Sind wir alle käuflich? - Ludwig Greven - E-Book

Sind wir alle käuflich? E-Book

Ludwig Greven

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Beschreibung

Immer neue Skandale - ob bei Landesbanken oder in der Automobilindustrie - oder die Affäre Wulff sorgen für Empörung und wachsenden Verdruss. Dabei beschränkt sich Korruption nicht nur auf Politik, Wirtschaft und öffentliche Verwaltung. Neigen wir nicht heute alle dazu, uns Vorteile zu erkaufen oder schmieren zu lassen? Weshalb breitet sich die Korruption so aus und wie können wir uns dagegen wehren? EDITION LINGEN STIFTUNG - Publikationen für politisch interessierte Bürger

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Inhalt

Einleitung

1 Das drittälteste Gewerbe

2 Die tägliche Versuchung

3 Gelegenheit schafft Freunde

4 Macht schafft Gelegenheit

5 Wenn die da oben ...

6 Hilfen unter Freunden

7 Amigos in der Politik

8 Eine Kette von Skandalen

9 Politische Landschaftspflege

10 Interessenhändler im Zwielicht

11 Gekaufte Abgeordnete

12 Mafiöse Strukturen

13 Dunkle Geschäfte

14 Das Gemeinwohl leidet

15 Einflussreiche Wohltäter

16 Abhängige Richter

17 Ein Freund der Bosse

18 Ein Stahlunternehmen als Faustpfand

19 Mit VW in den Puff

20 Bonanza für die Versicherungen

21 Wulffs Versuchung

22 Ein fingierter Hauskredit

23 Ein spezieller Filmfreund

24 Gefällige Wissenschaft

25 Gefallene Götter

26 Ritt auf dem Tiger

27 Gekaufte Wahrheiten

28 Herolde der Macht

29 Korruption schadet allen

Danksagung

Über den Autor

Impressum

Einleitung

Ein Bundespräsident muss wegen des Verdachts zurücktreten, er habe sich von einem Filmmanager bestechen lassen. Ein SPD-Kanzlerkandidat gerät in schiefes Licht, weil er gegen satte Honorare Vorträge vor Versicherungen und Banken hielt. Ärzte transplantieren Organe an der Warteliste vorbei gegen Bares. Gegen große deutsche Unternehmen wird ermittelt, weil sie für Aufträge im Ausland geschmiert haben sollen. Bayerische Landtagsabgeordnete beschäftigen jahrelang Familienangehörige ... Ist auch Deutschland inzwischen ein Korruptistan – ein Land des großen Schmierens, Kaufens und verbreiteter Günstlings- und Vetternwirtschaft?

Korruption – das war früher ein Begriff, den man vor allem mit Diktaturen, unterentwickelten Ländern und sonstigen Regionen fern im Süden oder Osten verband. „Bananenrepubliken“ eben, in denen sich Politiker bestechen lassen, in denen Beamte begehrte Papiere oder Genehmigungen nur gegen Bares aushändigen, wo man am Hotelempfang einen Geldschein über den Tresen schieben muss, um ein Zimmer zu bekommen, wo Geschäftspartner für einen Vertrag ein dickes Backschisch erwarten und wo auch sonst vieles nur läuft, wenn kräftig geschmiert wird. Kurz: wo jeder und alles käuflich zu sein scheint. Geschäftsleute, die in der Welt herumkommen, können ein Lied davon singen, genauso wie Touristen. Oft ist es lästig, aber sie wissen: Kleine oder größere Gaben an der richtigen Stelle können in solchen Ländern das Leben und das Reisen erleichtern. Oftmals geht ohne solchen Schmierstoff gar nichts.

Längst hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass Korruption keineswegs auf fremde Länder beschränkt ist. Spätestens seit der Flick-Affäre hat Deutschland in Sachen Bestechung seine Unschuld verloren. Seitdem ist den meisten klar, dass auch hierzulande Politiker durchaus käuflich sind, dass die Parteien Millionen-Spenden aus der Wirtschaft entgegennehmen und davon ihre Politik beeinflussen lassen, dass deutsche Beamte keineswegs immer so preußisch-unbestechlich sind, wie sie sein sollten, und dass auch bei hiesigen ­Unternehmen und Geschäften „Provisionen“ nicht unüblich sind, genauso wie im Sport, in den Medien oder bei Ärzten.

