Slow Burn - Eine einzige Berührung - Maya Banks - E-Book
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Maya Banks

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Beschreibung

Er ist ihre Zuflucht. Sie sein Herz. Für immer.

Spezial-Agent Isaac Washington hat schon viel gesehen. Die engelhafte, blutüberströmte Frau, die sein Auto stehlen will, bringt ihn dennoch gehörig aus der Fassung und weckt sofort seinen Beschützerinstinkt. Bevor er jedoch irgendetwas tun kann, wird er aus dem Hinterhalt angeschossen. Ohne zu zögern, rettet ihm die Fremde das Leben und verschwindet dann. Isaac hat fortan nur noch ein Ziel: Er muss seine Retterin finden und vor ihren Verfolgern beschützen.

"Eine Must-Read-Autorin! Ihre Romane sind voller gefühlvoller Momente, liebenswerter Charaktere und mitreißender Plots!" Romance Junkies

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Seitenzahl: 528

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Inhalt

TitelZu diesem Buch1234567891011121314151617181920212223242526272829303132EpilogDie Autorin Maya Banks bei LYXImpressum

MAYA BANKS

Slow Burn

EINEEINZIGE BERÜHRUNG

Roman

Ins Deutsche übertragen vonRalph Sander

Zu diesem Buch

Special Agent Isaac Washington hat in seiner Zeit bei der Deveraux Security schon viel gesehen. Die engelhafte, blutüberströmte Frau, die sein Auto stehlen will, bringt ihn jedoch gehörig aus der Fassung. Die Angst, die aus ihren großen blauen Augen spricht, weckt sofort seinen Beschützerinstinkt. Doch bevor er auch nur ein Wort äußern kann, wird er aus dem Hinterhalt angeschossen. Ohne zu zögern, rettet ihm die Fremde das Leben und verschwindet dann mit seinem Wagen. Isaac gelingt es jedoch, sie aufzuspüren. Jenna wurde jahrelang von einer Sekte gefangen gehalten und ist nun auf der Flucht. Während sie gemeinsam versuchen, ihren Häschern zu entkommen, entbrennt zwischen ihnen eine tiefe Leidenschaft, und Isaac weiß, dass er sein Leben opfern würde, um Jenna vor weiterem Leid zu bewahren.

1

Sie rannte durch den Wald, vorbei an alten, knorrigen Bäumen, und die Angst ließ sie nur angestrengt nach Luft schnappen, während sie versuchte, den kostbaren Sauerstoff einzuatmen. Wieder wurde sie von einem Zweig schmerzhaft im Gesicht getroffen, sodass sie reflexartig schützend beide Hände hochriss und vor dem gesenkten Kopf kreuzte, da sie in der pechschwarzen Nacht nichts sehen konnte. Denn immer wieder verdeckten dichte Wolken den Halbmond, sodass sie völlig blind durch den Wald hetzte.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand ihr Fehlen bemerkte, und dann würde man nicht erst noch eine Stunde bis Sonnenaufgang warten, ehe man die Hunde laufen ließ, um sie aufzuspüren. Die hatten alle Vorteile auf ihrer Seite, und sie hatte dem nichts entgegenzusetzen.

Plötzlich blieb sie an einer freiliegenden Wurzel hängen und landete mit dem Gesicht voran auf dem Waldboden. Alle Luft wurde ihr brutal aus der Lunge gepresst, sodass sie keuchend versuchte, wieder zu Atem zu kommen, während ihr Tränen in den Augen brannten. Entschlossen biss sie die Zähne zusammen, kam hoch und lief weiter. Dabei ignorierte sie die fast lähmenden Schmerzen, die ihren ganzen Körper erfasst hatten.

Man würde sie finden. Man würde keine Ruhe geben, bis man sie wieder geschnappt hatte. Sie durfte nicht anhalten. Sie durfte nicht aufgeben. Lieber würde sie sterben, ehe sie dahin zurückging.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie in weiter Ferne einen Kojoten heulen hörte. Abrupt blieb sie stehen, als sie zwei weitere Tiere hörte, die beide viel näher waren als der erste. Das Winseln und Bellen des Rudels, das in ein langgezogenes, unheimliches Heulen überging, jagte ihr einen Schauer über den Rücken, sodass sie nicht mehr nur vor Kälte, sondern auch vor Angst zitterte.

Sie waren irgendwo vor ihr und stellten das einzige Hindernis auf dem Weg aus dem Wald ins weite, flache Land dar, welches ihr die Freiheit verhieß. Vielleicht die Freiheit verhieß. Doch dann wurde ihr bewusst, dass die Spürhunde vielleicht nicht gewillt wären, sie weiter zu verfolgen, wenn die Kojoten in ihrer Nähe waren.

Ihre Chance zu entkommen würde in der Nähe des Rudels um ein Vielfaches höher sein, und was sie dort auch erwartete, war immer noch ein milderes Schicksal als das, was sie ertragen musste, wenn man sie zurück in die Anlage brachte. Im Osten wurde der Himmel zwar schon ein wenig heller, doch das genügte noch lange nicht, um den Weg sicheren Fußes zu bewältigen. Aber sie wusste, sie musste um jeden Preis weiterlaufen, also stürmte sie rücksichtslos voran und drückte dichte Büsche zur Seite, um sich einen Weg durch die geschlossene Vegetation zu bahnen.

In ihren bloßen Füßen hatte sie längst kein Gefühl mehr. Die Kälte und zahllose Kratzer und Schnittwunden hatten sie taub werden lassen, wofür sie sogar dankbar war. Sie wusste, wenn erst das Gefühl in ihre Füße zurückkehrte, würde sie vor Schmerzen hilflos sein.

Wie weit noch? Sie hatte sich die Landkarten genau angesehen, für die sie sich in die verbotenen Bereiche der Anlage gewagt und dabei der Gefahr ausgesetzt hatte, entdeckt zu werden. Sie wusste, in nördlicher Richtung war der Weg durch den dichten Wald rings um die Anlage am kürzesten. Sie hatte sich die Strecke genau eingeprägt und war am nördlichen Rand der Anlage nach Norden gerannt.

Aber wenn sie nun nicht geradeaus gelaufen war, sondern bloß im Kreis? Ein Schluchzer wollte über ihre blutverschmierten Lippen kommen, doch sie hielt ihn zurück, indem sie sich selbst absichtlich Schmerzen zufügte und die Zähne fest in die Unterlippe bohrte.

Dann nahm sie ein anderes Geräusch wahr, das sie erneut vor Schreck erstarren ließ. Panik überkam sie und machte es ihr unmöglich, sich zu rühren. Hunde. Noch weit entfernt, doch das Bellen war unverkennbar. Sie kannte es nur zu gut. Bluthunde. Bestimmt hatte sie bei ihrer Flucht durch den Wald überall Spuren von ihrem Blut hinterlassen und damit eine Fährte gelegt, der die Hunde mit Leichtigkeit folgen konnten.

Schluchzend setzte sie sich wieder in Bewegung und rannte jetzt noch panischer weiter. Sie sprang über Baumstümpfe und abgebrochene Äste und stürzte dabei mehrmals. Doch Verzweiflung und die Aussicht auf ein Leben voller Kummer und Elend trieben sie voran.

Ein Muskelkrampf befiel ihren Oberschenkel, sie schnappte angestrengt nach Luft, ignorierte aber die Schmerzen. Dann kam der nächste Krampf am Rücken. O Gott! Sie presste die Hand in die Seite, um den angespannten Muskel zu drücken und zu massieren. Dabei legte sie den Kopf in den Nacken und richtete das tränenüberströmte Gesicht hinauf zum Himmel.

Bitte, hilf mir, Gott. Ich will nicht glauben, dass ich das widerwärtige Wesen sein soll, als das sie mich bezeichnet haben. Und ich lasse mich nicht für etwas bestrafen, was ich gar nicht entscheiden konnte. Diese Leute vollbringen nicht dein Werk. Ich kann und will das nicht glauben. Bitte, hab Erbarmen mit mir und schenk mir deine Gnade.

Die Hunde schienen noch näher gekommen zu sein, während sie von den Kojoten keinen Laut mehr hörte. Vielleicht hatte das Gebell sie vertrieben, weil sie annehmen mussten, dass ihr eine ganze Meute auf den Fersen war. Ein weiterer Krampf ließ sie um ein Haar in die Knie gehen, und ihr wurde klar, dass sie bald nicht mehr in der Lage sein würde zu rennen.

»Warum, Gott?«, flüsterte sie. »Welche Sünde habe ich begangen?«

Dann brach sie durch die letzten Büsche und war einen Moment lang vor Schreck ganz starr, als sich ihr mit einem Mal keine Hindernisse mehr in den Weg stellten. Das kam so plötzlich, dass sie stolperte und wieder lang hinschlug … auf einen Schotterweg?

Sie legte die Hände flach auf den Boden und bohrte die Fingerspitzen in Erde und Kies. Blut tropfte auf den Boden und wurde gierig aufgesaugt, weshalb sie sich mit dem Ärmel ihres ramponierten Kapuzenpullis über Mund und Nase fuhr.

