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In Hannas Ehe herrscht nur noch Routine – Distanz, Schweigen und ein Mann, der nur noch seine Karriere kennt. Aus der Einsamkeit heraus, lässt sie sich auf einen geheimnisvollen Fremden ein. Was als leidenschaftliches Abenteuer beginnt, wird schnell zu einer gefährlichen Obsession. Je näher Hanna ihm kommt, desto deutlicher spürt sie: Dieser Mann verbirgt etwas Dunkles. Getrieben von Misstrauen beginnt sie, gemeinsam mit ihrer treuen Hündin, Nachforschungen anzustellen. Schon bald häufen sich die Drohungen. Fremde Schatten, unheimliche Begebenheiten und schließlich die Einsicht, dass jemand ganz offensichtlich ihr Leben will. Plötzlich wird ihr klar: Sie hat sich mit den Falschen angelegt. Und ihre Gegner sind bereit, jeden zum Schweigen zu bringen, der sich ihnen in den Weg stellt. Zu spät bemerkt Hanna, dass auch sie längst in das Visier des Mörders geraten ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
TEIL I
Für Eric & Natalie.
In Liebe.
Anmerkung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
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Impressum
Alle Protagonisten, Institutionen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden und Ähnlichkeiten mit realen Personen rein zufällig und nicht beabsichtigt. Wo tatsächlich existierende Orte erwähnt werden, geschieht das im Rahmen fiktiver Ereignisse. Die Firma MediTech entspringt meiner Fantasie.
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Der Geruch der verwesenden Leiche bereitete ihr Übelkeit. Erneut begann ihr Magen zu pumpen und sie musste würgen. Hörte das denn nie auf?
Eisige Kälte umfing sie, zitternd rieb sie sich über die Arme. Die entsetzliche Dunkelheit machte ihr zu schaffen, hüllte sie ein und beschränkte ihre Sinne. Ständig stieß sie mit Kopf und Armen an die Begrenzung ihres Gefängnisses aus Felsgestein. Der quälende Durst zwang sie in die Knie und vor ihren Augen blitzte es. Waren das die ersten Halluzinationen?
Rasend vor Wut begann sie, den Steinhaufen vor dem verschlossenen Eingang umzuschichten. Sie musste hier raus, unbedingt! Die scharfen Kanten der Gesteinsbrocken zerschnitten ihre Handflächen, doch sie achtete nicht auf den Schmerz. Ihre geliebte Tochter sollte nicht ohne Mutter aufwachsen, nur dafür kämpfte sie.
Das Geständnis dieses Wahnsinnigen machte sie wütend, dieses Komplott gegen sie. Wie raffgierig und krank musste man sein, um zu töten? Würde er zurückkommen, um sie zu erlösen?
Hier langsam zugrunde gehen, wäre die Hölle. Dann wählte sie doch lieber einen Gnadenschuss aus seiner Waffe. Doch was wurde dann aus ihrer Tochter? Und überhaupt: Warum ausgerechnet sie, die jedem Streit aus dem Weg gegangen war?
Was zuvor geschah …
Eine Feder kitzelte Hannas Fuß, der unter der Bettdecke hervorlugte und sie öffnete lachend die Augen. Lara stand am Bett und wartete ungeduldig darauf, dass ihre Eltern erwachten.
„Guten Morgen, mein Schatz, hast du gut geschlafen?“
„Ja, Mami, und mir ist langweilig.“
„Gut, mein Mäuschen, dann sagen wir der Langeweile jetzt den Kampf an.“
Hanna warf einen Blick auf Alexander, der tief in seinen Kissen vergraben leise neben ihr schnarchte. Er hatte wieder bis spät in die Nacht hinein über seinen Fällen gesessen und sie wollte ihn nicht wecken. Behutsam schlug sie die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Dann fuhr sie zärtlich durch Laras blonde Locken und küsste das Mädchen auf die Stirn.
„Na komm, lass uns Frühstück machen.“
Während Lara eifrig den Tisch deckte, stellte sie die Kaffeemaschine und den Toaster an. Nachdem sie alle Vorbereitungen getroffen hatten, schlichen sie zurück ins Schlafzimmer und weckten Alexander. Er streckte sich wohlig grummelnd, zog Hanna und Lara zu sich ins Bett. Sie kuschelten ausgiebig, was in letzter Zeit viel zu selten vorkam, bis sie sich zu dritt an den Frühstückstisch setzten.
Hanna musterte Alexander verstohlen. Wann würde er endlich wieder mehr Zeit mit der Familie verbringen? Die Enttäuschung folgte auf dem Fuß.
„Ich weiß, dass wir einen gemeinsamen Ausflug geplant haben, aber ich muss mich noch auf einen wichtigen Prozess vorbereiten. Können wir die Tour denn nicht verschieben?“
„Ach Papa …“ Lara zog enttäuscht einen Flunsch. „Das sagst du jedes Mal und dann fahren Mama und ich doch allein.“
„Lara, bitte. Wenn ich erfolgreich sein will, muss ich zurückstecken. Du kennst doch sicher das Sprichwort: ohne Fleiß, keinen Preis.“
„Aber wir wären doch nur am Nachmittag unterwegs“, warf Hanna ein. „Wir bekommen dich kaum noch zu Gesicht.“ Sie bedachte ihn mit einem vorwurfsvollen Blick.
„Himmelherrgott!“ Auf seiner Stirn bildete sich eine steile Zornesfalte. „Bei meinen Kollegen läuft es doch auch, ohne dass die Familie ständig so ein Theater macht.“
Hanna zuckte resigniert mit den Schultern. Sie ärgerte sich über Alexanders Verhalten, wollte aber keinen Streit vom Zaun brechen. Wie oft hatte sie sich gewünscht, dass er ein wenig herzlicher und verständnisvoller wäre. Wann war er das letzte Mal mit Lara durch den Garten getobt oder hatte ihr eine Gutenachtgeschichte erzählt? Meist regelte er es über die finanzielle Schiene, um seine Tochter wieder zum Lachen zu bringen, wenn Urlaube oder Unternehmungen abgesagt wurden. Er bestellte kurzerhand etwas aus dem Internet und hoffte, damit seine Vaterpflichten erfüllt zu haben. Aber dem war nicht so.
„Du verpasst die schönsten Momente in Laras Leben.“ Sie griff nach seiner Hand, aber er zog sie hastig weg.
„Hanna, alles hat seinen Preis. Ihr könnt ein sorgenfreies Leben führen, bedeutet dir das denn gar nichts?“ Sein abweisender Blick traf sie mitten ins Herz. „Außerdem wurde für den Nachmittag eine Gewitterfront angekündigt, der Ausflug wäre so oder so ins Wasser gefallen.“
Er schien insgeheim froh darüber zu sein, dass sich nun auch noch das Wetter gegen sie verschworen hatte. Hanna presste die Lippen fest zusammen, um ja nichts Falsches zu sagen, und räumte schweigend den Tisch ab. Alexander hatte sich inzwischen mit seinem Papierkram auf die Terrasse zurückgezogen.
Sie warf einen Blick aus dem Fenster und beobachtete ihn aus dem Verborgenen heraus. Ihr Mann entsprach dem üblichen Klischee eines erfolgreichen Rechtsanwaltes – dynamisch, zielstrebig und im besten Alter. Eine hohe Stirn und markante Züge prägten sein Gesicht und trotz ansehnlicher Statur wirkte er etwas unsportlich und hager. Ständig auf Erfolg getrimmt, reagierte er emotional meist unterkühlt. Nur hin und wieder brachte er seine fürsorgliche und liebevolle Seite zum Ausdruck. Viel zu selten in letzter Zeit, wie sie fand.
Sie hingegen war durch und durch ein Familienmensch und litt unter der jetzigen Situation. Sein Desinteresse verletzte sie und auch Lara schien das zu spüren. Aber sie konnte ihn nicht zwingen, kürzer zu treten, denn er liebte, was er tat. Obwohl es tief in ihr brodelte, beschloss sie, mit Lara allein ins Kino zu fahren.
Sie wandte sich ab und bereitete mit routinierten Handgriffen das Mittagessen zu. Anschließend deckte sie den Tisch. „Lara, Alexander, das Essen ist fertig!“
Schweigsam saßen sie am Tisch und konzentrierten sich auf ihre Teller. Hanna vermied es, ihm in die Augen zu sehen. Ihre gute Laune war verflogen und selbst Lara, aus der die Worte meist nur so heraussprudelten, führte still die Gabel zum Mund. Die Stimmung im Haus war unerträglich und Hanna mit ihrem Latein am Ende.
„Magst du nicht doch mitkommen?“, fragte sie ihn ein allerletztes Mal.
Missbilligend runzelte er seine Stirn. „Du wusstest doch von Anfang an, wie wichtig mir meine Karriere ist. Außerdem bin ich froh, wenn ich ein paar Minuten in Ruhe arbeiten kann.“
Das reichte. Wortlos stand sie auf, schluckte eine bissige Bemerkung hinunter und räumte das Geschirr in die Maschine. Nachdem sie sich umgezogen hatte, streifte sie Lara das geblümte Kleid über, das sie so sehr liebte. Dann schnappte sie sich ihre Tasche und ohne einen Abschiedsgruß verließen sie das Haus. Mit einem lauten Knall flog die Tür ins Schloss.
