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Trend- und Zukunftsforscher Oliver Leisse beantwortet in seinem Buch "So geht Zukunft" die wichtigen Zukunftsfragen, die uns in den unsicheren Corona-Zeiten besonders stark beschäftigen: Was kommt jetzt auf uns zu? Worauf müssen wir achten? Wie können wir rechtzeitig reagieren und uns bestmöglich aufstellen? Welche Themen werden nach Corona wichtiger? Jetzt kommt es darauf an, die Zusammenhänge zu erkennen, die richtigen Schlüsse zu ziehen und die richtigen Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Das ist nicht so leicht, denn wir leben in einer komplizierten, schnellen und unsicheren Welt. Hier setzt Oliver Leisse ein, sein Rat lautet: Die Zukunft ist voller Möglichkeiten und Chancen - wenn wir uns vorbereiten und mutige und auch riskante Entscheidungen treffen. Leben ist, wenn es anders kommt. Lassen wir uns auf dieses Abenteuer ein. Jeder Tag ist jetzt ein Tag neuer Möglichkeiten. Jeder Tag erfordert neue Entscheidungen. Da ist es gut, wenn man eine Idee davon hat, wie Zukunft geht. Und was konkret zu tun ist. Wir entscheiden heute, wie wir morgen leben werden.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Sehen: Du kannst in die Zukunft schauen.
Impulse und Einsichten für Deine Zukunft.
Du kannst in die Zukunft sehen.
1. Schaffe mehr Optionen.
2. Schau Dir an, was um Dich herum passiert.
3. Erkenne das große Bild (machbar!).
Starten: Das Unsicherheits-Paradox.
Die beispiellose Situation.
Der Kern der Krise.
Es bleibt schwierig. Die vier Krisen.
Die Corona-Krise.
Die Wirtschaftskrise.
Die Systemkrise.
Die Klimakrise.
»Immer Tag eins.«
Die drei Gesetze der Unsicherheit.
1. Du kannst Dir nicht sicher sein.
2. Nimm die Unsicherheit an.
3. Die Unsicherheit ist Deine Chance.
Handeln: Der Ausbau.60
Die Stunde der Allrounder*innen.60
Das neue digitale Leben.
Die neue Arbeit.70
Vertraue dem Rudel: Netzwerke und Diversität.
Der neu organisierte Alltag.
Kümmere Dich um Deine Gesundheit.
Körperliche Gesundheit. 91
Neue Wege der Prävention.
Konvergenz und Biotech.
Megatrend Ernährung.
Mentale Gesundheit.
Immer besser werden.
Denken: Die Ausrichtung.
Das Unbehagen mit dem Status quo.
Wohlstand.
Die leise Revolution der Millennials.
Die Nachdenklichkeits-Gesellschaft.
Die Spaltung der Gesellschaft.
Die Frage nach dem Warum.
Nachhaltigkeit und ein anderer Konsum.
Die Verantwortung der Verbraucher*innen der Zukunft.
Die Verantwortung des Angebots der Zukunft.
Die Macht der Generation Z.
Die Renaissance der Werte.
Ehrlichkeit.
Vertrauen.
Mut.
Empathie.
Träumen. Der Aufbruch.
Wer eine Vision hat, ist vorn.
Algorithmen, Automatisierung und die digitale Revolution.
KI und Kreativität.
Ein Leben mit Künstlicher Intelligenz.
Ausblick KI.
Die andere Arbeit.
Alexa: Gute Seiten, schlechte Seiten.
Die spielerische Zukunft.
Besser lernen.
VR in der Medizin.
VR und Tourismus.
Spiel der Welten.
Die neue Mobilität.
Auswirkungen auf den Tourismus.
Leben in den Metropolen. Wie sich unsere Lebensräume verändern.
Die Städte werden aufgeräumt.
Meine Vision zu einem neuen Kompetenzfeld.
Zum guten Schluss: Meine Impulse in der Übersicht.
Ich sage Danke.
Anhang: Anregungen zum Weiterlesen236
Literatur
Online
Eine kleine Einführung, wie man die Zukunft erkennen kann und weshalb mir dieses Buch für Dich am Herzen liegt.
Ende März 2020. Von jetzt auf gleich stehen weltweit Millionen Menschen ohne Jobs da, sind Eltern von Home-Office plus Home-Schooling überfordert; steht das öffentliche Leben vom einen auf den anderen Tag still. Die weitreichenden Folgen für die Wirtschaft sind überhaupt nicht absehbar.
Wir alle sind betroffen und stehen immer noch ein wenig im Dunkel. Unsere Zukunft muss neu angedacht werden.
2020 hat uns wie schon lange kein Jahr davor gelehrt, dass es nur eins gibt, das sicher ist: die Unsicherheit.
