Wahnsinnig anders - Clemens Ottawa - E-Book

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Clemens Ottawa

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Beschreibung

»Der Schizophrene von Format prüft nach dem Schub das Resultat.« Lene Voigt In früheren Jahrhunderten wurden Menschen schnell weggesperrt, wenn sie Anzeichen von Psychosen,Wahnvorstellungen oder bloß seltsamem Verhalten zeigten, und manchmal sogar nur, weil sie unangepasst waren. Man ging nicht zimperlich mit psychisch Kranken oder wunderlichen Menschen um, selbst wenn sie bekannt und beliebt oder gar Landesherren waren. Konnte sich ein Tyrann wie Nero noch lange Zeit seinem narzisstischen Größenwahn hingeben, bevor er zum Selbstmord gezwungen wurde, musste die manisch-depressive kastilische Thronerbin Johanna I. jahrelange Gefangenschaft erdulden. Clemens Ottawa zeichnet Charakterbilder von Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Jahrhunderten, aus Adel und Politik, Kunst, Literatur, Philosophie, Musik und Film. Er prüft die ihnen nachgesagten psychischen Störungen und Eigenheiten und zeichnet ihre Entwicklungen nach. Viele von ihnen – König George III. von England, Nietzsche, Van Gogh – sind heute noch berühmt, andere wie Carl Sandhaas, Lene Voigt oder Helene von Druskowitz in Vergessenheit geraten. So entsteht das Bild einer faszinierenden Vielfalt von Charakteren, in deren Schaffen sich Devianz und außerordentliches Talent oftmals gegenseitig bedingten und beförderten.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Clemens Ottawa

Wahnsinnig anders

Außergewöhnliche Menschen und ihr Kampf mit dem Verstand

© 2021 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe · zuklampen.de

Umschlaggestaltung: Stefan Hilden · München · hildendesign.de

Satz: Germano Wallmann · Gronau · geisterwort.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH · Rudolstadt

ISBN Print 978-3-86674-806-4

ISBN E-Book-Pdf 978-3-86674-935-1

ISBN E-Book-Epub 978-3-86674-934-4

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.

»… traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister.«aus: Erster Brief des Johannes, Kapitel 4

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

37 bis 68 n. Chr.

»Welch ein Künstler geht mit mir zugrunde.«Nero,römischer Kaiser

1479 bis 1555

»In Spanien wird gerade erklärt, dass ich nicht mehr bei Sinnen bin«Johanna I. von Kastilien (und Léon),Königin

1544 bis 1595

»Nichts schafft, wer zu viel denkt!«Torquato Tasso,italienischer Dichter

1738 bis 1820

»Ein Verräter ist jeder, der nicht meiner Meinung ist.«George III., König des britischen Empires

1751 bis 1792

»Muss denn nicht jeder, bittere Erfahrungen in der Welt machen, um die Welt kennenzulernen?«Jakob Michael Reinhold Lenz,deutschbaltischer Dichter und Dramatiker

1770 bis 1843

»Ich habe nie Hölderlin geheißen, sondern Scardanelli oder Scarivari oder Salvator Rosa oder so was.«Friedrich Hölderlin,deutscher Dichter

1801 bis 1859

»Man hat mir nächtlicherweise die Kleider zerrissen, die Schuhsohlen aufgeschnitten, auch die Füße gebrannt, die Knöpfe vom Rock gerissen und dann mich abwechselnd wieder hungern, schmachten und darben lassen!«Carl Sandhaas,deutscher Maler

1808 bis 1855

»Die Tugend ist bei einigen Furcht vor der Gerechtigkeit, bei vielen Schwäche, bei anderen Berechnung.«Gérard de Nerval,französischer Schriftsteller

1809 bis 1852

»Nicht meinen Körper begraben, ehe nicht klare Beweise für Zersetzung da sind.«Nicolai Wassiljewitsch Gogol,russischer Schriftsteller

1810 bis 1856

»Die Einsamkeit ist der vertraute Umgang mit sich selbst.«Robert Schumann,deutscher Komponist und Schriftsteller

1819 bis 1891

»Glauben Sie mir doch, ich bin nicht verrückt.«Herman Melville,amerikanischer Schriftsteller

1830 bis 1915

»Wie kann ich das, was seit einiger Zeit in mir vorgeht, beschreiben?«Adèle Hugo,Tochter von Victor Hugo

1844 bis 1900

»Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.«Friedrich Nietzsche,deutscher Philosoph

1845 bis 1886

»Es ist notwendig, sich Paradiese zu schaffen, poetische Zufluchtsorte, wo man auf einige Zeit die schauderhafte Zeit, in der wir leben, vergessen kann.«Ludwig II., König von Bayern

1853 bis 1890

»Mancher Mensch hat ein großes Feuer in seiner Seele und niemand kommt, um sich daran zu wärmen.«Vincent van Gogh,niederländischer Maler

1853 bis 1901

»Meine Verwandten haben sich von mir abgewandt.«Emilie Kempin,Schweizer Juristin

1856 bis 1918

»Seiner Beschaffenheit zufolge ist der Mann seiner Gefährtin unwürdig, ein Ehehindernis und nicht ein Bindeglied.«Helene von Druskowitz,österreichische Philosophin und Kritikerin

1864 bis 1943

»Was mich betrifft, so bin ich über den Fortgang meines Lebens hier so verzweifelt, dass ich nicht mehr ein menschliches Wesen bin.«Camille Claudel,französische Künstlerin

1864 bis 1942

»Hier ruht Séraphine Louis Maillard ohne Rivalin in Erwartung ihrer glücklichen Auferstehung.«Séraphine Louis,französische Malerin

1867 bis 1941

»Denn Weibsein ist etwas Heiliges!«Elsa Asenijeff,österreichische Schriftstellerin

1878 bis 1956

»Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kenne er mich!«Robert Walser,Schweizer Schriftsteller

1891 bis 1962

»Der Schizophrene von Format prüft nach dem Schub das Resultat«Lene Voigt,deutsche Schriftstellerin

1900 bis 1948

»Ich möchte nicht leben, ich möchte zuerst lieben und zufälligerweise leben!«Zelda Fitzgerald,amerikanische Autorin, Malerin und Tänzerin

1902 bis 1989

»Personen mit wirklichen oder angeblichen Erberkrankungen, zu denen auch Schizophrenie zählte, wurden als nutzlos, gefährlich für die eigene ›Rasse‹, ja, lebensunwert verachtet.«Willy Zielke,deutscher Fotograf und Kameramann

1906 bis 1978

»Ich glaube nicht an Naturwissenschaft.«Kurt Gödel,österreichischamerikanischer Mathematiker

1907 bis 1982

»Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich schreibe, Vater. (…) Wer weiß, was das Schicksal für uns bereithält?«Lucia Joyce,italienisch-irische Tänzerin

1913 bis 1970

»Wenn jemand wie ein Patient behandelt wird, dann muss man sich auch wie einer benehmen.«Frances Farmer,amerikanische Schauspielerin

1946 bis 2006

»Und was genau ist ein Traum und was genau ist ein Witz?«Syd Barrett,britischer Musiker

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Vorwort

Dieses Buch erzählt die Lebenswege von unterschiedlichen Persönlichkeiten der Weltgeschichte: Menschen aus verschiedenen Jahrhunderten, aus Adel und Politik, Kunst, Literatur, Philosophie, Musik und Film. Töchter und Söhne großer Namen oder selbst bekannt und berühmt, Vorreiterinnen und Vorreiter auf ihrem Gebiet.