Eifrige Ermittler, aber auch Anti-Korruptionsorganisationen wie Transparency International und Lobby Control und die Medien haben dafür ­gesorgt, Licht in die Schattenwelt der Geber und Nehmer zu bringen und immer wieder Fälle von Bestechung und Bestechlichkeit ans Tageslicht zu bringen. Korruption gilt heute in Deutschland nicht mehr als Ausnahmeerscheinung, als Rand­phänomen einer an sich sauberen Welt der Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Sondern als ernstzunehmendes Problem.

Denn Korruption ist nicht nur ein ärgerliches, schädliches und schändliches Vergehen Einzelner. Dort, wo die Gesellschaft und die Politik keine Vorkehrung trifft, Ursachen und Möglichkeiten privater Nebengeschäfte zu Lasten der Allgemeinheit zu beseitigen, breitet sie sich aus. Und richtet nicht nur schweren finanziellen und wirtschaftlichen Schaden an, sondern untergräbt auch die gesellschaftliche Moral: Wenn manche die Hand aufhalten und andere diese füllen, haben diejenigen, die sich sich nicht auf das verbreitete Geben-und-Nehmen, Schmieren und Geschmiertwerden einlassen, das Nachsehen. Warum aber sollen sie die Dummen sein? Also lassen sie beim nächsten Mal vielleicht ebenfalls ihre Skrupel beiseite – das schlechte Beispiel steckt an. Nicht nur bei denen „da oben“, sondern auch im Alltag.

Und sind nicht einige, die Vorbilder sein sollten, auch in dieser Hinsicht das Gegenteil davon, nicht nur in der Politik, sondern auch in der sonstigen sogenannten Elite? So wie beispielsweise der Fußball-Manager Uli Hoeneß, der nicht nur Steuern hinterzogen, sondern auch für einen Sponsoren-Vertrag seines Vereins Bayern München mit einem großen Sportartikelhersteller einen Millionen-Kredit von dessen Eigner erhalten haben soll. Oder Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der bis heute im Verruf steht, als Gegenleistung für seine Hilfe beim Bau der russischen Ostsee-Gaspipeline von Kreml-Chef Wladimir Putin ein Millionen-Aufsichtsratsmandat des Staatskonzerns Gazprom erhalten zu haben.

Im öffentlichen Bewusstsein haben all diese Fälle deutliche Spuren hinterlassen. Vorbei die Zeit, als man mit Fingern nur auf andere Länder zeigte. Mittlerweile scheint bei vielen vielmehr die Ansicht zu herrschen, dass auch Deutschland eine Bananenrepublik ist. „Politiker sind alle korrupt“, „mit Geld kann man jeden kaufen“, „jeder ist empfänglich“ – solche Ansichten sind mittlerweile verbreitet.

Aber nimmt die Korruption tatsächlich zu? Nähern wir uns Verhältnissen wie in Italien oder Entwicklungsländern, wo sich Entscheidungsträger schon immer gerne kaufen ließen? Und betrifft das alles nur „die da oben“? Helfen nicht auch Normalbürger gerne mal nach, wenn es mit der Baugenehmigung nicht schnell genug vorangeht, wenn der Führerschein abgenommen zu werden droht oder ein günstiges Geschäft lockt? Kann man das vergleichen?

Oder hat sich nur – zum Glück – unser Blick geschärft? Werden heute einfach mehr Korruptionsfälle bekannt, weil Polizei, Staatsanwälte, Gerichte, aber auch die Medien und die Öffentlichkeit genauer hinsehen, weil Behörden und Unternehmen strengere Regeln erlassen haben und Mitwisser sich an eigens eingerichtete Compliance-Stellen wenden? Hat sich also im Grunde gar nicht viel geändert, außer den Maßstäben? Wird heute bereits als unzulässige Einflussnahme angeprangert, was früher als übliche Hinterzimmerpolitik, als „normale“, wenn auch windige Geschäftemacherei oder traditionelle Vetternwirtschaft hingenommen wurde?

Dieses Buch versucht, anhand konkreter Fallbeispiele, diesen Fragen nachzugehen und zu klären, wo Korruption anfängt und weshalb sie sich ausbreitet. Vor allem aber möchte es darlegen, wieso sie so gefährlich ist. Denn Korruption verändert und verdirbt nicht nur das Handeln in der Politik und der Wirtschaft. Sie wirkt wie ein schleichendes Gift, dass die Gesellschaft und das moralische Bewusstsein verdirbt.

