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Wenn das innere Kind leidet, ist es Zeit etwas gegen den Schmerz zu tun. Posttraumtische Belastungsstörung ist die Diagnose, welche im Institut festgestellt wurde. Damit weiter durchs Leben zu gehen, funktioniert nicht mehr, da die Depressionen zu massiv wurden und mich ins Burnout trieben. Also höchste Zeit, etwas für mich zu tun. In einer Zeit, in der alles über Achtsamkeit spricht, begebe ich mich auf den Weg zu meinem inneren Kind. Wo ist es? Wie geht es ihm? Wird sich meine Sicht darauf verändern, wenn ich es finde? Was wird passieren? Begleiten Sie mich durch meine Geschichte und wer weiß, vielleicht finden sich ja selbst darin wieder. Wie lange können wir hinsehen, ohne zu erkennen, dass endlich die Zeit dafür gekommen ist, etwas zu ändern oder zu verändern. Ändern oder verändern. Was ist der Unterschied? Eines ist sicher, wenn ich mich ändere, wird sich auch etwas verändern. Ich möchte die Sicht auf mein inneres Kind ändern, damit sich mein Leben verändert. Damit es leichter wird und ich nicht mehr auf ein kleines leidendes Wesen sehen muss. Keine Angst, in meinem Märchen für Erwachsene geht es nicht um Misshandlung. Die Geschichte über Misshandlung, seelischer Verwahrlosung, meine Geschichte, habe ich in meinem ersten Buch: Du weißt doch gar nichts, schon erzählt. Jetzt will ich mich um das kleine Mädchen kümmern. Sie treffen und herausfinden, was ich für sie tun kann. Ihr einen Teddybären in die Arme zu drücken, wird nicht ausreichend sein. Es ist eine Aufgabe, welche ich sehr ernst nehme, vor allem werde ich so lange bei ihr bleiben, wie notwendig.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Einen besonderen Dank an
die Engel in Weiß des Pavillon 7
sowie an das gesamte
Ärzte- und Therapeuten Team
Ihr macht einen großartigen Job!
Vorwort
Das Institut
Eine neue Türe
Die Quelle
Die Hütte
Der erste Kontakt
Sechs
Viele Fragen
Die Dunkelheit
Jetzt Sieben
Königinnen
Löwen und Elefanten
Ein halbes Jahrhundert
Nur ein kleiner Spalt
Das Tempo
Schattenspiel
Reichtum
Meine Rolle
Sog
Das Zimmer und der Hass
Die Tür
Endlich Regen
Resilienz
Krank im Kopf
Diebe überall
Träume
Kreieren
Schlafen
Enttäuschung
Charlie
Später
Zeit
Tiere
Harte Arbeit
Verantwortung
Pause
Haare ab
Farbenrausch
Überraschung
Magie des Moments
Der Traum im Traum
Ein kranker Clown
Es war mir eine Ehre
Epilog
Wie lange können wir hinsehen, ohne zu erkennen, dass endlich die Zeit dafür gekommen ist, etwas zu ändern oder zu verändern.
Ändern oder verändern. Was ist der Unterschied? Eines ist sicher, wenn ich mich ändere, wird sich auch etwas verändern. Ich möchte die Sicht auf mein inneres Kind ändern, damit sich mein Leben verändert.
Damit es leichter wird und ich nicht mehr auf ein kleines leidendes Wesen sehen muss.
Keine Angst, in meinem Märchen geht es nicht um Misshandlung. Die Geschichte über Misshandlung, seelischer Verwahrlosung, meine Geschichte, habe ich in meinem ersten Buch „Du weißt doch gar nichts“ schon erzählt. Jetzt will ich mich um das kleine Mädchen kümmern. Sie treffen und herausfinden, was ich für sie tun kann. Ihr einen Teddybären in die Arme zu drücken, wird nicht ausreichend sein. Es ist eine Aufgabe, welche ich sehr ernst nehme, vor allem werde ich so lange bei ihr bleiben, wie notwendig.
