Sommerzauber wider Willen - Sarah Morgan - E-Book

Sommerzauber wider Willen E-Book

Sarah Morgan

4,6
8,99 €

Beschreibung

Erleben Sie einen unvergesslichen Sommer in Snow Crystal! Stippvisite in Snow Crystal? Lieber würde Sean O’Neil sich freiwillig selbst den Blinddarm rausnehmen! Keine zehn Pferde bringen den ehrgeizigen Chirurgen normalerweise in die Einöde in den Bergen. Doch wegen eines Notfalls hat er zugestimmt, im Hotel seiner Familie mit anzupacken. Dort erwarten ihn jede Menge Erinnerungen … und die französische Küchenchefin Élise Philippe. Ihre Lippen sind noch immer so weich und süß wie Madeleines. Aber das heißt nicht, dass sich wiederholen wird, was letzten Sommer zwischen ihnen war. Denn eines will Sean auf keinen Fall: sich einfangen lassen und in der Wildnis versauern. Auch wenn Élises Küsse noch so verführerisch nach Crème Brulée schmecken …

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Seitenzahl: 513

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Sarah Morgan

Sommerzauber wider Willen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Judith Heisig

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2014 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Suddenly Last Summer

Copyright © 2014 by Sarah Morgan

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Bettina Lahrs

Titelabbildung: iStock/Getty Images, München

Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

ISBN eBook 978-3-95649-475-8

www.mirataschenbuch.de

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Ein Anruf für Sie, Dr. O’Neil. Es heißt, es sei ein Notfall.“ Sean lockerte seine verkrampften Schultern, gedanklich befand er sich noch im OP-Saal.

Sein Patient war ein vielversprechendes Fußballtalent. Er hatte sich das vordere Kreuzband im linken Knie gerissen, eine nicht unübliche Verletzung, die schon viele Sportkarrieren beendet hat. Sean war entschlossen, dass es diesmal nicht so ausgehen sollte. Der Eingriff war gut verlaufen, auch wenn die Operation nur der Anfang sein konnte. Es würde noch eine langwierige Reha folgen, die von allen Beteiligten viel Disziplin und Zielstrebigkeit verlangte.

Während er noch überlegte, wie er mit den Erwartungen umgehen sollte, nahm er den Hörer, den ihm die Krankenschwester reichte. „Sean O’Neil.“

„Sean? Wo zum Teufel warst du gestern Abend?“

Sean, der ein anderes Gespräch erwartet hatte, runzelte verärgert die Stirn. „Veronica? Du sollst mich hier nicht anrufen. Man sagte mir, dass es ein Notfall sei.“

„Es ist ein Notfall!“ Mit ihrem Zorn schwoll auch ihre Stimme an. „Wenn du mich das nächste Mal zum Abendessen einlädst, dann hab gefälligst den Anstand, auch aufzutauchen.“

Verdammt!

Eine Krankenschwester kam aus dem OP und reichte ihm ein Formular.

„Es tut mir leid, Veronica.“ Er klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter und verlangte mit einer Geste nach einem Stift. „Ich wurde ins Krankenhaus zurückgerufen. Ein Kollege hatte Probleme mit einem Patienten. Ich musste operieren.“

„Und du konntest mich nicht anrufen? Ich habe eine Stunde in diesem Restaurant gewartet. Eine Stunde, Sean! Ein Mann versuchte, mich anzubaggern.“

Sean unterschrieb das Formular. „War er nett?“

„Mach dich nicht über mich lustig! Es war die peinlichste Stunde meines Lebens. Tu das nie, nie wieder mit mir.“

Mit einem kurzen Lächeln reichte er der Schwester das Formular. „Wäre es dir lieber, ich würde einen Patienten verbluten lassen?“

„Mir wäre es lieber, du hieltest deine Verpflichtungen ein.“

„Ich bin Chirurg. Meine erste Verpflichtung gilt meinen Patienten.“

„Willst du damit sagen, du würdest dich für deine Arbeit entscheiden, wenn du zwischen mir und der Arbeit wählen müsstest?“

„Ja.“ Dass sie diese Frage stellte, zeigte, wie wenig sie ihn kannte. „Genau das will ich sagen.“

„Zur Hölle mit dir, Sean! Ich hasse dich.“ Doch ihre Stimme zitterte. „Sei ehrlich, liegt es an mir, oder gilt das für alle Frauen?“

