Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen - Naoki Higashida - E-Book

Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen E-Book

Naoki Higashida

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Beschreibung

Naoki Higashida spricht so gut wie nicht – die Sprache, die er in seinen Büchern findet, ist dafür umso kraftvoller. Mit feinem Humor behandelt er Themen wie Schule, Inklusion, Familie, Reisen und Mode. So gewährt er einen einzigartigen Einblick in das Leben mit schwerem Autismus. Ihm ist schmerzlich bewusst, wie seltsam sein Verhalten auf andere wirken muss – ändern kann er es nicht. Stattdessen strebt er danach, das Verständnis für Menschen mit Autismus zu befördern und unsere Gesellschaft dazu zu ermutigen, behinderte Menschen als Menschen und nicht als Probleme wahrzunehmen.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Naoki Higashida

Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen

Ein junger Mann erzählt aus der Stille des Autismus

 

 

Aus dem Englischen von Christel Dormagen

 

Über dieses Buch

Die beeindruckende Innensicht eines autistischen jungen Mannes: Naoki Higashida spricht so gut wie nicht – die Sprache, die er in seinen Büchern findet, ist dafür umso kraftvoller. Mit feinem Humor behandelt er Themen wie Schule, Inklusion, Familie, Reisen und Mode. So gewährt er einen einzigartigen Einblick in das Leben mit schwerem Autismus. Ihm ist schmerzlich bewusst, wie seltsam sein Verhalten auf andere wirken muss – ändern kann er es nicht. Stattdessen strebt er danach, das Verständnis für Menschen mit Autismus zu befördern und unsere Gesellschaft dazu zu ermutigen, behinderte Menschen als Menschen und nicht als Probleme wahrzunehmen.

Vita

Naoki Higashida, geboren 1992 in Kimitsu, Japan, wurde im Alter von fünf Jahren mit schwerem, nonverbalem Autismus diagnostiziert. Er lernte mit einer Alphabettafel zu kommunizieren und schrieb schon früh Gedichte und Kurzgeschichten. Im Alter von 13 Jahren verfasste er «Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann», das in Japan 2007 erschien und in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Er wurde für seine Texte mehrfach ausgezeichnet und hält Vorträge zum Thema Autismus.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2019

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Die englische Originalausgabe erschien 2017 bei Sceptre, einem Imprint von Hodder & Stoughton/Hachette UK, London, unter dem Titel «Fall Down Seven Times, Get Up Eight. A Young Man’s Voice from the Silence of Autism»

Copyright der japanischen Fassung © 2013, 2015 und 2017 by Naoki Higashida; Copyright der englischen Übersetzung © 2017 by KA Yoshida und David Mitchell; Copyright der Einleitung © 2017 by David Mitchell

Illustrationen © 2017 by Yoco Nagamiya

Cartoon © NHK/UrumaDelvi

Interview aus Big Issue © Big Issue Japan, Issue 260 (April 2015)

Umschlaggestaltung zero-media.net, München

Umschlagabbildung FinePic®, München

ISBN 978-3-644-40399-4

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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www.rowohlt.de

Einleitung

Naoki Higashida ist ein liebenswerter, nachdenklicher junger Mann Mitte zwanzig, der mit seiner Familie in Chiba wohnt, einer Präfektur nahe Tokio. Naoki leidet an einer schweren nonverbalen Form von Autismus – das heißt, er kann nicht sprechen –, weshalb eine unbeschwerte Unterhaltung, die das Leben für die meisten von uns so viel einfacher macht, ihm nicht möglich ist. Mit Beharrlichkeit und Geduld lernte er, sich trotzdem zu verständigen, indem er Sätze auf einer Alphabettafel «antippt» – einer QWERTY-Tastatur, die, ergänzt um die Wörter «JA» und «NEIN» und «FERTIG», auf ein Stück Pappe gezeichnet ist. Naoki artikuliert die phonetischen Schriftzeichen des japanischen hiragana-Alphabets, indem er die entsprechenden lateinischen Buchstaben berührt und Sätze bildet, die eine andere Person dann transkribiert. (Keine andere Hand kommt jedoch während dieses Prozesses in die Nähe von Naokis Hand – was Menschen, die über Alphabettafeln kommunizieren, einer misstrauischen Welt gegenüber ad infinitum betonen müssen.) Wenn das für Sie nach einer mühseligen Art und Weise der Meinungsäußerung klingt, dann haben Sie vollkommen recht. Darüber hinaus sorgt Naokis autistische Störung dafür, dass er mit Ablenkungen geradezu bombardiert wird; er muss dann plötzlich mitten im Satz aufstehen, im Zimmer hin und her laufen und aus dem Fenster schauen. Immer wieder wird er aus einem Gedankengang herausgerissen und muss seinen Satz von vorn beginnen. Ich habe selbst miterlebt, wie Naoki einen komplexen Satz in sechzig Sekunden produzierte, aber ich habe auch gesehen, dass er zwanzig Minuten für eine einzige Zeile mit wenigen Wörtern brauchte. Wenn er einen Laptop benutzt, kann er auf den menschlichen Transkribenten verzichten, aber der Bildschirm und der Textumwandler (die Pull-down-Menüs für die japanische Schrift) sind eine weitere Quelle für Ablenkungen. Dieses Buch hat Naoki im Übrigen Satz für Satz mit Hilfe seiner Alphabettafel oder seiner Computertastatur geschrieben.

