Silvia-Duett - Folge 15 - Isa Halberg - E-Book

Silvia-Duett - Folge 15 E-Book

Isa Halberg

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Beschreibung

Tränen in den Flitterwochen. Karina spürt Hendriks Lippen noch auf den ihren. Ihre Wangen brennen, ihr Herz flattert - ja, Amors Pfeile sitzen genau da, wo man sie nicht mehr herausziehen kann ... Während die junge Frau immer wieder an die zärtlichen Liebesstunden mit Hendrik von Bernach und an seinen romantischen Heiratsantrag denkt, geht der junge Freiherr in seiner Wohnung nervös auf und ab. Sein Gesicht ist voller Sorge, und sicher wäre Karina sehr beunruhigt, wenn sie ihn so grüblerisch sehen würde. Aber dass Hendrik ein quälendes Geheimnis vor ihr verbirgt, soll Karina erst nach der Hochzeit erkennen, und schon in den Flitterwochen weint sie bittere Tränen ... Hoffnungslos verliebt Marc Weigand kann nur den Kopf schütteln. Er hat wirklich reichlich Erfahrung mit Frauen, aber eine wie diese Christine von Lessem ist ihm noch nie untergekommen. Mit seiner Hände Arbeit soll er fünftausend Euro verdienen! Erst dann sei sie bereit, seine Einladung zu einem Abendessen anzunehmen. Das ist dem erfolgsgewohnten Mann noch nie passiert: Eine Frau, die ganz offen zugibt, dass sie ihn höchst sympathisch findet, und die ihn dennoch vehement ablehnt - wegen seines Geldes. Als wäre er ein Gauner! Dabei ist er nur reich, sehr reich allerdings. Aber zum ersten Mal im Leben hat er ein Problem damit - ein bildhübsches Problem namens Christine ...

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Seitenzahl: 227

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Inhalt

Cover

Impressum

Tränen in den Flitterwochen

Hoffnungslos verliebt

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock / Anton Zabielskyi shutterstock / Kostiantyn

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-1641-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Tränen in den Flitterwochen

Karina spürt Hendriks Lippen noch auf den ihren. Ihre Wangen brennen, ihr Herz flattert – ja, Amors Pfeile sitzen genau da, wo man sie nicht mehr herausziehen kann …

Während die junge Frau immer wieder an die zärtlichen Liebesstunden mit Hendrik von Bernach und an seinen romantischen Heiratsantrag denkt, geht der junge Freiherr in seiner Wohnung nervös auf und ab. Sein Gesicht ist voller Sorge, und sicher wäre Karina sehr beunruhigt, wenn sie ihn so grüblerisch sehen würde. Aber dass Hendrik ein quälendes Geheimnis vor ihr verbirgt, soll Karina erst nach der Hochzeit erkennen, und schon in den Flitterwochen weint sie bittere Tränen …

Es war ein betriebsamer Vormittag in der historischen Neckarstadt Tübingen. Man schrieb zwar erst Mitte März, aber das Wetter verwöhnte die Menschen mit viel Sonne und frühlingshaften, milden Temperaturen. Die Straßencafés hatten bereits geöffnet, in den Modegeschäften lockten die Modelle der neuen Saison, und am Marktplatz wurden bunte Primeln und Stiefmütterchen verkauft.

Vor dem Buchgeschäft »Gerber«, das in einem entzückenden alten Fachwerkhaus am Neckar auf zwei Etagen Lesestoff für jeden Geschmack bot, rückte Karina die große Terrakotta-Schale mit Frühlingsblumen zur Seite. Die Kunden sollten schließlich bequem durch die Tür hereinspazieren können!

Markus Gerber, dem das Fachgeschäft gehörte, kümmerte sich drinnen gerade um eine ältere Dame, die nach spannenden Reiseberichten suchte.

»Ich bin in meinem Leben leider nicht sehr weit herumgekommen«, meinte sie. »Von Tübingen bis nach Meran und wieder zurück, das war schon das Höchste. Mein Mann hasste Reisen jeder Art, und jetzt, nachdem er verstorben ist, will ich auch nicht mehr fort. Nun möchte ich die fremden Länder auf andere Weise kennenlernen. Filme oder Videos möchte ich mir nicht ansehen, ich lese lieber. Es geht nichts über ein gutes Buch. Bücher können echte Freunde sein, sage ich immer!«

»Es freut mich, dass Sie so denken. Und welche Länder bevorzugen Sie?«, fragte der junge Buchhändler, der mit seinen dreißig Jahren sehr mutig den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt hatte.

