Slow - Winfried Hille - E-Book

Slow E-Book

Winfried Hille

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Beschreibung

Der neue ganzheitliche Ansatz des Slow Living

Die Sehnsucht nach Entschleunigung und Langsamkeit ist groß – gerade weil in Beruf und Öffentlichkeit Langsamkeit bei vielen als Schwäche gilt. In einer Welt, in der Millionen Transaktionen in einer Sekunde möglich sind, riecht bedächtiges Handeln nach Faulheit. Langsamkeit in einer von Computern optimierten Berufswelt ist schlicht nicht vorgesehen. Bei der täglichen Hetze bleiben immer mehr Menschen auf der Strecke: Leistungsabfall, Burnout und Depression sind häufig die Folgen. Doch die Erkenntnis setzt sich durch: Ohne innere Ruhe, ohne Muße und Zeit zum Nachdenken sind wir nur Getriebene in einem Hamsterrad. Und aus diesem Hamsterrad kommen wir nur dann heraus, wenn wir es konsequent anhalten.

Winfried Hilles Buch ist eine Fürsprache für die Langsamkeit im Alltag, die Rückbesinnung auf das Wesentliche und die Wiedererlangung unserer menschlichen Würde. Der Autor berichtet von eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, liefert vielfältige Beispiele aus der Slow-Praxis und ordnet den neuen Trend gesellschaftlich ein. Er gibt zahlreiche Impulse dafür, wie man sein Leben mit dem Prinzip Langsamkeit wieder neu ausrichten kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Winfried Hille

Slow

Die Entscheidung für ein entschleunigtes Leben

Gütersloher Verlagshaus

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2016 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Covergestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See

ISBN 978-3-641-18145-1V002

www.gtvh.de

Inhalt

Einleitung – Stopp mal!

1. Wie die Zeit entsteht

Die Lüge vom Zeitsparen

Das Geheimnis der Zeit

Die Zeit bin ich

Die Verlangsamung der Zeit

2. Die Slow-Revolution

Das erschöpfte Ich

Slow als Akt der Verweigerung

Zurück in die Gegenwart

Die Wiederentdeckung des sinnlichen Erlebens

Das Glück des langsamen Lebens

Verschwende deine Zeit!

Sich selbst in der Zeit wiederfinden

Komm zu dir

3. Die Kunst der langen Weile

Die Kunst, nichts zu tun

Ich warte mich

Bummeln und trödeln

Schwänzen und unterlassen

Aktive Ziellosigkeit

Nichtstun für Anfänger

4. Slow Walking – Einfach nur gehen

Die Geschwindigkeit der Seele

Geht doch!

Einfach nur gehen

Das stille Glück des Wanderns

Gehen für Anfänger

5. Slow Loving – Die Wiederentdeckung der Liebe

Liebe in schnellen Zeiten

Hör auf dich!

Liebe braucht Zeit

Wecke den Forschergeist

Slow Loving für Anfänger

6. Zeit für Beziehungen

Mehr Sein und mehr sein lassen

Die schöne Langeweile

Irgendwann ist jetzt

Schreib mal wieder

Slow Family & Friends für Anfänger

7. Slow Food – Die Kunst des bewussten Essens

Achtsames Essen

Essen als Ritual

Ein Fest der Sinne

Slow Food für Anfänger

8. Slow Working – Das Richtige tun

Ohne Netz arbeiten

Das Tempo herausnehmen

Mehr Zeit für das Wesentliche

Verweigere dich!

Slow Working für Anfänger

9. Slow Travel – Die Kunst des langsamen Reisens

Ferien im Funkloch

Die Entdeckung des Kairos

Die Kunst, allein zu reisen

Slow Travel für Anfänger

10. Meine Entscheidung für ein entschleunigtes Leben

Zeit ist jetzt

Woran wir unser Herz hängen können

Slow-Rituale für Ihren Alltag

Nachwort

Literaturnachweise

Einleitung – Stopp mal!

