Singen - Barbara Locher - E-Book

Singen E-Book

Barbara Locher

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Beschreibung

Singen! Ja, aber wie? - In anschaulicher, gut strukturierter und leicht verständlicher Form gebe ich Antworten auf Fragen zu klassischem Gesang und fundierter Gesangstechnik. Mit der Beschreibung des solistischen Singens als künstlerisches Handwerk, mit Anleitungen zur Bewältigung komplexer technischer und musikalischer Herausforderungen, mit aufschlussreichen Bildern und adäquaten Übungen offeriere ich der interessierten Leserschaft einen alle sängerischen Bereiche umfassenden, reich gefüllten "Werkzeugkasten".

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2025

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© 2025 Barbara Locher

© Illustrationen und Cover Vorderseite: Raphaela Felder

Realisation, Satz & Layout: Bruno Späti

Herausgegeben von: Barbara Locher, www.barbara-locher.ch

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Barbara Locher, Kalchgrabenweg 8, 4532 Feldbrunnen, Switzerland.

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

WOHLKLANG IST LERNBAR

BARBARA LOCHER

ein Plädoyer für reflektierte Gesangskunst

Vorwort

Singen heisst dieses Buch. Spätestens wenn Sie es gelesen haben, werden Sie merken: Es ist weit mehr als das! Singen ist Bestimmung, Leidenschaft, himmelhoch jauchzende Freude und zu Tode betrübtes Leid. Wie eine Athletin, ein Athlet sucht man, immer besser zu werden. Je mehr man gelernt hat, desto klarer wird einem, wie wenig man (Barbaras Worte) be-„griffen“ hat. Es ist Lebensaufgabe und Lebensinhalt. Man muss bisweilen aufpassen, dass es nicht zu einnehmend, zu allumfassend wird. Vielleicht ist es nur die schönste Nebensache der Welt. Vielleicht ist es für uns Sänger wie das Atmen: notwendig zum Überleben. Singen ist sinnliches Gefühl und Schwingung jedes Teilchens in uns. Es ist Psyche und es ist Körper. Wer seine Stimme einmal entdeckt hat, wird spüren, dass sie untrennbar mit der eigenen Persönlichkeit verbunden ist, in guten, wie in schlechten Zeiten. Singen ist heilend für uns und im besten Fall auch für unser Publikum. Singen bedeutet, das ausdrücken zu können, wozu Worte allein nicht imstande sind. Es ist Kunstform und Natur zugleich — ein Instrument, dem Menschen ureigen.

Mit Sicherheit aber ist Singen eine Berufung — und ich kenne kaum jemanden, auf den diese Bezeichnung so sehr zutrifft, wie auf meine verehrte Dozentin und Freundin Barbara Locher.

Sei es als Sängerin — ich habe den hell leuchtenden Strahl ihrer weichen Stimme immer noch im Ohr. Ich erinnere mich an ihr Vorsingen im Unterricht, als sei es das Einfachste der Welt. Oder an ihre Konzertauftritte wie etwa jenem in Mendelssohns Elias, bei dem ich als Engelsstimme in meinen ersten Studienjahren mitwirken durfte. Barbara fand für die Rolle des Knaben eine ganz helle, jugendliche Farbe, um binnen kurzer Zeit mit grösster Innigkeit und Wärme den weiteren Verlauf der Partie zu erfüllen. Bei der Arie „Höre, Israel“ erklang ein Gesang in der Kirche, als käme er vom Himmel selbst…

Oder sei es als Dozentin, als Professorin an verschiedenen Hochschulen, wo sie seit vielen Jahrzehnten mit Leib und Seele unterrichtet. Barbara hat uns StudentInnen als ganze Sängerpersönlichkeiten betrachtet — von Anfang an mit Respekt und Verantwortung. Technik kam an erster Stelle, schliesslich ist sie die wichtigste Grundlage, das Werkzeug, um in diesem Beruf möglichst lange, gesund und mit Freude dabeizubleiben. Und auch, um die Mittel zur Verfügung zu haben, in eine Opernrolle oder die Interpretation einer Arie / eines Liedes befreit einzutauchen. Aber Gesangstechnik war bei Barbara immer verpackt in Musikalität und Spass (Sie werden ihren Humor bei dieser Lektüre kennenlernen). Wir haben in all den Jahren viel geschwitzt und auch mal geflucht, aber noch viel öfter haben wir uns gefreut, gelacht, Tränen gelacht und die Musik, und ja, manchmal auch unseren Gesang, endlos genossen.

Eine grossartige Eigenschaft von Barbara ist das Zuhören, die Bereitschaft auf Fragen einzugehen und alles immer und immer wieder zu überdenken. Keine Frage war dumm, sie konnte jedem Gegenüber mit abgestimmten Bildern und Erklärungen begegnen. Barbara ist kreativ, nicht nur in der musikalischen Gestaltung, sondern auch in der Sprache, mit der sie mit allen ihren Studierenden individuell passend kommuniziert. Denn — so einzigartig wie wir sind, so einzigartig ist auch unsere Wahrnehmung, sind unsere Körper und unsere Stimmen.

Wenn ich das Wichtigste, was ich von Barbara gelernt habe, auf ein paar Zeilen reduzieren müsste, wäre es folgendes: Die besten SängerInnen sind die, die mit Freude und Leidenschaft singen, kommunizieren und berühren können — und deren Antrieb, sich technisch weiterzuentwickeln, der grossen Hingabe zur Musik entspringt.

Und: SängerInnen sind Teamplayer. Was wären wir, ohne unsere wunderbaren Sängerkolleginnen im Ensemble, jeden einzelnen Sänger, der im Chor mit uns auf der Bühne steht, die Dirigentinnen und (Orchester-)Musiker? Erst im Zusammenspiel kann das Unfassbare, Beglückende, das alles Durchdringende, Erschütternde, das Wunderbare entstehen, was wir so einfach singen nennen.

Regula Mühlemann

Inhaltsverzeichnis

1. Die Stimme - ein Instrument

2. Singen als künstlerisches Handwerk

2.01 Haltemuskeln – Bewegungsmuskeln

2.02 Das System des Kreislaufs

2.03 Das Abdomen und der Psoas

2.04 Das Zwerchfell

2.05 Die Verbindung Ober- / Unterkörper - Beine / Rumpf

2.06 Kopf, Hals und Mund

2.07 Die Zunge

2.08 Die Mundöffnung

2.09 Der Gaumen

2.10 Der Oberkiefer

2.11 Der Unterkiefer

2.12 Nacken - Rücken

2.13 Skelett - Muskeln

3. Der Atem und das koordinierte System

3.01 Dynamik, Gaumen, Fokus und unser musikalisches Tun

3.02 Untere und obere Luft und was damit gemeint ist

4. Das Spiel

4.01 Register

4.02 Portamento

4.03 Chiaroscuro und Coperto

4.04 Koloraturen, Triller und Parlando

4.05 Vokale und Konsonanten

4.06 Belcanto

4.07 Resonanz und Vibration

4.08 Stand - Haltung - Füsse

4.09 Körperarbeit, Denkarbeit und ihre Verwandten

4.10 Pop-Gesang / Jazz-Gesang

4.11 Die verschiedenen Ebenen

4.12 Abstrahlung der Stimme in den Raum

4.13 Das Gehör

4.14 Dehnung und Spannung

4.15 Einsingen

4.16 Verbindungen – Kombinationen

4.17 Der Atem

5. Die Arbeit in der Lehre

5.01 Lehren heisst erklären

5.02 Wie gehe ich die Arbeit an?

5.03 …und in dem WIE, da liegt der ganze Unterschied

5.04 Lernen - Lehren

6. Singen als Beruf

6.01 Das Selbstbild

6.02 Bewusstsein - Unterbewusstsein - Intuition - Begabung

6.03 Erkältungen

6.04 Lied - Oper - Oratorium - Konzert - Unterricht

7. Bilder und Vorstellungshilfen

8. Übungen

9. Abbildungsverzeichnis

1. Die Stimme - ein Instrument

das unsichtbare Instrument Stimme

und weshalb der Werkzeugkoffer sinnvoll ist

Unsere Stimme, unser Instrument, ist gut verpackt in unserem Körper und die Verpackung ist in der Regel wunderschön. Das Publikum sieht unser Äusseres, das schöne Kleid, die schöne Frau oder den schönen Mann. Es sieht uns den Mund auf- und zumachen, in Film und Fernsehen sieht man die Zähne und die Zunge, eventuell noch ein bisschen die Atembewegung. Dann ist aber Schluss. Welches unglaubliche Bergwerk in unserem Körper arbeitet, bleibt unsichtbar.

