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Geraldine Friedmann, 29, lebt in Nürnberg und arbeitet bei einem Regionalblatt. Von ihrem Chef wird sie häufiger zum "Innendienst" verdonnert und an den Schreibtisch verbannt als ihre männlichen Kollegen, was ständig zum Streit führt. Sie beschließt darum, "DIE Story" zu liefern, am besten für die Titelseite der Printausgabe, um alle von ihrem Können und Spürsinn als Investigativ-Journalistin zu überzeugen.
In ihrer Lieblingskneipe, in der auch Zimmer an Touristen vermietet werden, brütet sie über Ideen für ihren Karrierepush. Dabei sieht sie einen Mann in der Ecke sitzen, der sich seltsam benimmt, als im TV ein Bericht über einen trickreichen Juwelenraub in Wien läuft. Der verdächtige Fremde bezahlt eilig und verschwindet nach oben in sein Zimmer.
Geraldine findet das sehr verdächtig und beschließt, den Mann aus der Reserve zu locken - jetzt braucht sie nur noch einen Plan, wie das gelingt ...
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Geraldine und der Juwelendieb aus Wien
Vorschau
Impressum
Geraldine und der Juwelendieb aus Wien
Eine allzu ehrgeizige Journalistin wittert die Story ihres Lebens
Von Rosa Sommer
Geraldine Friedmann, 29, lebt in Nürnberg und arbeitet bei einem Regionalblatt. Von ihrem Chef wird sie häufiger zum »Innendienst« verdonnert und an den Schreibtisch verbannt als ihre männlichen Kollegen, was ständig zum Streit führt. Sie beschließt darum, »DIE Story« zu liefern, am besten für die Titelseite der Printausgabe, um alle von ihrem Können und Spürsinn als Investigativ-Journalistin zu überzeugen.
In ihrer Lieblingskneipe brütet sie über Ideen für ihren Karrierepush. Dabei fällt ihr ein attraktiver Mann am Ecktisch auf, der seltsam nervös wird, als im TV ein Bericht über einen spektakulären Juwelenraub in Wien läuft. Der Fremde bezahlt eilig und verschwindet.
Geraldine findet das sehr verdächtig und wittert ihre große Story ...
Nervös fuhr sich Geraldine Friedmann mit gespreizten Fingern durchs Haar, während sie auf das Gespräch mit ihrem Chef beim »Nürnberger Boten« wartete. Sie hatte Gerhard Walter um diese Unterredung gebeten, weil sie endlich »von der Leine gelassen werden« und ihr Können als Journalistin voll unter Beweis stellen wollte.
Sie saß in der Zeitungsredaktion, in der sie seit ihrem Studienabschluss ein Jahr zuvor arbeitete, nämlich tagein und tagaus nur vor dem Computer und schrieb die Kulturbeilage inklusive »VIP-Flash«. Nebenbei verfasste sie die Horoskope und half hin und wieder ihrer Kollegin Selma aus, die für die Anzeigen und die Betreuung der Online-Ausgabe zuständig war. Die beiden Frauen hatten sich ein wenig miteinander angefreundet, auch wenn sie sich nur selten außerhalb des Büros trafen.
Geraldine pflegte allerdings auch zu den anderen Kollegen keinen Kontakt in ihrer Freizeit, weil es sich dabei fast ausschließlich um Männer handelte, die sie als jüngsten Neuzugang bei dem Regionalblatt immer noch wie eine Sekretärin behandelten. Sie legten ihr häufig handschriftliche Notizen und Interviews zum Abtippen auf den Schreibtisch und reduzierten die Sechsundzwanzigjährige darüber hinaus auf ihren Tätigkeitsbereich als »Klatschreporterin«. Ihre Ambitionen, Titelgeschichten für den »Nürnberger Boten« zu verfassen, wurden nur milde belächelt.
Auch von anderer Seite konnte sie keine Hilfe erwarten, denn neben Gerhard Walter und Selma gab es in dem Büro nur noch die zweiundzwanzigjährige Lucia, die Administrativangestellte der Redaktion. Die dralle Rothaarige fungierte als Mädchen für alles, persönliche Leibeigene des Redaktionsleiters und Objekt der Begierde ihrer Kollegen. Sie verrichtete ihren Job mit gelangweilter Miene und koketten Augenaufschlägen – zweiteres tröstete den Chef über ersteres hinweg, hielt Lucia doch seine männliche Belegschaft bei Laune.
