Singapur – oder tödliche Tropen - Volker Schult - E-Book

Singapur – oder tödliche Tropen E-Book

Volker Schult

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Beschreibung

1899. Das deutsche Kanonenboot Iltis unter Kapitän Kurz ist auf dem Weg nach Tsingtau in China. Sein Geheimauftrag, der Deutschland und England in einen Krieg stürzen kann, führt ihn auf die malaiische Halbinsel und nach Singapur. Dort gerät er in eine Welt voller Exotik und Erotik, aber auch voller Geheimnisse und Gefahren. Die Engländer wollen um jeden Preis an den Geheimplan kommen, ein Chinesenclan will die Familienehre sühnen, eine junge Frau erfährt eine kurze Liebe. Im Strudel dieser dramatischen Ereignisse muss Wilhelm Kurz um sein Leben kämpfen. - Volker Schult, 1960 geboren, studierte Englisch und Geschichte. Er promovierte in Südostasienwissenschaften und war an verschiedenen deutschen Auslandsschulen als Lehrer und Schulleiter tätig. Schult veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Zuletzt erschien 2016 im Engelsdorfer Verlag (zusammen mit B. Siever und I. Claussen) der historische Roman »Tödlicher Orient«.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Volker Schult, 1960 geboren, studierte Englisch und Geschichte.

Er promovierte in Südostasienwissenschaften und war an verschiedenen deutschen Auslandsschulen als Lehrer und Schulleiter tätig. Schult veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Publikationen. Zuletzt erschien 2016 im Engelsdorfer Verlag (zusammen mit B. Siever und I. Claussen) der historische Roman

„Tödlicher Orient“.

Volker Schult

SINGAPUR – ODER TÖDLICHE TROPEN

Ein Kolonialroman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverfoto „Langkawi - Inselparadis der Adler im Regenwald“ © haspil

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Der Autor

Titel

Impressum

Prolog

1. Kapitel

Insel Penang, 1899. Im Hafen von Georgetown

2. Kapitel

Insel Penang. Der Geheimauftrag

3. Kapitel

Insel Langkawi. Die Schießübungen

4. Kapitel

Straße von Malakka. Ein Gefecht mit Piraten

5. Kapitel

Nordchina. Einige Wochen vorher. Ankunft in Tsingtau

6. Kapitel

Singapur. Die ersten Eindrücke

7. Kapitel

Norddeutschland. Die Jugendfreunde

8. Kapitel

Singapur. Eine Krisensitzung im Government House

9. Kapitel

Singapur. Ein nächtliches Gespräch

10. Kapitel

Singapur. Im Kontor von Behn, Meyer & Co

11. Kapitel

Tsingtau. Auf Besichtigungstour

12. Kapitel

Singapur. Der mysteriöse Brief

13. Kapitel

Singapur. Ein gefährlicher Ausflug

14. Kapitel

Tsingtau. Das Orakel

15. Kapitel

Singapur. Das Geheimnis von Langkawi

16. Kapitel

Singapur. Der Überfall

17. Kapitel

Tsingtau. Die Fahrt in den Taifun

18. Kapitel

Singapur. Zu Ehren der Prinzessin.

19. Kapitel

Singapur. Das nächtliche Treffen

20. Kapitel

Sultanat Johor. Ein tödlicher Ausflug

21. Kapitel

Singapur. Die Opiumhöhle

22. Kapitel

Singapur. Das ersehnte Telegramm

Epilog

PROLOG

Verdammt, denkt er. Wie war das doch bloß noch? War es die tropische Hitze, der Alkohol oder die euphorische Stimmung, in der er sich nach beendetem Auftrag befand? Oder alles zusammen?

Dann das tiefblaue Meer, das Rollen der Wellen wie sie an den Strand ausliefen und die im warmen Tropenwind sich sanft biegenden Palmen. Der exotische und betörende Duft der wachsig weißen fünfzähligen Blüten der wunderschönen Frangipani.

Trotzdem, die Ereignisse, die er wie einzelne Puzzleteile vor sich sieht, ergeben kein Gesamtbild. Da kann er sich noch so anstrengen, bis Kopfschmerzen sein Gehirn martern.

Es war nachts leicht abgekühlt, nicht sonderlich stark, aber genug, um etwas Erleichterung von der tropischen Hitze zu verspüren. Eine leichte Brise bauschte das Moskitonetz und strich sanft über das Bett.

Plötzlich stand sie da, erinnert er sich. In seinem kleinen Zimmer, vor dem Moskitonetz. Nicht gerade eine ausgeprägte Schönheit, aber doch recht ansehnlich. Gewiss, ihr plattes Gesicht glich eher einer Flunder und diese strichförmigen Augen, die wie Schlitze aussahen, hatten ihn nicht sonderlich angesprochen. Aber ihre schlanke, zierliche Gestalt, die langen schwarzen Haare, ihr überraschend heller, ja fast weißer Teint und ihre kleinen festen Brüste machten den zunächst nicht allzu überwältigenden Eindruck mehr als wett.

Das war eine Überraschung, musste er zugeben. Erwartet hatte er diesen abstoßenden, dunklen, manchmal auch bronzefarbenen Teint, wie ihn die meisten Frauen in dieser gottverlassenen feuchtheißen Tropengegend haben. Er war auch so ganz anders als diese sonnengebräunte Haut der Bauernmädels zur Erntezeit in seiner norddeutschen Heimat. Dagegen stand das vorzügliche und treffliche Weiß der Bürgertöchter und der adligen Damen, letztere allerdings jenseits seiner gesellschaftlichen Stellung.

Schon wieder schweifen seine Gedanken ab. Trotz aller Anstrengungen kann er die besagte Nacht immer noch nicht vollständig rekonstruieren. Er weiß noch, wie sie sich plötzlich in seinem Bett befand, unter dem zeltartigen Moskitonetz. Und dann diese Lustschreie, die sie ausstieß, als er in sie drang. Oder waren es eher Schmerzensschreie? Doch diesen Gedanken verwirft er schnell wieder. Aber gleichzeitig beginnt sein Herz schneller zu schlagen und er atmet schwer. Ganz genau kann er sich noch an das anschließende wohlige, entspannte Gefühl erinnern. Kein Wunder nach all der Anspannung in den Tagen zuvor.

