So war es - Karl Ludwig Häberlin - E-Book

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Karl Ludwig Häberlin

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Beschreibung

Im Mittelpunkt dieses politisch-sozialen Romans stehen die Märzrevolution 1848 in Berlin. Die Märzrevolution in Berlin war ein Teil der Revolutionen 1848/1849 in Europa und ein zentrales Ereignis der deutschen Freiheits- und Nationalbewegung. Nachdem oppositionelle Volksversammlungen in Berlin Freiheitsrechte von der preußischen Monarchie gefordert hatten, ging ab dem 13. März 1848 Militär gegen sie vor. Madame Waston ist im Roman das Ebenbild von Louise Aston, einer Märzrevolutionärin, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Karl Ludwig Häberlin

So war es

Politisch-sozialer Roman aus der Zeit vor und während der Märzereignisse in Berlin
 
e-artnow, 2023 Kontakt:

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil
Vorwort
Erstes Buch. Familienleben, Polizeileiden und aristokratische Amüsements
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Zweites Buch. Aus dem modernen Judenthum. Berliner Nachtleben. Lendemain . In Potsdam
1
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3
Drittes Buch. Besuch im Kaufmannsladen. Soirée im Gesandtschaftshotel des Grafen von Westmoreland. Eine Duellgeschichte
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2
Viertes Buch. Büreaukratie. Der Oberbürgermeister in B***
Fünftes Buch. Ein anderes Verhältnis des Grafen. – Strauchritterei. – Die Maskerade im Schauspielhause
Sechstes Buch. Zustand in Schlesien. Der verkappte Polizist. Dominicaldruck. Hungerpest. Commission dorthin. Liebe im Bad. Gestörtes Glück
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Zweiter Teil
Siebentes Buch. Ministerial-Audienzen. Zuchthausleben
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Achtes Buch. Eine aristokratische Heirath. Erneuerung des Verhältnisses mit der Bürgermamsell. Mysterien eines galanten Souper mit Ball. Türkische Justiz
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2
3
Neuntes Buch. Erste Bewegungen in Berlin. Volksversammlung im Thiergarten. Beginn des Straßenkampfs. Adressen. Am 13. März. Emma in Gefahr. Revolutionaire Umtriebe; der 14. und der 15. März. Graf Banco. Edmund. Volkskampf. Familienscene
1
2
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4
Zehntes Buch. Metternich's Entlassung. Schutzcommission. Neuer Straßenkampf am 15. März. Bei Geheimrath Leblos. Im Local der Lesehalle
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Eilftes Buch. Die Aufnahme der Rheinschen Deputation. Verheißungen. Volksfreude. Aufregung der Arbeiter. Table d'hôte im Kronprinz. Aufruhr. Physiognomie der Stadt. Veranlassungen zum Kampf. Versuche, das Militair zum Abziehen zu bewegen. Deputation bei dem Könige
1
2
Zwölftes Buch. In Redlich's Wohnung. Emma als Patriotin. Edmund als Barricadenkämpfer im Cöln'schen Rathhause. v. Humboldt. Director August. Wüthen der Soldaten. Flucht. Gefangenzug nach Spandau. Graf Banco vor dem Richterstuhle der Nemesis. Dessen geschiedene Gattin. Abzug nach Schlesien
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2
3
Dreizehntes Buch. Der Vater Redlich fällt. Hochherz kämpft in seinem Hause. Emma und Hochherz retten sich durch die Flucht. Frau Redlich todt
Vierzehntes Buch. Bertha und Edmund auf ihrem Heimwege. Ajax unter den Tumultuanten. In des Geheimraths Wohnung. Versteck für zwei alte Herren. Der ehrenhafte Gardeoffizier. Katharine. Die Liebenden. Erlösung der alten Herren. Versöhnung, aber keine Genehmigung des Bundes ihrer Herzen
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2
Funfzehntes Buch. Gefangennehmung des Generals von Möllendorf. Einstellung der Feindseligkeiten. Bürgerbewaffnung. Excesse bei dem Major von Pruski. Ajax verwundet. Der Geheimrath Leblos wird weichherzig. Schlußscene im Todtengewölbe
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5

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Die Märzereignisse des Jahres 1848 haben die edelsten Herzen bewegt und viele Gemüther auf das Tiefste erschüttert.

Wem wären damit nicht große Hoffnungen erwacht auf einen beginnenden Völkerfrühling? Wer hätte seitdem nicht schmerzliche Täuschungen erfahren? Wer folgte nicht den Ereignissen, die sich noch täglich vor unseren Augen entfalten, mit den gespanntesten Blicken? Wer fragte nicht mit bebender Zunge und klopfendem Herzen, wird es zum Guten führen, oder zum Schlimmen? Werden die Völker die Humanität und Freiheit, die Gleichheit aller Menschenrechte erringen oder werden sie zurücksinken in Schlaffheit und Lauheit unter die Schlafmütze des deutschen Michels, der sich nur wohlfühlt, wenn er Excellenzen schweifwedelt, dem hohen Adel und verehrungswürdigen Publicum seinen Katzenbuckel in Zeitungsannoncen macht, die Belagerungszustände als die Panacee alles Heils preiset; in der brennenden Cigarre auf der Straße die Haupterrungenschaft der Märztage sieht, der als gedankenloser Weißbierphilister ein Fanatiker der Ruhe ist, oder wird sich Schiller's Spruch: »Wo die Kunst gefallen, da ist sie durch die Künstler gefallen,« so travestiren lassen: »Wo die Freiheit gefallen, da ist sie durch ihre eifrigsten Wühler gefallen?« oder wird die alte Beamtenhierarchie sich von ihrem Schreck erholen und ihre Macht wieder geltend machen? Werden die Kreuzzeitung und der Verein: »Mit Gott, für König und Vaterland« die Reaction in tausend Gestalten zurückführen? Wird wieder eine frömmelnde Camarilla mit Augenverdrehen und Intoleranz versuchen Friedrichs des Großen Wort: »In meinen Staaten kann Jeder nach seiner Façon selig werden,« zu einer Satyre auf den Geist der Hengstenberg'schen Kirchenzeitung, der im Staatleben spukte, zu machen. Werden wir Synoden und Concilien haben, die noch immer den Glauben der Liebe durch leeres Formuliren erstickt haben? Wird das seiner mittelalterlichen Privilegien beraubte Junkerthum sich wieder in die alte Bevorzugung in Beamten- und Offizierstellen einschleichen? Kurz wird das alte Unwesen wieder unter neuen Formen aufleben, oder wird der gesunde Sinn des Volks und seiner Vertreter, bei dem redlichen Willen unseres edlen Königs, das Wahre und Rechte treffen, was uns Garantien der Freiheit für die Zukunft und Frieden und Handel und Wandel für die Gegenwart bringt?

Doch das Alles sind Fragen, die wir an die Zukunft zu stellen haben. Um indeß richtig zu erkennen, was Noth thut, bedarf es der tiefern Blicke in die Vergangenheit.

Und da der Roman die Form ist, die am verbreitetsten in das Volksleben eindringt, so entschloß ich mich nachstehenden politisch-socialen Roman zu schreiben, der damit schließt, die Ereignisse der Märzrevolution der Wahrheit gemäß zu schildern; dann aber auch, um es klar zu machen, wie diese so allgemeine Volksbewegung nur möglich war auf dem tief unterwühlten Grunde einer allgemeinen Unzufriedenheit des Volks mit den bisherigen staatlichen und socialen Zuständen, mußte es eine Hauptaufgabe dieses Romans sein, in getreuen und lebenswahren Spiegelbildern furchtlos und freimüthig die Mysterien der Büreaukratie des alten Militair-, Polizei- und Beamtenstaats, die Bevormundung des »beschränkten Unterthanenverstandes,« die Begünstigung verblaßter Adelsbriefe, die aristokratischen Anmaßungen eines blasirten Junkerthums neben den Verkehrtheiten eines falschen Point d'honneur, bloßzustellen.

Um objectiv wahr zu sein, konnte es nicht vermieden werden, hier und da einen Zug aus dem Leben zu greifen; aber wir würden keinen Roman, sondern nur eine Chronique scandaleuse liefern, hätten wir nicht mit dem Rechte des Romans: Wahrheit und Dichtung gemischt.

Daher sage Niemand: »Der und Der ist gemeint, die Geschichte dieses oder jenes Ereignisses ist erzählt, und da sie hier und dort von der Wirklichkeit der bekannt gewordenen Thatsachen abweicht, so ist dieses Buch ein Pasquill und dem Strafrecht verfallen.« Gegen solche lieblose Deutung oder vielmehr Mißdeutung müssen wir ernstlich protestiren. Wir verbürgen, außer den historischen Thatsachen nirgends die subjective Wahrheit einer hierin gegebenen Charakterschilderung oder Erzählung. Wir wiederholen es: »Hier ist Wahrheit und Dichtung, also auch Erdichtung gemischt.« Wir geben nur objective Wahrheit der Schilderungen, um zu beweisen, wohin die früheren Zustände, Maximen und Mißbräuche führen konnten und mußten, wenn solche Persönlichkeiten und Verhältnisse vorlagen, wie sie der Roman erdichtete.

Und so würden wir diesen Roman nach unserem Wunsch gewürdigt sehen, wenn der geneigte Leser am Schluß desselben das Urtheil spräche:

» Si non è vero, è ben trovato.«
Potsdam, am 1. März 1849.
Der Verfasser.

Erstes Buch. Familienleben, Polizeileiden und aristokratische Amüsements

Inhaltsverzeichnis
»Lebe rein, mein Kind, dies schöne Leben, Rein von allem Fehl und bösem Wissen, Wie die Lilie lebe in steter Unschuld, Wie die Taube in des Haines Wipfeln.« . . . . . . . . Daß dein Lieben sei wie Licht der Sonne.
Schefer's »Laienbrevier.«

1

Inhaltsverzeichnis

Es war der heilige Christabend des Jahres 1846, womit unsere Erzählung beginnt.