Haben Sie es eilig? Sind Sie nur ganz zufällig über den Titel des Buches gestolpert? Aber eigentlich haben Sie gar keine Zeit, sich auf dieses Buch einzulassen? Ihnen gehen tausend andere Dinge durch den Kopf – auch jetzt, obwohl Sie schon begonnen haben zu lesen. Sie möchten zwar gerne wissen, wie das geht, die Zeit verlangsamen, Ihr Leben entschleunigen und wie Sie wieder mehr Zeit für sich selbst finden können – aber wie gesagt: Eigentlich haben Sie gar keine Zeit dazu. Eigentlich sind Sie mit anderen Dingen beschäftigt.

Glauben Sie mir, ich verstehe es sehr gut. Mir geht es genauso. Also: Willkommen im Club der Gehetzten! Offen gestanden: Auch mir fehlte die Zeit, um mich mit der Zeit zu beschäftigen. Und natürlich auch die, um darüber ein ganzes Buch zu schreiben. Die Liste dessen, was ich zuvor noch alles erledigen musste, war so unendlich lang. Und laufend kamen neue Dinge hinzu. Ich muss dazu sagen, dass ich allein lebe und infolgedessen niemanden habe, der mir auch nur die kleinste Hausarbeit abnimmt. Ich meine: Wäsche waschen, Hemden bügeln, die Wohnung sauber halten, ans Essen oder an die Geburtstagsgeschenke für meine Kinder und Enkelkinder denken. Laufend mache ich mir also Gedanken darüber, was es wohl heute bei mir zu essen gibt, wann ich die Wäsche zwischenschieben und ob ich alle Hemden auch wirklich noch bügeln soll. Und einkaufen sollte ich auch noch unbedingt. Ach ja, die Mails warten schon über 30 Minuten darauf, abgerufen zu werden. Vielleicht ist eine wichtige dabei – ich könnte ja was verpassen.

Dann bin ich außerdem noch berufstätig, niemand hat mich für die Arbeit an diesem Buch freigestellt. Also musste ich es irgendwie schaffen, Zeiten zwischenzuschieben, Zeiten, die ich eigentlich gar nicht hatte. Da kommt man schnell auf komische Gedanken: Vielleicht sollte ich auch noch die Nacht als brach liegende Zeitressource nutzen? Aber ich brauche doch auch den Schlaf, um am nächsten Tag konzentriert ans Werk zu gehen. Irgendwann schien mir meine Lage ziemlich aussichtslos, und meine innere Unruhe und Ziellosigkeit nahmen immer größere Ausmaße an.

Auch ich bin ein Bewohner des Hamsterrads, aus dem ich jeden Tag aufs Neue versuche auszusteigen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mich innerlich gehetzt fühle und dass ich selber es bin, der mich hetzt: schnell noch etwas nachsehen, eine Mail beantworten, schnell noch spazieren gehen, mit hängender Zunge immer leicht zu spät zum verabredeten Termin kommen oder gerade noch »auf den letzten Drücker«, ohne die Möglichkeit aufzuatmen, durchzuatmen, wahrzunehmen, wie an diesem Tag eigentlich die Luft riecht. »Jetzt mache ich noch schnell …«, das ist eine Redewendung, die ich viel zu oft gedankenlos gebrauche, und manchmal bin ich sogar stolz darauf, dass ich alles so schnell machen kann, dass ich ein so Schneller bin. Doch wozu, wenn ich nach allem, was getan werden musste, mich trotzdem unzufrieden und ausgelaugt fühle?

Es scheint so zu sein: Im Gehetztsein hetzen wir irgendwohin, auf alle Fälle von uns weg, und entfremden uns so immer mehr von uns selbst. Die Beschleunigung des Lebenstempos, das Sich-gehetzt-Fühlen und das Lebensgefühl, dass man trotzdem das Wesentliche verpasst, bringt es mit sich, dass wir alle subjektiv empfinden, zu wenig Zeit zu haben, und dass wir selbst und die Bedürfnisse unserer Seele dabei auf der Strecke bleiben.