Die kurze Strecke hatten sie rasch zurückgelegt. Ungeduldig und voller Vorfreude nahm Lara ihre Hand und zog sie in das Kinofoyer, während in der Ferne die ersten Donner grollten. Auf ihrer Nase parkte eine viel zu große 3-D-Brille, die immer wieder herunterrutschte. Der Film nahm sie mit auf eine abenteuerliche Reise und das ergreifende Happy End rührte Lara zu Tränen. Hanna reichte ihr tröstend ein Taschentuch und war stolz darauf, dass ihre Tochter so ein sensibles Einfühlungsvermögen an den Tag legte.
Am Ende der Vorstellung schoben sie sich durch die Menschenmenge dem Ausgang entgegen und sahen, wie sich das Gewitter bereits mit aller Macht entlud. Der Regen prasselte auf das Pflaster und den Rasen. Hanna zog ihre Jacke aus und legte sie schützend über ihre Köpfe.
„Pass auf, Lara, bei drei rennen wir los, das Auto steht gleich um die Ecke. Eins, zwei, drei … lauf!“
Die Sicht war durch das Kleidungsstück stark eingeschränkt und sie stürzten halb im Blindflug dem Fahrzeug entgegen. Dabei prallte Hanna versehentlich mit einem Mann zusammen.
„Hoppla, die Damen. So schnell unterwegs?“, fragte der Fremde.
Hanna errötete und murmelte eine Entschuldigung, während sie ihn unauffällig musterte. Er war groß und stattlich und dunkle Locken umrahmten sein vom Wetter gebräuntes Gesicht. Auch sie konnte spüren, wie sein Blick auf ihr ruhte. Ein wohliger Schauer durchfuhr ihren Körper und auf seltsame Weise schien er ihr vertraut.
„Mama! Wir werden ganz nass“, drängte Lara.
Sie wandten sich hastig ab und liefen mit schnellen Schritten weiter. Hanna öffnete den Wagen, glitt hinters Steuer und strich sich eine regennasse Strähne aus ihrer Stirn, bevor sie den Motor startete und aus der Parklücke scherte. Lara plapperte fröhlich, aber sie hörte ihrer Tochter nur halbherzig zu. Während der Fahrt wanderten ihre Gedanken ständig zu dem attraktiven Fremden, was sie ziemlich irritierte.
Sie stellte den Wagen in der Einfahrt ab und betrat das Haus. Alexander brütete noch immer über seinen Akten.
„Und, wie war der Film?“, fragte er, ohne von den Unterlagen aufzusehen.
„Interessiert dich das wirklich?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage. „Falls du mich suchst, ich bereite das Abendessen zu.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Küche. Wenig später war der Tisch gedeckt und Alexander setzte sich zu ihr.
„Wo ist Lara?“
„In ihrem Zimmer. Sie hat sich mit Popcorn vollgestopft und keinen Hunger.“
„Dann bleibt mehr für mich“, frohlockte er und griff nach den Lachshäppchen, die er mit einem Glas gekühlten Weißwein hinunterspülte. Nachdem er gegessen hatte, erhob er sich.
„Bitte, Alexander, bleib noch einen Moment sitzen“, bat sie ihn.
Er war auf dem Sprung und sie konnte ihm ansehen, wie sehr er mit sich rang. Schließlich nahm er wieder Platz. „Was gibt es denn so Wichtiges?“
Nervös knetete sie ihre Hände. „So kann es mit uns nicht weitergehen. Ich weiß, dass du sehr ehrgeizig bist, aber genügt dir denn nicht, was du bisher erreicht hast? Du bist Teilhaber einer renommierten Kanzlei, wirst unter deinen Kollegen geschätzt und respektiert. Wäre es nicht an der Zeit, einen Gang zurückzuschalten?“
„Du bist wie ein Terrier, der sich festgebissen hat. Warum musst du dieses Thema immer wieder zur Sprache bringen?“
„Ganz einfach: Weil ich mich allein gelassen fühle. Wir sind keine Familie mehr, alles dreht sich nur noch um deine Karriere. Wann hat der letzte Elternabend stattgefunden? Und kennst du überhaupt eine von Laras Freundinnen?“ Sie sah ihn prüfend an.
„Jede gute Ehefrau hält ihrem Mann den Rücken frei, so sehe ich das. Du musst nicht in die Bibliothek fahren, niemand zwingt dich dazu. Wenn du mit der Situation überfordert bist, dann kündige.“
Zornig schnappte sie nach Luft. „Du willst mich nicht verstehen, oder?“
Er stand auf, drehte ihr wortlos den Rücken zu und verließ den Raum. Für ihn war die Diskussion damit beendet. Hanna hingegen kämpfte gegen ihren Frust an und schenkte sich ein weiteres Glas Wein ein, das sie in einem Zug hinunterstürzte. Dann stand sie auf, um Lara ins Bett zu bringen und ihr eine Gutenachtgeschichte vorzulesen.
„Schlaf gut, mein Mäuschen, Mama hat dich lieb“, flüsterte sie zärtlich und strich Lara eine widerspenstige Locke aus der Stirn. Behutsam schloss sie die Kinderzimmertür und ging wieder nach unten.
Alexander hatte es sich indes in einem Sessel bequem gemacht, natürlich mit seinen Akten. Sie verspürte erneut einen Anflug von Zorn, war aber zu müde und abgespannt, um mit ihm zu streiten. Da sie an der abendlichen Situation sowieso nichts ändern konnte, entschied sie, zeitig ins Bett zu gehen und wünschte ihm demonstrativ eine gute Nacht.
„Ich komme gleich nach ...“, rief er ihr hinterher.
Aber das interessierte sie nicht mehr. Sie nahm einen historischen Roman aus dem Regal und kuschelte sich in die Kissen. Wie herrlich war es doch, in einer Bibliothek zu arbeiten – Bücher ohne Ende. Sie liebte es, in andere Welten abzutauchen, darin zu versinken, zu träumen, zu lachen und zu weinen. Gespannt auf die Geschichte begann sie zu lesen. Der Roman auf ihrem Kopfkissen bot ihr mehr Fülle an Fantasie und Leidenschaft, als es im Alltag möglich war.
Es lag schon eine Weile zurück, dass sie sich mit Alexander geliebt hatte. Nach all den Jahren war es wohl mehr ein Akt der Pflicht, um sich der gegenseitigen Zuneigung noch sicher zu sein. Alexander liebte sie sehr sanft, was sie eigentlich auch mochte, aber es fehlte doch das gewisse Etwas. Schlagartig fiel ihr der Fremde wieder ein. Bei dem Gedanken an ihn kribbelte es erneut in ihrem Bauch. Sie legte das Buch zur Seite und träumte vor sich hin, bis der Schlaf sie übermannte.
* * *
Der Montagmorgen begann mit der üblichen Hektik. Nach dem gemeinsamen Frühstück brachte Hanna ihre Tochter in die Schule und fuhr weiter in die Stadtbibliothek, in der sie seit zwei Jahren wieder als Bibliothekarin arbeitete. Alexander war zwar anfangs dagegen gewesen und hatte gemeint, dass sein Gehalt völlig ausreichen würde. Aber nachdem Lara die erste Klasse der Grundschule besuchte, war es ihr tagsüber in dem großen Haus einfach zu still.
Am Wochenanfang war es in der Bibliothek meist sehr ruhig, bis auf ein paar Studenten, die im Bereich für Fachbücher stöberten. Die Kollegin hatte ihr einen ansehnlichen Stapel zurückgebrachter Literatur hinterlassen, den sie in die entsprechenden Regale einsortieren sollte. Sie begab sich in das obere Stockwerk und stellte jedes Buch zurück an seinen angestammten Platz. Zwischendurch legte sie eine kurze Pause auf der Fensterbank ein. Die alte Kastanie gegenüber stand in voller Blüte und eine ältere Dame fütterte die Tauben.
Plötzlich stockte ihr der Atem. Der Fremde vom Kino stand vor der Bibliothek und starrte zum Fenster herauf. Erschrocken wich sie zurück. Wie war das möglich? Vorsichtig riskierte sie einen zweiten Blick, aber der Platz, an dem er vorher noch gestanden hatte, war leer. Spielte das eigene Wunschdenken ihr einen Streich? Kopfschüttelnd wandte sie sich ab und sortierte die restlichen Bücher in die Regale. Der Tag verging wie im Flug und sie machte eher Feierabend, um nach Hause zu fahren. Während der letzten Tage war Alexander sehr wortkarg und gereizt gewesen, obwohl er ein lukratives Angebot an Land gezogen hatte. Die neu gegründete Pharmagruppe MediTech wollte ausgerechnet ihn im Team der Rechtsberatung. Jahrelang hatte er auf so eine Chance hingearbeitet, mit dem Ziel, so viel wie möglich in seiner beruflichen Laufbahn zu erreichen. Am heutigen Tag sollte der Presse das neue Team bei einem offiziellen Empfang vorgestellt werden und sie musste sich beeilen.
Kaum war sie zu Hause angekommen, verschwand sie sofort im Badezimmer, um zu duschen und die Haare zu stylen.
„Es wäre toll, wenn du das cremefarbene Kleid anziehen könntest, das bringt deine Figur perfekt zur Geltung“, sagte Alexander, als sie mit einem Schwall feuchtwarmer Luft das Badezimmer wieder verlassen hatte.
