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Nach »Wovon wir leben« erzählt Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher in ihrem neuen Roman sensibel und literarisch vom Umgang mit Neurodivergenz Oz ist anders, er hat ADHS und tut sich schwer in der Schule, aber diesmal ist ihm etwas wirklich Blödes passiert. Auf dem Heimweg wünscht er sich deshalb zumindest eine kleine Katastrophe, die seine Mutter von dem Brief der Lehrerin, den er ihr geben muss, ablenken würde. Als Oz nach Hause kommt, ist Ann – auch sie ausgestattet mit einem flirrenden Nervenkostüm – nicht wie vermutet in Zeugnis-Feierlaune, sondern es ist tatsächlich etwas passiert. Die Zilly-Oma, die in den Bergen lebt, ist weg … Intensiv, humorvoll und mit großer Empathie erzählt Birgit Birnbacher von der Liebe einer Mutter, die mit sich und gegen andere kämpft, um ihr Kind gegen die Zuschreibungen von außen zu verteidigen – und sei es letztlich mit dem Erzählen selbst. Ein Roman über die Chancen, die der Wildwuchs im Denken eröffnet. Haben die, die sich nicht anpassen können, unserer überreizten Natur und Umwelt womöglich tatsächlich etwas entgegenzusetzen? »Birgit Birnbacher beherrscht sie noch, diese älteste und edelste Kunst: das lebendige Erzählen als seelenrettende Maßnahme.« Clemens J. Setz
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Nach »Wovon wir leben« erzählt Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher in ihrem neuen Roman sensibel und literarisch vom Umgang mit NeurodivergenzOz ist anders, er hat ADHS und tut sich schwer in der Schule, aber diesmal ist ihm etwas wirklich Blödes passiert. Auf dem Heimweg wünscht er sich deshalb zumindest eine kleine Katastrophe, die seine Mutter von dem Brief der Lehrerin, den er ihr geben muss, ablenken würde.Als Oz nach Hause kommt, ist Ann — auch sie ausgestattet mit einem flirrenden Nervenkostüm — nicht wie vermutet in Zeugnis-Feierlaune, sondern es ist tatsächlich etwas passiert. Die Zilly-Oma, die in den Bergen lebt, ist weg …Intensiv, humorvoll und mit großer Empathie erzählt Birgit Birnbacher von der Liebe einer Mutter, die mit sich und gegen andere kämpft, um ihr Kind gegen die Zuschreibungen von außen zu verteidigen — und sei es letztlich mit dem Erzählen selbst.Ein Roman über die Chancen, die der Wildwuchs im Denken eröffnet. Haben die, die sich nicht anpassen können, unserer überreizten Natur und Umwelt womöglich tatsächlich etwas entgegenzusetzen?»Birgit Birnbacher beherrscht sie noch, diese älteste und edelste Kunst: das lebendige Erzählen als seelenrettende Maßnahme.«Clemens J. Setz
Birgit Birnbacher
Sie wollen uns erzählen
Roman
Paul Zsolnay Verlag
Für Xaver
The wilderness is gathering
all its children back again.
Leonard Cohen, Last Year’s Man
Er stellt sich vor, wie er ihr irgendwann alles sagt.
Wie er sagt, er habe den Hasen nicht zweimal umgebracht. Niemand bringt zweimal jemanden um, oder etwas, wie es richtigerweise ja heißen muss. Auch etwas bringt jemand nicht zweimal um. Schon gar nicht ein Kind einen Hasen, schon gar nicht mit Absicht, schon gar nicht er. So ist es, und so wird er es erzählen. Nichts und niemanden hat er umgebracht, genau genommen auch nicht den Hasen, genau genommen nicht einmal einmal.
Was steht dann da in dem Brief, wird sie fragen.
Du musst ihn nicht lesen, wird er sagen, ich erzähl es dir. Aber bitte hör mir ganz genau zu.
Er stellt sich vor, wie sie am Küchentisch sitzt, wie immer ein bisschen zerstört von der Arbeit, die sie vor sich auf dem Bildschirm hat. Ein Auge noch am Schirm, den sie nicht zuklappen wird, noch nicht. Er stellt sich vor, wie er beginnt, die Zehn-Uhr-Pause, der Fußballkäfig, der Grünstreifen mit dem Kinderspielplatz, du weißt.