Aber warum nehmen wir uns dann nicht ganz einfach die Zeit für die Dinge, die uns wirklich guttun? Dazu passend schnappte ich den Stoßseufzer einer Bekannten auf: »Wenn ich mir vorstelle, so wie für den Sport Zeit für die Seele einzuplanen, dann erfasst mich eine Höllenangst, dass ich etwas im äußeren Leben verpassen, dass ich abgehängt werde. Ich komme doch jetzt schon kaum nach mit allem, was von mir erwartet wird.« Doch wenn wir so gehetzt schließlich unter einem Burn-out leiden, dann verpassen wir auch viel.

Als ich das erkannte, war es nicht mehr weit bis zu dem Entschluss: Verdammt noch mal – ich nehme mir jetzt einfach die Zeit, um mich auf eine Sache zu konzentrieren! Ich nehme mir Zeit für die Zeit. Aus purem Trotz! Und wenn ich ihr nur dabei zuschauen werde, wie sie langsam vergeht. Oder mich beobachte, wie ich faul auf meinem Sofa liege, obwohl ich eigentlich so viel anderes, »Sinnvolleres« zu tun hätte.

Ich möchte endlich wissen, wer daran schuld ist, dass wir alle keine Zeit mehr für die Dinge haben, die uns wirklich wichtig sind. Und wie es dazu kommt, dass wir uns selbst, die Menschen, mit denen wir zusammen sind, die Natur, in der wir uns bewegen, darüber verlieren.

Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, dann vermute ich, dass es Ihnen ähnlich geht. Dass Sie wissen möchten, wie Sie aus dem Hamsterrad eines immer schnelleren Lebens aussteigen und Ihr Leben verlangsamen können. Und so viel sei schon einmal verraten: Es geht tatsächlich! Es liegt ganz allein an Ihnen und dass Sie sich dafür entscheiden.

Sie wollen es wirklich? Dann schalten Sie als Erstes jetzt mal Ihr Smartphone ab, stellen Sie Ihr Telefon auf lautlos und sorgen Sie dafür, dass Sie sich ganz ungestört auf eine Sache konzentrieren: auf dieses Buch. Ich verspreche Ihnen, es lohnt sich.

Hier erfahren Sie nämlich, wie Sie es schaffen, Ihr Leben tatsächlich zu verlangsamen, wie Sie die Kunst des reinen Nichtstuns lernen und warum es sinnvoll ist, sich mehr Stunden für das Wesentliche zu gönnen. Sie erfahren, wie Sie selbst wieder zum Herrscher über Ihre eigene Zeit werden und dass Sie die Zeit dehnen können, sodass sie Ihnen viel länger vorkommt, als es die Uhr anzeigt.

Wenn Sie das wirklich möchten, dann werden Sie nicht darum herumkommen, sich dem Zeitgeist des Fast-Life ganz bewusst zu widersetzen. Wenn Sie sich nicht mehr mit der Ausflucht begnügen, dass Sie eigentlich ganz anders sind. Um wirklich anders mit sich und Ihrer Zeit umzugehen, bedarf es vor allem eines festen Entschlusses, ohne den nichts geht, zu dem ich Sie in diesem Buch ermuntern möchte. Wie ein solcher Entschluss reifen kann und wie Sie ihn jeden Tag aufs Neue festigen, dazu habe ich mich selbst und andere Leidensgenossen um mich herum beobachtet und daraus eine Menge kleiner Tipps für Sie entwickelt.

In diesem Buch geht es darum, wie wir unsere Zeit erleben und empfinden, und nicht darum, wie wir möglichst viele Aufgaben in möglichst wenig Zeit erledigen können. Es geht hier nicht um Zeitmanagement. Zeitmanager fragen sich nämlich nur, wie die uns zur Verfügung stehenden Stunden optimal genutzt werden können, sie honorieren möglichst viel Tätigkeiten, singen Loblieder auf Multitasking, ahnden Untätigkeit und reduzieren damit die Frage nach der Qualität der Zeit auf die Frage nach ihrer nützlichen Verwendung. Multitasking hat sich längst als Lüge und Verflachung des Lebens herausgestellt. Es geht mir nicht darum, wie wir die Zeit, die uns zur Verfügung steht, effektiver nutzen können. Was Sie in diesem Buch deshalb nicht erfahren, ist, wie Sie möglichst viel Zeit sparen können, wie Sie die Zeit im ökonomischen Sinne noch besser nutzen und wie Sie in geringerer Zeit noch mehr Dinge erledigen können.

