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Was haben »Die Leiden des jungen Werther«, »Ulysses«, »Madame Bovary«, »Die satanischen Verse« und »Fifty Shades of Grey« gemeinsam? Sie alle sorgten für Aufruhr in der Öffentlichkeit, weil sie an festgefügten Moralvorstellungen rüttelten. Die Autoren wurden diffamiert und zum Teil sogar handgreiflich attackiert, drohten sie doch, dem angeblichen Sittenverfall Vorschub zu leisten. Meist entpuppten sich die gegen sie gerichteten Vorwürfe jedoch als scheinheilig, finden doch gerade die Skandalbücher reißenden Absatz. Vom Marquis de Sade über Vladimir Nabokov bis hin zu Charlotte Roche: Clemens Ottawa versammelt die skandalösesten literarischen Werke und erzählt von ihrer aufsehenerregenden Rezeption. Sie haben ihre Faszination bis heute nicht eingebüßt.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Clemens Ottawa
Skandal!
Die provokantesten Bücher der Literaturgeschichte
Für meinen wunderbaren Vater,
Erich Ottawa (1947–2018)
© 2019 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe · zuklampen.de
Umschlaggestaltung: Stefan Hilden · München · hildendesign.de
Satz: Germano Wallmann · Gronau · geisterwort.de
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
ISBN 978-3-86674-740-1
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.
»Don’t join the book burners.«
Dwight D. Eisenhower, 14. Juni 1953
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Giovanni Boccaccio: Das Dekameron
John Cleland: Fanny Hill
Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther
Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften
Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom
Karl Gutzkow: Wally, die Zweiflerin
Gustave Flaubert: Madame Bovary
Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Leopold Ritter von Sacher-Masoch: Venus im Pelz
Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Die Dämonen
Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenaufgang
Hermann Conradi: Adam Mensch
Émile Zola: Die Bestie im Menschen
Gerhart Hauptmann: Die Weber
Arthur Schnitzler: Der Reigen
Frank Wedekind: Lulu oder Die Büchse der Pandora
Josefine Mutzenbacher
James Joyce: Ulysses
Pitigrilli: Kokain
D. H. Lawrence: Lady Chatterleys Liebhaber
Radclyffe Hall: Quell der Einsamkeit
Aldous Huxley: Schöne neue Welt
Henry Miller: Wendekreis des Krebses
Klaus Mann: Mephisto
John Steinbeck: Früchte des Zorns
Boris Vian: Ich werde auf eure Gräber spucken
Jean Genet: Querelle
Curzio Malaparte: Die Haut
Dominique Aury: Die Geschichte der O
Vladimir Nabokov: Lolita
Allen Ginsberg: Howl
John Osborne: Blick zurück im Zorn
William S. Burroughs: Naked Lunch
Mary McCarthy: Die Clique
Dacia Maraini: Zeit des Unbehagens
Gisela Elsner: Die Riesenzwerge
Philip Roth: Portnoys Beschwerden
Clifford Irving: Howard Hughes’ Autobiografie
Peter Turrini: Sauschlachten
Erica Jong: Angst vorm Fliegen
Rainer Werner Fassbinder: Der Müll, die Stadt und der Tod
Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur
Marguerite Duras: Der Liebhaber
Thomas Bernhard: Holzfällen
Thomas Bernhard: Heldenplatz
Salman Rushdie: Die satanischen Verse
Elfriede Jelinek: Lust
Bret Easton Ellis: American Psycho
Irvine Welsh: Trainspotting
Virginie Despentes: Baise-moi – Fick mich!
Sarah Kane: Blasted – Zerbombt
Michel Houellebecq: Elementarteilchen
Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.
Matias Faldbakken: The Cocka Hola Company
Martin Walser: Tod eines Kritikers
James Frey: Tausend kleine Scherben
Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
Maria Sveland: Bitterfotze
Charlotte Roche: Feuchtgebiete
E. L. James: Fifty Shades of Grey
Takis Würger: Stella
Quellen- und Literaturverzeichnis
Der Autor
Weitere Bücher
John Milton (1608–1674), englischer Autor und Denker, Verfasser des Klassikers Das verlorene Paradies (OT: Paradise Lost) hielt 1644 vor dem englischen Parlament eine vielbeachtete Rede, in der er sich für die Druckfreiheit aussprach. Er meinte darin: »Bücher sind wie Fleisch oder Lebensmittel; einige sind von guter, andere von schlechter Substanz. (…) Die besten Bücher sind für ein verdorbenes Gemüt eine Gelegenheit zur Sünde.«
Über nichts spricht der Mensch so gerne, wie über das »Anrüchige«, das »Skandalöse«. Jede erlahmende Wirtshausunterhaltung wird durch solche Schlagworte gleich wieder ordentlich belebt. Man könnte also beinahe den Eindruck gewinnen, dass der Mensch das Skandalöse – ob nun in Film und Fernsehen oder in Printmedien – regelrecht braucht. Wie gerne warfen einige österreichische Ewiggestrige und Hardliner Autoren wie Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek »Nestbeschmutzer«-Beschuldigungen an den Kopf oder riefen die Zensur auf den Plan, wenn Autoren wie D. H. Lawrence oder Henry Miller die »Perversion«, die »Obszönität« der Sexualität zu drastisch darstellten. Die Verantwortlichen, also die Künstler und Kreativen, haben indes längst erkannt, dass sich »Skandal« rentiert, und können vor allem heute (siehe die Verkaufszahlen der Bücher einer Charlotte Roche oder einer E. L. James) gut davon leben, denn die alte Rechnung geht immer auf: Man muss haben/ sehen/lesen, worüber gesprochen wird. Natürlich ist es legitim, sich über alles ein Urteil zu bilden, in diesem Fall spielt jedoch auch eine biblische Begebenheit im allzu menschlichen Verhalten mit; denn man nascht nun einmal gerne von der »verbotenen Frucht«. Die kategorische Ablehnung eines der großen Skandalbücher der letzten Zeit durch die Öffentlichkeit, die Medien und den Großteil der politischen Parteien, Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab, ideologisch skandalös, stilistisch dagegen eher bescheiden (obgleich dies im Sachbuchbereich zugegebenermaßen sekundär ist), konnte die Käufer nicht abschrecken. Die öffentlichen Debatten über das Werk und den Autor, der ein Exklusivinterview nach dem anderen gab, verfehlten jedenfalls aus kommerzieller Sicht für Sarrazin und seinen Verlag ihren Sinn nicht. Das Buch, der Autor und der Verlag wussten natürlich den Zeitgeist und die gerade entbrannte öffentliche Migrationsdebatte ideal zu nutzen.