Die Winterkälte war schon bedeutend empfindlich, besonders für verwöhnte Stubenhocker, die sich selten hinauswagen ins Freie. Um desto heller brannten die Gaslampen in dem großen Berlin, auf welchem jetzt noch der Gottesfrieden einer Regierung ruhte, unter deren Schutz und Schirm, bei allen Mängeln und Gebrechen des absoluten Systems, doch Handel und Gewerbe blühend waren.

Von tausend Lichtern flimmerten die Boden und Tische des berühmten Weihnachtsmarktes, der sich vom Lustgarten über den Schloßplatz weithin in die angrenzenden Straßen zog.

Tausende und aber Tausende von Menschen wanderten dort auf und nieder. Eine ganze kleine Kinderwelt jubelte den überall ausgestellten Herrlichkeiten entgegen. Aeltere Personen, die zum Theil wohlhabend und glücklich aussahen, machten noch ihre letzten Einkäufe für die Erhöhung der Familienfreuden am heiligen Christabend.

Da bemerkte man ein ältliches Paar, das in gleicher Absicht den Weihnachtsmarkt besucht haben mochte; aber jedes Stück Spielzeug – jede Marzipanpuppe, Peitsche oder Wiegepferd, Puppe und kleine Küche – was sie gern gehabt hätten, war ihnen zu theuer.

Die Käufer hatten es den beiden alten Leuten wohl angesehen, daß sie nicht gerade zu den Wohlhabenden gehörten. – Der Ueberzieher von gelbem Flausch, dessen Kragen in die Höhe geklappt war, um die Ohren zu schützen, war schon ziemlich fadenscheinig und Madame trug eine alte Pelzmantille, an welcher die Motten wohl nicht viel Wärmendes gelassen haben mochten. Ein grauer Filzhut hatte schon manchen falschen Knick bekommen und dennoch sich gefallen lassen müssen, mit seiner Berechtigung für die Sommertracht in den Winter mit hinüber zu gehen. – Die Käufer legten ihnen die Ausschußwaaren vor, zerbrochenes Spielzeug oder kleine Schäfchen, vier für einen Silbergroschen. Und für fünf Silbergroschen, denn weiter mochte der Geldvorrath nicht reichen, war schon ein ganz artiger Einkauf gemacht.

»Ach, lieber Alter«, sprach die Mutter, eine kleine, etwas runde Frau, die am Arm des kleinen freundlichen alten Mannes trippelte und beträchtlich fror, »wenn wir nur noch ein Weihnachtsbäumchen hätten – im Lustgarten an der eisernen Einfassung der Spree sind ganze Berge davon aufgestellt.«

»Ja das wäre schon Alles gut, aber das ist für einen armen alten Canzlisten, dem immer abgeknapst wird am sauern Verdienst, viel zu theuer.«

Da, als sie eben in der Nähe des Candelabers standen und nochmals die gekauften Herrlichkeiten, besonders einen Pfefferkuchen-Husaren besahen, kam eben ein junger Mensch in einem schwarzen Sackpalletot, unter dem er etwas sehr Dickes trug, heran; er kannte die beiden Alten und rief: »Ach, das ist ja prächtig, daß ich Euch hier treffe, lieber Vater und Herz-Mütterchen. Ich war schon bange, daß Ihr einen Weihnachtsbaum gekauft haben möchtet.«

»Lieber Edmund«, entgegnete der Alte in einem fast jovialen Tone, »das sind jetzt hochbeinige Zeiten; so weit reichen Moses und die Propheten nicht.«

»Die Meinigen um so mehr«, entgegnete der junge Mensch, »meine A B C Schützen haben mir das Monatsgeld bezahlt, für jede Stunde einen Silbergroschen, schon ein anständiger Verdienst für einen wohlbestallten Primaner; und hier ist der Freiheitsbaum für die Kleinen.«

»Ein Weihnachtsbaum«, rief die Frau; »guter Junge, Du machst Deine alte Mutter damit ganz glücklich.«

»Junge, Junge, wahre Deine Zunge; nichts von Freiheit, ein schreckliches Wort, hört es die Polizei, so bekommst Du als Demagoge freie Wohnung und Kost in der Hausvogtei.«

»Aber es ist ja wahr, Vater, schon der Gedanke ist erhebend und wo sollte noch Freiheit wohnen im Polizeistaate, wäre es nicht im glühenden Herzen der Jugend; setzen wir diesem Bäumchen eine rothe phrygische Mütze auf und der Freiheitsbaum wird fertig sein; wir tanzen Reigen um ihn her und singen das »ça ira« oder die Marseillaise und Alles wird besser werden.«

»Um Gotteswillen gieb Dich den neuen Ideen nicht hin, sie stürzen uns Alle ins Unglück.«

»Aber die ganze Schule schwärmt dafür; selbst ein Lehrer sagte uns: »»Nur in der heranwachsenden Generation sieht das Vaterland noch seine Hoffnungen.««

»Ach, das ist ganz anders gemeint; komm nur, komm, lieber Junge, wir wollen aufbauen.«

»Neu aufbauen, ja, das thut auch Noth in unserm öffentlichen Leben; aber erst einreißen das Alte und Veraltete, reine Bahn machen, tabula rasa, so verlangen's unsere Radikalen. Alle Wetter, Vater, das sind noch Kerls von rechtem Schrot und Korn, die haben Bärte, hu, prächtige Bärte, worin eine ganze Welt von Volksbeglückungsgedanken nistet; und Brillen tragen sie, weil ihre Kurzsichtigkeit sonst Welt und Leben nicht erkennen läßt und Literaten nennen sie sich, die immer drohen, ein Buch zu schreiben, ohne jemals damit zu Stande zu kommen; das Doctordiplom geben sie sich selbst oder zahlen dreißig Thaler dafür nach Gießen – dann glauben sie das Patent ihrer Gelehrsamkeit bei allen vier Zipfeln zu halten.«

»Das sind Demagogen; hüte Dich, Junge, daß man Dich nicht auch für einen solchen hält.«

»Hat nicht Noth, gutes Väterchen, mein Bart keimt ja erst und meine gesunden Augen haben die Gesichtsschärfe eines Falken.«

»Möge es Dein Geist auch haben, mein Sohn, um Dich von einem falschen Freiheitsschwindel nicht hinreißen zu lassen. Spare Deine Kräfte, wenn es dereinst einmal gelten sollte, die wahre gesetzliche Freiheit durch Mannesmuth zu erringen. – Doch diese Zeiten, wo es einmal besser werden könnte, sind noch fern, sehr fern; bis dahin dulde und trage Jeder sein Päckchen Unheil, das ihn drückt.«

»Wird nicht lange dauern, Vater, so wachsen dem jungen Adler die Schwingen, und er steigt auf zur Sonne des ewigen Lichts einer geistigen Freiheit. – Sieh, Papa,« fuhr der hübsche Junge lachend fort, so daß im rosigen Antlitz die weißen Zähne blitzten, »ich kann schon Cigarren rauchen, wie lange wird es noch dauern, so bin ich ein gemachter Mann und an Muth soll es mir wahrlich nicht fehlen.«

»Du rauchst schon, Junge? – Wo denkst Du denn hin? – Schon wieder eine neue Ausgabe, die sich nicht erschwingen lassen wird; und noch dazu auf der Straße geraucht, das ist ja das schrecklichste Verbrechen, zu dessen Verfolgung der Staat expreß die Gensdarmen eingesetzt hat.«

»Diese Cigarre wird wohl erlaubt sein und auch aushalten«, lachte der Jüngling, und nahm eine jener Scheincigarren, an welcher das Feuer mit Cinnober und Folie sehr täuschend nachgemacht war, aus dem Munde.

»Herr, Sie haben geraucht! ... Kostet 20 Silbergroschen Geld, oder im Unvermögensfall verhältnißmäßige Gefängnißstrafe.«

So redete ihn ein neubehelmter Gensdarm an und griff gleichzeitig nach der aus Pappe gemachten Cigarre.

»Denkt nicht daran«, sprach Edmund phlegmatisch und zog die Attrape zurück, »ich glaube nicht, daß dieses Feuerwerk die beschneiten Pflastersteine in Brand stecken wird.«

»Herr, Sie widersetzen sich der hohen Obrigkeit, in deren Namen ich als Wächter des Gesetzes Sie auffordere, mit zum Polizeicommissair zu gehen und 20 Silbergroschen zu erlegen.«

»Sie sind auf dem Holzwege, verehrungswürdige Polizei. Wenn unter Ihrem Helm so viel Grütze sich befindet, um Nichtrauch von Rauch unterscheiden zu können und Farbe von Gluth, Pappe von Tabak, so werden Sie sich gefälligst überzeugen, daß dieses Ding da keine Cigarre, sondern ein unschuldiges Spielwerk ist.«

»Herr, in des drei Teufels Namen, das ist erfunden, um die Polizei zu foppen; desto schlimmer, damit wird die Sache criminalistisch; Sie werden sofort Collé geschleppt und das von Polizeiwegen ...«

»Herr Gensdarm«, sprach jetzt der alte Herr zu dem eifernden Wächter des Gesetzes, der den jungen Menschen schon am Arm festgepackt hatte, »ich bin der geheime Canzlist Redlich, wohne Brüderstraße Nr. 43 im Hinterhause, vier Treppen hoch und dieser hier ist mein Sohn, der Primaner Edmund Redlich; nehmen Sie doch Raison an, ich bitte Sie um Gotteswillen, schreiben Sie seinen Namen auf; aber nicht arretiren, nicht arretiren.«

»Nur über meine Leiche, Barbar!« rief die kleine runde Madame Redlich mit dem natürlichen Pathos der höchsten Angst und klammerte sich an seinen andern Arm, »geht sein Weg in den Kerker!«

»Was ist denn das? was schreit die Frau?« riefen mehrere Stimmen aus dem Volke.