»Je weiter weg, desto besser«, bekam er zur Antwort. China, Australien, Neuseeland und sogar die Antarktis interessierten die Kundin, aber auch der afrikanische Kontinent und Südamerika.

Karina Sendler, die ihren Jugendfreund Markus in seinem neu gegründeten Geschäft tatkräftig unterstützte, beobachtete lächelnd, wie er der Dame im dunkelblauen Kostüm mehrere Bände vorlegte.

Die hübsche, siebenundzwanzigjährige Karina mit dem samtbraunen Haar hatte Literaturwissenschaft studiert. Sie war sich noch nicht sicher, für welchen Weg sie sich in der Zukunft entscheiden sollte.

Es gab viele Möglichkeiten, angefangen von der hochinteressanten Arbeit in einem Verlag, bis zu einer Dozentenstelle in einer Uni. Vorläufig kam ihr die Arbeit in dem geschmackvoll eingerichteten Buchladen gerade recht, und Markus war ihr für seine Hilfe sehr dankbar. Karinas Sachkenntnis, ihre Freundlichkeit und ihr Charme waren für viele Kunden ein Grund, das Geschäft in dem schönen Fachwerkhaus immer wieder aufzusuchen.

Aushilfsweise erschien an drei Tagen pro Woche von halb neun bis vier Uhr nachmittags die fleißige Gabi Winter, die früher in einer Bibliothek gearbeitet hatte. Seit zwei Jahren war sie verheiratet, aber es kriselte stark in der jungen Ehe. Meistens hatte sie verweinte Augen und musste mit viel Make-up nachhelfen, damit man ihr im Geschäft den Kummer nicht ansah.

Heute kam Gabi nicht, obwohl man sie dringend gebraucht hätte. Mehrere Kartons mit Neuerscheinungen waren eingetroffen, im Büro häuften sich die Abrechnungen, und außerdem gaben sich die Kunden regelrecht die Klinke in die Hand.

Einige wussten genau, was sie wollten, andere wiederum brauchten eine sehr genaue Beratung. Markus hatte von seinem Vater, der ebenfalls lange als Buchhändler tätig gewesen war, einen sehr klugen Satz übernommen: »Bücher kaufen ist Vertrauenssache.« Nach diesem Grundsatz handelte Markus auch in seinem Laden.

Inzwischen verließ die reisebegeisterte Dame mit einem Bücherpaket zufrieden das Geschäft und stieg draußen in ein wartendes Taxi. Karina wandte sich an einen gut aussehenden, jungen Mann, der unentschlossen vor einem der Regale stand.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie höflich.

Er drehte sich zu ihr um, und sie sah geradewegs in seine graublauen Augen. Sekundenlang tauchten ihre Blicke ineinander.

»Ja, ich weiß wirklich nicht, was ich nehmen soll«, gab der Kunde schließlich zu. »In der letzten Zeit bin ich wenig zum Lesen gekommen, und ich habe keine Ahnung, was im Moment aktuell ist.«

»Möchten Sie denn eine Neuerscheinung oder lieber einen sogenannten Klassiker?«, erkundigte sich Karina.

»Wenn ich das wüsste.« Er seufzte. »Mir ist eigentlich nur klar, dass ich ein faszinierendes Buch haben möchte. Es soll mich ablenken. Sicherlich kennen Sie ja auch Situationen, in denen man viel nachdenkt und nebenbei noch jede Menge Stress hat.«

»Natürlich«, erwiderte sie liebenswürdig. »Ein Buch kann helfen, diesen Stress abzubauen. Sie lesen einige Kapitel und stellen fest, dass es Ihnen schwerfällt, das Buch wieder aus der Hand zu legen. Das ist der Moment, in dem Sie sich entspannen! Das Buch führt Sie in eine andere Welt, und Sie möchten unbedingt wissen, wie es weitergeht.«

»Dann empfehlen Sie mir bitte so ein Buch!«, meinte der Kunde lächelnd.

Karina musterte ihn verstohlen aus den Augenwinkeln, denn es sollte ihm natürlich nicht auffallen, dass er ihr gefiel.

Ob ihm klar war, wie gut er in seinem hellen Designeranzug aussah? Über dem Arm trug er einen leichten Trenchcoat, und in der Hand hielt er eine Sonnenbrille.

»Wenn es ein bisschen ins Fantastische gehen darf, rate ich Ihnen zu dem neuesten Werk von Dave Fletcher. Er ist ein sehr bekannter englischer Autor«, sagte Karina. »Der Titel ist ›Sternenflug‹. Es handelt von einem Mann, der sich in ein ungewöhnliches Mädchen verliebt und wunderbare, aber auch unerklärliche Dinge erlebt. Mehr möchte ich nicht verraten.«

»Es ist also ein Liebesroman?«

»Ja, aber es geht nicht nur um Liebe. Das Buch besteht aus mehreren Komponenten. Lassen Sie sich überraschen!«

»Gern. Ich bin sicher, Sie haben das Richtige für mich ausgewählt.«

An der Kasse schien er sich wenig später absichtlich mit dem Bezahlen Zeit zu lassen.