An der Qualität liegt es zumeist demnach nicht oder nur begrenzt, dass ein Buch zum »Skandalwerk« stilisiert wird. Sarrazins Buch, das nicht im belletristischen Bereich liegt und deshalb hier auch nicht weiter behandelt wird, versammelte Statistiken und trocken formulierte Belege, für die Untermauerung der Theorie des Autors, dass Deutschland unter der Migrantenwelle der letzten Jahre seine Identität verliere. Was auf die Veröffentlichung folgte, waren Rassismusvorwürfe, und genau diese ließen das Buch im Verkaufsranking nach oben schnellen.
Dass »Sex sells«, ist ebenso hinlänglich bekannt. Der Plot von Büchern wie Feuchtgebiete, ist sekundär, solange die skandalösen Passagen in Massen vorhanden sind. Bücher wie dieses müssen aber auch literaturhistorisch legitimiert werden – vereinfacht gesagt: Ohne den Marquis de Sade keine Feuchtgebiete und kein Fifty Shades of Grey. Pioniere der Enttabuisierung traten also immer wieder in Erscheinung, und dennoch ist es bewundernswert, wie konsequent bestimmte Bücher noch immer polarisieren. Eine Anaïs Nin rief mit ihren Büchern House of Incest (1936) und Das Delta der Venus (1977) den prüden US-amerikanischen Kritikern in Erinnerung, dass eben nicht nur Männer über eine Libido verfügen. Fanny Hill, heute ein Klassiker der Skandalliteratur, wurde in Deutschland erst nach unfassbaren 220 Jahren freigegeben. Der amerikanische Skandalautor Nicholson Baker verfasste mit Haus der Löcher 2011 einen vollkommen absurden, irrwitzigen Pornoroman, der eine dermaßen explizite Sprache verwendet, dass ein Pornoregisseur scherzhaft meinte, dass das Buch selbst für sein Empfinden zu viel sei. Baker hatte übrigens Jahre zuvor angekündigt, gerne eine »dirty novel«-Trilogie verfassen und dabei jegliches Tabu brechen zu wollen.
Neben freizügigen Beschreibungen von Geschlechtsakt und Körperlichkeit fernab gesellschaftlicher Tabus, war immer auch die Gewalt zentraler Stein des Anstoßes. Nicht selten stoßen AutorInnen durch exzessive Gewaltdarstellungen zartbesaitete Leser vor den Kopf, erwähnt sei etwa das kollektive Kopfschütteln über Heinrich von Kleists Penthesilea und den darin beschriebenen grausamen Tod des Achill. Kleist hatte mit voller Absicht dieses blutrünstige Finale gewählt, uraufgeführt wurde das Stück aufgrund diverser Proteste dennoch erst 65 Jahre nach dem Tod des Autors. In dem vorliegenden Buch sind zahlreiche ähnliche Fälle angeführt, in denen Urheber oder Urheberin den Erfolg seines oder ihres Werkes nicht mehr erleben durfte, weil die zeitgenössische Zensur hart durchgegriffen hatte.
Zensur und Skandalisierung fanden natürlich immer schon statt, auch in der Antike. Der römische Dichter Ovid war in seinen Metamorphosen, die als sein Hauptwerk gelten, schon recht offen, was sexuelle Anspielungen anging, und dennoch wurde nicht dieses Buch, sondern sein Lehrgedicht Ars amandi (Die Liebeskunst) verboten. Grund dafür soll aber weniger der Inhalt gewesen sein, als vielmehr der Umstand, dass Ovid Kaiser Augustus ein Dorn im Auge gewesen war. Denn das Verbot des Buches und die Verbannung des Dichters erfolgten erst acht Jahre nach der höchst erfolgreichen Veröffentlichung von Ars amandi. Die frivole Liebeskunst passte nicht in das politische und gesellschaftliche Programm des Kaisers Augustus, der nach den römischen Bürgerkriegen eine sittliche Erneuerung des Staates plante. Auch der von Augustus in seinem Programm geforderte Götterkult wurde von Ovid ins Lächerliche gezogen. Wahrscheinlich war diese Causa einer der Gründe für die lebenslange Verbannung Ovids nach Tomis am Schwarzen Meer (heutiges Rumänien). Dieses Verbot wirkte auch damals mehr als fragwürdig. Bis zu seinem Tod im Jahre 17 oder 18 n. Chr. musste Ovid in Tomis bleiben. Jahrelang hatte er Augustus brieflich angefleht, den Bann aufzuheben. Allerdings vergeblich.