Mit einem fordernden Ton diktierte er seine Wünsche, ohne auf ihre eigenen einzugehen. Sie war sich durchaus bewusst, dass man bei all dem Erfolg wohl einen gewissen Preis zahlen müsse. Aber war sie wirklich bereit, seine unterkühlte und distanzierte Art auf Dauer zu ertragen?
Mit einem tiefen Seufzer schob sie die zermürbenden Gedanken beiseite, denn die Zeit drängte. Nachdem sie sich angekleidet und das Make-up aufgelegt hatte, warf sie einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Sie war zufrieden mit dem, was sie sah. Bevor sie das Haus verließ, gab sie der Babysitterin, einer jungen Studentin, letzte Anweisungen. Danach verabschiedete sie sich von Lara.
„Du bist ein braves Mädchen und wirst auf Svenja hören, versprichst du mir das?“ Lara nickte. „Fein, mein Mäuschen.“ Sie nahm ihr kleines Mädchen liebevoll in den Arm und küsste sie auf die Stirn. Dann schnappte sie sich ihre Clutch und folgte Alexander zum Taxi.
Während der Fahrt wechselte sie kaum ein Wort mit Alexander und konnte es kaum erwarten, diesen Abend hinter sich zu bringen. Das Taxi hielt vor dem Gebäude und sie stiegen aus. Im großzügigen Eingangsbereich von MediTech tummelte sich bereits eine ansehnliche Menschenmenge und gut bestückte Buffets standen vor der Wand. Den Journalisten wurden ihre Plätze zugewiesen, wo sie sofort ihre Kameras auf die Stative bauten und geduldig auf den Beginn warteten. Champagner wurde gereicht und alle anwesenden Personen waren stilvoll und dem Anlass entsprechend gekleidet. Im Angesicht von so viel Glas, Stahl und Beton erschauderte sie, Empfänge dieser Art hatte sie noch nie gemocht. Sie fühlte sich in diesen Situationen unwohl und meist völlig deplatziert - eine kleine Bibliothekarin unter all den gebildeten Leuten.
Dabei hatte sie es gar nicht nötig, ihr eigenes Selbstwertgefühl zu untermauern. Sie war gerade Anfang dreißig, wirkte aber deutlich jünger. Die Friseurin hatte ihr kastanienbraunes Haar sehr vorteilhaft zu einem raffinierten klassischen Bob geschnitten. Die graublauen, warmen Augen hatte Hanna von ihrer Mutter geerbt, ebenso die hohen Wangenknochen. Ihre schlanken, wohlgeformten Beine steckten in Pumps. Sicher war sie keine klassische Schönheit in diesem Sinne, aber durchaus ansprechend mit ihrer zierlichen Figur. Schließlich hatte auch sie das Abitur in der Tasche und nur ihrer Leidenschaft der Bücher wegen hatte sie den Berufsweg einer Bibliothekarin eingeschlagen. Sehr zum Leidwesen ihrer Eltern, die sie bereits an einer Hochschule Medizin studieren sahen.
Genau in diesem Moment rauschte die Vorstandsvorsitzende in das geräumige Foyer. Helene Peters, eine unnahbare Person Mitte vierzig, steckte in einem grauen engsitzenden Kostüm. Auf dem Kopf thronte ein strenger Haarknoten und ihre Hände zierten korrekt manikürte, rot lackierte Fingernägel. Diese Dame hatte Haare auf den Zähnen und war alles andere als eine Sympathieträgerin. Mit strenger Hand führte sie das Team. Damals hatte sie Alexander geradezu umgarnt, in der Rechtsberatung des Unternehmens tätig zu werden. Die Peters hielt die Eröffnungsrede, die mit einem tosenden Applaus endete. Das Team samt Alexander wurde vorgestellt und sie standen der Presse Rede und Antwort.
Der Abend verlief ziemlich zäh, mit viel Händeschütteln und Diskussionen, von denen Hanna selten ein Wort verstand. Sie blickte ständig auf die Uhr und wünschte sich zurück in ihr eigenes kleines Reich. Alexander war in ein angeregtes Gespräch vertieft, während sie etwas abseitsstand und sich langweilte. Niemand nahm von ihr Notiz und sie zog fröstelnd die Schultern hoch, weil die Klimaanlage des Gebäudekomplexes auf Hochtouren arbeitete. Ein stadtbekannter Architekt hatte das imposante gläserne Bauwerk mit seinem großzügigen Außenbereich entworfen. Es wirkte schrecklich modern und beinahe furchteinflößend. Im Gegensatz zu ihr liebte Alexander jedoch diesen Stil und hatte ihn auch im gemeinsamen Haus durchgesetzt. Er zeigte gern und oft, wie er lebte und was er sich leisten konnte.
Nachdenklich drehte sie das Champagnerglas in ihrer Hand. Spiegelte das gemeinsame Zuhause auch den momentanen Zustand ihrer Ehe wider? Hanna hatte sich immer einen heimeligen Ort gewünscht, der viel Wärme und Wohlfühlatmosphäre ausstrahlte, aber die Räume, in denen sie wohnten, verströmten eine frostige Eleganz. Einzig das Zimmer ihrer Tochter – vollgestopft mit Kuscheltieren, weichen Teppichen und bunten Schränken – wirkte urgemütlich. Je höher Alexander das Treppchen des Erfolges erklomm, desto stärker veränderte er sich. Eine Distanz baute sich zwischen ihnen auf, und das stimmte Hanna traurig. Konnten Macht und Ansehen einen Menschen tatsächlich so leicht formen?
Der Abend schien sich langsam dem Ende zu neigen, die ersten geladenen Gäste wurden bereits verabschiedet. Hanna wollte nur noch weg, raus aus dem engen Kleid und den entsetzlich hohen Schuhen. Für ein heißes Bad und ihr weiches Bett hätte sie alles gegeben.
Draußen vor der Tür wartete bereits das Taxi, das Alexander bestellt hatte. Entspannt lehnte sie sich zurück und ließ sich durch die Nacht chauffieren. Zu Hause schaute sie sofort nach Lara. Sie schlief tief und fest und Hanna schloss behutsam die Tür. Im Schlafzimmer zwängte sie sich aus dem Kleid und feuerte die Pumpsin eine Ecke. Total übermüdet kroch sie neben Alexander unter die Bettdecke und schlief auf der Stelle ein.
Die nächsten Wochen verliefen in einem eintönigen Trott. Alexander war so eingespannt in seinem neuen Job, dass er meist erst mitten in der Nacht nach Hause kam, wenn Hanna und Lara bereits schliefen. Hanna fragte sich oft, wie es denn mit ihnen weitergehen sollte. Von einem geordneten Familienleben hatte sie wohl eine völlig andere Vorstellung als er. Sie lebten keineswegs ärmlich, ganz im Gegenteil, und Hanna verstand nicht, warum er jetzt unbedingt in der Pharmaindustrie mitmischen musste. Die Abende verbrachte sie meist allein und an den Wochenenden stritt sie fast nur noch mit Alexander, der kein Einsehen hatte, wie einsam sie sich fühlte. Auch Lara vermisste ihren Vater sehr. Deshalb hatte Hanna beschlossen, das sonnige Wetter zu nutzen, um mit Lara in das nahegelegene Schwimmbad zu fahren. Sorgsam packte sie den Picknickkorb, bevor sie sich auf den Weg machten. Auf einem halbschattigen Fleckchen Wiese breitete sie die Decke aus. Lara bettelte, allein zum Spielplatz gehen zu dürfen. Lange hielt Hanna dem Drängen ihrer Tochter nicht stand und willigte ein. Wohlig streckte sie sich auf der Decke aus und der Geruch von Gras und Sonnencreme kitzelte ihre Nase. Während die Sonne sanft über ihren Rücken streichelte, döste sie ein, bis Laras Weinen sie abrupt aus dem sanften Schlummer holte. Verschlafen rieb sie sich die Augen und blickte verwundert auf. Sie erkannte sofort den Fremden, der Lara auf seinen Armen trug.
„Die junge Dame war in Nöten und ich musste kurz entschlossen handeln.“ Vorsichtig setzte er sie auf der Decke ab.
Lara schluchzte laut und zeigte auf das blutige Knie. „Ich bin von der Kletterburg gefallen und es tut so schrecklich weh.“
Hanna begutachtete das Knie von allen Seiten, wühlte in der Tasche nach einem Pflaster und klebte es auf die Wunde. Dann nahm sie ihre Tochter tröstend in den Arm. Es war ihr schon etwas peinlich, geschlafen und nicht auf das Kind aufgepasst zu haben. Der Fremde beobachtete amüsiert, wie sie vergeblich versuchte, aus ihrem Bikini ein bedeckendes Kleid zu zupfen.
„Wie kann ich Ihnen danken?“, fragte sie schüchtern.
