Sind die Weltreligionen friedensstiftend - Vera Zingsem - E-Book

Sind die Weltreligionen friedensstiftend E-Book

Vera Zingsem

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Beschreibung

Weltreligionen und Frieden, das scheint auf den ersten Blick zusammenzupassen. Insbesondere führen die drei monotheistischen Religionen das Wort Frieden in Alltag und Gottesdienst durchgängig auf den Lippen. "Die Geschichte Gottes mit dem Menschen" scheint so etwas wie eine Befreiungs- und Befriedungsgeschichte gewesen zu sein. Doch der Schein trügt bei genauem Hinsehen, wie so oft. Die Autorin zeigt auf, dass und inwieweit der Unfrieden, trotz gegenteiliger Behauptungen, bereits im Kern der drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam – angelegt ist. Heilsgeschichte erscheint nur zu oft als Kriegsgeschichte, und die äußert sich in einem erbitterten Kampf gegen alle Ungläubigen. Im Buch werden über die asiatischen Religionen, aber auch über die Gedankenwelt polytheistischer und schamanischer Kulturen – wie z. B. unsere eigene, Auswege aus der Sackgasse der Intoleranz gesucht und gefunden.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sind die Weltreligionen friedensstiftend?

Eine längst fällige Analyse

Vera Zingsem

Sind die Weltreligionen friedensstiftend?

Eine längst fällige Analyse

Vera Zingsem

Sind die Weltreligionen friedensstiftend? Eine längst fällige Analyse

Umschlaggestaltung: Bianca Meding

Foto Titelseite: © Shutterstock

Druck: ScandinavianBook 2024

ISBN: 978-3-932130-73-1

eISBN: 978-3-932130-74-8

Alle Rechte der Nutzung und Verbreitung sind vorbehalten und unterliegen der Genehmigung des Verlages.

Inhalt

Zur Einstimmung

Können die Weltreligionen Frieden stiften?

Einleitende Gedanken

Israel und die Erfindung des Eingottglaubens – Eine Vision mit weitreichenden Folgen

Das Bundeszeichen

Man nennt es nicht einmal Liebe

Eine Geschichte ohne Frauen

Grundzüge der drei monotheistischen Weltreligionen

Exkurs: Die Göttin Allat als Vorgängerin von Allah

Geschichten auf Liebe und Tod

Jahwe und Israel – eine Liebesgeschichte?

Gott als Mutter?

„Gottes Plan mit dem Menschen“ – Eine Geschichte von Ehebruch und Totschlag?

Der Tod und das Mädchen – Die Geschichte von Demeter und Kore

Die Entsinnlichung der Liebe

Die Liebe des Vaters

Die Leidenschaft flieht …

Exkurs: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn im buddhistischen „Lotos-Sutra“

… die (Nächsten-)Liebe soll bleiben

Die Spaltung der Liebe

Fitna – Die Welt als Versuchung

Von Allat zu Allah

Dschihad – Kampf an allen Fronten

Fitna – Der Krieg gegen die Frauen

Endzeit-Vorstellungen und die Lehren von den „letzten Dingen“

Die Endzeitvorstellungen der christlichen Apokalypse

Die Frau mit dem Drachen

Grundzüge der drei asiatischen Weltreligionen: Taoismus, Hinduismus und Buddhismus

Taoismus und die Entstehung des I Ging – des „Buches der Wandlungen“ – im alten China

Grundzüge des I Ging

Der Hinduismus und das pralle Leben

Alle Wesen retten …

Der Monotheismus und die Spirale der Gewalt

Zwei kurze Geschichten vom „Eros“

Der Mythos von Isis und Osiris, Horus und Seth

Die „Verschleierung“ der Welt

Die Welt als Webstuhl

Heilige (weibliche) Welt

Der Krieg gegen die Natur – Die „Entschleierung“ der Welt

Ein Friedensschluss, der nie gebrochen wurde

Vom Zauber der Poesie

Nachbemerkungen und Ausblick

Die „Thanksgiving Address“ – „Grüße und Danksagungen“ oder: „Worte, die vor allem anderen kommen“

Literaturverzeichnis

Zur Einstimmung

Er dachte an die Zeit, als er klein war und in der Küche mit einer Weidengerte Fliegen klatschte ... Jedenfalls war Josiah von draußen hereingekommen und hatte Tayo gefragt, was er da mache, und Tayo hatte ihm stolz ein Häufchen toter Fliegen auf dem Küchenboden gezeigt. Josiah sah sie an und schüttelte den Kopf.

„Aber unsere Lehrerin hat’s gesagt. Sie hat gesagt, sie sind schädlich und übertragen Krankheiten.”

„Na, ich bin nicht viel zur Schule gegangen, drum weiß ich das nicht so, aber weißt du, vor langer Zeit, weit zurück in unvordenklicher Zeit, wurde die Mutter der Menschen zornig darüber, wie sie sich aufführten. Ihretwegen konnten sie zum Teufel gehen – verhungern. Die Tiere verschwanden, die Pflanzen verschwanden, und lange Zeit kam kein Regen. Es war die grüne Schmeißfliege, die zu ihr ging und für die Menschen um Verzeihung bat. Seit dieser Zeit sind die Menschen der Fliege dafür dankbar, was sie für uns getan hat.”

Tayo ließ die Weidengerte aus der Hand fallen. Er starrte sie an, auf dem Boden neben seinen Füßen. „Was passiert jetzt?”, fragte er mit erstickter Stimme.

„Ich glaube, es ist okay”, sagte Josiah und stocherte mit der Stiefelspitze in den toten Fliegen herum. „Grüne Schmeißfliegen waren nicht dabei – nur ein paar Verwandte. Die Menschen machen eben Fehler. Die Fliegen wissen das. Auf die Weise ist ja die grüne Schmeißfliege überhaupt zu uns gekommen. Um den Menschen zu helfen, die ein paar Fehler gemacht hatten.” Er zog den Jungen fest an sich. „Das nächste Mal denkst du eben an die Geschichte.”

Leslie Marmon Silko

Können die Weltreligionen Frieden stiften?

„Die große Göttin, niemand sonst, wird diese Welt morgen oder in tausend Jahren wieder zu einem Glauben ohne Dogma führen.“

Christian Jacq (Die letzten Tage von Philae)

Einleitende Gedanken

Die großen Religionen, wie sie heute unsere Welt bestimmen, das sind zum einen die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam (in der Reihenfolge ihrer Entstehung), sowie die drei asiatischen Religionen Taoismus, Hinduismus und Buddhismus. Dies sind auch die sechs Religionen, die der berühmte (inzwischen verstorbene) Tübinger Theologe Hans Küng für sein „Projekt Weltethos“ ausgewählt hatte, das im Sommer 2003 unter dem Titel „Weltreligionen, Weltfrieden, Weltethos“ mit einer Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle für Aufsehen sorgte.