»Ach, meine Herren und Damen,« sprach die Frau zu den umstehenden Holzhauern, Eckenstehern und Torfweibern, unter welchen sich auch einige ganz anständig gekleidete Männer, unter andern Einer im Sackpalletot mit großem Bart und einer ovalen Brille befand, »sie wollen meinen Erstgebornen, meinen Edmund arretiren um nichts und wieder nichts!«

Und nun wandte sich zu diesen Umstehenden der geheime Canzlist und seine Gattin, und erzählten nach beiden Seiten hin, die Frau mit großer Redseligkeit und umständlich, die Veranlassung zu diesem Scandal. Dabei zeigte Edmund die Attrape in Form einer Cigarre hin, und versicherte auf Ehre, daß er sich nichts Arges dabei gedacht habe.

»Das ist schändlich, das ist abscheulich« hörte man hier und da rufen, »wir müssen ihn mit Gewalt befreien!«

Nun drängten sie heran von allen Seiten; vergebens rief der Gensdarm sein: »Zurück, zurück!« »Er ist unschuldig«, schrien mehrere Stimmen, »es ist eine Dummheit von der Polizei.« – »Rebellion!« riefen schon einzelne Straßenbuben in heilloser Lust; da nahm aber jener, durch seine kräftige Gestalt mit breiter Brust und langem vollen Bart auffallende junge Mann das Wort:

»Noch ist es zu früh, meine Freunde! Im Polizeistaat, worin wir leben, muß erst: »»unerträglich sein das Joch««, damit das Gefühl der Nothwendigkeit einer großen Volkserhebung die Massen durchdringe. Also hören Sie auf meinen Rath, gehen Sie ruhig auseinander und Sie, junger Mann, lassen Sie sich ohne Widerstand gefangen nehmen. Im Interesse der guten Sache wäre es wünschenswerth, daß man Sie prügelte, mit Gaunern und Dieben zusammengekettet in ein Moderloch würfe; desto größer würde die allgemeine Entrüstung sein über solchen Beamtendespotismus, wenn ich diese Geschichte in meiner Dampfzeitung, so weit es im Kampf mit der Censur möglich sein wird, veröffentliche. Sie müssen mich dem Ruf nach kennen, junger Mensch; ich bin der Held des Tages – – mein Name ist Ajax.«

Auf dieses Wort ging der Volkshaufen, dem seine volltönende Stimme und kräftige Gestalt mächtig imponirt hatte, nicht ohne Achtungsbeweise für diesen angehenden Volkstribun auseinander.

Dieser aber ergriff die Hand des Jünglings und sprach mit gedämpfter Stimme: »Uebrigens danke ich Ihnen im Namen der Freiheit für den genialen Einfall, womit Sie die Cigarren-wüthige Polizei gefoppt haben; wir werden uns wiedersehen!«

Damit ging er davon. Mehreren hinzugekommenen Gensdarmen gelang es leicht, den gefährlichen Cigarrendelinquenten aus den Armen von Vater und Mutter loszumachen. Edmund tröstete sie noch mit den Worten: »Weinet doch nicht, liebe Eltern, es wird ja nicht ewig dauern. – Da habt Ihr den Weihnachtsbaum, nun feiert den heiligen Christabend einmal ohne Euren Edmund; aber seid nicht traurig, es würde mir das Herz brechen. – Wenn Alles vorbei ist, habe ich noch eine Freude für Euch in der Tasche – hofft auf das Beste und grüßt mir Schwester Emma und die lieben Kleinen.«

Noch eine Umarmung, ein Wort des Segens von Vater und Mutter und dann ließ er sich ruhig zum Polizeiarrest abführen.

2

Inhaltsverzeichnis

Das war indeß in der Hofwohnung, Brüderstraße Nr. 43 im vierten Stocke und zwar linker Hand vom Aufgange auf einer schmalen, steilen und dunklen Treppe – eine trübselige Weihnachtsfeier.

Der Anfang derselben ließ sich noch ganz freundlich an. Emma, die älteste Tochter des geheimen Canzlisten, war eine der geschicktesten Damen-Schneiderinnen, die bei ihrer Bescheidenheit für geringes Tagelohn in wohlhabende Häuser ging, um den Töchtern oder Frauen derselben, nach sorgfältiger Berathung im weiblichen Familienkreise, jene ballonweite Kleider mit wehenden Volants zu machen, die neben der Bestimmung, den untern Theil des weiblichen Körpers in die Façon der großen Erfurter Glocke zu verwandeln, den Zweck haben, unentgeltlich die Straßen zu kehren. Statt der Handhabe dieser Glocke springt aus der Krone derselben die eingeschnürte Taille hervor, möglichst fingerdünn und aus dieser die nackte Büste mit mehr oder weniger Fülle oder Magerkeit, Schwanenweiße oder Lederfarbe der Carnation.

Solche Reize, durch eine geschickte Scheere und Nadel zu vermitteln, das war Emma's Geschäft und ihre anerkannte Kunstfertigkeit in diesem Fach hatte ihr zahlreiche und angesehene Kunden zugeführt und gewährte ihrem rastlosen Fleiß einen Ertrag, der nicht wenig dazu beitrug, ihrem lieben guten Vater die schwere Last, eine so zahlreiche Familie in dem theuern Berlin zu erhalten, mittragen zu helfen und nebenbei ihren geliebten Bruder Edmund in seinen fleißigen Schulstudien durch Anschaffung von Büchern und nothwendigen Kleidungsstücken wesentlich zu unterstützen.

Daß eine solche Schwester und Tochter mit ihrem liebevollen Herzen einen Christabend nicht vorübergehen lassen würde, ohne ihren lieben Eltern und Geschwistern noch eine besondere Freude und Ueberraschung im Geheim zu bereiten, ließ sich wohl voraussehen.

Jetzt benutzte das liebliche achtzehnjährige Mädchen, dem selbst die stets sitzende Lebensweise und angreifende Näharbeiten die feste Gesundheit, die Fülle ihrer feinen Körperform und die frische Farbe ihrer mehr einnehmenden als schönen Gesichtszüge nicht hatte rauben können, die Abwesenheit ihrer Eltern und ihres Bruders auf dem Weihnachtsmarkt, um für diese, wie man es in Berlin nennt, Weihnachten aufzubauen.

Das war ein Anblick, so recht erfrischend für Herz und Seele, wenn man die freundliche Geschäftigkeit dieses jungen Mädchens sah, wie sie ein Stückchen nacheinander aus dem untersten Schubfach ihrer geschweiften nußbaumnen Kommode von alterthümlicher Form nahm und dann noch einmal genau mit einem gewissen Behagen betrachtete, denn es war ja Alles das Werk ihrer kunstfertigen Hände und nächtlichen Arbeit, wozu sie in den letzten Wochen vor Weihnachten nach kurzem Schlaf um 12 Uhr Nachts, wenn Eltern und Geschwister im tiefsten Gottesfrieden schlummerten, aufgestanden war. Dann hatte sie die kleine Seidler'sche Lampe mit dem grünen Schirm angezündet und war selbst so sorgsam gewesen, für ihr eigenes Geld Oel zu kaufen, damit Mütterchen nicht schelten solle über den allzuvielen Oelverbrauch. So ging sie denn an diese ihre liebste heimliche Arbeit und nähte und stickte rastlos fleißig bis gegen sechs Uhr Morgens, dann legte sie sich noch ein Stündchen nieder und mußte um sieben Uhr schon aus gesundem festen Schlaf von der Mutter geweckt werden, denn es war nun ihre Aufgabe, erst den Kaffee zu kochen, dann das Haar zu ordnen und sich einfach, aber geschmackvoll anzukleiden; denn um acht Uhr mußte sie schon wieder an ihr Geschäft gehen – in recht vornehmen Häusern, wo man es liebt, aus dem schönsten Theil des Tages, der goldnen Morgenstunde, Nacht zu machen, um neun Uhr.

Große Reichthümer hatte sie freilich an ihre Geschenke nicht anwenden können; aber ihr Hauptwerth bestand in der Arbeit, denn aus dem geringsten Stoff wußte Emma irgend eine geschmackvolle Kleinigkeit anzufertigen.

Das Tüllhäubchen für Mütterchen, mit dem einfachen Lilabändchen, aber der reichen Spitzengarnitur, die mit täuschender Nachahmung der ächten von ihr im feinsten Zwirn gehäkelt waren, mit dem von ihr selbst mit illusorischer Naturwahrheit angefertigten Blumenbouquet, man kann nichts Reizenderes und zugleich für eine alte Frau Einfacheres und Kleidsameres sehen. Ein gestickter Tüllkragen dazu, ein Paar feine gestrickte Handschuhe, ein warmes, gehäkeltes Wolltuch, das war wohl reich genug, um mit Liebe gegeben, mit Liebe empfangen, Herz-Mütterchen zu erfreuen.

Und für den Vater hatte sie ein Hauskäppel und einen die Nase wärmenden Shawl gehäkelt, wobei besonders die einfache und geschmackvolle Zusammenstellung der Farben gelungen war. Für die kleinen Brüder hatte sie Fausthandschuhe, für jede der kleinen Schwestern eine den Hals wärmende Boa gestrickt. Aber für ihren Liebling, Edmund, war der Rest einer ganzjährigen Ersparniß angewendet; sie hatte ihm, was er so lange Jahre vergebens gewünscht hatte, eine sauber eingebundene gute Ausgabe von Scheller's großem lateinischen Lexikon gekauft, und damit er doch auch etwas von ihrer Hände Arbeit haben möge, dazu eine sehr hübsche Geldbörse gehäkelt, wahrscheinlich um die Gelder aufzubewahren, die er nicht besaß.

Das Alles ordnete sie in dem stillen freundlichen Stübchen auf dem weiß gedeckten Tisch, stellte ein Paar Blumentöpfe, ein Myrthenblümchen und eine im Winter getriebene Hyacinthe dabei, die sie von einer ihrer Kunden, der Tochter eines reichen Handelsgärtners, auf ihre bescheidene Aeußerung, daß sie sehr glücklich sein würde, wenn sie ihrer Mutter zum Weihnachten ein Paar Blumenstöcke schenken könnte, erhalten hatte; und schnitt nun einen erkauften Wachstock in kurze Enden, womit sie eine alle Jahre dazu dienende Pyramide besteckte.

