Sitzend sammeln für Schüler und Sieche - Adalbert Ruschel - E-Book

Sitzend sammeln für Schüler und Sieche E-Book

Adalbert Ruschel

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Beschreibung

Als der Kleine Rat der Freien Reichsstadt Nürnberg 1588 durch einen Ratserlass die Meister von acht Handwerken dazu verpflichtete, mit "zinnernen Schüsseln" in der Hand an ihren jeweiligen Kirchentüren zu stehen und Almosen für arme Schüler und später für Arme schlechthin zu sammeln, hat niemand voraussehen können, dass aus der Befolgung dieses "Noterlasses" eine fast dreihundert Jahre dauernde Erfüllung einer Ehrenpflicht werden sollte. Anfangs schien den "ehrbaren" Handwerksmeistern die auferlegte Sammlung eher einem Bettelärgernis zu entsprechen, als dem persönlichen Ansehen nützlich zu sein. Diese Einstellung änderte sich aber schon bald, als die sammelnden Meister erkannten, dass ihr Tun nicht nur der damals äußerst wichtigen Ehrbarkeit des einzelnen Sammlers, sondern auch der Reputation des gesamten Gewerbes und schließlich sogar dem Renommee aller Handwerker nachhaltig dienen konnte. Da wollte schließlich kaum noch ein Handwerk zurückstehen. Heute würden wir sagen: Almosensammeln wurde in! Stehend gesammelt wurde jedoch schon bald nicht mehr und aus den zunächst einfachen Kirchenstühlen wurden im Wettbewerb der Handwerke gegeneinander die Stühle immer prächtiger bis manche von ihnen eher Thronen glichen als simplen Sitzgelegenheiten. So erhielten sie auch ihren Beinamen: Profanthrone. Das gesammelte Geld floss in den "Gemeinen Kasten" der Stadt Nürnberg und wurde von dort durch den Almosenherrn und seine Diener an Bedürftige verteilt. So war das Almosensitzen der Handwerksmeister über Jahrhunderte ein integraler Bestandteil der städtischen Armenfürsorge.

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für meine Kinder,

Tobias und Isabel,

zur Erinnerung

Inhaltsverzeichnis

Statt eines Vorwortes

Geschichtlicher Hintergrund

Träger der Armenfürsorge im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit

Der Einfluss der Reformation auf das Bettelunwesen

Neuordnungen des Almosen- und Bettelwesens

Regelungen des Bettelns auf Reichsebene

Nürnberger Almosenordnungen

Armenfürsorge im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation

Die Almosenordnung der Stadt Nürnberg von 1588

Funktionsrequisiten: Sammelschüsseln, Almosenstühle und Sitzlisten

Betrachtung der erhaltenen Stühle im Einzelnen

Der Almosenstuhl des Weißgerberhandwerks

Der Almosenstuhl des Rotgerberhandwerks

Der Almosenstuhl des Schuhmacherhandwerks

Der Almosenstuhl des Bäckerhandwerks

Der Almosenstuhl des Holz- und Beindrechslerhandwerks

Der Almosenstuhl des Rotgießerhandwerks

Der Almosenstuhl des Zinngießerhandwerks

Der Almosenstuhl des Schwarz- und Weißbüttnerhandwerks

Der Almosenstuhl der Huf- und Wagenschmiede

Der Almosenstuhl des Schreinerhandwerks

Der Almosenstuhl des Tuch- und Leineweberhandwerks

Der Almosenstuhl des Seilerhandwerks

Der Almosenstuhl der Pfragner

Der Almosenstuhl ohne Handwerksembleme in der Lorenzkirche, vermutlich Messerschmiede

Der Almosenstuhl ohne Handwerksembleme in der Sebalduskirche, vermutlich Hefner und Bierbrauer

Der Almosenstuhl des Barchent- und Leinenweberhandwerks

Die handwerkliche Gestaltung der Almosenstühle

Das Procedere des Almosensammelns

Probleme bei der Durchführung des Almosensammelns auf den Handwerkerstühlen

Das Ende des Kirchensitzens

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Internetseiten

Bilderverzeichnis

Übersicht zu den 1700 noch vorhandenen Stühlen

Die Standorte der Almosenstühle im Februar 2016

wer nimpt das armut nun

in seinen milden schutz,

wer wird ihm gutes thun

mit einer reichen faust?