„Wie wäre es mit einem Kaffee?“ Lässig reichte er ihr seine Hand. „Ich bin übrigens Mark. Schön, dass wir uns wiedersehen.“
„Ähm, ja … ich bin Hanna.“ Mark brachte sie ganz schön durcheinander und sie überlegte fieberhaft, wie sie aus dieser Nummer wieder herauskam. „Ich denke, ich werde mit meiner Tochter lieber nach Hause fahren. Das mit dem Kaffee wird heut leider nichts.“
„Kein Problem, ich kann Ihnen meine Karte geben. Und sollte Ihnen irgendwann doch nach einem Kaffee zumute sein, dann rufen Sie mich einfach an.“
Er wandte sich ab und lief in die Richtung der Schließfächer, die sich ein paar Meter entfernt aneinanderreihten. Eines davon schloss er auf und kramte in einem olivgrünen Rucksack. Das war ihre Chance, ihn einer unauffälligen Musterung zu unterziehen. Dieser Mann schien über eine gehörige Portion Selbstbewusstsein zu verfügen, so selbstsicher wie er sich bewegte. Sonnengebräunt und drahtig übte er mit Sicherheit nicht den Beruf eines städtischen Busfahrers aus. Tja, und da kündigte es sich wieder an, dieses sehnsüchtige Ziehen und Kribbeln in ihrem Bauch. Nachdem er zurückgekommen war, drückte er ihr seine Visitenkarte in die Hand und verabschiedete sich. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Karte, bevor sie diese in ihre Tasche steckte. Ab jetzt hatte der Fremde einen Namen – Mark Clement.
Sie nickte ihm noch einmal zu, packte die Sachen zusammen und fuhr zurück. Lara schlief auf dem Rücksitz, den Kopf an das Fenster gelehnt, ein friedliches kleines Gesicht, das Hanna für einen Moment an ihre eigene Kindheit erinnerte – an eine Zeit, in der alles leichter schien.
Nachdem sie das Haus erreicht hatten, stellte sie den Wagen in der Garage ab und weckte Lara sanft. Als sie eintraten, saß Alexander mit dem Notebook in der Küche und nippte an seinem Kaffee. „Ihr seid unterwegs gewesen?“, fragte er, ohne aufzusehen.
„Ja, im Schwimmbad“, antwortete sie und stellte die Tasche ab.
Er tippte weiter auf seinem Notebook, die Stirn in Falten gelegt. Seit Wochen war er gereizt, fast fremd. Der neue Job verschlang ihn mit Haut und Haaren, und jedes Gespräch zwischen ihnen wurde zu einem Kampf um Aufmerksamkeit. „Du hättest wenigstens anrufen können“, fuhr er fort.
„Ich habe geschrieben.“
„Ja, eine kurze Nachricht, aber das ist nicht dasselbe.“
Hanna schwieg. Sie wusste, dass es sinnlos war. Jeder Versuch, Frieden zu schließen, endete mit einer neuen Wunde. Der Streit entfachte sich aus Kleinigkeiten, aber heute war sie zu müde, um noch einmal dagegen anzureden. „Ich bin oben“, sagte sie schließlich und drehte sich um.
„Natürlich.“ Seine Stimme klang bitter, kalt.
Oben im Schlafzimmer zog sie leise die Tür hinter sich zu. Sie setzte sich aufs Bett, das Handy in der Hand. Ihr Herz klopfte schneller, als sie die Karte aus der Tasche nahm und seine Nummer eintippte. Ein Kaffee, nichts weiter, redete sie sich ein. Nur ein Gespräch, um endlich wieder das Gefühl zu haben, gesehen zu werden. Hastig tippte sie eine Nachricht, starrte auf die Worte, den Finger schwebend über dem Senden-Button. Ein kurzer Atemzug. Dann schickte sie die Nachricht ab und der Bildschirm wurde wieder schwarz. Sie wusste, dass sie in diesem Augenblick bereits die Grenze überschritten hatte. Es war so gar nicht ihre Art, sich spontan mit einem Fremden zu treffen und sei es nur auf einen Kaffee. Aber bevor sie hier versauerte, warum eigentlich nicht?
Marks Antwort kam nur wenige Minuten später. Er schien sich aufrichtig zu freuen und sie verabredeten sich für den morgigen Tag in einem kleinen Café mitten im Grünen.
Den restlichen Tag verbrachte sie damit, den begehbaren Kleiderschrank aufzuräumen. Es war eine dieser Tätigkeiten, die kaum Denken erforderten, aber Raum für Gedanken ließen – viel zu viel Raum. Sie faltete Blusen, stapelte Pullover, sortierte Schuhe nach Farben, als würde sie etwas wiederherstellen können, das ihr längst entglitten war: Kontrolle.
Aus dem Kinderzimmer klang das leise Kratzen eines Buntstifts über Papier. Lara malte, wie immer, wenn sie spürte, dass etwas in der Luft lag. Hanna war dankbar für diese stille Versunkenheit ihrer Tochter, ein kleiner, schützender Kokon inmitten des Chaos.
Nachdem sie alles aufgeräumt hatte, fehlte ihr die Kraft zu kochen. Sie bestellte Pizza und freute sich schon auf ihre Extraportion Käse.
„Schon wieder?“, fragte Alexander, als der Lieferant an der Tür klingelte.
Sie zuckte nur mit den Schultern. „Lara freut sich.“
Er runzelte die Stirn, schwieg dann und aß mechanisch, als wäre selbst das Gespräch zu anstrengend geworden. Sie beobachtete ihn, sah die Müdigkeit in seinen Zügen und den angespannten Blick. Alexander längst woanders war – im Büro, in Zahlen, in Projekten, die nichts mit ihr zu tun hatten. Nach dem Essen räumte sie wortlos den Tisch ab, während Alexander sich in sein Arbeitszimmer zurückzog. Die Tür fiel ins Schloss, dumpf und endgültig.
In der Nacht fand Hanna keinen Schlaf. Sie lag lange wach, die Decke bis zum Kinn gezogen, das Handy auf dem Nachttisch, als wäre es ein Geheimnis, das sie nicht aus den Augen lassen durfte. Immer wieder las sie die Nachricht, die sie Mark geschickt hatte. In ihrem Inneren begann etwas zu leuchten. Eine leise Aufregung, die sie fast beschämte. Ein Gefühl, das sie lange nicht gespürt hatte. Als der Morgen graute, wusste sie, dass dieser Tag anders werden würde. Nicht, weil etwas Schlimmes geschehen war. Sondern weil etwas in ihr begonnen hatte, sich zu verändern.
Nachdem sie das Frühstück zubereitet und Lara zur Schule gefahren hatte, zog sie sich um und machte sich zurecht. Sie legte ein wenig Make-up auf, wählte einen roten, aber nicht zu aufdringlich wirkenden Lippenstift und machte sich auf den Weg.
Als sie eintraf, saß Mark schon an einem Tisch und wartete auf sie. „Hallo Hanna, schön dich zu sehen.“ Ganz gentlemanlike rückte er den Stuhl zur Seite. „Übrigens, du siehst fantastisch aus.“
„Danke.“ Sie errötete leicht und nahm verlegen Platz.
„Ich bin wirklich froh über dieses Treffen, denn wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich schon die Befürchtung, dass du nicht anrufen würdest.“
„Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen, über meinen Schatten zu springen. Aber jetzt bin ich ja da.“
„Was für ein Glück.“ Sein Blick ruhte auf ihr. „Was machst du eigentlich beruflich?“
Diese Frage irritierte sie und sie musste an den Moment zurückdenken, als sie ihn vor der Bibliothek gesehen hatte. „Nichts Besonderes, ich bin Bibliothekarin.“
„Ein Job mit festen Arbeitszeiten wäre absolut nichts für mich, ich liebe die Herausforderung.“
Sie lachte. „Und womit verdienst du deinen Lebensunterhalt, wenn ich fragen darf?“
„Ich arbeite als Schiffsmechaniker auf hoher See. Aber wie du siehst, ziehen sich Gegensätze anscheinend an.“
Er beugte sich leicht nach vorn und lächelte. Ein Schauer jagte durch ihren Körper, sie fühlte sich auf merkwürdige Weise von ihm angezogen. Wider Erwarten plauderten sie offen und es entstanden keine unangenehmen Pausen. Er flirtete ganz offensichtlich mit ihr und sie müsste lügen, wenn sie diese Art der Aufmerksamkeit nicht genoss. Die zwei Stunden vergingen wie im Flug und zum Abschied bat er um eine Wiederholung ihres Treffens. Diesmal war sie es, die ihn bat, sich zu melden. Im Nachhinein war sie erstaunt, wie bereitwillig sie einem zweiten Treffen zugestimmt hatte.
Von einem anhaltenden Hochgefühl begleitet, fuhr sie nach Hause. Sie fühlte sich in ihre Teenagerzeit zurückversetzt, wo sie etwas Verbotenes, aber auch gleichzeitig etwas Wunderschönes tat. In den darauffolgenden Tagen war sie gutgelaunt, stritt seltener mit Alexander und vermisste ihn ein kleines bisschen weniger. Ihre Gedanken kreisten mehr und mehr um den attraktiven Mark. Aber er ließ nichts mehr von sich hören. Mit Bedauern stellte sie fest, dass sich für Mark die Sache anscheinend erledigt hatte. Umso mehr überraschte es sie, als eines Tages ihr Handy klingelte und seine Nummer auf dem Display erschien. Natürlich versuchte sie, ihre Gefühle im Zaum zu halten und völlig gleichgültig zu klingen. Innerlich jubelte sie allerdings.
„Was hältst du davon, wenn du dir eine kleine Auszeit nimmst? Lass uns irgendwohin fahren und den Alltag vergessen.“
„Hm, das ist kompliziert. Ich müsste erst einen Tag Urlaub einreichen und Lara für den Nachmittag bei einer Schulfreundin unterbringen“, erwiderte sie zögerlich.