Die Kinder waren in die Kammer gesperrt und konnten kaum den Weihnachtsmann mit seinen hellglänzenden Christgaben erwarten. Ueber diese Erwartung aber waren sie am Ende glücklich eingeschlafen.

Jetzt war Emma fertig bis auf das Anzünden der Weihnachtslichter. Sie horchte bald aus dem Fenster in den dunkeln Hof hinunter, bald auf den kleinen Vorplatz, die enge Treppe hinab.

Endlich war ihre Geduld fast erschöpft; da hörte sie das eigenthümliche Räuspern ihres Vaters und das nie ruhende Plaudern ihrer Mutter; sie zündete jetzt schnell die Lichterchen an, weckte die Kinder mit zärtlichen Küssen und ermahnte sie, ruhig und hübsch artig zu sein, bis der Weihnachtsmann klingle, der jetzt schon im großen Bärenpelz mit einem Sack voll unartiger Kinder und einigen Spielsachen angekommen sei und auskrame; und Fritzchen, Bärbchen, Adolph, Julius und Christchen regten sich nicht und rissen schon vorläufig die fast noch verschlafenen Aeuglein auf, um alle die Herrlichkeiten zu schauen.

Und mit klopfendem Herzen kehrte Emma in die jetzt erleuchtete Familienstube zurück, trat dann mit der grünen Lampe hinaus auf den Flur und leuchtete zu dem mühsamen Treppaufsteigen der beiden guten Alten.

»Aber wo ist denn Edmund? er wollte Euch ja aufsuchen auf dem Weihnachtsmarkt – und nun nicht da?« fragte Emma, als sie die Heraufkommenden übersah, und ihre anmuthigen Gesichtszüge konnten einen leichten Schatten von Unmuth über getäuschte Erwartung nicht unterdrücken.

Diese Frage drückte den beiden guten Alten fast das Herz ab. Sie sahen sich einander bedenklich an; aber das war nothwendig, um sich gegenseitig zu kräftigen, die vorher verabredete Unwahrheit: »er wird bald hier sein, er hat nur noch etwas zu besorgen«, an den Tag zu bringen. Es wollte ihnen nicht über da Herz gehen, ihrer lieben Emma, die immer eine kleine Freude für ihre Eltern bei der Hand hatte, so plötzlich Kummer machen zu müssen. Erst nach und nach sollte sie darauf vorbereitet werden.

»Aber mein Gott«, sprach das junge Mädchen nicht ohne Verlegenheit, »hier ist es kalt und zugig; ich kann Euch unmöglich auf dem Flur stehen lassen und doch ist die ganze Freude verloren, wenn unser herziger Edmund nicht dabei ist«.

»Ja wohl verloren!« seufzte die Mutter mit halblauter Stimme, die kaum noch in ihrem ungeheuern Schmerz an sich zu halten vermochte; »aber laß uns nur eintreten; der Edmund ist kein Kind mehr, er wird sich gewiß ebenso freuen, wenn er, was Du ihm etwa schenken willst, auch später....«

Da versagte ihr der Schmerz die Stimme, und der Vater ergänzte eintönig: » post festum empfängt«.

»Aber wie kommt Ihr mir vor, Ihr Beide! das sind keine glückliche Weihnachtsgesichter« und damit küßte sie die eben Heraufgekommenen und fühlte deren Thränen auf ihren Wangen. »Um Gott was ist vorgefallen? – Thränen – Schmerz – Vater, Mutter! ich beschwöre Euch ....«

»Es hat nichts auf sich, wird bald abgemacht sein«, sprach der geheime Canzlist, der sich noch am ersten ermannte, mit einer sichtbar erzwungenen Fassung; »kommt nur, kommt nur«!

Die Mutter aber brach aus: »Wenn Gottes Zorn nicht alle Gensdarmen ausrottet, so giebt es keine Gerechtigkeit mehr im Himmel, noch auf Erden.«

In diesem Augenblick hatte der Vater die Stubenthür aufgemacht. Mutter und Tochter folgten und auf den Ruf der Klingel stürzten die Kleinen in die Stube, und ihr Ausruf: Ach! galt zunächst der schönen Erleuchtung. Dann theilte Emma ihre Geschenke aus, und diese wurden von den Kindern mit Jubel, von den Eltern mit Thränen empfangen.

Das liebe Mädchen weinte mit ihnen aus Mitgefühl, noch ohne die Veranlassung ihrer Thränen zu kennen – es war eine Umarmung, eine Ergießung der Herzen – da durchbrach auf Emma's flehende Bitten das Geheimniß alle Schranken der Zurückhaltung und die alte Mutter erzählte mit ihrer gewohnten Redseligkeit das Ereigniß von A bis Z, und der Vater half ein, wo es Noth that zu berichtigen und aufzuklären, und endlich nach einer peinvollen Viertelstunde, in welcher eben durch das langsame und verhaltene Näherrücken der Wahrheit Emma's Angst und Pein sich aufs Höchste steigerte, erfuhr sie denn das Ende vom Liede, daß Edmund um einer Buße von 20 Silbergroschen willen polizeilich verhaftet sei.

Das junge Mädchen hatte durch seinen vielfachen Verkehr unter fremden Leuten und in gebildeten Familien jene Entschlossenheit und den sichern Takt gewonnen, der uns nicht selten an jungen Mädchen überrascht, die durch ihre Verhältnisse zu einer gewissen Selbstständigkeit des Handelns gelangt sind.

»Ist es nichts weiter?« rief sie aufathmend, »so gehe ich sogleich zum Polizeicommissair des Reviers, und hilft das nicht, auf das Büreau des Polizeipräsidenten, bezahle die 20 Groschen und wenn es auch mehr ist.«

»Aber Emma....«! sprachen Vater und Mutter mit bedenklicher Miene.

Emma verstand sie. – »Macht Euch keine Sorgen darüber; meine Kasse ist zwar leer; aber das Geld schaffe ich schon an.«

Damit schloß sie das obere Fach ihrer Kommode auf und nahm ein noch neues wollenes Wiener Umschlagetuch heraus, das sie in eine weiße Serviette wickelte und mit Nadeln zusteckte.

»Du wirst doch nicht das schöne Tuch verkaufen wollen«, fragte die Mutter, »das Du Dir vom sauer verdienten Lohn den vorigen Sommer erspart und gekauft hast?«

»Warum nicht, Mütterchen? Jetzt ist es Winter, da brauche ich es nicht und wenn es wieder Sommer wird, so bin ich ohne Sorgen. Guten Menschen hilft Gott – und unser Edmund soll doch nicht etwa bis zum Sommer sitzen bleiben?«

»Was wirst Du dafür bekommen? Zwölf Thaler kostet das Tuch und Du wirst vom Trödler kaum vier Thaler dafür bekommen.«

»Und wenn ich auch nur zwei Thaler erhalte, so ist mir doch mein Edmund lieber, um für seine Befreiung nicht solchen Verlust verschmerzen zu können.«

»Besser wäre es, wir feierten keine Weihnachten«, sprach der Vater, »verkaufen wir lieber alle Weihnachtsgeschenke.«

» Meiner Hände Arbeit?« fragte Emma und in jedem Wort lag ein Vorwurf, den sie durch den weichsten Ton der Stimme zu mildern suchte.

»Nein, nein, liebes Herz, beruhige Dich«, versetzte der gute Alte; »es war unüberlegt von mir gesprochen, lieber versetze ich meinen Ueberzieher – mein Hemde, wenn es sein muß – bis zum Ersten, und dann bekomm' ich ja wieder Geld, den Verdienst vom ganzen Monat. – Der Himmel wird mich bis dahin nicht erfrieren lassen, denn die Liebe meiner guten Kinder hält mir das Herzblut warm.«

»Nie, mein Vater, werde ich es zugeben, daß Du Dir in Deinem Alter etwas von Deiner Pflege entziehst. – Es bleibt dabei, ich gehe«, sprach sie mit dem anmuthigen Trotz, der keinen Widerspruch duldete, hing ihren Mantel um, setzte das schwarze Sammethütchen mit Schleier auf, nahm ihren kleinen Muff in die Hand, das Päckchen unter den Arm, und forderte den zehnjährigen Fritz auf, sie zu begleiten. Der Junge war natürlich gern dazu bereit; vergebens bot sich der alte Herr an, ihre Begleitung zu übernehmen – so ein Junge sei kein Schutz und dem Vater stehe es ja doch am besten zu, für seinen Sohn das Wort zu nehmen.

»Auf keinen Fall, Papa«, protestirte Emma, »Du hast Dich heute Abend schon müde genug gelaufen, und die Hauptsache bleibt immer hier, rasch zu handeln; mich aber und Fritzchen treibt der Sporn der Liebe, und junge Beine machen uns zu Wettrennern. – Adieu, Papa! adieu, Mama!« und dabei küsste sie Beide; »bauet indeß nur immerhin den Weihnachtsbaum auf, den Mütterchen da so ganz still und traurig bei Seite gestellt hat. In einer Stunde sind wir wieder hier und bringen Edmund mit, adieu, adieu!«

Indeß hatte die Mutter ihren kleinen Liebling, der nur eine Knabenjacke ohne Ueberzieher besaß, in ein altes Umschlagetuch eingehüllt wie eine Mumie bis über beide Ohren, küßte den Jungen und leuchtete ihnen dann mit tausend Glück- und Segenswünschen, die sie mehr halblaut dachte als sprach, die Treppe hinunter.

Darauf schickte sie die andern Kinder zu Bett, um für den andern Morgen mit seiner lieben runden Altschere, wie er seine Gattin in zärtlichen Anwandlungen nannte, den Weihnachtsbaum auszuschmücken.

