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75 Tage allein auf dem Ozean, auf einem 7,5 Meter langen Ruderboot, nonstop über den Atlantik – das trauen sich die wenigsten Menschen zu. Und doch entschließt Gabi Schenkel sich – gegen den Rat ihres Umfelds –, als Solo-Ruderin an der »Atlantic Challenge« teilzunehmen. Nach zwölf Monaten Vorbereitung geht es los: 5.200 Kilometer allein quer über den Atlantik. Auf ihrer Reise begegnet sie Zwergwalen und Delfinen, feiert Weihnachten mit einer um den Hals gehängten Lichterkette in einer unendlichen Weite aus Wellen und Wind und erlebt ungeahnte Glücksmomente. Sie durchkämpft Stürme, ersetzt gebrochene Ruder, erleidet Krankheiten, kentert und verbringt Wochen in schier unerträglicher Einsamkeit. Nach mehr als acht Millionen Ruderschlägen steigt Gabi Schenkel in Antigua als einzige weibliche Solo-Ruderin vom Boot. »Solo auf See« ist nicht nur die Geschichte eines großen Abenteuers und einer unglaublichen sportlichen Leistung, sondern auch die eines Lebenswegs voller Hindernisse, voller Höhen und Tiefen und der Suche nach etwas, das uns alle erfüllt und das wir doch nur schwer beschreiben können.
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2022
28° 5.30 N, 017° 6.49 W – La Gomera
26° 59.32 N, 018° 8.45 W – Neustart
26° 45.86 N, 018° 16.61 W – Fieber
26° 1.99 N, 018° 29.06 W – Stillstand
24° 13.93 N, 021° 35.86 W – Weihnachten
23° 20.48 N, 022° 24.73 W – Reggie
22° 42.71 N, 023° 11.15 W – Heilung
22° 21.87 N, 024° 9.60 W – Tischbeine
21° 37.65 N, 025° 48.13 W – Silvester
21° 18.55 N, 026° 54.88 W – Begegnung
21° 8.01 N, 027° 38.06 W – Wellengespräche
20° 9.90 N, 032° 9.01 W – Geisterwelle
20° 9.90 N, 032° 9.01 W – Reset
18° 39.40 N, 039° 10.13 W – Alltag
17° 18.28 N, 042° 59.83 W – Dancing Queen
17° 27.09 N, 049° 4.76 W – Kräftemessen
16° 49.98 N, 055° 43.38 W – Umwege
16° 54.91 N, 058° 28.77 W – The Final Countdown
17° 0.45 N, 061° 45.88 W – Antigua
Was dann kam
Gabis Playlist
»Hoffentlich habe ich nichts vergessen«, versucht sich mein Kopf in den Vordergrund zu drängen. Gedanken, wie sie oft vor Aufbruch in die Ferien oder zu Beginn einer Reise aufkommen. Normalerweise sind die wichtigsten Dinge mein Pass und eine Kreditkarte. Beides habe ich heute eingepackt, auch wenn sie auf dieser Reise, die in Kürze beginnt, nicht denselben Stellenwert haben werden.
Meine innere Nervosität hat ein Ausmaß angenommen, das ich in dieser Form nicht kenne. Mein Körper scheint so angespannt zu sein, als würde er in einem Schraubstock stecken, die Nerven dem Zerreißen nahe wie überspannte Saiten einer Gitarre. Doch spüre ich meinen Körper, bis auf ein Ziehen in der Magengegend, gar nicht. Meine Atmung geht flach, ich schalte innerlich auf Autopilot um. Kontrolliert und fast mechanisch tätige ich die nächsten Handgriffe. Kabinentür schließen, Klettergurt zuziehen, Karabiner der Sicherheitsleine am Strecktau neben meinem Rollsitz sichern. Ich sitze auf meinem Boot, der Miss Universe, höre die letzten Worte von Carsten, dem Direktor der Regattaorganisation Atlantic Campaigns, während er mir zum Abschied die Hand reicht.
»Ich werde dich in Antigua wiedersehen!«
Die Verantwortlichen des Sicherheitsteams lösen meine Leinen und stoßen mein Boot vom Steg ab. Mein Herz macht einen kleinen Satz, als möchte es aus meinem Körper raus wieder zurück an Land hüpfen. Ich atme tief ein und weiß, dass ich das kann. Ich werde über diesen Ozean rudern. Aufmerksam steuere ich mein Boot in Richtung Hafenausgang und nehme noch schwach die Rufe der mir zujubelnden Menschen auf der Hafenmauer wahr. Ich pflanze mir automatisch ein Lächeln aufs Gesicht, welches meinen Körper noch nicht zu entspannen vermag.
Das Signalhorn zu meinem offiziellen Start ertönt in dem Moment, als ich am Ende der Hafenmauer vorbeigleite und rechts von mir das große Banner mit »3,000 miles to go« in mein Blickfeld rückt.
»Jetzt nur keinen Fehler beim Steuern machen«, flüstere ich mir zu, denn erstaunlich viele Augenpaare verfolgen mich noch immer von dem kleinen Platz am Ende der Hafenmauer aus, an der nun kein Ruderboot mehr befestigt ist. Ich bin die Letzte, die sich auf den Weg macht. Irgendwie fühlt sich alles surreal an. Ich bin unterwegs und doch nicht wirklich auf dem Boot. Alles ist irgendwie viel zu viel für meine Sinne.