Wie er mit leichtem Ton von HL erzählt, du weißt doch, wer HL ist, der Schulwart, das hab ich dir tausendmal gesagt (keine Vorwürfe, sonst geht das gleich in die falsche Richtung). Du weißt doch, HL. Wie also HL den Rasen hinter der Garage mähen will. Wie er zu mähen beginnt und es gleich wieder lässt. Das ist wichtig, wie in einem Kriminalfall, wo jedes Detail wichtig ist, wenn es um Schuld oder Unschuld geht, oder etwas dazwischen. Etwas dazwischen wird es wohl werden, vermutet er.
Wovon sprichst du, Ozzy, wird sie fragen, komm zum Punkt.
Sie ist nicht so die klassische Spielplatz-Mutter. Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ. Er schämt sich immer, wenn er erzählen muss, was sie arbeitet. Kannst du nicht beim Billa arbeiten, fragt er oft, einfach irgendeinen normalen Job haben? Das mit der Wissenschaft ist immer so kompliziert. Niemand weiß, was ein Postdoc ist.
Wenn er so zu erzählen beginnt, ist sie ungeduldig, bevor er beim Hauptteil ist. Inzwischen wird sie mitgekriegt haben, dass das hier eine Art Geständnis wird, und von Geständnissen hat sie in diesem Schuljahr die Nase richtig voll, weil er sich, wie sie sagt, einiges geleistet hat. Er muss also zusehen, dass sie versteht, wie alles gekommen ist und dass es im Grunde ein Unfall war, obwohl es alles andere als ein Unfall war. Die Welt ist nun mal kompliziert. Sagt sie das nicht immer, wenn er ihren Beruf erklären soll?
Er stellt sich vor, wie er sagt, seine Freunde und er hätten an diesem Dienstag in der großen Pause bloß mit den Hasen gespielt. Weil sie nicht blöd ist und weiß, dass ein paar Neunjährige nicht Häschen streicheln, gibt er zu, mit spielen sei gemeint, dass Fahid sein Jausengemüse an die Nager verfüttert, das er seit kurzem immer mitkriegt, weil sie bei der Schuluntersuchung gesagt haben, dass er zu viel wiegt. Die Schulhasen sind dankbar. Der weiße Hase, Hildi, schläft, aber der braune Hase, Flöte, freut sich über die Karotten und knabbert eifrig. Aussparen wird Ozzy, dass Füttern, wie generell Zu-den-Hasen-Gehen, einzig an Donnerstagen erlaubt ist. Ihre Klassenlehrerin Carina, die auch Hasenbeauftragte ist, hat die 3C darüber unterrichtet, dass Hildi und Flöte kleine Herzen haben, die schnell schlagen, und wenn zweihundert Kinder zugleich mit zwei Hasen spielen, ist das für die Hasenherzen womöglich zu viel. Deswegen gilt: Bei den Hasen sind immer nur Kleingruppen, immer nur donnerstags, aber das weiß seine Mama nicht und das muss sie an dieser Stelle auch nicht erfahren.
Seit seine Mama im Streit zu seinem Papa gesagt hat, dass er sich seine Medikamente sonst wohin stecken kann, geht sie ins Impulskontrolltraining, das ihr helfen soll, nicht immer gleich so aufbrausend zu sein. Trotzdem wird sie, an der Stelle mit den Karotten, bereits gelangweilt sein, auf dem Stuhl hin und her rutschen, sich aber beweisen wollen, dass ihr Geld gut investiert gewesen ist und sie jetzt viel besser aufpassen kann. Noch denkt sie, wegen einer Hasensache wird sie sicher nicht schreien.
Die Buben haben sich also unerlaubterweise vom Schulhof entfernt und sind hinter das Gebäude gegangen, wo die Hasen ihren Stall haben und die Pausenaufsicht sie nicht sieht. Zur Orientierung fasst er zusammen: vorne Schulhof und Fußballkäfig, rechts hinten Hasen, links hinten HL. HL hat begonnen, den Rasen zu mähen, und gleich darauf den Rasenmäher wieder abgestellt. Das weiß Ozzy, weil die Stille nach dem Rasenmäherlärm ihm stiller vorgekommen ist als eine normale. Absolut still.
Mittlerweile wird Ann, seiner Mama, diese Ader auf der Stirn anschwellen, die sie kürzlich auch wieder gekriegt hat, als sie erfuhr, dass Christian, sein Vater, zu Ferienbeginn in Wien festsitzt, sportverletzt. Großartig, hat sie gesagt, aber sie hat es eher so gesagt, wie sie auch sportverletzt sagt, wenn sie mit ihrem Chef am Telefon die Sommerferien bespricht: sportverletzt, wie mit dem Stanleymesser geschnitten sagt sie es.