Naokis Texte lernte ich früher kennen als ihn selbst. Mein eigener Sohn ist autistisch, und meine Frau ist Japanerin. Als unser Junge sehr klein war und sein Autismus uns noch besonders große Schwierigkeiten machte, suchte meine Frau im Netz nach Büchern in ihrer Muttersprache, die uns vielleicht bei praktischen Problemen weiterhelfen konnten, mit denen wir (häufig vergeblich) fertig zu werden versuchten. Über weiterführende Links kamen wir schließlich an die japanische Ausgabe von Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann, ein Buch, das Naoki mit nur dreizehn Jahren schrieb und das ein kleiner Fachverlag veröffentlicht hatte. Unsere Bücherregale bogen sich längst unter gewichtigen Wälzern von Autismusspezialisten und Lebensberichten von Autisten. Doch so lesenswert viele dieser Bücher auch waren, selten gaben sie praktische Ratschläge für das Leben mit unserem nonverbalen, häufig verzweifelten Fünfjährigen.

Meine Frau ließ es auf einen Versuch ankommen und bestellte Naokis Buch, weil der Autor nicht sehr viel älter als unser Sohn war und außerdem ebenfalls nonverbal. Als das Buch kam, begann sie, an unserem Küchentisch laut Passagen zu übersetzen, und in vielen der sehr kurzen Kapitel wurden die Probleme, die wir mit unserem Sohn hatten, direkt angesprochen: Warum schlug er mit dem Kopf auf den Fußboden? Warum war seine Kleidung ihm manchmal einfach körperlich völlig unerträglich? Warum brach er plötzlich in Lachen, in Tränen oder in Wut aus, ohne dass irgendein äußerer Anlass dafür erkennbar war? Was ich bis dahin an Theorien neurotypischer Autoren gelesen hatte, waren Spekulationen – manchmal einleuchtend, manchmal nicht. Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann bot dagegen plausible Erklärungen direkt von der Alphabettafel eines Insiders.

Erkenntnis kann beschämen – ich begriff, wie wenig ich meinen autistischen Sohn verstanden hatte –, aber ein bisschen Beschämung hat noch niemandem geschadet. Auf YouTube fand ich dann ein paar Clips mit Naoki und war erschrocken, wie offenkundig sein Autismus war – stärker noch als der meines Sohns. Diese Diskrepanz zwischen Naokis visueller Erscheinung und seinem schriftlichen Ausdrucksvermögen hat mich tief beeindruckt. Er kämpfte ganz offensichtlich mit Ausrastern, Fixierungen, physischen und verbalen Ticks, die ihm mit Sicherheit vor noch gar nicht langer Zeit ein kurzes trauriges Leben der Einkerkerung beschert hätten. Doch Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann bewies, dass ebendieser Junge Intelligenz, Kreativität, analytische Fähigkeit, Empathie und eine große emotionale Bandbreite besaß – nicht anders als ich. Besonders aber faszinierte mich, dass die beiden letztgenannten Eigenschaften – Empathie und emotionale Bandbreite – exakt das sind, was Autisten notorisch abgesprochen wird. Was war also los?