Und dann war sie fort.

Am nächsten Morgen beim Frühstück mit all den leckeren exotischen Früchten – die saftige, goldgelbe Mango stellte sich schnell als seine Lieblingsfrucht heraus – hatte sie sich nicht mehr blicken lassen. Dabei hätte er sie doch so gerne wiedergesehen und ihr zugeflüstert, wie schön er die gestrige Nacht doch empfunden hatte.

Es waren unwirkliche Stunden gewesen wie in einem schönen Traum. Für ihn zumindest.

Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, ist, dass er durch sein Verhalten einen Freund in Todesgefahr bringen wird.

Sie reibt sich die Schläfen. Sie ist viel zu müde. Erschöpft lässt sie sich in ihr Bett sinken. Schon ist sie eingeschlafen. Wie lange?

Sie erahnt eine Bewegung an ihrem Bett. Im nächsten Augenblick nähern sich Hände ihrem Hals. Wollen ihn umklammern. Sie will fliehen, kann sich aber nicht bewegen. Sie ist wie gelähmt vor Überraschung und Angst. Reflexartig tritt sie mit ihrem Bein gegen etwas. Ein Aufschrei.

Sie will sich aus dem Bett winden, doch da haben bereits andere Hände ihren Knöchel gepackt. Sie verliert den Halt und schlägt auf die Kante ihres Bettes auf. Sie tritt nach den Händen, die es nun auf ihre Arme abgesehen haben. Ihr bleibt nichts andere übrig, als um sich zu treten. Sie wälzt sich auf den Bauch und will sich auf allen vieren aufrappeln, um sich in Sicherheit zu bringen.

Vergeblich.

Weg von hier, nur weg von hier, schießt es ihr durch den Kopf. Unter allen Umständen. Irgendwie. Schnellstens. Sie muss es schaffen, unbedingt zur Tür zu robben. Sie muss es schaffen. Ihre einzige Chance.

Dann holt sie tief Luft, um einen Schrei anzusetzen. Vielleicht hören sie andere Menschen und eilen ihr zu Hilfe. Hände zerren sie zurück und drehen sie auf den Rücken. Hände nähern sich ihrem Hals. Wollen zudrücken. Dann doch nicht. Aber sie reißen ihr das Jadeamulett von ihrem Hals. Ihr Glücksbringer. Sie will schreien, doch sie bringt keinen Laut hervor. Sie ringt nach Luft. Ihr Gesicht wird immer bleicher, bläulicher. Sekunden erst oder doch schon Minuten?

Keine Ahnung.

Sie spürt wie etwas Hartes, Kaltes und Glattes in sie eindringt. Ein stechender Schmerz durchfährt sie. Sie muss husten. Ihr Mund füllt sich mit Blut, rinnt über ihr Kinn, schließlich auf ihren Hals. Eine warme Flüssigkeit, daran kann sie sich noch erinnern.

Dann tut es nicht mehr weh. Der Schmerz verblasst. Genau wie die Gestalten um sie herum.

Sie sieht ein großes schwarzes Loch vor sich. Anschließend wird es dunkel und still. Ganz still.

1. KAPITEL

INSEL PENANG, 1899. IM HAFEN VON GEORGETOWN

„Wenn Sie meinen, unbedingt Schießübungen veranstalten zu müssen, Herr Kapitän, dann tun Sie es. Aber ich insistiere, dass das Schießen weitab von Georgetown und überhaupt von unserer Insel durchgeführt wird. Unsere Bevölkerung soll nicht wegen des Grollens der Granaten in Angst und Schrecken versetzt werden. Unruhe ist das Wenigste, was wir hier gebrauchen können. Das stört nur unseren regen Handelsverkehr, den Sie sicher schon bei Ihrer Einfahrt in den Hafen bemerkt haben.“

Damit endet die Belehrung durch den wenig eindrucksvollen Hafenkommandanten Anthony Jenkins. Für einen britischen Kommandanten sieht Jenkins in seiner bieder wirkenden Uniform, seinem nichtssagenden runden Allerweltgesicht, seiner Halbglatze und seinem buschig-länglichen Schnurrbart eher aus wie ein bürokratischer Langweiler in einem britischen Provinznest, der meint, es zu etwas gebracht zu haben. Typisch selbstgefälliger Engländer. Aber – und das muss Kapitänleutnant Wilhelm Kurz zugeben – der Engländer im Allgemeinen hat ein Auge dafür, welche Gegenden auf der Welt von strategisch überragender Bedeutung sind.

Da braucht Kurz sich nur seine bisherige Reise nach Penang vor Augen zu führen: Gibraltar, Malta, den Suezkanal, Aden an der Spitze der arabischen Halbinsel, von wo man den Zugang zum Roten Meer kontrolliert und Colombo auf der Insel Ceylon. Und dann erst Penang. Schon vor über einem Jahrhundert, noch kurz vor der Französischen Revolution, haben die Briten sich diese Tropeninsel unter den Nagel gerissen. Und wo war damals das Deutsche Reich? Pah, von einem „Reich“ konnte man bei dem zerrissenen Flickenteppich von kleinen und kleinsten Fürstentümern noch gar nicht sprechen. Da musste erst einer wie Bismarck kommen oder wie unser jetziger Kaiser Wilhelm II. Jawohl, jetzt wird es anders werden. Da werden sich diese Engländer noch umschauen. Aber diese Gedanken behält er lieber für sich.

Mit Penang – das muss Wilhelm Kurz zugeben – hat der Engländer geradezu einen geostrategischen Coup gelandet. Von hier aus kontrolliert er den Zugang zu der Straße von Malakka, eine der meistbefahrensten Meereswege der Welt. Am anderen Ende hat er sich in Singapur niedergelassen. Zu der damaligen Zeit noch ein malariaverseuchtes Sumpfgebiet. Und was hat er daraus gemacht? Den wichtigsten und zentralsten Handelsstützpunkt in ganz Asien aufgebaut.

Singapur ist das nächste Ziel des Kanonenboots Iltis. Auf Singapur freut sich Wilhelm Kurz schon. Aber zunächst ist er mit seinem Schiff hier in Penang – das wohl wichtigste Ziel der gesamten Asienreise.