Skandalautoren waren und sind vermehrt Ziel öffentlicher Diffamierungen – Hetzkampagnen, die sich oftmals ein Paradebeispiel der Verlogenheit erwiesen. So lasen jene Vertreter der Aristokratie, die De Laclos’ Gefährliche Liebschaften am schärfsten verurteilten und anprangerten, genau dieses Buch heimlich am liebsten, wie die Literaturwissenschaft heute weiß. Das regressive Bürgertum war immer stark, wenn es ums Mobilisieren von Gleichgesinnten ging. Die TV-Bilder und Berichterstattungen von Thomas Bernhards Stück Heldenplatz zeigten tausende »Wutbürger«, die vor dem Burgtheater lauthals gegen die Vorstellung demonstrierten. Der Autor ging hier ins Gericht mit den Österreichern und ihrer Rolle während der »braunen NS-Jahre«, ein Umstand, der vielen Bürgern ein Dorn im Auge war.
Vielleicht wird dem einen oder anderen auch Helene Hegemanns, mittlerweile schon in fünfzehn Sprachen übersetzter Debütroman Axolotl Roadkill einfallen. Das Buch sorgte 2010 für einen aufsehenerregenden Plagiatsskandal. Die siebzehnjährige Autorin gab nach öffentlichem Druck zu, Passagen anderer Werke ganz einfach mit »copy and paste« in ihr Manuskript eingefügt zu haben. Neben dem Gesichtsverlust für die junge Autorin, die sich naturgemäß schwer tat, die nun einsetzende mediale Hetze professionell durchzustehen, war die Causa auch äußerst unangenehm für den Verlag, der das Buch veröffentlicht hatte. Natürlich verkaufte sich auch dieser Roman außergewöhnlich gut. Dennoch wird sich auch Hegemanns Buch hier nicht finden, denn im Vergleich zu großen, weltliterarischen Werken, die Skandale lieferten, à la Madame Bovary, die Dämonen, Lolita, Früchte des Zorns und andere ist Hegemanns Rolle in der Literaturgeschichte nicht mehr als marginal.
Die große Zensur setzt ein – was Maria Theresia gern hatte und das Ruinöse an Skandalen
Wir schreiben Mitte des 18. Jahrhunderts. Schauplatz sind die multikulturelle Habsburger-Monarchie und der Hof der mächtigsten Frau ihrer Zeit, Maria Theresia. Dass diese allgemein nicht gern las, weiß man hinlänglich. Sie war eine pragmatische Bürokratin, der die Kunst nicht allzu wichtig war, dafür gab es ab 1780 schließlich ihren Sohn, Joseph II., der durchaus als Literaturfreund bezeichnet werden konnte. Natürlich wurde dennoch nicht alles geduldet, was geschrieben wurde, – nein, es gab klare Richtlinien, Spielregeln, an die sich ein Autor, eine Autorin zu halten hatte. Maria Theresias Leibarzt, Gottfried van Swieten ließ »Ihre Majestät« am 25. Oktober 1762 Folgendes wissen: »Die Bücher, die bereits verboten sind und im Katalogus prohibitorus aufscheinen, werden immer vernichtet. Man wird aber immer auf die Gelehrten Rücksicht nehmen, die durch ihre Wissenschaft genügend gerüstet sind, um vom Guten profitieren zu können, ohne Gefahr zu laufen, vom Bösen verdorben zu werden. Wir handeln nach folgender Regel: Wenn ein Buch gegen den Staat gerichtet ist, braucht man die Erlaubnis von S. Exc. dem Grafen Kaunitz, wenn es gegen die Religion gerichtet ist, müssen wir eine Erlaubnis Seiner Eminenz des Kardinal-Erzbischofs vorweisen. Was die Literatur betrifft, kann man sich nicht über unsere Strenge beklagen, es werden immer das Alter, die Studien und andere Umstände des Eigentümers in Betracht gezogen. Was die schamlosen Bücher betrifft, so werden sie immer ohne Ausnahme vernichtet. Bei den öffentlichen Versteigerungen werden sie vernichtet, weil man nicht voraussehen kann, in welche Hände sie geraten könnten. Dies ist der Grund, warum wir glauben, Eurer Majestät Absichten genau zu erfüllen, bis es Eurer Majestät gefallen wird, Ihre Befehle abzuändern.«
Die Kaiserin antwortete zustimmend: »Schmutzige und schamlose Bücher oder ›Geschichterln‹ müssen zuerst vernichtet werden. Die Bücher, die von den Gelehrten benötigt werden könnten, können sie zurückhalten, und sollte man sie ihnen abverlangen, wünsche ich, vorher informiert zu werden.«
Auch über einhundert Jahre später war man bei der Zensur nach wie vor rigoros geblieben. Ein besonders obskurer Fall aus der wilhelminischen Zeit war die Geschichte um das satirische Stück Das Liebeskonzil, vom Münchner Arzt und Autor Oskar Panizza. Das Stück wurde sofort nach der Premiere in ein Zensurverfahren verstrickt. Panizza schildert das unmoralische Leben der Renaissance-Päpste und den damit verbundenen Ausbruch der Syphilis in Europa. Bereits die erste Rezension hatte zu Ermittlungen gegen den Autor geführt. Am 30. April 1895 begann der Prozess und bald wurde der Gerichtssaal geräumt, da das Gericht eine »sittliche Gefährdung« der Zuhörer befürchtete. Der Autor wurde wegen »Vergehen wider die Religion, verübt durch die Presse« zu einem Jahr Einzelhaft verurteilt und musste zudem die kompletten Prozesskosten aus eigener Tasche aufbringen. Etwas Derartiges, nämlich eine solch drakonische Strafe gegen einen Autor, war in der Geschichte des deutschen Kaiserreiches einzigartig gewesen. Panizza wurde gleich im Gerichtssaal verhaftet und ein Antrag auf Haftverschonung aufgrund eines schweren Beinleidens postwendend abgelehnt. Gegen eine Summe von 80.000 Reichsmark Kaution sollte er einige Wochen später freikommen, aber es kam anders. Am 1. Juli 1895 wurde der Revisionsantrag durch das Leipziger Reichsgericht abgelehnt, da der Autor zugegeben hatte, dass er mit seinem Buch die breite Öffentlichkeit hatte ansprechen wollen. Am 30. August dieses Jahres reichte sein Anwalt ein Gandengesuch beim Prinzregenten ein, mit der Begründung, dass sein Klient »geisteskrank« sei. Es wurde abgelehnt. Panizza musste die Haft absitzen und schrieb in einem Brief darüber, warum er sich nicht durch Flucht ins Ausland aus der Affäre gezogen hatte, Folgendes: »Nein, vor Menschen soll man nicht davonlaufen, solang man als Künstler ein reines Gewissen hat.«
Streitbar und polarisierend blieb er. Bis 1901 musste sich Panizza wiederholte Male vor Gericht verantworten. Schließlich wurde sein gesamtes Vermögen beschlagnahmt, er wurde offiziell für unzurechnungsfähig erklärt und von seiner eigenen Familie entmündigt. Seine polarisierende und skandalträchtige Suche nach öffentlicher Anerkennung hatte ihn in den Ruin getrieben. Er starb, 1921, in einer Bayreuther Heilanstalt.
