So heilt man heute - Burkhard Sievers - E-Book

So heilt man heute E-Book

Burkhard Sievers

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Beschreibung

Ob Herzinfarkt, Diabetes, Übergewicht, Krebs oder Demenz – die großen Volkskrankheiten greifen weiter um sich.Dabei werden Frauen und Männer häufig falsch behandelt, weil Ärzt*Innen die geschlechtsspezifischen Besonderheiten zu wenig berücksichtigten. So kann es passieren, dass man die Symptome für einen drohenden Herzinfarkt übersieht, weil sie bei Frauen anders sind, oder beim Mann die Osteoporose, weil sie als Frauenkrankheit gilt. In seinem Buch verbindet Prof. Dr. med. Burkhard Sievers fundiertes Wissen und langjährige Praxiserfahrung zu einem brandaktuellen praxisorientierten Ratgeber: Die 10 häufigsten Volkskrankheiten werden unter dem Blickwinkel der Gendermedizin leicht verständlich aufgeschlüsselt. Beispiele aus der Praxis bieten einen anschaulichen Zugang zum Thema und Symptom-Checkboxen liefern ein Frühwarnsystem zur korrekten Einordnung von Beschwerden. Endlich ein Buch, das zeigt, warum Männer und Frauen eine unterschiedliche Medizin brauchen, und was jeder tun kann, um wirksam behandelt zu werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2023

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INHALT

Vorwort

Gendermedizin

Der kleine Unterschied mit großen Folgen

Gewinnen Sie gesunde Lebensjahre

Vorbeugen ist besser als nachsorgen

Die großen Volkskrankheiten bei Männern und Frauen

Bluthochdruck

Was Frauen und Männer darüber wissen sollten

Diabetes mellitus

Zu viel Zucker im Blut

Herzgesundheit

Frauenherzen schlagen anders

Übergewicht

Das große Gesundheitsrisiko für beide Geschlechter

Was können Sie selbst tun? Am Ende der Kapitel finden Sie jeweils das Wichtigste zusammengefasst.

Schilddrüsenerkrankungen

Wenn das Schmetterlingsorgan verrückt spielt

Osteoporose

Haben Sie schon spröde Knochen?

Krebserkrankungen

Warum individuelle Therapien gefragt sind

Depressionen

„Ich bin so müde“ oder „Mit der Faust auf den Tisch“

Demenz

Sich selbst und die Welt vergessen

Covid-19 und Long Covid

Die neuen Volkskrankheiten

 

Test: Bin ich depressiv?

Literatur

Impressum

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Männer und Frauen sind anders. Keine Frage. Sie unterscheiden sich in vielen Bereichen des Lebens. Und das ist gut so. Es darf aber nicht dazu führen, dass jemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird. Was sich erst einmal ganz selbstverständlich anhört, gilt in der Medizin leider nicht immer. Es passiert zu oft, dass geschlechtsspezifische Symptome – zum Beispiel bei Herzkrankheiten – nicht wahrgenommen oder falsch gedeutet werden, dass man Frauen nach einem Infarkt schlechter behandelt oder Männer mit Depressionen alleinlässt oder dass beide Geschlechter die gleichen Medikamentendosierungen erhalten, obwohl Frauen in vielen Fällen weniger brauchen. So etwas geschieht nicht mit bösem Vorsatz, sondern basiert auf Traditionen, die nicht hinterfragt werden, auf mangelndem Wissen und manchmal auch auf Vorurteilen oder Unachtsamkeit.

Ich selbst komme aus der Herz-Kreislauf- und Gefäßmedizin und habe mich schon früh für Frauenheilkunde interessiert. In dieser Kombination kann man die geschlechtsspezifischen Unterschiede kaum ignorieren. Ich wollte die vielen Erkenntnisse der Gendermedizin nicht einfach hinnehmen, sondern sie für eine bessere Medizin nutzen. Deshalb habe ich eine Zusatzqualifikation Gendermedizin erlangt und engagiere mich als einer der beiden stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden in der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e.V. (DGesGM). Der Austausch zwischen den einzelnen Fachdisziplinen liegt mir dabei besonders am Herzen. Mit der geschlechtersensiblen Medizin können wir Fehldiagnosen, Unverträglichkeiten, Therapieabbrüche und schlechte Verläufe vermeiden. Denn es gibt zahlreiche Erkrankungen, bei denen Ärztinnen und Ärzte schon in der Notaufnahme und später auch im Verlauf feststellen, dass geschlechtsspezifische Diagnosen und Behandlungen nötig sind.

Wir wissen heute schon einiges über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Sachen Stoffwechsel, Organfunktion, Immunreaktion oder den Einfluss der Geschlechtshormone, aber längst noch nicht alles. Dieses Wissen hat bestenfalls einen Einfluss auf die Diagnose und die Behandlung der großen Volkskrankheiten, um die es in diesem Buch geht. Ob Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Bluthochdruck, Schilddrüsenerkrankungen, Osteoporose, Krebs, Depressionen, Demenz oder Corona und Long Covid – niemand ist davor geschützt und jeder läuft Gefahr, aufgrund seines Geschlechts falsch, unzureichend oder zu spät behandelt zu werden. Das gilt für Frauen genauso wie für Männer, denn Gendermedizin meint immer beide Geschlechter. Leider ist das immer noch zu wenig bekannt.

Langfristig muss sich einiges ändern: Wir brauchen mehr Studienteilnehmerinnen, sollten hormonelle Schwankungen besser berücksichtigen und weitere Kriterien in die Beurteilung einbeziehen – zum Beispiel Alter, Größe, Gewicht, Lebensstil, Vorerkrankungen und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Die zunehmende Digitalisierung in der Medizin eröffnet uns neue Möglichkeiten, die wir für eine geschlechtsspezifische, individuellere und damit bessere Medizin nutzen sollten.

Nicht nur Ärztinnen und Ärzte müssen die geschlechtsspezifischen Unterschiede stärker berücksichtigen. Auch Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser, können enorm von den Erkenntnissen der Gendermedizin profitieren, indem Sie sich mit dem Thema beschäftigen, vermeintlich „untypische“ Symptome beachten, bei Behandlungen nachfragen und sich entsprechend geschulte Ärztinnen und Ärzte suchen.