Mit einem lauten Böllerschuss wird mein Abschied allen Zurückbleibenden und mir nochmals verdeutlicht. Jetzt kann ich meinen Blick vom Hafen lösen. Ich atme tief durch und merke, wie sich die Anspannung der vergangenen zwei Wochen löst und durch eine neue ersetzt wird. Ich bin zwar locker aus dem kleinen Hafen herausgekommen, aber die Insel ist immer noch sehr nah.
»Jetzt nur keine peinliche Kollision mit den Klippen links von mir bauen«, schießt es mir durch den Kopf, und ich schlage mir in Gedanken die Hand an die Stirn, denn das Fiasko nimmt vor meinem inneren Auge bereits Formen an. Das Steuerruder ist fixiert, und der Autopilot ist noch ausgeschaltet. Mit den Rudern steuere ich meine Miss Universe durch die Bahn, die mit gelben runden Bojen markiert ist. Immer wieder drehe ich mich um, um die Richtung anzupassen, damit ich die letzte rote Markierung vor dem offenen Meer nicht touchiere. Die Anfahrtsschneise des Hafens von San Sebastian fühlt sich einengend an, und ich bin froh, als ich endlich das Ende des Wellenbrechers rechts von mir passiere. Mit jedem Ruderschlag komme ich aus dieser beklemmenden Enge heraus, atme freier und fühle, wie mich die Weite des Ozeans begrüßt.
Im Vergleich zur Trainingsausfahrt vor zwei Tagen bläst der Wind stärker. Mit meinem Telefon mache ich ein letztes Foto mit dem Blick auf La Gomera und frage mich, wie sich wohl Christoph Kolumbus gefühlt hat, als er denselben Hafen vor Hunderten von Jahren in Richtung Antigua verlassen hat. Schnell lasse ich den Gedanken wieder los, denn Kolumbus’ Boot war viel größer, und er hatte ja auch eine Menge Segel und eine größere Crew. Mich mit ihm zu vergleichen, wäre, wie Äpfel und Birnen nebeneinanderzulegen, beides Früchte, aber doch anders. Zudem sind die Wellen nun bereits ruppiger, als ich das von all meinen Trainingsfahrten kenne. Ich schalte den Autopiloten an, damit er das Steuern übernimmt. Ich habe ihn auf den Namen Rudy getauft. Er ist ja irgendwie mein Steuermann an Bord, da kann ich ihn ruhig personifizieren.
Mein Magen sendet leichte Signale. Es ist ihm nicht so wohl, und er würde die kleinen Happen Tortilla, die ich vor einer Stunde im Hafen noch hinuntergewürgt habe, gern ans Meer abgeben. Das kann ja wohl nicht sein, dass ich bereits jetzt seekrank werde! Was ist mit dem Anti-Seekrankheits-Pflaster hinter meinem rechten Ohr, das auf der Trainingsfahrt so gut funktioniert hat? Da war ich ja auch nervös, weil ich mir mit zwanzig Knoten Gegenwind ein Kräftemessen geliefert hatte, als ich wieder in den Hafen hineinrudern wollte. Steffi vom Team RowHHome aus Deutschland hatte mich gesehen und sich gefragt, wie ich das allein schaffe, denn sie hatten als Team zu viert schon Mühe, den Hafen zu erreichen.
Nervosität ist der größte Treiber, wenn es um Seekrankheit geht. So wurde es mir jedenfalls von erfahrenen Ozeanruderern und Seglern bestätigt. Okay, das heißt also, dass ich diese Seekrankheit durch ein Reduzieren meiner Nervosität in den Griff kriegen kann. Aus Erfahrung klappt das für mich am besten, wenn ich mich mit anderen Dingen beschäftige und so den Grund meiner Nervosität ausblende. Mein Blick sucht auf dem Wasser nach Ablenkung. Ich bleibe am Boot von John Davidson hängen, der ohne Orientierung auf dem Wasser zu treiben scheint. Er ist auch ein Soloruderer. Ich erblicke Manfred, den Skipper der Support-Jacht Skye, der auch die Sicherheit der Ruderboote im Hafen mit seinen Manövrierkünsten auf dem Jetski gewährleistet. Jetzt ist Manfred mitsamt Jetski bei Johns Boot. Erstaunlicherweise scheine ich bereits an ihm vorbeigerudert zu sein, obschon er eine Viertelstunde vor mir gestartet ist. Ich hoffe, dass bei John alles in Ordnung ist. Später werde ich erfahren, dass er mit verhedderten Steuerseilen zu kämpfen hatte. Weiter rechts erkenne ich in der Ferne das Boot eines weiteren Soloruderers. Carl Plaschert scheint mit dem Wind und den Wellen auch noch nicht klarzukommen.
Fürs Erste funktioniert mein Seekrankheitsablenkungsmanöver. Dass ich meine zwei Mitruderer auf ihren Booten sehe, fühlt sich gut an. Offenbar stelle ich mich aktuell recht ordentlich an und bin froh, die rote Laterne, die mir mit dem letzten Startplatz mit auf den Weg gegeben wurde, temporär abzugeben. Ich weiß, wir sind erst auf den ersten Seemeilen, und es wird noch viel passieren. Und es ist ja auch total egal, auf welchem Platz ich rudere und ankomme. Mit einem Schmunzeln erinnere ich mich an die vielen Berg- und Ultraläufe, bei denen ich mit viel zu rasantem Tempo gestartet war und meine haushohen Erwartungen bereits nach wenigen Kilometern über den Haufen werfen musste. Ein wenig Wettkampfverhalten habe auch ich in mir, es ist nicht sehr ausgeprägt und hartnäckig, aber doch existent. Anders als bei den Bergläufen sehe ich aber bereits jetzt keine meiner Konkurrenten mehr, und ich konzentriere mich voll auf mich selbst.