Aber dies ist auch ein Buch über Krankheiten; über den Wahn und die Manien, an denen diese Personen litten. Nicht selten wurden sie mit dem Unverständnis ihrer Umgebung konfrontiert, wurde ihnen mit Kopfschütteln begegnet, galten sie als »versponnen« oder »übergeschnappt«, zerbrachen sie an der Rohheit ihrer Umgebung und oft fristeten sie ihre letzten Lebensjahrzehnte weggesperrt von der Gesellschaft in Nervenheilanstalten. Der US-amerikanische Kommunikationstheoretiker Harold Laswell sagte einmal: »Der pathologische Verstand ist wie ein Automobil, dessen Schalthebel in einem Gang festhängt; der normale Verstand kann umschalten.« Der entrückte Verstand allerdings nicht. Jedoch stellt sich die Frage, wann ein Verstand wirklich »verrückt«, »versponnen« oder »pathologisch« ist. Und das ist reichlich schwer zu beantworten, da sich die Definition im Laufe der Zeit veränderte. Im Humanismus und auch während der Strömung der Romantik war die Schwermut, auch Melancholie genannt, als eine Form der Geisteskrankheit hoch im Kurs. Der leidende Poet, die gebeutelte Poetin, der grüblerische Künstler, der womöglich noch gegen eine Schaffenskrise kämpfte – alle prädestiniert für Melancholie. Ende des achtzehnten, Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wurden vor allem Frauen gerne als bloß »hysterisch« und »manisch« bezeichnet, teilweise auch in Situationen, deren Hintergrund uns heute im Gegensatz zu damals besser bekannt ist, zum Beispiel, wenn es einen allergischen Anfall gab, wodurch ihr Leiden also als etwas Übertriebenes abgetan, obwohl es dennoch behandelt wurde. Bei »Frauenhysterie« reichten die Maßnahmen von Aderlass bis hin zur Amputation von Gliedmaßen, was freilich in der Regel nicht zur Heilung führte.

In manchen Fällen, die in diesem Buch beschrieben werden, mag es wohl einigermaßen stichhaltige medizinische Indizien für eine Pathologie im Sinne einer »Geisteskrankheit« oder wie man heute akkurater sagen würde: psychischer Störung oder Psychose gegeben haben. Doch es gibt ebenso Fälle, bei denen man sich heute nicht mehr sicher ist, ob eine tatsächliche Erkrankung vorlag oder ob man einfach nur unangepasste und unangenehme Zeitgenossinnen und -genossen loswerden wollte, indem man eine psychische Erkrankung als Vorwand nutzte, um sie aus dem Weg und aus der Öffentlichkeit zu schaffen.

Existiert am Ende eine Kausalität zwischen einzelnen Berufsgruppen und Wahnsinn? Autoritäre Politiker und Diktatoren unterliegen ja nicht selten dem Größenwahn, der ist allerdings keine psychische Erkrankung im eigentlichen Sinne, mehr eine Verkehrung der Wahrnehmung. Hans Christian Andersen ließ den Kaiser in seiner Geschichte Des Kaisers neue Kleider nackt herumstolzieren, und weil er keinerlei Kritik hörte und sie auch nicht gewohnt war, nahm er sich weiterhin als der imposante, unfehlbare Herrscher wahr. Aber wie sieht es die Wissenschaft, um die Frage der Kausalität wieder aufzugreifen? Der Philosoph Ludwig Wittgenstein meinte, dass es eine »innere Verwandtschaft von Philosophie und Verrücktheit« gebe, ein Thema, dessen sich der schweizerische Psychoanalytiker und Philosoph Daniel Strassberg in seinem Buch Der Wahnsinn der Philosophie annimmt. Platon etwa unterscheidet vier Formen des Wahns: Den manischen, den mystischen, den poetischen und den erotischen. Keiner von ihnen wird bei Platon positiv gesehen, denn je mehr sich der Mensch in etwas hineinsteigert, desto manischer und wahnhafter werden er und sein Geist dabei, einzig der göttliche Wahn wurde in der Antike und auch noch im Mittelalter (dort allerdings nur, wenn er den Maximen der Katholischen Kirche entsprach) positiv gesehen. Religiöse Fanatiker, die dem Glauben wahnhaft verfallen waren, wurden als Sprachrohre Gottes angesehen, ein Umstand, der sich mit der Neuzeit änderte. Religiöser Wahn begegnet uns in diesem Buch etwa bei Persönlichkeiten wie Gogol oder Zelda Fitzgerald.

Das vorliegende Buch erzählt Lebensgeschichten, wie sie vielleicht eher selten dargestellt werden. Und es gibt Auskunft darüber, an welchen Erkrankungen, nach heutigem medizinischpsychiatrischen Ermessen, diese Personen gelitten haben könnten. Speziell das neunzehnte Jahrhundert, mit den Strömungen der Romantik und des Realismus, in denen die leidende Psyche, das Genie, der Wahn und die Manien, mal als »Tollheit«, mal als »Schwermut« oder »Raserei« bezeichnet, oft wichtiger Bestandteil der Kunst und Literatur waren, führt dazu, dass sich in dieser Sammlung einige Vertreterinnen und Vertreter dieser Epoche befinden.

Dies ist ein Buch über Menschen, von denen einige nach wie vor fest im kollektiven Gedächtnis verankert, berühmt, vielleicht auch berüchtigt, andere hingegen in Vergessenheit geraten sind und hier wieder in Erinnerung gerufen werden. Es möchte dazu aufrufen, über bestehende und allgemein anerkannte Urteile nachzudenken, und dazu anregen, sich viele dieser Persönlichkeiten in neuem Licht anzusehen, womöglich auch neu zu rezipieren und andere neu- oder gar wiederzuentdecken, und vielleicht sogar Neues über vertraute Namen zu erfahren.

Nero Porträtgemälde von Abraham Janssen van Nuyssen, 1620

»Welch ein Künstler geht mit mir zugrunde.«Nero, römischer Kaiser

(37 bis 68 n. Chr.)