Religionen und Frieden, das scheint zusammenzugehen: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, lautet die Frohbotschaft der christlichen Weihnachtsgeschichte, und mit dem Friedensgruß endet jeder Gottesdienst. In Israel und den arabischen Ländern grüßt man sich mit „Schalom“ und „Salaam“ sogar auf der Straße, so wie man bei uns „Grüß Gott“ oder „Hallo“ sagt. Auch der Buddhismus ist eine erklärte Friedensreligion. Die Freude, friedvoll zu leben und zu sterben, hieß ein Buchtitel des Dalai Lama …

Mit den Religionen scheinen wir auf der sicheren Seite zu sein. Sie gelten als Garantinnen von Frieden, Sinnstiftung und Moral. Was also könnte sinnvoller und geistig nahrhafter sein, als die besten Zutaten aus den größten und am weitesten verbreiteten Religionen zusammenzuführen? Den Rahm von der „Milch der guten Denkungsart“ abzuschöpfen, um daraus ein Ethos mit einem ganz besonderen Gütesiegel für die ganze Welt herauszufiltern.

Von vier Grundüberzeugungen ließ sich Hans Küng damals leiten:

Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen

Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen

Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Maßstäbe

Kein Überleben unseres Globus ohne ein Weltethos

Ich möchte noch eine eigene Grundüberzeugung hinzufügen:

Kein Frieden auf der Welt und in den Religionen, wenn und solange dort das Verhältnis der Geschlechter (Frauen und Männer) oder das der Menschen zu Tieren und Pflanzen und zur Erde selbst als ein gewaltbesetztes Herrschaftsmodell beschrieben wird. Das Verhältnis Mann-Frau (z. B. „Adam und Eva“) hat Geschichte und Geschichten geschrieben und schreibt sie weiter, auch und gerade zentral in den Religionen. Welche, das werden wir uns noch ansehen!

Und noch etwas sollte gleich zu Beginn angesprochen werden: In den Geschichten, die uns innerhalb der verschiedenen Religionen erzählt werden, geht es um Bilder und bildhafte Darstellungen, um Geschichten. Solche, die Menschen vom Göttlichen in einer Sprache entwerfen, die wiederum aus Bildern zusammengesetzt ist. Denn auch Worte sind Bilder, lassen vor unserem inneren Auge Bilder entstehen, die je nach Kontext verschieden gedeutet werden können. Was selbstverständlich auch für „Gottes Wort“ gilt, das sich in menschliche Sprache kleiden muss, wenn es von uns verstanden werden will.

Wie das Göttliche neben und hinter diesen Bildern aussieht, wissen wir nicht. Etwas Göttliches vollkommen zu beschreiben, dazu reicht unsere menschliche Sprache nicht aus. Ein Dialog zwischen den Kulturen, der zum Frieden führen soll, sollte genau hier ansetzen und demütig anerkennen, dass wir vom Göttlichen immer nur Facetten erkennen können, niemals das ganze Angesicht. Und dass Absolutheitsansprüche einen solchen Dialog von vorneherein zum Scheitern verurteilen könnten.

Geschichte, auch Religionsgeschichte, lebt von den Geschichten, die wir uns über das Göttliche und das Reich des Spirituellen erzählen. Mit Geschichten erschaffen wir Welt(en). Wie diese Welten aussehen, hängt wiederum von den Geschichten ab, die wir uns erzählen. Ob sie uns zum Frieden, oder zu neuen Spaltungen führen …

Und noch eine Bemerkung zum Thema „Weltreligion“. Wir verstehen unter diesem Begriff normalerweise Religionen, die wir auf einem größeren Teil unserer Erde vorfinden, denen es gelungen ist, einen flächendeckenden Platz für sich einzunehmen, u. U. ganze Länder, sogar Erdteile für sich zu besiedeln und zu beanspruchen. Das sind keineswegs immer nur die Regionen, in denen sie dereinst entstanden sind. So geht man davon aus, dass allein die drei monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam Dreiviertel der aktuellen Weltbevölkerung betreffen. Und weil sich diese Religionen so weit verbreitet haben, sozusagen bereits eine Weltmacht darstellen, trauen wir ihnen zu, dass sie eine Frieden schaffende Bedeutung für die ganze Welt haben könnten. Das wäre jedoch eine rein quantitative Sichtweise. Das, was am meisten Platz für sich erobert hat, hätte dann auch am meisten zu einem Weltethos beizutragen. Ungeachtet der Tatsache, dass sich, geschichtlich gesehen, diese Religionen vor allem durch Kriege und Eroberungen, auch Missionierung genannt, weiter verbreitet haben. Was, nebenbei gesagt, ganz entschieden gegen ihre allgemeine Friedensfähigkeit sprechen könnte!

Wir können das Wort „Welt“ jedoch auch daraufhin befragen, wie viel von der Welt, in der wir leben, eine Religion denn einbeziehen und in ihren Moralvorstellungen mit berücksichtigen kann. Wie viel von Welt und Wirklichkeit kann sie als beseelt und lebendig wahrnehmen und entsprechend würdevoll behandeln? Wir teilen unsere Erde immerhin mit Millionen von anderen Arten, welche Rolle spielen all diese Arten in unserer Spiritualität und Frömmigkeit, wo in unserem bisherigen „Weltethos“ kommen diese Arten vor? Wo in den viel gerühmten „Zehn Geboten“?! Ist es dieser Vielfalt an Arten gegenüber nicht rücksichtlos, „anzunehmen, dass die einzige Art, belebt zu sein, Respekt und moralisches Mitgefühl zu verdienen, darin besteht, Mensch zu sein?“ (Kimmerer, S. 74)

Was wäre, wenn wir statt der Diktatur unserer menschlichen Spezies unsere moralischen Antennen hin zu einer „Demokratie aller Arten“ verfeinern würden? „Mit moralischer Verantwortung gegenüber Wasser und Wölfen, und mit einem Rechtssystem, das den Status anderer Arten anerkennt.“ (a. a. O.) Dann würden sich mit einem Mal die Verhältnisse drastisch umkehren, und die Weltreligionen wären plötzlich bei den zahlenmäßig kleinen Völkern und Stämmen zu suchen, die wir Ur-Völker oder Indigene nennen, ohne dass wir bislang die Bereitschaft zeigen, ihr Weltwissen ernsthaft in unser allgemeines ethisches Wertesystem einzubeziehen. Auch der Taoismus könnte hier noch gut mithalten, wie wir sehen werden.

„Stellen wir uns vor, wir liefen durch eine reich bewohnte Welt aus Birkenmenschen Bärenmenschen, Felsenmenschen, Wesen, über die wir nachdenken und von ihnen als Personen sprechen, die unseren Respekt verdienen, von Inklusion in einer bevölkerten Welt“ gerät Robin Wall Kimmerer, die Professorin für Botanik und Umweltbiologie, ins Schwärmen, die selbst dem Volk der Anishnabeg/Ojibway angehört. (a. a. O., S. 75) Sie gibt allerdings zu, dass wir zu dieser Art von Weltwahrnehmung auch eine andere Weise zu sprechen benötigen, eine „Grammar of Animacy“, wie sie es nennt (engl. Version, S. 48 f.), eine Grammatik der Beseeltheit, wie ich es nennen würde, was mehr ist als nur Belebtheit, wie es die Übersetzerin Elsbeth Ranke vorschlägt.