Dazu musste ich mir zuerst einige Fragen stellen und ehrliche Antworten geben, da ich mit meiner Kindheit hadere und mein inneres Kind immer wieder spüre. Der Schmerz ihrer kleinen Seele, liegt schwer auf der meinen.
Geht es meinem inneren Kind gut? Nein, es leidet.
Kann, will, muss ich Kontakt aufnehmen? Ja. Ja. Ja.
Braucht es Hilfe? Ja, dringend.
Was kann ihm helfen? Das werde ich herausfinden.
Wie finde ich es? Ich muss genau in mich hinein hören.
Wo befindet es sich? In einem schwarzen Raum.
Welchen Weg muss ich gehen? Einen steinigen Weg.
Will ich diesen Weg gehen? Ja, egal wie steinig.
Hilft mir der Kontakt oder schmerzt er zu sehr? Er wird schmerzen und darüber hinaus heilen.
Was darf ich nicht außer Acht lassen? Dass ich die Vergangenheit nicht ändern kann, eventuell aber meine Sicht darauf.
Der Pavillon, in weiß gestrichen mit zartgrünen Details gleicht einer alten Villa aus den Anfängen der Neunzehnhunderterjahre, wenn man jedoch die Geschichte der großen Anlage kennt, weiß man, hier ist etwas Schreckliches geschehen und es nimmt mir fast den Atem. Dieses riesige Areal mit verschiedenen Gebäuden steht hier aus einem ganz bestimmten Grund. Es gibt herrschaftliche Bauten, manche groß mit ausladenden Flügeln links und rechts und stattlichen Eingangsbereichen. Dazwischen sind kleinere Gebäude, aber genauso hübsch mit Klinkerfassade ab dem ersten Stock. Die vielen Grünanlagen täuschen den Betrachter über die riesige Fläche. Wenn man genau hinsieht, wird einem sofort bewusst, dieses Institut wurde vor dem ersten Weltkrieg erbaut und später, vielleicht im zweiten Weltkrieg ergänzt. Erbaut wurde es, um hier viele bedürftige Seelen zu heilen und ihnen ein Zuhause zu geben.
1902 wurde die Anlage von Kaiser Franz Joseph eingeweiht und später schrieb er:
„Alles zum Besten der Narren. Es muss ein Hochgenuss sein, dort eingesperrt zu sein.“
Was so mancher über diese Wortwahl heute denkt, bleibt dahingestellt. Leider wurde der Auftrag dieses Instituts im zweiten Weltkrieg genau ins Gegenteil verkehrt. Ab dieser Zeit wurden hier diese armen Seelen hergebracht, um sie zu misshandeln und sie schlichtweg unter dem Vorwand der Wissenschaft umzubringen, nachdem man ihnen wahrscheinlich, weiß Gott was angetan hat. Mittlerweile sind viele neue hübsche moderne Häuser hinzugefügt worden und die Aufgabe des Instituts besteht heute wieder aus dem ersten und einzig richtigen Grund, um Gutes zu tun, zu helfen, zu pflegen, einfach da zu sein. Seelen zu heilen oder denen, welchen nicht mehr zu helfen ist, ein Zuhause zu geben.
Ich, Carina 54, bin auch hier, um mir helfen zu lassen. Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung und Burnout. Meine Kindheit lastet noch immer auf meiner Seele und mein Job gibt mir gerade den Rest. Das, was für mich ein Traumjob war, wurde für mich zum Albtraum. Zuerst hochgeschätzt und dann plötzlich wertlos. Somit werde ich die nächsten Wochen hier verbringen.
Meine fünfzehn Mitbewohner des Pavillons sind für mich nach vier Wochen mehr als Mitpatienten, manche sind sogar Freunde geworden, welche mir unterstützend zur Seite stehen oder mich einfach nur zum Lachen bringen. Die eine oder andere Umarmung ist jederzeit willkommen.
Wärme für beide Seiten.