Nach Neros Tod im Jahr 68 n. Chr. folgte in Rom das Vierkaiserjahr. 69 n. Chr. erhoben Galba, Otho, Vitellius und Titus Flavius Vespasianus, kurz Vespasian, Anspruch auf die römische Kaiserwürde – Vespasian setzte sich schließlich durch. Es war eine unruhige Zeit für das römische Volk, eine, die nicht die Stabilität brachte, die sich die Bevölkerung wünschte und die man vielleicht tatsächlich zuletzt unter Julius Cäsar (100 bis 44 v. Chr.) erlebt hatte. Und obwohl viele Menschen in Rom froh waren, als die Meldung vom Tod des tyrannischen Neros publik wurde, folgte wegen der politischen Unsicherheiten vorerst keine Verbesserung. Doch wer war dieser Mann, der solch ein Trümmerfeld hinterlassen hatte und der seine eigene Stadt niedergebrannt haben soll und so zum Synonym für Macht und Wahn geworden ist? Warum war er zum Selbstmord gezwungen worden und was hatte er tatsächlich verbrochen? Fragen, die im Folgenden geklärt werden sollen.

Nero ist als Kaiser Roms den heutigen Generationen vor allem wegen zwei Dingen im Gedächtnis geblieben: Einerseits als Brandstifter der Hauptstadt des Römischen Reiches – Rom brannte und der Kaiser, dessen Verstand zu dem Zeitpunkt schon als wahnsinnig bezeichnet werden kann, soll beim Anblick des Feuers Freudentänze gemacht haben – und andererseits als unerbittlicher Verfolger der christlichen Bevölkerung. Wie aber konnte es mit dem römischen Imperator so weit kommen? Und stimmt alles, was man ihm heute nachsagt? Oder ist vieles nur aufgebauschtes Hollywood-Gewäsch, um ein Monster zu kreieren, das die Kinokassen klingeln lässt und die Ladentische leer macht? Eine gewisse Egozentrik ist ja bis heute bei vielen politischen Machthabern zu verorten. Da muss man nicht erst mit Namen wie Trump, Putin, Bolsonaro oder Orbán kommen, aber bei Nero, ja, da soll das Ganze schon eine übersteigerte Manie gewesen sein.

»Qualis artifex pereo!«, also »Welch ein Künstler geht mit mir zugrunde!«, soll Nero kurz vor seinem Tode gerufen haben, dann stieß er sich selbst den Dolch mehrmals in die Kehle. Die Authentizität dieses Zitats unterstreicht auch das Bild, das der Kaiser selbst von sich hatte; nämlich das eines talentierten Künstlers – vor allem Kitharaspielers –, der zu Großem berufen war. Notorische Selbstverliebtheit und mangelnde Selbstreflexionsgabe sind allerdings auch heute noch – selbst in der breiten Bevölkerung – recht weit verbreitet, dies ist insofern also noch nicht außergewöhnlich oder per se pathologisch. Bei Nero kam allerdings noch einiges hinzu.

Seine politische Laufbahn begann schon im Jugendalter, als Kaiser Claudius, ebenfalls ein Regent mit allerlei Psychosen und Manien, seine dritte Ehefrau, Messalina, mit der er den Sohn Britannicus hatte, für eine außereheliche Affäre mit dem Wahlkonsul Silvius bestrafte, indem er diesen umbringen ließ und seine Frau in den Selbstmord trieb. Gehörnte Ehemänner sind manches Mal nachtragend. Messalina wurde im Jahr 49 n. Chr. durch Claudius’ Nichte Agrippina, der Schwester des berüchtigten Kaisers Caligula, Claudius’ Vorgänger, ersetzt. Agrippina war mit ihrer Heirat darauf aus, ihren zwölfjährigen Sohn aus erster Ehe, Nero, der am 15. Dezember 37 n. Chr. in Antium in der Nähe von Rom das Licht der Welt erblickt hatte, auf den römischen Thron zu bringen. Claudius adoptierte Nero denn auch tatsächlich und dieser stand damit nun über seinem jüngeren Adoptivbruder Britannicus. Der Kaiser verstarb im Jahre 54, wodurch sein Adoptivsohn Nero, ein Jahr zuvor auf Claudius’ Anordnung hin mit seiner Adoptivschwester Octavia verheiratet, zum Kaiser ausgerufen wurde.

Die ersten fünf Jahre seiner Herrschaft regierte der blasse, rotblonde Nero, wie es sich für einen artigen Siebzehnjährigen, der auf dem römischen Kaiserthron landet, gebührt: durchaus lernwillig, aber zögerlich, ja, fast sogar etwas ängstlich. Seine Hauptsorge war natürlich, irgendetwas falsch zu machen, das weitreichende Folgen nach sich ziehen könnte – als mächtigster Mann im Land eine durchaus berechtigte und vernünftige Sorge. In diesen ersten Jahren der Unsicherheit standen ihm Männer wie Burrus und Seneca zur Seite, doch auch die konnten Neros allmähliche Wandlung zum Tyrannen (und damit war nicht die Pubertät gemeint) auf dem kaiserlichen Stuhl nicht stoppen und so zogen sie sich nach und nach zurück.

Neros Privatleben war kein einfaches. Er liebte seine Ehefrau Octavia nicht, stürzte sich in zahlreiche Affären und nahm sich unter anderem die freigelassene Sklavin Acte zur Geliebten, die für kurze Zeit auch einen enormen Einfluss auf ihn hatte – sehr zum Leidwesen seiner Mutter Agrippina, die wiederum selbst ihre Machtposition gefährdet sah. Sie versuchte, ihrem Sohn damit zu drohen, den bald volljährigen Britannicus an die Macht zu führen und damit Nero zu stürzen. Ein erpresserischer Plan, der jedoch nach hinten losging, denn Nero dachte gar nicht daran nachzugeben und noch viel weniger daran, seinen Platz zu räumen. Also starb im Jahr 55 n. Chr. der vierzehnjährige Britannicus, bevor er Neros Thronanspruch gefährlich werden konnte, vermutlich infolge eines Giftmords. Doch damit nicht genug: Nero, inzwischen in heftiger Liebe zu Poppaea, Tochter des Quästors Titus Ollius, entbrannt, ordnete auch an, seine Mutter zu ermorden, da diese die Scheidung von Octavia nicht guthieß. Agrippina sollte bei einem inszenierten Bootsunfall ums Leben kommen, doch sie überlebte und schwamm ans rettende Ufer. Als sie dort dem Marineoffizier gegenüberstand, den der Kaiser geschickt hatte, um sie zu töten, soll sie befohlen haben, diesen Leib zu durchbohren, in dem sie ihren eigenen Mörder unter dem Herzen getragen hatte. Auf Pathos verstand man sich im alten Rom.

