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„Der Vater hat sie so liebgehabt, dass ich ihr meine Liebe entzog!“ Ihre Mutter sah sich zurückgesetzt. Sie sah aber nicht, was die so große Vaterliebe wirklich bedeutete. Ihre Tochter blieb schutzlos! Sieh hin! Wer keine Rechte hat, wird ganz leicht Opfer! Das Buch zeigt das große Drama. Sehr einfühlsam, trotzdem manchmal fast sachlich, beschreibt es ein vom Inzest belastetes Aufwachsen. Stellt den steten Kampf um ein gutes Leben dar, und auch welch gravierende, lebenslange Folgen sexuelle Gewalt an Kindern grundsätzlich bewirkt. Mit viel Erfahrung und gut recherchiert zeigt es vieles von dem auf, was die tiefen Verletzungen von Missbrauch auslösen. Wie groß die Hürden für die Überwindung des komplexen Traumas und seiner Auswirkungen sind. Zugleich aber macht es Mut! Das Buch gibt immer wieder Hoffnung für alle Betroffenen, zeigt Auswege und Hilfreiches. Mehr noch, mit klugen Argumenten beschreibt es, was und insbesondere auch wer so weitreichende sexuelle Gewalt erst ermöglichte. Die aufgestellten Thesen zur Pflicht einer wirklichen Entschädigung aller Betroffenen sind wahrlich eine intensive Diskussion wert. Sachkundige Unterstützung für Betroffene, die hier Unterstützung finden! Zudem eine kluge und kompetente Hilfe für alle, die besser verstehen wollen! Diana Menco Bislang ist die Autorin eher durch fein beobachtende und einfühlsame Romane und Krimis aufgefallen, die sie als Selfpublisherin veröffentlicht hat. Jetzt aber schrieb sie ein Buch in einem ganz anderen Genre. Ein großartiges Sachbuch, aufbauend auf einem ganz anrührenden Bericht eigenen Erlebens. Darüber ungemein authentisch berichtend. Zugleich ohne Pathos und Übertreibung. Wertvoll aber wird das neue Buch von Diana Menco ganz besonders dadurch, dass sie stringent und überzeugend Ursachen darlegt. Mit viel Wissen und klug argumentierend zeigt sie, was zur Grundlage ihrer überzeugenden Thesen wird. Ein Buch, das die aktuellen Diskussionen nach Erscheinen des Berichts der Aufklärungskommission zu innerfamiliären Missbrauch befördern kann und sollte.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Teil I
Das Ende des nicht mehr aushaltbaren Schweigens
Lasst mich in Ruhe und behaltet euer Elend!
Was eigentlich?
Meine ersten Antworten
Teil II
Die Geschichte/n meiner Angehörigen und meiner Familie
Bittere Erinnerungen – Bitteres Wissen
Der Patriarch, der mein Vater war
Meine Mutter – überfordert und wenig empathiefähig
Meine Geschwister
Meine Schwester L.
Mein Bruder W.
Mein Bruder P.
Meine Schwester Th.
Und noch mal an euch alle
Teil III
Und ich?
Ich, ein so einsames Kind!
Ansätze von Liebesbekundungen oder Anerkennung nur gegen Leistung
Uns gegeneinander ausspielen
Auch als Jugendliche nie wegdürfen. Zu wenig Kontakte
Männer- Frauen- Beziehungsbild
Gestörtes Bindungsverhalten
Die Kehrseite der Medaille
Teil IV Ursachen
Sexuelle Gewalt – auch deshalb so leicht möglich in der Nachkriegszeit
Der damalige Zeitgeist
Was sich sonst in dieser Zeit noch etablierte – oder schon lange da war
Teil V
Mein eigenes Erleben von sexueller Gewalt
Teil VI
Was löst Missbrauch beim Opfer aus?
Teil VII
Forderungen für eine Wiedergutmachung
Was brauchen wir noch?
Zusammenfassung der Forderungen
Schlusswort
Impressum
Diana Menco
Sieh hin
Sexuelle Gewalt – Ein Erfahrungsbericht
Hintergründe – Wirkungen – Was muss geschehen
„Der Vater hat sie so liebgehabt, dass ich ihr meine Liebe entzog!“
Ihre Mutter sah sich zurückgesetzt. Sie sah aber nicht, was die so große Vaterliebe wirklich bedeutete.
Ihre Tochter blieb schutzlos!
Sieh hin!
Wer keine Rechte hat, wird ganz leicht Opfer!
Das Buch zeigt das große Drama.
Sehr einfühlsam, trotzdem manchmal fast sachlich, beschreibt es ein vom Inzest belastetes Aufwachsen. Stellt den steten Kampf um ein gutes Leben dar, und auch welch gravierende, lebenslange Folgen sexuelle Gewalt an Kindern grundsätzlich bewirkt.
Mit viel Erfahrung und gut recherchiert zeigt es vieles von dem auf, was die tiefen Verletzungen von Missbrauch auslösen. Wie groß die Hürden für die Überwindung des komplexen Traumas und seiner Auswirkungen sind.
Zugleich aber macht es Mut!
Das Buch gibt immer wieder Hoffnung für alle Betroffenen, zeigt Auswege und Hilfreiches.
Mehr noch, mit klugen Argumenten beschreibt es, was und insbesondere auch wer so weitreichende sexuelle Gewalt erst ermöglichte.
Die aufgestellten Thesen zur Pflicht einer wirklichen Entschädigung aller Betroffenen sind wahrlich eine intensive Diskussion wert.
Sachkundige Unterstützung für Betroffene, die hier Unterstützung finden!
Zudem eine kluge und kompetente Hilfe für alle, die besser verstehen wollen!
Diana Menco
Bislang ist die Autorin eher durch fein beobachtende und einfühlsame Romane und Krimis aufgefallen, die sie als Selfpublisherin veröffentlicht hat.
Jetzt aber schrieb sie ein Buch in einem ganz anderen Genre. Ein großartiges Sachbuch, aufbauend auf einem ganz anrührenden Bericht eigenen Erlebens. Darüber ungemein authentisch berichtend. Zugleich ohne Pathos und Übertreibung.
Wertvoll aber wird das neue Buch von Diana Menco ganz besonders dadurch, dass sie stringent und überzeugend Ursachen darlegt. Mit viel Wissen und klug argumentierend zeigt sie, was zur Grundlage ihrer überzeugenden Thesen wird.
Ein Buch, das die aktuellen Diskussionen nach Erscheinen des Berichts der Aufklärungskommission zu innerfamiliären Missbrauch befördern kann und sollte.
Den wenigen meines Umfeldes
gewidmet,
die mich bei der Entstehung
dieses Buchs oft und
durchgehend gestützt haben.
Ich danke Euch!
Ich danke für freundliche und wertschätzende Rezensionen für dieses Buch und freue mich über freundliche Kontaktaufnahmen über facebook oder bei diana-menco <at>web<punkt> de
Zugleich danke ich allen, die auch meine anderen Bücher lesen, sich an denen erfreuen.
Denn die sichern mir meinen Lebensunterhalt.