1 Das drittälteste Gewerbe

Korruption und Bestechung, so scheint es, sind heute allgegenwärtig. Kaum ein Bereich, der nicht davon infiziert ist. Und kaum ein Amtsträger, Beamter und Politiker, dem man noch zutraut, dagegen grundsätzlich immun zu sein. Von der Wirtschaft ganz zu schweigen. Geht man allein nach den Skandalen der vergangenen Monate und Jahre, könnte man den Eindruck gewinnen, Politik, Sport, die Medien und selbst das Gesundheitswesen seien auch in Deutschland inzwischen weitgehend verfilzt. Große Unternehmen geraten in die Schlagzeilen, weil sie Aufträge im Ausland erkauft haben sollen. Ein zurückgetretener Bundespräsident wird unter Anklage gestellt, weil er sich von einem Filmfreund zu einer Oktoberfest-Sause einladen ließ und ihm dafür gefällig gewesen sein soll. Ein Stuttgarter CDU-Ministerpräsident soll den Milliarden-Rückkauf eines Atomstromkonzerns mit einem befreundeten Investmentbanker eingefädelt haben, zum Schaden des Landes. Bayerische Landtagspolitiker und Minister haben über Jahrzehnte Verwandte beschäftigt.

Ärzte transplantieren an der Warteliste vorbei Organe gegen Bares. Versicherungen laden ihre Vertreter als Dankeschön für erfolgreiche Abschlüsse zu Lustreisen ein. Sportfunktionäre geraten in Verdacht, im Dienst von Sponsoren und für ihr eigenes Wohlleben beim offensichtlichen Doping wegzuschauen und Großveranstaltungen an den Bestzahlenden zu vergeben. Journalisten, die gerne mit Fingern auf andere zeigen, lassen sich offenbar auch verführen, wenn schöne Reisen, dicke Anzeigen oder sonstige Vergünstigungen locken ...

Sind heute alle korrupt? Die Anzeichen sind in der Tat alarmierend, und sie geben zu erheblicher Sorge Anlass. Denn selbst wenn sich am Ende nicht alle Fälle von Filz, Durchstechereien, Vetternwirtschaft oder Parteibuchwirtschaft als tatsächlich verwerfliche Vergehen oder gar Straftaten erweisen: Allein der Anschein, dass es in der Politik und Verwaltung, in Staatsbetrieben und privaten Unternehmen, in Verbänden oder den Medien immer seltener mit rechten Dingen zugeht und heimliche Geldgeber im Hintergrund die Fäden ziehen, stärkt das Misstrauen gegen Entscheidungsträger aller Art und mindert den Widerstand gegen die alltägliche Versuchung, es denen nachzutun, die meinen, sich alles kaufen zu können – an Gesetz, Moral und Gemeinwohl vorbei.

Der Verdruss der Bürger über „die da oben“ wächst und trägt dazu bei, dass immer weniger zur Wahl gehen und Politikern, aber auch Managern, Gewerkschaftschefs und auch Journalisten vertrauen. Das Ansehen gesellschaftlicher Institutionen geht vor die Hunde, weil immer mehr Menschen überzeugt sind, Geld alleine regiere die Welt – im Großen wie im Kleinen. Und erst recht im Dunkeln.

Übersehen wird dabei leicht, dass Korruption keineswegs ein neues oder heute unbedingt besonders verbreitetes Phänomen ist. Tatsächlich trieben es Mächtige und ihre Diener und Höflinge in früheren Zeit wohl noch viel ärger, zum eigenen Nutzen und Frommen und ohne jeden Skrupel. Geändert haben sich freilich und zum Glück die Maßstäbe. Die Öffentlichkeit schaut wesentlich genauer hin. Sie lässt vieles nicht mehr durchgehen, worüber vor nicht langer Zeit noch der Mantel des Schweigens gehüllt wurde. Was ehedem und noch bis in die 1980er Jahre vielfach als „üblich“ und legitim galt und in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern immer noch zum Alltag gehört, nämlich sich Pfründe zu sichern, sich am Staat oder Arbeitgeber zu bereichern und sich ­politische Entscheidungsträger, Verwaltungsentscheidungen oder Aufstiegschancen zu kaufen, wird heutzutage aus gutem Grund verpönt, geächtet, verfolgt. Wenn man die Geber und Empfänger entdeckt und überführt, werden sie bestraft – durch Gerichte und in prominenten Fällen durch öffentlichen Skandal, was noch viel schwerer wiegen kann.