»Sind Sie geschäftlich in Tübingen?«, fragte Karina, weil er anscheinend darauf wartete, dass sie noch irgendetwas sagte.

»Nein, im Gegenteil. Ich habe hier studiert und bin vor ein paar Tagen angekommen, um mich hier mit meinen Studienkollegen zu treffen«, gab er Auskunft. »Zum letzten Mal war ich vor zwei Jahren in der Stadt. Da habe ich dieses Geschäft noch nicht gesehen.«

»Herr Gerber hat den Laden in diesem Fachwerkhaus erst vor einem Jahr eröffnet.«

»Das Haus kenne ich gut.« Der Fremde nickte. »Früher war hier ein Café mit Weinstube. Wir Studenten haben uns gern und oft auf einen Rotwein hier getroffen.«

»Ja, ich bin auch ab und zu in der ›Neckarstube‹ gewesen«, entgegnete Karina. »Ich stamme aus Tübingen, daher kenne ich das Lokal gut. Studiert habe ich allerdings in Hamburg und Berlin. Die ›Neckarstube‹ gibt es übrigens immer noch.«

Das schien ihn sichtlich zu freuen. »Ach ja? Und wo?«

»In der Nähe des Schlosses in einem größeren Haus, das sogar unter Denkmalsschutz steht«, erklärte die junge Frau. »Die Besitzer wollten ein wenig mehr Platz für ihr Lokal haben. Schauen Sie doch einfach mal vorbei.«

Nun gab es wirklich nichts mehr zu sagen, und der Kunde verließ das Geschäft.

»Du hast ja ganz schön mit diesem arroganten Wichtigtuer geflirtet«, murmelte Markus Gerber, dem die Eifersucht ins Gesicht geschrieben stand. »Musste das sein, Kari?«

Eigentlich mochte sie es nicht, wenn Markus sie »Kari« nannte, aber so hatte er sie schon immer angesprochen. Es hatte keinen Sinn, ihn darauf hinzuweisen, denn er war sehr beharrlich in seinen Gewohnheiten.

Was Karina an Markus Gerber jedoch wirklich störte, war seine Eifersucht. Sie wusste, dass er sich vor einiger Zeit plötzlich in sie verliebt hatte – er behauptete es jedenfalls – während ihre eigenen Gefühle freundschaftlich geblieben waren.

Als Kinder waren sie in unmittelbarer Nachbarschaft aufgewachsen, und im Teenager-Alter hatten sie miteinander vieles unternommen: Ausflüge, Disco-Besuche und alles, was Jugendlichen in diesem Alter gefällt.

Lange war es auf beiden Seiten nur Freundschaft gewesen, geprägt von Vertrauen und gegenseitiger Hilfsbereitschaft.

Warum Markus sich aber seit einiger Zeit in den Kopf gesetzt hatte, Karina sogar mit einem Ring an sich zu binden, blieb unklar. Es war wohl so, dass es ihm praktisch erschien, aus Freundschaft Liebe werden zu lassen. Insgeheim befürchtete er anscheinend, sie könne ihn und sein Geschäft verlassen, um neue Wege zu gehen.

Karina sah sich um. Zum Glück war der Laden für einen Augenblick leer, nur draußen vor den Schaufenstern standen einige Leute und betrachteten die Auslagen.

»Markus, jetzt werde ich richtig wütend«, wies sie ihn ärgerlich zurecht. »Wir beide haben eine Abmachung. Du akzeptierst, dass wir beide Freunde sind und kein Liebespaar, und ich komme jeden Tag ins Geschäft. Bis auf Weiteres übrigens, denn ich habe dir von Anfang an gesagt, dass sich die Dinge auch einmal ändern können.«

»Ich wünsche mir, dass du für immer bleibst, Kari.«

Sie seufzte. »Das wird auf keinen Fall möglich sein. Trotzdem bleiben wir Freunde, Markus. Allerdings wird es Streit geben, wenn du harmlose Kunden als arrogante Wichtigtuer bezeichnest. Und noch etwas: Falls ich wirklich einmal ein bisschen flirte, dann ist das meine Sache. Findest du nicht auch? Man ist doch schließlich nicht aus Stein!«