Neuausgabe und erste Auflage im Januar 22 YELC Verlag Schlossstr. 13 79211 Denzlingen
Alle Rechte vorbehaltenText Copyright © 2022: YELC Verlag
Viel zu lange habe ich mein Wissen für mich behalten. Ich wusste, wie zerstörerisch es ist, und wie nachhaltig es verletzt und beeinträchtigt. Ich habe es ja selbst bitter erlebt.
Euch habe ich geschützt, so unglaublich lange. Seltsamerweise habe ich euch nämlich fast immer geliebt, sogar tief und fast unverbrüchlich. Jeden auf meine Art und sogar im Wahrnehmen der jeweiligen eurer Schwächen, die es mir unerträglich machten, euch noch eine weitere Last aufzuerlegen. Ja, ich gestehe zu, meinen Vater zu lieben, fiel mir, nach dem Ende der vielen Dissoziationen und Abspaltungen, lange Zeit schwer, aber dazu komme ich noch. Ich will mich nicht ständig wiederholen.
Oft habe ich mir in bester Manie von Co-Abhängigkeit gewünscht, dass ihr meine Liebe erwidert. Damit auch ein wenig indirekt anerkennt, dass ich euch schütze.
Vielleicht habe ich manchmal nicht wirklich spüren können, dass ihr es tut. Aber zu besonders viel an Zuneigung oder gar Liebe, beziehungsweise dazu, solche auch zum Ausdruck zu bringen, seid ihr wohl nicht fähig oder wenn, dann zu wenig. Der eine deutlich weniger, andere etwas mehr. Manchmal schien mir diese Zuneigung dagewesen, spürbar zu sein und dann war beinahe schon `alles gut´ für mich.
An die Grenze meiner Kraft zum immer weiteren Aushalten des Schweigens und unverbrüchlichen Weiter-Liebhabens bin ich in diesem Sommer, im Sommer 2021 geraten.
Denn meine zwischenzeitlichen Fortschritte der Genesung haben mir ein beständiges Weiteraushalten von großer Lieblosigkeit immer schwerer gemacht. Es wurde immer deutlicher, immer spürbarer, wenn diese Lieblosigkeit, mal wieder da war.
Zugleich: Ich hatte in den vergangenen Jahren wieder Hoffnung auf die Liebe meiner Mutter gewonnen. A. war tot. Sie hatte mehr Zeit und mehr Freiheiten. Dann jedoch wurde mir zu überdeutlich, wie wenig, wie wirklich für mich viel zu wenig, ich meiner Mutter bedeute und jahrzehntelang bedeutet habe. Selbst zu Zeiten, in denen ich ihren Schutz und ihre ausgleichende Liebe als kleines Mädchen so dringend und zuverlässig gebraucht hätte. Dabei hatte ich mich so auf einige Tage mit viel Zeit mit ihr gefreut.
Das Wissen darum, dass sie inzwischen eine alte und gesundheitlich angeschlagene Frau ist, hatte in mir den Wunsch gestärkt, in den wenigen Wochen, die ich alljährlich in Deutschland verweile, eine Menge davon mit ihr zu verbringen. Schließlich ist ja total unklar, wie lange es sie noch gibt, wieviel Zeit mir noch dafür bleibt, etwas mit ihr in eine für uns beide bessere Ordnung zu bringen – so dachte und fühlte ich.
Tatsächlich bildete ich mir sogar ein, es könne sie freuen, mich zu sehen, mit mir zu reden und vielleicht mit mir zu lachen, zu kochen, zu essen, einfach mal auszugehen, ihre Zeit anders zu verbringen. Einige Stunden des Tages nicht allein zu sein. Nicht immer nur das tagtägliche Einerlei, welches sie bei meinen regelmäßigen Anrufen immer wieder beklagte.
Und ich hatte auch eine weitere Hoffnung, nämlich, dass sie mir vielleicht die ein oder andere Frage zu Früher beantworten mochte.
Auch das wäre mir bedeutsam gewesen. Denn immer öfters spüre ich das große Bedauern, das damit verbunden ist, wenn ich manche, längst verstorbenen Menschen des Umfelds meiner Kindheit, nach nichts mehr fragen kann.
Es tut mir oft leid, wenn Dinge, die mir helfen könnten, das ein oder andere auch für mich besser zu verstehen, nicht mehr aufklärbar sind. Schlicht, weil die diesbezüglichen Erinnerungen, das Wissen mit den längst toten Menschen gestorben und verschwunden sind.
Bei meinem ersten Besuch – für den ich immerhin gute sechshundert Kilometer einfach fahre – wurde mir nach kurzer Zeit bedeutet, dass meine Anwesenheit, zur gleichen Zeit, wie die meiner Schwester mit ihrem Mann, für Mutter zu viel sei und ich besser wieder gehe.
Durchaus mit einigem Verständnis für jedes „zu viel ist zu viel“ bin ich zurückgefahren. Immerhin gab es mehr als einen Grund dafür, wenige Wochen später noch einmal bei ihr vorbeikommen zu müssen.
Etwas Schmerz darüber, dass ich es war, die gehen sollte, obwohl ich wohl, in meinem Auto, statt in ihrem Haus wohnend, am wenigsten Last machte, gab es in mir trotzdem. Aber da ich gerne vor Verständnis triefe, hielt ich den eben aus. Übung im Aushalten habe ich ja. Reichlich.
Beim zweiten Mal allerdings kamen zu viele kleine Dinge zusammen, die mir das immer weitere einfach die Augen zudrücken und Aushalten nicht mehr möglich machten.
Ende Juli wieder in ihre Nähe gefahren, hatte ich mich entschieden, erst einmal ein paar Tage in der weiteren Umgebung ihres Hauses allein zu bleiben. Denn im Grunde hatte ich den Wunsch, bis zum Geburtstag meiner Mutter am Ende des Augusts zu bleiben. Ich wollte sie aber nicht schon wieder zu früh, durch meine zu lange Anwesenheit, erneut überfordern.
An meinem Übernachtungsplatz – deutlich abseits ihres Hauses – bekam ich keinen Internetzugang. Auf den allerdings bin ich für meine Arbeit absolut angewiesen. Ich entschied mich also am Nachmittag, noch vor der Suche nach einer Lösung für das Netzproblem, zu einem wirklich schönen Heidegebiet zu fahren, in der Hoffnung, dass diese bereits in Blüte stand. Zwar darf mein Hund dort nur mit Leine laufen, aber ich hatte ihn deshalb auch angeleint. So irritierten mich sehr bald ein paar laute Pfiffe hinter mir.
Mich umschauend sah ich erstaunt, dass meine Mutter und mein Bruder etwas hinter mir dort ebenfalls spazieren liefen. Ich wartete auf sie, erklärte nach einer freundlichen Bgrüßung auch meine Netzprobleme sowie die Notwendigkeit nach meinem Spaziergang noch einiges zu arbeiten und bekam zu hören: „Stell dich doch bei uns auf den Parkplatz, dann kommst du in den WLAN.“
Nun ja, daran wäre ich natürlich auch im Haus gekommen, aber der Parkplatz war ja immerhin auch eine Variante, fand ich – wie immer gerne bescheiden. Ich kam etwas später am Haus an und sah den Wagen meiner Mutter inmitten der Einfahrt des Parkplatzes stehen, exakt so, dass ich nicht reinkam. Kein sehr gutes Gefühl. Eher die Frage, weshalb frau/man mir denn angeboten hatte, dort ins Netz gehen zu können. Meinen Netzzugang suchte und fand ich dann in der Stadt anderweitig. Aber deutlich irritiert und etwas verletzt war ich schon. Suboptimaler zweiter Start.
