So voll von Leben - Josef Epping - E-Book

So voll von Leben E-Book

Josef Epping

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Beschreibung

Wie und wo kann man heute Gott erfahren? Josef Epping versteht es auf ganz besondere Weise, Funken des Göttlichen im Alltag, in der Natur, in Kunst, Musik und Literatur zu entdecken. Aufmerksam nimmt er sie wahr und verwandelt sie sprachsensibel in kurzweilige Betrachtungen. Dabei spielen die biblische Perspektive und der Bezug zu den Jesuserzählungen eine besondere Rolle. Man darf zu Recht sagen, dass Josef Epping ganz im Geist eines Christs in der Gegenwart für eine aktuelle, inspirierende und heilsame Spiritualität steht.

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Cover

Haupttitel

Inhalt

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Josef Epping

So voll von Leben

Erfahrungen auf den Spuren Jesu

Patmos Verlag

Inhalt

Vorwort

Die Quellen in uns

Der Sound der großen Worte

Du bist gemeint

Augen, die das Heil sehen

Frische Fische

Göttliche Leichtigkeit

Handle und höre

Unsere Dämonen

Tiefenheilung

Mit beiden Beinen im Leben

An die Grenzen gehen

Höhlengleichnis

Eine gute Frage

Eigentlich

Ein gutes Gleichnis

Das Zauberwort

Dienen, dienen

Hineinwachsen in das Leben

Die Gabe des Stammelns

Hilf mir, es zu tun

Barrierefrei

Jesu Kirchenlehrerin

Bewegt werden – den Weg gehen

Die Geste des Standhaltens

Trainerweisheit

Das Seelenbeben

Nasse Lappen und ein warmer Mantel

Weisheit aus dem Miteinander

Anmerkungen

Vorwort

Voll von Leben sein oder – in biblischer Sprache – »Leben in Fülle haben«, das wollen wir alle, unabhängig von un­serer weltanschaulichen Orientierung. Es ist einfach ein Gesetz der Natur: Leben will leben.

Christen haben sich darauf festgelegt, das Wesentliche in ihrem Leben auf den Spuren des Juden Jesus von ­Nazareth zu suchen und zu finden. Er war selbst ein begnadeter Spurensucher und Spurenleser. Vor zweitausend Jahren (das war gestern, gemessen an der Geschichte des Homo sapiens von etwa 200.000 Jahren) zog er in seiner kleinen Welt umher, um bei den Leuten Leben aufzuspüren und es als Ort der Begegnung mit dem Göttlichen zu begreifen.

Seine Welt war nicht idyllisch. Sie war durchsetzt von Armut und Krankheit, Unterdrückung, Gewalt und Tod – und er ist an ihr zugrunde gegangen. Sie war, wie die Welt eben ist, bis in unsere Gegenwart. Das machte ihm die Spuren des göttlichen Lebens aber nur umso kostbarer. Wenn er bei seinen Mitmenschen auf sie stieß, wenn er sie stärken, zum Leuchten bringen oder einfach nur auf sie aufmerksam machen konnte, dann brach er zuweilen in einen Jubelruf aus: »Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde …!« (Mt 11,25). Für Christen ist dieser Mensch Jesus von Nazareth selbst eine Spur Gottes geworden, die nicht mehr zerstört werden kann.

Welche konkreten Konsequenzen aus dieser christlichen Festlegung auf Jesus zu ziehen sind, das bedarf wohl immer wieder einer kritischen Realitätsprüfung und Korrektur, aber im Kern bleibt sie bestehen. Sie bewahrt vor einer leichtfertigen Anpassung an die jeweilige Gegenwart, an ihre Gewohnheiten, Moden, Plausibilitäten und Denkzwänge. Sie prüft diese ihrerseits nach dem Maßstab eines göttlichen Lebenswillens, der sagt: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.«