Ich habe den Schutz der Insel La Gomera verlassen, sehe rechts von mir in der Ferne den Teide, den Vulkan auf der Insel Teneriffa, und hoffe, dass ich ihn bald nicht mehr in meinem Blickfeld habe. Gern würde ich auf der Anzeige rechts neben der Kabinentür, direkt vor mir, ablesen, wie weit ich bereits gerudert bin, einfach fürs gute Gefühl. Die Mischung aus Nervosität und Übelkeit lässt dies aber nicht zu, weil sich die Zahlen sofort zu einem diffusen und unlesbaren Fleck formieren. Mir ist unglaublich schlecht, und der Happen Tortilla in meinem Magen findet doch noch seinen Weg, als Fischfutter im Meer wiederverwertet werden zu können. Immer wieder hole ich tief Luft, in der Hoffnung, mein System zu beruhigen.
Die Wellen sind jetzt auf eine Größe angewachsen, wie ich sie aus dem Training nicht kenne. Sie kommen nicht nur in einem 45-Grad-Winkel zur Achse des Bootes von links, sondern auch von rechts! Autopilot Rudy arbeitet auf Hochtouren, um meine Miss Universe auf Kurs zu halten, und ich gebe mein Bestes, ihn mit den Rudern zu unterstützen. Mit höchster Konzentration versuche ich zu antizipieren, von welcher Seite die nächste Welle kommt. Es fühlt sich einerseits wie ein Spiel an, bei dem ich immer wieder ein Level weiterkomme, andererseits fühle ich mich wie ein Spielball, den sich die Wellen zuwerfen. Derart starkes Schaukeln habe ich noch nie erlebt.
Ich habe den Hafen von San Sebastian erst vor knapp zwei Stunden verlassen. Meine Versuche, die aufsteigende Nervosität und die damit verbundene Übelkeit in Schach zu halten, sind kläglich gescheitert. Es ist mir richtig übel, und ich fühle mich elend. Ich hoffe, dass ich mich schnell an dieses Schaukeln gewöhne, und sende ein kleines Stoßgebet an den Wirkstoff im Pflaster. Immer wieder lasse ich mein rechtes Ruder für zwei Sekunden los und vergewissere mich, dass das Pflaster auch wirklich noch hinter meinem rechten Ohr klebt. Dann rudere und kämpfe ich weiter. Es kann ja nicht die ganze Zeit so schlimme Wellenbewegungen geben. Ich höre die Worte »Du hast dich ja für all das angemeldet« von anderen Ozeanruderern, die eine oder mehrere Überquerungen erfolgreich beendet haben. Ja, ich habe mich angemeldet, aber wofür im Detail, wird mir jetzt erstmals klar. Tief in mir drin, trotz der Unruhe um mein Boot herum, weiß ich, dass ich diese Überquerung schaffe. Das Bauchgefühl ist unverändert wie damals am 15. Oktober 2018.
12. Dezember 2017. Wie gewohnt stieg ich in die S-Bahn in Richtung Zürich, um in meine Praxis zu fahren. Ich erblickte ein freies Viererabteil und steuerte zielgerichtet darauf zu. Ich ergriff die Gratiszeitung, die auf einem der Fensterplätze lag.
»Start verschoben« las ich auf der Titelseite, darunter das Bild einer Gruppe attraktiver junger Männer, die in die Kamera blickten. Ich überflog den Artikel und blieb hängen. Die ruderten über den Atlantik? Wie cool war das denn? Zu keinem Zeitpunkt fragte ich mich, was das alles beinhaltete. Die Idee war einfach spannend, und am selben Tag recherchierte ich online, was es zu diesem Event zu wissen gab. Zusätzlich lud ich die Tracking-App auf mein Telefon. Bis zur Ankunft des Teams Swiss Mocean war ich ein Fan, verpasste kein Update des neuen Standortes, der alle vier Stunden aktualisiert wurde, und las beinahe jeden Zeitungsartikel und jedes Interview der vier Männer. Auf die Frage »Was passiert jetzt mit dem Boot?« nach der erfolgreichen Überquerung lautete die Antwort, dass sie hofften, es verkaufen zu können, und dass in der Schweiz eine Tradition gestartet würde.
»Ha«, dachte ich, »ist ja logisch, dass es jetzt eine Frauentruppe geben wird, die das auch macht.«
Spontan aktivierte ich mein stillgelegtes Facebook-Profil mit meinem Starbucks-Namen Camille (das ist der Name, der auf dem Becher steht, wenn der Barista nicht genau hört, was gesagt wird) und kontaktierte das Team. Ich sei zwar noch nie gerudert, sei aber durch meine jahrelange Ultramarathonerfahrung mental sehr stark und würde mich, falls sich ein Frauenteam formiere, gern empfehlen. Völlig unerwartet erhielt ich innerhalb von wenigen Stunden eine Antwort. Sie würden sich nach ihrer Rückkehr in die Schweiz gern unverbindlich mit mir treffen und austauschen. Am nächsten Tag erhielt ich dann auch noch eine Nachricht der Mutter eines der Teammitglieder, die am selben Tag ebenfalls die Idee hatte, ein Frauenteam zu gründen.