Ich wünsche Ihnen eine immer für Sie richtige und optimale ärztliche Diagnostik und Behandlung, vor allem aber Gesundheit!

Ihr

Gendermedizin

Der kleine Unterschied mit großen Folgen

Risikofaktoren, Symptome, Therapien, Reaktionen auf Medikamente – Frauen sind anders krank als Männer. Die vergleichsweise neue Fachrichtung Gendermedizin berücksichtigt das zunehmend und stellt vieles infrage, was bisher galt. Um individueller und gerechter behandeln zu können, ist eine geschlechtersensible Medizin dringend nötig.

Sie litt schon Jahrzehnte lang unter verschiedenen Krankheiten und ging keineswegs gerne zum Arzt. Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, frühe Wechseljahre, kaum Bewegung und viel Stress. Anne W. pflegte ihren bettlägerigen Mann acht Jahre lang, bis er starb. Die 73-Jährige hatte sich gerade ein bisschen von dieser schwierigen Zeit erholt, als sie kurzatmig wurde, schlechter die Treppe hochkam und immer wieder ein Ziehen im Rücken und im Oberbauch spürte. Das wurde eines Abends so heftig, dass sie den Notarzt rief. Im Krankenhaus veranlasste ein junger Arzt ein EKG und andere übliche Maßnahmen. Er entdeckte nichts Besonderes außer leicht erhöhten Entzündungswerten und vermutete eine Magenschleimhautentzündung und Rückenschmerzen. Also schickte er Anne W. mit Schmerztabletten wieder nach Hause. Nach einer quälenden Nacht wollte Anne zu ihrem Hausarzt, schaffte den Termin aber nicht. Sie kämpfte sich auch durch die nächste Nacht. „Bloß nicht wieder ins Krankenhaus“, dachte sie, „da nimmt mich ja doch niemand ernst.“

„Meine Schmerzen interessierten niemanden“

Sie wollte lieber warten, bis ihr Arzt Zeit für einen Hausbesuch hätte. Doch das dauerte. Als die Schmerzen unerträglich wurden, blieb ihr nichts anderes übrig, als wieder den Notarzt zu rufen. In der Notaufnahme passierte das Gleiche wie zwei Tage zuvor: Blutdruck und Puls messen, EKG, Blutabnahme. Diesmal ging aber alles etwas schneller, der Arzt schien erfahrener zu sein. Er diagnostizierte einen Herzinfarkt und schickte Anne direkt ins Herzkatheterlabor, wo schon alles vorbereitet wurde. Dort zeigte sich, dass ein Gefäß verschlossen war. Der Arzt konnte es wieder öffnen. Anne hatte großes Glück, dass sie überhaupt überlebte. Herzmuskelgewebe war abgestorben, ihr Herz geschädigt. Warum hatte sie bloß nichts davon gemerkt?, wollte der Arzt wissen. „Und ob ich was gemerkt habe, aber meine Schmerzen haben niemanden interessiert“, entgegnete sie.

Ein typischer Patientinnenfall: Eine ältere Frau mit hohen geschlechtsspezifischen Risikofaktoren und untypischen Symptomen wird zu spät behandelt. Ihre Prognose ist schlecht, das Sterberisiko deutlich erhöht. In diesem Fall kommen gleich mehrere Besonderheiten zusammen, die deutlich machen, wie umfassend das Thema Gendermedizin ist. Männer und Frauen haben verschiedene Symptome, wenn sie krank werden. Ihre Körper sind anders. Der kleine Unterschied hat große Folgen. Die Geschlechter verhalten sich anders – und werden in der Medizin auch entsprechend behandelt. Nicht unbedingt mit Vorsatz, oft durch Zufall, aus Unwissenheit, aus Mangel an Erfahrung oder einfach, weil sie zurückhaltender auftreten als Männer.

Gendermedizin – was ist das eigentlich?

Ob im Krankenhaus, in Arztpraxen, in der Forschung, bei der Entwicklung neuer Medikamente oder im Operationssaal – bei der Entstehung und Behandlung der großen Volkskrankheiten spielt das Geschlecht eine entscheidende Rolle. Das ist leider immer noch zu wenig bekannt. Fast 80 Prozent der Deutschen haben noch nie davon gehört, dass zum Beispiel Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern – das ergab eine repräsentative Umfrage der Krankenkasse BKK. Die neue Fachdisziplin der Gendermedizin hat es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern und biologische Unterschiede genauso wie Lebens- und Verhaltensweisen der Geschlechter besser zu berücksichtigen. Was genau hat es damit auf sich? Was ist Gendermedizin überhaupt?

Gene, Biologie und gesellschaftliche Rollen

Per Wikipedia-Definition bezeichnet der internationale Begriff Gender Medicine eine „Form der Humanmedizin unter besonderer Beachtung der biologischen Unterschiede von Männern und Frauen, die sich auf die geschlechtsspezifische Erforschung und Behandlung von Krankheiten konzentriert“. Das Wort basiert auf dem englischen Begriff „gender“, der mit soziales Geschlecht übersetzt wird und unterscheidet sich vom englischen Wort „sex“, das das rein biologische Geschlecht beschreibt.

AUTOIMMUNERKRANKUNGEN: WENN DIE ABWEHR VERRÜCKT SPIELT

Ob Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis oder Hashimoto – wenn das Immunsystem sich gegen den eigenen Körper richtet, trifft es vor allem Frauen. Was steckt dahinter?

Bei Autoimmunerkrankungen bildet das Immunsystem Antikörper gegen die eigenen Zellen. Dahinter steckt eine Fehlsteuerung des Systems, bei der vor allem genetische Veranlagungen und Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Stress und Hormonschwankungen können Autoimmunerkrankungen auslösen oder verstärken – bei Frauen zum Beispiel am Ende der Pubertät, nach einer Schwangerschaft oder in der Menopause. Bei Männern kommt die Krankheit seltener – und wenn überhaupt in schwächerer Ausprägung – vor. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist entsprechend groß: 80 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Das hat verschiedene Ursachen.