In seiner tadellos sitzenden weißen Marineuniform, seinen zu einem akkuraten Mittelscheitel gekämmten blonden Haaren, seinem gezwirbelten „Kaiser-Wilhelm-Schnurrbart“, seinem länglich norddeutschen Gesicht, den buschigen Augenbrauen, seinen tiefliegenden blauen Augen, seiner schlanken Gestalt und seiner aufrechten Körperhaltung entspricht Wilhelm Kurz dem landläufigen Idealbild von einem Offizier der kaiserlich-deutschen Marine. Mit seinen vierunddreißig Jahren ist er schon recht erfahren, wenngleich er jünger aussieht. Obwohl noch unverheiratet, würde er den Erwartungen einer jeden Schwiegermutter entsprechen.

Aber vor allem besticht der Bart. Er ist zum modischen Leitbild einer selbstbewussten Nation geworden, jung, dynamisch, windschnittig. Wie ein Reichsadler, der seine Schwingen in die Höhe reckt, prangt er unter der Nase Kaiser Wilhelms II. und nun auch unter denen von hunderttausenden jungen Männern. Dabei ist es alles andere als einfach, dass die nach außen gekämmten, seitlich längeren Barthaare mit hochgezwirbelten Enden ihre Form behalten. So trägt man während der Nacht eine hinter den Ohren zu befestigende Bartbinde. Außerdem befeuchtet man ihn mit einer extra vom Hoffriseur des Kaisers entwickelten Barttinktur der Marke „Es ist erreicht“, eine Pomade mit dem zentralen Bestandteil des neuen Produkts Vaseline. Schnell verbreitet sich der Name eines solchen Barts als „Es-ist-erreicht-Bart“.

Mit stoischer Ruhe und in bester Manier hat sich Wilhelm Kurz die Tiraden des britischen Hafenkommandanten angehört. Von einem deutschen Marineoffizier erwartet man eine solche Haltung. Für ihn stellt das kein Problem dar. Er muss sich nicht großartig verstellen. Es entspricht vielmehr seinem Naturell.

In bestem Schulenglisch entgegnet Kapitänleutnant Kurz seelenruhig, aber mit überraschend sanfter, fast heller Stimme:

„Sir, ich weiß Ihren Hinweis sehr zu schätzen. Seien Sie versichert, mein Schiff wird der gastfreundlichen Bevölkerung von Penang keine Unbill bereiten“, wobei er bei diesen Worten innerlich grinsen muss. Aber Wilhelm Kurz fährt mit souverän gesetzter Ironie fort:

„Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um weit genug von Penang diese wichtigen Schießübungen abzuhalten. Danach werden wir unverzüglich Richtung Singapur dampfen, wo wir bereits angemeldet sind. Ich darf mich für Ihre überaus große Gastfreundschaft, die dem glorreichen Britischen Empire zur Ehre gereicht, im Namen der kaiserlich-deutschen Marine überschwänglichst bedanken. Zugleich wünsche ich Ihnen eine geruhsame Nacht und bitte, auf mein Schiff zurückkehren zu dürfen, Sir.“

Mit diesen Worten verlässt Wilhelm Kurz das Büro des Hafenkommandanten in Fort Cornwallis. Auf dem langen Korridor bleibt er erst einmal stehen, atmet tief und heftig ein.

Ursprünglich umgaben das alte Fort Cornwallis hölzerne Palisaden. Dann wurde es mit einer massiven Steinmauer versehen, allerdings nicht sonderlich hoch, wie Kapitänleutnant Kurz mit einem kurzen Seitenblick bemerkt. Zwar umschließt das Fort ein Graben von neun Meter Breite und zwei Meter Tiefe, aber einer richtigen Belagerung würde es keinesfalls ernsthaft standhalten. Es hat mehr symbolische als militärisch-strategische Funktion.

Außerdem dekorieren die altertümlichen Kanonen das Fort eher, als dass sie es schützen. Ursprünglich haben die Holländer sie dem Sultan von Johor vor zwei oder drei Jahrhunderten als Geschenk überreicht. Dann aber wurden sie von den Portugiesen in Besitz genommen und gelangten irgendwie nach Java und anschließend in das Sultanat Aceh an der Nordspitze von Sumatra, bevor die Kanonen in den Besitz der Engländer kamen.

2. KAPITEL

INSEL PENANG. DER GEHEIMAUFTRAG

Wegen der auch noch nachts vorherrschenden ungewohnten tropischen Hitze hat Kapitänleutnant Wilhelm Kurz einige unkonventionelle Befehle erteilt. So ist es der Mannschaft erlaubt, ihre Hängematten auf Deck unter Sonnensegel anzubringen. Jedoch schützen diese die Männer nur teilweise gegen die starken tropischen Regenschauer, die häufig niedergehen. In Penang geschieht es um diese Jahreszeit zahlreicher und heftiger als anderswo, so ist jedenfalls Kurz Eindruck. Allerdings ist das noch tausendmal besser als nach Vorschrift unter Deck ruhen zu müssen. Manche Matrosen schlafen in ihrer Unterwäsche, andere vollkommen nackt. Jedoch schwirren die Moskitos des Nachts im Hafen nur so herum. Deshalb müssen sich die Männer durch Moskitonetze vor den Stichen und der daraus resultierenden allzu häufig tödlichen Malaria schützen. Ein Gutteil der gewünschten Luftzirkulation wird so jedoch wieder herabgesetzt.

Auch hat Wilhelm Kurz angeordnet, dass die Wachzeiten reduziert werden, was aber bedeutet, dass mehr Männer innerhalb eines kürzeren Zeitraums Wache schieben müssen. Es ist also alles nicht so einfach. Doch dafür ist man nun einmal in der kaiserlich-deutschen Marine.

Nach einer heißen, fast durchwachten Tropennacht an Bord des Kanonenboots Iltis bricht Wilhelm Kurz am Morgen wieder gen Georgetown auf. Im luxuriösen Kolonialhotel Eastern & Oriental will er sich mit dem deutschen Leiter der Niederlassung von Behn, Meyer & Co., Heinrich Adler, treffen, um aktuelle Informationen über sein Geheimziel zu erhalten.