Es war acht Uhr Abends, als Emma und Fritz fortgingen. Die erste Stunde des Harrens verlief noch so leidlich in liebevoller Geschäftigkeit.

Aber auch die zweite Stunde verlief und sie kehrten nicht zurück; die dritte und vierte, fast die ganze Nacht, ebenso trostlos.

3

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Spät noch um Mitternacht ging der alte Mann mit dem dünnen weißen Haar und hochstehenden Rockkragen auf die Straße, um seine Kinder zu suchen; aber die Kälte der Nacht, die Aufregung und wohl selbst die Nüchternheit des Magens, denn an Essen und Trinken war bei so schmerzlichen Ereignissen nicht zu denken gewesen, hatte ihm sein altes Uebel zugezogen, eine Eingenommenheit des Kopfes, die nahe an Schlagfluß grenzte und sich bis zur Schlafsucht steigerte.

Er konnte sich auf seinen dünnen alten Beinchen nicht mehr erhalten, und setzte sich auf die Stufen eines Palastes, aus dessen glänzend erleuchteter Beletage rauschende Tanzmusik schallte.

So nahe grenzen im menschlichen Leben die schärfsten Gegensätze aneinander.

Der geheime Canzlist Redlich war auf den Stufen des Hotels des russischen Gesandten in einen betäubenden Schlummer gesunken, und da war es noch ein Glück, daß die Nachtwächter den alten Trunkenbold, wofür sie ihn hielten, in die Wache schleppten, und dort auf der Holzpritsche mochte er unter Tabaksqualm und Branntweinsdunst seinen Rausch ausschlafen, den der arme nüchterne Mann in seinem ganzen Leben nicht gehabt hatte. – Als er erwachte, wurde er in das Polizeigefängniß geschickt.

Auch er war bis ein Uhr Nachts noch nicht nach Hause gekommen.

Madame Redlich raufte sich eine Handvoll Haare aus und erfüllte das ganze Haus mit ihrem Geschrei, und die Kinder weinten mit, bis endlich gutherzige Hausgenossen dem Nachtwächter zwei Groschen Courant gaben, damit er dem unsinnigen Weibe ankündige, bei Gefängnißstrafe sogleich ihr Zetergeschrei einzustellen, mit Androhung sofortiger Verhaftung wegen Ruhestörung.

Das war denn der Weihnachtsabend 1846, den die Familie Redlich mit Hülfe der Wächter allgemeiner Wohlfahrt, der Polizei, noch nie so schön gefeiert hatte.

4

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Emma war mit ihrem kleinen Bruder zunächst in den offenen Laden eines Trödlers getreten. Sie hatte nicht die entfernteste Ahnung davon, daß die freundliche manierliche Frau, welche sie dort bei dem schwachen Lichte einer Hängelampe in dem mit alten Kleidern und mancherlei Geräth fast überfüllten Raume empfing, nebenbei im kleinen Hinterzimmer und einem Oberstübchen auch noch andere, minder harmlose Geschäfte trieb, wovon Kuppelei und Diebeshehlerei keineswegs zu den unschuldigsten Erwerbsquellen gehörten.

Wohl aber schien eine wohllöbliche Polizei davon einigermaßen unterrichtet zu sein. Während ein Paar Gensdarmen in der Nähe des Hauses auf dem Trottoir standen und sich anscheinend von unbedeutenden Dingen unterhielten, befand sich ein Mann von mittlerer Größe mit markirten Gesichtszügen im Civilrocke mit einem zugeknöpften Winterüberzieher im Geschäftslocale der Handelsfrau und fragte, nachdem er im Laden Alles durchgemustert hatte, nach Umschlagetüchern, die aber noch gut und neu sein müßten.

Die Trödlerin gerieth in einige Verlegenheit und suchte in einer Kommoden-Schublade nach, woraus sie mehrere Tücher vorlegte, die aber der Mann für zu alt und schlecht erklärte. – Da erwachte in Emma's geängstigter Seele die Hoffnung, jetzt grade ein gutes Geschäft machen zu können, und bescheiden trat sie vor mit der Aeußerung, daß sie vielleicht in diesem Augenblick dienen könne, indem sie ein noch ganz neues Umschlagetuch zu verkaufen habe.

»Das ist ja ganz charmant«, sprach der ältliche Herr, indem er das Tuch besah, »wenn Madame hier auf den Handel eingeht, so werde ich den Abnehmer machen und ihr gern einen billigen Profit gönnen. – Ah! da ist ja noch die Etiquette und Preisnummer daran befestigt; ein Beweis, daß das Tuch noch ganz neu ist.«

»In der That ich habe es auch noch nicht getragen.«

»Ja, ja, mein liebes Kind, man kennt schon solche Kauferei.«

Nun zog die Frau mit schlauem Lächeln die engelreine Emma in den Hintergrund, wo noch eine brennende Lampe auf einem Tische stand, und sagte: »Nun liebes Kind, was willst Du haben? machen wir den Handel; aber ich bedinge es mir aus, daß der alte Herr nicht erfährt, was ich dafür bezahle.«

»Madame«, entgegnete Emma mit einiger Empfindlichkeit, »ich habe Sie noch nicht gedutzt und bitte also ...«

»Aha, eine sogenannte Vornehme! nun, nun, dann mag es darum sein, bis wir uns näher kennen lernen.«

Emma that, als überhörte sie das Verletzende dieser Aeußerung, und forderte 5 Thaler für das Tuch, das mehr als das Doppelte werth war.

»Potz Flickerment, Mamsell, wo denken Sie hin? – dabei müßte ja eine ehrliche Handelsfrau zu Grunde gehen. Wissen Sie was, Liebe? mein letztes Wort auf Ehre, ich zahle Ihnen zwei Thaler, einen blanken Champagnerthaler, den Sie in der Villa Colonna wieder an den Mann bringen können, und da Sie ein hübsches Kind sind und nobel gekleidet gehen, so schaffe ich Ihnen aus Seele und Seligkeit heute Abend noch einen kleinen Nebenverdienst von mindestens 2 Thlrn. – Nun?« –

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Emma höchst verletzt und nahm ihr Tuch zurück.

»Na – man sachte – nur nicht so mausig machen! – wenn Sie auch von einem weißköpfigen Geheimrath oder knickebeinigen Rentier unterhalten werden, so kennt man das; es reicht selten zu und am Ende verlangt das Herz auch einmal nach einem hübschen Jungen. – Wissen Sie was, Engelchen,« und mit diesen Worten drängte sie sich schmeichelnd an sie heran und hielt sie fest am Arme, »ich habe da, da im Hinterstübchen zwei feine, schwarzbärtige junge Herren ....«

»Kein Wort weiter!« rief Emma erzürnt und wickelte ihr Tuch zusammen.

Als sie der kleine Fritz bei der Hand gefaßt hatte und nun durch die niedere offene Ladenthür sich entfernen wollte, hielt sie der alte Herr, mit einem ganz andern Gesicht als vorher, bei der Hand fest und sprach sehr ernsthaft: »Vorerst bleiben wir noch hier, wir haben noch ein Wort miteinander zu reden.«

Emma erschrak und noch mehr, als sie sah, daß der ältliche Herr einen höchst verdächtig aussehenden Kerl herbeiwinkte, der mit langem zerzausten Haar, einem weißgelben schäbigen Felbelhut, bekleidet mit einem Sackpalletot und auffallend bunt carrirten Hosen, Alles schadhaft und unsauber, bis dahin an den einen Pfosten der offenen Ladenthür gelehnt gestanden hatte, mit dem der ältliche Herr heimlich gesprochen hatte, während Emma sich mit der Trödlerin in der unglücklichen Unterhaltung befand.

Ihr Schreck aber steigerte sich zur entsetzlichen Furcht, als dieser Mensch mit rothgesoffenem Gaunerantlitz, mit unbeschreiblicher Frechheit an sie herantrat, sie von oben bis unten genau betrachtete, dann aber mit einer tiefen heisern Stimme sprach: »Ja, die iß et, Herr Polizeirath, sollen mir gleich 99 Legionen Deibel holen, wenn ick nicht die Wahrheit sage.«

»Und Du kannst es vor Gericht beschwören?«

»Na, nu! Hundert Millionen Schock Eidens in einem Athem, wofür hat man denn die Ehre, Vigilante einer hochlöblichen Polizei zu sein, wenn man nicht ganz perfect mit Eidens umzugehen wüßte.«

»Du hast es gehört!« sprach jetzt barsch der Polizeirath zu dem erblassenden Mädchen, dem alle Augenblicke es wie Anwandlung einer Ohnmacht über die kalte, von Angstschweiß perlende Stirn lief.

»Ach, mein Gott, mein Gott«, stöhnte Emma, die keines Worts mehr mächtig war, und der Polizeirath fuhr fort: »Jetzt bekenne augenblicklich, daß Du die Ladendiebin bist, die heute, unter dem Vorwand der Auswahl in dem Eckladen vor der Breitenstraße nach dem Schloßplatz, dieses neue Tuch in die große Manteltasche hat fallen lassen. He!«

»O Gott, nein, nein!«

»Leugne Du nur, versteckte Diebin, man hat auf der Polizei Mittel, die Wahrheit an den Tag zu bringen«, und damit machte er das Zeichen des Schlagens.

»Uebrigens nenne Deinen Namen. Wie heißt Du?«

»Emma Redlich, Tochter des geheimen Canzlisten Redlich, Brüderstraße Nr. 43, Hofwohnung, vier Treppen hoch.«

»Das kann Jede sagen.«

»Aber, mein Gott, ist denn keine Gerechtigkeit mehr auf Erden; so führen Sie mich dorthin, meine Eltern werden mich anerkennen.«

»Das wird sich finden«, sprach der Polizeirath im Tone des Nachgebens.