Die meisten Bücher werden aus Gründen der Religion, der Politik und der Moral verboten. Im antiken Griechenland gab es beispielsweise nur zwei Arten von Schriften, von denen der Magistrat Notiz nahm: die verleumderischen Texte und die gotteslästerlichen und atheistischen Texte. So wurden etwa auf Befehl der Richter des Areopag (das oberste Gericht der Zivil- und Strafgerichtsbarkeit) die Bücher des Protagoras verbrannt, die mit dem Bekenntnis begonnen hatten, dass er nicht wisse, ob es Gott gebe oder nicht.
Dass es freilich nicht immer das geschriebene Wort alleine sein muss, wurde auch bei der hitzig geführten öffentlichen Diskussion um Gerhard Haderers Buch Das Leben des Jesus deutlich. Die katholische Kirche in Österreich, Griechenland und Italien legte sich quer gegen die Zeichnungen des Karikaturisten und ein Salzburger Weihbischof verlangte sogar eine Haftstrafe für Haderer wegen Blasphemie. Tatsächlich wurde dieser dann, allerdings in seiner Abwesenheit von einem griechischen Gericht zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt (Anklage lautete auf Beleidigung einer religiösen Gemeinschaft). Unnötig zu erwähnen, dass Haderer seither im Sommerurlaub einen großen Bogen um Griechenland macht. Auch Illustratoren und Karikaturisten wie Tomi Ungerer und Robert Crumb wurden seinerzeit zu öffentlichen Ärgernissen, geschadet hat es keinem der beiden. Ihre Werke überstanden den Test der Zeit.
Einige Jahre nach Oskar Panizza, in den 1920ern, erhob man den Vorwurf der Gotteslästerlichkeit gegen expressionistische Dramen, etwa gegen Carl Einsteins Die schlimme Botschaft oder Werner Hasenclevers Ehen werden im Himmel geschlossen, und strengte Strafprozesse an, die zwar zumeist den Autoren Recht gaben, aber allesamt Indiz für die immer löchriger werdende Kunstfreiheit waren, denn zumeist war die Anklage der Blasphemie nur ein Vorwand konservativer Zensoren, sich ungeliebter, querdenkender Schreibender entledigen zu wollen.
Nur eine Zahl an dieser Stelle: Alleine zwischen 1959 und 1962 formulierte die Bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit in Deutschland 700 Anzeigen und 271 Indizierungsanträge gegen Bücher, um die »christliche Moral« im Land aufrecht zu erhalten. Diese Arbeitsstelle wurde vom Kölner Erzbischof kontrolliert und war ihre Zeichens Nachfolgeinstitution des Kölner Männervereins zur Bekämpfung der öffentlichen Unsittlichkeit von 1898. Im Deutschen Bundestag forderten Abgeordnete von CDU und CSU noch einen Zusatz zu Artikel 5, in dem stehen sollte: »Die Freiheit der Kunst entbindet nicht von der Beachtung des Sittengesetzes.«
Im sogenannten »Leipziger Realistenprozess«, der im Juni 1890 stattfand, ging es um drei angeklagte Autoren und ihre »skandalösen« Bücher: Hermann Conradis Adam Mensch, Wilhelm Walloths Der Dämon des Neides und Konrad Albertis Das Recht auf Liebe (aus der Romanreihe: Der Kampf ums Dasein, 1888–1895). Alle drei Bücher waren vom Verleger Wilhelm Friedrich herausgebracht worden und so wurde auch er vor Gericht gebracht. Die Anklage lautete gegen alle vier: »Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften«.
Alle drei Bücher kritisierten moralische und religiöse Aspekte. Das Prozessprotokoll wurde unter dem Titel: »Realismus vor Gericht« geführt. Am Ende standen Freispruch für den Verleger, 300 Mark Strafe für Alberti, 150 Mark Strafe für Walloth. Conradi war bereits vor Prozessbeginn verstorben. Der Restbestand der Bücher der drei Autoren wurde beschlagnahmt und die Druckplatten wurden vernichtet. Mit ein Grund, warum alle drei Autoren heute quasi ausgelöscht sind.