Martin Opitz

(Weltliche Poemata. Der Ander Theil.

Breslau 1637, S. 98)

Statt eines Vorwortes:

Vor einiger Zeit stand ich in der Nürnberger Lorenzkirche nahe bei dem Almosenstuhl der Rotgießer. Neben mir stand ein älteres Paar, offensichtlich oberbayerischer Herkunft, das sich anscheinend sehr für den Almosenstuhl interessierte. Daraus ergab sich folgender Dialog, den ich hier schriftdeutsch wiedergebe:

Er: "Was glaubst Du, dass dies hier für ein Stuhl ist?"

Sie nach einigem Nachdenken: "Ein Beichtstuhl für Evangelische könnte es sein."

Er: "Beichten die denn überhaupt?"

Ich konnte nicht an mich halten und mischte mich ein: "Mit dem Stuhl haben Sie Recht, aber mit der Beichte nicht."

Sie: "Ja, wenn Sie so übergescheit sind, dann sagen Sie es uns halt!"

Ich: "Wenn Sie eine Stunde Zeit haben, mache ich das gerne."

Sie schaut kurz zu Ihm, er nickt.

Sie: "Also, auf geht's!"

So begann ein für jeden von uns amüsanter und lehrreicher Rundgang. "Er" stellte sich als gelernter Schreiner mit Meisterwürde und eigener Werkstatt heraus, von dem ich so viel über das Handwerkliche der Stühle lernen konnte wie er von mir über deren Geschichte und Bedeutung.

Ich habe dieses Buch mit der üblichen Sorgfalt erstellt. Sollten Sie als Leserin oder Leser darin einen Fehler entdecken, bitte ich um Nachsicht und gegebenenfalls um einen sachlichen Hinweis unter meiner e-mail-Anschrift: [email protected]

Nürnberg, im März 2016

Adalbert Ruschel

1. Geschichtlicher Hintergrund

Eine der großen Plagen des Mittelalters und weit in die Neuzeit hinein war das Bettel(un)wesen. Betteln galt jahrhundertelang als eine legitime Form der Unterhaltssicherung. Arme, Kranke, körperlich Behinderte und Kriegsinvaliden waren im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit für ihren Lebensunterhalt meistens auf Almosen angewiesen. Zusammen mit ihren Kindern und anderen Bettlern lagerten sie an Stadteingängen und Kirchentoren, klopften an Haustüren und Klosterpforten und belästigten Bürgerinnen und Bürger auf Straßen und Plätzen, um von ihnen Almosen zu erhalten.

Nur eine sehr kleine Oberschicht lebte im Mittelalter und weit in die Neuzeit hinein ohne Nahrungssorgen. Wenn in den städtischen Urkunden nicht selten die Formel "wir Bürger reich und arm" auftaucht, macht das schon deutlich, dass es jenseits von reich nur noch arm gibt. Alle nicht reichen Menschen lebten "von der Hand in den Mund", waren demnach streng genommen arm, weil sie sich Vorratshaltung nicht leisten konnten. Jede Krise, ob Krieg, Unwetter, Missernte, Seuche, Arbeitsunfähigkeit, Feuersbrünste, Überschwemmungen, Teuerung, machte aus diesen Armen Hungernde und aus Hungrigen Bettler. Wie so oft sind es Sprichwörter, die Erfahrungen weitertragen. "Hungersnot geht über alle andere Not."1