Die Schwere von Naokis Autismus zeigt sich nicht nur in den YouTube-Clips, sondern auch in Wretches and Jabberers, Gerardine Wurzburgs Dokumentation über Autismus von 2010. Was mir nur zwei Möglichkeiten ließ: Entweder war Naoki Higashida der Ausnahme-Autist, der an einer schweren nonverbalen Störung leidet und trotzdem intellektuell und emotional intakt ist, oder die Gesellschaft im Allgemeinen und viele Spezialisten im Besonderen haben Ansichten über Autismus, die entweder teilweise fehlerhaft oder auch einfach komplett falsch sind.

Was gegen die «Einzigartigkeitshypothese» sprach, waren Äußerungen anderer nonverbaler Autoren und Blogger mit schwerem Autismus, wie etwa Carly Fleischmann und (neueren Datums) Ido Kedar und Tito Mukhopadhyay. Naokis Fähigkeit zu kommunizieren mag selten sein, ist aber nicht die ganz große Ausnahme. Die komplett falsche Autismus-Theorie stützt sich auf bedauerliche Irrtümer, die im Übrigen gut als Kapitelüberschriften für eine Geschichte des Autismus dienen könnten. Leo Kanner, der Kinderpsychiatrie-Pionier, der in den 1940ern als Erster das Wort «Autismus» in Abgrenzung gegen Schizophrenie benutzte, machte für die Störung unter anderem sogenannte gefühlskalte «Kühlschrankmütter» verantwortlich. Auch wenn diese Hypothese genauso glaubwürdig klingt wie die Behauptung, jemand sei von Dämonen besessen, ist sie in Frankreich, in Südkorea und unter akademischen Fachleuten einer älteren Generation dennoch gelegentlich anzutreffen. In den 1960ern und 1970ern vertraten angesehene Psychiater «Heilmethoden» mit Elektrotherapie, LSD und behavioristischen Umerziehungstechniken, die mit Schmerzen und Bestrafung arbeiteten.

Mir ist klar, dass wissenschaftlicher Fortschritt sich über die Leichen erledigter Theorien vollzieht, und ich weiß natürlich auch, dass es nicht besonders fair ist, wohlmeinende Psychiater im Nachhinein aus einer Perspektive überlegeneren Wissens zu beurteilen, aber wenn ich bedenke, welchen Schaden sie höchstwahrscheinlich bei Kindern wie meinem Sohn, aber auch bei Eltern wie meiner Frau und mir angerichtet haben, ist mir nicht danach, besonders fair zu sein. Die Crux bei der Geschichte: Was, wenn die momentan herrschende Annahme, Menschen mit schwerem Autismus seien auch intellektuell behindert, der große, schlimme Irrtum unseres eigenen Jahrzehnts über den Autismus wäre? Was, wenn Naokis im vorliegenden Buch dargelegte Überzeugung, dass wir eine kommunikative Nichtfunktionalität mit einer kognitiven Nichtfunktionalität verwechseln, den Nagel auf den Kopf träfe?

Meine Frau und ich fanden es nicht verkehrt, «das Beste anzunehmen» und uns so zu verhalten, als verberge sich hinter dem chaotisch-verwirrenden autistischen Verhalten unseres Sohns ein kluger, aufnahmefähiger, wenn auch schmerzlich isolierter Fünfjähriger. Wir hörten auf, davon auszugehen, dass er uns nicht verstehen konnte, nur weil er noch nie in seinem Leben ein einziges Wort geäußert hatte. Wir legten also bestimmte Sachen, die er bisher nicht hatte essen wollen, an den Rand seines Nudeltellers, für den Fall, dass er an dem Tag experimentierfreudig war, so wie Naoki es vorschlägt. Meist war er das nicht, aber manchmal eben doch, und sein Essensrepertoire erweiterte sich. Wir fingen an, unseren Sohn aufzufordern, Dinge, die er hatte fallen lassen, wieder aufzuheben, indem wir seine Hand an den fallen gelassenen Gegenstand führten, anstatt im Stillen zu denken: Ach, was soll’s, und es für ihn aufzuheben. Wir wurden geschickter darin, seine unausgesprochenen Wünsche zu erraten, anstatt zu unterstellen, dass er keine hatte. Wir fingen an, normal mit ihm zu sprechen, anstatt uns auf Ein-Wort-Sätze zu beschränken. Ich wusste nicht, wie viel von diesen längeren, natürlicheren Sätzen unser Sohn verstand – das tue ich noch heute nicht –, aber ich weiß, dass unser Alltag besser wurde. Ich weiß, dass er von Tag zu Tag und von Woche zu Woche «präsenter» und interaktiver wurde. Sein Blickkontakt verbesserte sich, er bezog sich mehr auf uns. Und als unser Sohn, unterstützt durch einen inspirierten und inspirierenden Lehrer, eines Tages in die Küche kam und fragte: «Kann ich bitte einen Orangensaft haben?», wäre ich fast vom Stuhl gekippt. Sein Wortschatz vergrößerte sich lawinenartig, und es kam immer seltener vor, dass er sich selbst verletzte, bis es fast gar nicht mehr vorkam.