Geschlechtshormone und Umweltfaktoren

Zum einen beeinflussen Geschlechtshormone die Immunreaktion. Zum anderen spielen verschiedene Genaktivitäten auf dem weiblichen X-Chromosom eine Rolle. Neuere Forschungen zeigen, dass möglicherweise auch die Zusammensetzung der Darmflora Autoimmunerkrankungen beeinflussen kann. Zu den auslösenden Umweltfaktoren gehören bestimmte Infektionen wie zum Beispiel mit Streptokokken, Toxoplasmose, Enterovirus, Helicobacter pylori und anderen. Auch Vitamin D wird als Umweltfaktor diskutiert.

Warun Frauen so oft betroffen sind

Frauentypische Autoimmunkrankheiten sind neben Schilddrüsenerkrankungen (Hashimoto-Thyreoiditis) die rheumatoide Arthritis (Gelenkrheuma), Lupus erythematodes (Schmetterlingsflechte), Polymyalgia rheumatica (Entzündungen und Schmerzen in Muskeln und Gelenken) und Multiple Sklerose. Eine Schlüsselrolle kommt den weiblichen Geschlechtshormonen Östrogen und Progesteron zu. Östrogen verstärkt die Immunreaktion. Progesteron verbessert zum Beispiel die Symptome der rheumatoiden Arthritis und der Multiplen Sklerose in der Schwangerschaft, da der Progesteronspiegel in dieser Zeit steigt. Man vermutet, dass orale Verhütungsmittel oder Hormonersatztherapien mit Östrogenen das Risiko für die Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes erhöhen.

Bei der Gendermedizin geht es also nicht nur um Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die durch Erziehung oder gesellschaftliche Normen entstehen, sondern auch um die verschiedenen körperlichen Voraussetzungen, die Männer und Frauen mitbringen. Mit dem Ansatz, der biologische, psychologische und soziale Aspekte berücksichtigt, macht man sich auf die Suche nach individuellen Ursachen, die in den Genen, in den Zellen, im Stoffwechsel und in der gesellschaftlichen Rolle begründet sind. Das Thema ist in der Wissenschaft und Forschung recht neu. Es wird langsam erkannt und hat erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die Erkenntnisse gehören leider längst noch nicht zum Standard in der medizinischen Praxis.

Gendermedizin meint beide Geschlechter

Häufig wird der Forschungszweig mit Frauenmedizin gleichgesetzt, bei der die gesundheitlichen Bedürfnisse der Frauen besser berücksichtigt werden müssen. Das ist aber nicht ganz richtig, denn Gendermedizin meint immer alle Geschlechtsidentitäten. Auch wenn Frauen aus verschiedenen Gründen tatsächlich häufig benachteiligt sind, sollte man immer auch die Belange der Männer sehen. Am besten lässt sich der Begriff mit geschlechtergerechter, geschlechterspezifischer oder geschlechtersensibler Medizin übersetzen. Während Frauen zum Beispiel bei Herzinfarkten benachteiligt sind, weil „männliche“ Symptome als Standard gelten, fallen Männer eher bei psychischen Erkrankungen durchs Raster, weil sie keine typisch „weiblichen“ Verhaltensweisen zeigen. Die Folgen sind oft fatal und führen möglicherweise dazu, dass Männer mit unentdeckten Depressionen Suizid begehen. Auch bei Osteoporose, die als typische Frauenkrankheit gilt, wird Männern oft nicht angemessen geholfen. Denn nicht nur die Patienten selbst und ihre Verwandten oder Freunde kommen gar nicht erst auf die Idee, dass zum Beispiel Rückenschmerzen auf den gefährlichen Knochenschwund hindeuten können. Auch viele Ärztinnen und Ärzte wissen das nicht.

Frauen sind häufig

benachteiligt. Es gibt aber

auch Krankheiten, bei

denen man die Belange der

Männer beachten muss.

Lange Zeit galt der Mann in der Forschung als Standard. Die meisten Probanden waren männlich, jung und gesund, obwohl längst bekannt war, dass auch das Geschlecht, das Alter, die Lebensumstände und die Herkunft eine große Rolle spielen. Studien mit Frauen galten aufgrund der Hormonschwankungen im Laufe des Zyklus als schwierig, die Ergebnisse waren nicht eindeutig genug. In der Ausbildung spielt die Gendermedizin bis heute noch eine untergeordnete Rolle.

Unterschiedliche Gene haben Vor- und Nachteile

Bereits bei der Befruchtung steht das Geschlecht fest. Eine Eizelle, aus der später ein Mädchen wird, hat zwei X-Chromosomen (XX), die eines Jungen ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Als Chromosomen bezeichnet man Träger der Erbinformation oder genetischen Informationen. Man könnte sie auch als Baukastensatz des Menschen beschreiben, in dem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verankert sind. Diese Codierung der Geschlechtsmerkmale hat Folgen und Auswirkungen auf die Hormone und damit auch auf Stoffwechselprozesse. Außerdem existieren Unterschiede beim Wachstum und bei der Entwicklung von Zellen und deren Regulationsmechanismen. Aufgrund der genetischen Unterschiede gibt es Krankheiten, die vor allem Frauen und andere, die in erster Linie Männer treffen.

Nützliches Doppel-X bei Frauen

Mit dem doppelten X-Chromosom haben Frauen zahlreiche Informationen zweifach, die größtenteils deaktiviert werden, damit sie nicht stören. Ein Teil (etwa 15 Prozent ) bleibt aber trotzdem aktiv und kann enorm helfen: Der Körper einer Frau ist in der Lage, bei Bedarf darauf zurückzugreifen. Das zweite X-Chromosom der Frauen ist eine Art Back-up-Mechanismus; es kann genetische Defekte, also Fehler im Baukastensatz des anderen X-Chromosoms, ausgleichen. Das X-Chromosom trägt vor allem die genetischen Informationen für Herz, Gehirn und Immunsystem.