Mit dieser Ader auf der Stirn hat sie dann auch das Camp gebucht, ein Camp für Kinder mit und ohne ADHS, damit Ozzy Erlebnisse in der Natur hat und in den ersten beiden Ferienwochen nicht zu Hause sitzen und ihr beim Tabellenauswerten zuschauen muss. Fischen, wandern, Kräuter suchen, hat sie gesagt. Andere Kinder, denen es auch so geht wie dir, hat sie gesagt. Wie geht es mir, hat er sich gefragt, aber es nicht ausgesprochen. Für sie ist es schwierig genug zu wissen, wie es ihr geht. Da kannst du dich wunderbar von dem stressigen Schuljahr erholen, hat sie gesagt. Da kannst du Erlebnisse in der Natur haben und so. Erlebnisse in der Natur sind etwas Schönes, hat sie gesagt, ihr seid Kinder, ihr mögt so was.
HL, der Rasenmäher und die Stille also.
Und wie Fahid kapiert, dass HL jetzt kommt und sagt, scheiße, der kommt.
Die Hasen sind eigentlich Häsinnen. Und die Häsinnen sind eigentlich Kaninchen. Die Kaninchen stehen, wenn sie nicht in ihrem weiter drüben angelegten Hoppel- und Streichelgehege herumhoppeln, hinter der Schule, weit genug vom Parkplatz entfernt, in angemessenem Abstand zum Fußballkäfig und den Spielgeräten, in einem Stall. Der Stall ist von HL selbst gemacht worden, was man sich viel weniger liebevoll vorstellen darf, als es klingt. Unter der Erde gibt es beim Gehege auch eine Buddelsicherung, weil die Hasen sich Tunnel in die Freiheit graben, die HL dann zuschüttet und mit der Schaufel festklopft, bis die Witterung die Erde wieder lockert und die Hasen weitergraben. Die Hasen gegen HL, HL gegen die Hasen, die Hasen mit den Krallen, HL mit der Schaufel, so geht das hin und her.
Jetzt wäre es gut, wenn sie wüsste, dass HL keine Hasen mag. HL mag keine Hasen, wird er sagen, auch wenn sie schon ungeduldig ist, und HL mag keine Kinder, was sich wahrscheinlich von selbst versteht. HL mag Tätigkeiten wie das Festklopfen und Zubetonieren und Niedermähen. Das muss man wissen, damit man weiß, wie HL einen Rasen mäht, wenn er einen mäht. Und wie, wenn er nun schon öfter davon abgehalten worden ist, endlich zu mähen. Aggressiv. Schnell. Zornig. Jetzt muss Ozzy beschleunigen, sonst bricht ihr die Aufmerksamkeit davon. Inzwischen hat sie sich die Geschichte tausendfach selbst erzählt. Inzwischen sind in ihrem Kopf Würfel gefallen, die noch nicht einmal jemand geworfen hat.
Seine Lage ist ein bisschen ungünstig, weil das Jahr kein leichtes gewesen ist. Ausgerechnet die dritte Volksschulklasse, deren Zeugnis man überall vorzeigen muss, wenn man ins Gymnasium will. Ihm ist halt in der Schule so fad. Obwohl er Carina, seine Lehrerin, wirklich sehr mag. Carina ist fünfundzwanzig, trägt Billabong-Hauben und dunkle Locken bis zur Hüfte, eine kleine runde Brille, und gestikuliert, wenn sie etwas erklärt, als wäre es ein Battle-Rap. Trotzdem schläft Oz augenblicklich das Hirn ein, wenn sie anfängt, von schriftlicher Division oder vom Löwenzahn zu reden oder wem wie viele Äpfel übrig bleiben. Ihn interessiert das mit den Äpfeln einfach nicht.
Noch schlimmer ist es, wenn sein Hirn ihn nicht lähmt, sondern die Gedanken ihm einfach davongaloppieren. Wenn sie zum Beispiel anfängt mit so was wie dem Kleinsten gemeinsamen Vielfachen.
Erst seit er all diese Konzentrationsübungen macht, schafft er es, sich nicht jedes Mal, wenn Carina vom Kleinsten gemeinsamen Vielfachen spricht, ein winziges grünes Männchen mit einem hohen, spitzen Hut vorzustellen, das jauchzend und kreischend im Gegenlicht einer Vollmondnacht um ein Feuer springt und so heiß ich nicht, so heiß ich nicht schreit, während aus den Funken des Feuers viele hundert weitere Kleinste gemeinsame Vielfache spritzen und so weiter.