Von seiner Frau Octavia ließ Nero sich nun wegen ihrer angeblichen Unfruchtbarkeit scheiden. Doch sie war noch nicht aus dem Weg, denn das Volk stand hinter ihr. Also wurde sie von Neros zweiter Frau Poppaea diffamiert; ihr wurde eine Affäre mit einem Sklaven unterstellt. Doch mit dem Rufmord war es noch nicht genug. Schließlich wurde sie erst verbannt und dann ermordet. Der Legende nach soll Nero den Befehl gegeben haben, ihr die Pulsadern aufschneiden und sie in heißem Dampf ersticken zu lassen, um auch wirklich auf Nummer sicher zu gehen. Nero, vom Einfluss seiner Mutter befreit und frei für die Ehe mit seiner Geliebten, hatte sich also nun die schöne Poppaea zur Frau genommen. Und weil man ja auch immer gerne etwas über die römische Dekadenz der damaligen Zeit erfährt: Für ihre Bäder wurde der Erzählung nach Milch von fünfhundert Eselinnen benötigt, womit sie auch eine Kleopatra locker abhängte, bei der es »nur« dreihundert waren. Und der nach eigener Einschätzung so begnadete Sänger und Dichter Nero schrieb zahlreiche Lieder und Hymnen für sie, die er zuweilen natürlich selbst vortrug, während sie badete.

Nach drei Jahren Ehe, in denen die Stimmungsschwankungen und Wutanfälle Neros immer stärker, regelmäßiger und unberechenbarer wurden, trat er eines Tages auf die damals schwangere Poppaea so heftig ein, dass diese mitsamt dem ungeborenen Kind verstarb. Nero verfiel daraufhin in eine Schockstarre und trauerte über Monate, wenngleich sein Schuldbewusstsein ausbaufähig blieb. In jedem Fall wird der Tod Poppaeas als Anfang vom Ende der Zurechnungsfähigkeit Neros angesehen. Als er, noch immer »trauernd«, nämlich einen freigelassenen jungen Sklaven erspähte, von dem er sagte, dass dieser seiner Poppaea wie aus dem Gesicht geschnitten sei, ließ er den armen Jungen unverzüglich kastrieren. Nero soll der schmerzhaften Prozedur selbst beigewohnt und den jungen (entmannten) Mann in einer inoffiziellen Hochzeitszeremonie geheiratet haben. Der Sklave erhielt vom Kaiser den Namen Sporus, also »Samen«. Es wird heute angenommen, dass dieser Name als zynischer Scherz Neros für den Kastraten gemeint war. Doch damit war mit den Ungeheuerlichkeiten in seinem Verhalten noch lange nicht Schluss.

Da Nero von seinen künstlerischen Begabungen, wie bereits erwähnt, sehr überzeugt war, trat er fortan regelmäßig vor eingeschüchtertem oder bezahltem Publikum auf und empfing den tosenden Beifall, den er hören wollte und den er brauchte. Er pflegte seine Stimme mit enormer Akribie, trank unentwegt Honig und Milch, aß in Öl eingelegten Schnittlauch und Zwiebeln, was den Mundgeruch, was man sich denken kann, wenig angenehm machte, und er ließ sich, auf dem Rücken liegend, schwere Bleigewichte auf die Brust legen, womit das Zwerchfell und die Atmung gestärkt werden sollten. Sein Bezug zur Realität soll täglich weniger geworden sein und er war sich mittlerweile sicher, gottähnlich zu sein. Mit einer enormen Verschwendungssucht, die fast ausschließlich seinem Privatvergnügen diente, häufte er Schulden über Schulden an. Und als wäre das nicht genug, ließ er eine riesige Bronzestatue von sich errichten und wollte sich für kurze Zeit auch selbst heiraten, um seine Göttlichkeit zu potenzieren – was ihm selbst natürlich enorm logisch erschien. Als man ihm das ausreden konnte, ehelichte er einen weiteren freigelassenen Sklaven, den Griechen Pythagoras (nicht mit dem im sechsten Jahrhundert v. Chr. auf der Insel Samos geborenen Mathematiker zu verwechseln). Bei der Hochzeitszeremonie trat Nero als Braut in Erscheinung, Pythagoras als Bräutigam. Sueton schreibt dazu: »Seitdem verkehrten nebeneinander her mit Nero Pythagoras als Mann und Sporus als Frau.« Der Kaiser nahm den Kastraten, der bei öffentlichen Anlässen in den Ornat einer Kaiserin gekleidet auftrat, überall hin mit und kümmerte sich nicht um die Kritiker, von denen es verständlicherweise mittlerweile genug gab. Einzig wusste man nicht, wie Nero loszuwerden war.

Am 19. Juli 64 n. Chr. kam es dann zum legendären Brand von Rom, bei dem große Teile der Stadt zerstört und zahlreiche Einwohner getötet wurden. Viele Menschen wollen Nero dabei gesehen haben, wie er den Brand selbst entfachte und dann bejubelte und besang, obwohl er sich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich fünfzig Kilometer entfernt der Hauptstadt aufgehalten hatte. Dass er den Brand beauftragt haben könnte, kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Und es lässt tief blicken, dass seine Zeitgenossen ihm so etwas zutrauten.

Um die unschmeichelhaften Gerüchte zu unterdrücken, fand Nero schnell seinen eigenen Sündenbock für die Katastrophe – Schuldeingeständnisse sind nicht die Stärke von Soziopathen: Die neue jüdische Glaubensgemeinde, Christen genannt, trage die Schuld an dem unseligen Brand, sagte er. Und so verfügte er eine blutige Jagd auf alle Christen Roms, der rund tausend Menschen zum Opfer gefallen sein sollen. Tacitus berichtet hiervon in seinen Annalen. Nero ließ die Christen öffentlich verbrennen oder den wilden Tieren vorwerfen – ein Großteil der Hinrichtungen fand in seinem riesigen Park, unweit der heutigen Peterskirche statt. Einer altkirchlichen Legende nach sollen auch die Apostel Paulus und Petrus unter den Opfern gewesen sein, was von der Überlieferung jedoch nicht bestätigt wird.

Als Nero 66 n. Chr. weiterhin auf den ersehnten Beifall und die Anerkennung als Künstler vom römischen Volk wartete, diese aber ausblieben, brach er zu einer Griechenlandreise auf. Es war seine erste Auslandsreise und sie dauerte nicht weniger als ein Jahr. In dieser Zeit kümmerte er sich nicht im Geringsten um die heimischen Staatsgeschäfte. Um dem griechischen Volk seine Ehrerbietung zu erweisen, nahm er stattdessen aktiv als Kitharaspieler an insgesamt vier panhellenischen Spielen teil, ließ sich feiern und von den bestochenen Schiedsrichtern Preise verleihen. Und schließlich erklärte er, dass Griechenland zukünftig keine Steuern mehr an Rom zahlen müsse, um sich als Wohltäter feiern lassen zu können. Der spätere Kaiser Vespasian hob diese Freiheitserklärung jedoch wieder auf. Dieses Anbiedern an das griechische Volk war schließlich ein fatales Verhängnis für Nero. Der Kaiser war sich ganz sicher, dass das griechische Volk die Ästhetik seiner Musik viel mehr zu schätzen wusste, als es das römische Volk tat, aber sich in der Ferne als Gutmensch zu präsentieren und in der Heimat ein Schreckensregime zu führen – das machte keinen schlanken Fuß. Die Spatzen riefen das schon von den Dächern, einzig Nero hörte es nicht.