Natürlich weiß ich nicht, ob diese Fortschritte auch stattgefunden hätten, wenn ich nie von Naoki Higashida gehört hätte. Wir erleben auch heute noch viele absolut nicht großartige Tage miteinander. Autismus ist keine Krankheit, und deshalb gibt es auch keine «Heilverfahren» – vertrauen Sie niemals irgendwem, der Ihnen etwas anderes erzählt. Und um es noch einmal zu betonen: Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann ist kein Zauberstab. Aber das Buch half uns definitiv mehr als alle sonstigen Ratgeber, nicht nur die Schwierigkeiten unseres Sohns besser zu begreifen, sondern auch, die Welt aus seinem Blickwinkel zu sehen. Es gab uns die Möglichkeit, ihm zu helfen. Manche Verhaltensweisen und Gewohnheiten verhindern eine Entwicklung, andere Verhaltensweisen und Strategien können sie befördern. Naokis Buch half uns herauszufinden, welche das waren. Wir konnten gewissermaßen den «Klimafühler» für unser gemeinsames Leben von «negativ» auf «positiv» verschieben.

Ursprünglich hatten meine Frau und ich Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann für die Betreuer und Lehrer unseres Sohns übersetzt, weil wir dachten, sie würden die Erklärungen ebenfalls als hilfreich empfinden. Irgendwann erwähnte ich das Buch dann gegenüber meinem Agenten und meinem britischen Verleger, woraufhin beide unser Samisdat-Manuskript sehen wollten. Sie erkannten sein Potenzial für ein Publikum, das inzwischen aufgeschlossener war und sich für Neurodiversität interessierte. Also setzte sich mein Agent mit dem japanischen Verleger in Verbindung, und bald darauf machten meine britischen, amerikanischen und kanadischen Verleger Angebote für die englischen Übersetzungsrechte. Naoki und seine Familie waren einverstanden. Und unterstützt durch eine exzellente Serie von BBC Radio 4 und eine Empfehlung in der amerikanischen Daily Show von Jon Stewart, der sich stark für die öffentliche Wahrnehmung von Autismus einsetzt, eroberte die englische Ausgabe von Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann die Bestsellerlisten diesseits und jenseits des Atlantiks. Das staatliche japanische Fernsehen NHK brachte eine Dokumentation – What You Taught Me About My Son – über Naoki und die Wirkung seines Buchs. Während der Dreharbeiten zu diesem Film lernte ich dann Naoki in Tokio kennen, und ich sah mit eigenen Augen die Probleme, mit denen er zu kämpfen hat, wenn er kommuniziert, sah aber auch, mit welcher Zähigkeit er diese Probleme überwindet. Nach der ersten Sendung erhielt NHK Hunderte Anrufe und E-Mails von Zuschauern, die um eine Wiederholung baten. Nach der zweiten Sendung forderten weitere Zuschauer eine dritte, dann eine vierte, schließlich eine fünfte Wiederholung. Inzwischen gibt es Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann in über dreißig Sprachen. Soweit ich weiß, macht das Naoki Higashida zu dem am meisten übersetzten lebenden japanischen Autor nach Haruki Murakami.