Die kleinen Betrachtungen, die in diesem Buch versammelt sind, wurden in den letzten 15 Jahren für die Wochenzeitschrift »Christ in der Gegenwart« geschrieben. Auch sie brauchten eine kritische Prüfung und Korrektur und sind entsprechend überarbeitet worden. Auf den Spuren Jesu wollen sie in unserer Gegenwart Spuren des göttlichen Lebens entdecken: in unseren alltäglichen Gepflogenheiten, in unserer Sprache, in Kunst, Musik und Literatur. Wenn sie den Leserinnen und Lesern gelegentlich ein wenig Freude am Spurenlesen machen, haben sie ihr Ziel erreicht.

am eigenen leibe

erst als er im stroh lag

und abhaun musste ins ausland

und seine eltern ihm auf den keks gingen

und er sich die füße wundlief

auf staubigen straßen

und die bekloppten ihn anschrien

und die krummen und lahmen

ihm auf die pelle rückten

mit eitrigen beulen und stumpfen augen

und ihre harten herzen ihn nervten

bei wenig brot und wein

und er mit ihnen zu tisch lag

die nichts kapierten und immer einpennten

als er beschimpft gefoltert erniedrigt

ans holz genagelt laut schrie

und sein leichnam

ins loch gestopft wurde:

erst da war er angekommen

voll im leben

erst da konnte er sagen

es ist gut

sehr gut

Die Quellen in uns1

Wir wandern einige Herbsttage lang im Rothaargebirge. In unserer Gruppe ist ein Biologe, ein Kenner und Liebhaber von Quellen, an denen das Sauerland so reich ist. Wir kommen zur Quelle des Flusses, der dem größten industriellen Ballungsraum Europas den Namen gegeben hat, zur Ruhrquelle in der Nähe von Winterberg. Das Wasser plätschert in einem wenig eindrucksvollen Strahl aus einem steinernen Ausguss hervor. Unser Experte verrät uns, dass knapp ein Liter Wasser pro Sekunde den Weg durch das steingefasste Becken nimmt, Wasser, das vorher Monate oder gar Jahre unter der Erde war, bevor es an die Oberfläche trat. In der Nähe steht ein Gedenkstein mit der Aufschrift »Ruhr-Quelle 1849«. Mehrere Gruppen von Besuchern sind da, Wanderer, die eine Pause einlegen, Mountainbiker in ihrer grellfarbenen Kleidung, Ruhr-Touristen. Hundert Meter entfernt gibt es einen Parkplatz, durch den sich die Stätte bequem erreichen lässt. Die Atmosphäre ist ein wenig so, als müsse man sich im Halbkreis am Becken aufstellen und ein altes deutsches Volkslied anstimmen.

Unser Quellen-Fachmann sieht das Fassungsbauwerk kritisch. Was wir hier vorfänden, habe mit einer Quelle nichts zu tun. Er führt uns kaum zwanzig Meter oberhalb der »Ruhr-Quelle« an das wahre Quellgebiet des Flusses. Es ist ein wenige Quadratmeter großes morastiges Gebiet im Wald. Als Quelle ist es kaum wahrnehmbar und jedenfalls nicht fotogen, aber, wie wir erfahren, ein kostbares, hochsensibles Biotop, das im Naturschutz den höchsten Schutzstatus genießt. Ein Ort, der Andacht verdient. Hier leben hoch spezialisierte Pflanzen und Tierarten, die nur in diesen winzig kleinen Lebensräumen vorkommen: die Quellmiere und das Milzkraut, die Quellschnecke Bythinella, die Köcherfliegenlarve Crunoecia und viele andere. Ein solch empfindlicher Lebensraum sollte von menschlichen Fußtritten und Quellfassungen möglichst verschont bleiben; er kann leicht unwiederbringlich zerstört werden. Allerdings – so fügt der Naturschützer hinzu – könne man bei über einhunderttausend Quellen in Nordrhein-Westfalen die etwa neunhundert, die ihr Schicksal »mit Fassung« ertragen müssten, durchaus verschmerzen. Bestätigten sie doch den Menschen ihre Vorstellung von einem sprudelnden Quell, wie er auch von den Dichtern immer wieder ­besungen worden sei. Die vielen kostbaren Quelllebensräume hätten damit vielleicht mehr Chancen, geschont zu werden.