»Mit anderen Worten, dieser Schnösel hat dir gefallen!«

»Ja, das hat er. Ein Schnösel war er nicht. Wahrscheinlich werden wir ihn sogar wiedersehen, denn mir fällt gerade auf, dass er seine Sonnenbrille vergessen hat!«

»Na, das sagt schon alles«, meinte Markus resigniert. »Die Brille hat er doch absichtlich vergessen, darauf verwette ich Kopf und Kragen. Dieser Mann hat dich angestarrt, als wärst du gerade vom Himmel gefallen. Er will einen Grund haben, um wiederzukommen.«

»Unsinn. Dann könnte er auch noch ein Buch kaufen.«

»Klar. Das wird er wahrscheinlich auch noch tun. Brille liegen lassen, noch ein Buch kaufen. Doppelt genäht hält besser. Du wirst schon sehen.«

»Markus, du spinnst!« Sie lachte und sah auf die Uhr. »Du, ich gehe jetzt in die Mittagspause. In einer Dreiviertelstunde bin ich zurück.«

Böse sein konnte Karina ihrem Freund nicht. Schließlich hatte sie ihn ja schon gekannt, als er ein frecher Bengel von neun Jahren gewesen war, der über ihren Pferdeschwanz gekichert hatte.

»Du siehst aus wie ein Pony! Und du trampelst auch so durch die Gegend!« Noch heute erinnerte sich Karina an diese Worte.

Kaum war Markus mit seinen Eltern und seiner kleinen, erst dreijährigen Schwester Anna in der Nachbarschaft eingezogen, da hatte er die »Kari« von nebenan auch schon gehänselt. Und wenn er aus Gründen der Wiedergutmachung nicht mit Friedensangeboten wie Gummibärchen und bunten Schokolinsen bei ihr aufgetaucht wäre, hätten sich Karina und er bestimmt ernsthaft in die Wolle bekommen.

Anna Gerber, die kleine Schwester, war heute vierundzwanzig und verlobt. Sie erschien zuweilen im Geschäft ihres Bruders und fand, das sei alles viel zu anstrengend.

Anna hatte sich nach dem Schulabschluss ein bisschen in der Modebranche umgesehen und mal hier, mal da ihr hübsches Näschen hineingesteckt. Zurzeit pausierte sie, weil ihr vermögender Verlobter nur hin und wieder in der väterlichen Firma ein paar Briefe unterschrieb und ansonsten lieber mit seinem hübschen »Mäuschen« verreiste.

Leute gibt’s, dachte Karina, als sie durch den Sonnenschein spazierte.

Am Markt kaufte sie einen bunten Blumenstrauß, aß in der »Pizzeria Venezia« Spaghetti Napoli und gönnte sich als Nachtisch noch einen Cappuccino mit lockerem Milchschaum. Tonio, der Besitzer, siebte ihr höchstpersönlich ein Kakaoherz auf die weiße Wolke.

Das Leben konnte so schön sein!

Nur manchmal fühlte sich Karina, die bisher auf der Sonnenseite des Lebens gestanden hatte, ein wenig traurig. Seitdem ihre Eltern, an denen sie sehr hing, in eine Seniorenresidenz auf Mallorca umgezogen waren, vermisste sie die sogenannte Nestwärme.

Es tat eben gut, immer noch in gewisser Weise das Kind zu sein, auch wenn man längst erwachsen und in jeder Beziehung selbstständig war.

Aber ihre Eltern hatten sich diesen Altersruhesitz so sehr gewünscht, dass man ihnen die Freude einfach gönnen musste! Und außerdem war die spanische Insel ja nicht aus der Welt.

Der restliche Tag ging schnell vorbei. Um halb sieben schloss die Buchhandlung. Markus wollte Karina unbedingt zum Essen zu sich nach Hause einladen, denn er hatte verschiedene Delikatessen eingekauft. Aber sie lehnte ab.

»Ich habe heute meinen Wellness-Abend«, sagte sie. »Lavendelbad, Duftöle, Tee, leise Musik. Ich freue mich schon darauf.«

»So etwas kann man auch zu zweit genießen.«

»Markus! Fängst du schon wieder an?«

»Ja, ja, ich sage nichts mehr.« Er spielte den Gekränkten. »Dann bade in deinem Lavendel, so viel du willst, Kari. Wir sehen uns morgen.«

»Wie immer gegen halb neun. Mach es dir gemütlich bei dir zu Hause!«, empfahl sie ihm. »Wie wäre es, wenn du Gabi Winter mal zu dir einladen würdest? Ihre Ehe ist doch auf dem Nullpunkt, die Ärmste leidet nur noch. Wer weiß, ob ihr Mann überhaupt noch im gemeinsamen Eigenheim wohnt.«

»Den Seelentröster gebe ich nicht ab«, murrte Markus Gerber, stieg in sein Auto und fuhr davon, ohne sich auch nur im Geringsten seinem erträumten Ziel genähert zu haben.