Die Auswirkungen zeigen sich in vielen Bereichen: Frauen haben ein stärkeres Immunsystem als Männer; sie können Infektionen besser abwehren und bilden zum Beispiel nach Impfungen schneller Antikörper, außerdem hält die Immunantwort bei Frauen länger an als bei Männern. Doch das hat nicht nur Vorteile. Ein großer Nachteil besteht darin, dass Frauen häufiger Autoimmunerkrankungen bekommen. Dazu zählen unter anderem Schilddrüsenerkrankungen, Multiple Sklerose und Rheuma.

Weniger Erbinformationen bei Männern

Da Männer nur ein X-Chromosom haben, fehlt ihnen die Ausgleichsmöglichkeit. Die Folgen zeigen sich vor allem beim geschlechtsabhängigen Krebsrisiko. Das männliche Y-Chromosom ist viel kleiner als das X-Chromosom und trägt entsprechend weniger Erbinformationen, die in erster Linie im Zusammenhang mit der Sexualfunktion stehen. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Männer im Durchschnitt häufiger an Krebs erkranken und in der Folge daran sterben als Frauen. Offenbar schützen die geschlechtsspezifischen Erbanlagen das weibliche Geschlecht besser vor verschiedenen Tumorerkrankungen.

Die Macht der Hormone

Sexualhormone sorgen dafür, dass sich in der Pubertät die sekundären Geschlechtsmerkmale bilden und regulieren die Fortpflanzung. Die beiden wichtigsten sind die Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron. Die Botenstoffe beeinflussen unsere Gesundheit, Sexualität und Gefühle im Laufe des Lebens auf verschiedene Art und Weise. Männer und Frauen verfügen über beide Hormone, allerdings in sehr unterschiedlichem Mengen. Das weibliche Geschlecht produziert den größten Teil des Östrogens in den Eierstöcken, das männliche geringe Mengen in den Nebennieren und in den Hoden. In den sogenannten Leydig-Zellen des Hodens entsteht bei Männern Testosteron, von dem auch Frauen sehr geringe Mengen haben; es bildet sich bei ihnen in den Nebennieren. Bei Frauen verändert sich der Hormonspiegel regelmäßig im Laufe des Zyklus. Das ist auch ein Grund dafür, dass die Forschung bevorzugt mit männlichen Probanden und Versuchstieren arbeitet. Gerät der Spiegel ins Schwanken oder schwinden Sexualhormone, können wir krank werden beziehungsweise unter Beschwerden leiden.

Das männliche Powerhormon Testosteron

Das männliche Sexualhormon fördert Entwicklung und Wachstum von Penis und Hoden und ist für männliche Geschlechtsmerkmale wie Muskelmasse, Knochendichte, Körperbehaarung, erhöhte Libido und Stimmwechsel verantwort-lich. Es ist an der Produktion von Spermien beteiligt. Mit dem Alter nimmt das Powerhormon, das im Blut zirkuliert, kontinuierlich ab – und zwar im Durchschnitt vom 40. Lebensjahr an um 1,2 Prozent jährlich. Mit 50 Jahren und mehr haben 20 bis 30 Prozent aller Männer einen Testosteronmangel. Eine medikamentöse Ersatztherapie ist keine Lösung und sollte – wenn überhaupt – nur unter fachärztlicher Begleitung stattfinden, denn sie birgt Risiken wie zum Beispiel Prostata- und männlicher Brustkrebs, verminderte Fruchtbarkeit und hat unerwünschte Nebenwirkungen. Unsachgemäße Behandlungen in Eigenregie können lebensgefährlich sein.

Typische Symptome sind geringere Knochendichte, weniger Muskelkraft, Antriebsstörungen, eine geringere Leistungsfähigkeit, Schweißausbrüche, Übergewicht und verminderte Libido. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und erhöhte Blutfettwerte steigt, wenn der Hormonspiegel sinkt. Auf natürliche Weise lässt sich die Testosteronproduktion mit Sport (Muskel- und Intervalltraining), Kurzzeitfasten (vor allem abends keine Kohlenhydrate), Sonnenlicht, das den Vitamin-D-Spiegel erhöht, gesunden Fetten und gutem Schlaf steigern. Testosteron könnte auch eine Ursache dafür sein, dass COVID-19 bei Männern schwerer verläuft, denn das Hormon schwächt das Immunsystem.

Das weibliche Östrogen stärkt das Immunsystem

Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen ist an der Steuerung des Zyklus beteiligt und spielt in der Schwangerschaft eine wichtige Rolle. Seine Produktion beginnt in der Pubertät, ist für die Entwicklung von Eierstöcken, Gebärmutter und Scheide ebenso verantwortlich wie später für die Brustentwicklung und andere Veränderungen im Körper. In der fruchtbaren Zeit stärkt der weibliche Botenstoff das Immunsystem und bleibt auf etwa gleichem Niveau. In den Wechseljahren sinkt der Spiegel. In dieser Phase kommt es nicht nur zu Hitzewallungen, Schlafstörungen, Veränderungen der Scheidenschleimhaut und Stimmungsschwankungen, auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht und Osteoporose erhöht sich. Mit gesunder Ernährung, viel Bewegung, Entspannungsübungen und pflanzlichen Hormonen lassen sich bei manchen Frauen die unangenehmen Symptome lindern.

Hormonersatztherapie nicht ratsam

Um Krankheiten zu verhindern, vor denen Östrogene in jüngeren Jahren schützen, ist die Überlegung naheliegend: Könnte man die fehlenden natürlichen Hormone nicht durch künstliche ersetzen? Das klingt einfacher, als es ist. Es wurde auch jahrelang gemacht. Zu Beginn der 2000er-Jahre nahm etwa die Hälfte aller Frauen zwischen 50 und 60 entsprechende Medikamente. Erst danach zeigte sich, wie hoch der Preis war. Es kam zu mehr Schlaganfällen, Herzinfarkten, Thrombosen und Brustkrebs. Eine Hormonersatztherapie kann Probleme wie Hitzewallungen, Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen in den Wechseljahren zwar lindern, sie sollte aber nur bei sehr belastenden Beschwerden zum Einsatz kommen. In der Regel handelt es sich um Östrogenpräparate, teilweise Kombinationspräparate mit Gestagen.