In unsicheren Zeiten braucht man jemanden, der mit einer Laterne erst einmal in alle Richtungen und vor allem in die dunklen Ecken leuchtet. Man kann zwar nicht jeden Stein umdrehen, aber sich auf die größten konzentrieren. Daher werde ich versuchen, Dir meine Perspektive zu vermitteln, meine Sicht auf das, was passieren wird. Das mache ich bewusst eher in der Breite, nicht so sehr in der Tiefe. Wenn es mir gelingt, Dich für ein Thema zu begeistern, umso besser, da kannst Du dann einsteigen und es für Dich vertiefen.
Liebe*r Leser*in, ich schätze Dich, habe Respekt vor Deiner persönlichen Leistung und vor Deinem Alter. Bitte nimm mir nicht übel, dass ich hier das vertrauliche Du nutze, um Dich anzusprechen. Ich finde das etwas verbindlicher, wir kommen uns trotz der nur gedanklichen Verbindung näher.
Und keine Angst: Es wird bei aller Unsicherheit eine großartige Zeit, die auf uns zukommt – und ich würde Dich gern mit vielen guten Einsichten dabei unterstützen, sie für Dich möglichst gut zu nutzen.
Darauf kommt es jetzt mehr als alles andere an – zu verstehen, was auf uns zukommt, und dann mithilfe der richtigen Impulse und Anregungen zu handeln. Viele Unternehmen tun sich hier schwer, sie sind zu langsam und wissen nicht, was die Menschen wirklich wollen.
Ich erinnere mich immer noch gern an ein Interview, das Steve Jobs 2007 gegeben hat. Gerade hatte er das iPhone vorgestellt. Er wurde gefragt, welche Produkte aus seiner Sicht in der Zukunft erfolgreich sein werden. Er hatte natürlich eine Antwort. Er sagte, dass seien die Produkte, die den Menschen helfen, durch die kommenden Herausforderungen zu navigieren. Und die müsse man gar nicht bewerben, sondern die Menschen würden selbst erkennen, dass sie hilfreich sind. Das war zu einem Augenblick in der digitalen Entwicklung, als noch alle über das iPhone lachten und etwa Nokia sich nicht mal die Mühe machte, die Geburt des Smartphones zu kommentieren. Aber viele Menschen fanden das iPhone hilfreich. Heute ist es eine Art Universal-Fernbedienung für unser Leben. Steve Jobs’ Aussage erreichte mich damals. Und das ist genau das, was ich auch mit diesem Buch bezwecke: dir zu helfen, besser durch die kommende Zeit zu kommen.
Kann ich das? Vielleicht. Seit 2000 beschäftige ich mich intensiv mit den hochspannenden Entwicklungen der Zukunft. Ich kam damals aus der Werbung. Ja, ich habe auch für Waschmittel Konzepte geschrieben (langweilig), aber auch fünf Jahre für Apple Strategien für die Kommunikation entwickelt – und sogar einmal in Apples Hauptquartier in Cupertino ein Konzept präsentiert (äußerst kurzweilig).
Nach vielen Jahren in der Kommunikation hatte ich Lust auf was Neues. So habe ich dann 1998 mit zwei Partnern ein Online-Marktforschungsunternehmen gegründet (langweilig), dann aber 20 Prozent der Anteile an einen Investor verkauft (äußerst kurzweilig). Von solchen Deals kann man heute bei Investoren-Shows im Fernsehen nur träumen. Und das Unternehmen, das wir damals gründeten, gibt es heute, über 20 Jahre später, immer noch.
Ich habe mich damals mit meinen Partnern für Online-Marktforschung, mehr aber noch für Zukunftsforschung interessiert. Denn was gibt es Spannenderes, als zu erkennen, was alles auf uns zukommt, um dann die logischen Schlüsse zu ziehen? In der Werbung kümmert man sich darum, wie man die Nachfrage, die es gibt, bedient, indem man die Produkte begehrenswert gestaltet oder mit Bedeutung auflädt. Aber was sind die Produkte, die die Menschen morgen haben wollen? Wie erforscht man Zukunft? Wie kann man Menschen und Unternehmen auf die Zukunft vorbereiten?
Robert Jungk, einer der ersten deutschsprachigen Zukunftsforscher, hat bereits 1952 gesagt:
»Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten. Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: Die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn rechtzeitig erkannt, verändert werden.«
Aha. Also müssen wir nur das Heute besser verstehen, dann würden wir das nahe Morgen erkennen? Genau. Du siehst, ein einfacher Gedanke, aber mächtig. Und leider nicht ganz leicht in der Umsetzung.
Anfang des Jahrtausends zog ich mich hoch motiviert (und mit wenig Ahnung) mit einem kleinen Team für knapp ein Jahr nach Kapstadt zurück. Von dort baute ich ein Netzwerk von Mitarbeiter*innen in aller Welt auf, eine Community sehr guter Zukunftsanalyst*innen in 50 Metropolen.