Eine Grammatik der Beseeltheit passt zum Typ der sog. pathozentrischen Sprachen, wie sie sämtliche Ureinwohner des nordamerikanischen Kontinents, aber beispielsweise auch das Alte China in Gebrauch hatten. Eine Weise zu sprechen, die auf jedes kleinste Detail einer Begebenheit einzugehen vermag, wie es der Völkerkundler und Amerikanist Werner Müller in seinem Buch Indianische Welterfahrung bereits 1981 beschreibt (S. 22):

„Zur Führung eines einfachen Gesprächs im Eskimonischen gehören 10.000 bis 15.000 Wortteile, …, ein einziges Algonkinverbum durchzukonjugieren würde an 100 Seiten kleinsten Druckes erfordern.“ (S. 22). Das liegt an den Präfix- und Suffixelementen (den Vor- und Nachsilben) in den Wörtern, die es solchen Sprechweisen erlauben, sich selbst noch auf kleinste Nuancen der Erfahrung einzuschwingen. Polysynthese nennt man das in der Sprachwissenschaft.

Bei den Sprachen dieses Typs werden die Wörter gleichsam auf der Zunge geboren, unter dem Eindruck und Einfluss des Augenblicks sind sie in der Lage, den Anforderungen jedweder Situation den lebhaftesten Ausdruck zu verleihen. Eine Einteilung in lebendig und leblos, wie wir sie ganz automatisch vornehmen, würde hier als sinnlos, weil nicht wirklichkeitsgerecht, empfunden. Das Sprachgefühl und Sprachvermögen dieser Völker beruht „auf der durchdringenden Überzeugung eines Verbandes alles Lebendigen, einer Gleichberechtigung aller Lebewesen“. (Müller 1982, S. 10)

„Das sag ich dir doch, alles lebt, sogar die Felsen, sogar die Bank, auf der du sitzt. Jemand hat diese Bank für einen Zweck gemacht, oder? Nun, dann ist sie lebendig, oder? Alles ist lebendig, das glauben wir Indianer. Weiße Leute glauben, alles ist tot …“

Mit diesen Worten wurde der Anthropologe und Sprachwissenschaftler Jaime de Angulo von einem Mitglied des Pit River Stammes in Kalifornien aufgeklärt. (a. a. O., S. 82)

Auch im Alten Ägypten war man ganz offensichtlich der Ansicht, dass Steine lebendige Wesenheiten sind: „Ein Stein, der zu glatt ist, lebt nicht. Jede Wand muss leichte Wellen aufweisen, damit die Schwingungen, die ständig durch den Raum gehen, gezeigt und wahrgenommen werden können.“ Die vollkommene Symmetrie hingegen wurde als leblos empfunden. (Jacq, Stein des Lichts, S. 369)

Statt von Menschheitsfamilie zu sprechen, könnten wir also von einer Weltartenfamilie reden, um die wechselseitige Abhängigkeit alles Lebendigen, seien es „Dinge“, Pflanzen, Tiere oder Menschen dauerhaft ins Bewusstsein zu rufen und entsprechend zu handeln. Das wäre ein Weltethos, das seinem Namen endlich alle Ehre machen würde! Und wir müssen dabei nichtmals über den großen Teich schwimmen. Auch in unserer heimischen mythischen Tradition finden wir genügend Hinweise darauf, dass diese Sichtweise auf die Welt dereinst auch unsere eigene gewesen sein mag. Und immerhin verweist uns unsere nordisch-germanische Mythologie auf einen Friedensschluss, der niemals gebrochen wurde. Auch das wird im Laufe dieses Buches zur Sprache kommen.

Und noch eine große „Religion“ sollten wir nicht vergessen, die größte vielleicht, die unser Planet je hervorgebracht hat: Das Alte Ägypten, das lange, bevor der erste Satz des Alten Testaments unserer Bibel geschrieben war, religiös und spirituell gesehen, bereits zu einem Verstehen von Weltzusammenhängen gefunden hatte, die durch den Monotheismus biblischer Prägung in Vergessenheit geraten sind, obgleich sich gerade unsere christliche Theologie ohne die ägyptische Vorlage gar nicht denken lässt.

Isis, die Große, mit dem Beinamen Muttergottes sollte die erste Gottheit werden, unter deren Namen sich in der hellenistischen Epoche (ab dem 3. Jh. v. Chr.) bis weit in die christliche Ära hinein (5./6. Jh. n. Chr.) die Völker des damals bekannten Erdkreises versammeln und einen konnten. „Die eine, die alles ist“ (una, quae est omnia) war ihr Hoheitstitel. In Köln und Mainz wurde sie ebenso verehrt wie in Chartres oder Bern oder Klagenfurt und bis weit in den indischen Kontinent hinein, ja selbst bis nach Südamerika lassen sich ihre Spuren verfolgen. Ohne Missionierung und ohne Gewaltanwendung hat sich die gesamte damalige Welt in ihrer Geschichte wiedererkennen können. Zusammen mit ihrem Gemahl Osiris und ihrem Sohn Horus gab sie das Vorbild für die christliche heilige Familie ab und wirkt noch heute symbolisch im Kölner Karneval mit. Mozarts Oper Die Zauberflöte, die sich den Mysterien von Isis und Osiris verschrieben hat, ist weltweit zur beliebtesten Oper überhaupt gediehen. Es lohnt sich also, einen Blick auf diese „Weltreligion“ zu werfen, die ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist, nicht zuletzt deshalb, weil wir nach Visionen für die Zukunft suchen und fündig werden wollen.

Der Fahrplan für dieses Buch gestaltet sich also folgendermaßen.

Zunächst werden die sechs großen Weltreligionen dargestellt und auf ihre friedensstiftenden Qualitäten hin abgeklopft, die sich u. a. auch an ihrer Fähigkeit zur Integration der nicht-menschlichen Welt, aber auch des „Fremden“ und „Anderen“ messen lassen müssen. Des Weiteren geht es darum, neue und zukunftsfähige Vorstellungen von Weltethos zu entwickeln, wie sie uns etwa in Robin Wall Kimmerers bahnbrechendem Buch Braiding Sweetgras (Minneapolis 2013), (dt. Titel: Geflochtenes Süßgras, Berlin 2022) vorgestellt werden.