Vor Erleichterung wurde ihr fast schwindlig. Sie hatte es geschafft!

Dann sprang sie auf und wies sich selbst zurecht. Sie hatte noch gar nichts geschafft. Sie hatte lediglich den Wald hinter sich gelassen und war jetzt noch viel leichter auszumachen. Aber zumindest wusste sie jetzt, welche Richtung sie einschlagen musste.

Zumindest hoffte sie das.

Sie eilte den Weg entlang und wich aber rasch auf den Streifen am Straßenrand aus, als der Schotter sich zu sehr in ihre empfindlichen Fußsohlen bohrte. Der mit Gras bewachsene Streifen war zwar nicht viel besser, aber zumindest hinterließ sie da keine sichtbare Blutspur wie auf der Straße.

Und dann traf sie fast der Schlag, als sie in vielleicht hundert Metern Entfernung etwas entdeckte, das wie eine kleine Tankstelle mit einem Obststand aussah. Sie lief schneller und sah immer wieder über die Schulter, denn sie fürchtete, die Hunde könnten ihr auf den Fersen sein.

Und – schlimmer noch – die Ältesten.

Doch nichts und niemand war zu sehen, als sie weiter in Richtung Tankstelle rannte, ohne zu wissen, was sie eigentlich tun sollte, wenn sie dort ankam. Über die moderne Welt hier draußen wusste sie nur wenig, abgesehen von dem, was sie mitbekommen hatte, wenn es ihr gelungen war, einen heimlichen Blick in Bücher, Magazine oder Tageszeitungen zu erhaschen. Alles hatte so sonderbar und beängstigend gewirkt, so gigantisch, dass es ihre kühnsten Vorstellungen übertraf. Dennoch hatte sie sich als Vorbereitung auf diesen Tag mit so viel Wissen wie nur möglich bewaffnet.

Es war eigentlich ihre Freiheit, auf die sie sich vorbereitet hatte.

Als sie bei der Tankstelle ankam, bemerkte sie davor einen alten Lastwagen, dessen Ladefläche vollständig mit einer Plane bedeckt wurde. Sie sah nach links und rechts, dann wieder zur Tankstelle, während sie überlegte, welche Möglichkeiten ihr zur Verfügung standen.

Dann hörte sie auf einmal Stimmen.

Sofort ging sie hinter dem Lastwagen in die Hocke, das Herz schlug ihr bis zum Hals und jeder schmerzhafte Atemzug wurde von einem pfeifenden Keuchen begleitet.

»Ich muss die Ware zu unserem Stand nach Houston bringen. Ich schätze, heute Nachmittag um zwei bin ich wieder zurück. Brauchst du was aus der Stadt, Roy?«

»Heute nicht, Carl. Aber pass auf dich auf. Ich habe gehört, dass der Berufsverkehr heute Morgen besonders übel sein soll. Da war von einem Stau auf der 610 die Rede.«

»Ich halte die Augen offen. Pass du aber auch auf dich auf. Bis später.«

Sofort stand ihre Entscheidung fest. Sie hob die Plane an, sah die offene Klappe der Ladefläche und stellte erfreut fest, dass zwischen den Kisten mit Obst und Gemüse gerade genug Platz war, um sich dazwischen zu zwängen. So leise und so schnell wie nur möglich kletterte sie auf die Ladefläche, wobei ihr Körper bei jeder Bewegung mit stechenden Schmerzen reagierte. Sie zog die Plane wieder herunter und hoffte, dass sie nun wieder so aussah wie in dem Moment, bevor sie sie hochgehoben hatte. Dann robbte sie so weit wie möglich nach vorn, um nicht während der Fahrt herauszufallen.

Der ältere Mann wollte in die Stadt fahren. Die Vorstellung versetzte sie in Panik. Der bloße Gedanke, von einer so großen Stadt wie Houston regelrecht geschluckt zu werden, lähmte sie förmlich. Aber es würde auch zu ihrem Vorteil sein.

Die Ältesten würden in einer Stadt, in der das Leben pulsierte, viel mehr Mühe haben, sie ausfindig zu machen. Ganz zu schweigen davon, dass sie sie wohl kaum am helllichten Tag entführen würden. Hier dagegen – in der abgeschiedenen ländlichen Gegend nördlich von Houston – würde beides für sie kein Problem sein, wenn sie sich noch länger hier aufhielt.

Gebannt hielt sie den Atem an, als der Wagen leicht schaukelte, während der Fahrer einstieg und die Tür zuwarf. Dann wurde der Motor angelassen, und der kleine Laster fuhr rückwärts. Sie presste die Faust gegen die geschwollenen Lippen und biss auf ihren Knöchel, als das Fahrzeug abrupt zum Stehen kam. Aber nicht einmal eine Sekunde später setzte er sich wieder in Bewegung, und dann merkte sie, dass sie auf dem Schotterweg fuhren.

Danke, Gott. Danke, dass du mich nicht vergessen hast. Danke, dass du mich wissen lässt, dass ich nicht das bin, als was sie mich bezeichnen, und dass du nicht der rachsüchtige Gott bist, als den sie dich beschrieben haben.

2

Isaac Washington nahm den Kaffee und die beiden Bagels und verließ das kleine Einkaufszentrum, das nur ein paar Blocks von den Räumen des Devereaux Sicherheitsdienstes entfernt lag. Da der Coffeeshop samt Bäckerei keiner Kette angehörte, so beliebt war und in Houston gerade der morgendliche Berufsverkehr herrschte, hatte er seinen Wagen auf dem weitläufigen Parkplatz auf der anderen Seite des Highway’ abstellen müssen.

Zum Glück war Winter – oder zumindest das, was für Houstoner Wetterverhältnisse als Winter galt. So schwitzte er sich auf dem langen Weg zurück zu seinem Wagen wenigstens nicht zu Tode. Tatsächlich konnte man die Luft sogar schon fast als frostig bezeichnen, was der in der letzten Nacht aufgezogenen Kaltfront zu verdanken war. Es war eine angenehme Abwechslung, nachdem die Stadt den ganzen Sommer und Herbst hindurch unter der drückenden Hitze gelitten hatte.

Er hatte seinen SUV fast erreicht, als er bemerkte, dass die Fahrertür offen stand. Verdammt noch mal! Ständig vergaß er, den Wagen abzuschließen, und allzu oft hatte er auch schon den Schlüssel stecken lassen, wenn er nur mal kurz anhielt, um irgendeine Besorgung zu erledigen.

Er warf den Kaffeebecher und die Tüte mit den Bagels zur Seite, zog seine Waffe und ging geduckt zwischen zwei Wagen hindurch, um sich seinem SUV zu nähern. Schritt für Schritt umrundete er die anderen Fahrzeuge, bis er beim letzten anlangte. Er kam hinter dem Heck hervor, um den Kerl von hinten zu überraschen, der doch tatsächlich gerade versuchte, seinen SUV zu kapern. Er wollte den Dreckskerl so stellen, dass der die offene Wagentür im Rücken hatte und in die schussbereite Pistole sehen musste.

Vorsichtig richtete er sich gerade weit genug auf, um einen ungehinderten Blick auf den Dieb zu werfen. Er stutzte, als er die schmale Gestalt erblickte, die einen löcherigen Pulli mit Kapuze trug. Die Jeans sah nicht viel besser aus, aber vom Kopf war nichts zu erkennen, weil die Kapuze hochgezogen war. Nach Größe und Statur zu urteilen, konnte es nur ein Teenager sein, der mit dem Wagen eine Spritztour unternehmen wollte.

Aber wer der Typ auch sein mochte, er hatte auf jeden Fall keine Ahnung von Autodiebstahl. Er vergewisserte sich noch nicht einmal ab und zu, ob sich der Besitzer oder sonst jemand näherte. Als er einsteigen wollte, wusste Isaac, dass er nicht länger warten durfte. Er konnte nur hoffen, dass der Typ nicht sofort das Feuer auf ihn eröffnete.

»Keine Bewegung, Freundchen«, rief Isaac, kam näher und hielt dabei die Waffe weiter auf den Rücken des Jungen gerichtet.

Der erstarrte mitten in der Bewegung und drehte sich langsam zu Isaac um. Ihm verschlug es den Atem, als er endlich das Gesicht des »Jungen« sah, der ihm den Wagen hatte stehlen wollen.

Denn der »Junge« war eine junge Frau, die ihn mit vor Angst weit aufgerissenen Augen anstarrte. Sie war so kreidebleich, dass die geschwollenen Bereiche rund um Nase und Mund umso deutlicher hervortraten. Trotz ihrer Kleidung und ihrer körperlichen Verfassung kam ihm nur noch ein Gedanke in den Sinn. Er meinte, einen Engel vor sich zu haben.

Ein paar hellblonde Strähnen lugten unter der Kapuze hervor und umrahmten ein zartes Gesicht, das abgesehen von den blutigen Stellen einen makellosen Teint wie Porzellan aufwies. Als sein Blick über die zerfetzte Kleidung nach unten wanderte, fiel ihm auf, dass sie nicht einmal Schuhe trug. Es herrschte zwar kein Bodenfrost, aber für die Wetterverhältnisse war sie viel zu dünn angezogen und dann auch noch barfuß!