Mein Team und ich befragen Menschen in aller Welt, was sie wollen, wie ihre Einstellung ist, was sie sich wünschen und was sie gerade nicht so gut finden. Wie entstehen eigentlich Trends? Ich habe da jetzt 20 Jahre Erfahrung und eine klare Antwort. Es ist nicht so, dass Unternehmen in der Lage wären, von sich aus in der kreativen Bastelecke Trends zu kreieren. Trends sind immer die Folge von Wünschen und Bedürfnissen in der Gegenwart. Eine erst noch unkonkrete Nachfrage nach einem neuen Angebot entsteht. Dann treffen erste Angebote eher zufällig die Wünsche der Menschen – und dann geht es los. Ein neuer Trend entsteht. Verkürzt gesagt: Die Menschen lieben Kaffee, aber das Angebot war ärgerlich undifferenziert. Immer dieser olle Filterkaffee. Dann kommt Starbucks in den 1970er-Jahren daher und kann die latente Nachfrage nach einem leckeren, individualisierbaren Kaffee befriedigen. So erfolgreich, dass es jetzt ca. 30 000 Starbucks-Filialen in 80 Ländern gibt.
Starbucks markierte indirekt auch den Beginn meiner Arbeit in der Trendforschung: 2001 war unser erster Kunde Nestlé. Dort wollte man wissen, was da mit Starbucks für ein Konkurrent heranrollt und wie er den Markt verändern würde. Daraufhin analysierten wir den Kaffeekonsum weltweit nach Marken, Ritualen und Trinkweisen, um herauszufinden, welche Bedürfnisse Nestlé für seine Kund*innen bedienen könnte, um als globales Unternehmen weiterhin eine wichtige Rolle zu spielen.
Ich erinnere mich an den Report einer Mitarbeiterin aus Singapur. Sie hatte bei der Recherche entdeckt, wie manche Taxifahrer*innen dort ihren Kaffee trinken: Sie schütten ihn in eine Plastiktüte, fügen einen Strohhalm dazu und verknoten das wabbelige Ding am Außenspiegel ihres Taxis, damit bei der Fahrt nichts rausschwappen kann … eine interessante Interpretation des Coffee to go. Der Konsument hat ein Bedürfnis und sucht nach Wegen, es zu befriedigen.
Es folgten viele spannende Projekte. Wir haben beim Q7 für Audi auf drei Kontinenten analysiert, warum die Menschen SUVs toll finden und wie man auf Basis dieses Wissens einen deutschen SUV auf dem internationalen Markt positionieren könnte.
Für REWE haben wir die Premium-Handelsmarke Feine Welt entwickelt, für die TUI neue Markenkonzepte, für Microsoft die Zukunftschancen für Browser und die E-Mail analysiert und für die Deutsche Bank haben wir die Filiale der Zukunft in Berlin mitentwickeln dürfen.
Tja, so war das, so bin ich zur Trend- und Zukunftsforschung gekommen.
Der Weg war steinig, denn beinahe wäre ich gleich am Anfang mit Vollgas in die Pleite geschlittert. Unser Start-up hatte hohe Kosten, aber keinen Investor. Ich hatte wenig bis keine Ahnung, wie man Venturecapital bekommen kann, aber unter Druck ist die Lernkurve dann sehr steil. Ich erinnere mich an einen Tag im Spätsommer 2000, alle Verträge waren mit einer Bank, die sich bei uns beteiligen wollte, unterschriftsreif verhandelt. An einem Freitag um 12 Uhr sollten wir dort mit einem Notar alle Verträge unterschreiben. Um 11:30 Uhr kam der Anruf, dass die Bank kalte Füße bekommen hatte. Der Deal platzte – und es wurde richtig eng. Wir haben dann parallel mit zwei Investoren verhandelt, um nicht wieder in die Abhängigkeit der Entscheidung nur eines Partners zu kommen. Wir bekamen im letzten Moment unsere Finanzierung – und alles ging gut.
Der Druck für uns alle steigt in diesen Zeiten. Aber wir lernen auch schnell, uns neu aufzustellen. Aktuell habe ich dieses Buch geschrieben, habe mit Partnern einen bio-zertifizierten Drink entwickelt und halte meine Vorträge erstmals online.
Sicher prüfst Du auch Deine Optionen, überlegst, was jetzt zu tun ist. Deine Lernkurve zeigt sicher auch gerade steil nach oben.
Wir müssen immer bereit sein, das Spielfeld zu wechseln. Jede Zeit hat ihre Herausforderungen, ständig öffnen sich neue Türen und alte schließen sich.
Wappne Dich für die Zukunft, sie ist ein fließender Prozess und ich habe gelernt: Du bist morgen die Entscheidung, die Du heute triffst.
Na ja, und morgen ist dann schon wieder alles anders und Du brauchst wieder neue Entscheidungen. Packe Deinen Rucksack, so gut es Dir gelingt, und stelle ihn in die Ecke, neben die Tür. Dann bist Du bereit, wenn es schnell gehen soll. Was Du in den Rucksack reinpackst, darüber werden wir in diesem Buch noch reden.
Ich kann Dir helfen, in Deine eigene und unser aller Zukunft zu schauen. Denn das, was mein Team und ich in den letzten 20 Jahren für viele Unternehmen gemacht haben, kannst Du auch, es ist kein Hexenwerk. Bereite Dich einfach so gut wie möglich auf die Zukunft vor.