Meinen Freunden erzählte ich anfangs noch nicht viel von meiner Idee, meine Familie war nicht nur alles andere als begeistert, sondern geradezu desinteressiert. Niemand von uns hatte jemals etwas mit Rudern zu tun gehabt. Ich ließ mich jedoch von dieser ersten Reaktion nicht abschrecken, wenngleich ich zu diesem Zeitpunkt noch nie in meinem Leben in einem Ruderboot oder auf einem Ruderergometer gesessen bin. Aber das konnte ich ja nachholen und lernen.
Im Februar 2018 traf ich mich mit Marlin von Swiss Mocean und Tatiana, einer möglichen Mitstreiterin. Ich war sofort von einer leichten Nervosität befallen, die ich zunächst dem neuen und spannenden Projekt zuschrieb, das sich über die nächsten Monate weiterentwickeln würde. Zu zweit setzten Tatiana und ich uns mit der grundlegenden Frage, was es für ein gutes Team braucht, auseinander. Über verschiedene Kanäle haben wir uns aufgemacht, zwei weitere Frauen zu finden, die mit uns ein Viererteam bilden würden. Zwei Reisen nach Holland – einmal, um das Boot des Swiss-Mocean-Teams zu holen, einmal, um mit Rekordruderer Mark Slats eine Ausfahrt auf der Nordsee zu machen – haben auch bezüglich der Bootswahl neue Bedingungen geschaffen. Wir entschieden uns für ein neues Design, das als Prototyp mit uns den Atlantik überqueren sollte.
Bereits im Sommer zuvor hatte ich eine mehrwöchige USA-Reise mit einem Start bei einem Ultramarathon geplant. Dafür musste ich ausreichend Zeit fürs Lauftraining einplanen und hatte von Anfang an kommuniziert, vor Mitte August 2018 keinen Ruderanfängerkurs besuchen zu können. Während meiner USA-Reise bekam unsere Truppe Zuwachs, und nach meiner Rückkehr waren wir offiziell zu dritt. Doch dann kam Unruhe ins Team. Charaktereigenschaften und Prioritäten kamen immer mehr zum Vorschein und trübten die Vorbereitungen. Mitte August 2018 trafen wir uns zu einem klärenden Gespräch. Nun wurde mir klar, weshalb ich bereits im Februar diese Nervosität verspürt hatte. Es war immer eine kleine Unsicherheit da, die ich aber weit weggeschoben hatte, weil ich die Idee der Atlantiküberquerung unbedingt realisieren wollte. Nun spürte ich von einer Sekunde auf die andere, dass diese Konstellation mit uns drei Frauen nicht funktionieren würde.
Wie kam ich da nun wieder raus? Und was hieß das für mich? Ich entschuldigte mich kurz und suchte die Toilette auf. Da saß ich und fragte mich: »Würdest du diese Überquerung auch allein machen?« Sofort kam eine klare Antwort aus dem Bauch heraus.
JA.
Und gleich im Anschluss meldete sich mein Kopf: »Aber zu zweit oder zu viert wäre es schon viel einfacher, kürzer, und die Arbeit könnte besser aufgeteilt werden.«
Wir drei haben uns schließlich darauf geeinigt, dass sich unsere Wege in Richtung Atlantik trennen würden. Ich erwähnte, dass ich mir andere Teammitglieder suchen wolle, und wir beschlossen, uns bezüglich des Fortschritts unserer nun eigenen Projekte auf dem Laufenden zu halten. Von einem Moment auf den anderen war die Nervosität, die mich seit Februar begleitet hatte, verschwunden. Ich wusste zwar noch nicht, wie die nächsten Schritte aussehen würden, aber dieser Abend war wichtig und richtungsweisend, so viel wusste ich.
Der Seeclub Richterswil, gute fünf Kilometer von meinem Wohnort entfernt, bietet Anfängerkurse im Rudern an. Ich lernte die korrekte Rudertechnik und verbrachte wertvolle Momente mit anderen Anfängern auf dem Zürichsee. Ich kann mich zwar gut anpassen und im Takt mitrudern, doch erblickte ich während des Trainings immer wieder Dinge, für die ich gern kurz anhalten oder ein Foto machen wollte. Leider war dies in der Gruppe meist nicht möglich, und mir wurde immer bewusster, dass die Option, mich im Zweierteam auf die große Reise zu begeben, die ideale Lösung für mich wäre. So wären wir immer in Bewegung, und ich wäre nicht auf mich allein gestellt, hätte aber auch die Möglichkeit, ab und zu Raum und Momente nur für mich zu haben.
Die Suche nach einer zweiten Person gestaltete sich schwierig. Die meisten Seeruderer sind an kurze, schnelle Distanzen gewöhnt und können sich eine Atlantiküberquerung schlecht vorstellen. In Gedanken schloss ich mich ihnen an, auch ich wusste überhaupt nicht, wie ich das bewerkstelligen sollte. Zwei Frauen bekundeten ihr Interesse, doch die eine befürchtete, mental nicht stark genug zu sein, und die andere meldete sich nicht wieder. Ich schloss meinen Ruderkurs ab und freute mich auf die Diplomfeier am 16. Oktober 2018.
Am 15. Oktober 2018 wachte ich auf, und noch während ich in meinem Bett lag, wusste ich, dass ich den Atlantik allein überqueren würde. Ein Bauchentscheid braucht keine Begründung, das Gefühl, dass es die richtige Entscheidung ist, bringt jeden »Aber-Gedanken« zum Verstummen. Und so war es an diesem Tag im Oktober 2018.