Im Gegenteil: Das Buch plädiert dafür, seine Zeit auch einmal ganz bewusst zu verschwenden. Bewusst aus den Zwängen der Ökonomisierung von Zeit herauszutreten. Auch einmal faul zu sein, einen Termin sausen zu lassen, zu trödeln, bummeln, flanieren oder einfach mal nichts zu tun, was auch nur im Entferntesten einen ökonomischen Sinn haben könnte. Es plädiert dafür, sich an die Gegenwart auszuliefern, was nichts anderes heißt, als dass wir die Zeit vollständig vergessen und damit Gegenwart als ein Stückchen Ewigkeit erfahren.

Sie erfahren, dass es Sinn macht, unvernünftig mit Ihrer Zeit umzugehen, dass es eben nicht darauf ankommt, Zeit zu sparen, sondern dass wir sie hin und wieder ganz bewusst verschwenden sollten. Und dazu braucht es einen bewussten Akt des Widerstandes gegen das herrschende Zeitregime. Genau dazu ruft dieses Buch auf. Es ist ein flammendes Plädoyer für mehr Langsamkeit im Alltag, die Rückbesinnung auf das Wesentliche und die Wiedererlangung der menschlichen Würde.

Indem Sie sich aus den ökonomischen Zwecken der Zeitverwertung ausklinken, werden Sie sich auf den Weg eines Revolutionärs machen. Und als solcher widersetzen Sie sich ganz bewusst all dem, was heute gemeinhin als nützlich und ökonomisch sinnvoll gilt. Und ich verspreche Ihnen: Wenn Sie das tun, werden Sie einen neuen Luxus erleben: den Luxus, wieder mehr Zeit für die wesentlichen Dinge zu haben. Und genau darum geht es doch im Leben.

Das Zauberwort dazu heißt »Slow«. Kommen Sie mit auf eine abenteuerliche Zeitreise! Ich verspreche Ihnen, Sie werden es nicht bereuen.

Also noch mal die Frage:

Haben Sie es eilig?

Vielleicht antworten Sie:

Jetzt erst einmal nicht.

Viel Spaß bei der Lektüre dieses Buches!

1.

Wie die Zeit entsteht

»John war schon zehn Jahre alt

und noch immer so langsam,

dass er keinen Ball fangen konnte.«

STEN NADOLNY

Wie waren doch früher die Sommer so lang, und manche Schulstunde dehnte sich ins Unermessliche. Endlos schien die Zauberzeit des Advents, bis schließlich das 24. Kalenderfenster zu öffnen war. Die Erinnerung an unsere Kindheit enthält viele Momente von langsamer Zeit.

Als Kind, vielleicht im Alter von neun oder zehn, habe ich stundenlang meiner kleinen Schildkröte zusehen können, wie sie in ihrem Freigehege, das ich ihr mit Maschendraht unterm Apfelbaum im Garten meiner Eltern gebaut hatte, gemächlich umherlief. Von einer Ecke in die andere. Und von da zur nächsten. Und wieder zurück.

Ich saß bei ihr und schaute ihr reglos zu, wenn sie das Salatblatt, das ich ihr vors Maul gelegt hatte, sich ganz langsam einverleibte: Zuerst schob sie ihre pelzige, magentafarbene Zunge zwischen ihren Kiefern nach vorn, um einen Vorgeschmack auf das Blatt zu bekommen, dann erst öffnete sie ihr kleines Maul und zog das Blatt Stück für Stück in sich hinein. Ganz langsam. Ein Anblick, in den ich mich an so manchem Nachmittag vertiefte. Ich schaute nur. Staunte. So vergingen etliche meiner freien Kindheitsnachmittage in der Betrachtung dieses kleinen unbeholfenen Tieres. Ich musste mir dazu keine Zeit nehmen, Ich hatte sie einfach.

Wenn ich daran zurückdenke, wenn dieses Bild aus meiner Kindheit noch einmal in mir aufscheint, dann war es wohl vor allem die Langsamkeit der Bewegungen, die Stille, das Unaufgeregte, Bedächtige, in der dies alles vonstattenging, was mich faszinierte und regelrecht in seinen Bann nahm. Denn was sollte eine Schildkröte schon sonst Interessantes an sich haben.