Auch die antiken Mythologien werden eine Rolle spielen, denn unsere großen monotheistischen Weltreligionen sind aus dem Dialog mit ihnen, oder der Abgrenzung zu ihnen, überhaupt erst entstanden. Nicht zuletzt geht es auch um die Kernfrage, an der sich sämtliche Religionen messen lassen sollten: „Wie hältst du es mit den Frauen, mit „Mutter Erde“, mit der Symbolik des Weiblichen im Allgemeinen? Es wäre fatal, die Geschlechterfrage lediglich als einen Nebenschauplatz der Religionsgeschichte abzutun. Sie betrifft ganz elementar bis heute unser Verhältnis zur Natur, sie hat sich in sämtliche theologischen und philosophischen Werke von der Antike bis zur Neuzeit eingeschrieben, sie hat in den mittelalterlichen und neuzeitlichen Ausrottungskampagnen gegen Frauen (noch immer als Hexenverfolgungen quasi verniedlicht) einen traurigen Höhepunkt erfahren, und sie läuft gerade in der Verunsicherung der Geschlechterfrage, in der neuerdings das Wort Mutter als Kränkung für einen Transmann begriffen wird, zu neuen Hochformen auf. Die Skulptur eines gebärenden Jesus mit Bart im Dom zu Linz (für die einer Marienfigur der Kopf abgeschlagen wurde!) sollte uns nicht minder erschrecken als die Möglichkeiten zur künstlichen Geburt, deren Erforschung nicht nur Unmengen von Geld verschlingt, sondern die auch darauf angelegt ist, die Frauen auf Dauer gänzlich von ihrer Fähigkeit, neues Leben zu schenken, auszuschließen.

Das biblische Volk Israel hat sich im Verhältnis zu seinem Gott als Frau gesehen. Von da aus konnten auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern leicht als ein Herrschafts- und Gewaltmodell verstanden werden, das dann wiederum den Prototyp für das Verhältnis der monotheistisch geprägten und sich als höherwertig empfindenden Kulturen zu den anderen Völkern abgab. Noch im aktuellen Palästinakonflikt kann z. B. ein israelischer Soldat den Ausspruch tun: “Alle Gojim (Fremdvölker) sind Huren” und damit die Gewalt gegen andere Völker rechtfertigen. (Zitiert nach Felicia Langer, Die Zeit der Steine.)

Auch in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern werden Herrschaftsverhältnisse bis heute deutlich. Wie aber sollen Menschen den partnerschaftlichen Umgang mit anderen lernen – auch mit anderen Nationen – wenn sie nicht einmal in der Familie Respekt und Liebe erfahren? Es beginnt im Kleinen – und endet in der großen Politik.

Und so wie man mit den Frauen umging, so ist man dann auch mit der Natur verfahren, die traditionell, selbst bei den Philosophen, mit weiblichen Attributen versehen wurde.

Die Möglichkeit, Frieden zu stiften, wird bei den Religionen ganz wesentlich davon abhängen, wie viel Weltwirklichkeit und Weltwissen (und damit meine ich nicht die „künstliche Intelligenz“) sie auf die Dauer und Zukunft hin gesehen einzubeziehen vermögen, damit alles Leben auf unserem Planeten die ihm gebührende Wertschätzung, Heilung und Heiligung erfahren kann, nicht nur allein das menschliche Leben. Die Frage, ob und wie weit – und vor allem welche – (Welt-)Religionen Frieden stiften können, wird sich folglich daran bemessen lassen, wie weit es ihnen gelingt, den Geschöpfen dieser Welt eine Stimme zu geben und sie in ihre Moralvorstellungen aufzunehmen.

Wir dürfen gespannt sein …!

Israel und die Erfindung des Eingottglaubens – Eine Vision mit weitreichenden Folgen

„Haben sie Kinder?“ „Nein“, sagte mein Vater, „ich habe zwei Mädchen.“

Camille Laurens, 2021

Wir sind es so sehr gewohnt, uns Gott als einen einzigen und folglich Einzelkämpfer vorzustellen, dass wir nur zu leicht vergessen, dass diese Vision nicht viel älter als dreitausend Jahre und somit noch verhältnismäßig jung ist. Gemessen an ihrem Alter hat sie jedoch Folgen gezeitigt, die weitreichend waren und unsere Welt in einer Weise umgestaltet haben, die sich die Erfinder des Monotheismus wohl kaum ausmalen konnten. Inzwischen sind wir so weit gekommen, dass wir uns Religion, insbesondere das, was wir als Hochreligion bezeichnen, gar nicht mehr anders vorstellen können als mit einem – männlichen – Gott an der Spitze, als Alleinherrscher, und dass dieser Gott als männlich dargestellt wird, wird kaum mehr in Frage gestellt.

Religionswissenschaftlich gesehen werden monotheistische Religionen als Hochreligionen bezeichnet, während man polytheistische Systeme, also solche mit mehreren Göttinnen und Göttern, als minderwertig und überholt betrachtet. Damit geht die eher unreflektierte Bewertung einher, dass das, was sich flächendeckend durchgesetzt hat, gleichsam als Sieger im Kampf um die Weltherrschaft hervorgegangen ist, nun auch das Bessere, Wertvollere, Welt- und Menschengemäßere zu sein hat.

Doch liegt in dieser enormen Durchsetzungsfähigkeit, um nicht zu sagen Schlagkraft, nicht auch eine große Gefahr, die Auswirkungen nicht zuletzt auf den Weltfrieden haben könnte?

Heutzutage kennen wir drei Weltreligionen, die einen einzigen Herrschergott verehren: Judentum, Christentum, Islam, in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Sie alle drei bauen in ihren Grundzügen aufeinander auf, benutzen mehr oder weniger dieselbe „Heilige Schrift“ und nennen sich deshalb auch Buchreligionen. Ihre zentralen Gottheiten zeichnen sich, den Erzählungen zufolge, dadurch aus, dass sie keine anderen Götter neben sich dulden wollen. Es gibt nur diesen einen und sonst keinen. Und die Verfasser (Verfasserinnen waren wohl eher nicht dabei) der heiligen Schriften geben uns Zeugnis von ihren erbitterten Kriegen für die Durchsetzung ihres einzigartigen Vorhabens, die sie vor allem als fortwährende Kämpfe des Guten gegen das Böse beschreiben. Wobei sich die Frage stellt, ob nicht durch den Glauben an den einen überlegenen Gott und dessen eine unumstößliche Gesetzgebung (die berühmten Zehn Gebote vom Berg Sinai) die rigiden Vorstellungen von Gut und Böse überhaupt erst in die Welt traten.

Da dieser eine unerreichbare Gott nicht mehr in und durch die Erscheinungen in der Natur erfahren werden sollte, sondern sich nur mehr über geschichtliche Ereignisse zu erkennen geben wollte, mussten andere Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Göttlichem und Menschlichem gefunden werden, und das sollten unter anderem die Gebote und Gesetze werden, denen im sog. Alten Testament, das für die Juden nach wie vor nicht „alt“ ist, ganze Bücher und Kapitel gewidmet werden. Nicht umsonst gilt insbesondere das Judentum mit seiner Thora (Gesetz, Sammelbegriff für die fünf Bücher Mose) als Gesetzesreligion. Es steht also zu erwarten, dass hier Spiritualität und Naturreligiosität durch das strikte Einhalten von Gesetzen ergänzt, wenn nicht ersetzt werden sollten; was, nebenbei gesagt, bereits mit der älteren der beiden Schöpfungsgeschichten beginnt.