Fokus. Er stellt sich jetzt mal das violette Lama vor. Die Lerntherapeutin hat gesagt, dass er das tun soll, wenn er sich konzentrieren will. Das violette Lama ist sein Konzentrationstier, also denkt er: Lama. Und: violett. Es hilft überhaupt nicht. Deswegen denkt er: Fokus. Und: Hasenstall. Genauer: der Hakenverschluss am Tor zum Hasenstall, der offen ist. Logisch ist der offen, sie stehen ja davor, und Flöte frisst Fahid aus der Hand, als Fahid schreit, dass HL kommt, und ihnen einfällt, dass HL immer die Hasen kontrolliert, bevor er mäht. HL mag die Hasen nicht, aber er mag auch keinen Hasen zusammenmähen. Die Buben also rennen, Fahid und Arvo zuerst, dann Luca und schließlich Oz, der auch von sich aus den Stall zugemacht hätte, ganz ohne dass Fahid schreit: Alter, mach zu. So gesehen ist es ein doppelter Beweis, dass er versucht hat, die Stalltür zu schließen, weil erstens hat er es versucht, und zweitens hat Fahid es auch noch gesagt.
Jedenfalls rennen dann alle. Vier Buben rennen ums Haus herum, zurück zum Fußballkäfig, wo die Bäume und auch ein paar Büsche sind, gute Verstecke, ein Hinterhalt, aus dem sie hervorschauen und beobachten können, ob HL etwas merkt. Zwar sehen sie von hier aus nicht, wie HL auf den Stall zugeht und kontrolliert, ob er geschlossen ist, wohl aber sehen sie den zurückgelassenen Rasenmäher, zu dem HL jetzt wieder hingeht, um mit der einen Hand zu ziehen, mit der anderen den Hebel zu halten und das Ding zum Laufen zu bringen. Da wissen sie noch nicht, dass die Stalltür offen geblieben ist, obwohl Ozzy geglaubt hat, sie zugemacht zu haben. Sie wissen nicht, dass HL die offene Stalltür und den leeren Käfig missversteht. Dass er denkt, es ist, wie es immer ist, wenn der Stall offen und die Hasen nicht da sind: dass sie drüben im Gehege sind.
Also geht HL zurück zum Rasenmäher und reißt an ihm. Zwei-, dreimal reißt er fest, damit das blöde Ding anspringt, dann mäht er den Rasen. Das sieht alles ganz genauso aus wie immer, sie atmen fast schon durch.
Hier hat Ozzy die undankbare Aufgabe, Ann zu berichten, dass das leider erst der Anfang ist. Sonst schimpft sie noch, weil sie glaubt, das sei bereits das Problem gewesen.
Also wird er schnell sagen, dass HL nicht zwei oder drei Versuche gebraucht hat, den Rasenmäher zu starten, sondern vier oder fünf. Wie HL da bereits energisch geworden ist, ein Wort, das sie gern verwendet, wenn sie sich danebenbenimmt. Dass also HL in seinem Reißen und Ziehen wild geworden ist, weil sein Gerät alt und seine Geduld strapaziert gewesen ist. Wie HL wilder und schneller mäht als normal.
Und sie, die Buben, Flöte sehen.
Es ist Arvo, der ruft, Flöte. Scheiße, da ist Flöte.
Wie Flöte vollkommen aufgescheucht vom Lärm, wild und im Zickzack, über die Wiese springt.
Wie Flöte wild herumrennt, Hüpfer macht, höher, als sie das jemals gesehen haben. Mit angehaltenem Atem sehen sie, wie das arme Tier rast vor Schreck, davonspringen will. Wie es in seiner Panik beinahe gegen die Mauer kracht. Wie es stattdessen aber, in dem irren Zickzack, nicht davon-, sondern direkt zu HL hinspringt, in den Rasenmäher hinein, unter den Rasenmäher drunter. Oz schlägt die Hände vors Gesicht, Arvo und Fahid halten sich den Mund zu, Luca ist wie erstarrt und kann sich gar nicht rühren.
Das Nächste, was er hört, ist Fahid, der sagt: Hast du das Tor nicht zugemacht? Ich hab doch gesagt, mach zu. Und Luca, der flüstert: Scheiße, der hat Flöte zusammengemäht. Und Fahid, der sagt: Und du bist schuld. Und Oz, der nur dasteht und gar nichts sagt. Er sagt nicht: War doch deine Karotte. Oder: Hättest ja du zumachen können. Er sagt gar nichts. Aber er geht hin. Und dann kommt erst Teil zwei.