Während ich mich in den Folgetagen mühte, mich an Bedürfnisse bei meiner Mutter anzupassen, etwa, indem ich, deutlich früher als mir eigentlich genehm aufstand, um mit meinem Hund zu laufen, den sie, anders als den zugegebenermaßen kleineren, sehr alten und weniger lebhaften meiner Schwester nicht im Haus haben wollen.
Aber ich stand deshalb so früh auf, um zu der Zeit, in der sie zu frühstücken pflegte, bei ihr anzukommen. Und natürlich, um alles Notwendige bereits davor erledigt zu haben. Alles, um gemeinsam mit ihr zu essen, zu reden, eine gute Zeitspanne zu verbringen.
Nun ist es im Hause meiner Mutter üblich, dass jede, aber auch wirklich jede Tür nach außen gründlich und mehrfach verriegelt und verrammelt ist. Die Haustüre sogar über Tag. Zwar im Grunde erst, seitdem mein Vater in den Jahren seiner Demenz abzuhauen und sich zu gefährden drohte. Aber der Zustand der auch tagsüber doppelt verschlossenen und zusätzlich gesicherten Haustüre, er blieb einfach aufrechterhalten, auch nach seinem Tod vor rund zwei Jahren.
Der Effekt ist, dass jeder, der klingelt, mit allem, was sie/er bei sich hat, nicht etwa, wie nahezu überall üblich, nach dem Klingeln eine Tür aufdrücken und eintreten kann, weil von innen reagiert wurde.
Vielmehr ist es so, dass meine Mutter erst einmal den Schlüssel sucht, danach aus ihrer Wohnung kommen, auf die verriegelte Tür zulaufen und dann der Reihe nach sämtliche Verschlüsse öffnen muss.
Derweil stehen Gäste, genau wie der Paketzusteller, ihr zuschauend davor.
Keine Ahnung, wie das auf Post- und Paketzusteller wirkt, vermutlich nicht begeisternd, weil arg zeitraubend. Aber bei mir gab es immer mehr das diffuse und zugleich deutliche Gefühl, nicht sehr willkommen zu sein. Sie wusste doch, dass ich käme! Das fehlende Empfinden von Willkommen Sein umso mehr, als ich ja auch noch mein Frühstück bei mir trug und damit wartete. Okay, meine Verantwortung für mein Gefühl, … was also sollte ich machen?
Ich hoffte diesen Zustand optimieren zu können.
Meine Frage, ob es denn einen Schlüssel für Gäste gebe, wurde jedoch verneint. Also blieb es bei dem seltsamen, allmorgendlichen Start.
Wenn ich es dann endlich doch bis in die Wohnung und an den Frühstückstisch geschafft hatte, gab es dort für mich … nichts. Kein Tellerchen, keine Tasse, keinen bereits durch die Maschine gelaufenen oder wenigsten zum Durchlaufen vorbereiteten Kaffee, es gab nichts als einen leeren Platz ihr gegenüber und immerhin einen freien Stuhl.
Sie, meine Mutter, saß oft bereits am Tisch und bei ihrem Frühstück, während ich erst einmal aus den mitgebrachten Sachen, mit denen ich zuvor lange vor der geschlossenen Tür gestanden hatte, in die Küche lief. Mir mit denen dort dann mein Frühstück zubereitete, die Kaffeemaschine bestückte und anließ, um einen Kaffee zu bekommen und dann irgendwann so weit war, mich zu ihr zu setzen. Sie war derweil in aller Regel bereits bei ihrer Zeitung angelangt, so dass ich mich mehrmals einer geöffneten Zeitung, statt meiner Mutter gegenüber sitzend sah.
Nix gegen ein gemeinsames Zeitungslesen beim Frühstück. Bei meiner Ex-Schwiegermama, die mich morgens immer mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ begrüßt und erklärt „Kaffee ist vorbereitet, du musst nur noch den Knopf drücken! Hast du gut geschlafen?“ (ein Platz für mich ist gedeckt) reden wir immer zuerst ein wenig miteinander – manchmal auch länger - und teilen uns dann die Zeitung, Stück für Stück. Wir lachen hin und wieder zusammen über eine Nachricht oder teilen unser Bedauern, Freude, Entsetzen oder Staunen über den Inhalt eines Artikels.
Sie, meine Mutter, hat ihre Zeitung fein bei sich gehalten. Aktives Teilen? Mit mir? Nöö. Zugreifen und nehmen konnte ich allerdings – immerhin.
Das eine Mal, als ich dann mit meinem Frühstück im Wintergarten verschwand, statt mich einer Zeitung gegenüberzusetzen, zeigte meine Mutter Verwunderung.
Mein Versuch gemeinsam(!) täglich zusammen etwas Leckeres zu kochen … selten erfolgreich. Meine Idee, etwas Feines für ein gutes Essen einzukaufen … unerwünscht. Mein Vorschlag, irgendwo draußen mal ein Eis zusammen zu essen, gekontert mit: „Das ging doch so lange gar nicht“.
So, als ob das noch immer so sei. Meine Frage, ob du, Mutter, denn den Wunsch habest, noch mal – wie auf deine Bitte vor zwei Jahren – irgendwohin zu fahren, um ein paar Einkäufe für dich zu machen mit: „Ich brauche doch gar nichts mehr!“
Kurz, jeder meiner Vorschläge, etwas zusammen zu tun, oder auch nur der, mir über einen Schlüssel ein Gelangen ins Haus zu erleichtern, … abgelehnt. Willkommen, gerne gesehen zu sein, fühlt sich für mich anders an, kenne ich auch anders.
Bei einigen anderen Menschen. Denen nämlich, die sich freuen, wenn ich komme, die gerne gastfreundlich zu mir sind, gerne mit mir reden oder etwas tun. Praktiziere ich auch, wenn ich selbst Gäste habe.
Immer bewusster wurde mir, dass ich schon wieder in genau die Falle getrappt war, dort doch Liebe und Wertschätzung erfahren zu wollen, wo es die einfach nicht gibt.
Das tat schon einigermaßen weh. Aber selbst das war durchaus noch steigerungsfähig. Denn ich hatte immer noch die naive Vermutung, dass ein Ansprechen meines Empfindens vielleicht zu einer Verbesserung der Lage führen könnte.
So fragte ich an einem Abend nach einer knappen Woche des Wahrnehmens all dieser „Kleinigkeiten“, ob ich denn überhaupt willkommen sei. Erklärte ruhig, was es mir schwer machte, mich ernstlich gerne gesehen und erwünscht zu fühlen.