Dabei verfolgte Geraldine vorläufig noch gar keine großen Ziele, wollte weder in naher Zukunft als Investigativ-Journalistin für eine große Zeitung arbeiten noch in einem der örtlichen TV-Sender im Newsroom sitzen. Aber im folgenden Gespräch würde sie verlangen, mehr Verantwortung übernehmen und Artikel schreiben zu dürfen – über Themen, die sie selbst für wichtig hielt und von denen sie dachte, dass sie auch die Nürnberger interessierten.
Ungeduldig wippte sie mit dem Fuß. Die Uhr zeigte bereits zehn Minuten nach drei.
»Frau Friedmann?«, dröhnte da auch schon die laute Stimme von Gerhard Walter durch den Flur. Geraldine sprang von ihrem Stuhl hoch und marschierte mit großen Schritten in Richtung Chefzimmer. Sie war fest entschlossen, für ihr Vorhaben zu kämpfen und sogar so weit zu gehen, zu kündigen, wenn man sie weiterhin wie eine achtzehnjährige Abiturientin mit Träumen von der großen Karriere als Journalistin behandeln würde. Immerhin hatte sie diesen Beruf studiert und jeden Sommer seit ihrem sechzehnten Lebensjahr in Zeitungsredaktionen gejobbt.
Der Redaktionsleiter streckte mit einem »Guten Tag« seinen Arm nach vorne und griff nach Geraldines Fingerspitzen, als diese ihm verwirrt die Hand reichte. So eine offizielle Begrüßung gab es nur selten, da der Achtundfünfzigjährige üblicherweise höchstens ein »Morgen« durch die Zähne quetschte, wenn er in der Früh das Büro seiner Mitarbeiter betrat.
Die junge Journalistin nahm Platz und sah ihr Gegenüber auffordernd an, während die Julisonne mit ganzer Kraft durch die verschmierten Fensterscheiben brannte und den Raum bereits auf bestimmt über dreißig Grad aufgeheizt hatte.
Gerhard Walter räusperte sich und fragte förmlich nach ihren Wünschen. Seine von einem feinen Haarkranz umrahmte Glatze glänzte speckig und war von winzigen Schweißperlen übersät.
Geraldine sammelte ihre Gedanken und antwortete: »Also, ich ...«
Da klopfte es an die Tür, und Lucia trat ein.
»Herr Chef«, begann sie und beugte sich über den Schreibtisch in Richtung des Redaktionsleiters. Der hatte Mühe, nicht in ihren einladend tiefen Ausschnitt zu starren, während er nervös an seinem Ehering drehte. Gerhard Walter war angeblich glücklich verheiratet, doch Frau und Kinder tauchten nie in im Büro auf. Auch bei Festen, die der Verleger des »Nürnberger Boten« hin und wieder gab, hatte man die Familie des Dreiundfünfzigjährigen noch nie gesehen.
Lucia setzte ein strahlendes Lächeln auf, während sie einen Aktenordner ablegte und gurrte: »Hier sind die gewünschten Unterlagen zum Leon-Skandal. Ich würde jetzt Schluss machen für heute, ja?«
Zuerst runzelte Gerhard Walter mit einem Blick auf seine Armbanduhr die Stirn, dann jedoch glätteten sich seine Züge und er sagte: »Selbstverständlich, wer so fleißig ist, darf früh nach Hause gehen.« Zufrieden grunzend blickte er Lucia nach, als diese tänzelnd das Zimmer verließ.
Geraldine rollte genervt die Augen, die laut ihrem Ex-Freund Felix an die Farbe von frischem Moos erinnerten.
»Wo waren wir?«, fragte der Redaktionsleiter zerstreut und wandte sich wieder seinem Gegenüber zu.
»Sie haben mich gefragt, warum ich um ein Gespräch gebeten habe!« Als der Mann nickte, fuhr sie fort: »Ich möchte gerne zwischendurch raus aus dem Büro, mir auf der Straße die Probleme der Leute anhören, Gespräche führen, Geschichten erzählen lassen, interessante Themen aufspüren ...«
Gerhard Walter hob die Hand und sie verstummte.