***

Hendrik lächelte, als er das Buch beiseitelegte. Es war weit nach Mitternacht, und er hatte seit mittags ununterbrochen gelesen.

Die hübsche Braunhaarige hat genau meinen Geschmack getroffen, dachte er.

Aus diesem Buch hatte er einiges gelernt. Der englische Autor war dafür bekannt, den Lesern Botschaften zu hinterlassen.

Dieses Mal lautete seine Botschaft: »Die Welt eines jeden verändert sich auf wunderbare Weise, wenn man nur den richtigen Menschen trifft. Harmonie und Übereinstimmung sind die Zauberworte. Dann ist alles möglich. Liebe ist wie Magie. Man kann zu den Sternen fliegen, unterwegs jedes gewünschte Ziel anpeilen und wieder in den Alltag zurückkehren, wenn es sein muss … Auch das ganz normale Leben ist voller großer und kleiner Wunder, wenn man liebt.«

Es wäre traumhaft, wenn man einen Flug zu den Sternen unternehmen könnte, grübelte Hendrik.

Er stand auf, durchquerte mit ein paar Schritten das kleine Zimmer und öffnete eine Flasche Rotwein, einen leichten, württembergischen Burgunder mit mildem Bukett. Ein paar Schlucke würden ihm jetzt guttun.

Die kleine Wohnung in der Nähe der spätgotischen Tübinger Stadtpfarrkirche hatte Hendrik nach Beendigung seines Studiums behalten. Zwei Zimmer, ein etwas altmodisches Bad, eine Kochzeile. Frau Häfele, der die Wohnung in dem handtuchschmalen Häuschen gehörte, hatte dem netten jungen Mann das kleine Appartement nur allzu gern verkauft, als nach der vereinbarten Mietzeit die Rede darauf gekommen war. Mit dem Geld hatte er ja nicht geknausert, weshalb dann also Nein sagen?

Im Parterre gab es ein winziges Lädchen, in dem sie ein paar Antiquitäten verkaufte, meistens nur noch an zwei, drei Tagen pro Woche. Ihr wäre es recht gewesen, wenn sie den altmodischen Laden mit den knarrenden Dielen und den staubigen Regalen auch noch losgeworden wäre.

Das winzige, verwinkelte Stadthaus war der sparsamen Frau Häfele zur Last geworden, denn ständig gab es etwas auszubessern, und das war ärgerlich und kostete bares Geld. Sie selbst hatte nie darin gewohnt, Gott bewahre, es war das Eigentum ihrer Großeltern gewesen. Frau Häfele lebte mit ihrem Mann in einem schmucken Einfamilienhaus am Stadtrand.

Hendrik trank einen Schluck Wein und erinnerte sich amüsiert daran, wie verblüfft Frau Häfele ihn angestarrt hatte, als er vor ein paar Tagen in Tübingen eingetroffen war.

»Ja, dass Sie auch wieder einmal kommen, Hendrik, das ist aber eine Freude!« Die kleine Wohnung putzte sie immer umsonst, damit alles sauber war, wenn er überraschend in Tübingen auftauchte.

Der junge Mann hing an der romantischen, alten Neckarstadt, seitdem er dort zum ersten Mal die Universität betreten hatte.

Hendrik blickte zum Fenster hinaus. Er war müde, aber einschlafen konnte er nicht. Das kam nicht zum ersten Mal vor. Ungewöhnlich war es schon für einen Mann von vierunddreißig Jahren, dass er nachts schlaflos herumwanderte. Hendrik wollte jedoch nicht mehr darüber nachdenken.

Krank war er nicht, sein Arzt hatte ihm gute Gesundheit bescheinigt. In den letzten Monaten war ihm die Arbeit über den Kopf gewachsen, aber das war nicht der Grund für seine nächtliche Unruhe.

Die Zeit in Tübingen wollte er jedenfalls genießen. Gleich morgen würde er wieder in die Buchhandlung »Gerber« gehen, um erstens seine Sonnenbrille abzuholen und zweitens ein weiteres Buch zu kaufen. Und natürlich musste er die junge Frau mit dem wunderbaren, braunen Haar und den blauen Augen fragen, ob sie mit ihm am Abend essen gehen würde.