„Ach komm schon, riskier es einfach.“
Sie wollte ihn nicht enttäuschen und sagte kurzerhand zu. Alexander gegenüber würde sie sich in Schweigen hüllen. Er fragte ja kaum noch, wie sie sich fühlte, und interessierte sich nicht im Geringsten für ihre Belange.
Voller Vorfreude hatte sie diesen Tag herbeigesehnt und eilte aus dem Haus, als Mark vorfuhr. Hoffentlich beobachtet mich kein Nachbar, dachte sie besorgt und ließ sich auf den Beifahrersitz sinken. Mark startete den Motor und fädelte sich in den Verkehr.
„Na, hat alles geklappt?“, fragte er beiläufig.
„Wie du siehst.“
„Gut, dann können wir durchstarten.“
Er trat aufs Gas und fuhr raus aus der Großstadt, mitten hinein ins Grüne. Nach einigen Kilometern bog er auf einen holprigen Waldweg ab, der sie ordentlich durchrüttelte. Am Zielort parkte er den Wagen unter einer großen Eiche und schulterte seinen Rucksack. Lachend schlenderten sie einen verwunschenen Pfad entlang und wie selbstverständlich griff er nach ihrer Hand. Das machte sie ein wenig nervös, aber irgendwann genoss sie seine Nähe genauso wie die Stille des Waldes und die Sonne, die ihre Strahlen fächerartig durch das dichte Blätterdach schickte.
„Ein wunderbarer Ort, fast wie im Märchen.“
„Das stimmt, ich bin lange nicht mehr hier gewesen“, antwortete er. „Man erkennt am Wachstum der Bäume, wie schnell doch die Zeit vergeht.“
„Wohin entführst du mich eigentlich?“
„Lass dich überraschen, wir sind gleich da.“
Auf einer kleinen Lichtung machten sie Rast. Moos und Gräser hatten sich wie ein samtenes Bett ausgebreitet und schienen nur darauf zu warten, dass die zwei sich niederließen. Mark zauberte aus seinem Rucksack Sekt, Trauben, Weißbrot und Käse.
„Wow, du hast wirklich an alles gedacht“, sagte sie. Er hatte sich echt ins Zeug gelegt, um dem Picknick eine romantische Note zu verleihen.
„Ich weiß genau, was Frauen mögen“, antwortete er und zwinkerte ihr verschmitzt zu. „Jetzt lang zu und zier dich nicht.“ Er schenkte ihr ein Glas Sekt ein und gemeinsam stießen sie an.
Danach legten sie sich auf eine Decke und blickten verträumt in den Himmel. Hanna spürte die Wärme seines Körpers und fühlte sich von ihm magisch angezogen. Mark schien es zu spüren. Er zupfte einen Grashalm ab und ließ ihn spielerisch über ihren Hals gleiten. Der Sekt war ihr bereits zu Kopf gestiegen und Mark hatte leichtes Spiel.
„Du scheinst es zu genießen“, flüsterte er mit rauer Stimme und sein heißer Atem streifte ihre Haut.
Sie schloss die Augen und genoss den Moment, als sie plötzlich seine weichen Lippen auf den ihren spürte. Mark küsste sie wild und fordernd und presste sich an sie. Hanna fühlte sich überrumpelt, war aber so überwältigt von ihren Gefühlen, dass sie seinen Kuss ebenso leidenschaftlich erwiderte. Behutsam, Stück für Stück, zog er sie aus und liebkoste ihren Körper. Erwartungsvoll sah sie ihn an und ließ es geschehen. Seine Augen fixierten sie und der Blickkontakt war ihr unangenehm. Scheu senkte sie ihre Lider. Es war ihr fremd, mit welcher Sinnlichkeit Mark ihren Körper betrachtete, ihre kleinen festen Brüste und den sanften Hügel ihrer Scham. Sie hatte sich noch nie so begehrt gefühlt wie in diesem Augenblick. Sämtliche Gewissensbisse warf sie über Bord und wollte nur noch eines – sich ihm hingeben.
Er begann, die Konturen ihres Körpers nachzuzeichnen, erst sehr sanft und später immer fordernder. Sie fühlte sich ihm schutzlos ausgeliefert und wahnsinnig erregt zugleich. Er küsste voller Begierde ihren Körper. Plötzlich griff er ihr volles Haar und bog ihren Kopf ruckartig nach hinten. Sie bäumte sich auf, die pure Lust loderte wie ein Feuer. Sie wand sich unter ihm und als er endlich hart in sie eindrang, schrie sie lustvoll auf. Er nahm sie schnell und fast schon ein wenig rücksichtslos. Diese Art der Leidenschaft erlebte sie zum ersten Mal, war berauscht und wie von Sinnen.
Nur wenig später lagen sie atemlos nebeneinander. Hanna konnte noch immer nicht fassen, was da soeben geschehen war und Mark fand als erster seine Sprache wieder.
„Es war wunderschön“, flüsterte er und strich ihr zärtlich eine Strähne aus der Stirn.
Hanna brachte kein einziges Wort über ihre Lippen. Das hätte niemals passieren dürfen, sie war zu weit gegangen. Hastig sprang sie auf, um ihre Sachen einzusammeln und sich anzuziehen.
„Was hast du?“ Mark musterte sie mit ernstem Blick.
„Ach, nichts.“ Sie zog sich ihre Sommerbluse über und schlüpfte in die Sandaletten. „Können wir zurückfahren?“ Fragend sah sie ihn an.
„Du willst wirklich schon los?“
„Bitte, Mark, ich glaube, es ist besser so.“
„Gut, wie du meinst.“
Er streifte sich das Shirt über, stieg in seine Jeans und verstaute das restliche Essen im Rucksack. Nur kurze Zeit später brachen sie auf und Hanna hatte während der Fahrt mit ihren Gefühlen zu kämpfen. Bevor er in ihre Straße bog, bat sie ihn, sie etwas abseits aussteigen zu lassen.
„Darf ich dich wieder anrufen?“, fragte er hoffnungsvoll.
Ratlos zuckte sie mit den Schultern. „Darauf kann ich dir jetzt keine Antwort geben.“
Sie umarmte ihn flüchtig und stieg aus. Die Erkenntnis musste erst einmal sacken, dass sie Alexander betrogen hatte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich augenblicklich zu Wort und sie befürchtete, dass man ihr den Ehebruch förmlich ansah. Den Liebesakt samt Lichtung verbannte sie sofort aus ihren Gedanken. Verstohlen huschte sie ins Haus und duschte lange, um die Spuren der Versuchung zu beseitigen. Anschließend blockierte sie Marks Nummer. Niemand durfte von diesem Fehltritt erfahren, was hatte sie sich nur dabei gedacht? Alexander war Rechtsanwalt, er würde mit einem Fingerschnippen dafür sorgen, dass er das Sorgerecht bekam. Deshalb musste sie alles daran setzen, um das Familienleben wieder ins rechte Lot zu bringen.
Sie hatte noch Zeit und fuhr auf dem schnellsten Weg in die Innenstadt. In einer Boutique erwarb sie ein elegantes, aber auch sündhaft teures Kleid, welches ihren Körper sanft umschmeichelte. Sie wollte sich Alexander behutsam wieder annähern, und das war der erste Schritt. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass sie sich sputen musste. Sie besorgte noch einige delikate Lebensmittel für das Abendessen und trat den Rückweg an. Den Wagen ließ sie mitten in der Einfahrt stehen und schloss die Haustür auf.
„Alexander? Warum bist du schon zu Hause? Ist irgendetwas passiert?“
Ihr Mann thronte in seinem Sessel, hielt in der einen Hand ein Glas Cognac und in der anderen einen Umschlag. Schwerfällig erhob er sich und schleuderte ihr den Umschlag vor die Füße. „Du hast alles zerstört, wirklich alles …“
Irritiert bückte sie sich und hob das Kuvert auf. Vorsichtig öffnete sie den Umschlag und für eine Schrecksekunde setzte ihr Herzschlag aus. Der Boden unter ihren Füßen wankte und sie betrachtete mehrere Fotos, auf denen sie in wilden Posen mit Mark zu sehen war. Diese Bilder sprachen Bände und ließen keine Einzelheiten aus.
„Alexander … lass es mich dir erklären“, bat sie mit brüchiger Stimme.
„Was willst du da erklären? Deutlicher geht es wohl kaum!“ Er spie ihr die Worte förmlich ins Gesicht.
„Bitte, so versteh doch, du warst nie da und ich habe mich schrecklich einsam gefühlt.“
Verzweifelt klammerte sie sich an seinen Arm, aber er stieß sie zur Seite.
„Pack sofort deine Sachen, du hast hier nichts mehr verloren.“
Mit diesen Worten verließ er das Haus und die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Hanna sank schluchzend zu Boden. Wer hatte sie heimlich fotografiert? Und warum tauchten die Bilder schon nach dieser kurzen Zeitspanne auf?
Genau in diesem Moment klingelte es. Hastig wischte sie sich die Tränen fort und setzte ein gequältes Lächeln auf. Oh Lara, mein Sonnenschein, dachte sie bestürzt, wie konnte ich es nur so weit kommen lassen?
