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Kristin war verheiratet, Anne auch, ihre Wünsche und Sehnsüchte hatten gar keinen realen Platz. Und doch lag diese Spannung zwischen Anne und ihr in der Luft. Insgeheim wusste Kristin auch längst, was sie nicht wahrhaben wollte. Sie hatte sich verliebt. Nicht nur, dass sie sich verliebt hatte, nein, sie hatte Lust. Lust, diese Frau zu berühren, ihre Nähe zu spüren, sie zu küssen, sie zu lieben, auch wenn sie nicht wusste, wie sie das anstellen sollte. Eine Frau verführen, sie zu lieben. Natürlich hatte sie sich das schon oft in langen und unerfüllten Nächten vorgestellt. Konnte sich doch auch gut in die Gefühle und Sehnsüchte einer Frau hineinversetzen. Immer wieder einmal waren diese Sehnsüchte in ihr aufgeflammt, aber sie hatte sie genauso schnell immer wieder im Keim erstickt. Sie als erotische Phantasien abgetan. Aber jetzt war das Gefühl da, wuchs mit jeder Begegnung und ließ sich nicht mehr wegreden. Ihre Sehnsüchte wurden konkret, nahmen ganz klare Konturen an. Und das Objekt ihrer Begierde hieß Anne. Ihre Midlife-Crisis? Kristin dachte immer, die bekommen nur Männer. Sie aber war eine Frau und steckte wohl mittendrin. Lusttaumelnd waren Anne und Kristin über einander hergefallen und eingetaucht in eine Liebe, die fortan haltlos durch ihre Leben raste. Mit dieser Liebesnacht hatte sich ihr Leben verändert. Alles hatte sich plötzlich in Frage gestellt, ihre Ehe, ihr sicheres Leben. Einfach alles. Die Leidenschaft hatte sie mit sich fortgerissen.
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Seitenzahl: 96
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Sylvia Knelles wurde am 4. November 1960 in Mülheim an der Ruhr geboren.
Lebensstationen:
Moers, Sindelfingen, Lagos/Nigeria, Accra/Ghana, Mainz und Sylt. Seit 1979 ist Hamburg ihr Lebensmittelpunkt.
Zum Schreiben zieht sie sich auf die Inseln Sylt oder Mallorca zurück, aber auch nach New York oder Timmendorf.
1991 erschien ihr erster Roman.
Weitere lesbische Strandschmöker folgten, aber auch Sachbücher, Krimis und Reisereportagen.
www.sylvia-knelles.de
Das Herz, sagt dir: „Es ist Liebe“.
Der Verstand sagt dir: „Es ist Liebe“.
Die Liebe sagt dir: „Es ist Liebe“.
Heiße die Liebe willkommen, in all seinen Facetten.
Kathleen und Kristin standen auf dem Bahnsteig, ließen sich fesseln von der Vielfalt der Geräusche. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Die Ansage kam schnarrend über den Lautsprecher und sie hatten Mühe sie zu verstehen. Über ihnen klapperten die Buchstaben, als der nun einlaufende Zug angezeigt wurde. Langsam rollte der Zug in den Bahnhof ein. Die Lok zog schwerfällig eine nicht enden wollende Anzahl von Waggons hinter sich her. Schnaufend kam der Zug zum Stehen, begleitet vom metallenen Kreischen der Bremsen. Kathleen hob die Tasche in den Zug.
„Bitte zurückbleiben! Die Türen schließen selbständig!“
Schrill und unangenehm schnarrte die Stimme über ihnen. Kathleen sah Kristin noch einmal an, mit einem Blick, den Kristin nicht deuten konnte. Zärtlich, liebevoll, fragend, wartend, wissend? Kathleen zog Kristin kurz an sich, für Sekunden spürte Kristin ihre Wärme, roch ihr Parfum. Spürte ihre Lippen auf ihrer Wange. Dann drehte Kathleen sich schnell um, stieg in den Zug.