Das war in der Geschichte längst nicht immer so, und es ist in vielen Ländern bis heute nicht so, nicht nur in der sogenannten Dritten Welt. Schon im alten Ägypten im zweiten Jahrtausend vor Christus gab es Priester, die sich als Richter von Beschuldigten schmieren ließen, obwohl darauf die Todesstrafe stand. Bei Griechen und Römern war es in der Antike üblich, dass Kandidaten für Senatorenposten und andere öffentliche Ämter Stimmen kauften. „Pecunia non olet“, Geld stinkt nicht, wusste der römische Kaiser Vespasian. Er bezog das auf eine Steuer, die er auf öffentliche Latrinen eingeführt hatte, zum Nutzen der Gerber und zum Unwillen der Bürger. Überliefert hat sich die Redewendung seitdem als Ausdruck dafür, dass man es Geld nicht anmerkt, woher es kommt, selbst wenn es aus anrüchigen Geschäften oder Verbindungen stammt.

Auch danach war die Geschichte Europas, besonders im Mittelalter, aber auch noch bis in die Neuzeit, geprägt von Günstlingswirtschaft, gegenseitigen Abhängigkeiten und Patronage. Die Vasallen, Bauern und Handwerker mussten sich die Gunst ihrer Ritter, Lehnsherren und Zunftoberen auf vielfache Weise erkaufen. Die Adligen und weniger Adligen wiederum standen in der Schuld ihrer Fürsten, Könige und Kaiser. Beamte, Richter und sonstige Staatsdiener, hielten häufig die Hand auf. Recht oder einen Posten bekam, wer am meisten zahlen konnte.

Selbst die Kirche war dagegen nicht gefeit. Martin Luther wurde zum großen Reformator auch deswegen, weil das Schachern prassender Bischöfe und Ordensleute, die Sündenerlass gegen Spenden versprachen, seinen Zorn erregte. „Wenn der Taler im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ – dieses Motto war Sinnbild für die Korruptheit einer verkommenen ständischen, klerikalen Gesellschaft, die die kleinen Leute in ihren eisernen Klauen hielt und in der sich die Oberen so gut wie alles erlauben konnten.

Das Idealbild einer rationalen, korrekten öffentlichen Verwaltung und des untadeligen, unbestechlichen, nur dem Recht und seinen Vorschriften verpflichteten Beamten ist erst relativ jungen Datums. Es entstand mit dem Aufkommen aufgeklärter Monarchen, in Deutschland verkörpert im Preußentum, und mit dem Übergang von der Feudalwirtschaft zur kapitalistischen Industriegesellschaft. Der preußische Beamte und später der vom Volk gewählte Abgeordnete sollten wie die Minister und Regierenden nicht mehr einem Herren dienen, sondern der öffentlichen Ordnung, zum Wohlergehen aller.

Heute heißt die Devise: Ein moderner Staat, erst recht ein demokratischer, und eine moderne Wirtschaft brauchen Entscheidungsträger in der Politik wie in der Verwaltung, die niemandem hörig sind, die sich von niemandem unzulässig beeinflussen lassen und die sich nicht an Einzel- und Profitinteressen orientieren, sondern einzig am Gemeinwohl.

Weshalb aber bleibt die Wirklichkeit oft so weit hinter diesem Ideal zurück? Weshalb kann man den Eindruck gewinnen, wir seien auf dem Weg zurück in schlechte alte Zeiten oder in noch schlechtere neue? Die folgenden Kapitel sollen dafür einige Erklärungen liefern. Der zweite Teil des Buchs schildert anhand zahlreicher Beispiele, wie Korruption die Fundamente der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik untergräbt.

2 Die tägliche Versuchung

Vielleicht jagen wir ja einem falschen Ideal hinterher. Wahrscheinlich ist es eine naive Vorstellung, ja ein unerfüllbarer Traum, dass jeder grundsätzlich unbestechlich sein sollte: ein von Natur „guter Mensch“, der nicht ausschließlich an seinen eigenen Profit denkt, sondern das Wohl der Gemeinschaft an oberste Stelle setzt und stets Fairness und Anstand walten lässt. „Aber die Verhältnisse, die sind nicht so“, wusste schon der gesellschaftskritische Dichter Bertolt Brecht. Der Mensch ist nicht unbedingt des Menschen Wolf, wie das Gegenbild lautet. Jedoch in der Regel auch kein Heiliger. Keiner, der in jedem Fall eine Chance ungenutzt ließe, zumindest hin und wieder ein wenig die Regeln und Gesetze zu brechen, um sich still und heimlich einen Vorteil zu erschleichen im alltäglichen Wettbewerb des Lebens, wenn es doch vermeintlich oder tatsächlich keiner merkt, und wenn es doch angeblich alle so machen.