»Sie leisten hier gute Arbeit, Frau Friedmann, und ich weiß Ihr Engagement sehr zu schätzen. Aber ich denke, Sie sind noch nicht so weit, um wirklich ...«
»Ich bin noch nicht so weit?«, fuhr Geraldine auf. »Das ist mein Beruf, das habe ich gelernt. Oder denken Sie, man hat mir an der Uni das Schreiben von Horoskopen beigebracht? Oder wie man Tratsch und Klatsch über Promis im Internet recherchiert?«
Sie ließ ihren Chef nicht zu Wort kommen, als dieser zum Reden ansetzte.
»Die Kultur schreibt sich praktisch von selbst, weil wir die Ankündigungen dafür schon druckreif von diversen Agenturen zugeschickt bekommen. Und will ich dann einmal eine Veranstaltung besuchen und danach darüber berichten, heißt es: ›Dafür gibt es kein Budget‹. Dabei geht es in dem Fall nur um winzige Beträge.« Geraldine redete sich immer mehr in Rage.
»Aber wenn meine männlichen Kollegen eine Dienstreise machen wollen, um irgendwo vor Ort eine Spur zu verfolgen, ist immer genug Geld da!«
Sie schnaubte wie ein wütender Stier, hatte aber noch ein weiteres Argument parat.
»Ich habe neben meinem Studium jahrelange Erfahrung als Journalistin gesammelt, rechnet man die ganze Praxiszeit in den Ferien dazu. So gut wie niemand beim ›Nürnberger Boten‹ war in meinem Alter so qualifiziert wie ich. Und wenn Sie mich nicht endlich an die Front lassen, hoffe ich, dass andere Medienunternehmen sowohl mein Wissen als auch meinen Eifer sowie den Willen, beides in Taten umzusetzen, mehr schätzen als Sie.«
»Sie drohen mit Kündigung?«, erklang es von der anderen Seite des Schreibtisches.
Geraldine nickte, verschränkte die Arme vor der Brust und hielt mit zusammengekniffenen Augen dem bohrenden Blick des Redaktionsleiters stand.
»Sie haben ja recht«, lenkte der Achtundfünfzigährige plötzlich ein und hob beschwichtigend seine fleischigen Hände. »Ich habe Sie viel zu lang hier eingesperrt, weil ich dachte, Sie sollten zuerst ausreichend theoretische Erfahrungen im Bereich Außenreportage sammeln und sich dabei an der Arbeit Ihrer Kollegen orientieren. Vor allem war mir das Risiko, Sie auf heikle Storys anzusetzen, bisher noch zu groß. Mein Vorschlag lautet nun: Liefern Sie mir bis Donnerstagabend, also in genau einer Woche, eine spannende, sauber recherchierte Titelgeschichte, die wir am Samstag darauf als Aufmacher verwenden können. Und das natürlich, ohne Ihre bisherigen Tätigkeiten zu vernachlässigen. Dann befreie ich Sie vom reinen ›Innendienst‹, und Sie können neben ihren anderen Aufgaben zusätzlich auch als Außenreporterin arbeiten. Ich werde Ihnen dann nach und nach immer mehr Verantwortung übertragen, wenn Sie sich bewähren. Klingt das fair?«
Geraldines Augen funkelten, während ein strahlendes Lächeln über ihr erhitztes Gesicht glitt und sie den Arm in Richtung ihres Chefs ausstreckte.
»Deal!«, sagte sie, und Gerhard Walter schlug ein, ehe er »Und jetzt setzen Sie sich wieder an den Schreibtisch« murrte.
Hinter dem Rücken seiner motivierten Redakteurin, die gleich darauf beschwingt den Raum verließ, nickte er anerkennend. Diese junge Frau würde ihn nicht enttäuschen, das spürte er.