»Bitte, tun Sie mir nichts«, flüsterte sie mit bebenden Lippen.

Sie zitterte am ganzen Leib und hielt die Hände flehend hoch. Seine anfängliche Verärgerung darüber, dass jemand seinen Wagen hatte stehlen wollen, war mit einem Mal verflogen und machte dem intensiven Gefühl Platz, diese Frau beschützen zu wollen. Außerdem regte sich Wut in ihm, die demjenigen galt, der einer so zierlichen und unschuldig dreinschauenden Frau etwas antun wollte.

»Wie heißen Sie?«, fragte er mit leiser Stimme, während er die Waffe sinken ließ und zurück ins Halfter schob.

Entsetzen flackerte in ihren kristallklaren blauen Augen auf. Noch nie hatte er einen Menschen mit Augen in diesem ungewöhnlichen Blauton gesehen. Zusammen mit dem seidig blonden Haar und der zarten, hellen Haut verstärkte dies bei ihm den Eindruck, das Abbild eines Engels vor sich zu haben.

»D-das k-kann ich Ihnen n-nicht sa-sagen«, stammelte sie.

Er sah sie mit sanfter Miene an. »Stecken Sie in Schwierigkeiten? Ich kann Ihnen helfen. Es gehört zu meinem Job, Menschen zu helfen, die in Schwierigkeiten stecken.«

Nachdrücklich schüttelte sie den Kopf. »Bitte, lassen Sie mich einfach gehen. Es tut mir leid wegen …« Sie verstummte und deutete mit einer fahrigen Geste auf seinen Wagen. »Ich wusste nur nicht, was ich sonst machen sollte.«

»Honey, ich glaube, Sie haben sich noch nicht im Spiegel gesehen«, gab er sanft zurück. »Sie haben Prellungen und Platzwunden, und für dieses Wetter sind Sie alles andere als richtig angezogen. Sie tragen ja nicht mal Schuhe.«

»Ich muss weg«, flüsterte sie. »Ich muss unbedingt weg.«

Isaac machte einen Schritt auf sie zu, da er spürte, dass sie kurz davorstand, die Flucht zu ergreifen. Er wusste selbst nicht recht, warum es ihm so wichtig war, sie nicht einfach gehen zu lassen. Aber könnte er überhaupt jemanden gehen lassen, der sich in einer körperlich so erbärmlichen Verfassung wie diese rätselhafte Frau befand?

Sie wich zurück und schien sich förmlich in sich selbst zu verkriechen – eine Schutzmaßnahme, die wahrscheinlich instinktiv und ganz ohne bewusstes Zutun ablief. Er spürte, wie sich seine Miene bei dem Gedanken verfinsterte, dass die Frau das Gefühl hatte, sie müsste sich vor einem Fremden fürchten. Andererseits konnte er sich auch in ihre Situation hineinversetzen. Sie hatten einander nicht gerade unter optimalen Umständen kennengelernt, schließlich hatte er gleich mit seiner Pistole auf sie gezielt.

»Kommen Sie, ich kaufe Ihnen was zu essen. Ich bin zwar gerade im Coffeeshop in der Mall da drüben gewesen, aber als ich sah, dass die Wagentür offensteht, habe ich meinen Kaffee und die Bagels irgendwo dahinten zurückgelassen. Ich glaube, Sie könnten was zum Aufwärmen gebrauchen.«

Er bemerkte den sehnsüchtigen Ausdruck in ihren Augen, als er von Essen und Kaffee redete. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie dünn die Frau tatsächlich war. Die schwarzen Ränder unter den Augen deuteten nicht nur auf zu wenig Schlaf hin, sondern auch auf einen Mangel an Nahrung.

Verdammt noch mal, sie wies alle Anzeichen eines Opfers häuslicher Gewalt auf. War ihr Freund dafür verantwortlich? Ihr Ehemann? Vielleicht war es gar ihr Vater. Sie wirkte jung genug, um noch ein Teenager zu sein. Nur ihre Augen ließen sie älter erscheinen. Augen, die zu viel gesehen hatten, sodass sie vorzeitig erwachsen geworden war, weil das Leben sie auf die harte Tour hatte lernen lassen, wie viel Kummer es in der Welt gab.

»Ich schwöre Ihnen, ich werde Ihnen nichts tun«, redete er so beschwichtigend auf sie ein, wie man es mit einem wilden Tier tat, damit es nicht in Panik geriet. »Ich werde ganz sicher nicht die Polizei rufen, und ich werde Sie auch nicht wegen Autodiebstahls anzeigen.«

Als er das Wort Polizei aussprach, wurde sie noch etwas bleicher, und er bereute sofort seine unbedachten Worte.

Sie setzte zu einer Erwiderung an, doch in dem Moment hörte Isaac schon das allzu vertraute Sirren einer Kugel, die auf sie abgefeuert worden war. In der nächsten Sekunde bohrte sich das Geschoss in den Reifen des Wagens gleich neben ihnen, während der Nachhall etwas länger brauchte und aus einiger Entfernung zu kommen schien.

»Runter!«, brüllte er und warf sich auf die Frau.

Er legte die Arme um ihre Taille und drehte sich mit ihr, um sie zu Boden zu stoßen, wo er sie mit seinem Körper decken könnte. Gerade wollte er seine Waffe ziehen, als eine ganze Salve seinen SUV und den Wagen daneben durchsiebte, und dann breitete sich plötzlich ein unerträglich stechender Schmerz in seiner Brust aus.

Ein stummer Schrei ließ ihn den Mund aufreißen, und sekundenlang war er nicht in der Lage, sich zu rühren. Dann wich alle Kraft aus seinen Beinen, und er sank wie ein Ballon zu Boden, aus dem auf einen Schlag alle Luft entwichen war. Mit einem dumpfen Knall landete er neben der Frau auf dem Boden, die keinen halben Meter von ihm entfernt lag.

»Nein. Nein!«, krächzte die Frau heiser. »Nein, nein, nein!«

Angst und Qual hatten ihr Gesicht noch mehr erstarren lassen. Entsetzen erfasste ihn – und das Gefühl versagt zu haben –, als er spürte, wie das Leben langsam seinen Körper verließ. Nach allem, was er in den letzten Jahren geleistet hatte, sollte es tatsächlich so mit ihm zu Ende gehen?

»Hören Sie«, brachte er mühsam heraus und erschrak, dass seine Stimme kaum lauter als ein Flüstern war. »Steigen Sie in meinen SUV. Der Schlüssel steckt. Machen Sie, dass Sie von hier wegkommen. Bringen Sie sich in Sicherheit. Mir ist nicht mehr zu helfen. Mein Leben ist zu Ende.«

»Nein!«, widersprach sie ihm energisch. »Das lasse ich nicht zu! Ich lasse Sie nicht sterben!«

Sie robbte zu ihm, und auf einmal befand sich ihr Gesicht direkt über ihm. Ihre blauen Augen blitzten fast silbern auf, als sie die Kapuze nach hinten schob und ihr lockiges, blassblondes Haar befreite, das um ihre Schultern wallte, als sie mit den Händen hektisch über seine blutige Brust strich.

»Gehen Sie«, krächzte er hustend. Er begann zu würgen, als er auf der Zunge den metallischen Geschmack von Blut bemerkte.

Sie schloss die Augen, und ihr Gesicht verzog sich vor schmerzhafter Qual. Als sie beide Hände fest auf seine Brust drückte, schnappte Isaac keuchend nach Luft.

Er hatte das Gefühl, als wäre er von einem Blitz getroffen worden, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Sein Herz geriet aus dem Takt, dann setzte es aus, und vor seinen Augen begann alles zu verschwimmen. Das zart geschnittene Gesicht der jungen Frau wurde immer undeutlicher.

Er hörte auf, gegen das Unabwendbare – den Tod – anzukämpfen. Stattdessen entspannte er sich und rechnete jeden Moment mit dem Ende, als eisige Kälte sein Innerstes zu vereinnahmen begann. Doch dann ging ein Ruck durch ihn, und er spürte etwas Wundervolles, ein noch nie erlebtes Gefühl. Wärme. Die allerschönste Wärme, die er je erfahren hatte, breitete sich in seinen Gliedern aus und ging mit einem hoffnungsvollen Raunen einher, das einen Neuanfang verhieß.

Er wollte etwas sagen, wollte protestieren, wollte fragen, ob dies das Ende wäre, aber er konnte nur nach Luft schnappen, da er plötzlich wieder in der Lage war, alles klar und deutlich zu erkennen. So deutlich, dass ihm auch nicht die schier unerträgliche Anstrengung entging, die förmlich in jede Facette ihres Gesichts eingebrannt war.

Niemals hatte er etwas Wundervolleres gespürt als in diesem Moment. Sein Körper wurde von innen heraus gewärmt. Sein angestrengt pumpendes Herz und die nach Luft ringende Lunge schienen sich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Da war kein Schmerz, da war nur ein … ein Wiederauftauchen.