Angesichts der bis heute fortwährenden Existenz von Armut2 in der Realität menschlicher Gesellschaften, kann es nicht verwundern, dass Fragen nach ihren Ursachen und nach Art und Weise der Versorgung von Armen Gegenstand theoretischer Betrachtungen und schließlich rechtlicher Regelungen waren und noch immer sind. Der Flüchtlingsstrom von heute hatte bereits im 11. bis 14. Jahrhundert seinen Vorläufer, wenn auch regional enger, die Landflucht. Die daraus entstandenen Probleme waren den heutigen sehr ähnlich und führten zu vergleichbaren Reaktionen und Lösungsvorschlägen. Das macht die Beschäftigung mit den geschichtlichen Ereignissen hochinteressant und nutzbringend.

Aus einer Reihe sich überlagernder Gründe hat sich in damaliger Zeit die Bevölkerung im Gebiet des heutigen Deutschlands mehr als verdoppelt. Ein großer Teil des ländlichen Bevölkerungsüberschusses wanderte in die Städte ab, deren Zahl sich in derselben Zeit fast verzehnfachte. Auch die Zahl der Armen und Bettler stieg unaufhörlich. Bereits kurz nach den Kreuzzügen3 begannen deshalb zunächst die Städte, sich nachhaltig mit dem Bettelwesen und mit der Armenfürsorge zu beschäftigen. Das fand Ausdruck im Erlass von Bettel- und Almosenordnungen und in der Errichtung städtischer Hospitäler, Siechen- und Findelhäuser, aber auch von Kornhäusern, um die Brotpreise regulieren zu können.

Diese städtischen Bemühungen wurden nicht zuletzt wegen der zunehmenden Armutswanderung erforderlich. Vor allem bei Klöstern wussten Bettler von vornherein, wann jeweils eine Verteilung von Almosen stattfinden würde, z.B. an bestimmten Festtagen. Das zog Bettler von weither an. Für sie ergaben sich auf diese Weise zeitlich eine Art von Reisekalender und regional immer gleiche Marschrouten von Kloster zu Kloster, bei denen sie auf angemessene Zuwendung rechnen konnten. Andererseits verstärkten viele Städte in Europa die Mobilität der Menschen, indem sie mit erheblichen propagandistischen Unternehmungen versuchten Pilgerströme anzuziehen. Die in diesen mitreisenden Armutspilger wurden jedoch bald lästig und beeinträchtigten das Erscheinungsbild der Städte negativ.

Die Mobilität bisher unbekannten Ausmaßes führte nicht nur zu ökonomischem Aufschwung in den Städten, sie brachte in ihrem Gefolge auch neue Formen sozialer Unsicherheit. "Wer seinen Geburtsort, seine Heimat verließ, verließ damit auch die Verbände, die ihm Schutz und Hilfe in Notlagen gewährten: die Familie und die Grundherrschaft."4 Die "neuen Armen" brachten nicht nur nichts mit als ihre Arbeitskraft (primäre Armut), ihnen gelang auch nur in den seltensten Fällen die Integration in die bestehende Standesgesellschaft (sekundäre Armut). Selbst wenn sie hier und da Arbeit fanden, reichte das daraus bezogene Einkommen oft zum Leben nicht aus - und bei geringsten sozio-ökonomischen Veränderungen drohte ihnen der Verlust des Arbeitsplatzes.

Nach damaliger allgemeiner Vorstellung musste es Arme und Bettler geben, die dem braven Christenmenschen immer wieder Gelegenheit gaben, gute Werke zu tun. In den Predigten des Dominikanerpaters Giordano da Rivalto aus Pisa (1260-1311) wurde das Almosen ausdrücklich als Tausch- und Vertragsverhältnis bezeichnet: Im Austausch für diesseitige Güter bietet der Bettler seinem Wohltäter das Gebet an, und er ist auch verpflichtet, den Vertrag auf Gegenseitigkeit zu erfüllen. Das schlägt sich schließlich in der Haltung der Bettler selbst nieder, die sich ihrer Nützlichkeit bewusst sind. Innerhalb der gesellschaftlichen Aufgaben- und Arbeitsteilung finden die Bettler so die äußeren Formen ihrer Existenz. Auf eine sehr subtile Art und Weise war es sogar "verlockend, das Betteln zu seiner Lebensweise zu machen".5 Mancherorts waren Bettler gar eine anerkannte Berufsgruppe wie andere auch. "In manchen Städten sind sie zu regelrechten Zünften zusammengeschlossen, und es ist zwar nicht häufig, aber keineswegs ungewöhnlich, dass Bettler über ein zu versteuerndes Vermögen verfügen."6