Die Dämmerung ist angebrochen, ich bin nun seit bald fünf Stunden unterwegs.
»Es ist ganz wichtig, dass du ausreichend isst«, höre ich mich sagen. Mein Magen legt sofort sein Veto ein und dreht sich schon beim bloßen Gedanken an Essen beinahe um die eigene Achse. Zum Glück habe ich noch eine von den Tortillas, die mir meine Freundin Nadine zubereitet hatte, griffbereit. Vielleicht würde ich den einen oder anderen Bissen nachher in der Kabine essen können.
Seit Stunden ohne Pause versuche ich, den Kurs zu halten, der mich zum ersten Wegpunkt bringen soll, damit ich aus der Region der Inseln rauskomme. Da die Winde sich den Weg zwischen den Inseln suchen und teilweise Wirbel kreieren, die mich ungünstig in den Norden leiten könnten, ist es wichtig, dass ich mich aus der potenziellen Gefahrenzone herausbewege. Physisch ist es sehr anstrengend, mental fühle ich mich bereits, als wäre ich einen Marathon gelaufen. In einer kurzen Pause streife ich mir die langen Tights, die Regenhose und das Regenoberteil über. Es ist auf dem Wasser merklich kühler als auf der Insel. Das Wasser schwappt dabei immer wieder aufs Boot, meine Füße sind nass, doch ich nehme die Nässe kaum wahr. Mit Mühe schaffe ich es, mein Boot wieder in die ideale Achse zu bringen, indem ich nur mit dem linken Ruder arbeite.
Unterdessen ist es schon fast dunkel, und ich kann die Lichter der Inseln als Orientierungspunkte nutzen. Es scheint, dass mein Gleichgewichtsgefühl so etwas weniger mit dem unglücklichen Magen kommuniziert und mir nicht noch übler wird. Die Wellen sind weiterhin groß und durch die Dunkelheit fast nicht mehr zu erkennen. Antizipieren wird immer schwieriger, und mein Boot dreht sich immer wieder parallel zu den Wellen, die von meiner linken Seite auf mich zukommen. Nach gefühlten 15 Versuchen dreht mich eine Welle wieder, und für einen kurzen Moment lasse ich meine Ruder los, um mich an der Reling festzuhalten. Dies geschieht alles instinktiv, denn ich sehe nicht, wie die große Welle von links heranrollt und meine Miss Universe um ihre Längsachse neunzig Grad nach rechts kippt. Wasser läuft kurz ins Boot hinein und bedeckt das gesamte Deck. Mit einem Ruck richtet sich mein Boot wieder auf. Es ist zum Glück so gebaut, dass dies ohne mein Mitwirken automatisch geschieht. Sofort ergreifen meine Hände wieder die Ruder. Das linke ist frei, das rechte scheint blockiert zu sein. Mit etwas Druck versuche ich, es zu lösen, ohne zu wissen, warum es sich nicht bewegen lässt. Die nächsten Wellen kommen bereits, und ich reiße nun mit mehr Kraft.
Keine Bewegung.
Ich bin total ratlos. Mit meiner Stirnlampe beleuchte ich das Ruder. Normalerweise sind die ersten paar Zentimeter unter der Wasseroberfläche sichtbar. Ich sehe nur schwarzes Wasser. Nochmals versuche ich, das Ruder mit ruckartigem Kraftaufwand zu bewegen. Und da sehe ich es. Ungläubig erstarre ich für ein paar Sekunden. Das Ruder ist gebrochen und steckt in einem Winkel von neunzig Grad unter dem Boot fest.
»Neeeein!«, entfährt mir ein Schrei, und meine Gedanken rasen auf einer Autobahn in Richtung Horrorszenario. Mein erstes Ruder ist gebrochen, ich bin noch nicht mal zwanzig Meilen weit gerudert und habe nur noch ein weiteres Ersatzruder. Was ist, wenn mir in den nächsten Tagen ein zweites Ruder bricht und dann mitten im Atlantik, weit weg vom Festland, noch ein drittes? Tränen schießen mir in die Augen, und ich schluchze für eine Minute. Ich weiß nicht, ob vor Erschöpfung oder aus meinem Gedankenkonstrukt heraus.
Nachher werde ich das Sicherheitsteam des Organisators Atlantic Campaigns benachrichtigen. Zuerst sichere ich aber das noch intakte Ruder und hole das defekte an Bord. Es ist wie ein Streichholz auseinandergebrochen. Ja, es ist aus Carbon, einem Material, das nur schwer brechen kann, aber die immense Kraft des Wassers ist an der Bruchstelle beinahe spürbar. Mein Respekt vor diesem Unterfangen wächst im Eiltempo, die Grenze hin zur Angst erreiche ich jedoch nicht. Mit Dankbarkeit erinnere ich mich an die intensive Trainingszeit im Vorfeld, welche mich auf Dinge vorbereitet hatte, die nicht geübt werden können.