Krachend schlugen die Türen zu, die Trillerpfeife setzte das Signal zur Abfahrt. Langsam und behäbig setzte sich der Zug in Gang. Der Bahnsteig leerte sich. Kathleen erschien ein paar Abteile weiter am Fenster und winkte. Kristin ging mit dem Zug mit, winkte ihr zu.
„Bis in einer Woche. Ich ruf dich an, wenn ich angekommen bin.“
Kristin nickte. Langsam konnte sie nicht mehr mit dem Zug mitlaufen, die Lok kam in Fahrt. Sie winkte dem Zug nach, bis die Rücklichter des letzten Waggons hinter der Kurve verschwunden waren. Morgen würde sie nicht in der Schulbank sitzen und Kathleens Stimme lauschen. Mit der Hand strich Kristin sich über die Wange, konnte noch Kathleens Lippen spüren. Noch nie hatte Kathleen sie in den Arm genommen. Erst vorhin, im Augenblick des Abschieds, hatte Kathleen wohl für einen Moment die Kontrolle über sich verloren. Hatte Kristin mit dunklen Augen angesehen. Liebevoll und voller Vertrauen. Der Zug verschwand in der Ferne und Kristin schien, als sei nicht nur der Zug aus dem Bahnhof, sondern mit ihm auch Kathleen aus ihrem Leben gefahren. Melancholie stieg in ihr auf.
Kristin ging zurück zum Wagen, stieg ein und, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, lenkte sie ihn hinunter zum Hafen. Sie hielt am Kiosk, kaufte sich eine Flasche Bier und eine heiße Wurst und suchte sich ein ruhiges Plätzchen zum Verweilen. So saß sie im Wagen, beobachtete vor sich die großen Schiffe, die gegenüber im Dock lagen. Das Auto roch nach Bier, Wurst und Senf. Die Brötchenkrümel verteilten sich auf ihrer Hose. Leise dudelte das Radio vor sich hin.
Kristin musste an Anne denken. Hier, in einer kalten Novembernacht, hatten Anne und sie sich das erste Mal geliebt. Sie musste leise auflachen. Nein, sie waren eigentlich über einander hergefallen. Hier hatte sich all die Spannung entladen, die Anne und sie seit Wochen in sich gespürt hatten. Lusttaumelnd waren sie über einander hergefallen und eingetaucht in eine Leidenschaft und Liebe, die fortan haltlos durch ihre Leben raste. Sie hatten etwas entfacht, von dem sie nicht wussten, wie sie es je wieder löschen sollten. Mit dieser Liebesnacht hatte sich ihr beider Leben verändert. Alles hatte sich plötzlich in Frage gestellt, einfach alles. Ihre Ehe, ihr sicheres Leben. Einfach alles. Die Leidenschaft hatte sie mit sich fortgerissen. In Gedanken kehrte Kristin zurück, erinnerte sich an den Tag, an dem sie Anne begegnet war.
Sie lernte Anne durch ihren Mann kennen. Richard gab wieder einmal eines dieser unvermeidlichen Geschäftsessen. Ihr gaben sie nicht viel. Sie waren immer verbunden mit viel Arbeit, einer Menge Abwasch, aber andererseits stellten sie auch eine willkommene Abwechslung dar. Richard und sie waren zu diesem Zeitpunkt einundzwanzig Jahre verheiratet. Ihr Sohn Florian war vor Kurzem ausgezogen und lebte nun mit Freunden in einer Wohngemeinschaft. So sehr sie diesen Entschluss verstehen und nachvollziehen konnte, so sehr schmerzte er sie doch auch. Sie selbst stand an einem Wendepunkt ihres Lebens. Sie musste ihr Leben nun wieder voll und ganz auf sich selbst einrichten. Für Richard hingegen hatte sich nicht viel geändert. Er ging weiterhin tagsüber aus dem Haus, aber sie?