Durch das Wirken der Bettelmönche wurde Betteln sogar zur Tugend erhoben, die dann von Müßiggängern nur allzu gern praktiziert wurde. Für den gläubigen Christen war die Versorgung der Bettler auch ein Werk der Barmherzigkeit, also allgemeine Christenpflicht und das Betteln stand auch noch unter dem Schutz der Kirche. Stiftungen zugunsten der Armen, wie ganze Hospitäler, Geld- und Materialspenden und Gaben an Arme und Bettler jeglicher Art, gehörten zum mittelalterlichen Leben ganz selbstverständlich dazu. Die religiös-ethische Pflicht zum Almosengeben ist jedoch unabhängig von jeglicher Verknüpfung mit dem Bußsakrament zu sehen.

Dem bildlichen Verständnis der Heilslehre entsprach damals die Vorstellung, dass am Jüngsten Tag die Seelenwaage über die ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis jedes Einzelnen entscheiden wird. Wenn dabei die Sünden eines Menschen auf der einen Seite der Waage nach unten zogen, dann konnten auf der anderen Seite seine guten Werke für Ausgleich sorgen. Almosen waren somit eine Art Schlüssel für das Tor zum Leben und zu ewiger Seligkeit.

Almosen und Spenden7 wurden demnach nicht in erster Linie aus Mitleid gegeben, sondern im Hinblick auf das eigene Leben nach dem Tod. Die Gabe selbst, das Almosen, muss aus Mitleiden und um Gottes Willen heraus erfolgen, um verdienstlich zu sein. In der Soziallehre des Thomas von Aquin (um 1225 bei Aquino in Italien bis 1274) findet sich jedoch schon die Betonung der Arbeitspflicht der Armen und die scharfe Ablehnung des Bettelns aus Faulheit.8 Grundsätzlich sollten die Armen ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit sicherstellen. Nur wenn sie unverschuldet in eine echte Notlage gerieten, sollte ein Anspruch auf Almosen bestehen. Zwar ist echte Not Voraussetzung für ein Almosen, eine Pflicht des Helfenden, die Bedürftigkeit zu überprüfen, lässt sich jedoch nicht immer und kaum hinreichend erkennen. Auf jeden Fall ist das Geben von Almosen eine individuelle und nicht eine soziale Tat, die standesgemäß und allein durch christliche Nächstenliebe motiviert sein soll. Erfolgt die Almosengabe unter den aufgezeigten Voraussetzungen, so erfolgt sie nach zeitgenössischem Verständnis als angemessen. Das Almosen ist aus diesen Beweggründen heraus während des gesamten Mittelalters eine Massenerscheinung, es wurde sowohl von Klöstern und Herrschern, aber auch zunehmend von wohlhabenden Bürgern verteilt.9

1 Eduard Graf, Matthias Dietherr: Deutsche Rechtssprichwörter, Nördlingen (Beck) 1864, Seite 389. Dort zitiert aus Reinke de Voss: " ...des hungers nôt geit boven alle nôt."

2 Das Wort Armut hat seine sprachliche Wurzel im 8. Jahrhundert: ahd. armuoti n. bzw. armuotī f. bedeutet nhd. Elend, Mangel, Not. In: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Abgerufen von der Online-Version am 03.01.2016. Der mittelalterliche Begriff Armut war vielschichtig und wurde nicht nur ökonomisch gesehen. Das Neue Testament verknüpfte Armut mit Heilserwartung: "Glückselig im Geiste sind die Armen" (aramäisch) / "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr ..." u.a.