Wenn wir Gesang studieren oder uns mit Stimmbildung befassen wollen, müssen wir lernen, die Stimme als Instrument zu verstehen. Das ist der erste Schritt. Anschliessend geht es ans Begreifen, das Be-Greifen im wahrsten Sinne des Wortes, ein Ertasten-Lernen unseres Inneren. So müssen wir einen Werkzeugkasten aufbauen, der so gut bestückt ist, dass wir in jeder musikalischen Situation in der Lage sind, das richtige Werkzeug, oder neudeutsch ausgedrückt, das geeignete Tool dafür zu finden.

Denn Singen ist Handwerk! Ein künstlerisches Handwerk, das erlernt werden kann, wie andere anspruchsvolle handwerkliche Fertigkeiten auch. Wie hätte der berühmteste Berner Schreiner des 18. Jahrhunderts, Matthäus Funk, seine heute so wertvollen Kommoden zu solch wunderbaren und begehrten Kunstwerken gestalten können, wenn er nicht sein Handwerk in vollendeter Perfektion beherrscht hätte? Funk arbeitete mit Holz, mit verschiedenen Hölzern, wir arbeiten mit Tönen, sehr verschiedenen Tönen und Klängen. Wir sind Interpretinnen und Interpreten, führen also etwas aus, was von anderer Hand hergestellt worden ist. Wir haben die Aufgabe, Noten in wohlklingende Töne zu verwandeln und damit kompositorische Ideen hörund erlebbar zu machen.

Und dabei sollten wir immer besser werden, ein ganzes Leben lang. Ich will mit diesem Buch anstiften zu Ordnung und Logik im Umgang mit dem unsichtbaren Instrument Stimme, aber auch zu vernetztem Denken, zu Weiterbildung und Neugier, zu vermehrtem Austausch und offener Kommunikation. Ich habe von meiner Gesangslehrerin und meinem Gesangslehrer und von vielen Kolleginnen und Kollegen eine ganze Menge gelernt und werde sie in der Folge gerne zitieren. Ich möchte ebenfalls zum Lesen und Nachschauen in vielen tollen Büchern und im Internet anregen, wo es zahlreiche video-animierte medizinische Apps und Lexika gibt, welche wir für uns selbst und für unsere pädagogische Arbeit verwenden können. Wer sucht, der findet. In diesem Buch ist es auch möglich, einzelne Kapitel herauszugreifen, welche gerade im Zentrum des eigenen Interesses stehen. Sie sind alle miteinander verbunden.

Für Studierende ist dieses Fach ein Gesamtpaket. Ein ganzer Koffer voller Werkzeuge muss während eines Studiums bereitgestellt werden. Dies nennt man Technik, Handwerk. Das Gesangshandwerk ist für Singende der Schlüssel zur Interpretation. Dabei soll nicht nur die Stimme, sondern der ganze Mensch ausgebildet werden zur Musikerin, zum Musiker. Eine verantwortungsvolle und aufregende Aufgabe zugleich.

Und: Musizieren bedarf des Denkens. Wir wollen gestalten, ein Instrument spielen und wir entscheiden laufend, wie das geschehen soll, damit wir unser Publikum erreichen können. Singen ist also auch eine mentale Arbeit, welche aus dem Moment heraus geschieht. Unser Denken beginnt mit dem Aufschlagen der Augen nach nächtlichem Schlaf und endet am Tagesende vor erneutem Schlaf. Tausende Gedanken schwirren täglich durch unseren Kopf. Weil dem so ist, können wir beginnen, unser Denken zu kanalisieren, indem wir uns nicht nur in die Musik, sondern auch in unser Instrument hineindenken, innere Abläufe spüren, steuern, und sie zu musikalischen Ereignissen werden lassen.

In meinem Buch finden Sie nicht nur eine Beschreibung der Werkzeuge und deren Benennung, sondern zudem eine Anwendungsbeilage zu diesem komplexen Stimm-Werkzeugkoffer. Verbunden mit tollen Risiken und wunderbaren Nebenwirkungen.

Eine Triebfeder zum Schreiben sind einerseits meine ehemaligen und derzeitigen Studierenden, die meine Unterrichtssprache kennen und denen ich gerne meine Rede in geschriebener Form vorlege. Andererseits bin ich es selbst, weil ich ordnen, ergänzen, eventuell relativieren und weiterentwickeln will, was ich in den vielen Jahren der Unterrichtstätigkeit gelernt und gelehrt habe und es immer noch tue. Ich unterrichte seit meinem 21. Lebensjahr. Bitte nicht fragen, wie ich damals gearbeitet habe, aber ich war wild entschlossen, der Empfehlung meines ersten Lehrers zu folgen, welcher mir riet: «Wenn Sie unterrichten wollen, dann beginnen Sie jetzt und hören Sie bitte nicht mehr damit auf.» Nun, ich bin immer noch dabei und noch lange nicht fertig, auch nicht nach über 40 Jahren Hochschulerfahrung. Denn ich werde mich weiterbilden, so lange ich lebe.

Wenn ich mit diesem Buch bei einem breiten Publikum Interesse wecken und das selbständige sängerische Denken anregen kann, sei es bei BerufskollegInnen, interessierten LaiensängerInnen, ChorleiterInnen und StimmbildnerInnen, freue ich mich sehr.

2. Singen als künstlerisches Handwerk

wer aufhört besser zu werden, hört auf gut zu sein

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Das Handwerk des klassischen Singens stammt aus wirklich alten Zeiten, liess keine Generation los, nicht die Singenden, nicht die Forschenden. Wir singen immer noch mikrofonfrei, wie in den vergangenen Jahrhunderten seit der Entstehung der Gesangskunst. Der Gedanke an die Quadratur des Kreises liegt nahe, denn wir versuchen, schier Unmögliches möglich zu machen: Mit zwei kleinen Teilchen namens Stimmlippen (im Volksmund auch Stimmbänder genannt) und Luft müssen wir ganze Säle akustisch füllen. Sind es die Fragen zu stimmlicher Grösse, „Durchschlagskraft“ und Wohlklang, welche bei Publikum und Ausführenden von Interesse sind? Oder ist es das Unsichtbare, Geheimnisvolle, nicht wirklich Fassbare? Masterclasses zu diesen Fragen finden hüben und drüben statt. Da werden oft Weisheiten vermittelt, manchmal mit grossen Fragezeichen seitens der Teilnehmenden wahrgenommen, was denn nun wirklich gemeint sein könnte. Denn gut gemeint sind sie immer: technische Anweisungen, mit grosser Geste untermauert, manchmal jedoch schwer- oder gar unverständlich für die Auszubildenden.