Natürlich scheint es auch immer eine Frage der geografischen Verortung zu sein, was wieso als skandalös angesehen wird. Dass die USA ein Problem mit sexuell konnotierter Literatur haben, insbesondere die prüden, republikanisch dominierten Bundesstaaten, ist bekannt, ja, selbst mit einem Präsidenten Donald Trump, der sich mit Skandalen ganz gut auskennt, sich jedoch nach Veröffentlichung »furchtbarer Lügenbücher«, wie Fire and Fury von Michael Wolff, das ihn in die Nähe der Korruption und Spionage und nicht zuletzt auch der vollkommenen Inkompetenz rückt, gerne als Opfer sieht, ist und bleibt das in den Vereinigten Staaten so.
Anne Lyon Haight schreibt im Vorwort ihres Buches Verbotene Bücher: »Die Zeit geht über Verbote hinweg. Zensoren sterben, Verbote welken, aber Gedanken bleiben zollfrei. Nicht einmal der Tod, der sonst alles zum Schweigen bringt, vermag sie zu unterdrücken.« Wir werden in den kommenden Kapiteln viele Bücher sehen, die, allen Anfeindungen zum Trotz, die Jahrzehnte, ja, auch Jahrhunderte überstanden haben. Und manchmal polarisieren sie nach wie vor. Als der italienische Kardinal Angelo Sodano, im Jahr 2000 anlässlich des 400. Todestages, des von der Katholischen Kirche wegen seiner kritischen Schriften als Ketzer verbrannten Giordano Bruno meinte, dessen Hinrichtung sei zwar eine traurige Episode der jüngeren christlichen Geschichte, aber seine Schriften seien auch heute noch »inkompatibel« mit dem christlichen Glauben, glaubten nicht wenige Zuhörer und Zuhörerinnen an einen schlechten Scherz. Aber nein, hier hatte man augenscheinlich einem »Aufrührer«, einem »Skandalautor«, einem, der seiner Zeit voraus war, auch nach 400 Jahren noch nicht verziehen.
Giovanni Boccaccio
Boccaccio erfindet eine neue literarische Gattung
Literarisches Genre: Novellensammlung (1349–1353)
Herkunftsland: Italien
Originaltitel: Il Decameron
Wir bewegen uns an der Schwelle des Spätmittelalters, beziehungsweise der Renaissance. Es sollte noch gut ein Jahrhundert dauern, bis die revolutionierende Erfindung des Buchdrucks und der Vervielfältigung dank beweglicher Lettern durch Johannes Gutenberg die Verbreitung von Büchern wesentlich erleichtern sollte. In der Zeit, in der wir uns bewegen, entstand der Beruf des Schreibers, und Papier löste als Beschreibstoff das Pergament ab. Der Humanist Giovanni Boccaccio (etwa 1313–1375), dessen Geburtsdatum ebenso wenig gesichert ist wie der -ort (entweder Florenz oder das nahegelegene Certaldo), hat seine Kindheit und Jugend in Florenz und Neapel verbracht, wo er ab seinem vierzehnten Lebensjahr den Beruf des Kaufmanns erlernen sollte, wenn es nach dem Vater gegangen wäre (die Mutter war bei Boccaccios Geburt verstorben – er war unehelich geboren worden). Die Zeit in Neapel, er lebte dort bis 1340, füllte er jedoch nicht mit Handelstätigkeiten oder dem Studium des Kanonischen Rechts, sondern er schrieb, befasste sich intensiv mit Literatur und eignete sich ein profundes, autodidaktisch geschultes Allgemeinwissen an. Der Gelehrte Cino da Pistoia vermittelte dem jungen Boccaccio in Neapel den literarisch neuen Stil des »dolce stil novo«. Die zentralen Themen dieses Stils in den Werken der Zeit sind Liebe (Amore) und Güte (Gentilezza).
Das Dekameron, das Boccaccio in florentinischer Umgangssprache, also nicht in Hochitalienisch geschrieben hatte, war bereits kurz nach seinem Erscheinen beliebt wie umstritten und zog viele Epigonen nach sich. Diese Nachahmer versuchten, Boccaccios Erzählstil zu imitieren, einen Stil, den sich der italienische Dichter selbst erst aneignen musste. Erste Novellen des Dekameron erschienen bereits 1335, also gleichzeitig mit anderen Erzähltexten Boccaccios. Der überwiegende Teil des Werkes wurde aber nach der Pestepidemie 1348 gedichtet, weshalb sie die Rahmenhandlung des Buches bildet. Sie war aller Voraussicht nach die Hauptinspiration von Boccaccio gewesen. Die Seuchenkatastrophe sollte den Ausgangspunkt bilden. Wann das Dekameron abgeschlossen wurde, ist heute nicht bekannt, angenommen wird der Zeitraum zwischen 1351 und 1353. Der Titel Dekameron leitet sich von »deka«, »zehn«, und »hermerai«, was »Tage« bedeutet, ab. Die hundert Novellen darin sind vermutlich eine Ehrerbietung an Dante Alighieris hundert Gesänge in seiner Göttlichen Komödie. Boccaccios einhundert Novellen kreisen hauptsächlich um damals wie eigentlich auch heute beliebte Themen wie Dasein, Schöpfung, Leben, Liebe, Krankheit, Trauer, Tod.