Wie viele Träume hatten Richard und sie mit in ihre Ehe genommen? Die meisten konnten sie nicht in den Alltag mit hinüberretten. Sie heirateten, als sie mit Florian schwanger war. Sie gab ihren Beruf auf, um nur noch für ihren Mann und das Kind da zu sein. Richard kniete sich mit aller Energie in sein Berufsleben und ermöglichte ihnen durch seine Zielstrebigkeit ein sorgenfreies Leben. Sicher, durch die frühe Schwangerschaft hatte es sich entschieden, dass sie auch heiraten würden, eine Entscheidung, die sie heute sicher so nicht mehr treffen würde. Aber damals? Es war gar keine Frage, dass sie zu Hause bleiben würde. Sie hatte sich auch darauf gefreut, ganz für ihr Kind da sein zu können. Es schien logisch, zwangsläufig und richtig zu sein. Sie lebte mit Flo richtig auf, er war ein richtiger kleiner Wonneproppen. Er war so schnell zufrieden und immer begeisterungsfähig. Richard und sie hatten nicht viel Zeit für einander. Tagsüber ging er in die Firma, abends belegte er Kurse, an den Wochenenden musste er lernen. Kristin hatte es immer als gegeben hingenommen, aber richtig kennengelernt hatten sie sich eigentlich nie. Er plante seine Karriere, das neue Auto, ihren Urlaub, das Haus. Am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit war sie sehr verliebt, später hatte sie ihn geachtet und respektiert, aber Liebe? Tiefe, leidenschaftliche Liebe? Richard und sie waren im Laufe der Jahre gute Freunde geworden. Gute Freunde, die einander vertraut waren, die miteinander schliefen, aber gute Freunde sollten nicht miteinander schlafen. Es hatte vor Richard keine anderen Männer in ihrem Leben gegeben. Nur ein paar harmlose Flirts. Sie war zufrieden, so wie es war. Richard kümmerte sich liebevoll um sie. Durch Florian, der sehr kontaktfreudig war, war das Haus immer voller Kinder und das änderte sich auch später nicht. Viele Kinder aus der Nachbarschaft, deren Mütter tagsüber arbeiten mussten, gingen bei ihnen ein und aus. Florian kam selten von der Schule alleine nach Hause. Sie beneidete ihn manchmal um die Unbekümmertheit, mit der er sich in der Welt umschauen konnte. Als er in die Pubertät kam, machte er seinem Spitznamen „Flo“ alle Ehre. Er flirtete wild und seine Freundinnen wechselten ständig. Kristin wollte ihn auch nicht zu irgendeiner Entscheidung drängen, wenn er mit der „Richtigen“ nach Hause kam, er würde es sie wissen lassen.
Nachdem Florian ausgezogen war, war eine große Leere in ihr Leben eingekehrt. Sie hätte sich gerne einen Job gesucht, aber Richard war strikt dagegen. Er war beruflich viel unterwegs und wenn er nach Hause kam, wollte er sie auch dort wissen. Sie war erst ziemlich sprachlos, aber dann auch wütend. Mit welcher Selbstverständlichkeit Richard über ihr Leben entschied. Aber das hatte er ja immer getan und sie hatte sich stets gefügt. Hatte sie ihn nicht immer für seine Souveränität, seinen starken Willen, seine Entschlussfreudigkeit, bewundert? Aber genau diese Eigenschaften waren ihr nun ein Dorn im Auge. Sie saß in ihrem goldenen Käfig und haderte mit der ganzen Situation. Was sollte sie nun mit den langen Tagen anfangen? Bei Richard stieß sie mit ihren Vorhaben und Plänen auf taube Ohren. Aber sollte sie nun eine Revolution entfachen? Um welchen Preis? Und da sie noch gar keine konkreten Pläne hatte, was nützte da jede Diskussion? Ja, so waren die früher so langweiligen Geschäftsessen mittlerweile zu einer willkommenen Abwechslung für sie geworden.