Sie öffnete die Tür, umarmte Lara und drückte sie fest an sich. Sie beschloss, Alexander noch heute zu verlassen und in ein Hotel zu ziehen. Diesen Ausrutscher würde er ihr niemals verzeihen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.
„Deine Mama hat leider einen großen Fehler begangen.“ Sie erklärte Lara die schreckliche Situation. „Deshalb musst du jetzt deine Sachen packen, weil wir vorübergehend in ein Hotel ziehen.“ Sie drückte ihre Tochter fest an sich. „Aber ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich alles wieder in Ordnung bringen werde.“
Aber Lara zeigte wenig Verständnis und weigerte sich. „Ich will aber hierbleiben und weiter in meinem schönen Zimmer wohnen“, schluchzte sie.
„Tut mir leid, Liebes, aber ich habe keine andere Wahl.“
Ein Leben ohne Lara war undenkbar und sie würde nur gemeinsam mit ihr das Haus verlassen. In Eile packte sie das Nötigste zusammen und hinterließ Alexander eine Nachricht, in welchem Hotel er sie finden konnte, falls er eine Aussprache wünschte. Dann belud sie den Kofferraum und brach in Richtung Hotel auf. Nachdem sie eingecheckt hatten, parkte Hanna ihre Tochter vor dem Fernseher, um in der Bibliothek anzurufen und sich krank zu melden. Anschließend duschte sie abwechselnd heiß und kalt, aber das Wissen, alles zerstört zu haben, ließ sich einfach nicht von der Haut spülen.
Dann kuschelte sie sich im großen Bett an Lara und tröstete sie. Bevor ihr erschöpft die Augen zufielen, dachte sie noch: Solange ich Lara bei mir habe, wird alles wieder gut.
Am nächsten Morgen klopfte es überraschend an die Zimmertür. Sie rechnete fest damit, dass es Alexander war. Bis jetzt hatte er sie weder aufgesucht noch abgerufen. Nervös öffnete sie die Tür und musterte erstaunt das ungleiche Paar, das im Flur stand. Sie wiesen sich als Sozialarbeiter des Jugendamtes aus und bestanden darauf, Lara mitzunehmen.
„Ihr Mann hat sie wegen Kindesentzug angezeigt und ein Hotelzimmer ist wohl kaum geeignet, einer Achtjährigen das Zuhause zu ersetzen. Wir konnten uns jetzt davon überzeugen, wie Sie wohnen, und nehmen das Kind mit“, erklärte die Frau mit einem schroffen Unterton.
Hanna fiel aus allen Wolken. Alexander hatte also seine Beziehungen spielen lassen und das Schriftstück, welches ihr die Frau unter die Nase hielt, ließ keine Zweifel aufkommen – er beantragte das alleinige Sorgerecht.
„Und wer passt auf meine Tochter auf, wenn mein Mann in der Firma ist?“
„Ihr Mann hat bereits ein Kindermädchen engagiert, sie wird die gemeinsame Tochter während dieser Zeit betreuen.“ Sie räusperte sich. „Er hat diesen Weg gewählt, um jeglichen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, zum Wohle des Kindes.“
Hanna protestierte lautstark, als die Frau sich Lara schnappte und sie zur Tür brachte. „Sie können meine Tochter nicht einfach so mitnehmen, verdammt noch einmal!“
„Und ob ich das kann! Entweder lassen Sie das Mädchen freiwillig gehen oder ich verständige die Polizei.“
Hilflos musste Hanna mit ansehen, wie Lara das Hotelzimmer verließ. Im Flur drehte sich die Frau noch einmal zu ihr um.
„Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Suchen Sie sich einen entsprechenden Rechtsbeistand, mit dem Sie um das Sorgerecht kämpfen können. Wir führen nur die Anweisungen des zuständigen Richters aus.“
Mit aller Deutlichkeit wurde Hanna bewusst, dass Alexander definitiv am längeren Hebel saß. Lara würde eine hässliche Schlammschlacht miterleben, wenn keiner von ihnen nachgeben würde. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit standen die Chancen gleich null, das Sorgerecht zu erhalten. Trotzdem dachte sie nicht eine Sekunde daran, ihre Tochter aufzugeben. Lara war ihr Sonnenschein, sie brauchte ihr kleines Mädchen wie die Luft zum Atmen. Insgeheim hatte sie gehofft, dass gemeinsame Gespräche mit Alexander zu einer Lösung führen würden. Aber Alexander hatte andere Pläne, er war auf Rache aus. Dabei war sie der festen Überzeugung, dass es einem Kind schaden würde, ohne Mutter aufzuwachsen.
Frustriert klappte sie das Notebook auf und suchte etliche Telefonnummern von Rechtsanwälten heraus, die sich auf Familienrecht spezialisiert hatten. Letztlich entschied sie sich für eine Rechtsanwältin, Frau Dr. Fehringer, und vereinbarte schnellstmöglich einen Termin. Dann hockte sie sich in den Sessel und dachte über das jähe Ende ihrer Ehe nach. Mit Wehmut erinnerte sie sich an den Tag, an dem sie Alexander zum ersten Mal in der Bibliothek begegnet war. Sie hatte gerade ihr Studium beendet, als er nach speziellen Fachbüchern fragte.
Für sie war es eher die Liebe auf den zweiten Blick, denn Alexander wirkte sehr kühl und distanziert. Aber er ließ nicht locker und lud sie zum Essen ein. Irgendwann willigte sie schließlich ein und verbrachte die Abende mit ihm. Alexander legte sich mächtig ins Zeug, sodass Hanna sich mit der Zeit verliebte. Bereits ein halbes Jahr später heirateten sie, er hatte nicht länger warten wollen.
Alexander arbeitete viel und sehr gewissenhaft und kurbelte seine Karriere immer weiter an. Letztlich war er Teilhaber einer renommierten Anwaltskanzlei geworden. Darüber hinaus bot er ihr den Halt, den sie bei ihren Eltern stets vermisst hatte. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass sie sich in diesen sehr selbstbewussten, aber auch exzentrischen Mann verliebt hatte. Nach der Hochzeit warteten drei glückliche und sehr harmonische Jahre auf das junge Paar, bis sich Hannas größter Wunsch zu erfüllen schien – sie erwartete ein Kind.
Alexander behütete sie während der Schwangerschaft und schottete sie regelrecht von der Außenwelt ab. Er nutzte die Gunst der Stunde und vergraulte sogar ihre beste Freundin aus Kindertagen. Die hatte er noch nie gemocht. Hanna hingegen, vollgepumpt mit Glückshormonen und unbändiger Vorfreude auf das ungeborene Kind, erhob keinen Widerspruch. Schließlich erblickte die gemeinsame Tochter das Licht der Welt und das Glück schien perfekt. Lara wurde ihr kleiner Engel, ihr einzigartiger Sonnenschein. Wie viele achtjährige Mädchen in diesem Alter liebte sie Pferde, mochte Rosa in allen Variationen, war aufgeschlossen und fröhlich.
Die Erinnerungen an glücklichere Zeiten versetzten Hanna einen schmerzhaften Stich und sie krümmte sich unter Tränen. Schluchzend bestellte sie sich eine Flasche Rotwein aufs Zimmer, legte sich auf das Bett, versank im Selbstmitleid, trank und weinte und trank, bis sie völlig benommen der Schlaf übermannte. Wirre Träume begleiteten sie durch die Nacht. Paparazzi, die sie heimlich verfolgten und filmten, und Alexander, wie er hinter Lara eine schwere Eisentür zuschlug. Irgendwann am Morgen schreckte sie auf und stellte sich unter die Dusche, um den kalten Nachtschweiß von der Haut zu spülen. Das Frühstück ließ sie wegen der grässlichen Übelkeit und den Kopfschmerzen ausfallen.
Nachdem sie sich angekleidet hatte, schaltete sie den Fernseher ein. Die Nachrichten liefen und das Bild einer jungen Frau wurde eingeblendet. Ihr Wagen war mit überhöhter Geschwindigkeit von der Straße abgekommen und in einen Fluss gestürzt, jede Rettung kam zu spät. Hanna betrachtete das Foto eingehender und erinnerte sich, dass Eva Storm eine ehemalige Klientin von Alexander gewesen war. Die Erbin eines gewinnbringenden Unternehmens hatte sich damals von ihm beraten lassen und ihn später als Notar in einer Erbschaftsangelegenheit engagiert. Die junge Frau soll unter Alkoholeinfluss gestanden haben, als der Unfall passierte, das schreckliche Ende eines feucht fröhlichen Abends.
Voller Unbehagen schaltete sie den Fernseher wieder aus. Auf gar keinen Fall wollte sie so enden – betrunken und nicht mehr wissend, was um sie herum geschah. Angewidert schüttete sie den restlichen Rotwein in den Ausguss und schnappte sich die Autoschlüssel. Sie wollte nur noch weg, egal wohin. Mit schnellen Schritten eilte sie zu ihrem Wagen, startete den Motor und ließ die Stadt hinter sich. Die Landschaft flog an ihr vorüber, aber sie hatte keinen Blick dafür. Irgendwann hielt sie an, stellte den Wagen vor dem Gasthof ab und lief eine schmale Straße entlang in Richtung Wald. Der blühende Raps verströmte einen intensiven Duft und die Bienen summten im gelben Blütenmeer. Hanna fühlte sich seltsamerweise frei und losgelöst und ein winziger Hoffnungsschimmer keimte auf, dass doch noch alles gut werden könnte.