Licht in dieses Dunkel zu bringen, ist sisyphus’sche Kleinarbeit. Täglich, immer wieder. Warum können nicht alle befreit singen und gestalten? Man weiss doch alles über dieses Instrument! Fast alles, was zu diesem Thema geschrieben worden ist – und es ist sehr viel darüber geschrieben worden –, spricht von locker und natürlich, mühelos in allen Lagen, anstrengungsfrei und dergleichen mehr.

In Aufnahmeprüfungen an Hochschulen hören wir jedoch sehr oft nicht gerade Ermutigendes: Nichtvorhandene Grundlagen, Stimmen, welche irgendwie klingen, junge Menschen, welche sich musikalisch über die Runden bringen wollen, um damit eine Jury zu überzeugen.

Und was hören wir bei den Ausgebildeten? Einige wunder-wunderbare Sängerinnen und Sänger, daneben ein Heer von sich durch Schwierigkeiten kämpfenden Vokalistinnen und Vokalisten. Bei vielen der Letztgenannten ist die Master-Prüfung die letzte wirkliche öffentliche Performance. Gut, der Sängerberuf ist nicht jedermanns Sache. Das merken einige Studierende während der Ausbildung, andere erst nach ihren Abschlüssen. Das Gute daran ist, dass sie es probiert haben und wahrscheinlich auch wissen, was sie weglegen, wenn sie es weglegen. Je besser Sängerinnen und Sänger ausgebildet sind, desto grösser sind ihre Chancen, ihre Kunst als Beruf auszuüben. Das ist heutzutage Fakt. Der Beruf fordert sehr viel: Spielfreude, schauspielerische Fähigkeiten, körperliche Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer, Resilienz, Persönlichkeit, Authentizität, Selbstbewusstsein und sängerisches Können.

Die Wissenschaft weiss längst, wie dieses Instrument physiologisch funktioniert. Oder zumindest fast: Stimmforschende untersuchen es mit immer neuen Methoden, was immer wieder neue Entdeckungen ermöglicht. Die Kernspintomografie ist eine der segensreichsten Erfindungen der letzten Jahrzehnte. Mit dieser Technologie ist es möglich, in einen singenden Menschen hineinzuschauen, dieses sonst unsichtbare Instrument sichtbar zu machen. Nicht einfach nur seine Stimmlippen und das umliegende Gebiet von oben stroboskopisch zu erfassen, sondern auch die Resonanzräume, den Gaumen, die Epiglottis, die Zunge und vieles mehr direkt während des Singens zu beobachten. Da staunt man nicht schlecht, wenn plötzlich eigenes Wissen und damit verbundene Annahmen so ziemlich über Bord geworfen werden. Bestimmt werden in naher Zukunft noch intelligentere Maschinen erfunden, welche der weiteren Erkenntnis dienen können.

Mit dem heutigen Wissensstand in der Körperarbeit müsste es also längst möglich sein zu erklären, wie phänomenal unser Körper funktionieren könnte, wenn er nicht durch angelernte kontraproduktive Gewohnheiten davon abgehalten würde.

Wir hören leider immer wieder Sängerinnen und Sänger, die den physiologischen Gesetzen trotzen, deren Stimmen ungenügend schliessen, die schlecht atmen, bei denen der Oberkörper zusammenfällt, welche die Stimme in den Fokus drücken, um möglichst kraftvoll gehört zu werden, die keine Ahnung von Legato haben, die brüllen und keine Crescendo-Decrescendo-Fähigkeiten besitzen, den Kehlkopf nicht kippen lassen können, um eine mühelose Höhe zu erreichen, die der Sprache viel zu wenig Bedeutung geben, kein wirkliches Piano singen können, nichts von wirklichem Portamento verstehen, ein unnatürliches Vibrato haben, in den Körper drücken, fürchterliche Grimassen schneiden und dabei unglaublich künstlerisch wirken wollen. Dies alles, weil ihnen die handwerkliche Basis fehlt.

Leider verzeiht uns unsere Stimme all diese Dinge allzu lange. So lange, bis sie es nicht mehr tut, und der betreffende Mensch vor grossen Problemen und eventuell vor einem echten Scherbenhaufen steht.

Woran liegt es, dass man längst alles weiss und dennoch so vieles nicht versteht? Die Frage ist schwierig zu beantworten, denn es gibt unter Sängerinnen und Sängern sehr viele unterschiedliche Überzeugungen. Die beste Antwort meiner Ansicht nach ist, auf höchstmögliche Qualität in der Ausbildung zu achten. Dies beginnt bereits im eigenen Gesangsstudium und setzt sich dann im Pädagogikstudium fort. Spätestens da sollte es den Studierenden klar werden, welche Verantwortung sie mit dem Ausbilden von Stimmen übernehmen werden. Klarheit und Präzision des eigenen Wissens ist eine Voraussetzung für diesen Studiengang. Für angehende Sängerinnen und Sänger ist die erste Lehrperson äusserst wichtig. Junge Menschen kommen in den Unterricht und müssen erst mal darauf vertrauen können, dass man ihnen keinen Unsinn erzählt. Dazu gehört auch, dass die erste Lehrperson keine Prognosen für die Auszubildenden stellt, keine falschen Hoffnungen aufkommen lässt, denn weder die Schülerin/der Schüler noch die Lehrperson können wissen, was die Zukunft bringt. Wir haben es mit jungen, sehr formbaren Menschen zu tun. Da ist schnell etwas gelernt und geübt, was kontraproduktiv sein kann, und umlernen ist bekanntlich keine leichte Sache.

Die jungen Leute, welche an Musikschulen, Gymnasien und Konservatorien lehren, sollten sängerisch wie pädagogisch so gut wie möglich ausgebildet sein. Denn sie bereiten in der Regel die neue Generation von Gesangsstudierenden vor, welche sich an den Hochschulen zur Aufnahmeprüfung anmelden. Sie haben es mit Anfängern zu tun. Ich halte diese Arbeit für eine der schwierigsten.

2.01 Haltemuskeln – Bewegungsmuskeln

eine körperliche Grundordnung erkennen

Bevor wir uns aufmachen auf die Reise durch unseren Körper, sollten wir uns des Folgenden bewusst sein und unser Sing-Denken dahingehend überprüfen: Das Gesangsinstrument, also der ganze Körper, braucht Muskeln, welche das Skelett stabilisieren und Muskeln, welche beweglich sind. Ich nenne sie hier Halte- und Bewegungsmuskeln. Diese sollten wir nicht verwechseln, was leichter gesagt als getan ist.

Wir singenden Menschen müssen lernen, unseren inneren Tastsinn zu gebrauchen. Deshalb ist es äusserst ratsam, sich darüber im Klaren zu werden, wie sich die Muskeln bzw. die Muskelgruppen unseres Instruments zueinander verhalten. Welche Muskeln brauche ich für die Stabilisierung des Skeletts und welche für die Beweglichkeit des Instruments? Spätestens dann, wenn wir an Koloraturen oder Triller denken, sollte uns diese Notwendigkeit klar sein.