Es wäre alles gar nicht so furchtbar, wenn wir auf dem Land lebten, sagt Christian oft.
Er hat immer der Stadt die Schuld gegeben, der kleinen Wohnung. Den Abgasen, dem Regelschulsystem, dem Vitamin-B12-Mangel, den Schwarzblauen, dem Parkleitsystem, dem Nervenleben.
Es wäre alles gar nicht so furchtbar, wenn die Schule nicht wäre, sagt Ann manchmal.
Es wäre alles gar nicht so schlimm, wenn er sich auf den Lernstoff einließe, sagt Carina, die Lehrerin, aber der Bub denkt einfach nur, woran er denken will. An das andere: nicht.
Sie fangen an, Alternativen zu suchen.
Sie schauen sich die Bauernhofschule an, die Montessoripädagogik, die Anthroposophen. Die Anthroposophen kosten viel Geld, etwa vierzig Prozent ihres Einkommens. (Das stellen wir schon irgendwie auf.) Die Anthroposophen lernen Russisch mit den Kindern, weil die russischen Klänge gut für die Seele sind. (Kannst du es wissen? Kannst du Russisch?) Die Anthroposophen distanzieren sich ein bisschen zu oft von der Lehre vom reinen Menschen, als dass Ann und Chris ihnen glauben könnten, dass sie sich von der Lehre vom reinen Menschen distanzieren. Vielleicht wäre die Bauernhofschule das Richtige für uns. (Er hasst aber Gummistiefel. Das wird er schon noch lernen. Manche Dinge lernt man nicht, das lernt man am Bauernhof zuerst.)
Sie sagen: Wir sind zu sehr gefangen in unserem komischen abendländischen Denken und der Auffassung von Norm. Sie sagen: Der Mensch braucht Zeit, um sich zu entwickeln.
Aber sie spüren, dass das nicht stimmt. Ozzy ist nicht langsam. Er ist in manchen Sachen viel zu schnell. Es dauert, bis Ann Christian glaubt: Er ist wie sie.
Er braucht mehr Zeit, sagt Carina, vor allem bei den Tests. Wir bräuchten etwas, woran man sich festhalten kann. Eine Diagnose. Ohne Diagnose gibt es auch nicht mehr Zeit.
Wie immer spricht Carina lange, und wie immer spricht sie engagiert. Sie glaubt an Ozzy, sie glaubt an sein Potenzial, aber er muss mehr lernen, mehr wiederholen, noch viel mehr in die Gänge kommen. Anscheinend hat Carina überhaupt keine Ahnung, wie oft Ozzy zu Hause schreit, dass er dieses Scheißleben mit dieser Scheiß-Hausübung so nicht mehr erträgt. Ann und Christian möchten sagen: Er ist ein Kind, und er will zeichnen, immer das lernen, was er gerade nicht lernen muss, sich genau wie seine Mutter mit unnützem Wissen ansaugen und nicht schriftlich dividieren oder wissen, was das Kleinste gemeinsame Vielfache ist.
Aber sie sagen: Ist gut. Sie sagen: Wir kümmern uns darum. Sie sagen: Keine Sorge, wir schaffen das.
Christian denkt, dass Ann für ihr Aufwachsen auf dem Land dankbarer sein sollte. Ihr Vater ist früh und plötzlich verstorben, ein Schlaganfall, aber eine Mutter wie Zäzilia hat nicht jeder. Seine Mutter, behauptet Christian, war kalt wie ein Fisch und schmallippig wie Wednesday Addams. Zäzilia hingegen lese Erich Fried! Anns Einwände, dass es Erich Fried in Taschenbuchausgaben beim örtlichen CD-Shop zu kaufen gegeben hat und dass die Mutter sich die Lyrik schon früher eher so binge-eating-mäßig zugeführt hat, Rilke und Fried durcheinander, lässt er nicht gelten. Für jedes bisschen intellektuelle Bildung muss man dankbar sein, vor allem im kleinbürgerlichen Milieu.
Annegret, entgegnet sie dann, so musst du ein unschuldiges Kind erst einmal nennen.
Aber im Innergebirg, wo sie her ist, gibt es keine unschuldigen Kinder, da gibt es nur den Katholizismus und die Erbsünde, und verglichen mit der Erbsünde ist ein fragwürdiger Name auch wieder eine leichte Last.