Nach einem längeren Fußmarsch hatte sie den Waldrand erreicht. Der Weg, den sie eingeschlagen hatte, war kaum mehr als ein schmaler, verschlungener Pfad, übersät mit dem Laub, das leise unter ihren Sohlen raschelte. Es roch nach feuchter Erde und Harz, nach Vergänglichkeit und Neubeginn zugleich. Nach einigen Metern öffnete sich der Wald, und dort, zwischen den Bäumen, tauchte ein altes Forsthaus auf. Es wirkte wie ein vergessenes Relikt aus einer anderen Zeit. Das Kellergeschoss bestand aus Backsteinen, das obere aus Fachwerk, dessen Giebelseiten mit verblassten Verzierungen geschmückt waren. Kletterrosen hatten sich den Eingang zurückerobert, rankten sich bis unter das Dach und hüllten die Veranda in ein zartes, grünes Geflecht.
Hanna blieb stehen und schaute sich um. Der Wind spielte mit den Zweigen und irgendwo rief ein Vogel. Das Grundstück war von einer niedrigen Hecke und einem verfallenen Staketenzaun umgeben, dahinter ein wilder Garten, in dem einst Gemüse und Blumen gestanden haben mussten. Jetzt wucherte dort das Unkraut, als hätte es den Ort verschluckt. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – hatte das Forsthaus etwas Friedliches. Eine stille Würde, die selbst der Verfall nicht zerstören konnte.
Sie ging näher heran, legte die Hand auf die verwitterte Tür und spürte das raue, kühle Holz unter ihren Fingern. Sie beugte sich vor und drückte die Stirn an das verschmutzte Glas. Das Innere sah wenig einladend, zerbrochene Flaschen und ein alter Stuhl, der einsam in der Ecke stand. Eine geschnitzte Holztreppe führte hinauf ins obere Geschoss, wo sich das Licht in Spinnweben fing. Die Neugier trieb sie dazu, auf den schmalen Sims aus Backsteinen zu steigen und durch ein weiteres Fenster zu spähen. Sie sah eine kleine Küche mit einem Kachelofen, daneben ein winziges Bad, alles alt, aber nicht ohne Charme. Natürlich, dachte sie, müsste man hier viel tun. Alles renovieren, erneuern, reparieren. Aber plötzlich erschien ihr dieser Gedanke nicht abschreckend, sondern tröstlich. Vielleicht war es genau das, was sie brauchte: etwas, das man mit den eigenen Händen wieder aufbauen konnte.
Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete das Haus noch einmal in seiner ganzen stillen Schönheit. Ein vergessenes Stück Welt, das auf jemanden wartete, der ihm neues Leben einhauchte. Und für einen Moment stellte sie sich vor, wie es wäre, hier zu wohnen – fern von allem, was sie bedrückte. Nur sie, Lara, und das Rauschen des Waldes. Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie hatte Schuld auf sich geladen, aber das war nicht das Ende der Welt. Als sie den Rückweg antrat, wusste sie, dass dieser Ort sie nicht mehr loslassen würde.
Ein Blick auf die Uhr trieb sie zur Eile. Sie kehrte ins Hotel zurück, zog sich um und fuhr in die Bibliothek. Schon auf dem Weg dorthin spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Der sonst vertraute Gang durch die Flure wirkte heute fremd, die Kolleginnen grüßten flüchtig, einige wichen ihrem Blick aus. Jakob, ihr Vorgesetzter – ein kleiner, rundlicher Mann mit Glatze und randloser Brille – empfing sie mit einem eisigen Gesichtsausdruck.
„Kommen Sie bitte erst in mein Büro, Frau Jahnke. Es gibt dringenden Klärungsbedarf.“
Mit gemischten Gefühlen folgte sie ihm. Im Büro forderte er sie auf, Platz zu nehmen. Ohne Umschweife schob er ihr einen braunen Umschlag über den Schreibtisch.
„Es tut mir leid, dass Ihr Leben anscheinend aus den Fugen geraten ist“, begann er. „Aber Sie verstehen sicherlich, dass mir keine andere Wahl bleibt, als Ihnen die sofortige Kündigung auszusprechen.“
„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?“, erwiderte Hanna fassungslos.
„Doch, das ist es. Wir achten sehr auf die Seriosität unserer Angestellten, und diese Fotos da …“, er deutete auf den Umschlag „… die sprechen sicher nicht für Sie.“
Einen Moment lang konnte Hanna weder sprechen noch atmen. Dann stand sie auf, griff nach dem Umschlag und verließ das Büro, ohne sich noch einmal umzusehen. Vor der Tür blieb sie stehen. Mit zitternden Fingern öffnete sie das Kuvert. Die Fotos zeigten sie und Mark – beim Lachen, beim Berühren, bei einem Kuss. Verschwommene Aufnahmen, die sie bereits kannte. Ihr wurde eiskalt. Wer hatte das getan? Wollte Mark, gekränkt oder rachsüchtig, ihr Leben zerstören? Oder war da jemand anderes, der sie beobachtet hatte, jemand, der wusste, wie verwundbar sie war?
Wie sie zurück in das Hotel gekommen war, konnte sie nicht mehr sagen. Sie ließ sich aufs Bett sinken, starrte die weiße Decke an und fühlte sich leer. Dann wählte sie Marks Nummer, einmal, zweimal, dreimal. Keine Antwort. Draußen toste das Leben, Autos, Stimmen, Schritte, aber in ihrem Zimmer herrschte eine beklemmende Stille. Sie legte das Handy neben sich, schloss die Augen und wusste, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus und verließ fluchtartig das Hotel, setzte sich ins Auto und fuhr ohne Ziel durch die Straßen. Unbewusst steuerte sie den Wagen in die Richtung ihres ehemaligen Zuhauses. Langsam rollte sie am Grundstück vorbei, immer in der Hoffnung, Lara irgendwo zu entdecken. Aber alles wirkte wie ausgestorben.
Die Sehnsucht trieb sie noch ein Stückchen weiter, vielleicht würde sie Lara auf dem Spielplatz antreffen. Doch der lag verlassen vor ihr, nur die Schaukeln bewegten sich rhythmisch im Wind. Sie stieg aus, setzte sich auf eine Bank und kämpfte gegen die aufkommenden Tränen an. Erst das Klingeln des Smartphones riss sie aus ihrer Melancholie. Marks Nummer erschien im Display und sie nahm das Gespräch sofort an. Die Verbindung war extrem schlecht, es rauschte und knackte in der Leitung.
„Hallo Hanna. Warum hast du so oft versucht, mich zu erreichen? Ich dachte, zwischen uns wäre alles gesagt?“
Im ersten Moment wunderte sie sich über die Kälte in seiner Stimme, aber dann kam sie ohne Umschweife auf das Thema zu sprechen. „Ich möchte von dir wissen, ob du das alles von Anfang an geplant hast?“
„Ich verstehe nicht ganz? Was soll ich geplant haben?“ Er schien irritiert.
„Es sind Fotos aufgetaucht, von unserem ...“, sie holte tief Luft, weil ihr schon übel wurde, wenn sie nur daran dachte. „Jemand hat uns im Wald beobachtet und heimlich Fotos geschossen, um sie postwendend an meinen Mann und an die Bibliothek zu schicken.“
„Und was habe ich damit zu tun?“
„Jetzt stell dich doch nicht dumm.“ Zornig ballte sie die Hände zu Fäusten. „Gib doch einfach zu, dass du dahintersteckst. Es war ein abgekartetes Spiel, um mich zu ruinieren.“
„Jetzt höre mir mal zu ...“, Mark stieß geräuschvoll die Luft aus. „Ich fahre wieder zur See und werde erst in ein paar Tagen nach Deutschland zurückkehren. Ich habe weder die Fotos geschossen noch in Auftrag gegeben.“ Er klang verärgert. „Sobald ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, melde ich mich. Dann können wir die Sache gemeinsam klären und meinetwegen auch aufarbeiten.“
Das klang vernünftig. Es entstand eine kurze Pause, in der beide schwiegen.
„Mach dir keine unnötigen Sorgen …“, lauteten seine letzten Worte, bevor die Verbindung abbrach. Hanna spürte eine große Erleichterung, dass er nicht für die Briefe verantwortlich war. Ein erster Schritt war getan, um ihr Leben neu zu ordnen.
Der Wecker riss Hanna in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf und sie packte hastig ihre Sachen zusammen. Leichtfüßig eilte sie nach unten an die Rezeption, bezahlte das Zimmer und checkte aus. Nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten im Kofferraum verstaut hatte, glitt sie hinter das Steuer und scherte aus der Parklücke. Mit gemischten Gefühlen fuhr sie in Richtung Forsthaus, direkt in ihr neues Leben. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie die Strecke zurückgelegt und steckte voller Vorfreude den Schlüssel in das rostige Schloss. Sie musste sich einige Male kraftvoll gegen die alte Holztür stemmen, bis diese endlich leise knarrend nachgab. Abgestandene Luft strömte ihr entgegen und beim Eintreten knirschte der Schutt unter ihren Füßen. Zuerst öffnete sie alle Fenster und ließ die warme Sommerluft ins Haus.