Im Zentrum von Gn 2,4-3, der älteren der beiden Schöpfungsgeschichten unserer Bibel steht das Gebot: Von allen Früchten des Gartens dürft ihr essen, nur von dem einen Baum nicht, und das ist ausgerechnet der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse! Das erste Menschenpaar, kaum auf der Welt und noch unerfahren in ihr, wird an dieser Aufgabe scheitern. Damit wird zugleich klar: Dieser Gott ist einer, der Gebote aufstellt, die bei Gefahr für Leib und Leben befolgt werden müssen. Wer das nicht schafft, wird als Sünder bezeichnet. Und weil das exemplarische erste Menschenpaar gleich beim ersten Versuch kläglich gescheitert ist, müssen fortan alle Menschen mit diesem Makel der Unzulänglichkeit, der sich fortpflanzt wie eine ansteckende Krankheit, leben.

„Des Menschen Herz ist böse von Jugend auf “, wird man später sogar formulieren. Dabei kommt es ganz darauf an, wie hoch man die Messlatte legt. In der christlichen Religion erwuchs daraus die Vorstellung von der Erbsünde.

Dass dieser neue Gott wenig Wert auf ein Gespräch mit seinen Geschöpfen legt, mit Pflanzen, Tieren oder gar der Erde selbst schon gar nicht, wird nur zu bald aus den biblischen Texten ersichtlich. Von nun an geht es allein um „die Geschichte Gottes mit den Menschen“, so als wären die Menschen die einzigen Lebewesen auf dieser Erde, mit denen es sich lohnen würde zu kommunizieren. Das hebt den Menschen unter allen Geschöpfen als etwas Besonderes hervor, legt ihm aber zugleich auch eine große Bürde auf die Schultern, die ihn zudem noch von seinen Mitgeschöpfen isoliert. Ja, schlimmer noch, als Kain diesem neuen Gott die Früchte des Feldes opfert, wird seine Gabe im Unterschied zu der von Abel, der Tiere opfert, nur gering geschätzt. Pflanzen, obgleich sie die Grundlage allen Lebens auf unserem Planeten sind, stellen für diesen neuen Gott keinen Wert an sich dar. Dieser Gott scheint blutige Opfer zu fordern.

Wie tief diese Schmähung Kain trifft, mag man daraus ersehen, dass er in der Folge seinen Bruder umbringt. Diese Gewalttat wird in die Geschichte als Brudermord eingehen, und der wird Kain zur Last gelegt, bis heute. Doch warum will dieser Gott nicht beide Opfer gleichermaßen annehmen? Diese Kernfrage wird bezeichnenderweise gar nicht mehr gestellt. Doch sie scheint mir Teil eines Systems zu sein. Ein System, das auf Trennung beruht, und darauf hinausläuft, die einen gegen die anderen auszuspielen, die berühmten Schafe von den Böcken zu trennen. Kriterien werden aufgestellt, wer dazugehört zum sog. Volk Gottes, und wer nicht. Wer dies und das tut, oder eben unterlässt, der sei aus der Gemeinde, aus dem Volk, ausgeschlossen und somit ein für allemal verworfen.

Dass hier von Anfang an Angst mit im Spiel ist, ja geradezu Todesangst erzeugt wird, gehört mit zum System. Wer damals aus einer Gemeinschaft ausgestoßen wurde, ging damit zugleich ihres Schutzes verlustig, und das konnte den sicheren Tod bedeuten. Für besonders schwere Vergehen, wie den vorehelichen Verlust der sog. Jungfräulichkeit bei jungen Frauen war die Steinigung als Todesart vorgesehen, bis heute eine der grausamsten Hinrichtungen, die man sich vorstellen kann. Und sie wird immer noch allzu oft aus dem genannten Grund vollzogen, wenn auch inzwischen am häufigsten in den muslimischen Ländern.

Im Neuen Testament der Christen werden diejenigen, die Jesus nicht als Messias, als Gesandten Gottes anerkennen wollen, nach dem Tod in das Reich verwiesen, in dem „Heulen und Zähneknirschen“ herrscht, wird die Angst vor Ausschluss ins Jenseits verlagert, die Todesangst mithin verewigt.

Dass mit den ersten Zeilen der älteren der beiden Schöpfungsgeschichten, die sich in unserer Bibel befinden, die Abwertung der Frau als menschliches Wesen und Subjekt ihrer Handlungen einher ging, sollte man nicht minder ernst nehmen, anstatt es immer nur gönnerhaft herunterspielen zu wollen. Die Frau wird, durch die Nachrangigkeit ihrer Erschaffung – erst Adam, dann Eva – auf den Mann hin erschaffen, ihm zur Hilfe, ist also nicht mehr als ein Mittel zum Zweck, um seine Einsamkeit zu zerstreuen, somit kein Mensch im vollgültigen Sinne (denn Mensch definiert sich in unserer Kultur als ein Wesen, das nicht zum Mittel fremder Zwecke gemacht werden darf). Ein Gefälle, das durch die Weise der Darstellung in dieser grundlegenden Geschichte nicht mehr rückgängig zu machen ist. Sie wird allein wegen ihm geschaffen, was umgekehrt nicht gilt und auch nicht gelten soll, denn sonst hätte man es anders erzählen können.

Als weitaus verhängnisvoller und auch weitreichender hat sich jedoch herausgestellt, dass bereits in und mit dieser Geschichte ein opus contra naturam, ein Werk gegen die Natur, erschaffen wird. Eva kommt aus Adam, aus seiner Seite (weil es ja unten heraus schlecht geht), womit er in gewisser Weise zu ihrer „Mutter“ wird. Der Mann gebiert das Menschengeschlecht, die Frau wird zur Nebensache erklärt, ist nur noch dem Namen nach „Mutter des Lebens“ (der hebräische Name Chava hängt mit dem Wort Chaj für Leben zusammen). Im Fortgang der Ereignisse wird sie sogar zur Mutter des Todes, die Sünde und Verderben in die Welt bringt.

Der Apostel Paulus wird die Verhältnisse in 1 Kor 11, 8 klar benennen: „Nicht ist der Mann aus der Frau, sondern die Frau aus dem Mann“. Damit ist die Katze aus dem Sack, wird die Minderbemitteltheit der Frau selbst noch auf ihrem eigenen Terrain, dem des Mutterseins, festgelegt.

„Und der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen, sondern das Weib um des Mannes willen,“ heißt es im Folgevers.

Dadurch dass Eva aus Adam kommt, sprich geboren wird, wird sie – genau genommen – zu seiner Tochter, ein nicht benannter Inzest mithin, was weitere Fragen, um nicht zu sagen bisher unerkannte Probleme, aufwirft.