Eine solche Therapie kann zum Beispiel einen zu hohen Blutdruck senken. Sie ist aber keine geeignete Behandlung allein gegen Bluthochdruck oder andere Zivilisationskrankheiten. Zum einen wird sie nur empfohlen, wenn keine Anzeichen oder erhöhte Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Brustkrebs vorliegen. Zum anderen ist die Hormonersatztherapie in den Wechseljahren umstritten, da sie das Risiko für Herzkrankheiten, Thrombosen, Lungenembolien, Brust- und Gebärmutterkrebs erhöht, zumindest wenn Frauen Hormonersatzpräparate über mehrere Jahre einnehmen. Deshalb sollten Patientinnen sich vorher immer mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt genau besprechen und den Nutzen gegen Nebenwirkungen und Risiken abwägen.

Medikamente wirken unterschiedlich

Viele Medikamente wirken bei Männern und Frauen gleich oder zumindest sehr ähnlich. Doch bei einigen sind die Wirkungen und Nebenwirkungen verschieden, denn bei der Körperzusammensetzung gibt es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Das betrifft zum Beispiel den Körperbau, die Muskel- und Fettmasse, das Herz-Kreislauf-System, den Magen-Darm-Trakt, die Nieren, die Enzymaktivität, die Hormone und den Stoffwechsel. All das spielt eine wichtige Rolle, wenn es um Medizin und die optimalen Dosierungen geht. Arzneimittel müssen aufgenommen, im Körper verteilt, um- und abgebaut und schließlich ausgeschieden werden. Bei der Menge sollte man den unterschiedlichen Körperbau, die Wirkungen und Wechselwirkungen eigentlich berücksichtigen, was aber in der Regel nicht passiert.

Medikamente, die wir schlucken, gelangen zunächst über die Speiseröhre in den Magen-Darm-Trakt und von dort aus weiter in die Leber, bevor sie über Herz und Lunge den Körperkreislauf und damit ihren Bestimmungsort erreichen. Die Leber verändert Arzneimittel, indem sie sie in ihre wirksame Form umwandelt, verstoffwechselt oder eventuell dafür sorgt, dass Wirkungen verloren gehen, bevor sie über Nieren und Urin ausgeschieden werden. Wie effektiv ein Medikament ist, hängt davon ab, wie gut die Leber und ihre Stoffwechselprozesse funktionieren. Je gesünder die Leber, desto besser.

Das Wichtigste im Überblick

Frauen produzieren grundsätzlich weniger Magensäure als Männer. Das hat auch Folgen für die Verarbeitung von Medikamenten. Die Magen-Darm-Passage von Arzneimitteln dauert beim weiblichen Geschlecht länger als beim männlichen. So verbleiben Wirkstoffe bei Frauen länger im Magen-Darm-Trakt. Wenn die Wirkung eines Medikaments dann vom sauren Milieu im Magen abhängt, nimmt der weibliche Körper die Substanzen später auf und reagiert entsprechend verzögert.

Um vom Mund durch die Speiseröhre, durch den Magen und durch den Darm zu gelangen, braucht eine Tablette bei Frauen doppelt so lange wie bei Männern.

Bestimmte Medikamente gegen Herzinsuffizienz lösen bei Frauen häufiger Reizhusten aus als bei Männern.

Schlafmittel wie Zolpidem wurden bei Frauen oft überdosiert – mit verhängnisvollen Folgen. Die Erkenntnis kam, nachdem auffallend viele Frauen in den USA morgens Autounfälle verursachten, weil sie das Schlafmittel am Abend davor genommen hatten. Inzwischen wird Frauen eine niedrigere Dosis empfohlen.

Bei dem Medikament Prucaloprid gegen Verstopfung, das anfangs nur für Frauen zugelassen war, brauchen Männer größere Mengen.

Romosozumab gegen Osteoporose ist ausschließlich für Frauen auf dem Markt, weil es bei Männern häufiger schwere Nebenwirkungen verursacht.

Bei Frauen sind die Enzyme aktiver. Deshalb können einige Medikamente schneller in der Leber abgebaut werden.

Das Immunsystem ist bei Frauen deutlich stärker ausgeprägt als bei Männern. Die körpereigene Abwehr reagiert eher mit Entzündungen.

Da Frauen mehr Körperfett haben und im Durchschnitt kleiner sind, verteilen sich Wirkstoffe anders im Gewebe als bei Männern. Sie können fettlösliche Substanzen zum Beispiel besser speichern, was die Gefahr einer Überdosierung erhöht.

Frauen nehmen häufiger nicht verordnungspflichtige Medikamente als Männer. Diese Selbstmedikation kann zu Wechselwirkungen mit verordneten Mitteln führen.

Es gibt auch Medikamente, die bei Frauen schlechter wirken als bei Männern. Dazu gehören bestimmte Blutdrucksenker, Antibiotika, Cortisonpräparate, Narkose- und Beruhigungsmittel. Das liegt daran, dass eine weibliche Leber fast doppelt so viele sogenannte Cytochrom-P450-Enzyme produziert, die den Abbau bestimmter Substanzen beschleunigen. Um effektiv behandelt zu werden, müssten Frauen die Dosis erhöhen.

Männer sind in der Regel größer, haben größere Organe, mehr Muskelmasse und wiegen mehr, obwohl sie im Durchschnitt weniger Körperfett haben als Frauen. Je nachdem, ob ein Medikament eher ein fett- oder ein wasserreiches Milieu braucht, wirkt es schneller und länger. Die Zeit, in der es wieder ausgeschieden wird, verändert sich dadurch ebenfalls.

Frauen bekommen im Vergleich zu Männern seltener Medikamente zur Behandlung einer Herzschwäche verschrieben und erhalten seltener eine herzunterstützende Schrittmacher- oder Defibrillatortherapie, obwohl sie davon profitieren würden. Außerdem werden Frauen seltener herztransplantiert.