Hendrik wollte es wagen, obwohl er mit einer Abfuhr rechnen musste. Eine so bezaubernde und obendrein kluge Frau ließ sich nicht im Sturm erobern. Er hatte sofort gemerkt, dass sie etwas Besonderes war. Ein mädchenhaftes Geschöpf mit Charme und Grazie, das dennoch mit beiden Beinen auf der Erde stand. Aber vielleicht wäre mit diesem Engel auch ein Flug zu den Sternen möglich?

Während Hendrik noch darüber nachdachte, wurde er schließlich doch müde. Der letzte Schluck Trollinger Rotwein blieb im Glas.

Der junge Mann zog die Decke bis zum Kinn und nahm sich vor, einmal wieder etwas wirklich Angenehmes zu träumen. Ob sich Träume steuern ließen, wusste er nicht, aber wenn ja, dann würde er an die Fee aus dem Buchladen denken …

Wie mochte sie wohl heißen? Feen hatten ja immer schöne, ungewöhnliche Namen …

***

Karina stand am nächsten Morgen wie immer um halb acht auf.

Sie versorgte ihre Katze Lilly, stopfte die Wäsche in die Maschine und spülte rasch das Geschirr. Im Bad und im Wohnzimmer duftete es wunderbar nach Lavendel, nach Rosen und nach Ylang-Ylang. Der Wellness-Abend hatte zarte Spuren hinterlassen.

Karina beeilte sich. Sie hatte sich vorgenommen, heute ausgiebig zu frühstücken, und dazu gehörten frische Brötchen. Die bekam sie in der Bäckerei »Stemmer«, die zu Fuß drei Minuten von ihrer Wohnung entfernt war.

Die Etage, in der sie seit dem Umzug ihrer Eltern zu Hause war, lag im obersten Stock eines gepflegten Mietshauses. Es war wie so viele Häuser in Tübingen ebenfalls im Fachwerk-Stil erbaut, aber von Grund auf saniert und mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet. Karina liebte es, abends vom Balkon aus zur alten Pfarrkirche hinüberzublicken und sich an den vielen Lichtern zu erfreuen, die ringsherum aufleuchteten.

Lilly maunzte leise und anklagend.

Sie wusste, dass Frauchen nun bald zur Arbeit gehen würde. Aber Margit Steiner, Karinas nette Nachbarin, hatte ein Herz für Katzen und kümmerte sich während ihrer Abwesenheit um den kleinen Stubentiger.

Lilly wünschte sich dennoch nichts sehnlicher, als Karina jeden Tag von früh bis spät um sich zu haben. Denn Lilly war das, was man gemeinhin als Schmusekatze bezeichnet. Sie wollte gestreichelt und verwöhnt werden.

Kleine Ausflüge in den Garten hinter dem Haus standen zwar auf ihrem Tagesprogramm, aber gefährliche Unternehmungen waren nicht nach ihrem Geschmack. Lilly scheute sich, auf die große Platane hinter dem Haus zu klettern, obwohl andere Katzen in zwei Sätzen oben waren. Die hatten eben vor gar nichts Angst!

Das Wetter versprach, auch am heutigen Tag sehr mild und sonnig zu werden. In einem weißen Rock und rot getupfter Bluse auf ebenfalls weißem Grund sah Karina aus wie der junge Frühling.

Sie schnappte sich ihren Einkaufskorb, um im Obstgeschäft neben der Bäckerei gleich noch ein paar vitaminreiche Leckereien zu kaufen. Vielleicht schaffte sie es sogar, ein paar Dosen Katzenfutter und ein neues Spielbällchen für Lilly zu besorgen.

Im Bäckerladen kaufte an diesem Morgen anscheinend das ganze Viertel ein. Es war voll, so voll wie nie!

Karina flitzte ins Obstgeschäft, eilte im Laufschritt in den Drogeriemarkt gegenüber und kaufte Lillys Lieblingsfutter samt Bällchen.

Als sie wieder in der Bäckerei »Stemmer« ankam, waren zum Glück nur noch drei Kunden vor ihr an der Reihe. Der Erste trug einen hellen Pullover, stand direkt vor dem Verkaufstresen und verlangte drei Brötchen, ein Mehrkornbrot und zwei Rosinenschnecken mit extra viel Zuckerguss.

Die Stimme kannte sie doch!

»Bitte schön, Herr von Bernach«, rief Frau Stemmer beflissen. »Einen schönen Tag noch! Sie schauen doch morgen wieder herein, nicht wahr? Wir hätten dann nämlich frische Blätterteighörnchen im Angebot. Auf Wiedersehen!«

Frau Stemmer bediente die Kunden seit zwanzig Jahren. So lange gab es die Bäckerei, in der ihr Mann inzwischen fünf Angestellte beschäftigte.