Als hätte ein Chirurg die Hände in Isaacs Brustkasten getaucht und mit größter Sorgfalt die tödliche Verletzung repariert, die die Kugel ihm zugefügt hatte.

Er hob eine Hand und war fast schockiert, dass er die Kraft dazu besaß. Gierig saugte er die wundervolle, lebenspendende Luft tief ein und wunderte sich nicht nur darüber, dass er keine Schmerzen hatte, sondern auch, dass man das, was er spürte, nicht beschreiben konnte. Keine Droge, kein Betäubungs- oder Schmerzmittel wäre jemals in der Lage, solch eine Empfindung hervorzurufen.

Er streckte den Arm aus und legte die Finger um ihr Handgelenk, denn obwohl er nicht wusste, was sie da eigentlich tat, war ihm klar, dass sie damit aufhören musste. Sie war in Gefahr. Die Angreifer waren immer noch da und rückten vielleicht bereits an, um sie zu holen.

Blinzelnd öffnete sie die Augen, als er sie berührte, und er sah einen Wirbel aus blitzenden Farben, hinter denen das ursprüngliche, blasse Blau verschwunden war.

»Nicht«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich bin noch nicht fertig. Sie müssen mich gewähren lassen, denn ich werde Sie nicht sterben lassen.«

Er nahm seine Hand weg und war wie betäubt von dem, was er da sah … nein, was er am eigenen Leib erfuhr. Er hatte gedacht, ihn könnte nichts mehr erschüttern oder in Erstaunen versetzen. Dass es nichts Unglaubliches mehr gäbe in dieser Welt, in der er lebte und arbeitete. Daher wäre er auch nie auf die Idee gekommen, jemand könnte eine derartige Macht, eine derartige Fähigkeit besitzen. Denn nur Gott besaß die Macht über Leben und Tod, oder etwa nicht?

Nein, das stimmte so nicht. Jeden Tag brachten sich überall auf der Welt Menschen gegenseitig um. Menschen entschieden weitaus häufiger über den Tod als über das Leben. Und trotzdem hatte diese Frau …

Plötzlich zitterte er am ganzen Leib, sein Oberkörper zuckte hoch, als hätte man einen Defibrillator eingesetzt. Er spürte die Kälte des Asphalts durch seine blutgetränkte Jacke, und er merkte, dass sein Körper warm war, nicht kalt wie der Tod. Er lebte, er atmete. Er war zurück.

Ehrfürchtig starrte er sie an, aber in ihren seelenvollen Augen war nur abgrundtiefe Verzweiflung zu erkennen. Sie nahm die Hände weg und zog die Knie an die Brust, während sie langsam vor und zurück wippte. Tränen liefen ihr über die Wangen.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Indem sie ihn gerettet – geheilt – hatte, war sie um die Gelegenheit gebracht worden, wegzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Ihr resignierter Gesichtsausdruck brach ihm das Herz, noch während er dalag und sich darüber wunderte, dass er lebte. Vorsichtig strich er über seine Brust und sah das Blut, das an seiner Handfläche klebte. Aber das Blut war nur an seiner Kleidung, er selbst blutete nicht mehr, denn die klaffende Wunde war verschwunden. Er fühlte sich noch ein bisschen schwach, aber das war wahrscheinlich nur eine Folge des Schocks. Wer würde schließlich in so einer Situation keinen Schock erleiden? Jedenfalls war er nicht in der Verfassung, aufzustehen und sich zusammen mit der Frau in seinen Wagen zu hieven, um die Flucht zu ergreifen. Am Ende würden sie noch beide seinetwegen sterben, oder besser gesagt, er aufs Neue sterben. Ihre einzige Chance bestand darin, sofort von hier zu verschwinden und ihn sich selbst zu überlassen.

Er streckte die Hand nach ihrem Knöchel aus und schüttelte sie leicht, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Mit matten Augen sah sie ihn an, als er auf den SUV deutete.

»Schnell, bevor die hier auftauchen! Der Schlüssel steckt! Los!«

Aber sie schüttelte den Kopf, während ihr noch mehr Tränen übers Gesicht liefen.

»Verdammt noch mal, verschwinden Sie endlich! Verstärkung ist schon unterwegs, außerdem habe ich noch meine Waffe. In ein paar Minuten wird jemand hier sein und mir helfen. Um Himmels willen, jetzt machen Sie schon!«

Zum ersten Mal flammte Hoffnung in ihrem Blick auf, auch wenn ihre Miene Entsetzen erkennen ließ. Er wollte sich gerade aufrichten, als sie sich auch schon auf ihn warf und zu Boden presste, während wieder eine ganze Salve Kugeln abgefeuert wurde, die ein Dutzend Löcher in das Blech des SUV schlug.

Unendlicher Schmerz, abgrundtiefer Kummer und völliges Entsetzen bildeten einen tosenden Wirbel in ihren weit aufgerissenen Augen. Er konnte spüren, wie ihr Blick sich in ihn hineinbohrte und ihn mit sich in die turbulenten Untiefen zog, in denen sie sich bewegte. Mit jeder Faser ihres Seins flehte sie ihn an, und als sie zu reden begann, zuckte er zusammen, weil in ihren Worten eine so ungeheure Qual mitschwang.

»Sie müssen sich verstecken. Die dürfen nicht erfahren, was ich getan habe. Niemand darf das erfahren. Erzählen Sie niemandem etwas von mir. Bitte!«, flehte sie ihn an und schlang ihre zierlichen Hände um seine, um sie hochzuziehen und an die Brust zu drücken. Er spürte ihren rasenden Herzschlag, und dann fiel ihm auf, wie heftig sie zitterte.

Er wagte nicht, sie darauf aufmerksam zu machen, wie verräterisch die Blutlache war, in der er lag. Wenn er das tat, würde sie vermutlich endgültig die Fassung verlieren. Sie bewegte sich schon jetzt allzu dicht am Rand eines Zusammenbruchs. Als er sie losließ und ihre Berührung ein jähes Ende nahm, kam es ihm so vor, als wäre ein Teil von ihm gestorben. Dennoch schob er sie zu seinem Wagen, wobei er absichtlich schroff im Befehlston auf sie einredete und das mit seinem strengsten Blick noch unterstrich.

»Hauen Sie ab, solange Sie noch können, verdammt noch mal. Ich habe doch gesagt, dass jeden Moment jemand kommt, der sich um mich kümmert. Wehe, wenn diese Dreckskerle Sie in die Finger bekommen.«

Er konnte nur hoffen, dass er ihr keine Lüge erzählt hatte, was die Verstärkung anging. Es war ihm noch gelungen, den »Oh,shit«-Knopf zu betätigen, wie seine Kollegin Eliza den Transponder bezeichnete, den sie alle bei sich trugen. Er war nicht weit vom Hauptquartier entfernt. Eigentlich hätte längst jemand da sein müssen.

»Verdammte Scheiße, jetzt hören Sie mir doch endlich zu«, herrschte er die Frau an. »Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind oder was Sie mit mir gemacht haben, Lady, aber ich werde nicht zulassen, dass jemand abgeknallt wird, der mir gerade eben das Leben gerettet hat.«

Sie rappelte sich auf, huschte in gebückter Haltung zum Wagen und schlüpfte hinein. Isaac hätte schwören können, dass sie ihn mit dem letzten Blick, den sie ihm zuwarf, um Vergebung bat. Sie schlug die Tür zu und ließ den Motor an. Er zuckte zusammen, als der SUV einen Satz nach vorn machte und dann mit quietschenden Reifen zum Stehen kam.

Verfluchter Mist. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sie wegzuschicken. Wie es schien, wusste sie gar nicht, wie man ein Auto fuhr. Genau genommen sah sie nicht mal so aus, als ob sie alt genug wäre, um hinter dem Lenkrad Platz zu nehmen. Frustriert, dass er ihr nicht den Schutz geben konnte, den sie so dringend benötigte, presste er die Lippen fest aufeinander und konnte nur hoffen, dass er das Richtige getan hatte.

Er wollte wissen, wie weit sein Körper ihm wieder gehorchte, drehte sich auf den Bauch und kroch um den verbliebenen Wagen herum, wobei seine Knöchel weiß hervortraten, weil er die Pistole so fest umklammerte. Er ließ sich schwer gegen den Kühlergrill sinken und wartete, während er mit einer Hand immer noch ungläubig seine Brust rieb.

»Isaac«, rief jemand leise aus etwas größerer Entfernung. »Bericht.«

Erleichtert atmete er auf, als er Zekes Stimme hörte. Er war erst seit relativ kurzer Zeit beim Devereaux Sicherheitsdienst.

»Hast du Verstärkung mitgebracht?«, entgegnete Isaac gerade eben laut genug, um einige Meter weiter noch gehört zu werden.

»Dex ist bei mir. Was ist los, Mann?«

»Angreifer mit Schusswaffen. Wo die sich aufhalten, kann ich nicht sagen, aber beim ersten Schuss waren sie noch nicht sehr nahe. Keine Ahnung, ob sie inzwischen vorgerückt sind oder vielleicht längst das Weite gesucht haben. Passt auf euch auf. Ich hoffe, ihr habt ordentlich was an Munition dabei.«

Das Schnauben, mit dem Dex antwortete, deutete er als Bestätigung.