»Die lügt wie gedruckt«, erklärte der Vigilant, »die würde der löblichen Polizei die schönste Nase drehen, führte uns in ein Absteigequartier, und ließe sich bezeugen, was sie wollte.«

»Indeß, mir scheint denn doch das Mädchen ganz rechtlich auszusehen.«

»Na, verbrenn' sich der Herr Polizeirath nur nicht die feine Polizeinase. Mit Erlaubniß; aber ich kenne diese Person ganz genau, und war Augenzeuge ...«

»Rede!«

»Herr Polizeirath«, sprach der Vigilant weiter, mit dem Aplomb einer gewissen Amtswürde, die er jetzt zu bekleiden wähnte, »so wahr ich die Ehre habe, Fabian Greif zu heißen, bisweilen auch anders, so frage ich diese ledige Frauensperson auf Pflicht und Gewissen: Na, Rieke, Du weest doch, wir kennen uns, alle Donner, wenn die Brandenburger Zuchthausmauern reden wollten, Herrjeh! det war een Plaisirvergnügen.«

»Herr Polizeirath«, erklärte Emma mit der Entrüstung der beleidigten Unschuld, »wenn eine rechtliche Beamtentochter von einem solchen Zuchthäusler in Gegenwart der Polizei insultirt werden darf, so ist die Polizei kein Schutz, sondern ein Unglück für den Staat.«

»Hüte Deine Zunge, daß man Dich nicht noch wegen unehrerbietiger Aeußerungen über Staat und Behörden zu zehn Jahre Zuchthausstrafe verurtheilt.«

»Rieke, ziere Dir man nich! Du weeßt doch, ehe Dir die fetten Kobers 1 so vornehm und neumodig gemacht haben, wie oft wir uns in Nr. trente und six hinter der Königsmauer gesprochen haben?«

»Herr Polizeirath, ich beschwöre Sie im Namen der Menschlichkeit, können Sie mich nicht freilassen, so schützen Sie mich in irgend einem Gefängniß vor solcher empörenden Frechheit eines rohen Menschen.«

»Du hast also mit eigenen Augen gesehen, Fabian ....?«

»Na, warum denn nicht, hochwohlgeborne Polizei; stand ich doch vor dem Ladenfenster und beguckte mir die schönen Damenkleiderstoffe, und dachte dabei: Hui, darin werden Taschen angebracht und in diesen giebt es gespickte Börsen, wer da so einen Griff hinein thun könnte, ohne sich die Finger zu verbrennen, der könnte glücklich werden Zeitlebens; da bemerkte ich denn die Rieke, wie sie in den Laden ging. Ich nicke ihr zu, dat Beest dankt mir kaum, so vornehm und hochmüthig war sie geworden. »Willst'e Geschäft machen, Rieke«, frage ich und trete ihr dabei aufs Kleid, dat se nicht fortloofen konnte. »»Halt's Maul««, sagte sie. »»Schon gut!«« sage ich, »»dat Maul will ick wohl halten; aberst halbpart. Sonst, Du weeßt, ick bin Staatsdiener als Vigilant. Und uf Ehre und Gewissen...«« da nickt sie mir zu: »»Na, meinetwegen halbpart, Fabian,«« spricht sie, »»aber reenen Mund gehalten.«« Ick lege die Finger aufs Maul und trete herunter von ihrem seidenen Gassenfegerkleide. Da sehe ick denn ganz natürlich mit beden Oogen, wie sie dit selftige Tuch in die Diebestasche ihres Mantels hineinprakticirt, und davongeht. Ick folge ihr auf dem Fuße; an der Fischerbrücke trete ick an ihr heran und ziehe ein flämisches Gesicht. »»Na, na, Rieke,«« spreche ich. »»Ick kann doch dat Tuch nicht halbiren, dann haben ja beide Hälften keinen Werth mehr. Wart hier vor dem Trödlerladen; ick werde hineingehen und et verkofen, dann kriegst Du dat halbe Geld.«« »»Aber prelle mir nicht!«« Sie hatte mir aber doch geprollen. Dat Haus hatte hinten einen Durchgang; die olle Kunglersche mußte sie kennen und hatte sie zur Hinterthür hinaus prakticirt. Ick aber stehe da Ecke und halte Maulaffen feil, bis ick denn endlich begreife, dat sie mir um meinen Antheil vom Compagniegeschäft bestohlen hat. Herr Polizei! ick denuncire ihr auch noch für meine eigene Rechnung, als meine eigene Diebin, und ick verlange Denuncianten-Gebühren für die Ueberführung dieser dreifachen Verbrecherin.«

»Hier, Fabian; jetzt geh, Schurke, und ruf den Gensdarm herein.«

»Mich arretiren?« rief das arme Mädchen voll Entsetzen, »o meine unglücklichen Eltern, mein Bruder, den ich aus ungerechter Haft befreien wollte!«

Die Trödlerin, Frau Sara Goldfinger, eine Jüdin, hatte indeß zwei Herren aus einem Hinterzimmer hervorgeführt, die im Hintergrunde unbemerkte Zeugen der letzten Scene waren.

Die Frau hatte mit ihnen geflüstert: »Na, habe ich zu viel gesagt; das ist etwas Extrafeines, wenn der Herr Graf ihre milde Hand aufthun wollten ...«

»Still, hier Geld!«

Und nun traten beide junge Männer in den Vordergrund; der Eine war eine untersetzte, breitschulterige Figur, mit vollem schwarzen Bart und Brille, mit einem Wort, es war derselbe Radikale, den wir früher unter dem Namen Ajax auf dem Weihnachtsmarkt gesehen haben; der Andere hatte einen starken Schnurr- und Backenbart, der aber nicht unter dem Kinn durchging. Dieser hatte das junge Mädchen durch ein zwischen den Augenwimpern eingeklemmtes Lorgnon mit besonderem Interesse betrachtet. Jetzt trat er vor, und sprach in einem ziemlich hohen Ton und mit jener eleganten und feinen Tournüre, die man vorzugsweise in einigen alten Adelsfamilien findet.

»Mein Herr Polizeirath,« redete er ihn an, während schon die Gensdarmen sich in der Ladenthür zeigten, »was ist der Grund, wenn man fragen darf, der vorhabenden Arrestation dieses jungen Mädchens, das ich als rechtlich und unbescholten kenne.«

»O, mein Herr, wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig!« sprach Emma im flehend weichen Ton, der unwillkürlich zum Herzen dringt, »ich bin die Tochter des geheimen Canzlist Redlich, wohne Brüderstraße Nr.43, und ernähre mich und meine Geschwister als Damenschneiderin in vornehmen Häusern.«

»Hm, ganz recht, Fräulein Redlich, Damenschneiderin, ich habe sie im Hause meiner Mutter oft gesehen und bezeuge dieses auf Ehrenwort.«

»Ich wollte meinen Bruder befreien, der wegen vermeintlichen Rauchens auf dem Weihnachtsmarkt arretirt wurde.«

»Ist das Ihr Bruder?« fragte der Andere, der Langbärtige; »ei, den kenne ich ja, ein netter junger Mann. Ich war zugegen bei der Geschichte. Fräulein Redlich, ich biete Ihnen meine Dienste an, den jungen Mann zu befreien.«

»Meine Herren, mit welchem Rechte mischen Sie sich hier in eine Polizeiangelegenheit. Ich bitte um Ihre Namen.«

»Nicht mehr wie billig,« entgegnete der Bärtige; »ich bin der Doctor Ajax, Herausgeber der Dampfzeitung.«

»Mein Herr Doctor, Ihr Zeugniß hat kein Gewicht; Sie stehen schwarz bei der Censur.«

»Und Sie, mein Herr?« fragte der Polizeirath den Andern.

»Ich präsentire mich hier als Bürger und Kaufmann.«

»Das will gar nichts sagen, mein Herr, der geringste meiner Polizeiagenten hat mehr Fidem, und ein solcher zeugt gegen diese Person. Es bleibt dabei, sie wird als Herumtreiberin und des Ladendiebstahls verdächtig, arretirt.«

»Dies wird nicht geschehen, Herr Polizeirath, oder ich garantire Ihnen Amtsentsetzung. Werfen Sie einen Blick auf diese Karte,« und mit diesen Worten führte er ihn ein Paar Schritt zurück und sprach mit leiser, gedämpfter Stimme, »respectiren Sie das Incognito eines Gardeoffiziers und königlichen Kammerherrn, Neffen eines Ministers ....«

Der Polizeirath nahm schnell und ehrerbietig den Hut ab und sprach ebenso leise: »Herr Graf, die junge Dame steht ganz zu Ihrer Verfügung.«

Mit diesen Worten zog er sich unter höflichen Bücklingen mit den Gensdarmen zurück.

Das war damals eine schöne Zeit, wo noch Ansehen der Person und hohe Stellung galt, wo doch wenigstens die Behörden Rücksicht nahmen auf die Wünsche einer hohen Aristokratie, während der unbedeutende Bürger nichts galt gegen die frechen und hinterlistigen Denunciationen eines als Verbrecher schon öfter bestraften Polizeivigilanten.

