, weil man sehr unterschiedliche Kriterien an den Begriff »Community-Radio« anlegen kann, wobei strengere Kriterien zu eher 3000 Stationen führen und weichere Kriterien 6000 ergeben können.

3 Die Rechtsnatur des Eigentums und seine faktische Funktion müssen nicht übereinstimmen. Sind zum Beispiel alle Mieter eines Mietshauses zugleich Eigentümer desselben Hauses (wie etwa beim deutschen Miethäusersyndikatsmodell), so hat sich an der Rechtsnatur des Eigentums nach § 903 BGB nichts geändert, wohl aber an der faktischen Funktion. Es dient nun dem Interesse der Mieter*innen nach möglichst niedrigen Mieten, nicht mehr der Erzielung möglichst hoher Mieteinnahmen.

4 Im deutschsprachigen Raum hat mittlerweile eine Unterscheidung der Benennung der Methode als Grounded Theory sowie eine Bezeichnung ihrer Resultate als gegenstandsbezogene Theoriebildung ihren Platz gefunden. (Lampert, S. 2005: 516)

5 Glaser, B. G. und Strauss, A. (1967): The Discovery of Grounded Theory – Strategies of qualitative research.

6 In dieser Arbeit wird »The Discovery of Grounded Theory« aus dem Jahre 1967 in der deutschen Übersetzung von 1998 »Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung« herangezogen.

7 Legewie, Heiner und Schervier-Legewie, Barbara (2004): »Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen«.

8 Zur Vertiefung der »Fremdheitsannahme« bzw. »Verfremdungshaltung« rekonstruktiver Sozialforschung, die überwiegend in der Ethnografie ausgearbeitet wurde, siehe: Hirschauer, S. und Amann, K. (1997).

9 Von Strauss eher betont als von Glaser.

10Sie entstanden in Workshops entlang der partizipativen Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm »Sachamanta«.

11 Ein faszinierendes und praktisches Handbuch, das Schritt für Schritt Interviewtechniken darstellt.

12 Manche Interviewpartner*innen antworteten auf eine Frage etwa mit Bemerkungen wie: »Nun, das müsstest Du ja selbst wissen« oder »Du kennst das ja«. Meine Reaktionen lauteten dann durchweg: »Nein, ich kenne das nicht.« oder »Ich möchte es von dir und aus deiner Sicht wissen.«

13 Für eine weitere Vertiefung des Gegenstands und zum Umgang mit Leitfaden-Interviews empfehle ich Helfferich (2005).

14 Im Laufe der Differenzierung der Methode in verschiedene Methoden betonte Strauss stärker, dass die Forschenden notwendig theoretisch vorgeprägt sind. Glaser bestand darauf, dass sich die Theorienbildung allein aus den Daten zu ergeben habe. Bereits in ihrer gemeinsamen Arbeit war dieser Konflikt angelegt.

15 Aktionsforschung oder auch action research geht auf den Sozialpsychologen Kurt Lewin zurück. Der deutsch-jüdische Wissenschaftler floh vor dem Antisemitismus des deutschen Nazismus und entwickelte den Ansatz in den USA. Ein Teil seiner Arbeiten ist heute online abrufbar: http://gth.krammerbuch.at/sites/default/files/articles/Create%20Article/25_KL_F.pdf

Im deutschsprachigen Raum brauchte es fast 20 Jahre, bis nach dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands die Ansätze von Lewin wieder interdisziplinär diskutiert wurden. Weiterführende Lektüre bei: Unger, H. von (2014): Partizipative Ansätze. Einführung in die Forschungspraxis, Berlin.

16 Dick, B. (2007): »What Can Grounded Theorists and Action Researchers Learn from Each Other?«, in: Bryant, A. and Charmaz, K.: The SAGE Handbook of Grounded Theory, S. 398–416.

17 Pieper, R. (1972): »Aktionsforschung und Systemwissenschaften«, in: Haag, F. (Hg.): Aktionsforschung, München, S. 100–116.

18 Lewin, K. (1946): Action research and minority problems. In Resolving social conflicts: Selected papers on group dynamics. New York, 201–216.