»Bist du getroffen worden?«, wollte Zeke wissen.

Isaac setzte zu einer Antwort an und machte den Mund gleich wieder zu. Was sollte er darauf antworten? O ja, und wie er getroffen worden war … tödlich sogar. Er sollte längst auf dem Weg zum Leichenschauhaus sein, wo man ihm einen Zettel an den großen Zeh band. Aber jetzt sah es so aus, als hätte es die Schusswunde nie gegeben. Als wären Herz und Lunge niemals tödlich verletzt worden. Wie sollte er das seinen Partnern erklären.

»Jetzt ist nicht der Moment, Fragen zu beantworten. Das kann ich später immer noch. Holt mich hier raus, aber passt auf, dass ihr nicht getroffen werdet!«

»So sieht der Plan aus, Mann«, meinte Dex und hielt kurz inne »Brauchst du einen Sanitäter?«

»Nein, nur einen Satz Räder.«

»Shadow ist jetzt auch da und sucht nach den Angreifern. Wenn die noch da sind, wird er sich um sie kümmern«, sagte Dex.

Das stimmte sogar ohne jede Einschränkung. Shadow hatte seinen Codenamen dem Umstand zu verdanken, dass er wirklich wie ein Schatten war. Ein Schatten, den niemand sah. Und wenn man ihn bemerkte, war es bereits zu spät.

»Gute Idee«, murmelte Isaac. »Aber sag ihm, er soll auf sich aufpassen. Das waren mehrere Angreifer. Die Schüsse wurden aus mindestens drei verschiedenen Richtungen abgefeuert.«

»Er wird schon auf sich achtgeben«, erklärte Dex zuversichtlich. »Ich mache mir mehr Sorgen um dich.«

»Alles in Ordnung«, beteuerte Isaac. »Ich mag nur nicht auf dem Präsentierteller sitzen.«

»Wir holen dich da raus. Bewahr einfach nur die Ruhe und behalt die Umgebung im Auge. Zeke und ich geben dir Deckung, und Shadow wird sich um den Rest kümmern.«

Doch da war noch etwas anderes, was Isaac Sorge bereitete – man hatte es gar nicht auf ihn abgesehen. Bei dem Gedanken erstarrte er mit einem Mal. Oder … etwa doch? Auf die Frau war kein einziger Schuss abgegeben worden, und nicht eine Kugel war in den Wagen eingeschlagen, neben dem sie sich aufgehalten hatte. Er dagegen konnte von Glück reden, dass er noch in einem Stück war. Es war keineswegs um ihn gegangen, und sie waren auch nicht das zufällige Opfer eines dämlichen Amateurschützen geworden. Der Plan war eine Entführung gewesen, bei der er – beinahe – als Kollateralschaden geendet hätte. Zumindest hatten die ihren Plan nur teilweise in die Tat umsetzen können.

Nichtsdestotrotz steckte der geheimnisvolle Engel in ernsthaften Schwierigkeiten, und er würde alles daransetzen, damit die Frau nicht weiter hilflos den Mistkerlen ausgeliefert war, vor denen sie floh und die keinen Zweifel daran ließen, dass sie nichts Nettes im Sinn hatten. Was sie von ihr wollten, wusste er nicht, doch während er über mögliche Gründe nachdachte, rieb er mit einer Hand über die Brust – über die vollständig verheilte Brust, die keinen Hinweis mehr darauf gab, dass er tödlich getroffen worden war. Diese Brust, die nicht mal einen Kratzer aufwies, musste der Grund sein, warum ihr ein Rudel Attentäter auf den Fersen war und sie vor Angst nicht mehr klar denken konnte.

Wer immer von ihren Fähigkeiten wusste – und er hätte seinen letzten Dollar verwettet, dass mindestens einer ihre wundersame Gabe kannte –, würde sie haben wollen. Es gab immer welche, die alles tun würden, um diese Frau in ihre Gewalt zu bringen.

Verfluchter Mist.

Sie hatte ihm das Leben gerettet, und selbst wenn es nicht so gewesen wäre – ein Blick in das aufgeschlagene, blutige Gesicht der viel zu zierlichen Frau hatte genügt. Nichts würde ihn bremsen, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, damit sie nichts mehr zu befürchten hatte. Das war etwas Persönliches. Das war kein Einsatz des Devereaux Sicherheitsdienstes, bei dem man sie einem Team oder einem anderen Mann zugeteilt hatte. Es war seine Sache, sie zu beschützen. Falls Caleb, Beau oder Dane damit ein Problem hatten, sollten sie sich zum Teufel scheren. Notfalls würde er seine Kündigung einreichen, um sich höchstpersönlich um sie kümmern zu können.

»Verdammt!«, knurrte Zeke, als er und Dex Isaac erreichten. »Du hattest doch gesagt, du wärst nicht getroffen worden. Himmel, da ist ja alles voller Blut. Du brauchst einen Rettungswagen, damit man dich sofort ins Krankenhaus bringt.«

Isaac seufzte und zog das blutgetränkte Hemd auseinander, damit sie seine unversehrte Brust sehen konnten.

»Passt auf, Jungs, ich weiß, wie das aussieht. Aber wenn ich euch erzählen würde, was passiert ist, würdet ihr mich sofort in die Geschlossene bringen, auch wenn ihr im Rahmen eurer Arbeit für den Devereaux Sicherheitsdienst schon alles Mögliche gesehen habt.«

»Versuch’s doch erst mal«, gab Dex ruhig zurück.

Isaac holte tief Luft und dann berichtete er alles, was geschehen war: von dem Moment, als er die offen stehende Tür seines Wagens sah, über den tödlichen Treffer in die Brust bis hin zur wundersamen Heilung durch die geheimnisvolle Frau. Man musste ihnen zugutehalten, dass beide nur mit einem Hochziehen der Augenbrauen reagierten.

»Und dann hast du sie gehen lassen? Ohne Schutz? Damit diese Arschlöcher noch mal auf sie schießen können?«, fragte Zeke fassungslos.

»Ich habe sie dazu bringen können, meinen Wagen zu nehmen«, gab Isaac zurück und sah Zeke wütend an. »Ich war ja nicht mal in der Lage, mich selbst zu beschützen. Außerdem konnte ich ein so großes Risiko für sie nicht rechtfertigen, wenn mir klar war, dass meine Verstärkung innerhalb von ein paar Minuten hier sein würde.«

Scheinbar aus dem Nichts tauchte in dem Moment Shadow auf und stellte sich zu ihnen. Seine finstere Miene verriet, dass er Isaacs Ausführungen mitbekommen haben musste, was Isaac nur recht sein konnte, da er keine Lust hatte, alles Gesagte zu wiederholen.

»Und inwiefern soll ihr das jetzt helfen?«, fragte Zeke hartnäckig.

Isaac schüttelte ungläubig den Kopf, weil er nicht fassen konnte, wie begriffsstutzig Zeke manchmal war. Er sah ihn noch wütender an und schnaubte förmlich. »Sie hat meinen Dienstwagen genommen.«

Seine Kollegen begriffen sofort die Bedeutung dieser Worte.

»Machst du dich auf die Suche nach ihr?«, wollte Shadow wissen und lenkte damit Isaacs Verärgerung prompt auf sich.

»Was für eine bescheuerte Frage ist das denn?«, knurrte er.

»Okay, wann machen wir uns auf die Suche nach ihr?«, hakte Dex nach.

»Sofort«, antwortete Isaac ungeduldig. »Himmel, es sah nicht danach aus, als wüsste sie, wie man ein Auto fährt. Es dürfte also nicht allzu schwer sein, ihr zu folgen. Und während wir hier rumstehen und irgendwelchen Mist durchkauen, der Zeit bis sonst wann hat, könnten die Killer ihr jetzt schon dicht auf den Fersen sein.«

Zeke musterte ihn besorgt. »Solltest du nicht eine Notfallambulanz oder die vom Devereaux Sicherheitsdienst genutzte Privatklinik aufsuchen, um dich untersuchen zu lassen?«

»Und was soll ich denen erzählen?« Isaacs Geduld hing nur noch an einem seidenen Faden. »Dass mir in die Brust geschossen worden ist? Herz und Lunge getroffen wurden? Dass ich wie Sau geblutet habe und schon merken konnte, wie ich sterbe, bis eine geheimnisvolle Frau die Hände auf mich legte und mich heilte? Ich konnte spüren, wie die Schäden am Gewebe von innen heraus geheilt wurden. Glaub mir, wenn mich ein Arzt untersuchen würde, er könnte keinen Hinweis auf eine Schussverletzung feststellen.«

Dex stieß einen leisen Pfiff aus. »Das ist ja völlig irre.«

Isaac schnaubte missbilligend. »Seit du weißt, was Ramie, Ari und Gracie alles können, sollte dich eigentlich gar nichts mehr überraschen.«