Richard hatte einen neuen Kollegen in seine Niederlassung bekommen und er hatte ihr schon so viel von seinem Kollegen erzählt, dass sie richtig neugierig geworden war. Aber er sollte mit seinen Schilderungen auch Recht behalten. Scott, ein Ire mit roten Haaren, blasser Haut und voller Sommersprossen, sprühte nur so vor Energie. Eine schlaksige Gestalt, die immer in Bewegung war. Gestenreich und bunt waren seine Schilderungen. Er ging sehr wach durchs Leben und ließ andere teilhaben an seiner Lebensfreude. Neben ihm stand eine attraktive Frau. Kristin wusste heute nicht mehr, was sie zuerst an Anne faszinierte. Die grünen Augen, die schlanken Hände, ihre rauchige Stimme, ihre Art sich zu bewegen? Anne stand im Raum und nichts schien neben ihr Platz zu haben.
Über Scott und Anne waren Gerüchte im Umlauf. Sie habe ihn nur aus Berechnung geheiratet, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Er habe ihr die Boutique finanziert, die sie nun ihr Eigen nannte, obwohl sie gerade erst zwei Jahre verheiratet waren. Anne war wohl auch der Grund für seine Versetzung nach Hamburg. Was auch immer an den Gerüchten dran war, Scott und Anne wirkten auf Kristin harmonisch und glücklich. Jedenfalls spielten sie nach außen hin das perfekte Paar.
Auch später noch, als sie längst getrennte Wege gingen, hielten sie nach außen krampfhaft die Fassade des ungetrübten Glücks aufrecht. „The show must go on!“ Sie brauchten sich beide, um sich gut zu fühlen. Der andere ersetzte jeweils die fehlende Sonne. Anne und Scott verbrachten selten ihre Zeit alleine, denn ohne Publikum konnten sie ihre Gefühle nicht erleben. Sie waren stolz, dass der andere begehrt wurde und dieser Zustand ließ sie lieben.
Sie waren beide wohlhabend, gutaussehend. Sie waren beide vom Leben verwöhnt und das, so sagte Scott später einmal, war der Anfang vom Ende. Er liebte die Anne, die von anderen begehrt wurde, aber zu Hause, wo niemand um Anne buhlte und er keine Angst haben musste, sie zu verlieren, verlor sich seine Liebe in Langeweile. Aber an diesem Abend waren beide in ihrem Element.
Scott hatte einen unglaublichen Wortschatz und wann immer er den Faden verlor, weil ihm deutsche Worte fehlten, nahm Anne den Faden auf und so hatten sie alle einen sehr unterhaltsamen Abend. Anne war faszinierend. Es war ihr Abend und sie genoss es offensichtlich. Kristin war beeindruckt und konnte verstehen, warum Richard so von seinem neuen Kollegen schwärmte.
Obwohl Kristin sich ständig um alle Gäste bemühte, spürte sie, dass Anne sie den ganzen Abend beobachtete. Fragend und taxierend musterte Anne sie. Wenn Kristin Anne so ansah, machte sich eine gewisse Unruhe in ihr breit, die sie aber nicht deuten konnte. Der Abend ging zu Ende und er klang noch lange in ihr nach.
In den nächsten Monaten kreuzten sich ihre Wege noch oft, wenn auch zufällig. Immer öfter sah Anne Kristin provozierend an und Kristin wich verunsichert ihren Blicken aus. Aber gleichzeitig suchte sie immer wieder Annes Nähe. Wäre ihr das mit einem Mann passiert, sie hätte es Liebe auf den ersten Blick genannt, aber so? Kristin war grenzenlos verunsichert.
Und dann mit einem Mal überschlugen sich plötzlich die Ereignisse. Richard hatte ein Essen mit Anne und Scott in der Stadtmitte verabredet und Anne würde Kristin mit ihrem Wagen abholen, weil sie ja nicht einmal den Führerschein besaß.
Den ganzen Nachmittag hatte Kristin vor dem Spiegel gestanden, sich drei oder viermal wieder umgezogen. Nicht für Richard, nein, für Anne. Sie war sich nicht einmal sicher, was sie wirklich wollte. Vielleicht nur dieses tiefe Gefühl in sich auskosten, es genießen, solange es in ihr tobte? Sie war verheiratet, Anne auch, ihre Wünsche und Sehnsüchte hatten gar keinen realen Platz. Und doch lag diese Spannung zwischen Anne und ihr in der Luft. Insgeheim