Ich war überrascht und erfreut über den Erfolg von Naokis Buch, sowohl in kommerzieller Hinsicht wie bei der Kritik; aufs Ganze gesehen, finde ich das sehr viel wichtiger als meine eigene Romanschriftstellerei. Mein Einsatz für Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann war für mich im Übrigen auch ein Crashkurs in Behindertenpolitik. Die ist nichts für Zartbesaitete. Eingefahrene Meinungen sind hervorragend munitioniert, und die klassische Reaktion auf neue Ideen ist meist Feindseligkeit. Zwar wurde Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann insgesamt sehr positiv aufgenommen, trotzdem kam auch der Einwand, niemand mit «echtem» schweren Autismus könne solch einen sprachgewandten Text produzieren – ungeachtet der YouTube-Clips, die zeigen, wie Naoki ebendiese sprachgewandte Prosa verfasst. Es hieß vielmehr, Naoki müsse falsch diagnostiziert worden sein, er sei überhaupt nicht autistisch. Oder er sei ein Schwindler mit unechtem Asperger-Syndrom, ähnlich wie Sheldon Cooper in der amerikanischen Serie The Big Bang Theory. Oder seine Bücher seien von jemand anderem geschrieben worden, wahrscheinlich seiner Mutter. Oder von mir. Der Rezensent der New York Times warnte die Übersetzer davor, «das, was wir vorfinden, in das, was wir wünschen, zu verwandeln». (Der für mich nicht zu überhörende Subtext lautet: «Diese verzweifelten Eltern wollen der Tatsache, dass ihr Sohn geistig auf der Höhe von Gemüse ist, nicht in die Augen sehen, weshalb ihr objektives Urteilsvermögen komplett gestört ist.») Anderswo wurde Naoki vorgeworfen, er suche Zugang ins Guru-Business. Er darf eben einfach nicht gewinnen.

Natürlich hofft Naoki, dass seine Texte zu einem besseren Verständnis von Autismus beitragen, aber er weiß nur allzu gut, dass sein Autismus ihm nur einen begrenzten Zugang zur neurotypischen Welt gestattet. Zeitungen zu lesen fällt ihm schwer, und Politik ist ein Bereich, der ihn manchmal sehr verwirrt. Als Absolvent einer Schule für Behinderte weiß er, dass Autismus viele Erscheinungsformen und Abstufungen hat, weshalb seine Bemerkungen zum Autismus nicht allgemeingültig sind und es auch nicht sein können. Naoki ist niemandes Guru: Er beantwortet Fragen, so gut er kann. Man nimmt sich, was man brauchen kann, und kümmert sich nicht um den Rest.

Meine aufschlussreichste Erfahrung machte ich, als mir bei einer Radiosendung die Diskussionspartnerin rundheraus erklärte, Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann könne deshalb nicht authentisch sein, weil Naoki Metaphern benutzt. Menschen mit schwerem Autismus könnten aber nicht begreifen, was eine Metapher ist, geschweige denn selbst eine erfinden. Dabei habe ich bei mehreren Gelegenheiten selbst gesehen, wie Naoki Vergleiche und Metaphern auf seiner Alphabettafel buchstabierte. Aber an jenem Tag im Studio war ich in einer dieser Keine-Chance-Zwickmühlen, wo Wahrheitsbeteuerungen die Gegenseite nur noch mehr darin bestätigen, dass es keinen Rauch ohne Feuer gibt. Meine Kontrahentin hatte übrigens selbst einen Sohn mit schwerem Autismus, und ich habe mich redlich bemüht, ihre Empörung zu verstehen. Wenn man vorgehalten bekommt, man habe das Potenzial seines Kinds unterschätzt, so klingt das, als werde einem vorgeworfen, man beteilige sich an der Einkerkerung des eigenen Kinds; und welche aufopferungsvolle Mutter und welcher liebende Vater würde das auf sich sitzen lassen? Dass man den Überbringer der Botschaft erschießen möchte, wird so verständlich. Wie auch meine eigene empfindliche Reaktion auf die Rezension der New York Times zeigt, ist die Haut von Eltern mit behinderten Kindern papierdünn, und sie verfügen über höchst störanfällige Antennen. Trotzdem sollte natürlich die Frage: «Was ist das Beste für das Wohlbefinden unserer Söhne und Töchter und ihre Chancen im Leben?» stets unser Kompass sein.

Schwerer nonverbaler Autismus sieht zwar tatsächlich nach einer schweren kognitiven Störung aus, ich glaube aber trotzdem fest daran, dass das nicht zutrifft, sondern dass es sich bei Autismus um eine schwere Störung der Sinnesverarbeitung und der Kommunikation handelt. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Wer leugnet, dass ein schwer autistisches Gehirn einen ebenso neugierigen und phantasievollen Verstand beherbergt wie jedes andere Gehirn, der trägt zur Perpetuierung einer verheerenden falschen Vorstellung bei. (Ähnlich erging es der Taubheit, die seit Aristoteles’ Zeiten und bis zur Entwicklung der Gebärdensprache im 19. Jahrhundert als Indikator für eine schwere kognitive Störung galt.) Hätte es nicht irgendwann genügend Menschen gegeben, die sagten: Schluss mit den falschen «Wahrheiten» über Autismus, dann würde die Kühlschrankmütter-Theorie – oder womöglich sogar die von der dämonischen Besessenheit – immer noch uneingeschränkte Gültigkeit haben. Vielleicht sind Naoki und andere nonverbale Autisten ja die Pioniere, die den nächsten Paradigmenwechsel einläuten und zu einem besseren Verständnis dieser Störung führen.