»Das schon, Mann. Aber das hier ist anders«, gab Shadow leise zurück. »Sie heilt Leute. Sie zieht dich von der Schwelle des Todes zurück. Du hast es ja selbst gesagt: Du hast gefühlt, wie du stirbst, wie sich dein Körper Stück für Stück löste, und trotzdem könnte niemand bei dir auch nur den Hauch einer Verletzung feststellen. Das geht über die übersinnlichen Fähigkeiten hinaus, die unsere Frauen besitzen.«

»Ja.« Isaac atmete tief durch. »Jetzt verstehst du, was ich meine. Und deshalb muss ich sie so schnell wie möglich aufspüren, bevor die anderen sie zu fassen bekommen. Sie wird für den Rest ihres Lebens mit einer Zielscheibe auf dem Rücken herumlaufen. Wahrscheinlich tut sie das schon längst. Jetzt ergibt auch alles einen Sinn … jetzt, wo ich ihre Fähigkeiten kenne und weiß, warum sie meinen Wagen stehlen wollte, warum ihr Gesicht so übel zugerichtet war und sie so schäbige Klamotten anhatte. Verfluchter Mist, sie hatte ja nicht mal Schuhe an!«

Zekes Miene verfinsterte sich so sehr, dass sie einen mörderischen Zug annahm. »Du hast kein Wort davon gesagt, dass sie von irgendeinem Arschloch verprügelt worden ist.«

»Helft mir hoch, damit wir uns verdammt noch mal auf den Weg machen können. Wir müssen den Peilsender an meinem SUV aktivieren, damit wir wissen, wie weit sie gefahren ist oder ob sie immer noch unterwegs ist.«

Zwar sprach es niemand aus, doch an den düsteren Mienen war deutlich abzulesen, dass die Frau sich längst in den Händen ihrer Verfolger befinden könnte.

3

»Verdammter Mist«, knurrte Isaac, der mit einem frischen T-Shirt, das Dex ihm gegeben hatte, auf dem Beifahrersitz saß, während Zeke den Wagen steuerte. Shadow und Dex hatten auf der Rückbank des SUV Platz genommen. Die Männer richteten sich auf, und Zeke warf ihm einen Blick von der Seite zu. »Was ist los?«

»Seit ich vor ein paar Minuten das erste Signal vom Peilsender empfangen habe, hat sich der Wagen nicht mehr von der Stelle bewegt.«

Shadow zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie den Wagen irgendwo versteckt, um sich erst mal auszuschlafen.«

Über die Schulter warf Isaac dem Mann einen aufgebrachten Blick zu. »Du hast ihre Augen nicht gesehen, Mann. Ich habe bis dahin noch nie solche Augen gesehen, die einen wirklich bis in die Seele blicken lassen. Ich habe keine Sekunde lang geglaubt, dass sie irgendwo eine Pause einlegen würde, nachdem sie mit meinem Wagen losgefahren ist.«

Ein nachdenklicher Ausdruck huschte über Zekes Gesicht. »Und trotzdem ist sie lange genug geblieben, um dir den Arsch zu retten.«

Isaac seufzte und rieb sich mit einer Hand übers Gesicht.

»Ja. Das hat sie. Aber warum? Ich verstehe das nicht. Ich weiß nur, dass ich noch nie eine Frau gesehen habe, die solche Angst hatte. Ich war stinksauer. Aber als ich ihr sagte, dass sie losfahren soll, weil es für mich keine Hoffnung mehr gäbe und weil ich spüren konnte, wie das Leben aus mir wich, hat sie sich einfach geweigert. Und hinterher … Himmel! Nachdem sie mich geheilt hatte, war sie am Boden zerstört, weil sie wusste, dass sie meinetwegen die Gelegenheit verpasst hatte, ihren Verfolgern zu entkommen.«

»Verdammt selbstlos«, murmelte Dex.

»Das kannst du laut sagen«, brummte Isaac leise.

Warum hatte sie ihn gerettet?

Extrem verzweifelte Menschen dachten normalerweise nur an sich selbst, und dennoch hatte sie alles aufs Spiel gesetzt, weil sie so betroffen war, dass er im Sterben lag.

Er wollte Antworten auf seine Fragen, doch um die zu bekommen, musste er sie erst einmal aufspüren.

»Und wo steht dein SUV?«, fragte Shadow. »Wenn er sich nicht mehr von der Stelle rührt, müsste er doch ganz leicht zu finden sein, oder?«

Isaac hielt den Transmitter hoch, gab aber nichts von der Angst preis, die ihn erfasst hatte. Was würden sie vorfinden? Oder auch nicht …

»Es sind noch drei Meilen bis zu der Stelle«, sagte Zeke mit leiser Stimme. »Abgeschiedenes Gebiet. Sie war immerhin schlau genug, sich an einem Ort zu verstecken, wo so gut wie niemand vorbeikommt.«

»Himmel, ich möchte bezweifeln, dass sie überhaupt eine Ahnung hatte, wo sie hinfährt«, knirschte Isaac. »Sie machte noch nicht einmal den Eindruck, als könnte sie Autofahren … oder als wäre sie alt genug, um es zu dürfen.«

»Wie sah sie denn aus?«, fragte Shadow neugierig.

»Wie ein Engel«, murmelte er. »Ein blutig geprügelter, wunderschöner Engel. Die blauesten Augen, die mir jemals untergekommen sind. Dazu lange, gelockte Haare. Blassblonde Haare. Himmel, vielleicht habe ich mir das Ganze nur eingebildet und bin einfach nur total durchgeknallt.«

»Du hast dir nicht eingebildet, dass auf dich geschossen worden ist oder wir dich in einer Lache aus deinem eigenen Blut vorgefunden haben«, konterte Dex.

»Direkt vor uns«, sagte Zeke mit gepresster Stimme.

Sofort zogen die Männer ihre Waffen, und nachdem Zeke kurz darauf anhielt, stiegen sie alle mit den Pistolen im Anschlag aus.

»Zwei Gruppen«, wies Isaac die anderen an. »Laut dem Peilsender müsste der Wagen direkt vor uns sein, irgendwo ein Stück weit von der Straße entfernt und dann mitten im Wald. Zeke, du kommst mit mir. Shadow, du und Dex, ihr schlagt einen Bogen, damit ihr euch dem Wagen von vorn nähert.

Shadow und Dex verschwanden im Wald, während Isaac und Zeke schnurgerade auf die Stelle zugingen, wo sie den SUV vermuteten. Sie waren erst ein paar Schritte in den Wald vorgedrungen, als Isaac Zeke bedeutete stehenzubleiben und auf den SUV zeigte, der vor ihnen im Gebüsch stand, als hätte sie versucht, mittendurch zu fahren … um sich darin zu verstecken.

Isaac fluchte. Ihm war nur allzu deutlich bewusst, wie unglaublich selbstlos sie gewesen war und wie bereitwillig sie alles aufs Spiel gesetzt hatte, nur damit er jetzt nicht tot in einer Lache aus seinem eigenen Blut lag. Unter gar keinen Umständen würde er sie ihrem Schicksal überlassen. Wenn er sie erst einmal gefunden hatte, würde er alles in seiner Macht Stehende unternehmen, damit sie sich ihm anvertraute. Und dann würde er dafür sorgen, dass sie sich nie wieder in so eine Gefahr brachte.

Er schlich sich an den Wagen heran, während Zeke ihm Rückendeckung gab. Als er durch das Seitenfenster auf den Fahrersitz spähte, stockte ihm der Atem, und sein Herz begann, schneller zu schlagen. Verdammt! Hatten sie sie zu fassen bekommen? Aber dann wanderte sein Blick zur Rückbank, und er bekam vor Erleichterung weiche Knie, die jedoch sofort wieder verflog, als er sie besser sehen konnte.

Sie hatte die Knie an die Brust gezogen und die Arme fest darum geschlungen. Sogar im Schlaf – sie sah völlig fertig aus – zogen sich tiefe Furchen über ihre Stirn. Sie zuckte immer wieder zusammen und gab ein leises Wimmern von sich.

Schlief sie vielleicht gar nicht, sondern hatte das Bewusstsein verloren?

Hatte er ihr das angetan? Hatten ihre Bemühungen, ihm das Leben zu retten, sie so hilflos gemacht, dass sie nicht mal mehr in der Lage war, sich zu verteidigen?

Dann sah er, dass ihr sogar jetzt Tränen über die Wangen liefen. Der Anblick rührte ihn in einer Weise, die er nie für möglich gehalten hätte.

Auch Zeke ließ der Anblick nicht kalt, und er fragte schroff: »Verdammt. Was machen wir jetzt, Isaac?«

»Sie kommt mit zu mir«, erklärte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Auf keinen Fall werde ich sie diesen Arschlöchern überlassen. Gott allein weiß, was die ihr angetan haben, ehe es ihr gelungen ist zu flüchten.«

»Wir sollten ein Team abstellen«, meinte Zeke aufgebracht, »damit sie rund um die Uhr beschützt werden kann.«

»Sie kommt mit zu mir«, wiederholte Isaac gereizt.

»Dane wird einen vollständigen Bericht wollen und darauf bestehen mitzuentscheiden, wie es weitergeht.«

»Was Dane will, interessiert mich nicht. Sie gehört mir. Mit Dane hat das nichts zu tun, weil sie im Grunde genommen keine Klientin ist. Also läuft es so, wie ich es will.«

Zeke zog die Augenbrauen hoch, war aber klug genug, nicht weiter auf dem Thema herumzureiten.