„Es zeugt der Gatte, sie ist dem Gast nur Gastgeberin, falls ihm nicht Schaden wirkt ein Gott“, wird es in ähnlicher Weise ca. fünf Jahrhunderte später beim griechischen Dichter Aischylos, in den Eumeniden heißen. Womit im Fortgang der Ereignisse nichts anderes als Muttermord gerechtfertigt werden soll: Der Sohn, Orest, darf ungestraft seine Mutter, Klytaimnestra, umbringen, weil die Mutter nach dieser Darstellung nicht mit ihren eigenen Kindern verwandt sein kann, bzw. nicht sein kann, was nicht sein darf.

Eine Vorstellung, wie sie bis heute noch durch unsere Gehirne spukt, wenn wir beiläufig die Formulierung wählen „er hat ihr ein Kind gemacht“. Oder etwa nach wie vor vom „Erzeuger“ reden, als wäre der Mann die allein bewirkende Ursache eines Kindes.

Später werden griechische und christliche Philosophen unisono an dem großen Werk arbeiten, die Frau als Frau aus allen wesentlichen Denksystemen auszuschließen. Wie es Geneviève Lloyd in ihrem Buch Weiblich und männlich in der westlichen Philosophie so treffend ausdrückt:

„Die Vernunftideale der westlich-abendländischen Philosophie haben sich nur über den Ausschluss einer Vorstellung vom Weiblichen herausgebildet, die sie gleichzeitig mit ihrem Ausschluss erst konstituieren halfen. Rationales Erkennen wird dabei gedeutet als transzendierender, transformierender und kontrollierender Prozess in Bezug auf natürliche Mächte und Gewalten, und das Weibliche wird traditionell mit dem assoziiert, was mit Hilfe rationalen Erkennens transzendiert, dominiert oder schlicht ignoriert wird.“ (S. 2)

Für unsere Kultur bedeuten solche Überlegungen, dass deren höchste Vernunftideale nicht viel mehr erbracht haben mögen als eine Verzerrung der Sicht- und Erlebnisweise der Welt. Erkenntnisse, die per definitionem nur über den Ausschluss der einen Hälfte der Menschheit zu gewinnen waren, müssen notwendigerweise zu einseitigen Ergebnissen führen und können gerade das nicht beanspruchen, was sie zu beanspruchen vorgeben: Allgemeingültigkeit und Universalität.

Solange das Weibliche in all seinen Facetten in unserer Kultur als das zu Überwindende erachtet wird, geraten Frauen in eine Zwickmühle. Von den ersten Schultagen an bis zum Abschluss ihres Studiums und danach bei der Ausübung ihres Berufs werden sie in die Selbstentfremdung, wenn nicht Selbstverachtung getrieben, sobald sie mitreden und etwas gelten wollen. Eine Selbstentfremdung, die jedoch selbst nach Psychologen wie C. G. Jung und Erich Neumann willentlich in Kauf genommen werden muss, wenn Frauen zu einem kulturell wünschenswerten Bewusstsein voranschreiten wollen. Standhaft geleugnet wird dabei die Vorstellung, dass Frauen eine eigene Art von Bewusstheit und Denkvermögen in die Kultur einbringen können, was erst einen wahren Dialog zwischen Frauen und Männern eröffnen würde, in dem nicht die eine Seite der Menschheit von vorneherein auf die Verliererstraße geschickt würde.

Das Bundeszeichen

Das Zeichen des Bundes, welches Israel als Gottes eigenes Volk von allen anderen Völkern unterscheiden soll, ist die Beschneidung aller neugeborenen männlichen Kinder, am achten Tag nach ihrer Geburt. Ein Zeichen, das Mädchen, aus denen später einmal Frauen werden, von vorneherein und für alle Zeiten wirksam vom gleichrangigen Kontakt mit dem Göttlichen ausschließt. Bis heute dankt der fromme Jude, nach dem Siddur (dem jüdischen Gebetbuch) deshalb jeden Tag seinem Gott dafür, dass er ihn nicht als Frau erschaffen hat. Die Frau darf auch danken, allerdings nur dafür, dass der Allmächtige, gesegnet sei Er, sie nach seinem Willen geschaffen hat.

Im Tempel zu Jerusalem befand sich der Aufenthaltsort der Frauen direkt neben dem der Heiden, weit weg vom Allerheiligsten, das ohnehin allein der Hohepriester betreten durfte.

Abgesehen davon kann man sich wohl kaum eine grausamere Maßnahme für kleine, zarte Jungen vorstellen, die durch das brutale Wegreißen eines noch kaum gewachsenen Häutchens für immer im Kern ihrer Männlichkeit getroffen werden und versehrt bleiben. Noch erwachsene Männer liegen nach der erfolgten Prozedur, den biblischen Erzählungen zufolge, in tagelangem Wundfieber, wie das Beispiel der zum Gottesvolk übergetretenen Sichemiten (Gen 34) zeigt.

Diese Geschichte ist besonders grausam, weil Israel hier dem kanaanitischen Fremdvolk gegenüber wortbrüchig wird. Israels Wortführer hatten den Männern aus Sichem versprochen, sie zu verschonen, wenn sie das Bundeszeichen an sich vollziehen und sich beschneiden lassen würden. Doch sobald ihre kampffähigen Männer infolge dieser Operation im Wundfieber lagen, fielen die Israeliten über sie her und töteten sie bis auf den letzten Mann.

Geht man so mit einem Bundeszeichen um? Was hier im Namen des Heiligen geschieht, kann man nicht anders denn als Barbarei bezeichnen, vom Wort- und Vertrauensbruch ganz zu schweigen.

Gegenwärtig werden uns im Internet Bilder und Kurzfilme gezeigt, auf denen der (be-)schneidende Rabbiner nach vollzogener Tat mit seinem Mund das Blut von der Wunde des Säuglings direkt absaugt und dabei nicht selten in einen Freudentaumel gerät. Doch ist Freude hier wirklich angebracht?! Einem winzigen Baby, das gar nicht weiß wie ihm geschieht, an der empfindlichsten Stelle seines Geschlechtsteils einen solch bestialischen Schmerz zuzufügen, zeugt eher von beispielloser Grausamkeit und Gefühllosigkeit.

Ich habe den Bericht einer jordanischen Mutter gelesen, die sich nach der Beschneidung ihres zweijährigen Sohnes die größten Vorwürfe gemacht hat und sich vorgenommen hat, keinen ihrer Söhne je wieder einer solchen Qual auszusetzen. Das Ausmaß der Pein, so gab sie unumwunden zu, sei ihr vorher nicht bewusst gewesen.

Auch der Vertrauensbruch zwischen Mutter (oder Vater) und Kind, der bei solchen Handlungen entsteht, die eigentlich einer Folter gleichkommen, sollte mit bedacht und nicht gering geschätzt werden. Wie soll ein Kind je wieder einem nahen Menschen vertrauen, der es solchen Qualen ausgesetzt hat, dazu noch in einem vorbewussten Zustand, an den es nie wieder herankommen wird, es sei denn durch Hypnose.