Wärme, welche wir hier so dringend benötigen, um die Kraft zu finden uns öffnen zu können. Jeder kämpft hier mit seinen eigenen Dämonen und möchte den Rucksack des Lebens unter professioneller Hilfe entlasten. Mir gelingt der Vertrauensfall jetzt schon ganz gut. Kleine und große Geheimnisse werden hier geteilt, ich fühle mich sicher und brauche keine Mauern, welche ich im Alltag immer wieder hochfahren muss, um mich herum. Körper und Seele vereinen sich, werden verletzbarer und gleichzeitig stärker.
Ein Widerspruch?
Nein, ein für Außenstehende unverständlicher Fakt.
Hier wird die Seele erst genau diagnostiziert, dann repariert und für den zukünftigen Weg durchs Leben präpariert. Die Therapien sind kein Spaziergang, sondern fordern viel Mut und Energie. Ein oft sehr schmerzhafter Akt, jedoch notwendig.
Wir laufen mit wehenden Fahnen durch die Hölle und sagen dem Teufel, er soll noch ein Stockwerk tiefer graben und sich vor uns in Acht nehmen.
Heute passiert etwas Besonderes, dessen bin ich mir sicher. Wahrscheinlich kennt jeder das Gefühl, welches sich an manchen Tagen wie eine Vorahnung in einem breit macht. Schon beim Aufwachen habe ich ein seltsames Gefühl, meine Sinne fühlen sich wie extra geschärft an. Das Knallen der Türen ist heute besonders laut, selbst meine elektrische Zahnbürste scheint heute in meinem Mund zu wummern.
Der Kaffee schmeckt zu bitter und die Sonne sticht mir grell in die Augen, obwohl sich meine Sonnenbrille dort befindet, wo sie hingehört, auf meiner Nase. Seit ich hier bin empfinde ich zwar schon alles zu laut, aber heute ist es anders. Sogar das Holz des Treppengeländers fühlt sich anders in meiner Hand an.
Der ganze Tag wird durch diese Sensibilität anstrengender, als er durch die Therapien ohnehin schon ist. Zudem verzichte ich heute gerne auf das Abendessen, der Geruch ist einfach zu intensiv, also nichts wie raus aus dem Speisezimmer. Als ich um die dreißig meine Migräne hatte, fühlte es sich ähnlich an. Hoffentlich bleibe ich davon verschont, der neuerliche schmerzhafte Ausbruch meiner Gürtelrose reicht mir vollkommen.
Auf dem Weg in mein Zimmer, welches sehr schlicht und einfach gehalten ist, ohne Dusche und WC, spüre ich eine weitere Veränderung, die Luft fühlt sich eigenartig dicker an. Noch traue ich meinem seltsamen Gefühl nicht. Wahrscheinlich habe ich doch etwas Hunger, oder eventuell Durst? Die Therapien waren heute besonders anstrengend und ich bin erschöpft, wahrscheinlich liegt es daran. Nur schnell ins Bett, Kopfhörer aufsetzen, etwas bei guter Musik entspannen. Einfach nur Ruhe. Ich nehme die Türklinke und drücke sie nach unten, öffne meine Türe. Vor mir ist seltsamerweise eine weitere Tür.
„Man, was ist denn mit mir heute los? Bin ich komplett zerstreut, da war doch nie eine Doppeltüre?“, denke ich und im gleichen Moment lege ich die Hand auf diese weitere Türklinke und öffne somit, ohne zu hinterfragen, diese mir völlig rätselhafte Türe. Zuerst muss ich mich fast mit meinem ganzen Körpergewicht dagegenstemmen, so schwer wie das blöde Ding ist. „Nur nicht den Rücken verrenken und mir wieder einen Nerv einklemmen“, flüstere ich. Das würde mir jetzt so richtig fehlen, zumal meine Schmerzen im Rücken sich durch die Medikamente und Behandlungen gut um die Hälfte reduziert haben. Endlich mal halbwegs erträgliche Schmerzen.