3 Während des Kreuzzugs der Armen (1096) gaben Bettler ein sehr unrühmliches Bild ab. Sie zogen sengend und brennend den Rhein aufwärts und hinterließen dabei eine Spur der Verwüstung.

4 Sachße, Christoph, Tennstedt, Florian: Vom Almosen zur frühmodernen Sozialpolitik : Armut und Armenfürsorge im Spätmittelalter. In: dieselben (Hrsg.): Bettler, Gauner und Proleten : Armut und Armenfürsorge in der deutschen Geschichte. Frankfurt a.M. 1998, S. 40

5 Bronislaw Geremek: Geschichte der Armut. Elend und Barmherzigkeit in Europa. München. 1988, S. 54

6 Christoph Sachße, Florian Tennstedt, S. 29f.

2. Träger der Armenfürsorge im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit

Im Früh- und Hochmittelalter sorgten die Städte als geschlossene, meistens sogar ummauerte Gesellschafts- und gleichzeitig Wirtschaftsverbände für ihre Einwohner und besonders für ihre Bürger. Den standesgemäßen Unterhalt sicherten Zünfte, Gilden und Bruderschaften. Sie trugen z.B. im Todesfall die Begräbniskosten und versorgten Witwen und Waisen. Bei Krankheiten sorgten sie für Ärzte, Medikamente und notwendige Aufenthalte in Spitälern. Bei Feuer- oder Wassernot organisierten sie Hilfe.

Die größte Last der Sozialfürsorge trug bis zur Reformation sicherlich die Kirche. Sie war allerdings wegen der vielen ihr zufließenden Spenden auch am besten dafür ausgestattet. Für die christliche Tradition und damit für das gesamte Mittelalter ist Armut nicht bloß ein soziales Problem sondern ein Element der Religion. Das anerkannte Modell eines christlichen Lebens bestand im Mittelalter darin, dass man sich das Heil erwarb, indem man die Kirche unterstützte, für neue Gotteshäuser spendete und kirchlichen Einrichtungen Schenkungen machte. Während die freiwillige Armut, wie sie von Priestern, Mönchen und Nonnen aus religiösen Gründen praktiziert wurde, hochgeachtet war, blieb die unfreiwillige Armut im Mittelalter, wie es schon in der Antike der Fall war, mit negativen Wertungen behaftet: Armut wurde von den Reichen und Einflussreichen mit Unmoral, Dummheit, Unehrlichkeit identifiziert. Zu den klassischen Gruppen der Armen gehörten Witwen, Waisen und Gefangene, aber auch Pilger und nicht zuletzt Fremde.

Im christlichen Mittelalter war Armut aber nicht nur ein in Demut zu ertragendes Los der Armen, sondern auch eine gottgewollte Möglichkeit für die Reichen, ihre irdischen Sünden abzubüßen und sich so den Himmel zu verdienen. Armut galt dann nicht mehr als selbstverschuldete Schande, sondern als gottgegebenes Los und als "Himmelsleiter" sowohl für die Armen als auch für jene, die ihnen freigiebig halfen. Parallel und komplementär zu dieser Lehre von der Armut ist das Lob der Barmherzigkeit, die als Kardinaltugend und damit als allgemeine Plicht aufgefasst wird. Die Gebete, Messen und Fürbitten, die in den frommen Stiftungen, Vermächtnissen und Jahresgedächtnissen den Begünstigten aufgetragen wurden, wurden "Seelengeräte"10 genannt, die quasi mechanisch das Seelenheil der Spender und Stifter, insbesondere ihr beschleunigtes Aufsteigen aus dem gefürchteten Fegefeuer in den Himmel befördern sollten. Als Sammelbegriff dient das Wort für alle "Guten Werke", mit denen man sich schon auf Erden im Himmel einen Schatz erwerben konnte.