Diese Geheimoperation wird von Seiten der Reichsmarine sehr hoch gehängt. Das wurde Kapitänleutnant Kurz deutlich, als er kurz vor seiner Abreise nach Berlin zu einer persönlichen Unterredung mit dem einflussreichen Staatssekretär des Reichsmarineamts, Konteradmiral Alfred Tirpitz, gerufen wurde. Er soll das Ohr des Kaisers Höchstselbst haben, heißt es.

Immer noch hat Wilhelm Kurz die schnarrende entschlossene Stimme des Admirals im Ohr.

„Kapitänleutnant, ich muss Ihnen nicht noch einmal die Bedeutung Ihres Auftrags für die Zukunft unseres Vaterlandes ins Gedächtnis rufen. Die Operation unterliegt allergrößter Geheimhaltung. Besonders der Engländer darf davon keinen Wind bekommen. Wir müssen im Fall der Fälle schnellstens handeln. Die Firma Behn, Meyer & Co. hat schon auf eigene Rechnung die Vorverhandlungen für den Erwerb einer Kohlenstation auf der Insel Langkawi diskret durchgeführt. Auch gegenüber den lokalen Vertretern der Firma bleibt es dabei, dass Sie nur begutachten, ob dieser Landstreifen für die Marine geeignet ist oder nicht.

Sie, Herr Kapitänleutnant, erhalten jetzt darüber hinaus von mir persönlich die Blankovollmacht, wenn sich das Zielobjekt als ...“

Wilhelm Kurz weiß noch genau, wie er seinen Ohren nach den darauffolgenden Ausführungen nicht trauen wollte. Das könnte ungeahnte politische Verwicklungen bedeuten, ja bis hin zum Krieg, schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf. Und das alles sollte auf seinen Schultern ruhen. Perplex blieb ihm nur mit einem „Jawohl, Herr Admiral“ dem Befehl zu gehorchen. Und nun befindet er sich hier vor Ort, um die Order umzusetzen. Welch eine Verantwortung!

Behn, Meyer & Co. aus Hamburg, kurz BMC genannt, ist das größte und mächtigste Handelshaus in ganz Südostasien. Endlich einmal sind wir die Nummer eins in der Gegend, denkt Kurz mit Genugtuung. Im Volksmund wird die Firma auch Bismarck, Moltke & Co. genannt. Das ist ihrer seit langen bestehenden, exzellenten Beziehungen zur obersten politischen und militärischen Führung, zum Reichsgründer Bismarck und zum legendären preußischen Generalstabschef Moltke, geschuldet. Was sich diese Firma in den Kopf gesetzt hat, bekommt sie auch. So auch jetzt unter Admiral Tirpitz und Seiner Majestät Höchstselbst.

Doch dann holt Wilhelm Kurz die Gegenwart wieder ein.

Er ist fasziniert von dem Anblick des wunderschönen Eastern & Oriental Hotels, das schon eine Klasse für sich ist. Die Lage direkt an der Wasserfront und westlich von Penangs äußerem Hafen, wo die größeren Schiffe festmachen, ist hervorragend. Von der Terrasse kann man ungetrübt die Esplanade und Fort Cornwallis und die zahlreichen im Hafen liegenden Schiffe betrachten. Für einen Moment bleibt Wilhelm Kurz in der Lobby des Hotels stehen. Der Adler soll ruhig noch ein bisschen warten, erst einmal wandern Wilhelm Kurz Blicke im Eingangsbereich umher.

Er weiß noch ganz genau wie er von Reisenden in Kiel hörte, dass es eine beklagenswert geringe Anzahl von vernünftigen Unterkünften für Europäer im fernen Asien, von komfortableren Übernachtungsmöglichkeiten ganz zu schweigen, gebe. Als Gast musste man zufrieden sein, einen überteuerten Raum fernab von Schmutz und Staub der Straße, von Ratten und streunenden Hunden sowie Dieben und Bettlern zu bekommen. Moskitonetze galten als Gipfel des Luxus. Darüber hinaus erzählte man sich, dass die Zimmertüren der Hotels selten verschließbar seien und plötzlich stehe ein Diener unangemeldet im Zimmer. Manches Mal in einem unpassenden Moment. Das war’s dann auch, was die Qualität der Unterkünfte anbelangt. Das exotische Asien hatte nicht viel mehr zu bieten.

Hier ist es anders. Schon kommt der hochgewachsene livrierte Inder Singh dienstbeflissen auf Wilhelm Kurz zu und fragt ihn in einem komischen indischen Sing-Sang Englisch:

„Kann ich dem Herrn Offizier zu Diensten sein, Sir?“

Wilhelm Kurz in seiner weißen Marineuniform mustert den indischen Concierge für einen kurzen Augenblick. Dann siegt seine Neugierde.

„Ich bin sehr beeindruckt von diesem Hotel.“

Mehr braucht Wilhelm gar nicht zu sagen, da sprudelt es auch schon aus dem Inder mit stolzgeschwellter Brust hervor, wobei sich sein Kopf hin und her bewegt, wie es bei den Indern üblich ist, wenn sie etwas Wichtiges betonen wollen.

„Sir, wie in den Luxushotels Londons so ist auch hier das Monogramm unseres ehrwürdigen Hotels in die Bettbezüge, Kissen und Handtücher eingestickt, Sir. Dazu verzieren zierliche Porzellanfiguren die Kaminsimse. Sir, Sie werden es nicht für möglich halten, Sir, aber vierzig Zimmer verfügen über ein Badezimmer mit Badewannen und fließend heißem und kaltem Wasser, Sir. Sir, wir wissen, dass die europäischen Reisenden eine Hotellage direkt am Wasser bevorzugen, Sir. Das Hotel verfügt über dreihundert Meter Strand. Damit hat es die längste Wasserfront aller Hotels auf der Welt, Sir. Ist das nicht unglaublich, Sir?“

Allmählich geht Wilhelm Kurz dieses stolze und selbstgefällige Gerede auf die Nerven, trotz der interessanten Informationen. Und dann dieses ewig „Sir“. „Sir“ hier „Sir“ da. Und dann das Wackeln des Kopfes von der einen zu der anderen Seite. Wir sind doch nicht an Bord eines Schiffs, denkt er sich verwundert. Der Inder nimmt keine Notiz von Kurz zunehmender Ungeduld.