Der Einfluss der Sexualhormone ist entscheidend für viele Unterschiede zwischen Mann und Frau bei der Wirkung von Medikamenten. Der weibliche Menstruationszyklus, Hormonpräparate zur Schwangerschaftsverhütung oder eine Hormonersatztherapie und die Wechseljahre beeinflussen unter anderem den Wasserhaushalt, die Ausscheidungsrate der Nieren und die Zeit, die es dauert, bis Magen und Darm wieder leer sind.

Frauen leiden häufiger unter Nebenwirkungen als Männer. Dafür gibt es wohl verschiedene Ursachen. Zum einen werden ihnen grundsätzlich öfters Medikamente verschrieben. Die Gefahr einer Überdosierung wird umso größer, je kleiner und leichter eine Frau ist. Während Männer eher schlucken und schweigen, sprechen Frauen das Thema unerwünschte Nebenwirkungen gerne an. Sie nehmen Veränderungen im Körper besser wahr.

Auch auf Impfungen reagieren Männer und Frauen unterschiedlich, was daran liegt, dass die weibliche Immunabwehr und -reaktion stärker ist. Interessanterweise bekommen beide Geschlechter die gleichen Mengen an Impfstoffen, obwohl man davon ausgehen kann, dass Frauen eventuell mit weniger auskommen würden und dafür auch weniger Nebenwirkungen hätten. Vor allem im Bezug Corona und auf Impfstoffe gegen Krebs sollten hier Tests mit verschiedenen Dosierungen gemacht werden, denn insbesondere bei Krebsbehandlungen leiden Frauen häufiger und heftiger unter Nebenwirkungen.

JEDER KÖRPER ARBEITET ANDERS

Männliche und weibliche Körper ticken in vielen Bereichen anders. Zum Beispiel arbeiten Leber und Darm bei Frauen langsamer. Ältere Männer bekommen schneller Harnwegsinfekte. Beim weiblichen Geschlecht sind beide Gehirnhälften besser verbunden, das männliche Gehirn ist schwerer. Hier finden Sie wichtige Unterschiede auf einen Blick.

Blase

Es sind die Geschlechtsorgane, die im Wesentlichen die Anatomie der Blase bestimmen. Die Harnröhre ist bei Frauen kürzer. Das führt dazu, dass sie häufiger Harnwegsinfektionen haben. Gelangen Erreger in die Harnröhre, können sie sich über die Blase bis in die Nieren ausbreiten. Bei Männern ist die Harnröhre etwa 20 Zentimeter lang. Vergrößert sich bei Männern mit dem Alter die Prostata, sodass sie auf die Blase und die Harnröhre drückt, bekommen sie ebenfalls schneller Harnwegsinfekte und Probleme beim Wasserlassen.

Darm

Frauen verdauen langsamer als Männer. Das heißt, dass bei ihnen nicht nur die Nahrung, sondern auch Medikamente länger brauchen, um den Magen-Darm-Trakt zu passieren. Schädliche Stoffe haben mehr Zeit, die Darmwand anzugreifen. Geht es um Erkrankungen, zeigt sich, dass Männer häufiger Darmkrebs und Frauen eher ein Reizdarmsyndrom oder Morbus Crohn, eine chronische Entzündung des Verdauungstraktes, haben.

Fettgewebe

Während beim weiblichen Geschlecht 27 Prozent des Körpers aus Fett bestehen, sind es bei den Männern nur 15 Prozent. Das liegt am höheren Östrogenspiegel. Körperfett ist wichtig und dient als Energiespeicher. Im Übermaß erhöht es aber das Risiko für viele Krankheiten. Bei Männern liegen die Speicher eher im Bauchbereich, während sie bei Frauen an Po und Hüften sitzen. Das Bauchfett birgt ein höheres Krankheitsrisiko.

Gehirn

Das männliche Gehirn ist im Durchschnitt etwa 14 Prozent schwerer als das weibliche. Bei Frauen sind beide Hirnhälften hingegen besser verbunden und werden auch besser mit Blut versorgt. Ein weiterer Unterschied: Frauen haben mehr Nervenfasern im Gehirn als Männer, die komplexer vernetzt sind.

Herz

Männer haben im Durchschnitt größere Herzen als Frauen. Ihr Herzvolumen beträgt etwa 750 Milliliter (bei Frauen 500) und kann durch körperliches Training auf 1500 Milliliter (bei Frauen auf 1100) ansteigen. Männerherzen schlagen achtmal weniger pro Minute und pumpen dabei ungefähr 4,5 Liter Blut durch den Körper, bei Frauen sind es 3,6 Liter.

Immunsystem

Frauen sind besser gegen Viren gewappnet, weil ihr Immunsystem stärker ist. Evolutionsbiologisch gesehen ist das sinnvoll, da Schwangere sich selbst und ihr ungeborenes Kind vor Infektionen schützen müssen. Allerdings schießt die starke körpereigene Abwehr auch manchmal über, weshalb Frauen häufiger Autoimmunkrankheiten wie Rheuma oder Schilddrüsenerkrankungen bekommen.

Knochen

Die Knochen einer Frau sind etwa 25 Prozent leichter als die eines Mannes und werden schneller porös. Das gilt vor allem zum Beginn der Menopause, wenn der Östrogenspiegel sinkt. Dann besteht die Gefahr einer Osteoporose, die überwiegend bei Frauen auftritt, aber in höherem Alter (ab 70 Jahren) auch Männer treffen kann. Sport mit hohen Stoß- und Zugbelastungen beugt gegen vorzeitigen Knochenabbau vor. Sportarten mit hoher Stoßbelastung sind Volleyball, Basketball oder Hürdensprint. Hohe Zugbelastungen treten beim Kraftsport auf.

Leber

Die Leber arbeitet bei Frauen oft langsamer. Sie ist kleiner und braucht länger, um zu entgiften. Deshalb vertragen Frauen auch weniger Alkohol und reagieren anders auf viele Medikamente. Lebertumore sind beim weiblichen Geschlecht häufiger gutartig, bei Männern treten öfter bösartige auf.