Die Entscheidung, allein den Atlantik zu überqueren, erforderte zahlreiche weitere Entscheidungen. Eine davon war die Bootswahl. Mark Slats, der mich mit seiner Begeisterung fürs Ozeanrudern im Frühjahr 2018 angesteckt hatte, befand sich nun im Oktober mitten auf einer Soloweltumsegelung. So kontaktierte ich seinen Freund John, der mich zusammen mit dem Bootsarchitekten Dick im November für einen Tag in Holland empfing, um das Projekt persönlich zu besprechen. Ich hatte sofort ein gutes Gefühl bei der Vorstellung, mit ihnen die nächsten Schritte zu unternehmen. Die Bootspläne und das Design wurden im Dezember von der Organisation Atlantic Campaigns zugelassen, und mein Boot wurde im Verlauf der nächsten sieben Monate gebaut. Es sollte eine Aluminiumkonstruktion werden, 7,4 Meter lang, 1,8 Meter breit, mit satten 625 Kilogramm Leergewicht.
Ich bin von jeher ein Sommergemüse, und so kam es für mich nicht infrage, im Winter draußen zu rudern. Zum Glück stand ein neues Ruderergometer in meinem Wohnzimmer. Regelmäßig schaute ich nun während des Trainings diverse Serien. Natürlich wusste ich, dass ich nicht nur mit der richtigen Technik und einem starken Willen über den Atlantik würde rudern können. Krafttraining hatte ich während meiner gesamten Laufkarriere erfolgreich vermieden, nun stand es sehr prominent im Vordergrund. Die Zeit war reif. Ich hatte bis dato Fitnessstudios meist nur von innen gesehen, um den Wellnessbereich zu genießen. Größten Seltenheitswert hatten Tage, an denen ich eine Stunde auf dem Laufband verbrachte oder einen schweißtreibenden Kurs besuchte.
Ich wandte mich an Gus Barton, der selbst schon über den Atlantik gerudert ist und andere Aspiranten trainiert, die er physisch auf ihr Abenteuer vorbereitet. Seine wertvollen Tipps über Skype und die Beratung vor Ort in London führten dazu, dass ich mein eigenes Trainingscenter in meinem Wohnzimmer einrichtete. Von früheren Versuchen, mit einem Trainingsplan und Trainer zu arbeiten, wusste ich, dass mich Fixes einengt. Im Extremfall endete dies in einer beinahe kindlichen Rebellion, indem ich das geplante Training einfach nicht absolvierte. In einem anderen Fall wurde ich offenbar nicht richtig verstanden, als mein Körper auf ein Standardtraining mit Überlastungssymptomen reagierte und die Aktivitäten nicht sofort angepasst wurden. Wahrscheinlich hatte mir mein Körper schon damals bewusst machen wollen, dass ich intuitiv auf ihn hören soll.
Beim Kaffee mit einem lokalen Ruderer, der mir, seinem Körperbau nach zu urteilen, sicher auch einige gute Tipps geben konnte, wurde mir bewusst, dass ich in den sauren Apfel würde beißen müssen. Sechs volle Wochen lang absolvierte ich fünfmal pro Woche ein Kräftigungsprogramm, um meine Rumpf-, Gesäß- und obere Rückenmuskulatur zu stärken. Anfangs zitterte mein ganzer Körper bereits nach zehn Sekunden in der Plank-Position, und nach den geforderten dreißig Sekunden kollabierte ich erschöpft auf dem flauschigen Wohnzimmerteppich. Aller Anfang ist offenbar nicht nur schwer, sondern auch demoralisierend. Ich verschwieg meine physische Schwäche und raffte mich jeden Tag aufs Neue auf, die fast etwas verhassten Übungen zu machen. Wie ein Mantra repetierte ich immer wieder »Das ist alles Teil der Atlantiküberquerung!«, und mit jeder Woche erhielt ich weitere Rückmeldungen meines Körpers, dass ich Fortschritte machte. Die Repetitionen wurden einfacher, und – für mich fast wichtiger – die kleinen Schmerzmomente verschwanden.
Die von Atlantic Campaigns vorgeschriebenen obligatorischen Kurse zu Navigation, Sicherheit auf See, Funken und Co. belegte ich im Februar 2019 in Teignmouth in Südengland. Wie ein Schwamm sog ich alle Informationen auf und notierte jedes Detail akribisch in mein Notizbuch, das mich seit meiner Entscheidung am 15. Oktober 2018 immer begleitete. Oftmals wusste ich nicht, wozu alle diese Informationen dienen würden, aber je besser ich vorbereitet war, desto einfacher würde meine Überquerung. So habe ich es mir auf jeden Fall vorgestellt.
In der Woche in Südengland lernte ich andere zukünftige Ozeanruderer kennen und hatte die Möglichkeit, soeben vom Atlantik Zurückgekehrten Fragen zu stellen.
Zwei Frauen statteten uns einen Besuch ab, als wir im Ozeanruderkurs mit Ian Couch vom Sicherheitsteam von Atlantic Campaigns alles Wichtige und Nützliche von der Vorbereitung bis hin zur Überquerung der Ziellinie in Antigua erfuhren. Ich war froh, Fragen zur Häufigkeit der Monatsregel und zu umweltfreundlichen Tampons an Frauen richten zu können. Ich ging in der Vergangenheit sehr locker mit dem Thema um, doch hatte ich die Erfahrung gemacht, dass sich nicht alle Männer mit dieser Thematik wohlfühlen. Es rudern immer noch viel mehr Männer als Frauen über den Atlantik, und als Soloruderin war es mir nicht wohl, diese Frage zu stellen. Nur nicht als »komisch« auffallen war meine Devise.