Ganz behutsam öffnete Isaac die hintere Tür, da er sie nicht durch ein lautes Geräusch wecken wollte. Sie hatte auch so schon genug durchgemacht. Er wollte, dass dieser Mist für sie jetzt ein Ende hatte. Allerdings wusste er auch, dass es nicht einfach sein würde, ihr Vertrauen zu gewinnen. Er würde sehr geduldig und extrem sanftmütig vorgehen müssen.

Obwohl er sie hätte berühren können, zögerte er einen Moment und betrachtete sie, wie sie zu einer winzigen Kugel zusammengerollt dalag. Sie wirkte so zerbrechlich, dass er tatsächlich Angst hatte, sie anzufassen. Gütiger Himmel, im Vergleich zu ihren zarten Knochen, ihren Händen, ihren Armen waren seine Hände riesige Pranken. Wenn er ihr nun ungewollt wehtat?

Gebannt hielt er den Atem an und strich mit einer Hand leicht über ihren Arm, um herauszufinden, wie viel sie überhaupt mitbekam. Aber seine Sorge war müßig gewesen, da sie keinerlei Reaktion zeigte. Sie hatte sich offenbar völlig verausgabt, was ihm gleich wieder ein schlechtes Gewissen bereitete.

Sie war ein verdammtes Wunder. Er konnte noch immer nicht fassen, dass er jetzt hier stand und es keinen Hinweis mehr darauf gab, dass er angeschossen worden war. Eigentlich müsste er im Leichenschauhaus liegen, und seine Kollegen hätten nun die unerfreuliche Aufgabe, seinen Leichnam zu identifizieren.

Da ihm klar war, dass er sich beeilen musste, schob er eine zusammengerollte Decke unter ihren Kopf und breitete eine zweite über ihren zarten Körper. Dabei achtete er auf jeden Atemzug, auf jede Bewegung, auf jede Regung ihrer Gesichtszüge.

Aber sie gab immer noch durch keine Regung zu erkennen, dass sie früher oder später aufwachen würde. Einerseits beunruhigte ihn das ein wenig, andererseits war er froh, weil er nicht wusste, wie sie dann reagieren würde. Er strich ihr kurz über das seidige Haar, während er seinen Kollegen Anweisungen gab.

»Bringt sie zu mir nach Hause und schließt euch dort ein. Ich will, dass ihr sie nicht mal eine Sekunde lang aus den Augen lasst. Ich vertraue darauf, dass ihr dafür sorgt, dass ihr nichts zustößt. Dann schafft den SUV weg und schaltet den Peilsender ab. Ich würde ihn ja am liebsten in die Schrottpresse geben, aber dann würde Beau einen Tobsuchtsanfall bekommen. Lasst ihn einfach für eine Weile verschwinden. Wenn die Lage wieder sicher ist, dann … dann kann ihn ja jemand holen.«

Wenn die Lage wieder sicher ist. Das war eine interessante Aussage. So viel, wie er momentan über die Situation wusste, in die er hineingeraten war – nämlich gar nichts –, war seine geringste Sorge die, wann die Lage wieder sicher sein würde. Seine Hauptaufgabe bestand jetzt darin, alles in Erfahrung zu bringen, was er wissen musste, damit er sie auch wirklich beschützen konnte. Sie hatte ihm das Leben gerettet und über ihn nichts weiter gewusst, als dass er gleich neben ihr auf dem Asphalt im Sterben lag. Auf keinen Fall würde er zulassen, dass sie auch nur noch einen einzigen Tag länger leiden oder Angst haben musste.

»Was willst du machen, Isaac?«, fragte Shadow ihn, als er sich aufrichtete.

Nachdem Isaac sich vergewissert hatte, dass sie so bequem lag, wie es nur möglich war, drehte er sich um und sah, dass sich seine drei Teamkameraden um ihn geschart hatten und ihm besorgte, fragende Blicke zuwarfen.

So sehr es ihm auch missfiel, die Frau von einem anderen beschützen zu lassen – immerhin betrachtete er sich als für sie verantwortlich, was genauso verrückt war wie der Gedanke, sie würde zu ihm gehören –, war ihm dennoch klar, dass er nicht einfach untertauchen konnte, ohne Dane und Beau vorher Bescheid zu geben. Er fuhr sich durchs Haar und murmelte einen Fluch vor sich hin. Dann warf er den drei Männern einen durchdringenden Blick zu. »Ich muss ins Büro fahren, um Dane und Beau mitzuteilen, was vorgefallen ist und dass ich eine Weile nicht zur Verfügung stehe. Ich werde mich aber beeilen und so schnell wie möglich nach Hause kommen, während ihr euch in der Zwischenzeit wie besprochen um sie kümmert.«

»Du weißt, wir tun, was getan werden muss, Mann«, antwortete Zeke ruhig. »Auch wenn du zurück bist. Das hier ist etwas, das du nicht allein angehen solltest. So arbeiten wir nämlich nicht, und das weißt du genau.«

»Aber das hier ist kein offizieller Einsatz«, versuchte Isaac es noch mal.

»Ach, halt endlich die Klappe«, ging Dex schroff dazwischen. »Es stimmt zwar, dass wir noch nicht so lange für den Devereaux Sicherheitsdienst arbeiten wie die anderen – wir sind die Neuen. Aber wir sind lange genug dabei, um zu wissen, dass das so nicht läuft. Wir sind ein Team, eine Familie, und das heißt, dass wir dich nicht im Stich lassen, nur weil das hier kein offizieller Einsatz ist. Also halt die Klappe. Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber auf mich kannst du zählen, solange du mich brauchst. Ich gebe dir Rückendeckung oder was immer du benötigst. Du musst es nur sagen.«

Zeke und Shadow gaben zwar keinen Ton von sich, aber ihre Mienen sagten alles: Sie würden ihn ebenfalls nicht im Stich lassen.

Erleichtert seufzte er auf. »Danke, Leute. Das weiß ich wirklich zu schätzen. Also dann los. Ihr müsst sie zu mir nach Hause bringen. Einer von euch bleibt ständig bei ihr. Ich möchte nicht, dass sie sich verängstigt und allein fühlt, wenn sie aufwacht und niemand da ist. Die beiden anderen kümmern sich um den SUV und erkunden die gesamte Umgebung, damit wir sicher sein können, dass da niemand rumschnüffelt. Ich werde nicht lange im Hauptquartier bleiben und so schnell wie möglich nach Hause kommen.«

»Alles klar«, bestätigte Zeke. »Niemand wird in ihre Nähe kommen, Isaac. Das schwöre ich dir bei meinem Leben.«

Isaac musterte ihn und die anderen anerkennend. »Daran hätte ich auch nie gezweifelt. Dane nimmt nur die Besten. Und selbst wenn ich mich nicht schon selbst davon hätte überzeugen können, würde mir genügen, dass er euch eingestellt und jedem von euch seinen Segen gegeben hat. Ich würde euch jederzeit mein Leben anvertrauen … und ihr Leben auch.«

Dex gab ihm den Schlüssel für den anderen SUV, und Isaac warf der Frau, die ihm wie durch ein Wunder das Leben gerettet hatte, noch einen letzten Blick zu. Es behagte ihm überhaupt nicht, sie auch nur für kurze Zeit aus den Augen zu lassen, aber ihm blieb einfach keine andere Wahl. Er ballte die Faust um den Wagenschlüssel und ging zu dem anderen Fahrzeug.

»Haltet mich auf dem Laufenden«, rief er seinen Kameraden zu, als er sich noch einmal kurz umdrehte. »Wenn sie aufwacht, will ich wissen, wie sie sich fühlt.« Er atmete tief ein, sah seine Kollegen an und sagte ohne Rücksicht darauf, wie sie seinen Tonfall deuten mochten: »Passt gut auf sie auf.«

»Du weißt, dass wir das tun werden«, entgegnete Dex mit ruhiger Stimme. »Und jetzt geh schon, damit du umso schneller wieder bei ihr bist.«

4

Isaac stellte den Wagen im Parkhaus in der Innenstadt von Houston ab, wo sich die Büroräume des Devereaux Sicherheitsdienstes befanden, und stieg aus. Er musste das hier so schnell und so glatt wie möglich hinter sich bringen und sich dann mit den Konsequenzen auseinandersetzen, ganz gleich, wie die auch aussehen mochten. Es war ihm schnurzpiepegal, ob Dane und Beau ihr Okay gaben oder nicht. Es war nicht mal verhandelbar. Wenn sie nicht einverstanden waren, würde er einfach gehen.

Als er den Aufzug auf der Etage verließ, auf der sich die Räumlichkeiten des Devereaux Sicherheitsdienstes befanden, zuckte er überrascht zusammen. Er wollte gehen? Alles hinschmeißen? Kündigen? Ausgerechnet den Job, der sein ganzes Leben ausmachte? Der ihn so vereinnahmte, dass daneben nichts anderes mehr Platz hatte? Niemals hätte er sich ein Szenario vorstellen können, in dem es etwas gab, das für ihn wichtiger war als sein Job, seine Kollegen, seine … Familie. Und doch würde er es sich jetzt nicht erst noch zweimal überlegen müssen.