Karina blieb wie angewurzelt stehen, als der Mann im weißen Pullover an ihr vorbeiging. Auch er stutzte und ließ fast seine Tüte fallen.

»Na, so was«, sagte er völlig überrascht. »Die Bücherfee! Alles hätte ich an diesem Morgen erwartet, nur nicht, dass ich Sie in der Bäckerei um die Ecke antreffe!«

»Ich wohne ganz in der Nähe«, erwiderte Karina. »Guten Morgen, Herr von Bernach. Sie haben einen sehr klangvollen Namen. Habe ich es mit einem blaublütigen Edelmann zu tun?«

Er lachte schallend, und die restlichen Kunden, unter anderem zwei junge Frauen, sahen sich nach ihm um. Die beiden lächelten entzückt. Jemand, der so herzlich lachen konnte, musste ein sympathischer Mensch sein. Und dazu sah dieser große, breitschultrige Mann auch noch umwerfend gut aus!

»Ich warte draußen, schöne Fee«, sagte er im Flüsterton. »Anscheinend errege ich hier drinnen zu viel Aufsehen, und das möchte ich nicht. Es ist mir peinlich. Nur ganz schnell: Wie heißen Sie?«

»Karina Sendler.«

»Karina. Ich wusste, dass Sie einen außergewöhnlich schönen Namen haben würden!«

Sie kaufte ihre Brötchen und eine Tüte mit Stemmers unübertrefflichen Butterkeksen, die Markus so gerne aß. Er freute sich immer, wenn Karina welche ins Geschäft mitbrachte.

Draußen erwartete sie tatsächlich Herr von Bernach.

»Mein Vorname ist übrigens Hendrik«, ergänzte er. »Ich habe gestern meine Sonnenbrille bei Ihnen vergessen. Ist es Ihnen recht, wenn ich im Laufe des Vormittags außerdem noch ein zweites Buch kaufe? Vielleicht auch ein Drittes oder Viertes?«

»Natürlich, wir sind ja eine Buchhandlung«, meinte sie schlagfertig. »Ihre Sonnenbrille liegt im Fach unter der Kasse. Übrigens, ich war fest davon überzeugt, dass Sie hier in Tübingen in einem Hotel wohnen.«

»Nein, denn ich habe meine Studentenbude behalten«, erzählte er. »Zwei Zimmer, die man eher als Kammern bezeichnen müsste. Im Häuschen von Frau Häfele. Unten gibt es zurzeit noch Antiquitäten zu kaufen. Na ja, was man so Antiquitäten nennt. Die Sachen erinnern mich ein bisschen an einen Flohmarktstand.«

»Ach, das Haus kenne ich!«, rief Karina. »Sie können sicher auf den Turm der Pfarrkirche sehen. Ich übrigens auch, nur von der anderen Seite aus. Lange wohne ich noch nicht mitten in der Stadt, vorher habe ich im Haus meiner Eltern im Grünen gewohnt. Aber hier gefällt es mir richtig gut. Nun verraten Sie mir aber noch, was das ›von‹ in Ihrem Namen zu bedeuten hat!«

»Nichts Besonderes. Meine Vorfahren durften sich Freiherren nennen. Na ja, und ich auch. Einfacher Landadel eben.« Hendrik lachte erneut. »Glauben Sie bitte nicht, dass ich irgendwelche Vorzüge genieße. Ich arbeite viel und gönne mir nur ab und zu ein kleines Extra. Dass ich jetzt hier bin, ist so ein Bonbon! Tübingen ist mir ans Herz gewachsen. Meine Studentenjahre waren genauso, wie man es sich immer vorstellt. Überwiegend heiter, zum Teil richtig ausgelassen, wenn man von den Klausuren absieht. Da wurde es dann manchmal sehr ernst.«

»Ich bin in Tübingen geboren«, gab Karina zurück. »Eine richtige Neckarschwalbe bin ich schon als Kind gewesen, und das werde ich auch dann bleiben, wenn ich irgendwann einmal woanders lebe. Hier ist nun mal meine Heimat. Aber jetzt muss ich los. Genießen Sie Ihr Frühstück. Bis nachher!«

Eigentlich hatte Hendrik ihr ein gemeinsames Frühstück vorschlagen wollen. Aber vielleicht wäre das unpassend gewesen. Wie auch immer, sie war verschwunden, und ihm blieb nur noch der Weg in die Buchhandlung, wenn er sie wiedersehen wollte.

Was für eine entzückende Frau!

Geistesabwesend brühte Hendrik Kaffee auf und biss in eine Rosinenschnecke. Dieses köstliche Gebäck hatte er schon bei Frau Stemmer gekauft, als er noch Student gewesen war.