Menschen schauen in den Himmel oder auf die Wetter-App und kramen dann einen Regenschirm aus der Garderobe hervor. Klar, das klingt für viele ein bisschen spießig, ist aber genau in dem Moment schlau, in dem es zu schütten anfängt. Deine persönliche Zukunftsforschung ist nichts anderes: Du musst Dich gründlich vorbereiten und den Himmel studieren, bis Du verstehst, welche Wolken wirklich nach Regen aussehen, wie stark der Wind bläst und ob es ein Gewitter gibt. Ein bisschen Übung und Du verstehst das Wetter – ein bisschen Eintauchen in die künftigen Entwicklungen und Du verstehst die Zukunft. Ob Du Dir als Vater Gedanken über die Entwicklung Deines Kindes machst, als Managerin überlegst, wie Du Dein Team führen kannst, wenn es von zu Hause aus arbeitet, oder als Produktentwickler*in neue Trends suchst – mit guter Vorbereitung fängt alles an.
Und das geht so:
Wenn ich damals nicht neugierig gewesen wäre, würde ich immer noch in der Werbung sitzen. Das, was ich jetzt mache, ist viel besser: Menschen und Unternehmen auf die Zukunft vorzubereiten. Wozu ich immer raten würde: Probiere ganz viele Dinge aus und lasse Veränderung in Deinem Leben zu.
Die Zukunft ist ein anderes Morgen. In dieser Dimension kann es sein, dass sich Deine alte Welt von jetzt auf gleich ändert. Dann sind mehrere Optionen eine gute Sache. Für Menschen aus der Gastronomie, Künstler*innen oder auch ganz konkret Angestellte bei der Lufthansa änderte sich Anfang 2020 durch die Pandemie das Spiel buchstäblich über Nacht. Lockdown. Nur wenn man für solch eine Zukunft vorbereitet ist, kann man nach Plan B agieren. Das muss vor allem die Tourismusbranche.
Die TUI etwa ist das größte Touristikunternehmen Europas, und die TUI kann aktuell auch nur Touristik. Wenn die Menschen aber nicht mehr reisen dürfen oder wollen – ob der Grund nun ein Virus oder die Entscheidung ist, die Umwelt zu schonen, dann gibt es keinen zweiten Plan. Die TUI hatte mal einen Plan und investierte in die Schifffahrt, verkaufte aber 2008 die Beteiligung am Hapag-Lloyd-Containerschifffahrts-Geschäft wieder und konzentrierte sich auf den Tourismus. Die TUI musste 2020 einen Hilfskredit von 1,8 Milliarden Euro aufnehmen.1
Mein Rat: Optionen aufbauen. Denn auch wenn ich versuche zu erkennen, was die Zukunft in der nächsten Zeit für uns bereithält – sie ist in ihrem Wesen unberechenbar. Daher gilt: Das, was wir gestern gelernt haben, kann morgen schon nicht mehr relevant sein. Was wir damals im Studium gelernt haben, ist heute vermutlich kaum noch von Wert. In seinem Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert stellt der israelische Historiker Yuval Noah Harari eine gute Frage: »Was sollte man heute einem 15-Jährigen raten?« Seine Antwort: »Höre nicht auf Deine Eltern.« Die wussten vielleicht in der Vergangenheit, was gut für ihre Kinder ist. Heute ist das altes Wissen, das nicht mehr ausreicht, um einen guten Rat zu geben – denn wir Eltern wissen ja selbst nicht, was in der nahen Zukunft passieren wird, und somit auch nicht, welche Ratschläge für unsere Kinder wirklich sinnvoll sind. Daraus folgt:
Studiere die Gegenwart und erkenne in ihr die Zukunft, so wie das Robert Jungk empfohlen hat. Dazu solltest Du für neue Optionen offen sein, wissen, wo Du suchen kannst, und ständig in neue Welten eintauchen.
Zum Beispiel, was die anderen gerade machen. Es gibt so viele spannende Zukunftsideen und Vordenker*innen, von denen wir lernen können. Tauche ein in die Denkweise des Visionärs Elon Musk, der mit Tesla der deutschen Automobilindustrie das Fürchten gelehrt hat und der auf Hochtouren daran arbeitet, dass wir 2025 erstmals den Mars besiedeln können. Seine Botschaft: Alles ist möglich! Und er hat den Mut, immer wieder anzutreten, um die Beweise zu liefern. Vielleicht landet er auch noch mit uns auf dem Mars. Eines seiner etwas schrägen Zitate: »Ich will auf dem Mars sterben, aber nicht bei der Landung.«
Für viele ist Elon Musk ein Spinner, seinen im Juni 2020 geborenen Sohn nannten er und die Sängerin Grimes X Æ A-XII (der Name wird übrigens »X-Ash-A-Twelve« ausgesprochen). Doch er ist ein Genie. Elon soll nach Aussage seines Bruders schon als Jugendlicher zwei Bücher am Tag gelesen haben. Und zwar aus allen Sparten: Sachbücher, Romane, Technisches und Poetisches … Er ist breit gebildet – und kein Spezialist, sondern ein Generalist. Eine gute Voraussetzung für eine Zukunft, die sich immer mehr in unzählige Herausforderungen auffächert – und die nicht nur eine Superfähigkeit von Dir fordert, sondern ganz viele.