In Rom schüttelte man die Köpfe über den Princeps und der Unmut gegen ihn wuchs stetig. Gaius Julius Vindex, römischer Statthalter einer gallischen Provinz, rief offen zum Widerstand auf. Weitere Statthalter folgten und auch Neros Berater sagten sich überwiegend los von ihm. Er versuchte anfangs, den Aufruhr herunterzuspielen, und war sich in seiner egozentrischen Manie nicht im Geringsten der ihm drohenden Gefahr bewusst – er, der Kaiser und großartige Künstler, sei schließlich unfehlbar. In Neros Wahrnehmung standen das ganze römische Volk und sein gesamtes Gefolge geschlossen hinter ihm. Aber das war seine ganz eigene, alternative Wahrheit (ein Phänomen, das wir ja auch aus der jüngsten politischen Vergangenheit kennen …). Tatsächlich war es jedoch anders: Die Provinzstatthalter, die Prätorianer genannte Gardetruppe des Kaisers, und der Senat stellten sich nun geschlossen gegen Nero. In der Nacht des 8. Juni 68 n. Chr. floh er daher mit den wenigen Personen, die ihm noch die Treue hielten, ins Landhaus seines Vertrauten und Finanzchefs Phaon. Von ihm erhielt er auch die Nachricht, dass der Senat ihn zum Staatsfeind erklärt hatte und er nun landesweit gesucht werde, während der frühere Statthalter in Spanien, Lucius Galba, bereits zum neuen Herrscher ausgerufen worden war. Das Urteil, das Nero erwarten würde, wäre, nackt durch Ruten zu Tode gepeitscht zu werden. Zugegeben, keine sehr erbauliche Vorstellung. Nero sah nun keinen Ausweg mehr. Mithilfe seines Sekretärs und im Beisein seiner »Ehefrau« Sporus beging er, schließlich doch die aussichtslose Lage realisierend, am 9. Juni 68 n. Chr. Selbstmord durch Erdolchen.

Es ist aus heutiger Sicht wahrscheinlich, dass Nero unter Schizophrenie gelitten habe dürfte, seine Sprunghaftigkeit und unberechenbare Impulsivität könnten hierfür ein Indiz sein, auch dürfte seine Handlungsfähigkeit durch eine schwere Persönlichkeitsstörung und sexuelle Verwirrung beeinträchtigt gewesen sein. Nero soll, einer Theorie zufolge, die in den letzten Jahren aufkam, an dem sogenannten Hybris-Syndrom, einer eigenen Form der narzisstischen Störung, gelitten haben. Hierbei handelt es sich um eine über die Maßen krankhafte, übersteigerte Form der Selbstüberschätzung, die nicht selten im totalen Realitätsverlust endet – womöglich fühlt sich der eine oder die andere auch hier an ehemalige US-Präsidenten erinnert. Neros übertriebene Selbstinszenierung, seine Herrschsucht, seine Bausucht, seine Verschwendungs- und Vergnügungssucht und seine kompromisslose Gewaltbereitschaft, nicht nur Feinden, nein, auch Wegbegleitern und Anhängern gegenüber, und seine grenzenlose Gier nach Rache, wenn etwa Kritik an seiner Person geübt wurde, unterstützen diese These. Das Hybris-Syndrom wurde vom Psychiater Jonathan Davidson untersucht und dieser sieht darin eine »einzigartige und erworbene Persönlichkeitsstörung, die sich erst entwickelt, wenn eine Person für einen gewissen Zeitraum eine Machtposition einnimmt.« Man vermutet auch, dass Nero unter Enzephalitis, einer Entzündung des Gehirns gelitten haben könnte, die seine von vielen Zeitgenossen erwähnte Undeutlichkeit beim Sprechen und Unsicherheit beim Gehen erklären könnte.

Der Theologe Augustinus von Hippo deutete im Jahre 422 n. Chr. überlieferte Stellen beim Heiligen Paulus dahingehend, dass Nero der Antichrist gewesen und dass die Zahl 666 im Buch der Offenbarung ein Code für den römischen Kaiser sei. Auch diese Art der »Nachrede« führte dazu, dass Nero im Bewusstsein vieler Menschen dämonische und unmenschliche Züge erhielt. Für andere stand er aber nur in einer Reihe zahlreicher geisteskranker und brutaler römischer Imperatoren, von Caligula über Tiberius bis hin zu Bassianus. Mit ihm ging die julisch-claudische Linie römischer Kaiser (unrühmlich) zu Ende.

Johanna von Kastilien Gemälde von Juan de Flandes, um 1500

»In Spanien wird gerade erklärt, dass ich nicht mehr bei Sinnen bin.«Johanna I. von Kastilien (und Léon), Königin

(1479 bis 1555)

»Die Wahnsinnige aus Liebe« – »La Loca d’Amor« – wird die 1479 geborene Johanna auch heute noch im spanischen Volksmund genannt. Die Tochter Isabella von Kastiliens (1451–1504) und rechtmäßige Königin hatte, so jedenfalls verlangte es das Herrscherhaus, das große Erbe ihrer Mutter weiterzuführen – alles andere als eine wünschenswerte Aufgabe und mehr eine Bürde. Als sie am 6. November 1479 in Toledo das Licht der Welt erblickte, waren ihre Eltern, Isabella und Ferdinand II. von Aragon, bereits weltberühmte Herrscher, die schon den Grundstein für das Reich, »in dem nie die Sonne untergeht«, gelegt hatten. Von ihrer Mutter, die tiefreligiös war, wurde Johanna streng und entbehrungsreich erzogen. Wenig Zuckerbrot, dafür viel Peitsche, so könnte man wohl nennen, was die kleine Tochter in den ersten Lebensjahren erfuhr. Der Beichtvater der Mutter war der fanatische Großinquisitor Tomás de Torquemada, der sich voll und ganz der Jagd und Folter Un- oder Andersgläubiger verschrieben hatte. Wahrscheinlich war auch die kleine Johanna bei Hinrichtungen auf öffentlichen Marktplätzen anwesend, und sie war dreizehn Jahre alt, als Kolumbus im Dienste der spanischen Krone den Seeweg von Europa nach Ostasien suchte und dabei, jedes Schulkind weiß es heute, Amerika entdeckte.

All das führte auch dazu, dass Johanna der Religion zeit ihres Lebens mehr als kritisch gegenüberstand und sich nicht nur einmal, sondern vielfach geweigert hatte zu beichten. Ihre Idealvorstellung war es, irgendwann vollkommen frei von irgendwelchem klerikalen Zwang regieren zu können.