19 Moser widmet dem Minimalkonsens ein ganzes Kapitel. (Moser, H. 1977b: 30–34)

20 Die Tabelle der density der Codes befindet sich im Anhang II: Codesbuch dieser Veröffentlichung.

21 Dewey, J. [1927] 1954: Neuauflage: John Dewey: The Public & its Problems. Athens, Ohio.

22 u.a.Charles Horton Cooley, Walter Lippmann und John Dewey.

23 Wenn das Selbstgespräch der Verdeutlichung von Handelsoptionen diente, ist es Kommunikation.

24 Dann wäre dieser Roman ein relativ erfolgloser kommunikativer Akt.

25 Vielleicht kommt es auf die Mimik an.

26 Selbstverständlich ist der Begriff selbst älter, aber unser Verständnis des Inhalts des Begriffs entstammt einer sehr viel jüngeren Epoche.

27 Was kein bewusstes Handeln erfordert, wie diese Studie später präziser ausführt.

28 Dem Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, entspricht spiegelbildlich die Pflicht, das auch zu tun. (Artikel 6, Absatz 2, Satz 1 Grundgesetz)

29 Pressefreiheit wird hier (nach der historischen Herkunft) synonym verwendet für alle Formen der Medienfreiheit. Das Grundgesetz erwähnt die Presse- und Rundfunkfreiheit. Im englischen Sprachgebrauch umfasst »Freedom of Press« grundsätzlich alle Bereiche der (Massen)Medien.

30 Der MacBride-Report aus dem Jahr 1980 ist Teil einer Untersuchung mit dem Titel »Many Voices, One World. Communication and Society Today and Tomorrow«. Er war ein wichtiger Versuch, das Verständnis von Kommunikation als Menschenrecht auf dem internationalen Parkett zu präsentieren und beinhaltet auch bereits den juristischen Term »Kommunikation als Menschenrecht« sowie dessen Herleitung aus der grundsätzlichen Funktion aller Menschenrechte, die den Menschen (in liberal-freiheitlicher, sozialer oder weiterer Weise) davor schützen soll, zum Objekt fremder Macht erniedrigt zu sein.

31 Der Staat darf unliebsame Meinungen oder Meinungen grundsätzlich nicht unterdrücken.

32 Der Staat darf im Verhältnis zwischen Privaten der Unterdrückung unliebsamer Meinungen oder Tatsachen grundsätzlich keinen Vorschub leisten.

33 Hier ließe sich naheliegend einwenden, dass zunächst kaum vorstellbar ist, wie für eine symmetrische Kommunikation die Vielzahl an Frequenzen, Stationen, Druckerpressen oder Servern bereit gestellt werden sollte. Doch das ist ein Scheinproblem. Diese Studie wird in den folgenden Kapiteln zeigen, dass es um die Ausübung von Kommunikationsrechten in Gruppen geht, denen die notwendigen Mittel an die Hand zu geben sind, um diese Rechte wahrzunehmen.

2. Motivation

»I'd sit alone and watch your light / my only friend through teenage nights / and everything I had to know / I heard it on my radio / You gave them all those old time stars / through wars of world invaded by Mars / you made 'em laugh you made 'em cry / you made us feel like we could fly radio / So don't become some background noise / a backdrop for the girls and boys / who just don't know or just don't care / and just complain when you're not there«

(Radio Gaga, Roger Taylor, Queen, The Works, 1984)

Ich gehör(t)e einer Generation und auch einer gesellschaftlichen Klasse in Argentinien an, bei der das Radio lange Zeit das einzige Medium war und noch längerer Zeit das wichtigste Medium blieb. Seit ich denken kann, war das Radio von frühmorgens, beim Aufstehen und Frühstücken, über das Nachmittagsprogramm bis spät in den Abend unser lautester bester Freund in der Familie. Das Radio erklärte uns die Welt und es war die politische Luft, die wir atmen konnten, atmen mussten, wenn wir nicht gleichsam politisch ersticken wollten.

Im Jahre 1983 verfügte meine Familie außerdem bereits über ein Fernsehgerät; doch als Argentinien in diesem Jahr den Falklandkrieg verlor, die Militärdiktatur bröckelte und aus der Geschichte verschwand, da verfolgten wir das Unvorstellbare täglich weiter im Radio, weil wir es den ganzen Tag hören konnten.