Der junge Kaufmann Liebreich, unter welchem Incognito es dem hochgebornen Herrn Grafen beliebt hatte, sich dem nichts Arges ahnenden jungen Mädchen vorzustellen, war ein viel zu feiner Welt- und Mädchenkenner, um nicht auf den ersten Blick und nach den ersten, aus der Fülle des Herzens gesprochenen Worten des nur zu leicht ihrem artigen Retter vertrauenden jungen Mädchens zu erkennen, daß sie keineswegs in die elende Classe der Prostituirten gehöre. Aber desto pikanter war für den von allen Lebensgenüssen junger Roués übersättigten Cavalier der Gedanke, eine vorübergehende Liaison mit einer hübschen kleinen Bürgermamsell, die vielleicht noch unschuldig war, anzuknüpfen. »Das wäre famos, auf Ehre«, sprach er vor sich hin und sein Plan war sogleich fertig in seinem Kopfe. »Sie ist charmant, lieber Doctor«, bemerkte er leise seinem Begleiter und strich mit Behagen den Schnurrbart, »auf Ehre, ich wäre vielleicht darauf capricirt, hier mein Glück zu poussiren, schaffen Sie mir nur den dummen Jungen vom Halse, der sich eben an ihre Hand schmiegt.«

In der That war es Fritzchen, der in fast weinerlichem Tone sagte: »Ach, liebe Emma, mir wird so Angst, gehen wir noch nicht nach Hause?«

»Bald, liebes Fritzchen, wir müssen erst noch Bruder Edmund von der Polizei befreien.«

»Aber Papa und Mama werden ängstlich sein über unser langes Ausbleiben.«

»Du hast Recht, Fritzchen, aber unverrichteter Sache können wir doch nicht zurückkehren; der arme Edmund im Polizeigefängniß, schlaflos, angstvoll, es ist entsetzlich.«

»Was wünschen Sie, liebes Fräulein?« redete sie jetzt der junge Mann an, der sich für den Kaufmann Liebreich ausgegeben hatte, »ich biete meine Dienste an, ich kenne die Verhältnisse. Eine junge Dame allein würde so spät Abends nicht einmal mehr vorgelassen werden und dann, wie würden Sie sich exponiren im großen Berlin. Gönnen Sie mir das Glück, Sie begleiten zu dürfen. Sein Sie überzeugt, es ist mehr als ein glücklicher Zufall, der mich hierher geführt hat zu Ihrem Beistande.«

Und das sprach er mit einer so arglosen, ehrlichen Miene, daß Andere dadurch getäuscht worden wären, als ein so unschuldiges harmloses junges Mädchen, das bei seiner stillen Lebensweise bisher nur immer Liebes und Gutes, wenigstens in den gebildeten Ständen gesehen hatte.

Und dabei war er ein sehr hübscher Mann, ein Mann von so feinen bescheidenen Sitten mit einer so anständigen Zurückhaltung und doch so zutraulichem offenen Wesen, daß er zu den Männern gehörte, mit denen man leicht bekannt werden kann. Kein Wunder, wenn Emma's Herz diesem gefälligen Freunde gegenüber etwas schneller anfing zu klopfen und sie die Augen niederschlug, wobei ihr ganz wundersam zu Sinn wurde. Sie nannte dieses so schnell entstandene Gefühl des Wohlgefallens, das sie auch gar nicht zu unterdrücken gedachte, »Dankbarkeit;« aber, aber, Dankbarkeit in einem achtzehnjährigen jungen Mädchenherzen, einem so hübschen, liebenswürdigen, artigen und gefälligen Helfer in der Noth gegenüber, wenn er ihr auch noch fremd war, gleicht nicht selten dem kleinen Samenkorn, aus welchem der Riesenbaum einer mächtigen Leidenschaft erwachsen kann. – Doch davon hatte das liebe gute Mädchen, das nur an ihre Rettung, an ihren Bruder und ihre Eltern dachte, auch noch nicht die leiseste Ahnung.

In der Befangenheit, die solche Situation mit sich bringt, hatte sie keine Antwort als den schon ziemlich verbrauchten Gemeinplatz: »Sie sind gar zu gütig, mein Herr!«

Aber schon im nächsten Augenblicke sagte ihr das feinere Gefühl, daß sie seine großen Dienste viel zu kalt aufgenommen hatte, und so gab sie sich denn unbewußt ganz ihren Empfindungen hin und, frei von aller Prüderie, ergriff sie die Hand des Freundes und sprach mit einem Ausdruck von Innigkeit, den keine Worte beschreiben:

»O mein guter Herr, wenn Sie wüßten, wie dankbar Sie mich verpflichtet haben, Sie würden sich selbst freuen, daß Ihnen Gott die Gnade gegeben hat, ein armes hülfloses Mädchen vom gänzlichen Untergang zu retten.«

In demselben Augenblick aber erschrak Emma über ihre eigene Wärme und sie wendete sich an die Trödlerin und sagte: »Wir haben erst noch unser Geschäft abzumachen, Madame, drei Thaler für das Tuch und es ist das Ihrige.«

»Was ist das?« fragte der Graf, »wozu wollen Sie das Tuch verkaufen?«

»Offen gesagt, um meinen Bruder auszulösen aus der Polizeihaft.«

»Nun dann biete ich Ihnen fünf Thaler, das Tuch ist neu und ich führe diese Waare als Kaufmann auf dem Laden.«

»Ihnen aber, Madame, vergüte ich hiermit den entbehrten Gewinn,« damit drückte er ihr ein Goldstück in die Hände.

Emma war glücklich, daß sich der Handel so gut machte, übergab das Tuch und empfing dafür ganz arglos einen Fünf-Thalerschein. Der junge Kaufmann bot ihr nun den Arm, um sie fort zu führen.

»Aber«, sprach er stehen bleibend, »wäre es nicht angemessen, daß mein Freund Ihren kleinen Bruder nach Hause führte, damit Ihre lieben Eltern über Ihr längeres Ausbleiben sich nicht ängstigen, es ist ohnehin schon sehr spät!«

»O mein Gott,« entgegnete Emma, »das war mein Wunsch, ich habe keine Worte, meine Dankbarkeit für Ihren gütigen Vorschlag auszusprechen.«

Der Doktor Ajax übernahm mit Bereitwilligkeit den Vorschlag und Emma beredete den Knaben, sich vor dem großen Barte nicht zu fürchten und mit dem Herrn zu gehen, der ihn zu Papa und Mama führen würde.

Fritz versprach hübsch artig zu sein und faßte schnell Vertrauen zu dem Herrn mit dem großen Barte, der ihn mit freundlichem Zureden bei der Hand nahm. Emma küßte den kleinen Bruder und dieser ließ sich willig fortführen.

»Soll ich eine Droschke holen?« fragte derselbe Gauner, der die arme Emma vorhin so schnöde behandelt hatte.

»Nur geschwind!«

Eine Minute später hielt die Droschke auf dem schmalen Fahrwege vor der niedrigen Colonnade des Mühldammes, worunter sich Laden an Laden befindet, einer immer ärmlicher als der andere. Da meldete der Vigilant mit abgezogenem Hute: »Gnädigster Herr Graf, Ew. Durchlaucht oder vielmehr Ew. Hoheit, denn jetzt ist Alles Hoheit geworden, habe die Ehre zu melden, daß es meinem rastlosen Bemühen mit Lebensgefahr gelungen ist, eine Droschke zu attrapiren, wenn vielleicht Ew. Majestät geneigt wären, ein kleines Biergeld .....«

Damit hielt er den abgezogenen vielfach verknitterten gelblichen Hut hin und empfing mit den Worten: »Hier, Schurke, nun pack dich fort!« ein Achtgroschenstück.

»Danke allerunterthänigst Ew. kaiserliche Hoheit, aber der Fabian Greif, Nummer 65 auf der Vigilantenliste, kennt die Egards in der Bedienung hoher Herrschaften zu gut, um nicht auch die Thür der Droschke zu öffnen.« Und damit sprang er hinaus auf die Straße, öffnete die Droschkenthür und stellte sich daneben, indem er seinen Hut unter dem Arm, in Form eines Chapeau-bas, zusammenquetschte.

Der junge Kaufmann, den wir Herr Liebreich nennen wollen, hob Emma in die Droschke und stieg selbst hinein.

Während dem sprach der Vigilant zu Emma: »Allergnädigste Prinzessin halten zu Gnaden, daß ich vorhin, von einer seltsamen Aehnlichkeit geblendet, Ew. Gnaden für die Rieke aus der Bummelgasse gehalten habe. Es war Alles nur Spaß damit und ich bitte huldreichst um Excuse.«

Mit diesen Worten machte er den Wagenschlag zu und hielt abermals dem jungen Herrn die Hand hin mit der Bitte: »Nun, mein Prinz, dieser Dienst verdient noch ein Biergeld.«

»Hab ich dir nicht schon gegeben?«

» Mille pardons, excuse Monseigneur! indeß hier habe ich Lakaiendienst verrichtet und hohe Herrschaften bezahlen ihre Tagediebe von Lakaien besser als die fleißigsten Arbeiter.«

»Du hast Recht, Spitzbube, da hier!« damit warf ihm Herr Liebreich noch ein Achtgroschenstück zu und befahl: »Droschke, nach dem Polizeibüreau des Reviers vom Schloßplatz.«

Der behelmte Vereins-Droschkier versetzte der knickebeinigen Droschken-Rosinante ein Dutzend schallende Peitschenhiebe und langsam setzte sich dieses lebende Pferdegerippe in Bewegung, nachdem es wohl noch eine Minute über die Dringlichkeitsfrage einer solchen Interpellation seiner Ruhe mit schlagenden Gründen belehrt war.

5

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Jetzt müssen wir noch einige Worte über den Entschluß des jungen Mädchens sagen, in dem großen sittenlosen Berlin sich so ganz unbefangen einem ihr eigentlich noch ganz fremden jungen Manne anzuvertrauen.

Emma hatte, wie wir wissen, keine französische Bonnen- und Gouvernanten-Erziehung empfangen. In den einfachsten bürgerlichen Verhältnissen erzogen, Vertrauen gewährend und Vertrauen empfangend, war ihr, gewiß selten bei Berlinerinnen, jene unbefangene Kindlichkeit des Gemüths geblieben, die nicht gleich das Schlimmste denkt, wenn sich ihr ein fremder junger Mann mit einiger Artigkeit nähert. Emma war dreist und sicher in ihrem Benehmen, wie eine Berliner Grisette, aber sie gehörte dieser Classe von Arbeiterinnen an, als eine der reinsten und unschuldigsten ihres Geschlechts. Vor dem Gifthauch der Vergnügungssucht, der Eitelkeit und des Leichtsinnes hatte sie das fast idyllische Familienleben ihres Hauses geschützt. Indem ihr Geschäft sie nöthigte, viel unter fremden Leuten und meistens in gebildeten Familien zu verkehren, hatte sie jene sonst den jungen Mädchen so lange anhängende Scheu und Blödigkeit verloren, wenn sie auch ganz fremden Personen sich gegenüber befand. Dazu kam ihr klarer Verstand und ihr fester sittenreiner Charakter, der zwar in der Unschuld ihres Herzens die Größe irgend einer unsittlichen Gefahr nicht kannte, aber auch sich bewußt war, Reinheit und Festigkeit genug zu besitzen, um keiner Gefahr dieser Art zu erliegen.