Die Haupthandlung ist rasch umrissen. Während der Pestepidemie treffen einander sieben Frauen (Pampinea, Fiammetta, Filomena, Emilia, Lauretta, Neifile, Elissa) und drei Männer (Diloneo, Panfilo, Filostrato), allesamt aus gutbürgerlichen Familien und alle befreundet, in der Kirche Santa Maria Novella, bei Florenz. Sie beschließen, vor der Pest mit ihrer Dienerschaft auf einen nahegelegenen Landsitz zu flüchten, wo sie vierzehn Tage bleiben; die Freitage und Samstage sind aus religiösen Gründen freigehalten, bleiben also zehn Tage (»deka hermerai«), die die Gruppe, die im Buch auch »brigata« genannt wird, mit Musik, Tanz, Spielen und vor allem dem Erzählen von Geschichten verbringt. An den meisten Tagen stehen die Novellen unter einem Motto, einer der Gruppe hat jeweils den Vorsitz (er oder sie wird dann als König oder Königin bezeichnet) und kommentiert die einzelnen Novellen. Jeder Erzählzyklus endet mit einer Ballade, die einer der zehn Freunde anstimmt. Das Reihenerzählen hat übrigens seinen Brauch im Mittelalter: Beim sogenannten »Joc partit« wurden Themen vorgegeben und zwei Dichter lieferten sich daraufhin ein Streitgedicht zu diesen. Jahrhunderte später nennt man dies Poetry Slam.
Die Wiederentdeckung der Antike und die Sinnlichkeit zu Beginn der Renaissance brachten einen neuen Kult um Schönheit, Liebe und Erotik. In Boccaccios Novellensammlung erörtern die Personen der Rahmenerzählungen zwar Fragen der Liebesmoral, aber die Darstellung des Triebes, teil obszön und sehr rustikal, und derbe Schilderungen von Liebe, Lust und Sex bestimmen die Handlungen vieler Einzelnovellen. Schon die ersten veröffentlichten Novellen stießen bei einigen Zeitgenossen auf heftige Kritik, man warf dem Autor Frivolität und Unmoral vor. Boccaccio selbst nimmt dazu im Dekameron direkt (weil es ja zeitlich über mehrere Etappen entstanden war) in der sogenannten »Conclusione dell’autore« Stellung und schreibt, dass viele Novellen »unmoralisch wirken«, weniger, weil er »lehrreichen Zweck« erreichen möchte, als vielmehr »künstlerischen Nutzen«.
Boccaccio bleibt stilistisch dem Mittelalter (vor allem bei der Kritik am bigotten Klerus oder dem asketischen Leben) verbunden und weniger der Renaissance, dennoch prägte er einen neuen Stil, einen, den man oft als »Realismus« bezeichnete und der für die Renaissance typisch war. Boccaccio schuf eine neue Interpretation des menschlichen Lebens und der menschlichen Gesellschaft, eine, die mehr auf Intuition und Anschauung, als auf theoretischen und rationalen Konzepten fußte. Den Bezug zwischen Literatur und Leben »garnierte« er mit zahlreichen Anspielungen zeitgenössischer Geschehen und Tageschroniken. So auch am Ende des Dekameron, wenn die »brigata« nach Florenz zurückkehrt, weil die Pestepidemie ausgestanden ist.
Das umstrittene Werk Boccaccios kam fast 600 Jahre nach seiner Entstehung nochmals in die Schlagzeilen. Die US-amerikanische Zollbehörde entfernte aus einem Druckexemplar sämtliche obszönen Szenen, jedoch nicht durch Schwärzen, sondern durch Herausschneiden, und schickte es schließlich zum Drucker nach London zurück. 1931 wurde das Jahrzehnte andauernde Verbot gegen das Buch zwar aufgehoben, aber jedem Bundesstaat oblag es nun, eigenständig zu entscheiden, ob er das Werk veröffentlicht sehen wollte – und Detroit verbot das Dekameron, mitsamt seiner »Perversitäten« ab 1934. In New Jersey und Ohio beschlagnahmte man Buchexemplare und ließ ganze Bücherberge zum Gaudium vieler Schaulustiger öffentlich brennen. Die beschriebene Freizügigkeit einiger Novellenepisoden war rechtskonservativen Republikanern ein Dorn im Auge.
Auf dem Index Librorum Prohibitorum, der Römisch-katholischen Kirche, unter Papst Paul IV. aus dem Jahre 1559 fanden sich neben sechzehn Werken von Erasmus von Rotterdam auch das Dekameron und eine Reihe von »obszönen« und »ungeziemten« Schelmenromanen. Am 6. September 1778 schrieb Gotthold Ephraim Lessing: »Das Angeschlossene ist eine Ankündigung, über welche sich meine Freunde zum Teil wundern werden. Aber wenn Sie im Decameron des Boccaz (I., 3), die Geschichte vom Juden Melchisedech aufschlagen wollen, so werden Sie den Schlüssel dazu leicht finden (…).« Die Rede war von seinem Nathan der Weise und der Ringparabel. Lessing, der von der Zensur und speziell vom Kritiker Johann Melchior Goeze verfolgt wurde, berief sich hier also auf ein Werk, das noch viel mehr Stein des Anstoßes gewesen war. Nathan der Weise erschien 1779 als Lesedrama und polarisierte durchaus. Die Uraufführung erfolgte erst 1783, zwei Jahre nach Lessings Tod.
John Cleland
Die Geschichte einer Dirne
Literarisches Genre: Roman (1749)
Herkunftsland: Großbritannien
Originaltitel: Memoirs of a Woman of Pleasure
Der Ausgangpunkt der Entstehung dieses skandalträchtigen Büchleins ist ein durchaus bezeichnender. Schon 1749 wusste man, dass es eines »Aufregerbuches« bedarf, um die Massen zu bewegen. Der Verlag, in dem John Cleland seine Geschichte Memoirs of a Woman of Pleasure, veröffentlichte, hatte dieses Buch als Auftragswerk verlangt. Der Verlag litt an akuter Geldnot, und so begann Cleland mit dem Verfassen eines höchst erogenen Romans; dass »Sex sells«, war schon damals hinlänglich bekannt. Der Plan war die Rettung des Verlages und nicht, die Literaturgeschichte neu zu schreiben, denn dazu fehlte Cleland schlicht das Talent. Doch die Taktik ging perfekt auf. Um aber nicht nur in der lesenden Bevölkerung zu »fischen«, erhielt die Erstausgabe auch noch pikante und freizügige Illustrationen, etwa von sexuellen Züchtigungen oder Beischlaf.