Obwohl ich mich bemühte, potenziellen Fettnäpfchen auszuweichen, kam ich mir in dieser Woche oft als Außenseiterin vor. Vielleicht war es auch der immense Stress, der sich in Form von Informationen und Ideen in meinem Notizbuch in rasantem Tempo vervielfachte. Es half, dass ich jeden Morgen eine Laufrunde am Meer absolvierte und Rufus Scholefield vom Team Dorabros mit seinem Witz und Charme regelmäßig Lockerheit in die Kursrunde brachte. Den Tag ließ ich oft mit anderen Kursteilnehmern ausklingen, darunter auch den Geschwistern Anna und Cameron McLean, die im Dezember als Zweierteam ebenfalls am Start sein würden und später als »The Seablings« beim Rennen für Furore sorgten.
Der Frühling 2019 brachte nicht nur Sonnenschein und wärmere Wassertemperaturen, sondern über Umwege, neue Bekanntschaften und glückliche Zufälle ein Liteboat, ein Küstenruderboot, in meinen Besitz. Diese Boote sind mit 77 Zentimetern breiter als die Skiffs, die typischen Einerboote im Rudersport, etwas kürzer und bieten auch bei leicht unruhigen Verhältnissen auf einem See genügend Stabilität, um jederzeit Ausfahrten zu machen. Die Investition in das Testmodell würde sich später auszahlen, davon war ich überzeugt.
Ab Anfang Juni kamen regelmäßige Ausfahrten auf dem Zürichsee mit Nalani, wie ich mein kleines Trainingsboot liebevoll nannte, zum sonstigen Training hinzu. Ich war froh, die Kraftübungen nun seltener absolvieren zu müssen, denn mein ganzer Körper gewöhnte sich in den zwei- bis zehnstündigen Trainings langsam an das Zusammenspiel meiner Muskeln. Wenn ich zu viel mit meinen Beinen arbeitete, gaben mir die Krämpfe zu verstehen, dass ich den Rücken und den Rumpf mitbenützen sollte. Der Rücken hingegen meldete sich, wenn ich den Rumpf zu lange auf der Ersatzbank sitzen ließ. Und immer wieder nutzte ich die Beschaffenheit meines Trainingsbootes für eine Abkühlung im Wasser, indem ich einfach mitsamt Trainingskleidern über Bord glitt.
Um mich auch an das Essen bei Hitze und Aktivität zu gewöhnen, nahm ich meist kleine Snacks im Seesack mit. Einmal rief ich nach fünf Stunden und der halben Seeumrundung beim Pizzaservice in Rapperswil an, der mir eine Pizza direkt zum Hafen brachte und an Deck überreichte. Wieder draußen, mitten auf dem See, aß ich Stück für Stück die gesamte Pizza in der sengenden Mittagshitze. Es würde auf dem Atlantik nicht einfacher, dessen war ich mir bewusst.
Die erste Nacht ist hereingebrochen, und die wenigen Bissen, die ich zu mir genommen habe, kommen dem optimalen Tagesbedarf vom 3.600 Kilokalorien nicht im Geringsten nahe. Ich habe Essen für neunzig Tage an Bord, für jedes Kilo Körpergewicht sechzig Kalorien pro Tag. Ich trage immer noch die volle Montur, denn trotz meiner flauschigen Fleecedecke ist mir kalt. Mir wurde gesagt, dass es während der ersten drei Wochen manchmal recht kühl sein kann. Das ist tatsächlich so, und die Nähe zum Wasser hilft da in Kombination mit kälteleitendem Aluminium nicht wirklich.
Irgendwann falle ich in einen unruhigen Schlaf und wache kurz vor der Dämmerung auf. Immer noch von starker Übelkeit geplagt, setze ich mich an die Ruder und atme tief die frische Meeresluft ein. Indem ich meinen Blick auf den Horizont richte und mir selbst gut zurede, werde ich langsam ruhiger. Meine Gedanken kreisen um das gebrochene Ruder. Was habe ich falsch gemacht? Was hätte ich anders machen können? Debby, Johns Frau, Teil meiner Wettercrew und Vertrauensperson, schreibt mir eine SMS auf mein Satellitentelefon: »Super gemacht! Du hast viel Boden gut gemacht und hältst den Kurs optimal.«
Ich bin froh, dies zu lesen, auch wenn Lesen den Übelkeitspegel sofort hinaufschnellen lässt. Immerhin scheint mich meine nächtliche Schlafpause nicht total vom Kurs abgebracht zu haben. In meiner Kabine gibt es einen Plotter, einen kleinen, etwa 15 mal 20 Zentimeter großen Bildschirm, der mir die Bootsachse im Vergleich zum Kurs anzeigt. Seit der Abfahrt habe ich kaum ein Auge darauf werfen können. Bei jedem Versuch will sich mein Magen sofort entleeren.
Auf der Außenseite der Kabine sind Kompasse montiert, ein mechanischer und ein digitaler, der mit dem Autopiloten verbunden ist. Diese kontrolliere ich alle paar Sekunden, um den Kurs mehr oder weniger zu halten. Dass ich dabei beim mechanischen Kompass immer 180 Grad dazuzählen muss, beschäftigt meinen Kopf. Ein weiteres Übelkeitsablenkungsmanöver. Ich lächle schwach. Es ist wie beim Laufen, da beschäftige ich mich jeweils in schwierigen Momenten auch mit Rechnen. Zeit pro Kilometer auf die Endzeit hinaufgerechnet. Mir wird beim Gedanken an die Berechnung der Überquerungsendzeit wieder mehr übel, und mein Blick heftet sich wieder auf die nächsten Wellen.