Wir sollten von Visionär*innen lernen, aber auch selbst erkennen, was gerade vor unserer Nase passiert. Da hat man oft einen verstellten Blick. Ist es okay, was Deine Kinder lernen? Mache Dir selbst ein Bild davon, ob das reicht. Wenn nicht, hast Du schon einen Plan für die Zukunft und kannst Deine Kinder in den Bereichen, in denen die Ausbildung aus Deiner Sicht zu kurz kommt, unterstützen. Ist Deine Arbeit schlecht organisiert? Dann hast Du einen Anlass, darüber nachzudenken, wie es in der Zukunft besser gehen könnte – Du kannst mit Mitarbeiter*innen über eine optimierte Organisation nachdenken oder bei Dir selbst anfangen.
Elon Musk hat ganz viele Bücher zu unterschiedlichen Themen gelesen. Ich denke, einer der ganz wichtigen Hinweise von mir für Dich: Du brauchst Übersicht über die kommenden möglichen Entwicklungen. Dieses Buch kann nur ein kleiner Anstupser sein. Du brauchst neue Perspektiven, Bewertungen und Anregungen. Es gibt aktuell weltweit viel Medienschelte, weil manche Nachrichtensender nur einseitige Informationen anbieten. Wir brauchen, um in die komplexe Zukunft schauen zu können, ein möglichst genaues Bild. Das setzt sich aus vielen Quellen zusammen. Es gibt aktuell unendlich viele spannende Inhalte, die man mit ein paar Klicks im Netz entdecken kann. Wichtig ist ein breiter Horizont. Wenn Du Dich bisher immer nur für Technik interessiert hast, tauch doch mal in die Welt der Meditation ein oder lies einen Roman. Wichtig ist, dass Du die eigene Filterblase verlässt.
»Liest man, was alle anderen lesen, kann man auch nur das denken, was alle anderen denken.« – Haruki Murakami, Naokos Lächeln
Ein wenig Einsatz ist nötig, aber das Netz hilft Dir. Hier kommt mein Praxis-Tipp:
Du brauchst Anregungen. Als Brainfood und für neue Perspektiven.
Die gibt es zuhauf im Netz, Du musst sie nur sammeln. Was sind Deine Interessen? Mache Dir eine Liste und dann hol Dir eine dieser sehr hilfreichen Apps, die nach Deinen Wünschen Informationen aus dem Netz bündeln. Diese Apps nennt man RSS-Reader. Einen solchen Reader kannst Du als App auf dem Smartphone oder dem Tablet installieren und auch in Deinem Browser nutzen. Kostenlose und effektive RSS-Reader sind zum Beispiel Feedly, Inoreader, Newsify oder Flipboard. Es gibt natürlich noch andere, mit diesen habe ich persönlich gute Erfahrungen gemacht. Sie funktionieren so: Du kannst Inhalte suchen und Themen oder auch konkrete Medien eingeben, die Dich interessieren, und Dir so inspirierende neue Themen erschließen. All diesen spannenden Input abonnierst Du dann und behältst viele verschiedene Nachrichtenquellen automatisch im Auge. Ach ja: Abonnieren heißt nicht, dass Dir Kosten entstehen, sondern nur, dass die Quellen, die du ausgesucht hast, ständig aktualisiert werden.
News werden innerhalb Deines Suchrasters gesammelt und jeden Tag aktuell für Dich in diesen Apps zur Verfügung gestellt. Sehr praktisch. Ich gehe fast täglich durch dieses Tor in alle möglichen Welten auf Entdeckungsreise – rund um das Thema Zukunft. So verlasse ich jedes Mal meine Filterblase und öffne mich neuen Informationen. Ich bekomme auf einen Blick immer tagesaktuelle Infos aus Hunderten Quellen. Zum Beispiel bei Anbietern wie Techcrunch, Fast Company, Mashable, Voicebot.io, Designboom, Engadget. Ich lese Nachrichten aus der Gründer- und Techszene. Aber mich interessieren auch News aus der Medizinbranche, Hinweise, was es an neuen Serien bei Netflix gibt, oder Themen aus Asien, die mich sonst nicht erreichen würden: Finanzen, Wirtschaft, Lifestyle, Design, Ernährung, Architektur, Nachhaltigkeit und Umwelt … es gibt keine Grenzen!
Mit der Zeit habe ich mir so auch ein umfangreiches Suchnetz für die sogenannten Weak Signals angelegt. Das sind erste, noch schwache Hinweise aufkommender Veränderungen. Wenn diese schwachen Signale öfter auftauchen, noch dazu in mehreren Metropolen der Welt, kann es sich um eine Trendströmung handeln, die, wenn sie stärker wird, unser Leben oder zumindest Aspekte unseres Lebens verändern kann.