Und heute: Gerade erst war es Punkt drei, und nun ist es schon zwölf Minuten vor sechs. Wo sind sie geblieben, die letzten Stunden? Habe ich sie überhaupt bemerkt? Und verrauschen heute nicht genauso die Wochen, Monate, ganze Jahre mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter wie im Nichts?

Auch nach meinem Empfinden scheint sich die Zeit immer mehr zu beschleunigen. Und wenn ich mich so umhöre, teile ich dieses Empfinden mit vielen Menschen. Verglichen mit der Kindheit oder dem jungen Erwachsenenalter, vergeht heute ein Zeitraum von fünf bis sechs Wochen wie im Flug. Wirklich, schon wieder ein Jahr? Wie kommt das?

Beschleunigt sich die Zeit mit dem Älterwerden wirklich? Ist das ein Naturgesetz? Oder können wir dem entgegenwirken? Wie gehen wir mit der Zeit überhaupt um? Wie mit einem ungezogenen Kind, das sich nie so verhält, wie wir das gerne hätten? Können wir sie vielleicht wieder verlangsamen, sodass uns ein Jahr wieder wie ein ganzes Jahr vorkommt – also mit zwölf Monaten und 365 Tagen?

Es ist genau diese Sehnsucht nach einem langsameren, intensiveren Leben, die heute immer mehr Menschen verspüren.

Die Lüge vom Zeitsparen

»Man muss nur immer mehr und mehr haben,

dann langweilt man sich niemals.«

MICHAEL ENDE

Dass das Leiden unter einer zunehmenden Beschleunigung des Lebenstempos kein neues Problem ist, auch wenn es heute so ausgeprägt zu sein scheint wie noch nie, zeigt ein Gedicht, das Heinrich Heine bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts schrieb:

Das Herz ist mir bedrückt, und sehnlich

gedenke ich der alten Zeit;

die Welt war damals noch so wohnlich,

und ruhig hin lebten die Leut.

Doch jetzt ist alles wie verschoben,

das ist ein Drängen! Eine Not!

Gestorben ist der Herrgott oben,

und unten ist der Teufel tot.

Und alles schaut so grämlich trübe,

so krausverwirrt und morsch und kalt,

und wäre nicht das bisschen Liebe,

so gäb es nirgends einen Halt.

Schon Heine litt darunter, dass in der Moderne die mechanische Uhr zum Zeitgeber geworden und damit die getaktete Zeit aufgekommen war. Zugleich beklagt er bereits das »Drängen«, die Hetzerei und dass nirgends – außer in der Liebe vielleicht – sich unsere Seele noch wohnlich und gemütlich einrichten kann.

Wie soll das aber funktionieren: die Zeit dehnen, sie vielleicht sogar anzuhalten, langsamer leben? Um das herauszufinden, gilt es einen Blick auf das heute herrschende Zeitkonzept zu werfen. Wie denken wir über die Zeit? Was ist sie für uns?

Wir haben uns heute angewöhnt zu sagen: »Zeit ist Geld.« Wenn dem aber so wäre, dann müssten Kinder, Arbeitslose, Obdachlose, Kranke oder Rentner enorm reich sein, was sie vom ökonomischen Standpunkt aus aber wohl nur in seltenen Fällen sind. Auch wenn wir uns daran gewöhnt haben, dass wir mit der Zeit umgehen wie mit etwas Materiellem, kann es das nicht sein. Zeit ist nicht Geld. Was ist aber dann die Zeit?

Mit der Vorstellung, dass die Zeit ein Ding sei, dass es also lediglich um den richtigen, den möglichst ökonomischen Umgang mit ihr ginge, dass wir sie sparen, verschleudern oder nutzbringend einsetzen könnten, spielt Michael Endes berühmte Erzählung »Momo oder die Geschichte von den Zeit-Dieben und dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte«:

Momo ist ein Mädchen, das wie eine Landstreicherin in der Ruine eines kleinen römischen Amphitheaters am Stadtrand lebt. Ihre größte Fähigkeit besteht darin, anderen Menschen zuzuhören und sie dadurch in ihren Bann zu ziehen. Sie schütten Momo dann ihr Herz aus und spüren, dass sie selbstständig, charakterstark und mit ihrem Leben zufrieden ist.