Bei Fanny Hill handelt es sich also, und dieser Ruf konservierte das Buch – bei all seiner Mittelmäßigkeit –, um den ersten pornografischen Roman. Der Verlag nahm über 10.000 Pfund durch diesen Bucherfolg ein. Der Konkurs war abgewendet. Cleland selbst wurde allerdings gar nicht reich mit dem Buch. Lediglich 20 Guineas Provision nahm er mit dem Werk ein – und musste sich auch noch vor Gericht des Vorwurfs der Unzucht verantworten. Die Gerichtskosten hatte er natürlich selbst zu tragen.
In Deutschland blieb das Buch bis in die 1960er Jahre auf dem Index und erst in den letzten dreißig bis vierzig Jahren erfolgte die wirkliche Würdigung des Buches durch zahlreiche Neuauflagen, aber auch des Autors John Cleland in der Literaturwissenschaft.
Im Zentrum dieses Ich-Romans in Briefkonversation (der Briefroman war zu dieser Zeit eine beliebte Stilform) steht das fünfzehnjährige unschuldige und schüchterne Landmädchen Fanny Hill, das ins große London kommt. Dort steht ihr aber nicht die Welt offen, stattdessen landet das mit ländlicher Einfältigkeit gesegnete Mädchen im Bordell der gerissenen Mrs. Brown, wo die lesbische Phoebe mit der Aufklärung der jungen Fanny betraut wird. Fannys erster »Kunde« ist der charmante Charles, von dem sie entjungfert wird. Sie verliebt sich in ihn, er allerdings verlässt sie, weil er eine lange Geschäftsreise antritt. Trauernd und verzweifelt wie sie ist, beginnt ihr Abstieg. Fanny muss sich prostituieren, beerbt zuletzt einen reichen Kunden und kommt am Ende, nun wohlhabend, tatsächlich doch noch mit Charles zusammen.
In zwei Briefen, die diskret an eine Freundin namens »Madam« gerichtet sind, lässt Cleland das einstige Freudenmädchen Fanny, das jetzt verheiratet und »geläutert« ist, über seine dunkle Vergangenheit schreiben. Fanny schildert alles – nicht der Effekte wegen, sondern, um den Preis der Tugend zu zeigen. Sie warnt vor der käuflichen Liebe und empfiehlt die Ehe als wahres Glück. Am Ende also siegt das Vergnügen des Geistes über jenes des Körpers und ein Happy End mit Heirat und Kindern ist Fanny Hill beschert. Der zu dieser Zeit moralisierende Ausklang wirkt natürlich mehr als aufgesetzt und bittersüß, aber dies ist der Stoff, aus dem heute noch Romanzen à la Pretty Woman gemacht werden. So gesehen, bedient Fanny Hill streckenweise auch den heutigen Zeitgeist. Fifty Shades of Grey (siehe Kapitel, S. 209) setzt diese Tradition fort.
Das Buch wurde einige Male verfilmt, so etwa in einer 1964er BRD-Version, mit Leticia Roman in der Hauptrolle. Regie führte der eigens verpflichtete legendäre US-Schmuddelfilmer Russ Meyer (unter anderem Regisseur von Faster Pussycat, Kill, Kill!).
Ins Deutsche übersetzt wurde das Buch erstmals 1765 – und 1906, anonym und »deftiger« im Wortlaut, nochmals. Im deutschen Sprachraum erhitzte es sogleich die Gemüter und wurde ein Opfer der Zensur. Doch Fanny Hill überstand alle moralischen Schmähungen: Die einen Rezipienten schätzten die einschlägigen Illustrationen, die anderen liebten das Buch der voyeuristischen Schilderungen wegen. Die zahlreichen Feinde des Werkes waren indes machtlos angesichts des großen, durchaus erwarteten Verkaufserfolges. Dennoch ist Fanny Hill nicht nur aus heutiger Sicht doch fast züchtig zu nennen. Weil er sich der Monotonie des überwiegenden Teils erotischer Literatur dieser Zeit bewusst war, verzichtete Cleland in seinem Briefroman auf vulgäre Ausdrücke für Geschlechtsteile oder den Sexualakt, er wählte vielmehr farbenfrohe Metaphern und blieb im Grunde doch sehr konservativ-artig; so bereitet etwa ein gleichgeschlechtlicher Akt der jungen Fanny große Gewissensbisse und die homosexuelle Liebe zwischen zwei Männern ist für sie ganz und gar verabscheuungswürdig. Einzig die heterosexuelle Zuneigung wird vollends toleriert, und Fanny scheint es auch ein Anliegen zu sein, am Ende des Buches die Ehe einzugehen.
Heute gilt Fanny Hill vor allem als wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung der Gattung des Romans, die im 18. Jahrhundert noch eine junge war. Einen Skandal vermag das Buch heute nicht mehr auszulösen.