Meine Mutter gab sich erstaunt, erklärte mir, ich sei sehr wohl erwünscht und flüchtete sich, als ich Zweifel äußerte, sofort wieder in „das arme Tier“, mit dem sie schon immer jeden Versuch eines kritischen Gesprächs abgewürgt hat, soweit und so lange, wie ich mich überhaupt zurückerinnern kann.
Alles zusammen schon stark verletzend, alte ungute Gefühle weckend. Schließlich waren diese double bind Erfahrungen „wie schon immer“, wenn meine Wahrnehmung und ihre Behauptungen einfach deutlich auseinanderfielen. Schon immer schmerzlich, verwirrend und verunsichernd.
Zudem noch die Flucht aus dem Gespräch. Durch ein Jammern darüber, von mir immer verkannt zu werden. Darüber, nicht zu verstehen, wie ich denn zu meiner (so blöden und falschen?) Empfindung kommen kann.
Ergänzend gab es dann für mich einige Vorwürfe. Zum Teil uralte, über die wir in anderem Kontext ja durchaus mal hätten sprechen können. Als Retourkutsche trotzdem wenig weiterführend.
Ich entschied mich, loszulassen, ja, aufzugeben, zu kapitulieren und mich erst mal – meinem Zuhause auf vier Rädern sei Dank, auch dir, Mutter, sei diesbezüglich wirklich ein großer Dank! … - aus dem so seltsamen Miteinander und meiner Verletztheit dabei, wieder herauszunehmen und wieder ein paar Tage für mich allein zu sein.
Weniger zu ihr zu kommen, meine Erwartungen zurückzudrehen und mich zu regenerieren, neu zu zentrieren. Damit habe ich ja Erfahrung genug. Auch damit, mich immer wieder alleine retten zu müssen. Inzwischen gelingt mir das öfter und öfter. Und, ging es mir nicht in den letzten Jahren doch immer besser?
Aber auch das ganze aktuelle und mich wirklich tief belastende Erleben nach unserer Unterredung war durchaus noch steigerungsfähig. Sogar noch bevor ich mich im Übrigen wieder eingekriegt hatte.
Denn ich hatte mit B., meiner Cousine, mit der ich als Jugendliche viel Zeit verbracht hatte, bereits abgesprochen, dass ich ihr bei einem Widerspruch und dessen Begründung helfe. Also fuhr ich bei ihr vorbei, begründete den Widerspruch und saß anschließend, mit ihr noch lange im Gespräch zusammen.
Ich berichtete ihr von den vorgenannten Ereignissen, von den Gesprächen und unter anderem davon, dass es nicht einmal einen Schlüssel für mich gab und hörte, dass es natürlich einen gibt.
Einen, den L. und J. – meine Schwester und mein Schwager - auch immer nehmen, wenn sie meine Mutter besuchen. Aber dass meine Mutter und P. den mir nie geben würden, weil sie Angst vor mir hätten.
Innerlich spüre ich, wie ich entsetzt nach Luft schnappe. Äußerlich zeige ich immerhin meine unendliche Verwunderung. Angst vor mir? Wieso? Wovor denn?
Als Antwort vernehme ich: „Ich habe mich schon immer gefragt, wieso sie dich so schlecht behandelt. Erinnerst du dich noch, wie ich dich, als du so dreizehn warst, in den Ferien besucht habe? Dass ich sie da mal gefragt habe, weshalb sie dich immer so viel gemeiner behandelt wie L.?“
Mich haut diese Aussage von B. um, denn plötzlich weiß ich das auch wieder ganz deutlich! Ich erinnere mich sogar gut an diese damalige Frage von B., auch an das Gespräch. Eine Erinnerung, die ich jedoch, im höchsten Maße dissoziationsfähig, wie so vieles, unglaublich gut habe abspalten können.
Abspaltung, eine total überlebensnotwendige Fähigkeit für misshandelte und missbrauchte Kinder und zugleich als dysfunktionales Verhalten im Erwachsenenleben oft fatal – ich weiß zu gut, wovon ich dabei rede. Denn noch immer ersehne ich offenkundig eine Familie, in der man mich einfach liebhat!
Aber jetzt ist so vieles plötzlich wieder da! Es knallt so rein, wie schon lange nichts mehr. Denn ich habe in den letzten Jahren so viel Hochstress und einigen Schmerz immer besser von mir weghalten können. Darüber ist wohl meine permanente, innere Schutzbereitschaft etwas gebröselt. Da kam sogar die Hoffnung zurück, bei meinem Clan finden zu können, was mir genau dort so oft gefehlt hat.
Aber auf einmal ist er, der Schmerz, mit voller Wucht wieder da. Mit einer Wucht, der ich nichts mehr entgegenzusetzen habe.
Die nächsten Worte von B, meiner ein Jahr älteren Cousine, knallen noch mal rein. „Ich habe mich dann gewundert, weshalb sie mit mir allein noch über so vieles geredet hat. Darüber, dass du ihr die Liebe deines Vaters gestohlen hättest, dass der dich so unglaublich klug gefunden habe, dass sie sich daneben dumm gefühlt habe. Dass es für dich reiche, wenn der dich liebe. Deswegen liebe sie L. mehr und behandele die gut, dich nicht!“
Alles in mir explodiert! Es wird viel zu plötzlich so unglaublich klar. Meine Mutter hat mich nicht, hat mich so lange nie wirklich geliebt, weil mein Vater das angeblich zu sehr tat!?!
Wusste sie womöglich, WIE er mich zu sehr liebte?
Habe ich immer zu Unrecht versucht, ihr zuzugestehen, dass sie es nicht gewusst hat? Einfach gewollt, dass sie es nie bemerkt hat? Um sie weiterhin lieben zu können!
Hat sie mir ihre Liebe entzogen, weil sie es wusste? Oder, weil sie mich deswegen ablehnte, ja mich womöglich sogar manchmal hasste?
Mein Entsetzen in dem Moment war einfach völlig überwältigend. Tiefes Entsetzen über das, was sich mir da gerade offenbarte, ganz ohne, dass ich irgendeinen Anlass dafür erkannte, dass B. etwas anderes als ihre klaren Erinnerungen äußerte, die mir zum Teil ja auch sofort wieder präsent waren. Mein Gott, wie unglaublich tat das weh!
Hat er ihr womöglich, in der letzten Zeit seines Lebens etwas erzählt, davon, was er mit mir damals angerichtet hat? Kommt ihre Angst vor mir vielleicht deswegen?
Nein, in dieser Lage konnte ich nicht mehr Trägerin des perfiden Geheimnisses bleiben, dass sich so katastrophal auf mein gesamtes Leben auswirkte. Das erst dem großen Verdrängen anheimgefallen war, weil es zu unerträglich gewesen war. Das Geheimnis, aufgezwungen durch meinen Vater, das ich dann, als es mir wieder immer deutlicher und klarer ersichtlich wurde, weiter gewahrt hatte. In der Verleugnung bleibend, um alle anderen Beteiligten zu schützen, obwohl die, der eine mehr, die anderen weniger, mich permanent am weit ausgestreckten Arm verhungernd, von sich fernhielten.