Eines Tages tauchen in der Stadt Zigarre rauchende aschgraue Herren in spinnwebfarbenen Anzügen mit bleigrauen Aktentaschen auf, in deren Gegenwart es die Menschen fröstelt. Die grauen Herren verstehen sich auf die Zeit, »so wie Blutegel sich aufs Blut verstehen«, und reden den Menschen ein, sie dürften nur noch Nützliches tun, um Zeit zu sparen. Der Friseur z. B. hört auf, mit seinen Kunden zu plaudern, und schneidet ihnen nun die Haare in 20 statt in 30 Minuten. Seine alte taube Mutter, für die er sich bisher jeden Tag Zeit nahm, bringt er in ein Altenheim.

Auch mit Momo spricht einer der grauen Herren. »Man muss nur immer mehr und mehr haben, dann langweilt man sich niemals«, behauptet er. Doch als Momo ihn fragt, ob ihn jemand lieb hat, krümmt er sich und verrät ihr, dass er und seinesgleichen ohne ein von den Menschen angespartes Zeitguthaben nicht existieren können. Weil das vor den Menschen geheim gehalten werden muss, erinnern sich diese nicht mehr an das Gespräch mit den grauen Herren, sobald sie anfangen, Zeit zu sparen.

Momo und ihre Freunde rufen zu einer großen Versammlung auf, um die Wahrheit über die grauen Herren zu verbreiten, aber kein Erwachsener folgt ihrer Einladung. Da führt die Schildkröte Kassiopeia Momo zu Meister Hora, der die Zeit verwaltet. Momo sieht, wie eine Stundenblüte nach der anderen sich entfaltet und verwelkt, während sich bereits die nächste Knospe öffnet.

Als Momo nach einem Jahr in ihr Amphitheater zurückkehrt, vermisst sie ihre Freunde. Auch sie sind Opfer der grauen Herren geworden und haben keine Zeit mehr, um Geschichten zu erzählen oder anzuhören. Die grauen Herren aber wollen von Momo zu Meister Hora geführt werden, damit sie ihr Werk vollenden können. Meister Hora hält die Zeit für eine Stunde an, um Momo Gelegenheit zu geben, den Zeittresor der grauen Herren zu finden. Schließlich gelingt es Momo mit Hilfe der Schildkröte Kassiopeia, die grauen Herren zu überwinden und den Menschen die geraubte Zeit zurückzugeben.

»Momo« – ursprünglich für Kinder geschrieben – ist eine märchenhafte Parabel auf unsere rastlose Zeit, eine Warnung vor »grauen Herren«, die uns einreden wollen, wir müssten unsere Zeit möglichst effizient einteilen – Zeitmanager eben. Was wir in unserem Drang nach Zeitoptimierung dabei vergessen haben: Wir können Zeit nicht sparen oder managen. Geld kann man auf die Bank bringen und bei Bedarf abheben, Zeit nicht. Die Zeit ist kein Ding, das man in der Hand hält.

Zeit ist nichts Materielles, kein Ding, das außerhalb von uns selbst existiert. Wer das meint, der verfehlt sein Leben und für den entzieht sich die Zeit immer mehr, sie vergeht dann immer schneller und verflüchtigt sich schließlich. Wie ein Börsenspekulant, der auf hochspekulative Anlagen setzt und schließlich weniger Geld auf dem Konto hat als zuvor. So ist »Momo« ein Spiegel für die alles beherrschende Vorstellung von der Zeit als messbare physikalische Größe und dafür, wie sehr wir uns, wenn wir uns unter ihr Joch begeben, unsere eigentliche Bestimmung, das Leben an sich verpassen.