Seit Monaten machen mir diese Schmerzen, ausgehend von meiner Wirbelsäule, das Leben schier unerträglich.
Stöhnend und schiebend geht es dann doch. Die Tür quietscht laut kreischend, es scheint, als hätte diese Türe über Jahrzehnte niemand geöffnet und schon gar nicht geölt oder sonst was.
Was soll das denn jetzt hier? Ich blicke nicht in mein Zimmer. Liegt es an den Medikamenten? Die sollten doch harmlos sein, zumindest sagt das der Oberarzt. Halluziniere ich jetzt etwa? Ich schaue hinter mich und sehe den Gang des Pavillons mit seinen hohen Decken. Vor mir liegt allerdings etwas verstörend Rätselhaftes. Eine seltsame Landschaft, in welcher es augenscheinlich sehr lange nicht geregnet hat, zieht mich regelrecht zu sich hinein. Der Boden ist ausgedörrt, breite Risse durchziehen das, was vielleicht einmal eine grüne Wiese war, nur noch graue Gräser sind übrig. Bäume ohne Blätter säumen einen staubigen steinigen Weg. Alles scheint wie durch einen schwarzweißen Filter. Farblos, Monochrome, wie eine Mondlandschaft, jedoch völlig anders geformt mit großen, dürren Wäldern, Feldern und Wiesen.
Als ich hineintrete fühlt es sich für den Bruchteil einer Sekunde an, als würde ich durch ein dickes Gel hindurch gleiten, ein Magnetismus scheint mich durchzuziehen.
Kurz bleibt mir der Atem stehen, mein Atemzug wird unterbrochen. Dann ist das unangenehme Gefühl genauso schnell weg, wie es gekommen ist. Jetzt stehe ich in dieser grotesken Landschaft, ich drehe mich noch einmal um, die Türe steht nach wie vor offen und der Gang ist noch da, allerdings ist alles sehr verschwommen. Ich bücke mich bedächtig, um nach ein bisschen Erde zu greifen und zerbrösle sie zu grauem Sand, welcher langsam auf den Boden fällt. Vor mir windet sich ein steiniger, staubiger Weg, es ist sonst kein anderer Weg zu sehen, es scheint tatsächlich der einzige zu sein. Also gehe ich los. Nur nackte Büsche, trocken ohne grüne Blätter, Blümchen oder Früchte, stehen zwischen den Bäumen in verschiedenen Formen und Höhen. Die Landschaft wäre tatsächlich hübsch, wenn sie im satten Grün stehen würde. Es ist für das Auge angenehm hügelig und überall säumen dichte Wälder ausladende Felder. Weit im Hintergrund türmen sich hohe Berge. In der Ferne sehe ich Flussläufe, welche sicherlich ausgetrocknet sind und kein lebensnotwendiges Wasser in sich tragen.
Egal in welche Richtung ich blicke, alles wirkt ausgezehrt, fast schon tot.
Kurz erscheinen mir die schwarzweißen Aufnahmen von alten Menschen vor Augen. Diese Gesichter, welche weise blicken, von tausenden Falten zerfurcht und von einem Leben der Entbehrungen gezeichnet sind. Der Himmel ist bewölkt, es ist keine Sonne in Sicht. Die Wolken wirken wie ein Schleier aus schwerem Blei, keine Wolkentürme oder Schäfchenwolken zeichnen den Himmel hübscher, eher als wäre ein Maler mit einem groben Pinsel einfach gefühllos darüber gezogen.