Interessant war die ambivalente Rolle der Kirche als Institution, die einerseits als Vermittler zwischen Arm und Reich auftrat, andererseits aber auch selbst Almosen verteilte. Das ging so weit, dass sich sogar die Bettelorden bildeten, die vor allem in den Städten wirkten, dort ihre spartanischen Kirchen errichteten und damit ihre Ordensarmut demonstrierten. In ihnen manifestierte sich die freiwilligen Armut aus religiösen Gründen. Sie wollten nicht nur die individuelle Armut des einzelnen Mönchs verwirklichen, sondern praktizierten darüber hinaus, zumindest in ihren Anfängen, eine weitgehende Armut der ganzen klösterlichen Gemeinschaft und des Ordens.

Während die traditionellen Klöster eher weit weg von den aufstrebenden Städten und ihren immer selbstbewusster werdenden Bürgern lebten und daher für die veränderten sozialen und religiösen Probleme der neuen Zeit keine Lösungen hatten, ließen sich die neu gegründeten Bettelorden bewusst in den Städten nieder und sahen ihre wichtigste Aufgabe in der Seelsorge. Dadurch gewannen sie großen Einfluss auf das religiöse Leben der aufstrebenden mittelalterlichen Städte. Da die Orden ihre Klöster und die Seelsorge nicht ohne eigenen Grundbesitz und ohne Bibliotheken betreiben konnten, kam es wegen des Gebots der Besitzlosigkeit jedoch häufig zu Konflikten innerhalb der Orden. Die Beliebtheit der Bettelorden, besonders bei den Armen, löste in vielen Städten, so auch in Nürnberg, erhebliche Konkurrenzstreitigkeiten zwischen ihnen und dem weltlichen Klerus aus. Die „vier Bettelorden“ des Mittelalters waren die Dominikaner, die Franziskaner (mit den Abspaltungen Kapuziner und Klarissen), die Karmeliten und die Augustiner-Eremiten. Sie waren alle in Nürnberg mit Klöstern vertreten.

Adressaten ihrer seelsorgerischen Tätigkeit waren neben den Armen auch die religiösen Frauenbewegungen. Neben den Männern und Frauen, die sich für das Klosterleben entschieden, suchten andere ohne Ordensgelübte nach den Vorstellungen der Bettelorden in klosterähnlichen Gemeinschaften zu leben, in der Regel nur zeitweise. Sie arbeiteten in der Krankenpflege, der Betreuung Verlassener und Gefangener, der Seelsorge und der Erziehung. Sie betätigten sich auch als Leichenwäscherinnen oder übten sogar ein Handwerk aus. Wegen ihrer Arbeit mit Armen, Alten, Kranken und Sterbenden wurden sie auch "Seelfrauen" genannt. Sie lebten in Seelhäusern. Das älteste dieser Häuser in Nürnberg wurde bereits 1280 von der Patrizierfamilie Ebner gestiftet. Es stand südlich unterhalb der Burg beim Rosenbad.