Wenn in immer mehr Metropolen der Welt Hafermilch und anderer veganer Milchersatz in den Regalen steht, weiß man zum Beispiel: Die Kuh hat bald weniger zu tun.
Eine der großen Zukunftsforscherinnen unserer Zeit, die Niederländerin Li Edelkoort, hat mal in Kapstadt auf einer Veranstaltung zu mir gesagt: »Die Zukunft zu erkennen, ist einfach. Man muss es nur üben, man kann seine Erkenntnisfähigkeit für Zukunftsentwicklungen wie einen Muskel trainieren.« Und das geht am besten, indem man sich möglichst breit informiert. Also los! Übrigens empfiehlt es sich, all die wirklich interessanten Beiträge, die Du aufspürst, zu sammeln, um sie vielleicht später noch einmal auszuwerten. Dafür gibt es Sammel-Apps wie Pocket, Evernote, Google Keep und andere, die Deine Auswahl archivieren oder sogar unter Themen-Stichworten organisieren. Da ich viele Vorträge halte, sammele ich meinen Input unter den Themenkategorien meiner Vorträge – zum Beispiel »Zukunft der Medizin«, »Neue Arbeit« oder »Entwicklungen im Handel«.
Lerne aus der Gegenwart, die Zukunft zu erkennen. Das gelingt immer besser, je mehr Du übst. Setze bitte nicht nur auf eine Option, halte Dir einen Plan B bereit. Die Zukunft ist letztlich unberechenbar. Ohne eine breite Informationsbasis geht nichts. Bewege Dich raus aus dem Echo-Raum der immer gleichen, Dich immer in alten Mustern bestätigenden Informationen. Lass die Blase platzen und leuchte in alle Ecken, indem Du viele Informationsquellen anzapfst. So ergibt sich ein neues, ganzheitlicheres Bild, und wenn Du nun zurücktrittst und es mit etwas Abstand betrachtest, entdeckst Du in ihm ganz robuste Hinweise auf Deine Zukunft.
1https://de.wikipedia.org/wiki/TUI#Geschichte
Im zweiten Kapitel geht es um den Kern der Krise, das um sich greifende und alles durchdringende Gefühl der Unsicherheit, das auch Chancen in sich birgt: Es drängt uns zum nötigen Aufbruch.
Es sollten die Goldenen Zwanziger werden. Wenn man sich die Situation im Sommer 2020 im Handel ansieht, in der die Kassierer*innen in Kabinen sitzen, geschützt von Plexiglas, werden das wohl eher die Plexiglas-Zwanziger. Nicht nur der Einkauf macht einigen keinen Spaß mehr. Das Leben hat sich in dieser Zeit völlig verändert. So hatten wir uns das nicht vorgestellt.
Was ist passiert?
Wir hatten die Weihnachtszeit 2019 gerade noch im totalen Konsumrausch erlebt. Meine Kund*innen waren auf der Suche nach der Produktvariante, die die verwöhnten Kund*innen jetzt noch interessieren könnte. Sie neugierig machen in einer Welt, in der Aufmerksamkeit die knappste Ressource ist.
Was kann man jetzt noch an Geschmacksvarianten kombinieren, damit mein Drink im Regal interessanter wird? Oder sollten wir etwas herausnehmen, weil »frei von«, also das Signal der Reinheit, gerade im Trend ist? Wir als Trendforscher*innen werkelten mit Kund*innen an Lösungen für den sogenannten roten Ozean.
Der rote Ozean ist ein Bild, das die Autoren der Blue Ocean Strategy entwickelt haben, W. Chan Kim und Renée Mauborgne.2
Es geht darum, dass die meisten Märkte ziemlich vollgestopft sind mit sehr ähnlichen Angeboten. Es gibt nur noch kleine Verbesserungen, und die vielen Konkurrenten zerfleischen sich gegenseitig. Wie zu viele Haifische in einem zu kleinen Ozean. Deshalb ist dieser Ozean rot.
Besser ist es, neue Ozeane zu finden, mit einem ordentlichen Innovationsvorsprung, und sich in diesen unbedrängt zu entwickeln. Das geht natürlich nur so lange gut, bis immer mehr Konkurrenten auftauchen, es immer enger wird und der Kampf von vorne beginnt.
Ein Beispiel? Nintendo kommt am 3. März 2017 mit der mobilen Spielekonsole Switch auf den Markt. Die ist technisch den bestehenden Konsolen im Markt deutlich unterlegen. Die Konkurrenz jubelt. Zu früh. Denn die Switch erreicht auf einmal eine neue Zielgruppe: Die Casual Gamer*innen, die hochwertige Spiele einfach zwischendurch oder auch unterwegs spielen wollen. Im Zug, mit den Kindern bei Regen in der Ferienwohnung. Also kreiert Nintendo mit der Switch einen blauen Ozean. Aktuell gibt es noch keinen weiteren Dickfisch in diesem Ozean, die Aktien von Nintendo steigen.
Die Situation Ende 2019? Überall sind die Märkte übervoll, die Ozeane blutrot. Es war schon vor der Pandemie schwierig.