In Badezimmer und Küche drehte sie probehalber die Wasserhähne auf, aber es lief kein Wasser. Sekunden später traf sie der Geistesblitz, dass sie wahrscheinlich den Haupthahn finden und öffnen musste. Sie stieg die Stufen in den Keller hinab und stolperte im Halbdunkel über Kisten, bis sie endlich den Haupthahn gefunden hatte. Es zischte und rauschte, bis der Wasserhahn in der Küche eine rostige Brühe ausspie. Nur wenige Augenblicke später floss klares Wasser aus dem Hahn und sie drehte ihn zu. Anschließend erkundete sie die obere Etage, die aus einem länglichen Flur und zwei kleineren Zimmern mit Dachschrägen bestand. Obwohl die vergilbte Tapete noch an den Wänden klebte und Spinnweben von der Decke hingen, richtete sie in Gedanken bereits die Räume ein. Lara würde das hintere Zimmer bewohnen und sie das vordere.
Jetzt war der Dachboden an der Reihe und sie kletterte die wackelige Holzleiter hinauf. Er war nur in der Mitte begehbar und durch die Schrägen beengt. Allerdings beherbergte er ein paar alte Schätze wie ein antikes Bett mit Schnitzereien und zwei gut erhaltene rustikale Kommoden. Sie freute sich über diesen Fund, denn es handelte sich um schöne, alte Stücke, die sie wieder herrichten könnte. Während sie das Haus erkundete, ließ sie die letzten Tage Revue passieren. Nachdem ihr vom zuständigen Richter ein vierzehntägiges Besuchsrecht für Lara zugesprochen worden war, hatte sie Hals über Kopf die Entscheidung getroffen und das Forsthaus gekauft. Ohne das Erbe ihrer Großmutter, die ihr einen Großteil des Vermögens hinterlassen hatte, wäre das nicht möglich gewesen. Aber so war sie finanziell unabhängig und frei in ihren Entscheidungen. Warum sie sich ausgerechnet hier niedergelassen hatte, konnte sie nicht genau sagen. Vielleicht spiegelte es einfach die Tatsache wider, dass sie hier nichts, aber auch gar nichts an Alexander erinnerte.
Sie räumte den Kofferraum leer und trug die Sachen ins Haus. Dann zog sie sich eine löchrige Jeans und ein altes Shirt über und begann mit dem Besen den Schutt und Unrat zusammenzukehren. Nach einer Stunde war der Boden im Haus vom gröbsten Schmutz befreit. Während einer kurzen Pause erstellte sie eine Liste, was als Erstes instandgesetzt werden musste.
Den gesamten Nachmittag verbrachte sie damit, das Haus zu säubern, und betrachtete zufrieden das Tagwerk. Zum Abendessen gab es ein bescheidenes Menü aus der Dose. Anschließend rollte sie im Wohnbereich den Schlafsack aus. Aber der erholsame Schlaf ließ auf sich warten. Ihre Gedanken wanderten zu Lara, sie vermisste ihr geliebtes Mädchen so sehr. Sie wusste, dass Alexander ihr immer wieder Steine in den Weg legen würde, aber Aufgeben war keine Option. Langsam senkte sich Dämmerung über den Wald herab und erst jetzt nahm Hanna die ungewohnten Geräusche wahr. So ganz allein wurde ihr doch ein wenig mulmig zumute und sie legte die Taschenlampe griffbereit neben sich.
Irgendwann schlief sie ein, bis ein dumpfer Schlag die Stille der Nacht durchbrach. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie sich befand, bis ihr das fahle Mondlicht, das durch die zerbrochenen Lamellen fiel, die Erinnerung zurückbrachte – das alte Forsthaus, ihre neue Zuflucht.
Es verstrichen einige Sekunden, bis sie begriff, woher dieses Geräusch stammte. Er hörte sich so an, als würde sich jemand immer wieder gegen die alte Tür stemmen, um ins Haus einzudringen. Hatte sich unter den Bewohnern des Ortes noch nicht herumgesprochen, dass das alte Forsthaus den Eigentümer gewechselt hatte?
Ihr Herz raste. Sie hielt den Atem an und lauschte. Ein dumpfer Stoß, dem ein weiterer folgte. Das Holz ächzte. Hanna spürte, wie sich kalte Panik in ihr ausbreitete. Sie saß aufrecht da, unfähig, sich zu bewegen. Ihr Blick glitt zur Tür, die sie am Abend nur angelehnt hatte. Alles in ihr schrie danach, aufzustehen, etwas zu tun – das Handy nehmen, um die Polizei anzurufen –, aber sie brachte es einfach nicht fertig. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie kaum das Telefon zu fassen bekam. Der nächste Schlag ließ die alte Haustür erbeben, als würde derjenige sie mit purer Kraft aufbrechen wollen. Die plötzlich eintretende Stille danach kam überraschend. Sie hörte das sanfte Rauschen der Baumkronen und Schritte, die sich langsam und schwer über den Kiesweg entfernten. Sie verharrte immer noch reglos, aber alles blieb still. Sie schaute zum Fenster, wo sich das Mondlicht auf den alten Dielen brach. Die Angst war zu einem ständigen Begleiter geworden und es fiel ihr schwer, zurück in den Schlaf zu finden.
Nach einer unruhigen ersten Nacht stand sie am nächsten Morgen zeitig auf, frühstückte einen Müsliriegel und einen Becher Kaffee. Anschließend weichte sie die vergilbten Tapeten ein. Es war sehr mühsam, diese mit dem Spachtel zu entfernen, und sie kam nur sehr langsam voran. Die Stille im Haus war bedrückend und als ihr Blick aus dem Fenster auf das leere Wachtelgehege fiel, kam ihr eine Idee. Lara würde sicher begeistert sein.
Also ließ sie den Spachtel fallen, zog sich um und stieg in den Wagen. Der Gedanke, etwas Lebendiges in dieses verlassene Haus zu bringen, beruhigte sie auf seltsame Weise. Auf dem Weg zum Bauernhof lag ein dünner Schleier aus Nebel über den Wiesen, als würde der Tag zögern, ganz zu erwachen. Der Hof lag am Ende einer schmalen Schotterstraße. Hühner liefen frei herum, scharrten im Staub und flatterten kurz auseinander, als sie mit dem Wagen auf den Hof fuhr. Ein Hahn krähte heiser, irgendwo klapperte Metall, und aus dem offenen Stall drang der süßliche Geruch von Heu.
Eine ältere Frau trat heraus, wischte sich die Hände an der Schürze ab. Ihr Blick war ruhig und prüfend, aber nicht unfreundlich. „Kann ich Ihnen helfen?“
Hanna nickte. „Ich wollte fragen, ob Sie vielleicht Küken abgeben.“
Die Frau musterte sie kurz und lächelte dann. „Wir haben gerade eine neue Brut. Wenn Sie wissen, wie man sie hält, suche ich Ihnen ein paar hübsche Küken heraus.“
Hanna verspürte einen Anflug von Wärme. „Ja, ich habe genügend Platz und ein Gehege.“
Sie folgte der Bäuerin in einen Seitenraum, wo unter einer Rotlichtlampe ein Dutzend kleiner, flaumiger Küken zusammengedrängt saß. Es piepte leise und stetig, wie ein lebendiger Herzschlag. Hanna beugte sich hinunter. Das feine Zittern dieser winzigen Körper rührte sie mehr, als sie erwartet hatte.
Die Frau hob behutsam einige der flauschigen Bälle in eine kleine Transportbox. „Die hier sind kräftig und Futter brauchen Sie natürlich auch.“
Hanna kaufte, was nötig war: Futter, eine kleine Tränke und etwas Einstreu. Die Bäuerin packte alles schweigend zusammen und Hanna verabschiedete sich. Eine merkwürdige Ruhe breitete sich in ihr aus.
Etwas Lebendiges.
Etwas, das sie versorgen konnte.
Etwas, das noch nicht zerbrochen war.
Mit einem Karton voller Leben kehrte sie in das alte Forsthaus zurück. Behutsam setzte sie die Küken, sechs Hennen und einen Hahn, in den Auslauf und das Federvieh kuschelte sich schreckhaft in einer Ecke zusammen. Hanna griff nach einem verstaubten Holzrechen, um den Auslauf zu säubern. Anschließend entrümpelte sie den Stall, damit die Jungtiere dort nachts Unterschlupf fanden, und suchte akribisch den Schuppen und den Auslauf nach Schlupflöchern ab, damit kein Fuchs sich bei ihr sein Frühstück holen konnte. Zum Schluss befüllte sie die Näpfe mit dem Aufzuchtfutter, das ihr der Bauer mitgegeben hatte. Nach einer Weile tauten die Küken auf, erforschten das neue Terrain, pickten hier und da. Glücklich und zufrieden beobachtete Hanna die Neuankömmlinge. Allmählich begann ihr neues Leben, Form anzunehmen.
Die Arbeit ging Hanna leichter als erwartet von der Hand und Stück für Stück erwachte ihr neues Reich aus seinem Dornröschenschlaf. Die meiste Zeit arbeitete sie bis spät in die Nacht hinein, so auch heute. Sie war gerade dabei, die Küchenwände zu streichen, als sie das Knacken eines vertrockneten Zweiges vernahm. Draußen war es bereits stockdunkel, während im Haus das Licht brannte. Sie fühlte sich wie auf dem Präsentierteller.