Wenn wir uns überlegen, dass wir ein stabiles Skelett und weiche, bewegliche Teile unser Eigen nennen, können wir versuchen, System in das Ganze zu bringen. Denken wir etwa an den Thorax. Der besteht aus den Rippen, dem Brustbein, den Schlüsselbeinen und der Brustwirbelsäule. Der Thorax gibt uns Halt. Natürlich braucht er dazu Muskeln, denn die Knochen allein tun es nicht. Die Zwischenrippenmuskeln und der Transversus thoracis sind dabei die grosse Hilfe. Auch das Becken gehört mit Kreuzbein und Schambein zu unserem Halt. Im Zwischenraum zwischen Becken und Thorax befindet sich der Quadratus lumborum, der für die Aufrichtung der Wirbelsäule verantwortlich ist. Ein äusserst wichtiger Stabilisator und die stabile Verbindung von Ober- und Unterkörper. Wir können lernen uns aufzurichten, das Skelett mit den dazu dienenden Muskeln in seiner Stabilität zu trainieren. Und schliesslich ist der Kopf mit seinen Schädelknochen ein grosser Stabilisator. Vereinfacht beschrieben entstehen die folgenden Bewegungen: auf der Vorderseite vom Schambein nach oben zum Brustbein; im Rücken nach unten zum Kreuzbein und zum Steissbein. Die Wirbelsäule wird dabei lang, nach oben fächern sich die Nackenwirbel auf und nach unten ziehen Kreuzbein und Steissbein tief. Für die anatomisch genaue Beschreibung empfehle ich Theodore Dimons Buch «The Anatomy of the Voice». Dimon beschreibt alles für Sängerinnen und Sänger Notwendige sehr genau.

Abbildung 1 Aufrichtung und Verlauf (1)

Auf dieser Abbildung sehen wir, dass die Kopfbewegung leicht nach vorne geht, um das Langziehen der Wirbelsäule zu unterstützen. Die Brustwirbelsäule dehnt sich nach oben, die Schulterblätter und das Steissbein nach unten.

Jetzt kommen die beweglichen Teile dazu. Das sind der Beckenboden, die abdominalen Muskeln, der Transversus abdominis (der ist allerdings, wie der Transversus thoracis auch ein Stabilisierungsmuskel), zusammen mit den schrägen Bauchmuskeln (Obliquus internus und Obliquus externus im Brustbereich), der Rektusmuskel, der quadratische Rückenmuskel, die Lendenmuskeln, das Zwerchfell, die Lungen, der Kehlkopf, die Rachenrückwand, der Gaumen und die Zunge.

Auch im Kopfbereich ist es notwendig, die Aufgaben der Haltemuskeln von jenen der Beweglichkeit zu unterscheiden. Die Rachenrückwand bis hinauf zum Nasenrachen ist aufgerichtet und bleibt stabil. Der weiche Gaumen hingegen ist und bleibt beweglich. Dies in Dehnung (Hebemuskeln) und Spannung (Haltemuskeln). Alle diese Elemente werden in den folgenden Kapiteln genauer beschrieben.

Los geht’s! Tauchen wir ein in unser sängerisches Netzwerk, den körperlichen Kreislauf!

2.02 Das System des Kreislaufs

Unser Körpernetzwerk funktioniert wie ein Kreislauf und ist zu vergleichen mit einem Paternoster, dem Personen-Lift aus alten Zeiten. Da gibt es zwei Liftschächte nebeneinander mit regelmässigen Plattformen. Türen gibt es keine und der Lift hält auch nicht an. Es handelt sich um eine einzige Konstruktion, welche immer rundherum fährt. Ein Kreislauf eben. Man kann aufspringen, sobald sich eine der Kabinen unserer Ebene nähert, und wieder abspringen, wenn man das gewünschte Stockwerk erreicht hat.

Für das Gesangsinstrument bedeutet das: Wir bewegen den Lift durch die muskuläre Bewegung und die Bewegung des Atems. Einziger Unterschied: Wir springen auf den Stockwerken nicht ab. Zusammengehalten wird das Ganze durch unser Skelett. Die Bewegung beginnt in der abdominalen Region. Sie führt das Zwerchfell. Dieses übt dann einen regelmässigen, gesunden Druck auf die Lungen aus, welche ihrerseits die Luft nach oben befördern in den Kehlkopf und von da schliesslich in die Resonanzräume des Hals- und Kopfbereichs. Dies ist, grob beschrieben, die aufsteigende Energie. Die absteigende Energie führt uns über Hinterkopf und Nacken über den Rücken bis zum Steissbein. Von da geht die Energie via Beckenboden wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Wenn wir das System eines Kreislaufs respektieren, bleibt die Energie und Kraft bei uns, denn sie verläuft rundherum von unten nach oben und von oben nach unten. Und sie ist stets erneuerbar, weil die Muskeln aufwärts und abwärts miteinander kommunizieren und sich gegenseitig beeinflussen und anregen.

Hier ein kleines Beispiel: wenn wir mit zwei gefüllten Einkaufstüten aus dem Supermarkt kommen, tragen wir diese nicht mit ausgestreckten Armen nachhause, sondern tragen sie nah am Körper, um so die Kraft zu bündeln. Unser Körper funktioniert wie ein Räderwerk. Daraus ergibt sich ein sich selbstschliessender Kreislauf. Wir haben einen Blutkreislauf, welcher unser Blut nach oben und unten und wieder zurück pumpt, unsere Organe kommunizieren miteinander. Und wir haben einen Muskelkreislauf, welchen ich so nenne, weil dieses Bild assoziiert werden kann. Alles greift ineinander und ist verbunden.

Um zu verstehen, wie dieses Räderwerk in der Praxis funktioniert, sollten wir zuerst beginnen, den Körper zu fragen, was er denn so alles von Natur aus kann. Ja richtig: fragen. Er wird uns antworten. Unser Körper weiss alles! Er kann alles, was wir zum Singen brauchen. Wir müssen ihn nur lehren, diese Möglichkeiten in einer überhöhten, veredelten, kunstvollen Form zu nutzen. Und da fangen die Probleme meistens an, welche den Namen Verwechslung tragen.

Beispiel für eine Frage an unseren Körper: Wir setzen uns auf einen weichen Stuhl oder einen grossen Ball, Beine und Füsse hüftbreit gestellt, das Gewicht auf den Sitzbeinen und sprechen in kurzem Rhythmus: sss‘ sss‘ sss‘ sss‘ usw. Dazwischen lassen wir los. Die Apostrophe stehen für das Loslassen (Abspannen.) Möglichst natürlich beginnen, ohne etwas richtig machen zu wollen. Jeder Mensch kann das, ohne darüber nachzudenken, ausführen und kann den Atem beim Loslassen von selber kommen lassen.

Der Körper «antwortet»:

Bei jedem sss spannt sich die abdominale Muskulatur an

Die querlaufende tiefe Bauchmuskulatur und die schrägen Bauchmuskeln werden aktiviert

Die Taille wird rund und das Brustbein richtet sich auf

Dabei wölbt sich das Zwerchfell und gibt natürlichen, gesunden Druck auf die Lungen

Das Brustbein hebt sich leicht an

Der gerade Bauchmuskel zieht sich in die Länge

Die Wirbelsäule wird lang, der Rücken zieht nach unten

Beim Loslassen (Abspannen) weiten sich Thorax und Becken, das Zwerchfell senkt sich nach unten/aussen, das Brustbein lässt leicht los

Die Atembewegung setzt automatisch ein, ähnlich einer Welle

Die Bauchmuskulatur ist bereit für die nächste Ausatmung

Abbildung 2 Körper sitzend seitlich (2)