Johann Wolfgang von Goethe
Goethes alter Ego wird ein Kultstar
Literarisches Genre: Briefroman (1774)
Herkunftsland: Deutschland
Im September 1772 lernte der junge Johann Wolfgang Goethe während eines Aufenthaltes in Wetzlar Johann Christian Kestner und dessen Verlobte Charlotte Buff kennen. Goethe war angetan von Buff, seiner »Lotte«, und buhlte um sie, aber vergeblich. Am 11. September 1772 fuhr er, liebeskrank, zur Autorin Sophie La Roche, die er als Künstlerin schätzte und mit der er auch später eine jahrzehntelange Brieffreundschaft führte, nach Frankfurt. Die sechzehnjährige Tochter La Roches, Maximiliane, beeindruckte den späteren Dichterfürsten und beeinflusste neben Charlotte Buff ebenfalls die Figur der Lotte im Werther. Als sie zwei Jahre später den zwanzig Jahre älteren Geschäftsmann Peter Brentano heiratete, war dies erneut ein schwerer Schlag für Goethe, der sich nun vollkommen in die Arbeit an seinem berühmten Briefroman stürzte, einer Gattung, die mit Hauptwerken wie Samuel Richardsons (1689– 1761) Pamela (1740) oder Jean Jacques Rousseaus (1712–1778) Julie ou la nouvelle Héloise (1761) einige Jahre zuvor begründet worden war.
Der Zeitraum der Handlung des Werther spielt sich zwischen dem 4. Mai 1771 und dem 21. Dezember 1772 ab und endet mit dem Selbstmord des leidenden sensiblen jungen Werthers – aus verschmähter Liebe und Weltschmerz heraus. Das Buch, das ein enormer Erfolg wurde, führte zu einem wahren »Werther-Hype«: Der Kleidungsstil der Hauptfigur wurde modisch kopiert (die sogenannte »Werther-Tracht«: blauer Tuchfrack, gelbe Weste, Kniehosen aus gelbem Leder, Stulpenstiefel und ein grauer Filzhut), außerdem nahmen sich viele junge Männer, die sich mit dem Protagonisten identifizieren konnten, tragischerweise ebenso das Leben. Dies war ein Grund, weshalb Goethe bei allem Erfolg auch harschen Anfeindungen ausgesetzt war. Kritiker warfen ihm vor, die »Jugend zu verderben«.
Auf Antrag der theologischen Fakultät hatte Leipzig am 30. Januar 1775 den Druck, Vertrieb und Verkauf des Romans Die Leiden des jungen Werther im Raum Sachsen untersagt. Das Buch, so hieß es in der Begründung, sei »eine Verteidigung des Selbstmords« und daher für »labile Menschen« gefährlich. Und als Beweis lieferten die Gegner des Buches die diversen bereits begangenen Selbstmorde. Kurz nach der Veröffentlichung des Werkes im September 1774, stand in der Altonaer Zeitung zu lesen, dass »dergleichen Bücher von jedem Staate, dem an nichts so sehr, als an der Erhaltung seiner Bürger gelegen ist, verboten werden« sollen. Goethe argumentierte damals, dass er nie eine Verteidigung des Selbstmordes beabsichtigt habe, sondern vielmehr die freie Willensentscheidung eines Jeden skizzieren wollte.
Doch statt, dass der Absatz nach der harschen Kritik und den Warnungen zurückging, wurde das Buch zu einem zuvor in dieser Art noch nie dagewesenen Verkaufsschlager. Nun aber wurden auch die Verbotsrufe aus Reihen der Geistlichkeit laut. Der Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze sah im Werther ein »Skandalon«, das öffentlich zu verbrennen wäre, und beschwor in öffentlichen Predigten sogar Sodom und Gomorrha herauf, um das Buch verbannt zu wissen. Es war erstmalig im deutschen Sprachraum, dass ein belletristisches Werk so kontrovers und hitzig diskutiert wurde. Und schließlich siegten tatsächlich die Gegner des Buches – jedenfalls vorerst. 1776 wurde der Werther in allen habsburgischen Ländern verboten, wenig später folgte ein Verbot in Dänemark. In Italien erschien der Werther 1782, wurde aber gleich nach der Veröffentlichung wieder »beseitigt«. Ein Faktum, das Goethe selbst sehr amüsierte. Er schrieb: »Der Bischof war dahintergekommen und hatte die ganze Edition von den Geistlichen in den Gemeinden aufkaufen lassen. Es verdross mich nicht, ich freute mich vielmehr über den klugen Herrn, der sogleich einsah, dass der Werther für die Katholiken ein schlechtes Buch sei.« Der spanische Diktator Franco ließ noch 1939 übrigens aus allen öffentlichen Bibliotheken des Landes die Werke solch »entarteter Schriftsteller« wie Goethe, und hier vor allem seinen »aufrührerischen Werther« entfernen.
Goethe vermied in späteren Jahren die Auseinandersetzung mit seinem Frühwerk. In Gesprächen mit Eckermann schrieb er am 2. Januar 1824 über das Buch: »Es sind lauter Brandraketen! Es wird mir unheimlich dabei und ich fürchte, den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus dem es hervorging.«
Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos
Konspirativer Briefwechsel vom Format Weltliteratur
Literarisches Genre: Briefroman (1782)
Herkunftsland: Frankreich
Originaltitel: Les Liaisons dangereuses
Bereits ein Jahr, nachdem das Werk in Frankreich erschienen war, lag eine deutsche Übersetzung vor und es sollten noch viele, qualitativ unterschiedliche Übersetzungen folgen. 1905 übersetzte etwa Heinrich Mann das Buch aus dem Französischen. Und das zeigt, welchen Einfluss und welche Bedeutung das Buch des Autors Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos, der danach keine allzu bedeutenden Werke mehr geschaffen hatte, für die Weltliteratur hatte.
Gefährliche Liebschaften