Wohin man blickte: Produkte, die auf sich aufmerksam machen wollten, und dort, wo es an Kreativität in der Innovationskraft und Intelligenz im Marketing fehlte, gab es dann Rabatte und Schnäppchen-Angebote, um die Kund*innen doch noch zum Kauf zu drängen.
Und dann kommt die Corona-Krise – und die Konsument*innen nehmen ein Blatt vor den Mund und gehen erst einmal in sich. Das Blatt ist die Maske, die nötig ist, damit die Ansteckungsgefahr sinkt, es ist aber auch ein Symbol:
Weniger Kommunikation. Kein Lächeln zu sehen, sondern nur eine Stirn, die oberhalb der Maske in Sorgenfalten liegt. Und der Markt merkt es in diesem Jahr: Die Kauflust erlischt. Märkte brechen ein – im Fashionbereich in Deutschland ging der Umsatz in der Spitze um bis zu 71 Prozent zurück.
Der Premiumbereich bricht ebenfalls ein. Selbst die in der Lockdown-Zeit noch offenen Drogerien berichten von Umsatzrückgängen.
Das Leben, die Wirtschaft, Beziehungen, Verkehr, alles bremst von 100 auf 0 herunter. Ansteckungsgefahr. Alles ist geschlossen. Wir bleiben zu Hause. Ein irritierender Ausnahmezustand. Die Situation läuft blitzschnell und doch wie in Zeitlupe ab.
Der Satz, der so oft zu hören war:
Diese Situation ist beispiellos. Oder im Englischen: »unprecedented«.
Wir waren auf einmal Gestrandete in einer Welt der Unsicherheit, voller Masken, beunruhigender Nachrichten, leerer Straßen, geschlossener Restaurants und Flugzeugen, die nicht mehr fliegen. Dazu Bilder von Intensivstationen aus aller Welt, die uns in Panik versetzten, und dann auch noch ein Stakkato von Expertenmeinungen zu jedem Aspekt der Pandemie.
Eine besondere Melange. Wir können sie analysieren und einige Schlüsse für unsere Zukunft daraus ziehen.
Wir haben viel mit unseren Mitarbeiter*innen in aller Welt gesprochen. Mit Stefan in Hongkong, wo man den Corona-Ausbruch mit drastischen Mitteln in der ersten Phase schnell in den Griff bekam und die Krise sofort und mit Kraft in eine Chance umdeutete: Hier schert man sich nicht um die Türen, die zugehen, sondern sucht die, die sich jetzt öffnen. Mit Ulrike in Dubai, die berichtete, wie professionell in dieser besonderen Metropole, die wie keine andere für Luxus und Konsum steht, mit der Situation umgegangen wird. Mit Katharina in Seattle, die sich von dort aus große Sorgen um Amerika machte. Ich selbst war im März noch in Kapstadt und machte mir ein Bild von der Stimmung in diesem europäisch-afrikanischen Schmelztiegel. Die Situation in den Townships war Mitte März noch entspannt, kaum jemand ahnte, was auf Südafrika noch zukommen sollte …
Ich bin heute der Meinung, dass der Kern der Krise mit einem einzigen Wort umfassend zu beschreiben ist:
Unsicherheit.
Der Kern der Krise ist ein Gefühl, es ist der Schock, der uns allen in den Knochen steckt:
Unsere Zukunft ist nicht mehr sicher.
Eine beispiellose Situation. Immer waren wir doch zumindest zu einem hohen Prozentsatz Herr oder Frau der Lage, zumindest gefühlt. Und dann das. Auf einmal sitzen wir nicht mehr auf dem Fahrersitz im Bus unseres Lebens, sondern rutschen einmal durch auf die hinteren Plätze. Und wir kennen weder Fahrer*in noch Ziel.
Rein sachlich betrachtet kann man die Krise bekämpfen. Medizinisch wird es sicher Lösungen geben. In der Prävention werden wir besser. Die Wirtschaft wird unterstützt, die Politik reagiert erstaunlich entschlossen, schnell und flexibel, wenngleich nicht sehr weitsichtig. Aber das Gefühl aus dem März 2020 wird uns noch lange in den Knochen stecken: Nichts ist mehr sicher!
Wir mussten es am eigenen Leib erfahren. Auf einmal, von jetzt auf gleich, kann sich alles verändern. Der feste Job wackelt, der Gang zum Lebensmittelladen wird zum Lauf über ein Minenfeld, der Aktienmarkt gerät ins Schwanken. Künstler*innen verlieren innerhalb von Tagen ihr Publikum. Ganze Flugzeugflotten bleiben am Boden, Reisen sind nicht mehr möglich und werden storniert. Aus Kreuzfahrtschiffen und Hotels werden Quarantänelager.
Auch ich bin persönlich betroffen. Ich halte normalerweise zu ganz unterschiedlichen Zukunfts-Themen an die 70 bis 80 Vorträge im Jahr. Auf einmal hatte ich keine Buchungen mehr, auch meine Zukunft schien plötzlich unsicher – und ich war doch eigentlich Experte!