Das Bild von der geatmeten Luft trifft den Kern der Sache: Der Mensch muss den ganzen Tag, das ganze Leben lang ununterbrochen atmen – Radios gibt es auf Küchenanrichten, in Autos, in tragbarer Form im Bus, in der Schule und auf der Straße. Sie lassen sich am Abend auf dem Nachttisch einschalten und mischen sich in die Träume ein. Radios existieren an allen Orten und sie erlauben es unseren Beinen, Händen und Augen sich mit anderem zu beschäftigen, zu laufen, zu arbeiten, zu ruhen, während unsere Ohren dennoch weiter aufmerksam zuhören können. Das unterscheidet Radios von Fernsehern, Zeitungen oder Büchern. Diese gleichen – um im Bild des „Leben-müssens“ zu bleiben – dem zum Leben notwendigen Essen und Trinken, aber nicht der Atemluft.

Nicht nur für mich oder meine Familie, sondern für die argentinische Gesellschaft war das Radio das wichtigste Medium, um Informationen zu bekommen. Aber vor allem war es das wichtigste Medium, um analytisches und kritisches Denken zu erlernen und zu üben. Radio war ein Gleichmacher. Niemand musste lesen können, um es zu hören. Niemand musste reich sein, um es zu besitzen. Jeder musste gleichermaßen das eigene Vorstellungsvermögen trainieren, um dem Erzählten die passenden Bilder abzuringen, die Stimmen in Personen zu verwandeln, die Geräusche in Orte zu denken.

Das Radio war, besonders unmittelbar nach dem Ende der Diktatur, ein Labor der Medien und der Kritik der Medien. Viele Menschen, die heute in der argentinischen Medienlandschaft eine geachtete Rolle spielen, egal in welche politische Richtung sie sich mit den Jahren entwickelten, experimentierten und laborierten damals mit dem Radiomachen. Der Umbruch zur bürgerlichen Demokratie ließ eine zuvor nie geahnte Vielfalt politischer Sendungen entstehen, deren Grundlage und Grenzen natürlich in den materiellen Erfordernissen lagen, Technik, Sendeplatz und Personal bezahlen zu können. Auch das wissenschaftliche Nachdenken über das Medium Radio kam in Fahrt und hält bis heute an. Die Rolle des Radios in (insbesondere) der argentinischen Gesellschaft ist durch eine Vielfalt von Publikationen1 für weitere Generationen festgehalten worden. Sie falsifizieren das in Europa projektierte Bild der lateinamerikanischen TV-Familie2 und befassen sich mit der Entstehungsgeschichte und der Entwicklung des Mediums Radio von seinen Anfängen bis hin zum Ende der 1990er Jahre. Inhaltlich konzentrieren sie sich auf das Radio, das heute als etabliert verstanden wird, und zusammenfassend behandeln sie folgende naheliegende Schwerpunkte:

Die Leidenschaft und Abenteuerlust der ersten Generation von Radiomachenden, die sich auf die Entwicklung des technischen Bereichs und des Radios als Gerät konzentrierten. (Los Locos de la Azotea3) (Ulanovsky, C. et al.: »Días de radio I« 2004: 13-28 und López Vigil, J. I. 2005: 11)

Das Besondere der Live-Sendungen, entweder durch die Direktübertragung von Opernaufführungen oder durch die Vorbereitung von Radioabenden in großen Theatersälen.

Die Rolle der Sendungssprecher*innen (Moderator*innen) und deren Verbindung mit der Hörerschaft, die sich zunächst durch Briefe und später über das Telefon an den Sender zu Wort meldeten.

Das unmittelbare kollektive Gefühl einer Identifikation, bis heute können die meisten Argentinier*innen ohne Zögern auf die Frage antworten: »Welche Radiostation hören Sie gern?«

Die Antworten auf diese Frage fallen natürlich nach Region, Interessen, Musikgeschmack, politischer Verortung etc. ganz verschieden aus. In Argentinien wäre dies zunächst nicht anders als in der Bundesrepublik bzw. in Europa. Doch etwas