Johannas Mutter wiederum war bekannt für ihre Launen und ihre cholerischen Anfälle. Ein Hofmitarbeiter meinte, dass es Tage gäbe, da solle man am besten einen ganz weiten Bogen um die Monarchin machen. Das Verhältnis zur Mutter war demnach vor allem von Angst und beinahe ungesundem Respekt geprägt – und natürlich stellt das etwas mit der Psyche eines jungen Menschen an. Als Johanna in die Pubertät kam und sich der Blick auf das andere Geschlecht langsam veränderte, entschieden sich die Eltern, sie zu verheiraten. Eine pragmatische Hochzeit mit Philipp dem Schönen, Sohn Kaiser Maximilians I. und Marias von Burgund und Flandern. Eine machtpolitisch natürlich überaus sinnvolle Heirat, weil der habsburgische Einfluss in beiden Regionen dadurch gefestigt und der Erzfeind Frankreich weiter geschwächt wurde, allerdings wurde bald klar, dass diese Verbindung unter keinem guten Stern stand. Zu Beginn sahen sich die beiden für lange Zeit überhaupt nicht. Die Ehe wurde im spanischen Valladolid per procurationem vollzogen – das heißt nichts anderes, als dass ein Stellvertreter kam. Ein Gesandter Philipps war statt seiner anwesend und vollzog auch den Sexualakt der ersten Ehenacht nach dem damaligen Gesetz in solchen Fällen, nämlich indem er sein nacktes rechtes Knie unter die Decke steckte, unter der Johanna lag, dann überreichte der Gesandte der jungen Johanna einen Brief Philipps, den dieser mit »Euer Euch heiß liebender Philipp« unterschrieben hatte. Für unsereins wäre ja so eine Art der Heirat und die anschließende Kniegeschichte wahrscheinlich beste Voraussetzung, um gleich danach eine Gesprächstherapie aufsuchen zu müssen. Und auch Johanna stresste die Zeremonie; sie war die Tage danach, wollen wir es einmal unausgeglichen nennen: Sie sprach wenig und wirkte zerfahren.

Am 22. August 1496 stach eine riesige spanische Flotte von hundert Schiffen und über tausend Soldaten und Gefolgsleuten in Richtung Burgund in See. Man wollte, so Königin Isabellas Plan, die französische Krone damit beeindrucken und die Braut zu ihrem Gemahl bringen. Johanna, die das erste Mal eine so weite Strecke reiste, wurde schwer seekrank und die gesamte spanische Armada geriet auch noch in ein furchtbares Unwetter. Dutzende Schiffe sanken und rissen etliche Seefahrer in den Tod. Schließlich kam die von der Reise geschwächte Johanna im Hafen von Antwerpen an und bekam zu hören, dass Philipp gar nicht da sei und erst in gut einem Monat kommen würde. Johanna verstand die Welt nicht mehr. Sie wurde im Kloster von Lier untergebracht, wo sie, bei Dauerregen und kühlem Wetter, über vierzig Tage auf ihren Ehemann wartete und dabei in eine tiefe Depression verfiel. Schließlich, am 12. Oktober 1496, traf Philipp ein und das Brautpaar sah sich zum ersten Mal – und, ja, verliebte sich heftig ineinander. Sofort wurde die Hochzeit nun tatsächlich gefeiert, da Philipp nicht länger warten wollte. Die Frischvermählten zogen sich sogleich in die Klosterzelle zurück und verließen vier Tage das Bett nicht. Die Protokolle, die vorgesehen waren, wurden ignoriert, sehr zum Ärger vieler Würdenträger, die dem jungen Brautpaar animalisches Getue vorwarfen – freilich hinter vorgehaltener Hand.

Bis zum Sommer des Jahres 1498 hörten Isabella und Ferdinand in Spanien kein Sterbenswörtchen von ihrer Tochter und nun machte sich selbst die nicht unbedingt fürsorgliche Mutter Sorgen. Viele Briefe waren unbeantwortet geblieben, das Königspaar konnte nicht wissen, dass der Schwiegersohn dafür sorgte, dass Briefe aus Spanien zunächst ihm vorgelegt wurden und er erst nach eingängiger Prüfung entschied, ob sie Johanna gegeben werden sollten oder nicht. Sie war zu dieser Zeit gerade schwanger, Philipp war selten zu Hause, auch der eine oder andere Seitensprung kam vor und so fühlte sich die junge Spanierin vernachlässigt und einsam. Und was er sich bei Johanna schwangerschaftsbedingt nicht holen konnte, das holte er sich eben woanders. Ein Zeitgenosse schrieb über Philipp: »Nichts erschien ihm besser als hübsche Weibsgesichter. Sie bringen ihn von Bankett zu Bankett und von einer Dame zur nächsten.«

Bereits damals zeigten sich bei Johanna Signale einer Manie. Sie wusch sich nicht, ließ ihr Äußeres verkommen, schlich schwermütig in ihren Zimmern herum. Ihre Mutter Isabella schickte schließlich den Dominikanermönch Tomás de Matienzo nach Flandern, damit dieser nach dem Rechten sah und den Eltern in Spanien über die Ehe, über Johanna und auch über die Geschäfte Philipps Bericht erstattete. Matienzo teilte unverblümt mit, dass Johanna »schwermütig und niedergeschlagen« sei, weil Philipp so selten da und seit der Geburt des ersten Kindes, Eleonore, im November 1498 auch verärgert sei, da er sich einen Jungen, den klassischen Stammhalter, erhofft hatte. Philipp lasse den Ärger an Johanna aus, lasse sie um seine Anwesenheit regelrecht betteln, gehe regelmäßig fremd, nicht nur mit Mätressen, sondern auch mit Prostituierten, und liebe es, über Johanna »wie über eine Dienerin« zu gebieten. Dies alles hatte zur Folge, dass diese mittlerweile unter schweren Depressionen litt: Bereits im Spätsommer 1498 war Isabella, die Schwester Johannas, bei der Geburt ihres Sohnes Miguel da Paz, dem Thronfolger von Portugal, Kastilien und Aragonien verstorben. Johanna nahm ihren Tod zur Kenntnis. Mehr aber auch nicht. Die manischen Depressionen, möglicherweise also ein Indiz für eine bipolare Störung, waren bei Johanna mittlerweile unübersehbar geworden. Ein Priester bemerkte, dass sie so »furchtsam« erscheine, »dass sie nicht einmal den Kopf heben konnte«.

Am 24. Februar 1500 – es ist das Fest des heiligen Mathias in Gent, der Höhepunkt des Karnevals – erschien die erneut hochschwangere Johanna an der Seite Philipps. Sie wollte in erster Linie deshalb kommen, weil ihr Mann ernstlich überlegt hatte, mit seiner Geliebten Susanna von Limburg diesem Fest beizuwohnen. Mitten im Tanz setzten jedoch die Wehen ein, dann geschah alles ganz rasch, und keine dreißig Minuten später war der Thronfolger und als Herrscher über die Maßen einflussreiche Sohn Karl (der spätere Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) geboren.