Womöglich ist also der allzeit korrekt handelnde Mensch, insbesondere der „preußische“ Beamte und der unbestechliche Politiker, eher ein Ausnahme- und Auslaufmodell. Und nicht der Regelfall, an dem sich Moral und Gesetze orientieren.

Bei Unternehmern und Managern nimmt das ohnehin kaum jemand an. Denn die sind systembedingt nur dem eigenen Profitinteresse verpflichtet und nicht einer gesellschaftlichen Norm. Dass die heimliche, segnende Hand des Marktes aus ihren egoistischen Entscheidungen und Handlungen dann den größtmöglichen Gewinn für alle zaubert, wie einst Adam Smith postulierte und nach dem Krieg Ludwig Erhard und andere Apologeten der sozialen Marktwirtschaft propagierten, hat sich nicht erst seit der großen Krise eines unkontrollierten Finanzkapitalismus als Illusion herausgestellt.

Und ist nicht heute jeder ein Unternehmer seiner selbst? Muss sich nicht jeder, ob Arbeitnehmer, Wirtschaftslenker, Beamter oder Politiker, in unserer globalisierten Wettbewerbsgesellschaft gegen Konkurrenten durchsetzen, die überall lauern? Notfalls mit weit ausgefahrenen Ellenbogen. Ohne Rücksicht auf andere und angeblich überholte ethische Spielregeln, die genau das eigentlich verbieten? Wer war nicht schon einmal in der Versuchung, einem Hotelpagen einen Schein zuzustecken, um im wohlverdienten Urlaub ein besseres Zimmer zu bekommen, oder einem Kellner ein dickes Trinkgeld zu geben, um einen freien Tisch zu ergattern, vorbei an der Schlange der anderen wartenden Gäste? Wer hat nicht schon mal gemauschelt oder sein „Vitamin B“ spielen lassen, um eine begehrte Stelle zu erhalten oder einen Karrieresprung zu schaffen, selbst wenn er oder sie gar nicht besonders geeignet oder überhaupt nicht an der Reihe war? Wer hat nicht schon einmal einem Handwerker eine Sonderzahlung versprochen, damit er sofort kommt? Und wer hat nicht zumindest daran gedacht, einem störrischen, sturen Beamten ein kleines „Dankeschön“ zu geben, damit er die erforderliche Genehmigung erteilt ohne längere Wartezeit? Einem Lehrer eine kleine „Aufmerksamkeit“, damit er das eigene Kind trotz schlechter Noten versetzt oder ihm eine bessere Note gibt? Oder einem Polizisten, damit er kein Strafmandat für Falschparken oder Rasen ausstellt? Und wer hat ihnen nicht schon einmal, wenn alles andere nicht hilft, mit „guten Beziehungen nach oben“ oder einer Dienstaufsichtsbeschwerde gedroht, falls er anders nicht weiterkam?

Und da sollen Beamte, Abgeordnete oder Minister besonders integer sein und solchen Versuchungen immerzu widerstehen? Sind sie nicht auch „nur Menschen“, wie es dann oft entschuldigend heißt, von ihnen selbst oder ihren Verteidigern? Wer werfe den ersten Stein?

Womöglich ist also unser Leitbild realititätsfern und deshalb falsch. Vielleicht gibt es den unbestechlichen Menschen gar nicht oder zumindest nur als exotisches Exemplar. Erst recht in der heutigen Zeit. Dann wäre Korrumpierbarkeit und Korruption der Normalfall, ob im Kleinen oder im Großen. Und erklärungsbedürftig wäre eher, warum sich jemand nicht bestechen lässt.