Es war also die Eroberung dieses jungen Mädchens für verwerfliche Zwecke keine leichte Aufgabe. Das erkannte denn auch sehr bald der hochgeborne Mädchenjäger und beschloß mit feinem und richtigem Takt, eine langsamere Belagerung, statt sonst gewohntes Sturmlaufen zu beginnen und vorsichtig seine Approchen anzulegen, um sich erst nur ihr unbegrenztes Vertrauen zu erschmeicheln, ehe er mit seiner Liebeswerbung deutlicher hervorrückte.

Nach Verlauf von etwa zehn Minuten hielten sie vor einem vier Etagen hohen Hause.

Hier wohnte der Polizeicommissair des Reviers.

»Das Büreau wird schon geschlossen sein,« sprach Herr Liebreich, wie wir, das Incognito des Herrn Grafen respectirend, ihn nennen werden, bis es ihm beliebt, im Glanz seines hohen Ranges vor uns zu erscheinen. »Sie sollen sich aber nicht bemühen, Fräulein Emma. Hätten Sie vielleicht die Güte, mir das Tuch einen Augenblick aufzubewahren und meine Rückkehr hier in der Droschke zu erwarten, so werde ich schon Alles abmachen.«

»Wie gütig Sie sind, Herr Liebreich, wie soll ich das wieder gut machen?«

»Indem Sie meinen Namen zu dem Ihrigen machen,« entgegnete er doppelsinnig im scherzenden Ton, aber mit einem Blick voll Innigkeit und einem raschen, warmen Händedruck, wodurch seine leicht hingeworfene Aeußerung mehr wie zu sehr für ein so leicht täuschbares Ding, wie ein reines, warmfühlendes Mädchenherz ist, die Farbe eines tief bedeutungsvollen Ernstes empfing. Sie nahm das Tuch wieder zu sich und erwartete im Wagen vor dem Hause seine Rückkehr. Dabei versank sie in ein Glückseligkeitsgefühl, das sie sich selbst nicht klar zu machen wagte.

Aus solchen Träumereien erweckte sie die Rückkehr des jungen Kaufmanns.

»Ach mein Gott,« rief sie erschreckend, »Sie wollen gewiß das Geld holen für die Auslösung meines Bruders!« dabei nahm sie aus ihrer Börse den Fünf-Thalerschein hervor.

»Im schlimmsten Fall,« entgegnete er lächelnd, »glaube ich noch so viel im Vermögen zu besitzen, um die Auslage machen zu können. Uebrigens« fuhr er ernster fort, »ist es sehr unangenehm, daß der Polizeicommissair noch nicht zurück ist von einem nächtlichen Dienstgeschäft. Man erwartet ihn erst um zwölf Uhr in seiner Wohnung wieder.«

»Ja wohl, sehr unangenehm,« entgegnete Emma; »so werde ich bis dahin nach Hause gehen, um wenigstens meine Eltern zu beruhigen.«

»Die werden durch die Rückkehr Ihres kleinen Bruders schon beruhigt sein und mein Freund wird ihnen bezeugen können, daß Sie sich in guten Händen befinden, so wie denn auch ihm bekannt ist, daß in der Nacht, wo es oft am meisten Noth thut, löbliche Polizei nicht immer zu haben ist. Wollen Sie mir vertrauen, liebe Emma, so führe ich Sie so lange in eine Conditorei, wo wir uns ein wenig von der Kälte der Nacht restauriren können.«

»Aber mein Gott, wird sich das schicken?«

»Dem Reinen ist Alles rein, zudem ist es schon spät Abends nach zehn Uhr. Gäste werden nicht mehr dort sein, jedenfalls finden wir immer ein leer stehendes, traulich durchwärmtes Stübchen und trinken ein Glas Punsch, uns zu durchwärmen.«

Emma schwieg. Die Idee hatte allerdings etwas Lockendes für die Phantasie eines jungen Mädchens, dessen Erziehung und Verhältnisse wenig geeignet waren, sie zur Sclavin äußerer Anstandsrücksichten zu machen, als das in vornehmen Familien der Fall zu sein pflegt.

Sie antwortete nicht, weder ja noch nein, aber wie willenlos ließ sie sich führen. Nach wenigen Minuten hielt die Droschke vor einer der kleinen Conditoreien, in welchen das Geschäft durch eine Ladenmamsell besorgt wird und nebenbei noch manches Andere, das man nicht auf die Firma zu setzen pflegt.

»Ein Zimmer, Eierpunsch und Backwerk« gebot der junge Kaufmann, indem er das junge Mädchen durch den Laden in ein größeres Seitenzimmer führte, wo noch mehrere Herren mit Zeitungslesen beschäftigt waren.

Dieser Befehl hatte für Emma's Unerfahrenheit nichts Abschreckendes; wohl aber erregten die frechen Blicke der Ladenmamsell, die auf sie selbst spöttisch gerichtet waren und gegen ihren Begleiter fast den Ausdruck eines vertraulichen Einverständnisses anzunehmen schienen, einigermaßen ihr Mißvergnügen. Weniger genirten sie die eine oberflächliche, vorübergehende Neugier verrathenden Blicke der Zeitungsleser, besonders der ältern Herren, die aber solche Scenen schon zu sehr gewohnt gewesen waren, um darauf länger als einen Moment zu achten.

Desto wohler und behaglicher war ihr zu Sinn, als sie in dem hintern kleinen Zimmer an der Seite ihres Freundes auf dem schwellenden Sopha von dunkelbraunem Plüsch Platz genommen hatte. Es war in der That hier ungemein gemüthlich; das Zimmer klein, die dunkelrothe Velourtapete mit Goldleisten befestigt, ein Querspiegel in Rococo-Goldrahmen über dem Sopha. Das Stübchen hatte nur ein Fenster, das mit gelbseidenen Vorhängen dicht verhangen war. Eine Moderateurlampe mit rundem Ballen von mattgeschliffenem Glase warf ein gedämpftes Licht auf die Beiden, Liebenden dürfen wir wohl sagen, obgleich noch keine Erklärung vorhergegangen war, und ein kleiner Coaksofen verbreitete eine behagliche Wärme im Gemach. Emma legte ihren Mantel und Hut ab, und jetzt erst sah Herr Liebreich ihre feine Taille, die runden Arme mit der feinen weißen Hand und die schwellenden Formen, die im Verein mit dem frischen gesunden reinen Teint, welchen die Kälte noch etwas mehr als gewöhnlich geröthet hatte, mit den großen dunkelbraunen Augen, die im weißen Email der Augäpfel zu schwimmen schienen und ihn so freundlich, unbefangen und herzlich anblickten, so wie mit dem kastanienbraunen Haar, das spiegelglatt mit einfachem Scheitel und vollen Flechten-Restchen des Hinterhaares, geordnet, fast wie angegossen, das dunkelbraune Tibetkleid, mit der silbernen Armspange, nirgends überladen mit Aufputz, nicht von unnatürlicher Weite und Länge.

Der junge Kaufmann verschlang sie fast mit den Augen und gestand sich selbst, daß er auch nicht in den höchsten Regionen der Gesellschaft jemals in den Salons und Soireen ein frischeres, lieblicheres und entzückenderes Mädchen gesehen habe. Dabei überschlich ihn ein Gefühl von wirklicher Liebe. Alles, was er früher einem hübschen Mädchen gegenüber empfunden hatte, war Sinnentaumel, hier wehte ihn zum ersten Male die Ahnung einer höhern Liebe an. Er wollte diese ihm neue Empfindung wegspotten, aber er vermochte es nicht. Er mußte sich machtlos diesem weit schönern und tiefern Eindruck wenigstens für den Augenblick hingeben, wenn auch ein Charakter wie der seinige nicht dauernd von edlern und rein menschlichen Gefühlen beherrscht werden konnte.

Bald darauf brachte die Ladenmamsell eine Bowle Eierpunsch mit Backwerk.

Wir fühlen, daß unsere liebe Emma wohl einer kleinen Apologie bedarf, wenn sie in solcher Situation von dem ihr eigentlich noch fremden Manne ein Gläschen dieses warmen, verführerischen Getränks annahm und mit einem gewissen Behagen austrank. Schelten wir sie nicht für leicht und leichtsinnig deshalb. Allerdings war damit der böse Schein gegen sie erweckt und diesen mußte schon der erfahrene Mädchenjäger für ein halbes Entgegenkommen halten; aber wir dürfen wohl an die tägliche Erfahrung erinnern, daß nicht selten die Frauenzimmer, die auf das Sorgfältigste jeden schlimmen Schein vermeiden und ihren Ruf hüten, weit weniger sittenrein und unschuldig sind, als diejenigen, die eben im Bewußtsein der Reinheit ihrer Gesinnungen arglos eine Huldigung für eine harmlose Freundlichkeit annehmen, die nicht bekannt werden dürfte, ohne ihrem Rufe mehr zu schaden, als eine wirklich im Geheimen gewährte Näscherei an Amors süßestem Bisquit.

In einem solchen Fall einer harmlosen, aber zu weit gegangenen Arglosigkeit befand sich Emma an diesem Abend. Der warme Punsch in einer so kalten Nacht war ihr gleichsam ein physisches Bedürfniß und warum sollte sie eine in ihren Augen so unschuldige Erquickung nicht annehmen, aus den Händen eines so bescheidenen und artigen jungen Mannes, der sich durch so große Dienste und noch größere, die er noch verheißen hatte, Anspruch auf ihre Dankbarkeit, ihr Vertrauen und selbst ihre Freundschaft erworben hatte.