Die Hände können das Ganze fühlend nachvollziehen: Wenn die abdominale Muskulatur anzieht, spüren wir dies als Anschwellen in der Leiste und auf der Höhe des Schambeins als eine runde Bewegung, welche zuerst gefühlt nach aussen geht und dann nach innen oben zieht. Der Bauch wird flach und zieht leicht nach innen. Wir spüren es in der Taille, welche sich rundet. Wir spüren es im Brustkorb, der sich weitet und sich gleichzeitig in die Länge zieht. Der Solarplexus wölbt sich nach aussen und wir fühlen die Reaktion im Beckenboden, welcher sich in alle Richtungen dehnt. Die Wirbelsäule wird lang, der Kopf geht leicht nach hinten. Die Schulterblätter senken sich, das Becken zieht hinten nach unten und richtet sich dabei auf. Die Muskulatur zwischen den festen Teilen Brustkorb und Beckenschaufel gibt uns das Gefühl einer Korsage. Das Kreuzbein bleibt stabil, das Steissbein zieht nach unten und gibt den Impuls weiter über den Beckenboden nach vorne zur abdominalen Muskulatur. Klingt kompliziert? Ja, so ist es, wenn man es beschreiben will. Jeder Mensch kann dies jedoch ganz natürlich ausführen, wenn er den Körper machen lässt. Bedingung ist ein sehr scharf artikuliertes sss, welches wie ein schmales Ventil wirkt, damit alle Reaktionen im Körper gut fühlbar sind. Wir brauchen die volle Aufmerksamkeit auf unseren Körper. Und das Räderwerk beginnt sich zu bewegen. Es ist vergleichbar mit einem mechanischen Uhrwerk. Jedes Rädchen greift ins andere, ist verzahnt mit dem nächsten und bildet so den fliessenden Halt für unsere Stimme. Im Sitzen ist dies sehr angenehm auszuführen, da die Sitzfläche uns das tiefe Becken spüren lässt. Die Sitzfläche gibt ebenfalls eine Antwort auf unser Tun.

Wenn dieses System erkannt ist, wechseln wir auf ein stimmhaftes sss. Jetzt geht es um das «wie». Wie tun wir das genau? Wenn dieses stimmhafte sss regelmässig «summt», die Stimme also dabei klingt, liegen wir richtig. Dann ist die Atembewegung rund. Sollte sich dabei, ohne es zu wollen, ein stimmloses sss einstellen, reissen wir womöglich den Unterbauch nach innen und halten die Muskeln fest oder spannen den geraden Muskel (Rectus abdominis) an. Somit wird der Atem gedrückt und geschoben, was wiederum Druck auf die Stimme zur Folge hat. Ebenfalls das rollende Zungen-r ist dabei hilfreich. Rollt das r mühelos, führen wir unseren Atem richtig. Die Hände können dies fühlend in der Leistengegend und über dem Schambein kontrollieren.

Das Ganze ist eine natürliche, jedem Menschen zugängliche Möglichkeit, den Körper kennenzulernen. Sehr einfach und noch nicht sängerisch ausgebaut, nur ein Erkennen der natürlichen Bewegung.

Kurz und knapp

Im Stehen oder Sitzen

auswählen: stimmhaftes s oder rollendes r, oder m (leckere Speise), alle drei sind kräftig im Sprechton auszuführen

beobachten: der quere Bauchmuskel spannt sich an, die Taille wird rund

Diese Bewegung findet unter dem geraden Bauchmuskel und an den Seiten statt

Zug vom Schambein nach oben, Solarplexus wölbt sich nach aussen

Gegenzug im Rücken nach unten, dabei stützt uns der quadratische Rückenmuskel

Bewegung vom Steissbein via Beckenboden zum Schambein

Kreislaufbewegung

Hals und Kopf arbeiten selbstverständlich ebenfalls mit in dieser Arbeit der muskulären Kommunikation.

Eine weitere wichtige Frage an unser System lautet: Was tun wir genau, wenn wir gähnen? Und zwar beim Beginn, der Einatmungsphase des Gähnens?

Es geschieht in folgender Reihenfolge:

Eine Weitung des inneren Ohrenraums (Tensor veli palatini, Tensor tympani)

Der Nasenboden hebt sich an, die Nasenflügel weiten sich

Es entsteht ein Widerstand hinter der Nase und eine Einatmung, welche durch diesen Widerstand verlangsamt wird

Der Gaumen hebt sich (Levator veli palatini)

Der Kehlkopf senkt sich

Der hintere Zungenrücken wölbt sich dabei leicht nach oben

Gähnen ist also nicht bloss ein Hochziehen des Gaumens und eine Mundöffnung. Für uns singende Menschen ist die einatmende Phase der Gähnbewegung von Bedeutung. Dies, weil sie elastisch und dynamisch ausgeführt werden kann. Im Gegensatz dazu ist die ausatmende Phase meistens überdehnt und fixiert und somit für den sängerischen Gebrauch nicht nützlich. Sie verschliesst den Zugang zum Nasenrachenraum. Und den brauchen wir unbedingt für einen kompletten Klang. In dieser Reihenfolge richten wir unser Instrument auf und ziehen es in die Länge. Der Körper reagiert ebenfalls in der vorher beschriebenen Art und Weise.

Wenn wir diese Abläufe in Körper und Kopf genau beobachten, erkennen wir den Kreislauf unseres Stützsystems.

In den folgenden Abschnitten verwende ich auch die italienischen Begriffe der Körperabläufe.

Sostegno nennt sich die Arbeit in Abdomen und Psoas.

Appoggio ist einerseits die Anlehnung in die schräge Bauchmuskulatur,

Appoggio (diaframmatico) andererseits beschreibt die Anlehnung des Zwerchfells in den Brustraum.

Squillo bedeutet Fokus, Mitte des Kopfs.

Appoggio im Kopfbereich (in testa) beschreibt die Anlehnungsfähigkeit im Kopfbereich.

Appoggio im Brustbereich (in petto): sich in die Mitte des Brustbeins lehnen

2.03 Das Abdomen und der Psoas

diese beiden Muskelgruppen bedienen das Zwerchfell

Die abdominale Muskulatur – damit ist der unterste Teil des geraden Bauchmuskels (Rectus abdominis) und der quere Bauchmuskel (Transversus abdominis), zusammen mit den schrägen Bauchmuskeln (Obliquus internus), gemeint – führt das Zwerchfell und damit auch den Atem. Der Unterbauch soll mit der Zwerchfellbewegung verbunden sein und muss es bei der Klanggebung auch bleiben. In der Mitte über dem Schambein befindet sich der sehr kleine Pyramidenmuskel (Pyramidalis), der sich beim Ausatmen nach oben verlängert und beim Einatmen wieder nach unten zusammenzieht. Es gibt Männer, bei denen er nicht vorhanden ist, wie es die Wissenschaft der Anatomie belegt, die Region ist aber trotzdem fühl- und dehnbar.

Hinweis: Videos auf https://flexikon.doccheck.com. Hier kann man Animationen des Transversus, des Obliquus internus und des Pyramidalis sehen. Einfach unter suchen die entsprechenden Begriffe eingeben.

Der Beckenboden als Muskelgeflecht mit seiner Dehn- und Spannfähigkeit ist als Antagonist des Zwerchfells ebenfalls aktiv. Bei der Einatmung dehnt er sich seitwärts bis zum Hüftgelenk, beim Ausatmen folgt die Dehnung vom Steissbein zum Schambein. Dabei spannt sich nur das Zentrum des Beckenbodens an.

Als Mitspieler und Organheber darf der Beckenboden in seiner Wichtigkeit nicht unterschätzt werden. Seine Funktion wird im Kapitel Verbindungen – Kombinationen näher beschrieben.