Da nutzt auch die Tatsache nichts, dass heutzutage die Beschneidung manchmal erst an älteren, fünf- oder sogar dreizehnjährigen Jungen vollzogen und der Tag als Festtag ausgerufen wird, an dem der Junge, wie ein Prinz gekleidet, auf einen Sockel gesetzt und verehrt wird. Er selbst, der apathisch im Wundfieber zusehen muss, wie die anderen sich freuen und um ihn herum tanzen, hat ohnehin nichts von seinem angeblich höchsten Feiertag. Allenfalls bleibt ihm der Triumph, dass seine Schwestern, so welche da sind, so ein Fest niemals erleben werden.

Was aber bleibt als seelische Narbe zurück? Bei jedem späteren liebevollen Zusammensein mit einer Frau wird so ein Mann zwangsläufig an diese Verwundung erinnert, die nicht zuletzt seine Empfindsamkeit bei Berührungen herabsetzt. Dass er dabei an den eigentlichen Urschmerz nicht mehr herankommt, macht seine Gefühlslage sicher nicht besser.

Sollte der Schluss erlaubt sein, dass eine so frühe Verhärtung an seinem Lust- und Liebesorgan auch eine seelische Verhärtung mit sich bringen kann, ein sich nicht wirklich Einlassen können auf Erotik und liebevolle Gefühle, was vielleicht sogar als der Zweck der ganzen Übung angesehen werden darf?

Man nennt es nicht einmal Liebe

Ist es ein Zufall, wenn wir im gesamten Alten (und eigentlich auch im Neuen) Testament keine einzige Schilderung einer gelungenen Liebesbeziehung zwischen Männern und Frauen finden? Was wir dagegen entdecken, sind Beziehungen, die zwar gern mit dem Wort Liebe ummäntelt werden, die sich bei genauerem Hinsehen für Frauen jedoch als eher demütigend erweisen.

Schon das Beispiel der Levirats- oder Schwagerehe, die übrigens bis heute unter orthodoxen Juden praktiziert wird, zeigt die Richtung an, in die es gehen soll: Die Produktion von Söhnen, und davon so viele wie möglich.

In der Praxis sah und sieht es so aus: Stirbt ein Mann und hinterlässt eine kinderlose (und das meint sohneslose) Frau, so ist der nächstälteste, ledige Bruder verpflichtet, dessen Ehefrau zu heiraten. Der erste Sohn, der diesem Ehepaar geboren wird, wird jedoch zum Erben des Verstorbenen erklärt. Somit geht der Schwager und jetzige Ehemann der Frau zunächst leer aus. Erst der zweite Sohn „gehört“ dann ihm.

Diesen Vorgang möchte ich an der Geschichte der Tamar, wie sie uns in Gen 38 erzählt wird, ausführlicher erläutern, denn ausgerechnet diese Frau gehört zu den wenigen (vier), die im sog. Stammbaum Jesu zu Beginn des Matthäusevangeliums erwähnt werden. Wobei die pikante Note bleibt, dass hier der Stammbaum Josefs zitiert wird, der ausdrücklich nicht der Vater Jesu sein soll …!

Doch zurück zu Tamar. Sie heiratet zunächst den ältesten Sohn Juda‘s mit Namen Oer. Als vierter Sohn Jakobs wird Juda zum späteren Stammvater der Juden in Judäa ernannt werden. Oer jedoch wird von Gottes Hand getötet, weil er, wie es heißt, „böse in seinem Herzen“ war. Nach dem Gesetz der Leviratsehe wird Tamar nun mit Onan, dem zweiten Sohn Juda‘s verheiratet. Onan jedoch ist aufsässig. Er hat, bildlich gesprochen, keine Lust, den Acker seines Bruders zu bestellen und seinen zukünftigen Erstgeborenen gleich wieder zu verlieren. Folglich lässt er beim ehelichen Beisammensein seinen Samen daneben laufen. Mit diesem Verhalten wiederum erregt auch er den Zorn seines Gottes, der daraufhin beschließt, auch diesen zweiten Sohn Juda’s zu töten. (Dass unser Wort Onanie für die Selbstbefriedigung ausgerechnet von diesem Namen abgeleitet wird, ist ein weiterer Treppenwitz der Geschichte).

Onan stirbt also auf Gottes Geheiß, und Juda‘s Schwiegertochter wird zum zweiten Male Witwe. Nun müsste eigentlich der dritte Sohn, Sela, die Leviratsehe eingehen, doch sein Vater hält ihn vorerst zurück. Zum einen ist er zu jung für eine Ehe, zum anderen geht inzwischen im Dorf das Gerücht um, Tamar trage selbst Schuld am plötzlichen Tod ihrer beiden Ehemänner, sprich man beginnt den Verdacht zu hegen, sie sei vielleicht eine gefährliche Hexe.

Die Jahre ziehen ins Land, und noch immer bleibt die Witwe allein. Als sie eines Tages von ihrem Schwiegervater den rechtmäßigen Ehemann erbitten will, wird sie von ihm brüsk zurückgestoßen. Da ein anderer Mann sie unter solchen Umständen erst recht nicht heiraten wird, greift Tamar zur List:

Als zur Zeit der Schafschur auch Juda mit seinen Tieren in die Stadt strebt, schlägt seine Schwiegertochter mit verhülltem Gesicht am Wegesrand ein Zelt auf und gibt sich als Hure aus. Der Plan geht auf, und Juda besucht sie in ihrem Zelt. Als Geschenk für diese Nacht erbittet Tamar sich Hirtenstab und Siegelring ihres Schwiegervaters, den keine Ahnung beschleicht, mit wem er gerade das Lager geteilt hat. Er händigt ihr beide Gegenstände aus, und sie bricht nach getaner Tat ihr Zelt wieder ab.

Als sie nach geraumer Zeit sichtbar schwanger wird, ist Juda der erste, der unbarmherzig den Stab über sie bricht. Eine Frau, die den Vater ihres Kindes nicht nennen kann, muss nach dem mosaischen Gesetz unerbittlich durch Steinigung zu Tode gebracht werden (in islamischen Ländern ist das bis heute gang und gäbe).

Kurz bevor die Steinigung vollzogen werden soll, spielt Tamar vor aller Augen ihren Trumpf aus und fragt, wem Stab und Ring gehören, die sie in der Hand hält. Nun ist ihr Schwiegervater der Blamierte und muss die Witwe seiner beiden Söhne wohl oder übel selbst zur Frau nehmen. Sie bringt hernach männliche Zwillinge auf die Welt, von denen der eine, mit Namen Perez, als einer der Stammväter Israels gilt.

Welche Frau sonst noch hat es in den besagten Stammbaum geschafft? Da wäre als erste Rahab zu nennen, auch eine Hure, deren heilsgeschichtlicher Verdienst darin besteht, dass sie laut Josua 2 die beiden Kundschafter des Gottesvolkes in Jericho bei sich aufgenommen hat, womit sie indirekt zum Gewinn jener gloriosen Schlacht von Jericho („Joshua fi‘t the battle of Jericho“) beigetragen hat, in deren Verlauf Joshua die Mauern der Stadt mit Trompetenschall zu Fall gebracht haben soll. Auf diese Weise wurde ein entscheidender Sieg auf dem Weg der Landnahme Israels errungen.