Es kommt eben nicht auf die Menge an Zeit an, die uns zur Verfügung steht, sondern auf das, was wir mit ihr tun, wie wir mit ihr umgehen. Darauf, dass wir selbst in der Zeit stattfinden, dass wir uns in ihr spüren. Und darauf, dass wir das, was wir tun, mit dem ganzen Herzen tun. Je mehr wir versuchen innerhalb einer festgelegten Zeitspanne zu tun, umso schneller vergeht für uns die Zeit. Sie läuft uns dann quasi davon, wir haben dann eben keine Zeit mehr.

Weil wir uns immer weniger wiederfinden in dem, was wir tun, kommen wir uns selbst in der Zeit immer mehr abhanden.

Kein Wunder, wenn wir uns dann leer und ausgebrannt fühlen.

Das Geheimnis der Zeit

»Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis.

Alle Menschen haben daran Teil, jeder kennt es,

aber die wenigsten denken je darüber nach.

Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und

wundern sich kein bisschen darüber.

Dieses Geheimnis ist die Zeit.

Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das

will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige

Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann

sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem,

was man in dieser Stunde erlebt.

Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.«

MICHAEL ENDE

Immer mehr Menschen rennen durchs eigene Leben, als ob es darum ginge, möglichst schnell damit fertig zu sein, ganz nach dem Motto »Wer früher stirbt, ist länger tot«. Das, was unseren Zeitgeist als allumfassenden Nenner prägt, ist die rasende Zeit. Dabei begann der Siegeszug der Geschwindigkeit mit der Erfindung und dem Betrieb der Eisenbahn – so schnell konnte kein Mensch mehr laufen! Karl Marx hatte schon vorhergesagt, alle Ökonomie werde schließlich zu einer »Ökonomie der Zeit«. »Dafür habe ich keine Zeit!«, ist der meistverwendete Satz, mit dem wir uns als Opfer des Zeitdrucks entschuldigen. Trotz der Erfindung immer zeitsparenderer Techniken in allen Lebensbereichen (z. B. Mikrowelle, ICE, Fax und Automatikheizung) leiden wir unter einem immer größeren Zeitmangel. Doch in Wahrheit beschleunigt sich die Zeit nicht, sondern wir sind es, die sie mit Ereignissen und Aufgaben so vollpacken, dass sie immer knapper zu werden scheint.

Der Wunsch, möglichst viel in immer kürzerer Zeit immer schneller zu erledigen, hat in alle Lebensbereiche Einzug gehalten. Schneller essen, schneller arbeiten, schneller lesen, schneller schlafen. Einen Brief, den wir früher erhalten haben, beantworteten wir nach Tagen, wenn nicht gar Wochen. Heute fordert jede eingehende Mail von uns, dass wir mitunter nach Minuten, zumindest noch am selben Tag reagieren. Wir verlangen von uns, auch alle möglichen zeitintensiven Aufgaben immer schneller zu erledigen. Immer mehr soll man in der gleichen Zeit erledigen, immer mehr Termine wahrnehmen und sich schuldig fühlen, wenn man sie verpasst. Verbunden mit dieser Beschleunigung ist die Forderung nach immer mehr Effektivität in der äußeren, aber auch in der inneren Welt. Wir sollen schneller trauern, uns möglichst schnell verlieben, wir sollen uns schnell erholen und alles möglichst schnell begreifen, ob bei der Arbeit oder im Rückblick auf unser bisheriges Leben.

Das ungeschriebene Gebot des Fast-Life lautet: Reagiere möglichst schnell, denk nicht lange nach, frag dich nicht, was du wirklich willst, du hast keine Zeit, funktioniere! Und dieses Funktionieren wird uns immer leichter gemacht. Mehr und mehr können wir vieles gleichzeitig und nebeneinander tun. Dabei aber nichts mehr wirklich richtig. Beim Kochen lärmt der Fernseher, während des Telefonats mit dem Headset wird noch schnell eine E-Mail verschickt und nebenher der Abwasch erledigt. Und auch in unserem Privatleben herrscht immer mehr das Prinzip des Multitasking. Warum nur mit der Freundin telefonieren, wenn ich nebenher nicht auch gleichzeitig die Küche aufräumen kann? So hat sich das Gesetz der ökonomischen Effizienz inzwischen auch in unserer Freizeit breitgemacht: Mehr und mehr Handlungsabläufe werden parallel und immer schneller geschaltet.