Abbildung 3 Körper / Becken (3)

Mit diesem Zug nach oben löst der Körper automatisch den Gegenzug im unteren Rücken aus, bewegt sich zum Kreuz- und Steissbein hin und folgt seiner schrägen untersten Muskelstruktur. Das Ganze fühlt sich an wie das Aufrichten einer Schale. Der quer verlaufende Transversus abdominis, welcher im mittleren Rücken rechts und links der Wirbelsäule beginnt, wird aktiv, der Brustkorb bleibt hinten weit. Das Becken bildet diese grosse Schale. Und alles ist in Bewegung! Wenn dabei das Brustbein aufgerichtet bleibt, liegen wir richtig.

Diese Führungsarbeit können wir noch weiter unten beginnen, auf der Innenseite unserer Oberschenkel, ungefähr eine Hand breit unterhalb der Leiste. Da beginnt der Hüftbeuger (Psoas und Iliacus, der Lenden-Darmbeinmuskel), ein Muskel, der via Hüfte bis nach oben zum Zwerchfell reicht. Dieser Muskel braucht Dehnung und Spannung. Er gibt uns das Gefühl, auf einem Pferd zu sitzen und dieses zu führen und dabei gleichzeitig Erdung und Strebung nach oben zu fühlen. Elastizität pur!

Abbildung 4 Ganzkörper / Iliopsoas (4)

Kurz und knapp

Im Stehen: die Strecke von der Innenseite der Oberschenkel bis zur Hüfte in die Länge ziehen

Dabei stellt sich der Körper auf die Hüftgelenke, nicht dahinter oder davor

Kniend: ein Bein ist aufgestellt und der Körper verschiebt sich aufgerichtet nach vorne, es entsteht ein Zug in der Leiste. >> Siehe Abb. 13.

2.04 Das Zwerchfell

die Zwerchfellbewegung holt die Luft, nicht umgekehrt

den Atem nicht nur als Quantum, sondern als Qualität betrachten

Das Zwerchfell ist, was leider längst nicht alle wissen (kein Scherz), unser Haupt-Atemmuskel. Ohne Zwerchfell geht es nicht, auch wenn das Herz noch länger schlägt.

Der Begriff Zwerch leitet sich aus dem mittelhochdeutschen twerch, übersetzt quer ab. Das Zwerchfell liegt mit seiner Oberfläche quer in unserem Körper. Es teilt ihn in zwei Teile: Oberhalb des Zwerchfells befinden sich die Lungen und das Herz, unterhalb sind die LebensmittelVerarbeiter am Werk. Es reicht im Rückenbereich bis zu den untersten Rippen und besitzt zwei sogenannte Schenkel, welche bis in den Lendenbereich führen.

Das Zwerchfell ist in seinem hinteren Bereich grösser als im vorderen. Es gehört zu den Bewegungsmuskeln, denn es ist dazu da, Luft anzusaugen. Bei der Einatmung senkt es sich nach unten und aussen. Dabei zieht es die Lungen mit nach unten, damit sie sich füllen können. Bei der anschliessenden Ausatmung steigt das Zwerchfell nach oben und gibt einen gesunden Druck auf die Lungen, damit der Atem wieder nach oben befördert wird. Die Lungen sind ohne Zwerchfell total aufgeschmissen. Sie können nicht selbständig atmen.

Das Zwerchfell ist eine Art Druck- und Saugpumpe, wie es Margot Scheufele-Osenberg in ihrem bemerkenswerten Buch «Die Atemschule» (ISBN 978-3-7957-8705-9) beschreibt.

Viele Menschen, auch viele Studierende, verorten das Zwerchfell irgendwo unten im Bauch. Dazu ist es hilfreich, ein anatomisches Bild zur Hand zu nehmen, um diese Vorstellung zu entkräften. Man kann auch das Internet zurate ziehen unter flexikon.doccheck.com. Das Zwerchfell liegt höher in unserem Brustraum, als wir denken. Es befindet sich im und nicht unterhalb des Thorax. Beim Einatmen senkt es sich nicht in den Bauch, sondern verdrängt lediglich die Organe nach unten. Diese Bewegung spüren wir. Eine Verwechslung kann entstehen, weil Gesangsschülerinnen und -schüler sehr oft die Anweisung bekommen, doch bitte tief in den Bauch zu atmen. Wir können nicht IN den Bauch, sondern nur MIT dem Bauch atmen. Die Luft geht in die Lungen, nicht in den Bauch.

Das Zwerchfell arbeitet ohne unseren Willen, völlig autonom. Das muss es, denn es erhält uns Tag und Nacht am Leben. Wir können das Zwerchfell selber nicht steuern, obwohl es zu den Bewegungsmuskeln gehört. Wir können einzig die Muskulatur, welche sich darum herum befindet, bewegen. Wir können es sogar nach unten drücken (die sogenannte Bauchpresse). Dies sollte allerdings nur auf dem stillen Örtchen und, für Frauen, beim Gebären ausgeführt werden. Nicht beim Singen. Wir können das Zwerchfell auch nicht wecken, wie es bei vielen Einsingübungen jeweils empfohlen wird. Es schläft nie. Wir können jedoch alle Bereiche, die es führen, trainieren. Das Zwerchfell wird durch den Nervus phrenicus aus unserem Halsbereich innerviert. Das Zwerchfell hat die Form einer Doppelkuppel. Jede Seite wölbt sich in die entsprechende Seite der Rippenbögen, links etwas tiefer aufgrund der Position des Herzens. Es setzt sich aus verschiedenen Muskelpartien zusammen. Seine Oberfläche ist in der Mitte muskulär stärker ausgestattet als seine Seiten, weil die Speiseröhre und die Blutbahnen durch das Zwerchfell geführt werden.

In der Ruheatmung versorgt uns das Zwerchfell mit einer kleinen Atembewegung nach unten/aussen (Einatmung) und nach oben (Ausatmung) mit dem notwendigen Sauerstoff, welche unser Blut, unsere Muskeln und die grauen Zellen zum guten Funktionieren brauchen. Die Einatmungsphase ist somit eine Spannung und die Ausatmungsphase eine Entspannung, ein Loslassen. Beim Singen verändert sich dies in der Ausatmungsphase. Der Atem wird geführt und verlangsamt, die Einatmung fühlt sich an wie ein Loslassen in die Weite des Thorax, ein Abspannen, und die Luft kommt automatisch zurück. Dies ist die Vorbereitung auf die neue Phrase und keine totale Entspannung. Abspannen und entspannen sind zwei unterschiedliche Dinge.

Wenn wir sprechen, ist die Einatmungszeit kurz und die Ausatmungszeit deutlich länger. Das Ziel muss sein: Wir können ganze Sätze sprechen, ohne nach jedem Wort zu atmen. Wenn wir singen, geht es um eine noch längere Ausatmungszeit. Jetzt brauchen wir einen gezielten Einatem (Vorbereiten der Phrase), damit wir eine lange Ausatemphase «tragen» können. Also muss die Zwerchfelltätigkeit grösser, langsamer und kraftvoller werden. Die Ausatemphase ist somit keine rasche Entspannung mehr, sondern ein geführter Fluss. Bei der Einatmung ziehen die Zwischenrippenmuskeln den Brustkorb nach aussen. Das Zwerchfell ist mit den untersten Rippen verbunden, wird mitgezogen in eine eher flache Form. Wenn wir anschliessend ausatmen, wölbt sich das Zwerchfell nach oben und die unteren Rippen ziehen es seitlich und im Rücken nach unten. Die Zwischenrippenmuskulatur fächert sich senkrecht auf. Der Thorax wird lang. Das Zwerchfell bewegt sich seitlich entlang der Rippen nach oben.

Wenn wir das Zwerchfell festhalten wollen, gelingt uns das zwar leidlich mit den umliegenden Muskeln, bremst oder stoppt jedoch den Atemfluss und verengt dabei die Kehle. Das Zwerchfell will sich bewegen, weil es uns am Leben erhalten will. Geführt wird es durch die gesamte abdominale Muskulatur. Wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben.