In unserer gegenwärtigen Kultur wird die darstellbare Außenseite einer Sache oder einer Person gegenüber dem Inhalt oder dem inneren Wert immer wichtiger. Wie man sich oder seine Sache »präsentiert«, entscheidet, wie gelungen die »Performance« ist, ob ein Ereignis »Event-Charakter« hat. Nach den Maßstäben dieser Präsentationskultur ist das Erscheinen Gottes in der Welt schlicht misslungen. Das im Stall geborene Kind armer Leute, der Wanderguru, den die eigene Familie am liebsten als Spinner aus dem Verkehr ziehen möchte, der am Kreuz Hingerichtete – wen sollte dergleichen wohl beeindrucken? Profis aus der Werbebranche könnten da eine ganze Menge Tipps geben, wie Gott es hätte besser machen können.

Alle Versuche, die Quelle durch Fassungsbauwerke eindrucksvoller zu gestalten, sind gut gemeint und menschlich verständlich. Auch die Verfasser unserer Glaubens-Quellen, der neutestamentlichen Schriften, haben sich ja durchaus um eine eindrucksvolle »Fassung« bemüht. Man denke etwa an die Engelerscheinung in der Weihnachts­geschichte des Lukas oder an die dramatische Herabkunft des Engels in der Ostergeschichte des Matthäusevangeliums. Im Grunde aber muss eine Quelle nicht eindrucksvoll sein. Das Lebenspendende liegt hinter der gemauerten Einfassung. Die Quelle muss nicht unseren menschlichen Vorstellungen und Maßstäben genügen. Sie muss nicht der ›freudehelle Felsenquell‹ Goethes sein; sie muss nicht, nach den Worten Schillers, »geschwätzig und schnell« hervorspringen, um etwas zu bewirken. Die kleine, sumpfige Ruhrquelle spendet ihren einen Liter pro Sekunde gleichmäßig seit der letzten Eiszeit, seit etwa zehntausend Jahren. Damit hat diese eine kleine Quelle mehr als 300 Millionen Tonnen frisches, sauberes Wasser gespendet. Wie viel Leben hat sie damit ermöglicht!

Reiner Kunze schreibt in seinem Gedicht »Sensible Wege«: »Sensibel / ist die erde über den quellen: kein baum darf / gefällt, keine wurzel / gerodet werden // Die quellen könnten / versiegen // Wie viele bäume werden / gefällt, wie viele wurzeln / gerodet // in uns.« Wie hochsensibel ist das Biotop unserer Seele! Wie leicht ist es auszutrocknen durch das, was in uns gefällt und gerodet wird, wie leicht zu zerstören durch die »Fassungsbauwerke« von falscher Erziehung und schädlichen Gewohnheiten, von Rollenzwängen und Konventionen! Die Aufmerksamkeit für das eigene ­innere Quell-Biotop ist lebenswichtig: Wie können wir die Lebens-Quellen in uns in Fluss halten, damit sie Leben spenden und weitergeben können? Was fließt noch in mir aus dem göttlichen Urgrund? Welche Fassungs­bauwerke meiner »Schauseite« gefährden seine Lebendigkeit? Kann ich es weiterfließen lassen, damit es anderswo Leben schenkt? Wo erfahre ich meinerseits belebende Kraft durch andere Menschen und von Gott her, sodass sich lösen kann, was in mir erstarrt ist?