So brach alles aus mir hervor, was ich so lange, alle anderen beschützend, für mich behalten habe. Die erste, der ich es offenlegte, war B.
Die zeigte erst einmal Staunen, aber dann auch ehrliches Interesse. Sie stellte Fragen. Richtete diese so neugierig und ergebnisoffen an mich, dass ich damit begann, ihr zu erzählen, was ich trotz aller Verdrängung immer gewusst hatte. Dann, auf weitere Fragen ihrerseits, einiges von dem, was erst anfing, Sinn zu machen, als ich im Laufe meiner Therapien endlich für möglich zu halten begann. Es langsam und erst widerwillig für denkbar hielt. Zuließ, was mir mein immer erinnertes Wissen so vieles plausibler machte. Plausibler, wenn ich einfach doch für möglich hielt, dass ich wirklich missbraucht worden war. Wie dann immer mehr meiner ohnehin vorhandenen Erinnerungen plötzlich einen Sinn bekamen. Neue wieder bewusst wurden. Wie immer mehr neues Wissen aus der Dissoziation geholt, wieder hinzukam.
B. blieb offen für das, was ich berichtete. Ergänzte manches meiner Erinnerungen sogar durch eigene, die sie im Rahmen von Ferienbesuchen bei uns machen konnte.
Welch eine Erleichterung, nicht sofort Ablehnung zu erfahren, sondern irgendwann dann zu hören: „Ja, wenn du das so erzählst, für mich klingt das sehr nachvollziehbar und glaubhaft, wenn ich das von dir höre. Ich traue das deinem Vater auch zu.“
Zugleich erfuhr ich, meine Eltern hatten im Verwandtenkreise zwar immer wieder gerne davon gesprochen, wie bescheuert ich doch sei, meine Tiere nicht aufgeben zu wollen, wenn es mir doch wirtschaftlich so dreckig gehe. Wie es nerve, wenn ich sie um Hilfe „anbettele“.
Oh, mein Gott, meinen Eltern zu sagen, „Ich schaffe es nicht mehr alleine, ich brauche eure Hilfe“ ist also ein unverständliches Anbetteln!
Aber davon, dass ich drei Male so am Ende gewesen war, dass ich genauso oft stationär in eine psychosomatische Klinik gemusst hatte, hätten sie niemals geredet. B. war verwundert, zu hören, dass ich in den letzten mehr als eineinhalb Jahrzehnten dort so viel an, wahrlich mein Leben rettender Zeit verbracht hatte. Alles in allem etwa ein halbes Jahr. Ich spürte bei ihr echtes und warmes Mitgefühl.
Wie wohltuend, endlich einmal eine solche Reaktion zu erleben, statt ein so sorgsames Meiden dieses Themas. Statt Empathieunfähigkeit und ungläubiges, aber beherztes Weiterschweigen.
Wohltuend, mit meinen Schilderungen auf einmal doch Gehör zu finden, einiges an Nachdenklichkeit auszulösen, Fragen zu hören, die mir wirklich vermittelten, dass endlich jemand meines frühen Umfeldes, dass B. tatsächlich wissen wollte, was ich zu antworten habe.
Schon jetzt bemerke ich, dass ich durch diese neue Offenheit doch etwas Last verloren habe. So große, ja riesengroße Lasten, die ich, tapfer als ständig etwas ausgegrenztes Schwarzes Schaf der Familie immer für alle mitgetragen habe.
Aber obwohl die Lasten weg, zumindest weniger, geworden sind, hat deren Reaktion mich, beginnend wenig später, nachdem ich auch mit P. gesprochen habe, wieder sehr tief in die Welt des Inzestes zurückgestoßen.
Dorthin, wo Schmerz und Leid noch immer weit größer sind, als meine mühsam genug erworbenen Fähigkeiten, sie zu ertragen. Dorthin, wo trotzdem, immer nur entlang am Entsetzen und Schmerz, die Heilung weitergehen kann und muss.
Auf einem Weg, den ich schon lange kenne, den ich bereits seit Ewigkeiten gehe, gefühlten jedenfalls. Alleine und immer wieder alleingelassen gehe. Der dennoch nur in kleinen Schritten zu bewältigen ist, den ich langsam wandern muss, um auch integrieren zu können, was in mir, und mit mir wieder geschieht.
Aber eure Familien-Reaktionen erinnert fatal an Altes. An die, wovon ich glaube, dass sie denen entsprechen, die ich als Kleinkind erlebt habe. Nicht vage, lieber P., sondern mit recht, nein mit sehr, sehr viel Wahrscheinlichkeit und großer Plausibilität und einigen wenigen ganz klaren Erinnerungen.
Damals, als ich, ein misshandeltes, missbrauchtes, kleines Kind leise und vorsichtig um Hilfe gebeten habe. Es gibt jetzt wieder nur Ungläubigkeit, Missachtung, Ablehnung. Alles wie damals!
Mir kommt der Gedanke, dass daher die Angst vor mir rühren könnte.
Die Angst, die du, Mutter vor mir hast.
Weil du womöglich wirklich gewusst hast, was ich auch wissen könnte. Die Furcht, ich könnte das aussprechen, und das Geheimnis brechen.
Kanntest du es? Das wüsste ich gerne.
Hast du es geahnt? Hattest du deswegen Angst? Vor mir!
Hast du eine solche Sorge? Eine, die du so überhaupt nicht hättest haben müssen, wenn du mich zumindest jetzt etwas netter, nur ein bisschen liebevoller behandelt hättest! Ich hätte dir doch alles weiterhin erspart! Ich wäre doch schon damit glücklich gewesen, ein wenig Liebe zu fühlen.
Ich wollte doch so sehr, dass es dir zumindest nach dem Tod von A. endlich gut geht!
Ich hatte mich doch längst damit abgefunden, dass du, auf anderer Ebene, ja ebenfalls eines der Opfer des A. gewesen bist, so wie meine Geschwister allesamt auch, unabhängig davon, was sie ihrerseits verdrängen.
Ich hatte doch längst meinen Frieden mit dir gemacht, hatte dich lieb, wünschte dir alles Gute, hätte gerne einfach eine schöne Zeit mit dir verbracht, Stunden und Tage, die einfach friedvoll und wechselseitig wertschätzend gewesen wären.
Jetzt habe ich Zweifel! Denn immer mehr spricht in meinen Augen dafür, dass du es womöglich wusstest, dass du mich geopfert hast, weil du dein Leben lang zu feige warst. Zu feige, dich einfach mal ernsthaft für dich selbst, aber auch für uns, jedenfalls aber für mich, auf die Hinterbeine zu stellen!
Dich gegen das unglaublich patriarchalische, dramatisch elende Verhalten deines Mannes zu wehren. Zu unser aller, auch zu deinem eigenen Nutzen und Schutz.
Hast du dir deswegen meine Schwester L. so gekrallt und sie auf diese Weise gegen ihn beschützt? Weil du es wusstest? Denn ich bin mir sicher, dass es sie nicht erwischt hat. Deutliche Zweifel, ja, wirklich deutliche, habe ich, was Th. angeht.
Hast du es gewusst, irgendwie geahnt?
War es so? Kannst du dir vorstellen, mir darauf ehrlich zu antworten?