Soziologen und Kriminologen sind allerdings inzwischen der Ansicht, dass es auf die psychologischen, menschlichen Aspekte gar nicht so sehr ankommt. Wenn im Grunde jeder oder doch fast jeder im Prinzip bestechlich ist, dann besteht vielmehr die Frage, welche Umstände und welche gesellschaftlichen Verhältnisse die tatsächliche Korruption verursachen und was sie verhindern kann. Was bringt den Einzelnen, ob einfacher Bürger, Mitarbeiter im öffentlichen Dienst oder ökonomisch und politisch Mächtige, dazu, den Versuchungen zu erliegen und sich kaufen zu lassen oder andere zu kaufen?

3 Gelegenheit schafft Freunde

Nicht immer wechseln Bargeld oder ein Scheck den Besitzer, wird Geld auf geheime Konten im Ausland transferiert, wenn es gilt, eine unsaubere Abmachung zu Lasten des Staates und der Steuerzahler, von Konkurrenten und anderer Bewerber einzufädeln. Oft sind es kleine oder größere Gefälligkeiten, Einladungen, Kontaktvermittlungen oder Spenden, die als Gegenleistungen für einen Auftrag, eine Genehmigung, eine politische Entscheidung oder auch nur eine wohlwollende Behandlung erbracht werden.

In der Regel wäscht eine Hand die andere im Verborgenen. Denn wenn der schmierige Deal bekannt wird, ist der erkaufte Vorteil dahin, werden Bestecher und Bestochener an den Pranger oder vor Gericht gestellt, wenn sie gegen Gesetze verstoßen haben. Aber die Hemmschwelle nimmt ab, klagen Fachleute, die die Ausbreitung der Korruption und ihrer vielen Unterformen seit Langem beobachten, ohne ihr Einhalt gebieten zu können.

Zu groß ist die Versuchung auf beiden Seiten: bei denen, die sich einen Vorteil versprechen, wenn sie sich Entscheidungsträger gefügig machen und für ihre Wünsche und Interessen einspannen. Und bei denen auf der anderen Seite, die eine Chance sehen, neben ihrem normalen Salär sich ein angenehmes Leben zu ermöglichen, das sie sich auf ehrliche Weise womöglich niemals leisten könnten.Korruption schafft dabei immer eine dauerhafte Abhängigkeit, sie macht beide erpressbar, den Bestochenen wie den Bestecher. Beide müssen fortan mit der Angst leben, erwischt zu werden, wenn ihre Vorteilsnahme auf Gegenseitigkeit nicht im Dunkeln bleibt. Das verbindet.

Korruptives Verhalten zerstört so den Charakter. Wenn es Erfolg hat, schreit es nach Wiederholung. Warum auf ehrlichem, mühsamem Wege versuchen, eine Baugenehmigung oder ein Gesetz, eine Stelle oder eine ärztliche Behandlung, ein Visum oder eine Wohnung, das Fallenlassen einer Anzeige oder eines Strafverfahrens zu erreichen, wenn es mit ein bisschen Schmiermittel viel leichter und schneller geht? Und wenn es einmal geklappt hat, weshalb es dann nicht auch an anderer Stelle weiter probieren? Schließlich stoßen solche unmoralischen Angebote immer häufiger auf offene Ohren, ja, nicht selten werden „Vorleistungen“ von Beamten, Anwälten, Abgeordneten, Maklern, Handwerkern, Lieferanten und Auftraggebern inzwischen nicht nur „erwartet“, sondern offen eingefordert, bevor sie tätig werden. Selbst Menschen, denen solche Durchstechereien zuwider sind, werden irgendwann nachgeben, wenn sie auf korrektem, legalem Weg nicht weiterkommen.

Es ist ein schleichendes Gift, klagen Fachleute und Ermittler seit vielen Jahren, das die Gesellschaft durchsetzt und vor kaum einer Barriere halt macht. Schlagzeilen machen Mauscheleien und Schmiergeldskandale, wenn Politiker, Manager, Gewerkschaftsführer und andere Prominente darin verwickelt sind, wie zuletzt die Fälle von Christian Wulff und des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus, der den Rückkauf eines Atomstromkonzerns mit einem alten Parteikumpel eingefädelt hatte.

Das Publikum wendet sich mit Grausen ab. Es sollte sich aber auch an die eigene Nase fassen. Sind die einfachen Bürger, die sich über käufliche Politiker und schmierende Großkopferte erregen, alle so viel besser? Würden sie, kämen sie in die entsprechenden Positionen, sauber bleiben? Sind wird es in unserem Alltag?