„Sir“, fährt der Inder unbeirrt fort und schiebt dabei seinen Kopf schon fast verschwörerisch nahe an Wilhelms heran, „unser ehrwürdiges Hotel wird unter Kennern nur kurz E & O genannt. Das reicht und jeder weiß Bescheid, Sir. Sir, ich darf Ihnen ehrerbietigst versichern, das E & O ist das beste Hotel östlich von Suez, Sir.“

Heftig mit dem Kopf hin und her wackelnd bestätigt der Inder noch einmal seine Worte.

In der Tat ist Wilhelm Kurz beeindruckt von den Neuigkeiten, bedankt sich militärisch knapp für die Ausführungen und lässt sich zu dem wartenden Heinrich Adler führen.

Auf dem Weg dorthin verharrt der livrierte Inder und verbeugt sich tief vor einem vorbeischreitenden Chinesen. Nachdem dieser den Inder und Wilhelm Kurz passiert hat, ohne sie eines Blickes zu würdigen, wendet sich Singh wieder dem deutschen Marineoffizier zu. Jedoch spricht der Inder dieses Mal leise, ja ehrfürchtig und mit veränderter Stimmlage.

„Sir, der Gentleman ist Cheong Fatt Tze, ein Chinese von unfassbarem Reichtum. Er ist der Prominenteste der reichen Chinesen unserer Insel. Nebenbei ist er auch noch chinesischer Konsul in Penang. Es heißt, er hat sich diesen ehrwürdigen Titel schlicht und einfach vom kaiserlichen Hof in China gekauft. Normalerweise muss man erst die vorgeschriebenen äußerst schwierigen Prüfungen bestehen. Sir, ich könnte Ihnen noch mehr erzählen, wenn Sie wollen, Sir!“

Nun ist Wilhelm Kurz doch gefangen von den Erzählungen des Inders. Seine Augenbrauen heben sich minimal und mit einem kaum erkennbaren Nicken bedeutet er dem Inder Singh fortzufahren.

„Sir, Cheong war früher nur ein einfacher Wasserträger“, raunt er Wilhelm Kurz hinter vorgehaltener Hand zu. „Durch harte Arbeit und familiäre Unterstützung ist er Millionär geworden. Cheong lebt mit seiner Großfamilie, mit mehreren Frauen und einer großer Dienerschaft in herrlichen Herrenhäusern in Saus und Braus. Wenn Cheong hier bei uns in Georgetown ist, wohnt er in seinem berühmtem „Blauen Herrenhaus“ in der Leith Street. Das, Sir, müssen Sie sich mit eigenen Augen einmal ansehen. Aber ich kann Ihnen auch darüber etwas erzählen, Sir.“

„In Gottes Namen, so tun Sie das“, entfährt es Wilhelm Kurz etwas unwirsch, was der Inder Singh indes gar nicht bemerkt.

„Sir, Cheongs indigoblaues Herrenhaus hat achtunddreißig Räume, fünf mit Granit gepflasterte Innenhöfe, sieben Treppenaufgänge und zweihundertzwanzig traditionelle hölzerne Fensterläden, Siiiir.“

Beim Erwähnen dieser Dimensionen zieht der Inder nicht nur das „Sir“ in die Länge und rollt mit dem Kopf noch intensiver als sonst hin und her, sondern auch seine Augen weiten sich sichtlich.

„Nun kommt es, Sir. Die hervorstechende blaue Farbe des Herrenhauses ist das Ergebnis des Zusammenmischens von Kalk mit der natürlichen blauen Farbe, die aus der Indigopflanze gewonnen wird. Die Farbe wurde extra aus Indien importiert. Die so gekalkten Mauern weisen die übliche Feuchtigkeit unseres tropischen Wetters sehr schön ab und lassen zugleich die Mauersubstanz unbeschadet. Eigentlich ist Weiß die am einfachsten erhältliche Farbe, aber da sie auch die Farbe des Todes für die Chinesen ist, hat Cheong sich für die weitaus teurere blaue Farbe entschieden.

Sir, Sie können es sich nicht vorstellen, Sir. Bei öffentlichen Anlässen treten seine Frauen und seine Töchter in ihren üppigen und verschwenderischen Kleidern mit glitzernden Juwelen behangen auf. Sir, Cheong hat bestimmt in unserem Hotel Geschäfte gemacht. Er ist Stammgast bei uns und ...“, will der Inder fortfahren. Aber Wilhelm hat genug und macht mit einer Handbewegung deutlich, dass er aufhören soll, denn mittlerweile haben sie Heinrich Adler erreicht.

„Geschäfte, Geschäfte“. Das sind auch die ersten Worte, die Wilhelm Kurz von Heinrich Adler zu hören bekommt, als er sich zu ihm an den Ecktisch im Restaurant des Hotels setzt. Selbstgefällig grinst Adler und zeigt mit seinem fetten Zeigefinger auf den aus dem Hotel schreitenden Cheong.

„So macht Behn, Meyer & Co. Geschäfte. Nur mit den reichsten und einflussreichsten Leuten vor Ort“, tönt es Wilhelm Kurz entgegen. Von Anfang an ist ihm sein Gegenüber unsympathisch. Dieses feiste, von Schweiß glänzende runde Gesicht mit den kleinen Schweinsäuglein und dem selbstgefälligen Blick. Der Bierbauch des höchstens Enddreißigers Adler ist auch nicht zu übersehen.

Kurz runzelt die Stirn, zieht heftig die Augenbrauen zusammen und zögert einen Augenblick. Dann atmet er bewusst aus. Sein Gesichtsausdruck ist wieder normal, sein Tonfall ebenso. Aber was soll er machen? Adler ist nicht nur ein Landsmann, sondern auch der Kontaktmann für seinen Geheimauftrag.

Heinrich Adler lässt sich nicht lange bitten und legt Kurz die Lage dar, wobei der Kapitänleutnant nicht umhin kommt anzunehmen, dass Adler seine Rolle, die er dabei spielt, doch etwas ausschmückt.