Bild 1: Bettelszene aus dem Hausbuch des Grafen Waldburg-Wolfegg, um 148011

Schon seit dem 11. Jahrhundert war die religiöse Frauenbewegung ein Teil der Armutsbewegung. Das zeigte sich in den seit der Zeit um 1200 sich überall bildenden Hausgemeinschaften und Gruppen der Beginen bzw. männlich Begarden, die in Armut und von ihrer Hände Arbeit lebten. Anders als die bis dahin bekannten Orden suchten die neuen nicht die räumliche Abgeschiedenheit und gaben sich nicht damit zufrieden, mit ora et labora der benediktinischen Klosterregel zu folgen. Die meisten dieser Ordensfrauen, insbesondere die Leiterinnen dieser Klöster, waren begüterte Frauen aus dem niederen und höheren Adel. Die erste nichtadelige Äbtissin wurde 1575 gewählt. Vor allem wegen ihrer Unabhängigkeit und Selbstständigkeit wurden die Beginen nicht nur vom Klerus, sondern auch von den Städtern ungern gesehen. Einige Gruppierungen gerieten sogar in den Ruf, Häretikern nahezustehen und selbst häretisches Gedankengut zu verbreiten. Insbesondere die deutschen Bischöfe bekämpften die Bewegung und setzten 1311 auf dem Konzil von Vienne eine Verurteilung durch. Die deutschen Beginenhöfe wurden danach aufgelöst. Vom allgemeinen Niedergang des christlichen Lebens im späten Mittelalter blieben nicht nur die Beginen, sondern auch viele andere Klöster nicht verschont.

Im ausgehenden Mittelalter waren es besonders die vom erstarkenden Bürgertum getragenen weltlichen Stadtregierungen, die unter besonderer Betonung der Arbeitspflicht für die Armen in die Armenpflege und die Fürsorge eingriffen. Die Ausweitung der Bettelorden und die von ihnen zusätzlich gerechtfertigte Bettelei von Armen und Bedürftigen wurden Anlass und Begründung städtischer Regelungen des Bettel- und Almosenwesens und damit zum Ausgangspunkt für die städtische Armenfürsorge. Schließlich kamen die Städte um rechtliche Regelungen des Bettelns nicht mehr herum, obwohl die Kontrolle der Bettler einen wichtigen Grundsatz der bis dahin geltenden Ideologie des Almosengebens untergrub, wonach jedem Bedürftigen potentiell Unterstützung zustand.

Die Vorstellung von der Kirche als Einrichtung der Sozialfürsorge wurde von großen Teilen des Kirchenvolkes mitgetragen und unterstützt. Sie war allerdings keineswegs einheitlich und wandelte sich auch gelegentlich. Da war einerseits die geschlossene Vorstellung der mittelalterlichen Scholastik zur Armenfrage, die in der Armut keine wirtschaftliche Fehlentwicklung sah, sondern die Armen als eine integrierte Schicht der ständischen Gesellschaft. Im ausgehenden Mittelalter geriet diese Vorstellung zunehmend in Widerspruch zur Wirklichkeit und zu einer kritischen Einstellung gegenüber den Armen. Die Kirche, vornehmlich die Klöster, nahm sogar viele gesunde und keineswegs arme Menschen zur Pflege auf und erfüllte damit eine soziale Funktion, das galt z.B. für unverheiratete Frauen, aber auch für unbeschäftigte Männer, sogar aus dem Adel und dem oberen Bürgertum.

Neben den Kirchen und den Kommunen blieben die Primärverbände, Familie und Grundherrschaft, wesentliche Träger der Fürsorge für ihre verarmten Mitglieder. Schon seit dem frühen Mittelalter bildeten sich zusätzlich private Hilfsgemeinschaften, die "Gilden", die Zünfte und Bruderschaften, deren Mitglieder einander Hilfeleistung in Not und Gefahr schworen und auch gewährten. Freilich musste man bei einer solchen Vereinigung erst Mitglied werden, um Schutz und Hilfe von ihr erwarten zu können. Gerade die Zünfte protegierten durch hohe Aufnahmegebühren die vermögenden Handwerker und wehrten die ärmeren und die lohnabhängigen ab oder gewährten ihnen bei verringerten Tarifen nur verminderte Rechte, die sie vor allem von den Fürsorgemaßnahmen ausschlossen.