Geld ist heute in unserer Gesellschaft das universelle Schmiermittel. Es hält die Wirtschaft am Laufen, es wird in Billionenhöhe von Banken und Spekulanten auf den internationalen Finanzmärkten in Sekundenbruchteilen über den ganzen Globus bewegt, und es ermöglicht Politikern Wohltaten zwecks Wiederwahl zu verteilen, selbst wenn eigentlich gar keins im Staatshaushalt oder in der Gemeindekasse mehr da ist. Geld erleichtert den Austausch von Waren und Dienstleistungen selbst im Internet, in digitaler, virtueller Form. Und es kann dort schmieren, wo es hakt und knirrscht. Beim störrischen Kellner, der einem keinen Tisch geben will; beim Monteur, der ohne Extrazahlung nicht kommen würde; bei der örtlichen Zeitung, die nur gegen eine Anzeige einen netten Artikel über das gerade neu eröffnete Geschäft oder Lokal veröffentlicht; oder gar beim Lehrer, der nach einem kleinen Präsent den Kindern plötzlich bessere Noten gibt.

Wem ist ein solches diskretes Angebot nicht schon einmal unterbreitet worden? Und wer wäre – Hand aufs Herz – dagegen immer gefeit? Merkt doch keiner! Andere machen das doch auch! Warum soll gerade ich immer der dumme Ehrliche sein, wie der TV-Moderator Ulrich Wickert schon vor Jahren schrieb?

Denn wir leben nun einmal in einer kalten, kapitalistischen Welt. Die meisten Dinge sind knapp, heute meist auch die Zeit. Wer möchte sich schon geduldig anstellen, nur um am Ende abgewiesen zu werden, wenn diskrete Gunsterweise auf direktem, wenn auch krummem Weg zum Ziel führen.

4 Macht schafft Gelegenheit

Fälle von Bestechlichkeit und Korruption, von Vetternwirtschaft und Parteienfilz, stoßen regelmäßig auf große Empörung. Sie bestätigen auch die Sicht vieler Bürger, dass „die da oben“, die Politiker, Manager und sonst wie Mächtigen, nur an ihr Wohl, aber nicht an das der Gemeinschaft denken, dass sie die Gesetze biegen und ihnen die Moral völlig egal ist. Schon der bloße Verdacht, dass sich da einer mal wieder unrechtmäßig bereichert und bei Freunden bedient hat, fördert lange gehegte Vorurteile und bestärkt den Verdruss über die sogenannten Eliten.

Der Volkszorn über die „Selbstbedienung“ der herrschenden Klasse offenbart in manchen Fällen womöglich aber auch noch etwas anderes: ein schlechtes Gewissen, ja vielleicht sogar ein Erschrecken des Bürgers über sich selbst. Hat er nicht im Stillen sogar ein wenig Verständnis für den ertappten Schmiergeldsünder; den Abgeordneten, der sich von einem Interessenverband bezahlen lässt; den Minister, der nur durch Patronage nach oben kam; oder den Lobbyisten, der Politiker für sich einspannt? Würde er es, falls er die Gelegenheit dazu hätte, nicht unter Umständen genauso machen? Nicht selten schwingt deshalb in der Empörung auch so etwas wie Neid mit und Ärger, dass man selber nicht in einer Position ist, andere für sich einzuspannen und Entscheidungen im Job, im Alltag oder auch in der Politik, falls notwendig mit mehr oder weniger sanftem Druck zu beeinflussen.

Im Bayerischen drückt sich diese zwiespältige Regung in dem halb angewiderten, halb anerkennenden Ausruf aus: „A Hund is er scho!“, wobei die heimliche Bewunderung nicht selten überwiegt. In Filmen, besonders in Krimis und Actionfilmen, sind oft die Bösen die faszinierenden Figuren. Der Zuschauer erkennt sich in ihnen wieder, oder zumindest seine eigenen dunklen Seiten. Voller Schauder erkennt er im Geheimen, dass er selber manchmal auch ganz gerne böse wäre, sich auch einmal über die Regeln im Straßenverkehr und im menschlichen Umgang hinwegsetzen möchte wie der finstere Held im Kino oder Fernsehen. Aber natürlich siegt am Ende in den allermeisten Fällen das Gute. Im Film wie im eigenen Leben.