Mir wäre es - beinahe egal, was du dazu ehrlich zu sagen hättest - eine riesige Hilfe, endlich Offenheit und Ehrlichkeit zu erfahren. Und noch immer wäre ich bereit, dir zu vergeben, wenn es so war und du mich zumindest um Vergebung bitten würdest.
Ich wäre – in dubio pro reo – auch bereit, dir zu verzeihen, wenn du nicht in der Lage warst, es zu bemerken und dich stattdessen in Ablehnung (doch Hass?) gegen mich zu verrannt hättest, anstatt mich zu beschützen.
Denn daran habe ich bereits fast zwei Jahrzehnte gearbeitet. Leise, nur für mich allein, oft völlig alleingelassen und keineswegs schmerzlos. Aber ich hatte dir längst alles mir Denkbare verziehen, wollte dich einfach nur als meine Mutter lieben, wollte so gerne von dir geliebt werden. Endlich!
Aber auch das Vergeben erfordert nach den neuesten Entwicklungen doch zumindest mal, ein deinerseitiges um Verzeihung zu bitten. Bedeutet, damit aufzuhören, ins arme Tier zu flüchten und auch den Willen dazu zu entwickeln, welche Form von Wiedergutmachung auch immer anzugehen, anstatt immer noch mal ein bisschen mehr auf mich draufzuschlagen.
Mein mich so belastendes, schweres Schweigen ist jedenfalls vorbei!
Schweigen werde ich nicht mehr!
15.8., überarbeitet am 20.8.
Ich erkenne euer Elend, aber ich werde es nicht mehr für euch tragen. Es gehört zu euch, nicht zu mir! Wieder habe ich gelernt, wie entsetzlich ich so oft, so unausweichlich tragisch, als Kind unter euch und eurem Elend gelitten habe.
Ich bin zurück im Inzest! Ihr habt es geschafft, mich wieder hineinzu-stoßen! Durch eure altbekannte Lieblosigkeit und zum Schluss auch noch durch euer (verzweifeltes?) mir nicht glauben zu wollen. Beides dockt zu intensiv an, an altes nur in der tiefen Dissoziation zu überlebendes Elend von mir.
Nur, dieses Mal trage ich dieses Leid, dieses Elend nicht mehr allein, schon gar nicht mehr weiter für euch mit. Ich werde euch in aller Klarheit mit meinem Leid konfrontieren. Ihr werdet es von mir zurückerhalten, in eure Verantwortung. Ich trage nur noch die Verantwortung für mich selbst!
Aber zuerst muss ich mich wieder regenerieren. Wieder aus der heftigen Retraumatisierung heraus und in klarere Gelassenheit zurück.
Aber jetzt, nach dem Zusammentreffen mit euch, brauche ich dafür Zeit und Ruhe, Zuwendung liebevoller Mitmenschen und eine Rückkehr in meine innere Klarheit, um wieder neue Kraft in mir selbst zu finden.
Jetzt geht es mir entsetzlich schlecht.
Ich finde keinen Schlaf mehr und keine Ruhe zum Arbeiten. Mein Kopf ist genauso überfordert, wie meine Psyche, meine Seele. Überfordert durch alles, was ich fühle und auch wieder all das, was ich im Moment erneut abgespalten habe und nicht einmal mehr fühlen kann.
Wenn ich abends todmüde ins Bett gehe und schlafen will, wird die permanente Gedankenflut in meinem Kopf immer rasanter. Meist über Stunden, drei, vier, kann ich nicht einschlafen. Nicht einmal viele in den letzten fast zwei Jahrzehnten dafür erprobten calm down Methoden helfen noch.
Wenn ich dann endlich doch, wenn ich trotzdem zuletzt in den Schlaf gefunden habe, endet der nach meist erheblich weniger als zwei Stunden. Das Gedankenkarussell geht wieder los, noch machtvoller. Immerhin ist das Maß meiner völligen Erschöpfung kleiner, etwas weniger geworden als zu Beginn der Nacht. Ich hatte ja schon etwa achtzig oder neunzig Minuten Schlaf.
Qualvolle weitere Stunden, wieder Gedankenflut, keine Ruhe finden, wieder so tief und wild in dem Schmerz des kleinen Kindes stecken, das gequält um Hilfe bittet, dem keiner glaubt, dem stattdessen noch mehr an Liebe, Geborgenheit, Fürsorglichkeit entzogen wird, obwohl die doch ohnehin schon viel zu sehr fehlen.
Keinen Ausweg aus diesem Karussell finden, Pein fühlen, wie schwere Steine im Bauch und glühende Eisen in der Kehle und in meiner Brust. Irgendwann schlafe ich dann meistens doch noch einmal. Für kurze Zeit nur. Denn morgens erwache ich, noch immer müde, mit schmerzenden Knochen und Gelenken, voller Unruhe, sofort erneut im Schrecken steckend und so entsetzlich durcheinander, dass ich kaum schaffe, mit meinem Hund herauszugehen.
Ihm und seinen so legitimen Bedürfnissen kaum noch gerecht werden können. Mir selbst auch noch gerecht werden, es geht ohnehin nicht.
Viel zu abgerutscht in wieder aufwallendes Entsetzen, das wieder so hochwabert, obwohl ich dachte, nach jetzt fast zwei Jahrzehnten harter Arbeit an meinem Leiden, doch inzwischen viel weiter aus dem Schmerz und dem Opfer herausgefunden zu haben.
Aber so heftig, so hammermäßig, wie ich bei euch, mit allen aktuellen Erlebnissen dort, wieder hereingeschubst worden bin … Insbesondere auch durch eure gemeinsame momentane Ungläubigkeit, euer gemeinsames euch alle tot Stellen – nein, dagegen habe ich noch immer keine ausreichend schützende Widerstandskraft.
Ein paar seltsame Sätze von euch … ein oder zwei, wie längst bekannt, rücksichtslose Aktionen … ja, das halte ich meist noch ganz gut aus, dagegen helfen meine so mühsam erlernten Strategien, wenn nicht sofort was Neues nachschießt.
Schon schwerer tue ich mich mit manchen, so unglaublich resistenten, Verweigerungen von Empathie und Mitgefühl für wen auch immer, ja sogar für euch selbst.
Immer wieder bleibt mir die Luft weg, wenn ich diesbezügliche Äußerungen höre und in das Erinnern daran gezwungen werde, wie sehr auch ich als Kind unter solchen zu leiden hatte.
Und ganz tief verletzend sind eure Reaktionen und genauso eure Nichtreaktionen. Obwohl P., mit dem ich als erstes gesprochen habe … glaubend, es sei möglich, zuerst einmal mit ihm die Sachen durchzuackern, zu bearbeiten … obwohl P. anfangs absolut entsetzt war, vom dem, was ich ihm, unter dem Einfluss des Aufbrechens von allem gleichzeitig, ehrlich und verzweifelt berichtet habe. Obwohl er mir zu Recht klar vermittelte, mir zu glauben … mich in die Arme nahm, mich hielt.