Zurück in Flandern fühlte sich Johanna keineswegs wohl und das Verhalten Philipps war weiterhin sehr distanziert. Als die junge Johanna eines Tages auf die Mätresse Philipps trifft, greift sie ihre Rivalin mit einer Schere an und schneidet an ihrem Haar herum, als diese sich zu wehren versucht, sticht ihr Johanna ins Gesicht. Ein Chronist schrieb später: »So aufgebracht war die Prinzessin, dass sie wie eine rasende Löwin ihre Feindin aufs Korn nahm und, so wird erzählt, sie verletzte und misshandelte und dann befahl, dass ihr Haar bis auf die Wurzeln geschoren werden sollte.« Daraufhin überschlugen sich die Ereignisse:

Am 20. Juli 1500 starb der spanische Thronfolger, Isabellas Enkel Miguel und Johannas Neffe, nicht einmal zweijährig, wodurch Johanna plötzlich rechtmäßige Erbin des Königreiches von Kastilien und Aragon wurde, zu dem mittlerweile auch die spanischen Überseegebiete zählten. Isabella wollte ihre Tochter und ihren verbliebenen Enkel Karl also so rasch wie möglich in Spanien wissen, das aber passte Philipp wiederum gar nicht, da dieser ganz andere Pläne hatte. Er wollte Karl mit der zweijährigen Tochter Ludwigs XII. von Frankreich, Claude, vermählen lassen, um das Näheverhältnis Burgunds zur französischen Krone noch weiter zu festigen. Die Folge dieses Interessenkonflikts war ein Zerwürfnis des Ehepaars, dennoch schwängerte Philipp in einem Wolllustanfall und unter beträchtlichem Alkoholeinfluss Johanna ein drittes Mal, sodass sie erst einmal nicht nach Spanien zu ihren Eltern reiste. Am 18. Juli 1501 kam, Johannas Mutter zu Ehren, Töchterchen Isabella zur Welt. Philipp willigte schließlich ein, mit nach Spanien zu kommen, allerdings ohne die Kinder, in erster Linie aus machtpolitischem Kalkül. Über alle Geschehnisse am spanischen Hof, und seien sie auch noch so trivial, wollte er Bescheid wissen. Man könnte glatt von bedeutendem Gossip sprechen, den er zu erfahren wünschte.

Im Oktober 1501 brach man mit riesigem Aufwand und über hundert Gepäckkarren auf, machte noch einen kurzen Zwischenstopp am französischen Königshof. Im Januar 1502, nachdem man in Sänften die Pyrenäen überquert hatte, kam man in Spanien an, wo Philipp an den Masern erkrankte, weswegen das Königspaar mitsamt ganzer Gefolgschaft in einem kleinen spanischen Dörfchen Halt machen musste. Am 9. Mai 1502 erreichten sie schließlich Toledo, wo sie von Ferdinand und Isabella in Empfang genommen wurden. Rasch wurde klar, dass Philipp sich gar nicht wohlfühlte im Heimatland seiner Frau. Er lehnte die Sprache, das Essen, die Menschen ab und wollte möglichst schnell wieder weg. Johanna war zu diesem Zeitpunkt schon wieder schwanger – im März 1503 wurde Ferdinand, der später seinen Bruder Karl beerben sollte, geboren. Isabella lehnte es aufgrund der Schwangerschaft ab, dass ihre Tochter Philipp, der äußerst wichtige Staatsgeschäfte als dringenden Abreisegrund angab (also vorschob), nach Flandern zurückbegleiten würde, nicht, bevor das Kind geboren war.

Mitte Dezember verließ Philipp Spanien also ohne seine Frau. Was er in der Folge versuchte, grenzt im Nachhinein an blanken Übermut. Er reiste nicht nach Flandern, sondern nach Frankreich und weiter zu Maximilian I. nach Innsbruck, wo er vorlaut ein Bündnis zwischen Spanien und Frankreich absegnete – eine Bevollmächtigung, zu der er gar keine Befugnis hatte und die das Königspaar am spanischen Hof zur Weißglut brachte. Johanna zog sich indes wieder einmal zurück, erlitt wohl einen neuerlichen heftigen depressiven Schub. Wir wissen, dass Geisteskrankheiten und psychische Auffälligkeiten in den Herrschaftshäusern der Habsburger und spanischen Bourbonen immer wieder aufgetreten sind. Johannas Urenkel, Don Carlos etwa, wurde aufgrund seiner Geistesschwäche vom eigenen Vater »weggesperrt« – eine Parallele zu Johannas Leben, dazu weiter unten mehr.

Doch zurück nach Kastilien. Im Mai 1504 reiste Johanna schließlich, nachdem ein Brief Philipps aus Flandern kam, sie möge möglichst schnell zurückkommen, aus Spanien ab. Sie verließ ihr Geburtsland mit Skrupeln, da ihre Mutter Isabella schwer erkrankt war und der Einfluss ihres Vaters Ferdinand allmählich wuchs und sich abzeichnete, dass er seiner Tochter den Thron von Kastilien nicht kampflos überlassen würde. Als Johanna in Brüssel ankam, kam es zu einem Ereignis, das große Kreise nach sich ziehen sollte. Sie erwischte Philipp in flagranti mit einer jungen blonden, nicht unattraktiven Frau. Ohne zu zögern stürzte sich Johanna wild vor Rage auf die Rivalin, schnitt ihr die Zöpfe ab und verunstaltete ihr Gesicht durch massive und sehr heftige Schläge. Philipp, der dazwischen ging, schlug wiederum auf seine Frau so heftig ein, dass diese daraufhin mehrere Tage das Bett hüten musste. Und so machte das Gerücht um den wachsenden Wahnsinn Johannas die Runde und Philipp beauftragte Vertraute, genau über den Geisteszustand seiner Frau Buch zu führen. Die Protokolle und Aufzeichnungen sandte er auch nach Spanien. Johanna, die mittlerweile krankhaft eifersüchtig war, entließ sämtliche junge Frauen und Mädchen vom königlichen Hof, doch Philipp kompensierte seine Lust, indem er in der Stadt ausschweifende Orgien mit Prostituierten feierte.

Am 26. November 1504 verstarb Königin Isabella und das Testament machte Johanna zur rechtmäßigen Königin von Kastilien. Für den Fall der Abwesenheit oder Unfähigkeit der neuen Königin sollte ihr Vater Ferdinand als König von León, also Nordspanien, die Regierungsgeschäfte übernehmen, bis Enkel Karl, der Thronfolger, das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben würde. Philipp wurde mit keiner Silbe im Testament erwähnt. Ein Umstand, der ihn maßlos störte, und weil eine zerrüttete Ehe nicht sinnvoll gewesen wäre, wenn er weiterhin Ambitionen auf den Thron von Aragón und Kastilien haben wollte, arrangierte er sich wieder mit Johanna und zog auch wieder in ihr Schlafzimmer ein, natürlich versprach er leutselig Besserung, was seine Treue anging.