Nach Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann hat Naoki in Japan noch eine Reihe weiterer Bücher veröffentlicht, aber es war das hier vorliegende Buch Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen von 2015, das meine Frau und ich besonders erhellend und hilfreich fanden. Autismus klingt nicht einfach in einem bestimmten Alter ab, und er hört auch nicht auf, sich weiterzuentwickeln. Unser Sohn ist inzwischen elf, und schon jetzt hat uns das Buch nützliche Perspektiven eröffnet. Es hat uns gezeigt, wie sich die Pubertät auf einen autistischen Menschen auswirken kann, und darüber hinaus angedeutet, was wir womöglich noch zu erwarten haben. Die meisten der kurzen Kapitel hat Naoki im Alter zwischen 18 und 22 für seinen Blog verfasst, und häufig analysiert er dabei auch sein jüngeres Ich aus einer gereifteren Perspektive. Deshalb hoffen wir, dass dieses neue Buch auch anderen «Autismus-Insidern» mit sowohl jüngeren wie älteren Teenagern von praktischem Nutzen sein kann. Allen übrigen Lesern bietet das Buch hoffentlich eine Möglichkeit, in ein autistisch verdrahtetes Gehirn zu schlüpfen. Das Themenspektrum ist diesmal vielfältiger und bunter gemischt als bei Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann und macht deutlich, wie stark der Autor sich entwickelt hat und wie sehr er sich mit der Welt auseinandersetzt. Wenn Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann der Text eines Jungen mit schwerem Autismus war, der sich zufällig auch schriftlich ausdrücken kann, ist Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen das Buch eines Schriftstellers, der zufällig schwer autistisch ist. Autismus ist immer noch Naokis Prisma und Linse, doch in ihrer Gesamtheit ergeben die einzelnen Kapitel das Porträt eines jungen Mannes, der lernt, mit einem Verstand und einem Körper zusammenzuleben, die ihm beide nicht immer gehorchen wollen, und der für sich eine Nische in einer neurotypischen Welt erschaffen hat.

Die Einbeziehung der Erzählung Eine Reise, zu der Naoki durch ein Großelternteil mit Demenz inspiriert wurde, dokumentiert die Ausweitung dieser Nische. Diese Icherzählung lebt von ihrer traumartigen Befremdlichkeit, den emotionalen Wirrungen und einer allmählichen Enthüllung, und sie widerlegt die Behauptung, autistische Personen könnten Gefühle weder empfinden noch ausdrücken, und sie könnten die Welt nicht aus der Perspektive anderer Menschen wahrnehmen. Im Übrigen mangelt es der Geschichte auch nicht an Metaphern. Mit aufgenommen wurde außerdem ein Interview (in zwei Teilen) aus der japanischen Ausgabe von Big Issue, einer Zeitschrift, die Obdachlose und Langzeitarbeitslose verkaufen. Naoki hat regelmäßig für sie geschrieben, und die ungewohnt skurrilen Fragen – beigesteuert von den Verkäufern und Mitarbeitern der Zeitschrift – brachten Naoki dazu, über einige Themen nachzudenken, die er sonst noch nicht behandelt hatte.

Der Titel Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen ist einem japanischen Sprichwort über die Vorzüge der Hartnäckigkeit entliehen. Das Buch liefert dazu Erfahrungen, Rat und Hoffnung. Es schreitet die Grenzen ab, die der nonverbale Autismus seinem Autor setzt, es erzählt aber auch, auf welche Weise er sie zu überschreiten, neu zu verhandeln oder schlicht mit ihnen zu leben gelernt hat. Das Buch führt vor, wie eine Behinderung zu einer Herausforderung werden kann, zum Antrieb, sich um ein sinnvolles Leben zu bemühen. Und wenn das für Naoki möglich ist, dann könnte es doch auch für andere möglich sein.