Es gibt in dieser Lage auch tröstliche Perspektiven und einen neuen Aufbruch, und davon wird dieses Buch noch in aller Ausführlichkeit handeln. Das Wort Krise ist im Chinesischen übrigens aus zwei Zeichen zusammengesetzt: Gefahr und Chance. Es bleibt aber die harte Erkenntnis zurück: Wir können uns im Hier und Jetzt nicht mehr sicher fühlen.
Wir können nicht einmal richtig planen. Langfristige Prognosen, wie ich sie als Zukunftsforscher gerne anbieten würde, sind kaum möglich. Überraschende Ereignisse, disruptive Technologien, wer kann da noch allgemeingültige Aussagen treffen, die Planungssicherheit versprechen?
Es ist ein Paradox. Wir fühlten uns sicher – und waren es nicht. Man muss leider sagen: Unsicher ist das neue sicher.
Was ist zu tun? Wie können wir lernen, damit umzugehen? Wir müssen anfangen, uns der Unsicherheit zu öffnen. Zum einen, weil uns gar nichts anderes übrig bleibt, denn die Unsicherheit wird zur neuen Normalität.
Zum anderen, weil die vermeintliche Sicherheit der Vergangenheit direkt in noch mehr Unsicherheit führte. Viele Unternehmen hatten es sich zum Beispiel ganz gemütlich im ewigen Gestern gemacht. Das Credo dieser Unternehmen: Ja ja, wir wissen schon, wir müssten was tun. Digitalisierung, New Work, neue Geschäftsmodelle, Plattform-Ökonomie, Sharing und vieles mehr. Aber hey, die Kredite sind günstig und die Kund*innen kaufen doch noch das Zeug von gestern …
Und das ist das Dilemma. Wir sind in Deutschland einfach schlecht vorbereitet, um uns in einer Phase der Unsicherheit, wie sie uns die Pandemie beschert hat, einigermaßen zuversichtlich und selbstbewusst zu bewegen.
Unsicherheit ist immer eine Herausforderung. Das ist bei uns sogar genetisch bedingt. Denn schon die Evolution steht gar nicht auf Unsicherheit, weshalb wir Menschen über eingebaute Sicherungen verfügen, die uns schützen sollen.
Kinder essen gern immer das Gleiche. Warum? Weil die Evolution uns gelehrt hat, dass es besser ist, die vertrauten roten Beeren zu essen und wenige Experimente zu machen. Neulich hat ein anderes Kind die grünen Beeren ausprobiert und jetzt ist es nicht mehr da …
Auch bei meinem elfjährigen Sohn ist es einfach unmöglich, ihn an neue kulinarische Genüsse zu führen, selbst wenn wir als Eltern mit gutem Vorbild vorangehen. Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht, heißt es nicht ohne Grund in dem Sprichwort.
Und auch wenn wir längst erwachsen sind, bleiben wir skeptisch. Neue Wege gehen? Lieber nicht. In der Frühzeit waren die neugierigen Draufgänger*innen, die auf dem Weg zum See mal die interessantere Route durch den Sumpf ausprobieren wollten, schnell verschwunden. Die Evolution lehrt uns: Immer auf erprobten Wegen bleiben. Dann geht es Dir gut, sonst gehst Du unter. Dabei ist es heute genau andersherum: Es gibt keine sicheren Wege mehr. Die sicheren Wege entpuppen sich als das gefährliche Sumpfland. Und auf der steilen Klippe, wo noch niemand war, gibt es diese leckeren Wildschweine im Überfluss. Aber man muss dann klettern lernen, neue Wege testen.
Die Welt ist eine andere, als sie in der Evolution vorgesehen war. Es gibt keine Säbelzahntiger mehr, sondern Superspreader*innen und unberechenbare Politiker*innen. Es gibt Künstliche Intelligenz und Roboter, die die kompliziertesten Bodenturnübungen elegant vorführen können. Die Welt ist nicht mehr planbar. Wir können aber dennoch mit dieser Situation umgehen und sie gestalten.
Wir sind in Deutschland ja ein Volk der Planer*innen. Fakten sammeln, sammeln, sammeln, sortieren, bewerten. Einen feinen Plan machen und den dann sorgfältigst umsetzen. Das Ergebnis ist dann als Flughafen Berlin Brandenburg (BER) zu besichtigen. Der sollte 2011 öffnen, aber man hatte sich verplant. Erst neun Jahre später nimmt er den Betrieb auf. Es geht auch anders – und es muss in der Zukunft auch ganz anders geplant werden. US-amerikanische Unternehmen arbeiten anders, agiler. Das heißt, sie arbeiten oft in Sprints, also in kurzen Prozess-Perioden. Dann ziehen sie ein schnelles Resümee: Wo stehen wir, was sind die aktuellen Bedingungen, wie machen wir jetzt weiter?
Man bewegt sich auf dünnem Eis und springt von Scholle zu Scholle. Auf jeder Scholle schaut man sich erneut um und bewertet das Ziel und den Weg immer wieder neu.