Das Zwerchfell hat zwei Mitspieler: der Beckenboden und der Mundboden. Wie bitte? werden Sie fragen. Die lateinischen Bezeichnungen schaffen durch die gemeinsame Bezeichnung Diaphragma Klarheit: Diaphragma (Zwerchfell), Diaphragma pelvis (Beckenboden) und Diaphragma oris (Mundboden). Staunen ist erlaubt. Der Mundboden wird nicht selten vernachlässigt. >> Siehe auch Kapitel Verbindungen.

Abbildung 5 Ganzkörperansicht (5)

Kurz und knapp

Einatmen als Bewegung: seitlich mit den Flanken (unterste Rippenbögen) und von vorn nach hinten zwischen dem Solarplexus und dem mittleren Rücken, also in vier Himmelsrichtungen Ausatmen mit den queren und schrägen Bauchmuskeln und dem Gefühl, welches sich bei einem freudigen mmm einstellt. Dabei die Verbindung von Abdomen und Zwerchfell spüren

Abbildung 6 Zwerchfell (6)

Die kräftigen, dicken Muskeln des Zwerchfells befinden sich in der Mitte seiner Oberfläche. An den Seiten sind die Muskeln dünner.

Praktische Arbeit → Zwerchfell

Variante 1

Wir können das Einatmen üben mit einer grossen Bewegung in vier Richtungen des Brustkorbs. Das Zwerchfell saugt die Luft an. Der Solarplexus wölbt sich dabei nach aussen, ebenso die Flanken. Die Mitte des Zwerchfells wird aktiviert. Im Kopfbereich helfen wir mit und stellen die Resonanzräume bereit. Die abdominalen Muskeln sind aktiv und bereit für die Ausatmung. Anschliessend folgt langsames Ausatmen auf stimmhaftem sss oder mmm, geführt von der Muskulatur des Unterbauchs und dem Transversus abdominis. Dies mit der Vorstellung, dass sich dadurch das Zwerchfell wie ein Ballon vergrössert, die Mitte steigt nach oben und die Seiten schmiegen sich höher aufsteigend an den Thorax. Eine überaus grosse Bewegung. Die untersten Rippen werden nach unten gezogen, die Schulterblätter nach aussen und unten. Der Lendenbereich zieht nach unten und das Brustbein hebt sich leicht an. Die Schlüsselbeine streben nach aussen und der horizontale Abstand der Schulterblätter vergrössert sich. So lässt sich ein gleichmässiger Druck auf die Lungen herstellen, welcher äusserst wichtig und modifizierbar ist. Das Gefühl dafür: Das Zwerchfell arbeitet ruhig (obwohl sich seine Oberfläche stetig nach oben bewegt). So bekommen wir einen weiten Brustraum, ohne ihn aktiv weithalten zu wollen, was in der Regel zu einem Festhalten führt.

Anschliessend folgt die Einatmung durch ein kurzes Loslassen, um wieder in die Einatembewegung zu kommen, den Atem zurückkommen zu lassen. Anders ausgedrückt: Wir bauen bei der Ausatmung eine Phrase auf und wachsen dabei. Wir sind nicht die Verhinderer des zu raschen Luftverlustes, besser bekannt unter den Termini Atem sparen und horizontale Weite im Thorax aktiv halten. Sparen bitte nur beim Geld, nicht bei der Luft. Die Luft ist frei. Sie arbeitet beim Singen ausschliesslich aufgrund unserer Führung.

Üben mit gesprochenen Konsonanten (sss, fff, rrr), dabei immer wieder abspannen bzw. den Atem über die Bewegung zurückkommen lassen. Dabei die Ausatembewegung im Bauch beobachten: die Muskeln schwellen an zu einem runden, nach innen und oben gehenden Zug.

Variante 2

Die Einatembewegung in die Mitte des Zwerchfells denken. Mit dem Begriff Mitte ist die Oberfläche des Zwerchfells gemeint. Kontrolle: Daumen auf den Solarplexus halten und verifizieren, dass der Plexus sich nach aussen wölbt und ein Gefühl der körperlichen Öffnung entsteht. Wir denken über die Mitte und das Gefühl der Weite stellt sich von alleine ein. Ebenso verhält es sich mit der Bewegung der Flanken: Sie bewegen sich nach aussen. Dann die abdominale Muskulatur mit Energie versorgen und sie mit dem Zwerchfell connecten, solange die Ausatemphase dauert (dieser eingedeutschte englische Ausdruck ist sehr treffend, deshalb verwende ich ihn). Wenn das gut klappt, stellen wir fest, dass die Weite des Brustkorbs von alleine bestehen bleibt. Auch die Dehnung/Spannung unterhalb des Brustkorbs stellt sich ein (Gefühl eines breiten Gürtels oder einer Korsage wie bei einer Tracht oder einem Dirndl). Anschliessend kurz loslassen (abspannen) und den Atem kommen lassen, bzw. wieder in die Mitte (oder mit der Mitte) atmen usw. Der Thorax wird bereitgestellt und die Zwerchfellmitte ist aktiv und wird nicht gedrückt oder gepresst. Es breiten sich die beiden Zwerchfellkuppeln in den Thorax aus.

Die tiefe Bauchbewegung (Sostegno) rutscht nicht nach oben, sondern sie kommt immer von der gleichen Stelle, wenn die Verbindung zum Zwerchfell klappt. Es ist eine stabile Mitte im Bauch, mit der wir uns stets in Verbindung halten, fühlt sich an wie eine immerfort sprudelnde Quelle und befindet sich tief im Innern unseres Körpers. Bei ausgebildeten Sängerinnen und Sängern sieht man äusserlich sehr wenig von dieser Energie. Bei diesen Varianten bleibt der Unterbauch in ständigem Kontakt mit der Taille, dem Zwerchfell und dem Brustbein. Das Gefühl für den Unterbauch bleibt rund. In die Seiten können wir uns hineinlehnen. Achtung: nicht herausdrücken oder nach unten drücken. Die Seiten sind eine muskuläre Wand, an welche wir anlehnen können. Dies kann mit dem Konsonanten R geübt werden, wie im 1. Kapitel erwähnt: Lässt sich das R mühelos über einen längeren Zeitraum rollen, arbeitet der Bauch richtig. Stoppt der Klang oder lässt es sich nicht mehr mühelos rollen, reissen wir die abdominalen Muskeln nach innen, verspannen sie dabei und behindern den Atemfluss. Hier müssen wir immer wieder die Verbindung nach unten suchen, um die Kraft nach oben zu holen.

Anschliessend eine musikalische Vokalise angehen, z.B. eine einfache Übung auf drei Tönen:

Abbildung 7 Übung (1)

In der Mittellage beginnen, angenehme Vokale wählen, bei Bedarf einen Konsonanten davorsetzen. Zuerst einmal nur auf einem sanften sss (stimmlos oder stimmhaft) ausatmen, mit der Vorstellung, man sänge eine Melodie. Der Bauch arbeitet elastisch und beweglich. Wenn dies klappt, dann die Phrase singen mit genau dieser Atemführung, welche vorher trocken ausgeführt worden ist. Den Klang beurteilen. Verändert er sich? Wenn ja, wie? Was hört der/die Studierende? Wird der Klang akzeptiert oder wird die Nase gerümpft? Wie fühlt sich der Körper an? Dehnt sich der Thorax? Geht der Klang leichter in die Resonanz? Was tut sich im Körper? Reagiert das Netzwerk? Nachforschen im eigenen Körper. Das macht Spass!