„Vor kurzem weilte ich im Sultanat Kedah auf der gegenüberliegenden malaiischen Halbinsel zu Besuch. Da deutete der Wesir Wan Mohamed Saman an, dass das Königreich Siam, zu welchem Kedah gehört, es gerne sehen würde, wenn Deutschland an der Westküste der malaiischen Halbinsel eine Kolonie anlegen würde. In diesem Zusammenhang sei die Insel Langkawi, nördlich von Penang an der Einfahrt zur Straße von Malakka gelegen, sehr geeignet.“

„Von Kolonie oder ähnlichem ist überhaupt keine Rede“, unterbricht ihn Wilhelm Kurz im schneidenden Ton. „Streichen Sie solche Begriffe aus Ihrem Kopf. Ist das klar, Adler?“

Adler nickt eifrig und fährt gewichtig mit viel Pathos in der Stimme fort:

„Selbstverständlich, Herr Kapitän. Der Herr Kapitän müssen wissen, dass neben der hervorragenden geografischen Lage die Fruchtbarkeit der Insel sehr groß ist. Im Innern gibt es Süßwasserseen, so dass reichlich Wasser vorhanden ist. Die Produkte, die in Penang angebaut werden, wachsen auch auf Langkawi, wie Gewürznelken, Muskatnüsse und Pfeffer. Zwar habe ich die Insel nicht persönlich in Augenschein nehmen können, doch weiß ich durch meine Kontakte, dass sie an der Ostküste über einen geschützten Ankerplatz verfügt.“

„Herr Adler, schön und gut, aber wie ist es um die Besitzverhältnisse der Insel bestellt? Habe ich richtig verstanden, dass die Insel zum einen dem Sultan von Kedah gehört, das Sultanat selber aber unter der Oberhoheit des Königs von Siam steht?“

Nun klingt Wilhelm Kurz etwas gereizt.

„Sehr richtig Herr Kapitän“, antwortet Adler und fährt mit großer Überzeugung fort:

„Langkawi gehört zum Sultanat Kedah, das zwar der Souveränität Siams untersteht, aber der Sultan ist de facto ziemlich unabhängig vom König von Siam. Das Hauptproblem des Sultans ist vielmehr, dass er sehr hoch verschuldet ist. Und genau das ist der Ansatzpunkt: Geld. Doch ist der Sultan zugleich ein sehr stolzer Mann. Deshalb ist es günstig, zunächst an ihn heranzutreten und erst dann den König von Siam zu konsultieren. Übrigens hat meine Firma bereits vor geraumer Zeit einen Vertreter aus Singapur, Herrn Adolf Schönherr, nach Langkawi entsandt.“

Bei der Erwähnung des Namens zuckt Wilhelm innerlich kurz zusammen, lässt sich aber nach außen nichts anmerken. Unbeirrt setzt Adler seinen Redeschwall fort.

„Der Schönherr sollte Ihren Aufenthalt vorbereiten. Nur, er mag sich ja gut in Singapur auskennen, aber mit den speziellen hiesigen Verhältnissen ist er nun wahrlich nicht vertraut. In aller Bescheidenheit, Herr Kapitän, ich kenne die Herren von Kedah sehr gut und spreche auch malaiisch. Gegen ein kleines Entgelt, schließlich bin ich ja Kaufmann“, tönt es selbstgefällig aus Adlers Mund, „bin ich gerne bereit, die Verhandlungen wegen Langkawi zu einem schnellen Ende zu führen. Mit dem Herrn Neubrunner, dem siamesischen Konsul, mit dem ich zusammen wohne, habe ich die Sache auch schon durchgesprochen. Der wird anschließend seine Kontakte zum Königshaus in Bangkok spielen lassen. Alles kein Problem.“

Bei diesen Worten verfinstert sich Wilhelm Kurz Gesicht. Er traut seinen Ohren immer noch nicht. Ein fragender Blick breitet sich über sein Gesicht aus. Normalerweise ist Wilhelm Kurz ein eher ruhiger und überlegter Charakter. Freunde bezeichnen ihn als ausgeglichen. Aber jetzt wäre er fast aufgesprungen und hätte dem Adler am liebsten ordentlich gerüttelt. Da er aber einen klaren Auftrag hat, reißt er sich zusammen. Kurz spricht leise, aber so eindringlich wie er kann. Zischend quetscht er die Worte zwischen seinen Zähnen hervor:

„Adler, verdammt noch mal, das ist eine geheime Reichssache. Kapieren Sie das endlich und halten Sie Ihren Mund. Schlimm genug, dass es sich anscheinend schon innerhalb der Firma von Behn, Meyer & Co. herumgesprochen hat. Aber nun auch der Neubrunner. Wie mir berichtetet wurde, ist der Kerl ein Plappermaul. Da der Neubrunner von der Unternehmung Kenntnis hat, wissen es vielleicht auch schon die Hofschranzen in Bangkok und wer weiß, wer noch. Hoffentlich nicht die Engländer.“

Etwas bedröppelt schaut Adler drein, zu verblüfft, um zu antworten. Auf so eine Zurechtweisung durch den schneidigen Kapitän der kaiserlichen Marine ist er nicht vorbereitet gewesen.

Kleinlaut fragt Heinrich Adler: „Wie kann ich dem Herrn Kapitän noch zu Diensten sein?“

„Erstens: Klappe halten! Zweitens: dem Neubrunner vorerst mitteilen, dass das Zielobjekt keinen Wert für die Marine hat“, fährt Kapitänleutnant Kurz ihn militärisch kurz an und schaut Adler dabei so ernst wie nur möglich an.

„Wie sieht es mit dem Vorvertrag aus? Haben Sie den im Namen Ihrer Firma vorbereitet?“

„Jawohl“, kommt es weiterhin kleinlaut aus Adlers Mund.