Der Sound der großen Worte2

Die Wörter »sound« und »ge-sund« haben dieselbe Wortwurzel. Darauf hat der im Jahr 2000 verstorbene Musikproduzent und Autor Joachim-Ernst Berendt aufmerksam gemacht. Man kann diese Beobachtung auf die Formel bringen: Was gut klingt, tut gut. Dabei lässt sich an das Wohlgefühl denken, das angenehme Musik auslösen kann, oder auch an die Heilkraft der Musik, wie sie in der Musiktherapie genutzt wird. Spannend ist es, diesen Zusammenhang auf die Sprache zu übertragen. Es tut gut und ist heilsam, wenn jemand mir sagt: Du gefällst mir. Du bist mir wichtig. Ich bin für dich da. Ich tue alles für dich. Ich würde mein Leben für dich geben. Irgendwo in dieser Reihe schleicht sich vielleicht aber auch der Verdacht ein: Sind das nicht nur schöne, große Worte, von der Realität nicht gedeckt?

Die religiöse Sprache ist voll von großen Worten. Das ist auch kein Wunder, denn sie hat es schließlich mit dem Größten zu tun: mit dem Allmächtigen und Allwissenden, mit dem Herrn des Himmels und der Erde, dem König der Könige, dem Heil der Welt, der Vollendung des Lebens und der Ewigkeit. Von diesem Großartigen will sie natürlich auch sprechen.

Die neuzeitliche Religionskritik setzt hier an und untermauert unseren Alltagsverdacht mit Argumenten. Nein, sagt sie, was nur gut klingt, tut dem Menschen noch lange nicht gut. Die religiöse Sprache beruht auf Wunschdenken, Täuschung und Illusionen. Wer aber den Realitäten ausweichen will, der verschenkt die wahren Möglichkeiten des Menschen und lässt ihn unreif und unselbstständig sein.

Das ist für religiöse Menschen eine entscheidende Anfrage: Hören wir in den großen Worten des Glaubens wirklich die Stimme und das Wort Gottes oder vernehmen wir darin nur die eigene innere Stimme unserer menschlichen Wunschvorstellungen? Versuchen wir eine Klärung an einem Beispiel.

Das Johannesevangelium ist eine besonders reiche Fundstätte. Jesus wird hier als das Wort Gottes verstanden, als Licht der Welt, Weg, Wahrheit und Leben. Das Evangelium läuft, wie die anderen Evangelien auch, erzählend und deutend auf das große Wort von der Auferstehung zu. Es gibt hier ein kleines, aber äußerst wichtiges Detail, und dieses Detail spricht dagegen, dass im Sound dieser großen Glaubens-Worte die Realität ausgeblendet würde: Der Auferstandene zeigt in der Begegnung mit den Freunden seine Wunden; es gibt die Begegnung mit ihm nicht ohne ihren Anblick. Die Wunden stehen vor Augen und lassen sich nicht wegretuschieren oder schönreden. Es sind die Spuren der Folter, an der er »verreckt« ist.

Mit Wunschvorstellungen und Illusionen hat das nichts zu tun. Die Welt ist so, dass sie Wunden zufügt und Menschen kaputt macht. Punkt. Die Jüngerkreise, in denen das Evangelium entstanden ist, wussten natürlich über diese Welt Bescheid. Es ist ja nicht so, als müssten wir ihnen gewissermaßen im Nachhinein das Leben erklären und als seien sie mit seinen Realitäten weniger konfrontiert gewesen als wir heute – eher im Gegenteil. Aber sie haben eine gemeinsame Erfahrung gemacht und die wollen sie weitergeben: Der Gott, an den wir glauben, hat sich aus dieser Welt nicht herausgehalten, er hat sich ihrer brutalen Gewalt bis in den Tod hinein ausgesetzt. Nach dem Schlusspunkt, haben sie erfahren, hat dieser Gott noch ein Wort des Lebens mehr zu sagen. Wir können mit diesem Gott in Gemeinschaft so leben, dass Gewalt und Tod, die es um uns herum reichlich gibt, nicht das letzte Wort behalten.