Trotzdem gibt sie zu, die sture Zuversicht, mit der ihre Eltern den beiden Mädchen diese Namen gaben, die nach Höherem strebten, Annegret und Petronella Haag, die musste man bei ihnen erst einmal haben. Warum sie keine Sabines oder Tanjas oder Kerstins geworden sind, war befeuert vom festen Glauben an den gesellschaftlichen Aufstieg dieser Mädchen.
Hans und Zäzilia selbst waren einfache Leute, er Forstwirt und Murenschutzbeauftragter, sie Hausfrau und Hobbydichterin, vom Aussehen her eine innergebirglerische Lavant, ein bisschen seltsam immer, ein bisschen still und stur, freilich eine Querulantin in gewisser Weise, manch einer traute ihr nicht über den Weg. Das aus der Zeit gefallene Kopftuch, das spitze, dreieckige Gesicht und die großen dunklen Augen. Zuweilen hatte man sie genauso gefürchtet, wie man sie auch interessiert betrachtet hatte. Eine wie sie gab es nicht noch einmal, der Rücken bucklig und gerade zugleich, wie geht eine aufrecht, die einen solchen Buckel hat? Aber sie tut es. Wehrt sich, liest, grüßt nicht, auch wenn man es erwarten kann.
Als damals, die Töchter sind vielleicht acht und zehn, der Leipziger nach Goldegg kommt und jeder sich das Maul zerreißt, ist sie es, die sich über den Zaun hinweg anfreundet mit ihm, allein schon, weil er bei allen verschrien ist. Sie sagen, er kommt aus Leipzig und hat seine Familie gegen den Baum gefahren. Sie sagen, er ist der Einzige, der das überlebt hat. Armer Hund.
In Zäzilia ist immer so eine Unrast gewesen, die Unrast jener, die das richtige Leben am falschen Ort durchziehen, aber bei vollem Bewusstsein. Mit den Dichtern und der Liebe zu den Pflanzen hat sie das hinuntergedrückt. So hat sie durchziehen können, hierzubleiben, ist sie selbst geblieben.
Diese Unrast haben die Mädchen auch gehabt.
Zwei Bubentöchter hab ich da.
Was waren diese Mädchen wild. Immer so viel wilder als alle anderen. Könnt ihr nicht stillsitzen, wie die Buben in der Kirche? Immer müssen sie lauter, aufgeweckter sein als andere, immer verspüren sie zu allem mehr Drang. Zäzilia und Hans Haag sind trotzdem nie auf die Idee gekommen, die Mädchen deswegen anschauen zu lassen. Vielleicht, weil es rundherum so viele Kranke gab, Nervenkranke. Das ganze Innergebirg war ja voll von lauter Nervenkranken. Durch die zwei großen Institutionen, die Nervenheilanstalt in St. Veit und in Schernberg, zwischen Schwarzach, St. Veit und Goldegg, kam auf jeden Einwohner mindestens ein Nervenkranker, die Nervenkrankheiten der gewöhnlichen Einwohner und die Nervenkrankheiten der gewöhnlichen Krankenhauspatienten noch gar nicht mitgezählt.
Jedenfalls waren es genug Nervenkranke, die man vom Einkaufen und vom Spazierengehen kannte, und Ann und Nell konnten als Kinder nie etwas Schlimmes daran sehen, verrückt zu sein. Wenn die Monika mit ihrem Vogerl auf der Schulter sprach (das freilich niemand außer der Monika sah) und das Vogerl der Monika immer extra begrüßt werden musste, wusste man das als Kind. Wenn der Fetzer Buz jeden Tag einen neuen Pullover über den alten anzog, bis sie ihn betäuben und ausziehen mussten, wenn es unbedingt wieder einmal zum Waschen war, galt das nicht als außergewöhnlich. Dass der Karl Heinz, der seinen ganzen Brieflosgewinn im Puff versoffen hatte und dann so traurig geworden war, dass er gar nicht mehr aufhören konnte, traurig zu sein, in der Nervenheilanstalt einen unbefristeten Aufenthalt fand, galt als Glück. Man kannte Leute wie den Petrosch, der aus jeder Artikelnummer eines jeden Wettex meinte, die Uhrzeit seiner Hinrichtung herauszulesen. Der Petrosch bekam deswegen beim Adeg zuerst Wettex- und dann Hausverbot, weswegen er die Kinder oft bat, ihm ein Datum zu holen.