Lunge

Das Lungenvolumen ist bei Männern deutlich größer als bei Frauen. Im Durchschnitt atmet ein Mann ungefähr 23 000-mal am Tag, Frauen etwa 30 000-mal. Beide Geschlechter inhalieren die gleiche Luftmenge: 12 000 Liter. Insgesamt reagieren weibliche Lungen empfindlicher auf äußere Reize.

Argumente für die halbe Menge

Frauen entscheiden sich in vielen Fällen, lieber gar nichts zu nehmen als etwas, das neue Beschwerden auslöst. In der Medizin spricht man von verminderter Therapietreue. Das ist verständlich, aber damit sind die eigentlichen Probleme natürlich nicht gelöst. Für eine effiziente Behandlung brauchen Frauen vermutlich einfach geringere Mengen als Männer.

Die Sache ist allerdings komplizierter. Denn niemand weiß bisher, ob das bei jedem oder nur bei einzelnen Medikamenten gilt. Bei der Zulassung wird immer ein Wirkspektrum angegeben und nicht nur eine fixe Dosierung. Die optimale Wirkung für Frauen könnte im unteren Bereich dieses Spektrums liegen, die für Männer im mittleren bis oberen. Einige Studien legen nahe, dass beispielsweise Betablocker bei gleicher Dosierung beim weiblichen Geschlecht stärker blutdruck- und herzfrequenzsenkend wirken als beim männlichen. Das wäre ein weiteres Argument dafür, die Mengen bei Frauen möglichst niedrig anzusetzen.

Derzeit ist es die Aufgabe der Ärztinnen und Ärzte, die Dosierung individuell zu steuern. In Zukunft sollte Wert auf eine unterschiedliche Dosisempfehlung für Frauen und Männer gelegt werden. Dies kann ich aus eigener Praxiserfahrung bestätigen. So entscheide ich mich bei Frauen häufiger für eine niedrigere Dosis, zum Teil anfangs auch nur für die Hälfte der empfohlenen Menge, wie Sie es auch in diesem Buch an einigen Stellen lesen werden.

Der männliche Körper gilt als Standard

Die Erkenntnisse sind zwar immer wieder verblüffend, aber nicht so neu, wie viele denken. Bis in die 60er-Jahre des letzten Jahrtausends wurde Medizin an Männern und Frauen getestet. Dann zeigte sich, welche dramatischen Nebenwirkungen Arzneimittel bei Frauen haben können. In den späten 50er- und 60er-Jahren wurden plötzlich Kinder mit Fehlbildungen an den Armen und Beinen geboren, nachdem ihre Mütter in der Schwangerschaft das Mittel Contergan gegen Übelkeit eingenommen hatten. Knapp die Hälfte der Babys starb kurz nach der Geburt. Die Zahl der Fehl- und Totgeburten ist nicht bekannt. Bis heute ist der Contergan-Skandal unvergessen.

Danach bevorzugte man in der Forschung Männer, der männliche Körper galt als Standard. Auch bei Tierversuchen nimmt man eher männliche Tiere. Frauen wurden vorsorglich ausgeschlossen, da sie während einer Studie schwanger werden konnten. Inzwischen ist es in Europa und in den USA gesetzlich vorgeschrieben, Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Rahmen von klinischen Studien zu ermitteln.

Verhalten entscheidet über Leben und Tod

Wenn wir vom Lebensstil reden, geht es nicht nur um Ernährung und Bewegung. Auch unser Verhalten, Normen, Werte, Gewohnheiten und gesellschaftliche Prägungen bestimmen mit darüber, wie es uns gesundheitlich geht. So kann es passieren, dass die Kommunikation zwischen den Geschlechtern über Leben und Tod entscheidet. In den USA zeigte sich beispielsweise, dass Frauen, die nach einem Herzinfarkt von einer Ärztin behandelt wurden, öfters überleben als diejenigen, die von einem Arzt betreut wurden. Ein anderes Beispiel sind die psychosomatischen Auswirkungen der Coronapandemie. Hier fühlen Frauen sich stärker belastet als Männer, denn für sie bedeuteten die Lockdowns weniger Erwerbsarbeit und mehr Kinderbetreuung oder Angehörigenpflege.

Mit Konventionen ändern sich Gewohnheiten

Bei den Themen Essen, Rauchen und Alkoholkonsum nähern sich Auffälligkeiten der Geschlechter einander an. Vor allem junge Frauen leiden häufiger an Essstörungen, weil sie zu wenig zu sich nehmen, während Männer im frühen Erwachsenenalter eher zu viel essen. Allerdings sind zunehmend auch jüngere Männer magersüchtig. Jüngere Frauen stehen Männern beim Nikotin- und Alkoholkonsum nicht mehr so deutlich nach, wie es früher der Fall war.

Schönheitsideale mit Gesundheitsrisiko

Auch Schönheitsideale können die Gesundheit gefährden. Im Rahmen einer Studie der US-amerikanischen Behörde National Institutes of Health stellte sich heraus, dass es einen Zusammenhang zwischen Haareglätten und Gebärmutterkrebs gibt. Glatte Haare gelten als attraktiv. Deshalb versuchen viele Frauen, die natürlicherweise lockige oder krause Haare haben, ihre Frisur mit chemischen Glättungen zu verändern. Sie nutzen dafür Produkte, die der Untersuchung zufolge das Risiko verdoppeln, später an Gebärmutterkrebs zu erkranken. Wer mehr als viermal im Jahr chemische Haarglättungsprodukte verwendet, ist demnach gefährdet. Das könnte an Chemikalien liegen, die das Hormonsystem beeinflussen und möglicherweise auch andere hormonbedingte Krebsarten fördern, wie ältere Studien zeigten.

Späte Operationen für Männer gefährlich

Geschlechtsspezifische Verhaltensweisen führen aber nicht nur bei Frauen zu gesundheitlichen Nachteilen. Einer Analyse aus Österreich zufolge sterben Männer fünfmal häufiger in den ersten 30 Tagen nach einer sogenannten bariatrischen Operation. Auch die Langzeitsterblichkeitsrate ist bei ihnen fast dreimal höher als bei Frauen. Die bariatrischen Eingriffe helfen Menschen mit extremem Übergewicht beim Abnehmen – meistens mit einem Magenband, einer Magenverkleinerung oder einem Magenbypass (siehe auch Seite 102/Übergewicht).