Er hatte ja dann sehr bald nichts Besseres zu tun, als nicht nur sofort mit euch allen zu sprechen. Er wollte hören, dass niemand „davon“ etwas mitbekommen hat, „es“ also deshalb auch nicht sein konnte.
Bestärken wollte er sich durch das intensive Studium von ergoogelten Links über zu Unrecht des Missbrauchs beschuldigter Väter. Ich weiß, dass es solche armen Kerle gibt und dass dieser Vorwurf in familienrechtlichen Verfahren gelegentlich von gestörten Eltern erhoben wird. Dafür habe ich zu lange in diesen Bereichen gearbeitet.
Das ist furchtbar. Nicht nur für die falsch belasteten Männer, sondern auch für jedes wirkliche Opfer.
Denn: Nichts destotrotz gibt es Missbrauch, sexuelle Gewalt! Das sogar viel weiter verbreitet, heute und damals, als viele es glauben wollen. Leider gab es ihn auch in unserer Familie. Ganz unabhängig davon, ob ihr es glauben wollt!
Was um Himmels Willen habt ihr euch denn gedacht?
Was geglaubt, wenn ihr miterlebt habt, dass ich mal wieder, insgesamt drei Male, jeweils lange in einer psychosomatischen Klinik gewesen bin?
Insgesamt dort ein halbes Jahr meines Lebens verbracht habe. Als ich aus der Lebenswirklichkeit einer beruflich toperfolgreichen Frau, einer Karrieristin, immer mehr abgestürzt bin und ständig im tiefen Elend um meine Existenz und um mein Überleben kämpfte.
Was habt ihr euch gedacht? Wieso habt ihr niemals danach gefragt, was bei mir los ist? Nie wirklich wissen wollen?
Wieso gab es bei euch so wenig Mitgefühl, so wenig einen Wunsch mehr zu wissen, so wenig ein sich Kümmern?
War das alles, … war ich euch so scheißegal? Wart ihr wirklich allesamt so überzeugt, dass das alles, um nichts in der Welt mit meiner Kindheit, nichts mit euch, beziehungsweise euren eigenen Dramen zu tun haben kann … das nicht haben darf, … jedenfalls nicht sollte?
Und - für den „undenkbaren“ Fall, das doch – wolltet ihr es dann zumindest lieber nicht erfahren?
Seid ihr wirklich nie auf die Idee gekommen, mich mal zu fragen, ernstliches Interesse daran zu bekunden, was mich so sehr belastet?
So sehr, dass ich so abgestürzt war, wie ihr mich doch habt sehen und erleben können! Oder konntet ihr nicht einmal das? Mich noch sehen, erleben?
Hattet ihr wirklich niemals den so naheliegenden Gedanken, das die meisten der psychischen Belastungen von Menschen in der frühen Kindheit und in der eigenen Familie erworben werden, also vielleicht auch in der Familie, in der, außer mir, ihr ebenfalls Eltern oder Kind gewesen seid?
Ist euch allen wirklich niemals deutlich gewesen, wieviel Lieblosigkeit, Mangel an Geborgenheit, an Umarmung, jedweder Form von Zärtlichkeit, warmherzigen Körperkontakt und tiefen, ehrlichem Interesse an den anderen Mitgliedern unserer Familie es bei uns ganz grundsätzlich gegeben hat?
Wie wenig an tiefschürfender und grundehrlicher Kommunikation? Wie wenig an bedingungsloser Zuneigung? Wie undenkbar Liebe ohne Leistung?
Habt ihr nie wahrgenommen, wie unglaublich dreckig es mir ging, nachdem alles an alten Lasten mich so dermaßen überrollt hat? So wenig, dass NIEMALS einer von euch wirklich mal gefragt hat:
„Was ist los mit dir?“
„Wie kann ich dir helfen?“
„Was kann ich für dich tun, was brauchst du?“
Manche nicht einmal, wenn ich sie konkret um etwas gebeten habe, haben wahrnehmen wollen, wie wichtig es für mich gewesen wäre! Wie viel im Grunde unerträglicher Druck allein damit von mir hätte genommen werden können!
Außer meinen in vielem komplett inkompetenten Eltern habe ich da insbesondere dich, lieber W., in sehr schmerzlicher Erinnerung.
Wie konntest du mich – auf Bitten unseres Vaters A. - fast zweihundert Kilometer einfach zu dir fahren lassen, um auf dessen Anforderung hin zu klären, wie meine Situation, wie groß meine Hilfsbedürftigkeit ist …
Mir alles an „den rein sachlichen“ Infos abzufragen, die ich, wenn deren Offenlegung ohnehin für nichts gut gewesen war, lieber für mich behalten hätte – um mir wenigstens einen Rest von Stolz zu bewahren.
Aufgrund derer du zu einer nötigen Unterstützungssumme kamst, die ich eine kleine Weile gebraucht hätte, um doch wieder auf die Füße zu kommen. Auch dabei gestützt durch das damit schließlich verbundene, beglückende Wissen, eurer Hilfe für würdig und wert befunden zu sein. Wertschätzende Behandlung zu verdienen.
Danach: Kein einziges Wort mehr von dir oder wem auch sonst immer an mich! Kein einziges! Nichts an Rückmeldung.
Aber offensichtlich auch nicht die Empfehlung an A., wie von mir eigentlich ja nur erbeten, für eine Weile die Kosten meiner Krankenversicherung und Rentenbeiträge zu übernehmen.
Damals, als ich es wirklich nicht mehr schaffte, alle laufenden Zahlungen allein aus eigener Kraft zu erfüllen, begann meine zusätzlich so fatal belastende Schuldenmisere.
Was habt ihr, meine Eltern, was hast du, mein ältester (zugleich jüngerer) Bruder dir dabei gedacht? Warum habt ihr mich trotz deines so akribisch ermittelten Sachwissens immer tiefer und tiefer fallen lassen? Euch nach den Hintergründen nie erkundigt, die geflissentlich nicht sehen wollen.
Was habt ihr gewollt, was ich tue? Schweigen, weiterhin schweigen, genau wie ich es zu der Zeit, so lange bereits, getan habe? Euch in eurer so widerlichen Drei Affen Komfortzone zu belassen?
Dabei lieber in Kauf nehmen oder sogar wollen, dass ich meiner Hochsuizidalität endlich nachgebe und mit meinem, nicht nur mich, sondern auch euch belastendem, Wissen verschwinde?
Ich weiß es nicht! Ich kann euch nicht mehr verstehen.
Ja, ich sehe sehr wohl und deutlich, welch eine beeinträchtigende emotionale Inkompetenz ihr gerade alle mit euch herumschleppt. Die ließ sich ja in unserer Familie auch wunderbar entwickeln. Fast gar nicht vermeiden.
Insofern reduzieren Juristen in Strafverfahren das Maß der Schuld. Tu ich dann auch mal.
Ich sehe auch, welche Ängste existieren. Ja, welch eine Panik, das unterschwellig ja ganz sicher vorhandene Wissen, „es“ zumindest zu spüren, bei euch auslöste.
Unterdrückt, weggedrängt, abgespalten, um all das, was uns alle, was auch euch oft kaputt und eher unfähig macht, unbewusst zu erhalten. Das, was bei jeder/jedem von euch existiert, unabhängig davon, ob ihr es kennen wollt.