Und doch bleibt der Kitzel. „Ein böser Mensch, ja wer wäre das nicht gerne“, könnte man in Umkehr einer berühmten Liedzeile von Bertolt Brecht und Kurt Weill formulieren – wenigstens für einen Augenblick. „Doch die Verhältnisse, die sind nicht so“, heißt es dort weiter. In die Realität übersetzt bedeutet das: Den meisten Menschen fehlen schlicht die Möglichkeiten, sich in gleicher Weise wie Mächtige in der Politik oder Wirtschaft Entscheidungen, und seien sie für sie selber noch so wichtig, zu kaufen. Und es fehlt ihnen wohl in der Regel, zum Glück, auch dafür die nötige Skrupellosigkeit.

Deshalb bleibt den meisten gar nichts anderes übrig, ob sie es wollen oder nicht, sich an die Gesetze und die Spielregeln der Gesellschaft zu halten. Denn wer wenig Einfluss, Geld und Macht hat, der kann sie auch nicht dazu verwenden, sie für sich und gegen andere einzusetzen. Aber ist er deswegen von vornherein ein besserer Mensch?

Umso wütender beobachten die Ohnmächtigen, wenn andere, die über solche Ressourcen verfügen, sie für sich ausnutzen und sich über die menschliche Grundregel hinwegsetzen, die es verbietet, sich ungerechtfertigte Vorteile zu verschaffen oder gar zu erkaufen. Kanzler, Minister und Abgeordnete verfügen nicht nur über ihnen vom Wähler verliehene Macht. Sie entscheiden auch über Karrieren, über die Chancen von anderen, von (Partei-)Freunden und Gegnern, von Unternehmen, Banken und Versicherungen, über milliardenschwere Investitionen und Anschaffungen, über den Haushalt und nicht zuletzt auch über die eigene Bezahlung und Versorgung. Und sie entscheiden auch über die Gesetze, die Regeln auch in der Politik bestimmen.

Bei Unternehmern und Managern ist das nicht viel anders. Auch sie entscheiden über das Wohl und Wehe ihrer Firmen und Beschäftigten, über Produkte, Investitionen und Verträge mit anderen Unternehmen, über Karrieren oder deren Ende, oft auch über die Regeln der eigenen Unternehmensführung und bisweilen auch über ihre eigene Bezahlung.

Wer Macht besitzt, egal wo, strebt jedoch erfahrungsgemäß danach, sie abzusichern und zu verteidigen und wenn möglich auszubauen. Mit allen Privilegien, die dazu gehören. Natürlich werden das die meisten Politiker und Manager von sich weisen und beteuern, dass sie nur das Beste für die Wähler und ihr Unternehmen wollen und dass sie sich selbst zuvorderst „in den Dienst der Sache stellen“. Für viele, wenn nicht gar die meisten, mag das sogar zutreffen. Aber die Versuchung ist groß, sich über die Gesetze und Normen hinwegzusetzen und sie zu unterlaufen, wenn es um die Macht und die eigenen Vorteile geht. Die Selbstrechtfertigung, dass man dies ja nur tue, um einem höherem Zweck zu dienen, mag das für sich selbst erleichtern. Denn wer würde schon sich oder gar anderen eingestehen, dass er als Politiker, Beamter oder Manager in erster Linie an sich selbst und erst danach an das Gemeinwohl und das der Bürger, des Unternehmens oder der Beschäftigten denkt?

Und wer viel Macht hat, kann sich auch am leichtesten über die Regeln hinwegsetzen. Dem einfachen Bürger, Angestellten, Leistungsempfänger, Verbraucher, Kunden und Wähler fehlt dagegen in der Regel die Möglichkeit dazu. Sie bestimmen nicht die Gesetze, ihnen schaut man genauer auf die Finger, sie finden auch seltener – so sehen sie es zumindest selber – Gnade bei Ermittlern oder vor Gericht. Wer aber an den Schalthebeln der Macht sitzt, oder im Umfeld der Mächtigen, kann vielfältige Wege ausnutzen, um seine Interessen, Wünsche und eigenen Vorteile durchzusetzen. Oft reicht dazu schon eine leise Drohung, zum Beispiel dass ein widerspenstiger Abgeordneter bei der nächsten Wahl nicht wieder aufgestellt wird; dass man als Verband der jeweiligen Partei keine Spenden mehr zahlen wird, wenn sie ein Gesetz nicht ändert oder verhindert; dass ein Unternehmen den Auftrag nicht erhält, wenn es sich nicht „erkenntlich“ zeigt.