Allerdings waren dies nichts weiter als Lippenbekenntnisse. Philipp ließ viel lieber seine Frau genau beobachten und sich regelmäßig über »Auffälligkeiten« berichten, die an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen könnten. Am 3. Mai 1505 schrieb Johanna bemitleidenswert: »In Spanien wird gerade erklärt, dass ich nicht mehr bei Sinnen bin … ich weiß, dass der König, mein Herr und Gemahl, nach Spanien schrieb und sich in irgendeiner Weise über mich beklagte, um sich selbst zu rechtfertigen. Aber jene Angelegenheit sollte nicht über uns Eltern und Kinder hinausgehen … der einzige Grund war Eifersucht.« Johanna wollte ihrem Ehemann dennoch vergeben, immerhin war sie erneut schwanger. Im September 1505 wurde nun das fünfte Kind, Tochter Maria, spätere Königin von Ungarn und Böhmen und ähnlich depressiv wie ihre Mutter, geboren.

Johannas Vater Ferdinand heiratete zwischenzeitlich nur wenige Monate nach Isabellas Tod, fünfzigjährig, die achtzehnjährige Cousine Ludwigs XII. von Frankreich, Germaine de Foix. Ein Thronfolger, den er zu zeugen beabsichtigte, würde in der Erbreihenfolge Johanna und Philipp überholen, dies unterstrich einmal mehr Ferdinands Machtbesessenheit. 1509 wurde tatsächlich Juan, sein Sohn, geboren, allerdings verstarb er bereits nach wenigen Stunden, außerdem war zu diesem Zeitpunkt das Schicksal Johannas längst besiegelt.

Philipp beschloss bereits drei Jahre zuvor, nach Spanien zu reisen, um seine Ansprüche und jene seiner Gemahlin zu vertreten. Johanna war zwar dabei, überließ Philipp aber alle Entscheidungen. Als das Ehepaar ankam, herrschte akute Bürgerkriegsgefahr, so rivalisierend standen sich die zwei Lager hinter Johanna und ihrem Vater mittlerweile gegenüber. Am 27. Juni 1506 unterschrieben Philipp und Ferdinand in Villa Fafila eine nach außen hin freundschaftliche Einigung, durch die sie die erbeutete Macht, also jene, die eigentlich der Tochter, beziehungsweise Ehefrau zugestanden hätte unter sich aufteilten und auch erklärten, dass Johanna unfähig zum Regieren sei.

Johanna forderte in ihrem verwirrten Zustand jedoch weiterhin ein, über das Königreich ihrer Mutter zu herrschen. Und mehr noch. Sie meinte: »Denn ich fordere ja nicht nur eine Stadt, ein Land, eine Kolonie oder eine Insel, sondern die komplette Neuordnung des altbekannten Verhältnisses zwischen Mann und Frau. Ich fordere die halbe Welt.« Eine bemerkenswerte Äußerung, was sie genau damit meinte, bleibt jedoch leider unklar. Aber ihre Worte verhallten sowieso. Man hatte aufgehört, sie auch nur im Entferntesten ernst zu nehmen.

Indes wurde, wie schon erwähnt, Philipp zugetragen, dass Ferdinand an einem eigenen Thronfolger »bastelte«, mit dessen Geburt der Vertrag natürlich ungültig wäre. Dieser Plan von Ferdinand ließ Philipp Verbündete bei Klerus und Adel suchen, um einen militärischen Kampf gegen seinen Schwiegervater auch bestehen zu können. Bei beiden rivalisierenden Männern bestand trotz allem jedoch immer noch Einigkeit darin, dass man Johanna nicht zur Macht verhelfen wollte. Zu dieser Zeit kursierten außerdem Gerüchte, es sei ein Anschlag auf Philipps Leben geplant – Feinde hatte er ja en masse, allen voran Ferdinand – und sein Utrechter Gesandter in Rom schrieb in einem Brief an ihn: »Es gibt keinen Fürsten auf der Welt, der mehr gefährdet ist als Ihr.«

Wenige Wochen, nachdem Philipp sich für einen Bürgerkrieg rüstete, 10 000 Mann im Landesinneren Kastiliens positionierte und alle Vereinbarungen mit Ferdinand, weil er mittlerweile wusste, dass der sich um einen Thronfolger bemühte, für null und nichtig erklärt hatte, bekam er, nach einem Inspektionsbesuch in Burgos, plötzlich hohes Fieber, heftige Schweißausbrüche, Pusteln am ganzen Körper. Am 25. September 1506 verstarb er nach kurzer Krankheit an den Pocken oder den Masern – das bleibt ungeklärt – erst 28-jährig, ohne Schwiegervater und Ehefrau aus dem Weg geräumt und sich selbst als Alleinherrscher auf den kastilischen Thron gesetzt zu haben. Johanna war währenddessen gerade das sechste Mal schwanger. Tochter Katharina, geboren am 14. Januar 1507 wurde später Königin von Portugal. Ferdinand hatte sich gerade in Italien aufgehalten, als er vom Tod Philipps erfuhr und darüber alles andere als unglücklich reagierte.

Der Tod Philipps, eines Opportunisten vor dem Herrn, war die Zäsur für Johanna und ihren Geisteszustand. Sie verfiel in vollkommene Apathie, dann, einige Wochen nach dem Tod ihres Mannes, am 20. Dezember 1506, begab sie sich nach Miraflores, um das Grabgewölbe aufzusuchen, in dem ihr Mann begraben war. Sie verlangte, das Grab zu öffnen, um, wie sie sagte, sicherzugehen, dass der Leichnam nicht schon gestohlen sei. Als die anwesenden Mönche die Graböffnung verweigerten, begann sie, zu kreischen, zu toben, wild um sich zu schlagen. Der Bischof wurde gerufen, um die Königin zu beruhigen, was nicht gelang. Sie warf sich auf den Boden, schrie, wälzte sich, sodass der Bischof doch einlenkte, auch, weil er eine Frühgeburt verhindern wollte (Johanna war noch mit Katharina schwanger), und er ließ den Sarg öffnen. Johanna beruhigte sich und soll, glaubt man den Überlieferungen, den Leichnam innig geküsst haben. Sie beschloss, den Sarg mit dem Leichnam nach Torquemada, einem etwa sechzig Kilometer entfernten Örtchen, mitzunehmen, wo sie vorhatte zu entbinden. Gesagt, getan. Der Sarg wurde von vier Pferden, die sich nur im Schritttempo bewegen durften, gezogen. Den Trauerzug komplettierten, neben Johanna, einige Mönche und Adelige. In der Nacht leuchteten die Mönche mit Fackeln, untertags wurde der Sarg von Soldaten bewacht. Und weil man sich nur mit Schritttempo fortbewegte, benötigte man einige Tage, um in dem Dörfchen anzukommen, wo sie wenig später ihre Tochter gebar. Der Adel war sich unterdessen ob dieser Aktion einig: Die Königin hatte vollkommen den Verstand verloren!