Um herauszufinden, warum die Gefahr für Männer größer ist, obwohl die Operation sonst meist erfolgreich verläuft, sahen Forschende der Medizinischen Universität Wien genauer auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede. Dabei zeigte sich, dass Männer im Durchschnitt älter und kränker (Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) sind, wenn sie sich zu der Operation entschließen. Frauen befassen sich offenbar früher im Leben mit dem Thema und wagen es in jüngeren Jahren, sich operieren zu lassen. Die Operationen verlaufen dann entsprechend besser.

Über weitere Ursachen kann nur spekuliert werden. So ist zum Beispiel der gesellschaftliche Druck auf Frauen in Bezug auf eine attraktive schlanke Figur größer. Jüngere befürchten eher, durch sehr starkes Übergewicht unfruchtbar zu werden. Männer, die nach den Gründen für eine späte Operation gefragt wurden, gaben häufig an, dass sie bariatrische Eingriffe eher mit Eitelkeit als mit gesundheitlichen Vorteilen verbinden und die chirurgischen Eingriffe deshalb ablehnten, solange sie noch gesund waren.

Verschiedene Lebenserwartungen verhaltensbedingt

Diese Tatsache ist schon lange bekannt: Frauen haben eine höhere Lebenserwartung als Männer. Im Durchschnitt leben Frauen in Deutschland 5,5 Jahre länger als Männer. Ihre Lebenserwartung beträgt derzeit 77,2 Jahre, während Frauen durchschnittlich 82,4 Jahre alt werden. Biologisch gesehen gibt es dafür keine eindeutigen Gründe – es dürfte vor allem am Verhalten der Männer liegen. Ihr Risiko ist selbst gemacht: Sie riskieren mehr und sterben häufiger im Straßenverkehr oder bei anderen Unfällen. Außerdem gehen sie seltener zu ärztlichen Untersuchungen, neigen eher zu Übergewicht, bewegen sich weniger, trinken mehr Alkohol und rauchen öfter. In typischen Männerberufen sind sie gehäuft Umweltbelastungen und Schadstoffen ausgesetzt, was das Krebsrisiko erhöht. Frauen profitieren bis zur Menopause von ihren Östrogenen, die sie vor zahlreichen Erkrankungen schützen, und werden daher erst später krank als Männer.

Eine Studie, bei der die Anzahl, das Alter, das Gewicht in Relation zur Körpergröße und der Gesundheitszustand der männlichen und weiblichen Probanden etwa gleich war, zeigte gleich gute Ergebnisse bei beiden Geschlechtern. Das Fazit: Männer sollten besser aufgeklärt werden und erfahren, dass die Eingriffe weniger Risiken bergen, bevor andere Krankheiten hinzukommen, die das Operations- und Komplikationsrisiko erhöhen.

Schmerzen: Was tut bei welchem Geschlecht mehr weh?

Wehleidige Männer und schmerzunempfindliche Frauen? Immer wieder wird behauptet, dass Frauen Schmerzen besser wegstecken als Männer. Angeblich würde die Menschheit ja aussterben, wenn Männer Kinder bekommen und die Schmerzen einer Geburt ertragen müssten. Doch diese These wird sich aus Mangel an Erfahrung wohl nie belegen lassen. Überhaupt kann man die Frage, welches Geschlecht mehr Schmerzen erträgt, pauschal kaum beantworten. Die Aussagen dazu sind widersprüchlich. Es kommt immer darauf an, wie getestet wird.

Dass Männer „härter im Nehmen sind“, zeigten Laborversuche, bei denen männliche und weibliche Probanden ihre Hände auf eine Herdplatte legen sollten, die sich erwärmt. Männer hielten das länger aus. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass sie ihr Leid einfach nicht zugeben wollten, um den gesellschaftlichen Erwartungen des starken Mannes zu entsprechen. Ein solcher Verhaltensunterschied lässt sich weitgehend ausschließen, wenn es um körperliche Reaktionen geht, die sich nicht so einfach willentlich beeinflussen lassen. Hier zeigten Studien Unterschiede: Die Pupillen weiten sich bei Frauen unter Schmerzen schneller, und es sind bei beiden Geschlechtern verschiedene Hirnareale aktiv. Es kann aber auch einfach damit zusammenhängen, dass Männer eine um etwa 20 Prozent dickere Haut haben als Frauen und die Schmerzen deshalb erst später spüren.

Einiges spricht dafür, dass die Toleranzschwelle für Schmerzen beim männlichen Geschlecht tatsächlich höher ist. Das liegt an der Reaktion des Immunsystems, die bei Frauen heftiger ist. Je mehr Testosteron ein Mann im Körper hat, desto weniger Antikörper finden sich bei ihm. Auch die gerne belächelte „Männergrippe“, bei der die Männer ein stärkeres Krankheitsgefühl haben als Frauen, lässt sich möglicherweise auf die unterschiedliche Immunantwort zurückführen. Es kann aber auch daran liegen, dass Männer ihren Leiden bei Schnupfen oder Erkältungs- und Grippesymptomen in der Regel mehr Aufmerksamkeit schenken, weil sie Schmerzen nicht gewohnt sind und schlechter einordnen können.

Frauen haben öfter Migräne, Männer Clusterkopfschmerzen

Und nicht zu vergessen: Schmerzwahrnehmung ist subjektiv. Ob überhaupt und wie intensiv wir Schmerzen empfinden, hängt auch von der Lebenssituation, vom Alter, von der Erziehung und von soziokulturellen Hintergründen ab. Für manche Menschen ist eine Zahnbehandlung unerträglich, die anderen nichts ausmacht. Schmerzen können von der Tageszeit und von der Stimmung abhängen. Fest steht: Wer oft traurig, unzufrieden, depressiv oder einsam ist, leidet stärker. Fröhliche Gedanken, nette, wohlwollende Gesellschaft und gute Laune dämpfen die Pein bei beiden Geschlechtern.