Die Erfahrung zeigt, dass saubere Etikettierungen wie «verbaler» und «nonverbaler» Autismus häufig irreführend sind. Die Fähigkeit zu kommunizieren ist bei neuro-atypischen Personen sehr breit gefächert und lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Immer wenn ich gefragt werde: «Ist Ihr Sohn verbal oder nonverbal?», muss ich für eine Antwort weit ausholen und erklären, dass er zwar offenbar gut verstehen und Hunderte Objekte auf Englisch und Japanisch benennen kann, dass seine mündliche Kommunikation sich jedoch auf wenige Sätze beschränkt und ein Gespräch mit ihm noch nie aus mehr als drei oder vier solcher Sätze bestanden hat. Im Grunde weiß ich bis heute nicht, ob er bei einer Unterhaltung von Dritten nichts oder etwas oder alles versteht. Wenn ich mir sicher wäre, würde es sich nicht um Autismus handeln (und wenn ich für diesen letzten Satz jedes Mal, nachdem ich ihn sagte, zehn Pfund bekommen hätte, könnte ich mir davon inzwischen ein Mittelklasseauto kaufen). Autismus ist etwas Relatives, er sperrt sich gegen jegliche Etikettierung. Verglichen mit einigen seiner Leidensgenossen, die noch nie in ihrem Leben ein einziges Wort geäußert haben, und erst recht verglichen mit Naoki, ist mein Sohn ziemlich verbal; aber im Verhältnis zu seinen neurotypischen Altersgenossen ist er nur einen Schritt von der Stummheit entfernt.

Das Etikett «nonverbal», das auf Naoki angewendet wird, bedarf von daher einiger Erklärung. Naoki ist fast vollkommen unfähig, ein mündliches Gespräch zu führen, und fast vollkommen unfähig, auf Fragen mündlich zu antworten. Was er besser kann, ist, einen schmalen Bestand eingeschliffener Phrasen anzuwenden, auf die japanische Kinder gedrillt werden und die sie ihr Leben lang benutzen: So sagt man «itte-kimasu!», wenn man aus dem Haus geht, und «tadima», wenn man nach Hause kommt, um zwei Beispiele zu zitieren, die Naoki in seinem Buch erwähnt. Ein weiteres Wort, das er benutzt, ist die allgemein übliche Dankbarkeitsbezeugung vor dem Essen «itadakimasu». Daraus hat sich bei ihm allerdings eine Art Tick entwickelt: Er muss stets prüfen, ob alle anderen Esser im Raum es auch gesagt haben. (Was bei großen Tischrunden problematisch wird.) Wenn Naokis Mutter mit ihrer normalen Stimme seinen Namen ruft, um zu schauen, wo im Haus er sich gerade aufhält, kann Naoki nicht antworten. Wenn sie aber seinen vollen Namen sehr formell ausspricht, wie ein Lehrer, der die Anwesenheitsliste seiner Schüler durchgeht, kann er bestätigen, dass er da ist.

Er kann auch Wörter und kurze Sätze, die sich in seinem Kopf festgesetzt haben, sagen – oder, genauer, er ist gezwungen, sie zu wiederholen. Das können zum Beispiel Werbeslogans, Ortsnamen oder Wörter sein, die seine Phantasie beflügeln. Verbale Fixierungen sind tiefer verwurzelt: Während einer zwanzigminütigen gemächlichen Fahrt auf gewundenen irischen Landstraßen hat Naoki fast die ganze Zeit das japanische Wort für «Autobahn» wiederholt, nur um seine Mutter dazu zu bringen, dass sie mit dem Satz antwortete: «Nein, das ist eine normale Straße.» (Wie er in einem der folgenden Kapitel erklärt, würde er für sein Leben gern nicht mehr Sklave solch eines Überdrucks sein, doch die Fixierung ist stärker als er.) In seinem Buch Ido in Autismland hat Ido Kedar – ein weiterer «nonverbaler autistischer Text-Kommunizierer» – auf denkwürdige Weise beschrieben, wie schwer es ist, einer Fixierung zu widerstehen. Es sei, sagt er, so, als könne man den Drang, sich zu übergeben, einfach stoppen. Naokis Fähigkeit, Sprache zu verstehen, ist dagegen vergleichbar mit der eines neurotypischen erwachsenen muttersprachlichen Japaners. Im Allgemeinen versteht er mich, auch wenn ich eher schlecht als recht Japanisch mit ihm spreche. Da er mir aber nicht signalisieren kann, dass er verstanden hat, hänge ich so lange in der Luft, bis er anfängt, seine Antwort Buchstabe für Buchstabe auf seine Alphabettafel zu tippen.