Einen wie den Petrosch bedauerte man. Jeder wusste das mit dem Datum. Man war aber auch genervt, weil der Petrosch aus der Erfahrung, dass mit jeder Nummer auf jedem neuen Schokoriegel, jedem Mezzo Mix und jedem Sack Orangen wieder nichts gewesen war, einfach nicht lernte. War der 27. Dezember eingetreten, den der Petrosch seit Monaten fürchtete, wussten alle, wie es weiterging. Irgendwie kam der Petrosch zu einer neuen Nummer und hatte vor dem nächsten Datum genauso viel Angst wie vor dem vorherigen. Das verstand man mit der Zeit einfach nicht mehr. Da gab es Ungeduld in den Reaktionen der Dorfbewohner. Aber irgendwer fand sich immer, erbarmte sich, holte dem Petrosch ein Stück Käse oder Wollsocken, auch wenn alle von vornherein wussten, was das bedeutete, für den gesamten Ort.
Im Innergebirg war es normal, verrückt zu sein. Es war ein gutes Zusammenleben mit den Insassen, wie es damals hieß. Wenn sie sich komisch benahmen, lag das an ihren Krankheiten, und wenn sie sich normal benahmen, lag das an den Goldeggern und der guten Behandlung, die sie ihnen zukommen ließen, und natürlich an der schönen Landschaft und der guten Luft. Die Irren machten die Normalen ein bisschen besser, da schwangen sich manche zu regelrechten Kalendersprüchen auf: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und so weiter. Auch wenn sie im Prinzip nur ihre Semmeln kauften und die Verrückten halt auch grüßten, machten sie das offenbar derart gut und richtig, dass es etwas Gedeihliches hatte. In ihrer Nähe entwickelte man sich anscheinend gut, selbst wenn man schon richtig weit abgebogen war.
So war es jedenfalls nicht verwunderlich, dass Mädchen wie Ann und Nell nicht wegen ein bisschen Energie zum Arzt geschleift wurden. Zum Arzt gingen Leute wie der Petrosch. So halfen die Goldegger den Verrückten, und die Verrückten halfen den Goldeggern, nur den beiden Schwestern mit den komischen Namen half niemand, außer vielleicht Johann Wolfgang von Goethe, Erich Fried und im weitesten Sinne möglicherweise noch Friedrich Schiller. Jedenfalls fanden sie außer dem Wald nicht viel, was sie interessierte, denn sie spielten nicht mit Barbies und mochten keine Perlen, entdeckten aber eines Tages ein abgegriffenes, rosarot-speckiges Taschenbuch in Mutters Regal, den Zauberlehrling, dessen Reim und Rhythmus Zäzilia ihnen beim Vorlesen eingeimpft hatte, woran sie sich nicht in Gedanken erinnerten, wohl aber durch ihre Körper, die im Rhythmus des Textes durchs Haus tobten.
Bald gingen die Zeilen über in ihr Fleisch und Blut, bald liefen sie durch ihre Adern und wuchsen ihnen in die Haarspitzen, wo sie partikelweise hängen blieben, immer noch. So selbstverwaltet kann der Mensch gar nicht werden, denkt Ann, dass er vergisst, wie der Rhythmus der Dichtung und die Wirkung der Worte dem Herzschlag der Schwestern und dem Takt ihres Daseins viel mehr entsprachen als das träge Plätschern des Bachs oder das mahnende Schlagen der Kirchturmuhr. Da hätten sie spüren können: In der Sprache war etwas, in der Dichtung. Im Rhythmus war etwas, was sie sich einverleibten, was ihnen etwas wert zu sein schien. Später vergaßen sie das, oder zumindest fast.
Alles dauert immer so lange. Das Gras wächst nicht schneller, wenn du daran ziehst. Du kannst die Welt nicht zerreißen. Die zu lange Zeit schlagen sie mit Mutproben tot. Die Große bildet die Kleinere aus. Zur Kultivierung ihres Muts liest Ann Grimms Hausmärchen laut vom Stockbett herunter vor, bevorzugt die von der Mutter farblich als verboten markierten Stellen mit den Hängungen, Köpfungen und aufgeschlitzten Kinderleibern, damit die kleine Nelly sich gewöhnt an den Horror auf der Welt, den auch Ann nicht kennt, im Gegensatz zur Jüngeren verfügt sie aber über einen großen, wenn auch zugegeben erfundenen Grauensvorrat. Zwar weiß sie nicht, was es alles gibt, aber dass es alles gibt, weiß sie früh. Zwar weiß sie nicht, was alles ist, sie hat aber Phantasie genug, um alles zu füllen.