Ebenso können wir im Kopf mit unserer Mitte einatmen. Dabei wird der harte und der weiche Gaumen angehoben und in Dehnung und Spannung versetzt. Dies ist ebenfalls eine Atembewegung, welcher die Luft folgt. Dabei wölbt sich der Solarplexus nach aussen. Die Beckenmuskulatur als Ganzes dehnt sich aus. Nun ist das Instrument in der Resonanz bereit für die Phrase und das Zwerchfell will ausatmen. So können wir die tiefen Bauchmuskeln anschwellen lassen und unseren Klang auf den Atem nehmen. Wenn diese Mitten geübt sind, stellen wir fest, dass sie sich gegenseitig begünstigen. Wenn der Klang weiter und freier, obertonreicher und voller wird, haben wir gewonnen.

Nun kommt ein wichtiger Hinweis an die Studierenden: Ausatmen, geführt über eine längere Zeit, bereitet dem Gehirn Schwierigkeiten. Es muss etwas erlauben, was kein Mensch gerne tut, nämlich langsam über eine lange Zeit ausatmen. Dieser Zustand bedeutet für uns Gefahr. Die inneren Sirenen heulen auf: Ich will ATMEN, Luft bekommen. Das ist unser Lebensmuster, das Muster der Atmung schlechthin. Nichts ist für uns bedrohlicher, als keine Luft zu bekommen. Fragen Sie mal einen an Asthma leidenden Menschen. Für ihn ist keine Luft zu bekommen der blanke Horror. Wir sollten mit unserem Gehirn reden und ihm erklären: Beim Singen ist es nicht gefährlich, lange auszuatmen. Der nächste Einatem kommt bestimmt. Es dauert bloss etwas länger, weil nun mal Mozart, Schubert, Wagner und Co. die Idee einer Phrase gehabt haben, welche länger dauert als ein normaler Ausatem. Insofern müssen wir das geführte lange Ausatmen lernen. Das ist ein einfacher Hinweis. Er kann aber sehr hilfreich sein, weil er das Dranbleiben an der Phrase, am Körper, an der Luftqualität, dem Ausdruck impliziert. Die Angst, zu wenig Luft zu haben, die viele Auszubildende immer wieder plagt, kann wesentlich reduziert werden.

Mit dem Bewusstsein der Atembewegung können wir schneller einatmen, sollte dies innerhalb einer Arie oder eines Liedes erfordert sein, weil die Komposition fast keine langen Pausen zulässt. Spätestens dann sind wir froh, die Atembewegung zu kennen. Wenn wir den Zwerchfellbereich weiter bearbeiten und lernen wollen, diesen Bereich zu weiten und den Solarplexus miteinzubeziehen, können wir es so machen: Wir nehmen eine kleine PET-Flasche und stellen uns gegen eine Wand. Wir halten den Flaschenboden gegen den Solarplexus und die Flaschenöffnung gegen die Wand. Die Arme und Hände hängen nach unten und helfen nicht mit. Dann führen wir die Einatembewegung so, dass sich der Solarplexus-Bereich nach vorne wölbt und die Flanken geweitet werden. Diese Bewegung stösst uns von der Wand ab und wir können entdecken, wie gross sie sein kann. Jetzt atmen wir auf s oder m aus und zwar so, dass die Flasche nicht herunterfällt und die unteren Rippen nach unten ziehen. Jetzt muss die abdominale Region arbeiten, mit rundem Zug von unten nach oben. So wird unser Thorax gestützt. Er bleibt ohne Mühe und Dazutun weit. Dabei dehnt sich der Transversus thoracis hinter dem Brustbein sternförmig aus. Anschliessend lassen wir los und beginnen wieder von vorne.

Dasselbe ist auch gut auszuführen, indem man einen kleinen, nicht allzu fest gepumpten Ball (so gross, dass man ihn gut mit beiden Händen halten kann) über dem Solarplexus hin- und her bewegt. Er soll immer auf dem offenen Solarplexus aussen bleiben, ohne diesen herauszudrücken. Dabei sind die Einatembewegung und der sternförmige Zug hinter dem Brustbein äusserst hilfreich, denn sie verhindern den Druck nach aussen. Der Ball gibt uns sozusagen die Antwort: Wenn sich der Solarplexus anfühlt wie der Ball, also eine gewisse Festigkeit durch das Aufpumpen aufweist, jedoch trotzdem weich bleibt, arbeiten Becken und Zwerchfell perfekt. Die Energie fliesst. Diese Übung ist sehr effizient, weil sie sofort eine Rückmeldung gibt, ob der Solarplexus elastisch ist oder sich verspannt. Solche Bälle sind in Sportartikelgeschäften für wenig Geld zu haben. Wir können damit beobachten, in welchen Situationen in der Musik oder in welchen Lagen wir dazu neigen, den Solarplexus zu verspannen. Dies hängt kausal mit der Atembewegung im Unterbauch und der Arbeit im Gaumen zusammen. Es kann sein, dass wir den Unterbauch, oder den weichen Gaumen, oder gar beides festhalten.

Wenn wir wissen, wo wir Handlungsbedarf haben, können wir damit arbeiten und müssen uns nicht mehr ärgern und frustriert sein, weil wir es immer noch nicht beherrschen. Beobachten bedeutet hier: nicht werten, nur feststellen. Diese beiden Übungsformen habe ich meinem lieben amerikanischen Kollegen Malcolm Walker zu verdanken, einem wunderbaren Gesangspädagogen und Lehrer in sängerisch angewandter Alexander-Technik. Diese so verbundenen Elemente ergeben eine Dreidimensionalität in der Atembewegung.

Sehr oft kommt von Studierenden die Frage, ob denn dieses in die Mitte-Atmen nicht gleichbedeutend sei mit der Hochatmung. Eine berechtigte Frage, wenn die Gewohnheit der ausschliesslichen Bauch-Atmung im Raum steht. Dazu gibt es folgende Kontrolle: Einatmen in vier Richtungen oder mit der Mitte, das Zwerchfell wird rundherum weit, dabei eine Hand auf die Leiste oder über das Schambein halten: Die tiefe Bauchmuskulatur samt Leiste reagiert, sie wird aktiv und somit singbereit. Wir liegen also richtig. Gegentest: Einatmen in den hohen Brustbereich (Region Brustbein), dabei eine Hand wiederum an die Leiste oder über das Schambein legen: Die tiefe Bauchmuskulatur reagiert nicht. Es ist ein Gefühl der Trennung von Ober- und Unterkörper. Das ist die Hochatmung. Damit liegen wir falsch. Die Atembewegung befindet sich in der Mitte unseres Rumpfs. Der Weg von der Schulter zu dieser Mitte ist in etwa gleich lang wie jener von der Leiste her.

Ich habe in der Arbeit mit Studierenden festgestellt, dass die Idee, die Atembewegung aus der Mitte des Zwerchfells herauszuführen für viele hilfreich ist, denn sie hält sie davon ab, den Solarplexus mit dem Luftholen nach vorne zu drücken. Ebenso kann der Druck in die Flanken vermieden werden, weil die Flanken bei der Mitte-Atmung automatisch weit werden. Die Atembewegung geht auf alle Seiten. In der Atemarbeit ist unser Denken äusserst hilfreich. Das Denken steuert den Zugang. Wir können über die Weite der Atembewegung in ihr Zentrum kommen, aber auch über das Zentrum in die Weite der Atembewegung gelangen. Es geschieht in beiden Fällen dasselbe, nur die Denkweise ist anders.

Apropos Solarplexus