„Unsere Firma ist bereit, den Hafen von Langkawi als zukünftige Kohlenstation vom Sultan von Kedah gegen eine feste Summe und eine Beteiligung des Sultans von zehn Prozent des jährlichen Nettogewinns zu pachten. Alles vertraulich natürlich. Sobald Sie den Platz der möglichen Kohlenstation in Augenschein genommen und Ihre Zustimmung erteilt haben, Herr Kapitänleutnant, ist Behn, Meyer & Co. bereit, den Vertrag zu besiegeln.“

„Das will ich auch hoffen. Gut so. Dafür ist es notwendig, dass Sie sofort Kontakt zu dem Gewährsmann des Sultans auf Langkawi herstellen. Er soll mich morgen am Ufer des besagten Ankerplatzes treffen. Ich muss mir persönlich ein Bild von der Lage machen. Schließlich geht es besonders für Ihre Firma um viel Geld. Nur wenn die kaiserliche Marine bei Ihnen auf Langkawi dann auch kohlen lässt, können Sie Geld verdienen.“

Fast hätte er noch hinzugefügt: Da wird der Engländer aber gucken, wenn wir erst einmal auf Langkawi sitzen und ihm die Vorherrschaft in der Straße von Malakka mit unserem Stützpunkt streitig machen. Aber Wilhelm Kurz hält sich zurück. Das geht den Adler gar nichts an. Dafür führt er aus:

„Wenn ich den Platz auf Langkawi als Kohlenstation für geeignet halte, halten Sie sich bereit, auf meine Anweisung hin die erste Rate der Pachtsumme dem Sultan von Kedah zu übergeben und Berlin unverzüglich per Telegrafen das vereinbarte Codewort, das ich Ihnen zukommen lassen werde, zu übermitteln. Ist das klar? Und Adler“, dabei sieht Kurz ihn eindringlich an und formuliert militärisch scharf: „HALTEN Sie fortan Ihren Mund, verstanden?“

Zunächst ist Adler zu perplex, um zu antworten. Dann aber schallt Kapitänleutnant Kurz ein militärisch knappes „Jawohl, Herr Kapitän!“, entgegen. Schließlich hat Adler gedient, wie jeder gute Deutsche.

Außerdem will er es dem Kapitänleutnant recht machen. Heinrich Adlers vermeintliches Selbstvertrauen ist nur vorgeschützt. Ihm selber wird von der Firmenleitung in Singapur nur noch eine Art Gnadenfrist gewährt.

Die Niederlassung von Behn, Meyer & Co. in Penang ist besonders im Zinngeschäft sehr aktiv. Vor einiger Zeit stattete der Leiter der Firma aus Singapur, Direktor Karl Wittmann, Penang einen Besuch ab. Dabei stellte er fest, dass man in Penang ein unüblich großes Lager von Zinn unterhielt, das von der Firma bevorschusst werden musste. Dieses Zinn lagerte in engen, düsteren Godowns, wie man die Warenlager hier nennt, und war in Blöcken aufgestapelt. Wittmanns Ermahnung, festzustellen, ob tatsächlich alles Zinn noch vorhanden sei, stieß bei Heinrich Adler auf taube Ohren. Adler hatte volles Vertrauen in seinen chinesischen Vorarbeiter Low. Zudem ist Adler auch etwas träge und genießt lieber die Vorzüge eines weißen Kaufmanns in den Tropen.

Dann aber kam, was kommen musste. Die Nachricht von einem großen Manko in den Zinn-Godowns von Penang drang sogar bis zur Firmenzentrale in Hamburg. Direktor Wittmann erhielt den Auftrag, sofort wieder nach Penang zu reisen, um nach dem Rechten zu sehen. Nach der Überprüfung musste er feststellen, dass eine große Menge an Zinn im Wert von mehreren hunderttausend Dollar fehlte. Der angeblich vertrauenswürdige Vorarbeiter Low, der wie alle Chinesen zu einem weitverzweigten Familienclan gehört, entpuppte sich als regelrechter Gauner.

Low war es gelungen, von Adler die Ersatzschlüssel zu den Godowns zu erhalten, und gab dafür gefälschte Duplikate zurück. Der bequeme Adler ahnte davon nichts. Mit diesen Ersatzschlüsseln konnte Low in der Nacht zusammen mit seinen Kulis in die Godowns eindringen und das Zinn herausholen. Dabei ging er geschickt vor. Um seine Diebstähle zu verschleiern, ließ er die vorderste Reihe intakt und plünderte dafür die hinteren Reihen aus. Außerdem ersetzte er die gestohlenen wertvollen Zinnblöcke durch minderwertige. So hätte nur eine genaue Überprüfung den Betrug aufdecken können, die Adler aber nicht vorgenommen hatte.

Da sich ansonsten das Geschäft von Behn, Meyer & Co. glänzend entwickelte, wollte die Firma Negativschlagzeilen vermeiden, sodass von den Betrügereien nichts an die Öffentlichkeit drang. Davon profitierte auch Heinrich Adler, der in seinem Amt blieb, nicht zuletzt auch wegen seiner exzellenten Kontakte zu allen möglichen Leuten in der Gegend. Fortan stand Adler jedoch unter strengster Beobachtung.

Doch von all dem weiß Wilhelm Kurz nichts. Nachdem dieser das Hotel verlassen hat und in die Rikscha steigt, die ihm zu seinem Schiff bringt, muss er tief durchatmen und kann über den Landsmann Adler nur den Kopf schütteln.

Am nächsten Morgen stehen die Kessel des Kanonenboots Iltis unter vollem Dampf. Es kann losgehen. Kapitän Wilhelm Kurz brennt förmlich darauf, endlich mit seinem Schiff wieder in See stechen zu können. Für einen eingefleischten Seewolf gibt es nichts Schöneres, als wenn sich das Schiff in den Wellen des unendlichen Meeres wiegt. Das Ziel, das er ausgegeben hat, sind Schießübungen, die man nordöstlich von Penang abhalten will, um den Alltag der Bewohner nicht zu stören. Genauso hat er das dem Hafenkommandanten Jenkins versprochen. Und genauso wird er es auch machen. Ein zufriedenes Lächeln zeichnet sich in Kurz Gesicht ab.

Mit seinem Schiff, dem Kanonenboot Iltis, ist er auch zufrieden. Erst im August 1898 lief das Schiff in Danzig vom Stapel. Endlich, so jedenfalls empfindet es Kurz, hat man in Berlin auf die neue deutsche Stellung in der Welt reagiert und schließlich die Gelder für die langersehnten Kanonenboote, die extra für den Dienst in den deutschen Kolonien vorgesehen sind, bewilligt.