Es lügen alle, die ihre Stunden der Dürre ableugnen, denn sie haben nichts begriffen. Antoine de Saint-Exupéry
Als ich einen Ast von einem Busch abbreche, sehe ich einen noch gerade so lebenden Kern. Also doch noch nicht ganz tot, als würde sich die Landschaft noch vor dem endgültigen Tod wehren und auf den so notwendigen Regen warten. Mir fällt auf, dass ich außer dem Staub, welchen ich beim Gehen aufwirbele, nichts rieche. Was auch? Diese Gegend stirbt augenscheinlich. Sie trocknet aus, somit gibt es nicht einmal den unangenehmen Geruch des Todes. Das Bild von vertrockneten Mumien erscheint kurz vor meinem inneren Auge. Jetzt ist aber gut, meine Fantasie geht ja vollkommen mit mir durch. Hier ist auch kein Geräusch zu hören. Kein Zwitschern der Vögel oder irgendein Rascheln andere Tiere im angrenzenden Wald dringt zu mir. Eine Stille, wie ich sie mir oft gewünscht habe, jetzt jedoch seltsam beunruhigend oder besser, bedrückend auf mich wirkt.
Langsam folge ich dem Weg leicht bergab. Es bleibt mir keine andere Wahl, da dies noch immer der einzige Weg ist, bisher gab es keinerlei Abzweigungen oder Wegkreuzungen. Nur meine Schritte sind zu hören, es gibt sonst kein anderes Geräusch, obwohl ich immer wieder stehenbleibe, um angestrengt hören zu können, ob nicht doch etwas zu mir dringt. Alles fühlt sich an wie in einem Vakuum, wie abgeschnitten von allem Leben.
Dieses Nichts, was die Sinne berühren könnte, macht das Gefühl hier für mich fast unerträglich, vor allem nach der Sinnesüberflutung des heutigen Tages, welche mir erst mindestens genauso anstrengend erschien.
Staunend über die Situation spaziere ich, ohne an Umkehr zu denken einfach weiter den Weg entlang, als würde ich geführt oder gezogen werden. Nach einer Biegung erkenne ich ein kleines Rinnsal links von mir. Aus Neugier knie ich mich vorsichtig hinunter, um den Finger darin einzutauchen, es scheint Wasser zu sein. Langsam stecke ich den Finger in den Mund, um das Wasser zu kosten. Zu meiner Überraschung ist es salzig wie Meerwasser, schnell spucke ich es aus, denn ich habe nichts zum Ausspülen oder zu trinken mit. „Hier gibt es doch sicher kein Meer, was soll das denn sein, salzige Bäche? Davon habe ich ja noch nie gehört“, denke ich laut und meine Neugierde erwacht schlagartig. Jetzt muss ich unbedingt die Quelle von diesem salzigen Rinnsal finden.
Kein Wunder, dass hier nichts wächst, wenn das einzige Wasser Salz enthält.
Der Wald über mir, aus dem der Miniaturbach fließt, ist dicht und die trockenen Äste scheinen Dornen zu haben. Es nützt nichts, ich muss die Quelle finden. Folglich mach ich mich auf den Weg nach oben durch Bäume und Gestrüpp. Äste verfangen sich in meinen kurzen Locken, scharfe Dornen kratzen an meiner Haut entlang.
Fast stolpere ich über eine ausgedorrte Wurzel. Jetzt mir den Knöchel verstauchen würde mir gerade noch fehlen.
Es ist mühsam, immer wieder strauchle und verheddere ich mich in etwas wie vertrocknete Brombeersträucher.
Der Wald zieht und zerrt an mir, als würde er sich gegen meinen Besuch wehren. Wenn das kleine Rinnsal nicht neben mir wäre, hätte ich hier mit Sicherheit die Orientierung verloren, zudem kann ich mich nicht nach der Sonne richten. Wie denn? Es gibt hier ja keine.
Endlich komme ich an einer kleinen Lichtung an, in deren Mitte ein großer Baum steht. Ein wohlgeformter Riese mit ausladenden Ästen, auf welchem keine Blätter wachsen. Der Stamm ist breit und die blätterlose Krone ist riesig. Ich stelle ihn mir kurz mit großen Blättern in satten Grün vor, welch ein majestätisches Bild er abgeben würde oder vielleicht schon einmal abgegeben hat.