Jede Nacht vor dem Einschlafen lesen die Schwestern also etwas aus der hasserfüllten Höllenwelt, was tagsüber dann masochistisch aufgeladene Spiele nach sich zieht. Zur Entladung der Spannung rennen sie und brüllen den Zauberlehrling wie ein Schutzgebet. Soll das ganze Haus ersaufen gegen Still und starr ruht der See. Hier aber soll, wenn es nach ihnen geht, gar nichts mehr ruhen, der See soll zittern, die Steine sollen fliegen, die Felsen sollen rollen, so mächtig fühlen sie den Rhythmus, als schlüge er ihnen ins Herz. DAS mögen sie. Das mit den Geistern und den Meistern und dem Willen, nach dem sie leben. SO ETWAS gefällt ihnen, auch wenn sie nicht wissen, warum. Sie singen und schreien, sie plärren und grölen. Brav schreiben sie, sagen die Leute, weil sie keinen Wirbel machen, stillsitzen, so schaut es zumindest aus. Aber sie schreien auch im Schreiben, schreien einander die Kindheit zu, schreiben einander die Kindheit auf, das Spiegelbild, kitschige Verse von Schwesterherz zu Schwesterherz: Tränendes Herz bei der Zäzilia im Beet, ist das auch ein Nachtschattengewächs, wie du? Die eine schreibt der anderen ins Heft und ins Hirn und ins Herz, wo manches — man müsste es nur lesen wollen, und wieso sollte man das tun — bis heute noch steht:
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.
Als Jugendliche schmeißt sie die Schule. Hinein in die unglückliche Lehrzeit, du musst was machen, Optikerin. Das Scharf-Sehen ist etwas Wichtiges, das schien Zäzilia, gerade frisch verwitwet, wie ein zeitloser Beruf. Das Aufmüpfige haben sie Ann dort ausgetrieben, da haben sie sie einmal so richtig zurechtgestutzt, in der Lehre. Rauchen gibt es bei uns nicht, lachen auch nicht. Putzen muss man können, Jeans darf man keine tragen. Brav und gepflegt und adrett und ein bisschen schöner und ein bisschen schlanker und mit geradem Rücken muss man sein. Ein bisschen geschliffener die Gäste grüßen, die reichen Leute in den Skihotels, Grüß Gott, Herr Direktor El Miligi, muss man sagen. Die Chefleute haben beide einen Putzfimmel und etwas gegen unaufmerksame Mädchen. Bei der Sache muss man sein, egal, ob man die Fliesenfugen der Nasszellen mit Zahnbürsten reinigt oder die Fenster bei Sonnenschein putzt. Nach dreieinhalb langen Jahren hat sie endlich diese blöde Lehre gemacht. Man trennt sich mit zusammengebissenen Zähnen und auf ein Nimmerwiedersehen. Was Zäzilia ihr an Kraft von zu Hause mitgegeben hat, ist sie in der Lehre beinahe zur Gänze losgeworden. Sie kommt desillusioniert und essgestört daraus hervor, kettenrauchend und orientierungslos.
Ann weiß selbst nicht, wie sie als Schulabbrecherin und miserables Lehrmädchen zum Einserschnitt im Studium gekommen ist. Niemanden wunderte es, dass sie von der Schule ging. Den Weg, den sie später dann gemacht hat, hätte ihr aber kaum jemand zugetraut, außer natürlich Zäzilia, die immer besonnen reagierte, wenn die Mädchen Haken schlugen: Die wird schon noch, hieß es dann.
Interessant ist es für Ann erst recht spät geworden. In der Ausbildung zur Pflegerin, die sie nach der Lehre machte, stieß sie auf die Soziologie. Nie vergisst sie die Einheit über Teilnehmende Beobachtung, in der sie ihre Lebenshaltung erkannte. Als Wissenschaftlerin fühlt Ann sich aufgehoben. Endlich darf sie von Berufs wegen interessieren, was sonst niemanden interessiert. Anns immer schon etwas verschobener Fokus, ihr Interesse fürs scheinbar Unwesentliche und Irrelevante, findet in der Soziologie ein Zuhause. Sie forscht darüber, weshalb Menschen Kreuzfahrten machen, wie sie ihren Müll trennen und wie sie sich ihr Leben erzählen. Dadurch, selbst ihre Themen bestimmen zu können, fühlt sie sich zum ersten Mal intellektuell frei.