Und auch die Gesellschaft als Ganzes tut das: Die Mast der Schweine, die Reifung des Käses stehen genauso unter einem Beschleunigungsdruck wie die Kinder in der Schule oder die Entwicklungsabteilungen der Autofirmen.

Alles wird im Kontext der Produktivität begriffen, jede Handlung nach ihrem Nutzen bewertet. Der Glaubenssatz »schneller ist besser« ist erfolgreich in unsere Gehirne implantiert worden.

Nichtstun, Faulenzen oder einfach nur mal abwarten ist dagegen zur schwersten Sünde geworden, die wir heute begehen können.

Und obwohl wir alles immer schneller erledigen und meist mehrere Dinge nebeneinander und gleichzeitig erledigen, unsere To-do-Listen immer umfangreicher werden, leben wir trotzdem permanent in dem Gefühl, irgendetwas versäumen zu können. Das Glück, dem wir hinterherjagen, ist dann immer da, wo wir gerade nicht sind. Wir denken »mit der Uhr in der Hand« und leben wie einer, »der fortwährend etwas versäumen könnte«, so beschrieb Friedrich Nietzsche (1844–1900) einen Zeitgeist, unter dem schon damals die Menschen litten.

Doch es heißt auch: »Dem Glücklichen schlägt keine Stunde!« Was damit gemeint ist, das kennt wohl jeder aus eigener Erfahrung, und wir haben in der Regel auch alle schon erfahren, wie sich unser Zeit-Erleben in einer Krise, z. B. bei einer Krankheit, völlig verändert. Plötzlich geraten unsere sonst so notwendigen Alltagsarbeiten in den Hintergrund, und etwas ganz anderes wird uns wichtig. Wir vergessen dabei die Zeit und erleiden den Augenblick, der sich ins Unendliche dehnt.

Doch die meisten von uns kennen auch Zeiterfahrungen der angenehmen Langsamkeit. Im Urlaub beispielsweise wollen wir nicht ständig Zeit gewinnen, sondern verlieren sie, verlieren uns in der Zeit, vielleicht im Spiel, im bloßen Schauen, im kulturellen Genuss, vielleicht in einem anregenden Gespräch oder bei einem opulenten Mahl. Wir empfinden uns dann lebendig und schauen auf die Dinge anders als im Alltag. Der Augenblick, die Qualität, die Tiefe des Erlebten und nicht die Quantität zählt in solchen Momenten.

Und wir kennen hoffentlich auch die Erfahrung der ersten Verliebtheit. Wir fühlen uns dann einem Menschen so verbunden, dass die Zeit, die wir mit ihm verbringen, uns als so kostbar erscheint, dass wir sie in jeder Minute genießen und auskosten wollen. Da jauchzt die Seele: »Augenblick … verweile, du bist so schön«, und der Augenblick tut uns den Gefallen, und wir haben das Gefühl, als ob wir einen Menschen schon ewig kennen würden, obwohl wir erst wenige Tage mit ihm zusammen sind.

Die unterschiedlichen Zeiterfahrungen zeigen, dass die Zeit nicht nur das sein kann, was die Uhr anzeigt, sondern dass sie auch etwas mit unserem Inneren, unserem Bewusstsein zu tun haben muss. Unser subjektives Zeitempfinden hängt also ganz entscheidend von dem ab, was wir gerade tun und wie wir uns dabei fühlen.

Liegt demnach nicht eine Möglichkeit, die Zeit zu dehnen, sie zu verlangsamen, darin, dass wir uns jeweils intensiv und mit unserer ganzen Person auf das einlassen, was wir gerade tun? Einlassen auf den Augenblick? Einlassen auf uns selbst, auf einen anderen Menschen?

Die Zeit bin ich

»Die Zeit ist ein Tiger, der mich verschlingt,

aber ich bin der Tiger.«

JORGES LUIS BORGES

Zeit gehört zu den vertrautesten und zugleich am wenigsten verstandenen Begriffen, mit denen wir umgehen. Schon Augustinus verzweifelte bei der Frage nach dem, was Zeit ist: »Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht.«