Jetzt steht er allerdings mitten in einer kleinen Sandwüste, statt auf einer grünen wilden Wiese. Ein eher trauriger Anblick. Etwas scheint jedoch an einem Ast zu glitzern. Sobald ich näherkomme, entdecke ich einen kleinen Tropfen Wasser, welcher sich gerade vom Ast löst und lautlos in die kleine Pfütze darunterfällt. Ein weinender Baum.
„Sehr surreal“, sage ich wieder laut und erschrecke von meiner eigenen Stimme.
Langsam bildet sich der nächste Tropfen, noch bevor er in die kleine Pfütze tropfen kann, öffne ich die Hand, um ihn aufzufangen. Ich blicke in meine Hand mit der kleinen Träne darin. Gut, die Quelle habe ich gefunden.
Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt. Wir fällen sie und verwandeln sie in Papier, um unsere Leere darauf auszudrücken. Khalil Gibran
Und jetzt?
Zurück gehen und wieder durch die Doppeltüre ins Institut?
Ich bin aus einem ganz bestimmten Grund hier, davon bin ich überzeugt. Vielleicht träume ich auch nur, das glaube ich aber inzwischen nicht mehr so ganz, alles fühlt sich so echt an. Oder doch? Das hier muss aber ein Traum sein, anders ist es nicht zu erklären, es muss. Soll ich jetzt einfach umdrehen, nein, das erscheint mir völlig falsch. Dann werde ich lieber wieder zurück auf den Weg gehen und diesem weiter folgen. Erschöpft an dem Weg angekommen, betrachte ich erst die Kratzer auf meinen Armen und Beinen. Wahrscheinlich werde ich mir von der Krankenschwester ein Desinfektionsmittel und Wundsalbe holen müssen, sobald ich wieder zurück bin.
Aber in einem Traum bekommt man doch keine Wunden?
Oder?
Ich folge jetzt einfach dem Weg, ab jetzt mache ich mit Sicherheit keine Ausflüge ins Dickicht mehr. Der eine Abstecher hat genügt, gebe ich mir selbst ein kleines Versprechen, wohlwissend, dass meine Neugierde überdies siegen wird, sollte das notwendig sein. Das Rinnsal aus Salzwasser schlängelt sich weiterhin dem Weg entlang, somit kann ich auf diesem bleiben und sehe gleichzeitig ob noch weitere Rinnsale von Bäumen kommen. Nach gefühlten Kilometern immer dem Weg entlang ändert sich die Landschaft nicht sichtbar, alles bleibt trocken, kahl, grau, geruchlos und still. Es ist anstrengend durch diese Tristesse zu wandern, ohne jeglichen Sinnesreiz.
Wenn ich wenigstens einen Windhauch auf meiner Haut spüren würde. Was soll dieser Traum? Noch immer bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich träume oder halluziniere. In meinen Gedanken notiere ich mir unbedingt mit dem Chefarzt darüber zu sprechen. Diese Medikamente scheinen doch nicht ganz so harmlos zu sein. Der langsame Schritt ist das einzig Beruhigende. Wie ich von meinen Füßen und den Staub, welchen ich aufwirble aufsehe, erkenne ich in einer Senke ein kleines Gebäude mit schiefem Dach.
„Na endlich!“, murmle ich und denke „Hoffentlich ist da jemand den ich fragen kann, was das hier ist oder sein soll.“
Meine Schritte werden schneller und wieder ist meine Neugierde geweckt. Der Garten ist jetzt genauso kahl, wie alles andere rundherum, jedoch kann ich mir vorstellen, dass dieser Garten ein hübsches Bild abgeben würde, wenn alles darin erblüht. Ob hier jemand lebt, ist eher unwahrscheinlich. Das kleine Gebäude ist eine Hütte mit kleinen geschlossenen Fensterläden, einem Dach aus Stroh und einer äußerst stabil anmutenden Holztür. Die Hütte sieht genauso verlassen und unbewohnt aus wie alles um mich herum.