Es muss aber auch erwähnt werden, dass die Städte und insbesondere Nürnberg, nicht zuletzt ein eigennütziges Interesse an dem Erlass12 einer Bettelordnung hatten. Das Bild, das sie ihren Besuchern boten, war für ihre wirtschaftliche Entwicklung von großer Bedeutung. Vor allem dort, wo Kaiser, Könige, Fürsten und Bischöfe die Städte besuchten, wollten sich diese glanzvoll zeigen. Bettler, Kranke, Arme, Gebrechliche, "Tolle", Gauner, Gaukler, Spitzbuben und Herumtreiber waren da eher Schandflecken. In mancher Hinsicht ist das Leben von Bettlerinnen und Bettlern dem von Gauklern und fahrenden Künstlern durchaus ähnlich. Die Bettler benutzten z.B. verschiedene Musikinstrumente, von denen einige sogar als "Bettelinstrumente" bezeichnet wurden. Sie tanzten, sangen und erzählten Geschichten.13 Das Verhalten des Bettelvolkes unterlag aber stets der öffentlichen - und das heißt zunächst vor allem, der kirchlichen - Kontrolle.

Bild 2: Gauklerszene aus dem Hausbuch des Grafen Waldburg-Wolfegg, um 148014

Wer Betteln zum Beruf machen wollte, der musste den Grund für seine Bedürftigkeit auf Straßen und Plätzen sichtbar machen, seine Armut, sein Gebrechen, sein Unglück, seine kinderreiche Familie. Besonders die Kleinsten, waren ein hervorragendes Mittel, um Mitleid und Erbarmen zu erwecken. Sie wurden deshalb häufig und speziell von Frauen zum Betteln in der Öffentlichkeit benutzt; besondere Zeichen von Gebrechlichkeit oder Schwäche wurden dann nicht mehr benötigt. Not leidende Kinder öffneten damals wie heute Herzen und Geldbeutel. Wenn ein Kind aber betteln musste, war damit die Bettlerkarriere in der Regel bereits vorgegeben. Betteln und davon leben zu müssen, blieb oft als unentrinnbares Familienschicksal über Generationen erhalten.

Im ausgehenden Mittelalter geriet die mittelalterliche Vorstellung vom Betteln und Almosengeben zunehmend in Widerspruch zur Wirklichkeit, wo Erscheinungsformen wie Betteln als Beruf, Kinderbetteln, Betteltourismus und aggressives Betteln die gesamte Bettelplage verstärkten und eine kritische Einstellung gegenüber den Armen förderten. Woher kamen die vielen Armen und Bettler, woher die "Bettelplage"? Die Antwort ist nicht ein-eindeutig, die Ursachen waren multifaktoriell, aber als sicher kann gelten:

Im Hochmittelalter wurde die Naturalwirtschaft endgültig von der Geldwirtschaft abgelöst.

Jahreszeitlich bedingt waren zeitweise keine oder nur geringe Möglichkeiten zum Arbeiten gegeben (saisonale Bettelei) oder eine Krankheit verhinderte vorübergehend die Teilnahme am regulären Erwerbsleben (Krankenbettelei).

Mit dem Verlagssystem trat eine neue Produktionsweise auf und damit der neue Typ des Arbeiters (Konjunktur bedingte Bettelei).

Die Märkte dehnten sich weit über die bisherigen Territorien aus.

Die Bevölkerung wurde beweglicher und mit der neuen Mobilität des Hochmittelalters nahm die Zahl derer zu, die außerhalb der angestammten Schutzverbände lebten und in Notfällen nicht auf diese zurückgreifen konnten.

Entlassene und streunende Landsknechte gehörten zum Bild der Zeit.

Auch die massenweise wallfahrenden Pilger waren meistens arm und bedürftig.

Ebenso vielfältig wie die Bettelursachen waren die Formen des Bettelns. Die umherziehenden Bettler waren überwiegend Männer. In den Städten dagegen bettelten häufiger Frauen, manche zusammen mit ihren Kindern, die sie als Beleg für ihre Bedürftigkeit vorzeigten. Vielfach waren bettelnde Kinder, etwa als nicht immer echte Vollwaisen, aber auch einfach nur von Erwachsenen vorgeschickt unterwegs, mal allein, mal in Gruppen.