(Dass Jericho um diese Zeit herum gar nicht besiedelt war, somit auch keine Stadtmauern fallen konnten, tut hierbei nichts zur Sache. Wer Heilsgeschichte schreiben will, sollte nicht kleinlich sein. Der Monotheismus war zu jener Zeit ja ebenfalls eher Wunsch als Wirklichkeit, wie wir noch sehen werden.)

Als dritte Frau im „Stammbaum Jesu“ finden wir Batseba, der auch ein trauriges Schicksal beschieden ist. Schließlich ist da als vierte im Bunde noch Ruth, die sich gleichsam zur Hure machen muss, damit sie ihre Rechte als Frau durchsetzen kann, was auf juristischem Wege offensichtlich nicht möglich war.

Obgleich es feministische Autorinnen gibt, die selbst bei diesen Geschichten noch von „Gottes starken Frauen“ schwärmen, kann ich ihnen beim besten Willen nicht zustimmen. Soll man es wirklich als Stärke bejubeln, wenn eine Frau sich erst zur Hure herabwürdigen muss, um ihr gutes Recht zu erwirken, oder wirft nicht gerade das ein erbärmliches Licht auf den Zustand einer Gesellschaft, in der Frauen vom ersten Tag der Formulierung einer Schöpfungsgeschichte, in der die Grundlagen dieser Gesellschaft umrissen werden, unter der Kategorie Sachwert verbucht werden?

So wie Tamar handelt, wenn auch aus ihrer Sicht durchaus verständlich (aber geht es dabei überhaupt um ihre Sicht?), muss sie sich selbst zum Gebrauchsgegenstand ihres Schwiegervaters machen, noch dazu in der erniedrigendsten Weise, die für Frauen überhaupt vorstellbar ist. Derjenige, der die Geschichte erzählt, hat ganz offensichtlich nur deren Ergebnis im Blick: den Fortgang der Heilsgeschichte. Doch heiligt der Zweck wirklich jedes Mittel? Und ist es am Ende gleichgültig, wie viele Leichen den Weg dieser „Geschichte Gottes mit den Menschen“ säumen? Kann man, wie es selbst feministische Theologinnen gerne tun, bei solchen Geschichten davon schwärmen, dass Gott auch auf krummen Wegen Heil bewirken kann?

Lassen wir zunächst die Geschichte der Batseba auf uns wirken, wie sie uns in im 11. und 12. Kapitel des Buches Samuel und im ersten Buch der Könige geschildert wird, und in der sogar der berühmte Prophet Nathan der Weise ein Wörtchen mitzureden hat.

David, zu dieser Zeit bereits König in Israel und mit Michal verheiratet, beobachtet die junge Frau heimlich von seinen Gemächern aus, im Garten und beim Bade, und verliebt sich heftig in sie. Sie jedoch ist mit dem Feldherrn Urija verheiratet, was ihre Beziehung zu David nicht einfacher macht. Sie selbst wird allerdings auch gar nicht um ihre Meinung gebeten, denn wenn ein König ruft, hat eine einfache Frau aus dem Volk ohnehin keine Wahl.

Batseba wird von David schwanger, und der König hofft, seinem Feldherrn das Kind unterschieben zu können, indem er ihn dazu eigens von der Front zurück beordert. Urija jedoch bleibt, als treuer Soldat, keusch und schläft nicht mit seiner Frau. Es kommt so weit, dass David, der sein Begehren weder zügeln kann noch muss, Urija quasi umbringt, indem er befiehlt, ihn an vorderster Front einzusetzen, wo er sicher fallen wird. Der heimtückische Plan geht auf, und nun ist der Weg zu Batseba frei, die alsbald die erste Stelle in Davids Harem einnehmen wird. Der erste Sohn, der aus dieser Verbindung hervorgehen wird, stirbt jedoch kurz nach der Geburt. So vollzieht Jahwe sein Strafgericht an David, indem er sein Kind der Liebe tötet.

Wie Batseba sich dabei gefühlt haben muss, wird mit keiner Silbe erwähnt. Bis heute gibt es für Frauen kaum ein schlimmeres Trauma, als ein Kind tot auf die Welt zu bringen, oder es kurz nach der Geburt zu verlieren. Ein Wesen, das sie neun Monate lang unter dem Herzen getragen und mit dem sie sich gefühlsmäßig verbunden haben, auf dessen Erscheinen sie sich gefreut und um dessentwillen sie manch körperliche Strapaze auf sich genommen haben, nach der Geburt nicht an sich nehmen zu können, ist ein übergroßer Schmerz, doch in der Bibel vernehmen wir dazu kein Wort.

Nathan, der Weise, bespricht sich im Anschluss an die Totgeburt ausschließlich mit David, nicht mit der Mutter des Kindes. Die muss sehen, wie sie alleine mit ihrem Schmerz und ihrer Trauer zurechtkommt. Der Prophet erzählt seinem König das Gleichnis vom Lamm des Armen und dem reichen Großgrundbesitzer. Letzterer besitzt eine riesige Schafherde, wohingegen sein armer Nachbar nur ein einziges Lamm auf der Weide hütet. Als der reiche Mann ein Fest feiern will, schlachtet er nicht etwa ein eigenes Schaf, sondern nimmt das einzige Lamm des Armen und tötet es. Nathan stellt David die Frage, wie er den Fall entscheiden würde, wenn er zum Richter über den Fall bestellt wäre.

„Dieser Mann ist des Todes“, ruft der König entschieden aus, und Nathan erklärt ihm, dass er damit sein eigenes Urteil gesprochen habe. Aber nicht David selbst wird sterben, sondern der erstgeborene Sohn, den Batseba unter dem Herzen getragen hat.

Wieder muss eine Frau das Vergehen eines Mannes ausbaden, dennoch wird ihr Leid mit keiner Silbe erwähnt. Insofern der Vergleich mit dem Lamm auf sie zielt, geht es auch hier wieder nur um Besitzverschiebung unter Männern. Der Vergleich bewirkt sogar noch, dass wir letzen Endes mehr Mitleid mit Urija empfinden, dem natürlich in der Tat sehr übel mitgespielt wurde. Doch der Zweck scheint auch hier die Mittel zu heiligen, denn der zweite Sohn, den Batseba, mittlerweile rechtmäßige Königin von Israel, mit David hat, wird endlich der ersehnte Thronfolger, Salomo mit Namen, der zum weisesten König heran reift, den das Volk je gekannt hat.

Nach seinem Tod fiel das Königreich Israel in ein Nord- und ein Südreich auseinander, eine Spaltung, von der es sich niemals mehr erholen sollte. Das Nordreich behielt den Namen Israel und umfasste die Gebiete von Galiläa und Samaria, das Südreich benannte sich nach dem Stamm Juda.