Sie sind groß, der Wind ist stark, und ich bin bereit, dem Ganzen eine Art Neustart zu geben. Gestern war ich so nervös, dass ich kaum etwas genießen konnte. Okay, ich gebe zu, seekrank zu sein und ein gebrochenes Ruder sind nicht unbedingt Dinge, die in die Kategorie »Genuss« fallen. Trotzdem habe ich den ersten Tag hinter mich gebracht.
Und heute ist ein neuer Tag. Die Stunden vergehen wie im Flug, mein Appetit bleibt komplett aus, doch ich bringe mich dazu, den gesamten Inhalt meiner Snacktüte zu essen. Nussriegel in allen Variationen in kleinen Bissen scheinen eher in meinem Magen zu bleiben als größere Mengen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß, dass ich nicht tagelang nur 1.300 Kalorien zu mir nehmen kann. Ich sehe den mahnenden Zeigefinger meines Arztes in der Schweiz, ich höre Nik und Luuk, die beiden Söhne von Debby und John, wie sie mir im Sommer beinahe täglich gesagt haben: »Du brauchst die Kalorien.«
Es ist später Nachmittag, und ich fühle mich schwach. Ob dies von den fehlenden Kalorien kommt, dem kurzen Schlaf oder dem allgemeinen Stress? Ich weiß es nicht, und es ist mir egal. Ich will mich einfach besser fühlen. Leidend und stöhnend lege ich mich neben meiner Ruderposition auf Deck. Wenn ich mich etwas origamimäßig falte und drapiere, ist es beinahe bequem. Eine Hand versucht mit festem Griff an der Reling, den Körper etwas zu stabilisieren. Ich bin froh, diese festen Verstrebungen zu haben. Die meisten Ozeanruderboote haben anstelle von meinen Halt gebenden Aluminiumstangen lediglich leicht lose Seile.
Die andere Hand findet widerwillig den Weg in den Plastiksack mit den Resten der Tortilla von Nadine und dem Trockenfleisch, das meine Eltern aus der Schweiz mitgebracht hatten. Blindlings breche ich kleine Stücke ab und beiße dann doch nur die Hälfte ab. Alle meine Ampelsignale stehen gleichzeitig auf Grün und Rot. Mein Körper und mein Kopf wissen, dass die Kalorien wichtig sind. Trotzdem sagen sie gleichzeitig »Stopp!«, sträuben sich bis zum Erbrechen dagegen, und ich betätige mich weiter in der Fischfutterproduktion. Immerhin darf das Wasser, das ich in kleinen Schlucken trinke, die unsichtbare innere Grenze überqueren und bleibt im System. Kurz vor dem Eindunkeln fliegt das letzte Stück Tortilla ohne Umweg über meinen Magen direkt ins Wasser. Bis jetzt finde ich dieses Abenteuer alles andere als cool.
Mit viel Wissen und noch mehr offenen Fragen reiste ich Ende Juli 2019 mit dem Zug und siebzig Kilogramm Gepäck nach Südholland, wo mein Boot in der Marina Numansdorp auf mich wartete. John und Mark Slats, der inzwischen von seiner Weltumsegelung zurückgekehrt war, hatten bereits eine Testfahrt unternommen und der Prüfung für das Seetauglichkeitszertifikat beigewohnt. Sie hatten mir Videos von beidem geschickt, und ich war beruhigt zu sehen, wie schnell sich mein Boot wieder aufrichtet, wenn es, zum Beispiel durch eine Welle, »auf den Kopf« gedreht wird. Trotzdem hoffte ich schon damals, dass mir das nicht passieren würde.
Meine Freundin Nadine begleitete mich und blieb ein paar Tage. John, seine Frau Debby und ihre beiden Söhne waren auch dabei, als wir das graue Boot in einer kleinen Zeremonie feierlich auf den Namen Miss Universe tauften. Den Namen hatte ich schon früh ausgesucht, denn das Universum würde mich ja stets umgeben. Boote tragen fast immer weibliche Namen, und entsprechend konnte ich mir den Wortwitz nicht verkneifen, als ich an den Funkspruch »This is Miss Universe« dachte.
Für die nächsten vier Wochen würde sie mein Zuhause sein. Ich schlief in der Kabine, unternahm kurze bis lange Ausfahrten und richtete sie nach und nach ein. Zum Glück waren John und Debby jeden Tag mit Rat und Tat dabei. Nicht nur bei wertvollen Fahrten in alle erdenklichen Ausstattungs- und Handwerksgeschäfte, auch mit ihrem umfangreichen Wissen und ihrer Erfahrung standen sie mir bei.
Meine erste Fahrt war geprägt von starkem Wind. An sich ein willkommenes Phänomen, das auf dem Atlantik von Vorteil sein würde. Leider durfte ich zunächst mit 15 Knoten Gegenwind losrudern, und bei der Rückfahrt hatte der Wind gedreht. Überhaupt waren meine Tage von schwierigen Windverhältnissen geprägt. Die Region hat viele Untiefen, und es war wichtig, nicht zu schnell von Böen darauf getragen zu werden. Einmal wollte ich eine kurze Übungsfahrt absolvieren, um mit dem Autopiloten vertraut zu werden. John war auch an Bord, und Debby fuhr mit dem kleinen Beiboot ihrer Segeljacht mit etwas Abstand mit. Zum ersten Mal spürte ich die Kraft des Windes, als plötzlich die Steuerung nicht mehr das machte, was ich wollte.