Noch im ersten Monat des neuen Jahres verließ Kurz mit seinem Schiff die Förde in Kiel mit dem Ziel Tsingtau, die deutsche Kolonie in Nordchina. Die Fahrt auf dem zweiundsechzig Meter langen und neunhundert Tonnen verdrängenden Schiff verlief bisher reibungslos. Auf seine acht Offiziere und einhunderteinundzwanzig Mann Besatzung ist Kapitänleutnant Kurz stolz. Tadelloses Schiff, tadellose Besatzung. Nur die vier 8,8 Zentimeter Schnellfeuerkanonen und die sechs 3,7 Zentimeter Revolverkanonen warten noch darauf, getestet zu werden.

Mit seinen zwei qualmenden Schornsteinen schiebt sich das Kanonenboot Iltis durch das ruhige tiefblaue Meer. Obwohl die Tropensonne von einem ebenso blauen Himmel erbarmungslos scheint, bringt der Fahrtwind eine leichte Abkühlung. Nur die Heizer tief unten im Rumpf des Schiffs unter der Wasseroberfläche bekommen davon nichts mit. Ihnen rinnt der Schweiß nur so vom Körper. Eine regelmäßige Ablösung und Wasseraufnahme ist im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig.

Langsam nimmt Iltis Fahrt auf. Die Hafeneinfahrt von Georgetown erstreckt sich zwischen der Nordküste Penangs und dem malaiischen Festland über eine Entfernung von fünfzehn Seemeilen. Mit einer Fahrgeschwindigkeit von mittlerweile zehn Knoten benötigt es dafür ungefähr eineinhalb Stunden. Als Iltis den äußeren Hafen verlässt, muss das Schiff zu beiden Seiten seichte Gewässer passieren. Äußerste Konzentration auf der Brücke wird beim Durchfahren der knapp drei Kilometer breiten Fahrrinne zwischen Georgetown und Butterworth verlangt. Man muss höllisch aufpassen, nicht in die flachen Gewässer zu geraten.

Ganz allmählich verschwinden die hohen Hügelrücken, die die Insel Penang in ihrer ganzen Länge durchziehen, am Horizont. Für kurze Zeit ist noch der Tanjong Puchat Muka Leuchtturm im Norden der Insel zu sehen. Dann verschwindet auch er. Von dem vor über fünfzehn Jahren fertiggestellten Leuchtturm, der aus Granit ist und sechsundzwanzig Meter über dem Meeresspiegel ragt, hat man einen fantastischen Blick. Sein Licht kann aus dreißig Seemeilen Entfernung noch gesehen werden. Aber dafür hat jetzt weder Kapitän Kurz noch einer seiner Leute ein Auge. Mit voller Konzentration wird Iltis auf Kurs gebracht.

3. KAPITEL

INSEL LANGKAWI. DIE SCHIEßÜBUNGEN

Nun wieder auf hoher See ist der Augenblick gekommen, in dem Kapitänleutnant Wilhelm Kurz seine Offiziere zu sich ruft und ihnen den Geheimbefehl verkündet.

Mit fester Stimme ruft er aus: „Meine Herren, ich weihe Sie jetzt in unseren eigentlichen Auftrag ein. Es geht nicht um die Schießübungen, wie auch alle Männer an Bord glauben. Vielmehr hat man uns von hoher Stelle den folgenden Auftrag mitgegeben.“

Stille kehrt ein, Gebannte Blicke sind auf ihren Kapitän gerichtet. Die Anspannung unter den Offizieren ist nun förmlich mit Händen greifbar. Nach einer kurzen Pause und einem Räuspern fasst Kapitänleutnant Kurz den Befehl mit einem neutralen Gesichtsausdruck und mit sonorer Stimme zusammen:

„Der Staatssekretär des Äußeren von Bülow hat geruht festzustellen, dass man nicht abgeneigt sei, der Frage der Erwerbung einer Kohlenstation in der Gegend der Straße von Malakka durch die Firma Behn, Meyer & Co. näher zu treten. Voraussetzung sei, dass die Marine dies für wünschenswert halte. Wenn das der Fall sei, dann solle ein Kriegsschiff gelegentlich und unauffällig die Gegend erkunden. Wegen der politischen Brisanz der Unternehmung sei eine unbedingte Geheimhaltung notwendig.

Der Staatssekretär des Reichsmarineamts Admiral Tirpitz hat erklärt, dass er es begrüßen würde, wenn Iltis nach der Ausreise aus Penang, die Insel Langkawi aufsuchen würde. Der Kapitän solle sich ein Urteil über den Wert der Insel als Kohlenstation und auch als Stützpunkt machen. Ein Besuch des Kapitäns oder eines Offiziers von Iltis, natürlich inkognito, sei zweckmäßig.“

Nach einer kurzen Pause fügt Kapitänleutnant Kurz hinzu:

„Und genauso machen wir es, meine Herren.“

Mehr brauchen seine Offiziere nicht zu wissen. Das reicht schon, denkt sich Wilhelm Kurz. Angespannte Stille. Die Offiziere trauen ihren Ohren nicht. Aber Befehl ist Befehl und nicht zu hinterfragen. Dann nicken sie fast zeitgleich und gehen mit entschlossenem Ausdruck in ihren Gesichtern wieder auf ihre Posten.

Die Fahrt verläuft ohne Komplikationen. Mit dampfenden Schornsteinen hält Iltis schnurgerade seinen Kurs durch das ruhige, klare smaragdgrüne Wasser. Gelegentlich verdecken einige Wolken die Sonne, doch bringt das keine wirkliche Erleichterung. Unbarmherzig umweht die Männer die Tropenhitze.

Links und rechts begleiten Fregattvögel das Kriegsschiff. Die schlanken schwalbenschwanzähnlichen Jäger mit ihrem kurzen, gerundeten Kopf tauchen auf und ab. Schon bei geringen Windstärken müssen die Vögel nur noch gleiten und keine aktiven Flügelschläge mehr durchführen. Bei jedem Tropenfahrer lösen sie wegen ihrer wendigen, ja vollendeten Flugmanöver Begeisterung aus. Auch Kurz schaut den geschmeidigen Vögeln versonnen hinterher.