Ich habe ja schließlich auch am eigenen Leibe erfahren, wie viele Jahre ich mich mit einer schier unglaublichen Energie und Anstrengung darum bemüht habe, nicht nur zu funktionieren, sondern parallel auch noch Unglaubliches zu leisten und zugleich so zahlreiche innere Dramen zu verdrängen.
Enormes in meinem Beruf auf die Beine zu stellen. Gewaltige Erfolge zu haben und in der Abspaltung, im Nicht-Wissen-Wollen bleiben zu können, um das im Job zu Leistende auch immer weiter und weiter tun zu können.
Trotzdem immer wieder so tief in unglaubliche Schmerzen abzurutschen, die ich kaum verstand, denen auf den Grund zu gehen, mir aber zu gefährlich erschien. Zu risikoreich, wenn ich mein, wie ich lange glaubte, doch meist ganz gut klappendes Leben noch aufrecht erhalten wollte. Das Leben, mit mir, als meistens doch ganz gut funktionierender Powerfrau, Und natürlich wollte ich das!
So viel Furcht zu haben. Davor, ein mich darum zu kümmern, könnte mich gefährden. Angst davor, das, was mich immer wieder so runter reißen konnte, wirklich anzuschauen, weil ich es vielleicht gar nicht aushalten könnte.
Ja, ich verstehe die Angst. Gut sogar. Auch eure.
Selbst als ich, fast vierzig geworden, endlich meine erste Therapie machte, weil ich klären wollte, weshalb ich so ein (un)geschicktes Händchen bei der Auswahl meiner Männer bewies. Weshalb ich selbst in Beziehungen, die doch von Liebe, Geborgenheit und Vertrauen erfüllt sein sollten, kaum Vertrauen halten konnte, dafür mir so unglaublich vieles an Unerträglichem bieten ließ …
Die Therapeutin gab mir gen Ende der Behandlung die Anregung, mich mal näher mit der Frage von Missbrauch, von sexuellem Missbrauch zu beschäftigen. Ich fand das nicht gut … ließ es lieber, verdrängte diesen Rat schnell wieder aus meiner Wahrnehmung.
So etwas schließlich wollte ich nicht sehen und nicht wahrhaben, denn im Grunde fand ich mein Leben auch so schon absolut anstrengend genug.
Lieber flüchtete ich wieder zurück in die so sehr für Inzestopfer typische Verleugnung – in exakt die Art von Verleugnung, in der auch ihr jetzt steckt. In die Überzeugung, dass es andere und „bessere Gründe“ für meine oft dramatischen Probleme und sogar für meine jetzt erfolgte Offenheit geben müsse.
Sogar die wenigen ja durchaus vorhandenen Erinnerungen, die ich hatte, wollte ich auch nicht zum Anlass nehmen, über „so was“ nachzudenken, auch „so was“ womöglich noch handhaben müssen. Ich fand den Rest schon schwer genug.
Erst sieben Jahre später, viele ganz bittere Leiden und Schmerzen später, versuchte ich es noch einmal, wieder hoffend, bei einer anderen Therapeutin doch andere, eher aushaltbarere Ursachen zu finden. Solche, die ich schnell und erfolgreich abarbeiten und lösen könnte.
Dieses Mal aber wurde es unausweichlich, mich dem zu stellen, was ich doch durchaus immer, wenn auch nur unbewusst längst wusste, aber nicht haben wollte. Denn in heftigen Flash Backs zeigten sich diverse Puzzlesteine, deren Bedeutung ich einfach nicht mehr negieren konnte. Zumal sie sich so lockerleicht, so mühelos in stets vorhandene Erinnerungen und klares Wissen einfügten, sie ergänzten, sie endlich plausibler machten. Weil sie so klar und eindeutig waren.
Was ich jedoch lange, im höchsten Maße dissoziationsfähig – eine überlebensnotwendige Fähigkeit für misshandelte und sexuell missbrauchte Kinder und zugleich, als dysfunktionales Verhalten, im Erwachsenenleben oft fatal – unglaublich gut habe abspalten können.
Mich dem dann endlich doch zu stellen, hat mich wirklich außerordentlich viel an Kraft gekostet. Hat mir zeitweise komplett den Boden unter den Füssen weggezogen, mich in eine kaum noch aushaltbare Trauer, eine tiefe Verzweiflung, in heftige Schmerzen geworfen, die fast nicht mehr zu ertragen waren.
Mich plötzlich in eine völlig unangebrachte, aber ebenfalls ganz opfertypische Empfindungen von Scham und Schuld gestürzt. In das Gefühl, jeder Mensch, dem ich begegnete, sehe, welch eine wertlose, zutiefst entwertete Frau ich doch war.
Weil … ich wurde missbraucht!
Auf Fotos aus dieser Zeit kann ich mich noch heute nicht betrachten, ohne sofort, vor Mitgefühl mit mir selbst, in Tränen auszubrechen. Denn ich sehe einer Frau in das abgebildete Gesicht, der Angst, Schmerz, Trauer und Unverständnis so überdeutlich ins Gesicht ge-schrieben stehen, wie einem seit Jahren immer nur gemein geprügelten Hund, der nicht versteht, was ihm geschieht, liebt er doch den/die Täter!
Auch jetzt, wenn ich diese Sätze schreibe, kommen mir die Tränen, spüre ich wieder all das Leid eines kleinen Mädchens. Zugleich das Leiden der Frau, die all das plötzlich nicht mehr unter der dicken Schicht der Dissoziation verstecken kann, weil sie nicht mehr die Kraft hat, immer nur gegen etwas anzukämpfen, was sie nicht wahrhaben will. Verdrängen, obwohl es doch war, obwohl es ihre frühe, prägende Kindheit war.
Auch jetzt fühlt sich mein Körper in Anbetracht eurer (Nicht)Reaktionen oft wieder an, als hätte ich ein glühendes Schwert durch die Kehle in den Bauch herunter bis in den Unterleib gerammt bekommen. Dieses Gefühl bin ich in den letzten Jahren so langsam losgeworden. Immer öfter und länger anhaltend sogar. Mir ein weiteres Überleben ermöglichend.
Es war manchmal auch dann verschwunden, wenn ich mich von meinen Pferden tragen und wiegen ließ, wenn ich, meinen Hund im Arm, auf dem Sofa lag und der so klar seine bedingungslose Liebe zu mir vermittelte. Liebe, die mir so fehlte. Erträglicher auch, wenn liebe Menschen meiner Umgebung mir zeigten, wie viel ich ihnen bedeute, wie wundervoll und einfach toll sie mich finden.
Bei meiner Herkunftsfamilie, bei der ich es immer noch gesucht habe, gab es das in dieser so langen Phase nach der Rückkehr von immer mehr Erinnerung selten – eher im Gegenteil. So sehr ich noch immer dort nach Liebe suchte, ich habe viel zu oft wieder dieses elende und peinigende Schwert im Leibe gefühlt – jedenfalls dann, wenn wir uns als Clan irgendwo getroffen haben.