♥♥♥
Als Geraldine am frühen Abend gegen sechs Uhr ihr Elternhaus in der Neillstraße betrat, kam ihr Max entgegengelaufen, ein achtjähriger Mischlingsrüde, den sie und ihr Vater fünf Jahre zuvor aus dem Tierheim geholt hatten. Das hellbraune Fellknäuel sprang schwanzwedelnd an ihr hoch und wollte unbedingt hinter den Ohren gekrault werden. Die junge Frau streichelte den Hund ausgiebig, der sich hechelnd an ihr Bein lehnte, ehe sie sich auf die Suche nach ihrer Mutter begab.
Wenig später saßen die beiden Frauen auf der Terrasse und tranken Eistee. Max lag zusammengerollt und zufrieden schnaufend an einem kühlen Platz hinter dem riesigen Blumentopf in der Ecke. Unter dem knallgelben Sonnenschirm summte träge eine Hummel, in der Ferne surrte ein Rasenmäher und die Luft roch nach ausgetrockneten Pflanzen. Es hatte seit Tagen nicht geregnet, und die Natur lechzte nach Wasser.
Die Eltern der jungen Frau bewohnten ein kleines Einfamilienhaus mit hellblauer Fassade am Stadtrand von Nürnberg. Sie hatten einen kleinen Pool im Garten und einen weißen Ford Taunus Baujahr 1966 in der Garage, den kaum noch jemand fuhr. Geraldines älterer Bruder Roman wohnte mit seiner Frau Susanne und der gemeinsamen Tochter Beatrice, die drei Jahre alt war, nur ein paar Blocks weiter.
»Was gibt es Neues?«, fragte Theresa Friedmann und rührte dabei mit dem Strohhalm zwischen den klirrenden Eiswürfeln herum.
»Ich darf endlich einen großen Artikel schreiben«, verkündete die Sechsundzwanzigjährige strahlend.
»Was höre ich da?«, fragte ihr Vater erfreut, der in diesem Moment die Terrasse betrat.
»Das ist ja großartig, Liebling!«, befand auch ihre Mutter, sichtlich stolz auf den Erfolg ihrer Tochter. Gleich darauf stießen die drei mit Eistee auf den Beginn einer wunderbaren Karriere an.
Eine Stunde später machte sich Geraldine mit der U-Bahn auf den Weg zurück ins Zentrum der Stadt, wo sie sich in der Weißgerbergasse eine kleine Wohnung in der Nähe der Redaktion gemietet hatte. Die Büroräume des »Nürnberger Boten« befanden sich am Hauptmarkt, nur fünf Gehminuten von ihrem Zuhause entfernt.
Als sie gegen Mitternacht endlich im Bett lag, konnte sie nicht gleich einschlafen und grübelte darüber nach, wo sie mit der Recherche für ihre Titelgeschichte beginnen sollte.
Morgen ist Freitag, dachte sie, bis Sonntag möchte ich das Thema fixiert haben. Die restlichen vier Tage werde ich brauchen, um alle nötigen Informationen zusammenzutragen und den Artikel zu verfassen. Und Jonas wird mir dabei helfen, beschloss Geraldine am Ende ihrer Überlegungen angelangt und gähnte herzhaft.
Bei Jonas Ritter handelte es sich um den besten Freund der jungen Frau, den sie bereits seit der Kindheit kannte. Seine Eltern wohnten ebenfalls in der Neillstraße, weshalb der kleine Junge und das kleine Mädchen schon im Sandkasten miteinander gespielt hatten. Später waren sie gemeinsam zur Schule gegangen, auf den denselben Partys gewesen und einmal sogar zusammen in Urlaub gefahren. Der Achtundzwanzigjährige arbeitete mittlerweile im Nürnberger Tiergarten als Pfleger, lebte als Single in einer kleinen Stadtwohnung und sah, laut Geraldines Freundinnen, verdammt heiß aus.
»Ist da wirklich nie etwas zwischen euch gelaufen?«, wurden die beiden häufiger gefragt. »Nicht einmal, als ihr zusammen auf Kreta gewesen seid?«
Beide lächelten dann stets ein wenig verlegen, antworteten aber dennoch mit einem entschiedenen »Nein!«, obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Tatsächlich hatten sie sich sowohl als Teenager einmal auf der Kirmes als auch in besagtem Urlaub einige Male geküsst. Doch mehr war tatsächlich nie passiert – warum, wussten wohl weder Geraldine noch Jonas so genau.