Der Kaffee war so heiß, dass er sich fast den Mund verbrannte. – Au! Das tat richtig weh. Zum Trost erwiesen sich jedoch die beiden Hefeschnecken heute Morgen als extra süß und üppig, sodass er danach die Brötchen liegen ließ.

Um ehrlich zu sein, sein Hunger war auch nicht so groß. Hendrik musste über sich selbst lächeln, weil er ein bisschen aufgeregt war.

Karina! Dieser Name hörte sich so romantisch an …

Es gab einen alten Schlager, in dem ein Mädchen namens Marina besungen wurde, den dichtete Hendrik jetzt um.

Natürlich drehte es sich in dem Text um die Liebe, wie meistens in solchen Liedern. Aber es war ein Song mit einer eingängigen Melodie, Hendrik summte sie noch vor sich hin, als er zu einem Stadtbummel aufbrach.

***

»Ich hoffe, dass dieser Mann nicht mehr auftaucht«, murrte Markus. »Er soll sich eine neue Sonnenbrille kaufen. Die Alte bringe ich ins Fundbüro, und basta!«

Der junge Buchhändler hatte einen einsamen Abend hinter sich. Seine etwas raue Art, die er im Privatleben an den Tag legte, entzückte die Frauen nicht gerade, und deshalb tat er sich schwer mit netten Bekanntschaften.

Während er seine Kundschaft liebenswürdig behandelte, zog er sich privat meistens zurück, klagte dann aber über das Alleinsein.

Dabei wusste er natürlich, dass nicht plötzlich eine Zauberfee vor der Tür stehen und ihm um den Hals fallen würde. Zauberfeen waren außerdem rar gesät, und für Markus gab es eigentlich auch nur eine einzige.

Was hätte er darum gegeben, Karinas Herz zu erobern! Aber dieses Kapitel musste er wohl als abgeschlossen betrachten. Oder hatte er doch noch ein paar Glückskarten bei ihr in petto?

Seine Laune besserte sich ein wenig, als Karina die Tüte mit den knusprigen Butterkeksen auspackte.

»Bitte sehr. Was ist los, Markus? Du bist schlecht gelaunt, und das an diesem wunderbaren Frühlingsmorgen! Bist du wieder mal ohne Frühstück aus dem Haus gegangen?«

Er stürzte sich auf die Kekse.

»So ist es. Die Zeit hat nur für eine Tasse Kaffee gereicht, und der war entsetzlich bitter. Ich hatte nämlich keinen Zucker mehr. Nicht ein Krümelchen! Und Kaffee ohne Zucker ist höllisch für mich.«

»Das tut mir leid, Markus.« Karina lächelte. »Du Ärmster! Was du aber auch alles erleiden und erdulden musst! Nimm dir ein paar Stück Würfelzucker aus dem Geschäft mit. Du könntest aber auch welchen kaufen, das geht ganz leicht! Den Supermarkt betreten, gewünschten Zucker aussuchen, an die Kasse gehen, zahlen. Was ist denn aus den delikaten Häppchen geworden, die du eigentlich für gestern Abend eingekauft hast?«

»Gar nichts. Sie liegen im Tiefkühlfach und sind völlig vereist. Du wolltest ja nicht kommen, und allein mochte ich sie nicht essen.«

»Du bist bedauernswert! Ich werde eine Anzeige aufgeben, Markus, mit folgendem Text: ›Welche Frau tröstet jungen, ehrgeizigen, gut aussehenden Buchhändler und hilft ihm, die Tücken des Alltags zu meistern?‹»

»Du hast gut reden«, wehrte Markus Gerber ab. »Wenn du wüsstest, wie einsam ich mich manchmal fühle, wärst du etwas einfühlsamer. Ach, da kommt ja unsere liebe Gabi Winter. Sie hätte sich allerdings gestern für ihr Fernbleiben ruhig entschuldigen können. Findest du nicht, Kari?«

»Sieh sie doch an«, erwiderte Karina leise. »Sie ist ganz blass. Es geht ihr nicht gut. Vielleicht hat sie sich wieder mit ihrem Mann gestritten.«

Gabi Winter war um die dreißig und im Grunde eine sehr hübsche und tüchtige junge Frau. Ihr blondes Haar hielt sie im Nacken mit einem zur Kleidung passenden Band zusammen, wodurch sie sehr jung und mädchenhaft wirkte.

Dass sie momentan nur noch ein Schatten ihrer selbst war, lag eindeutig an den Eheproblemen, mit denen sie sich nun schon eine ganze Weile herumplagen musste.