Sie brauchte ihn, und er schuldete ihr mehr, als er ihr je würde zurückzahlen können. Außerdem war es offensichtlich, dass sie in großen Schwierigkeiten steckte. Wenn er sie nicht beschützte, wer sollte das dann tun?

Er betrat das Büro und hätte fast Eliza umgerannt. Sofort drückte er sie so heftig an sich, dass sie gar nicht wie sonst üblich damit drohen konnte, ihn einen Kopf kürzer zu machen. Stattdessen erwiderte sie die Geste so stürmisch, wie es nur ging.

Als er einen Schritt zurücktrat, musterte er sie von Kopf bis Fuß, ohne irgendein Detail auszulassen. Sie wirkte entspannt. Glücklich. Geheilt. In ihren Augen leuchtete ein sanfter Schein, den er noch nie wahrgenommen hatte. Isaac vermutete, dass Liebe und Erlösung so etwas bei einem Menschen bewirkte.

Dann wurde ihm etwas ganz anderes bewusst, das ihn stutzen ließ. »Was machst du überhaupt hier, Lizzie? Du solltest doch erst in …«

»… drei Wochen wieder hier sein«, führte sie seinen Satz zu Ende und machte eine finstere Miene. »Ich weiß. Deshalb bin ich mir auch nicht sicher, wer von den beiden der größere Mistkerl ist – mein Ehemann, weil er es geschafft hat, drei freie Monate für mich herauszuholen, oder Dane, weil er damit einverstanden gewesen ist. Alles hinter meinem Rücken und ohne mich auch nur einmal zu fragen, wie lange ich mir frei nehmen wollte.«

»Verdammt, du wurdest angeschossen. Du wärst dabei fast draufgegangen«, brummte er. »Sei dir selbst und uns gegenüber ein bisschen nachsichtiger, okay? Vor allem dem armen Kerl gegenüber, den du geheiratet hast. Du wärst beinahe in seinen Armen gestorben. Himmel, du bist gestorben!«

Ihre Augen nahmen einen sanfteren Ausdruck an, während sie die Stirn runzelte. »Ist schon klar, aber gleich drei Monate? Immerhin hatte ich ja vor der Heirat auch eine Weile frei.«

»Ähm, tu mir einen Gefallen, Lizzie. Besteh nicht jetzt schon drauf zurückzukehren. Warte, bis ich Gelegenheit hatte, mit dir zu reden, okay?«

Sofort sah sie ihn eindringlich an, ihr Gesicht ließ Sorge um ihn erkennen. »Was ist los, Isaac?«, fragte sie und wich einen Schritt zurück.

Mit einer Hand fuhr er sich durchs Haar. Wenn Lizzie noch nicht wieder arbeitete, konnte das für ihn eine große Hilfe sein. Es bedeutete, dass er bei seinem momentanen Problem auf ihre Unterstützung würde zurückgreifen können. Ihre und die ihres Ehemanns Wade Sterling. Der hatte Verbindungen, über die Isaac nicht verfügte.

»Hör zu, ich habe jetzt gerade keine Zeit, Lizzie. Mir bleiben noch etwa dreißig Sekunden, um Beau und Dane im gleichen Büro zu erwischen. Aber ich sage dir später, um was es geht, okay? Könnte sein, dass ich deine Hilfe brauche. Und Sterlings Hilfe.«

Seine Worte ließen Eliza noch nachdenklicher werden, und ihr Gesichtsausdruck wirkte besorgter als zuvor. »Dann soll ich hier warten, bis du mit den beiden geredet hast?«

Seufzend schüttelte Isaac den Kopf. »Wenn es okay ist, melde ich mich später bei euch. Nachdem ich mit Beau und Dane gesprochen habe, muss ich erst noch was anderes erledigen.«

»Wie wär’s, wenn ich mit Wade später bei dir vorbeikomme? So gegen sieben? Ich bringe Essen mit«, schlug sie vor.

Isaacs Erleichterung war so groß, dass ihm fast ein wenig schwindlig wurde. Er war über alle Maßen in Sorge gewesen, dass er seinen Schützling allein zu Hause lassen müsste, um mit Lizzie und ihrem Mann zu reden. Aber wenn sie vorbeikamen, musste er zum einen nicht das Haus verlassen, und zum anderen konnten sie sich ein Bild davon machen, womit er es zu tun hatte.

»Das wäre großartig. Danke, Lizzie.«

»Kein Problem, Isaac, das weißt du doch«, erwiderte sie mit sanfter Stimme. »Jetzt geh schon, damit ich mich auf den Heimweg machen und meinem Ehemann den Marsch blasen kann. Danach werde ich ihn dann wissen lassen, dass sich unsere Pläne für heute Abend geändert haben.«

Isaac grinste. »Den Marsch blasen?«

Eliza sah ihn grimmig an und zeigte ihm den Mittelfinger, dann verließ sie das Büro. Isaac musste lachen und wartete grinsend, bis sie gegangen war. Dann atmete er tief durch und sputete sich, um zu Danes Büro zu kommen, wo Beau auch gerade noch war.

Er klopfte einmal an und öffnete dann gleich die Tür, um in den Raum hineinzuschauen. »Habt ihr beide mal eine Minute Zeit für mich?«

Dane schien überrascht, ihn zu sehen, aber Beau warf ihm sofort einen finsteren Blick zu.

»Wo zum Teufel ist der SUV, mit dem du unterwegs warst?«, wollte er prompt wissen. »Und warum ist er seit Stunden offline?«

»Dem Wagen ist nichts passiert, jedenfalls so gut wie nichts. Es gab nur ein paar technische Probleme.«

Dane zog eine Augenbraue hoch. »Haben diese Probleme etwas mit dem zu tun, was du mit uns bereden willst?«

»Ja«, antwortete Isaac nach kurzem Zögern.

Beaus finstere Miene wich einem fragenden, besorgten Ausdruck. »Ist alles in Ordnung, Isaac?«

Isaac fasste sich an den Hinterkopf, weil er nicht recht wusste, wie er erklären sollte, was am Morgen passiert war. Wahrscheinlich würden sie glauben, dass er jetzt endgültig den Verstand verloren hatte. Am besten erzählte er, was sich zugetragen hatte, weil er es anders ohnehin nicht erklären konnte.

»Als ich heute Morgen Kaffee und Bagels gekauft habe, wollte jemand meinen Wagen klauen. Dann bekam ich einen Schuss in die Brust ab und wäre mitten auf dem verdammten Parkplatz fast verblutet.«

Beide Männer schauten ihn ungläubig an.

»Wie bitte?«, fragte Dane in einem beängstigend ruhigen Ton und blinzelte zweimal. »Warte mal. Du sagst, auf dich wurde geschossen. Du hast einen Schuss in die Brust abgekriegt. Wie zum Teufel kannst du dann jetzt hier sitzen und davon in aller Ruhe erzählen? Wieso bist du nicht in einem verfluchten Krankenhaus? Und wer ist dieses Arschloch, das dich umbringen wollte? Und warum erfahren wir das erst jetzt?«

Seine Wut hallte von allen Wänden des Büros wider, aber Dane war auch ein Mann, dem das Wohl der Männer und Frauen, die für ihn arbeiteten, sehr am Herzen lag.

»Er wollte mich nicht umbringen«, korrigierte Isaac ihn. »Er hat mich umgebracht. Ich war so gut wie tot. Ich wusste, ich sterbe. Ich konnte es spüren. Ich wusste, das war das Ende. Ich wusste, meine Zeit war abgelaufen. So was Beängstigendes hab ich noch nie erlebt, aber trotzdem … war ich die Ruhe selbst. Ich schätze, ich hatte es akzeptiert. Über den Tod und das Sterben habe ich mir noch nie ernsthaft Gedanken gemacht, was dumm von mir ist, wenn man bedenkt, in was für einem Job wir arbeiten und wie knapp das manchmal abgeht. Und nach der Sache mit Lizzie …« Er unterbrach sich, als er sah, wie Dane zusammenzuckte und bleich wurde. Er hatte es immer noch nicht richtig verarbeitet, dass er Lizzie fast verloren hätte, als sie beinahe auf die gleiche Weise gestorben war wie Isaac.

Beau und Dane sahen sich besorgt an, dann schüttelten sie gleichzeitig den Kopf, als versuchten sie vergeblich zu verstehen, was Isaac ihnen da erzählte.

»Was soll das alles heißen?«, fragte Beau mit leiser Stimme. »Isaac, bist du dir sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?«

Isaac seufzte und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Hört zu. Ich weiß, ich höre mich an, als wäre ich völlig verrückt, und ihr überlegt, ob ihr mich besser in die Geschlossene bringen solltet. Wenn ich euch den Rest erzählt habe und ihr habt immer noch Zweifel, dann ruft Zeke, Dex oder Shadow an. Die waren alle dabei. Ich hatte den ›Oh, shit‹