„Es liegt an mir. Ich bin nicht gut in Beziehungen, das weißt du. Im Moment hat meine Karriere Priorität.“

„Irgendwann wirst du allein in deinem schicken Apartment aufwachen und es bereuen, die ganze Zeit nur gearbeitet zu haben.“

Er entschied sich, ihr lieber nicht zu sagen, dass er gern allein aufwachte. Er lud Frauen nie ein zweites Mal in seine Wohnung ein. Er hielt sich selbst nur selten dort auf. „Meine Arbeit ist wichtig für mich. Das wusstest du, als wir uns kennenlernten.“

„Nein, wichtig bedeutet, dass du deine Arbeit gern tust, aber noch immer ein Privatleben hast. Für dich, Sean O’Neil, ist die Arbeit eine Obsession. Du bist so fixiert darauf, dass du alles andere ausschließt. Das macht dich vielleicht zu einem brillanten Arzt, aber zu einem lausigen Date. Und noch etwas: Charmant und gut im Bett zu sein bewahrt dich nicht davor, ein egoistisches, arbeitssüchtiges Arschloch zu sein.“

„Sean?“ Eine weitere Krankenschwester war an seiner Seite aufgetaucht. Ihre roten Wangen und ihre Verlegenheit ließen darauf schließen, dass sie den letzten Satz mitbekommen hatte. „Der Trainer wartet draußen gemeinsam mit den Eltern des Jungen auf Neuigkeiten. Sprechen Sie mit ihnen?“

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Veronicas Stimme klang schrill und verärgert. „Hast du da etwa ein anderes Gespräch, während du mit mir sprichst?“

Herrje!

Sean schloss die Augen. „Ich komme gerade aus dem Operationssaal.“ Er fuhr sich mit den Fingern über die Stirn. „Ich muss mit den Angehörigen sprechen.“

„Die können fünf Minuten warten!“

„Sie machen sich Sorgen. Wenn es dein Kind wäre, würdest du auch wissen wollen, was Sache ist. Ich muss los. Bis dann, Veronica. Es tut mir wirklich leid wegen gestern Abend.“

„Nein, warte! Leg nicht auf!“ Ihre Stimme klang jetzt eindringlich. „Ich liebe dich, Sean. Ich liebe dich wirklich. Trotz allem finde ich, dass du ein besonderer Mensch bist. Wir kriegen das hin. Du müsstest dich nur ein bisschen anpassen.“

Er spürte, wie ihm im Nacken der Schweiß ausbrach, und sah, wie die Schwester die Augen aufriss.

Wie hatte er sich bloß in diese Situation bringen können?

Zum ersten Mal seit Jahren hatte er sich in einer Frau getäuscht. Er hatte Veronica für jene Art Frau gehalten, die gerne den Augenblick lebte. Offenbar lag er damit falsch.

„Ich muss gehen, Veronica.“

„In Ordnung, ich werde mich anpassen. Ich bin eine Nervensäge. Lass mich dir heute Abend etwas kochen. Ich verspreche auch, mich nicht zu beklagen, wenn du zu spät kommst. Du kannst kommen, wann du willst. Ich werde –“

„Veronica“, unterbrach er sie. „Entschuldige dich nicht bei mir, wenn ich derjenige bin, der sich entschuldigen sollte. Du wirst einen Mann finden, der dir die Aufmerksamkeit schenkt, die du verdienst.“

Angespanntes Schweigen folgte. „Willst du damit sagen, es ist vorbei?“

Soweit es Sean betraf, hatte es niemals angefangen. „Ja, das will ich sagen. Da draußen laufen Hunderte Kerle herum, die sich nur allzu gerne anpassen. Zieh los und finde einen.“ Er legte auf und spürte, dass die Schwester ihn noch immer ansah.

Er war so müde, dass er sich nicht einmal an ihren Namen erinnerte.

Ann? Nein, so hieß sie nicht.

Angela. Ja, ihr Name war Angela.

Die Müdigkeit senkte sich über ihn wie Nebel und verlangsamte sein Denken. Er brauchte dringend Schlaf.

Man hatte ihn gestern Abend zu einem Notfall gerufen, und er stand seit dem Morgengrauen im OP. Bald würde der Adrenalinspiegel absinken, und dann würde er zusammenklappen. Wenn es so weit war, wollte Sean in der Nähe seines Bettes sein. Er konnte auch einen Raum im Krankenhaus nutzen, doch ihm war es lieber, den Weg zu seiner Wohnung an der Bucht zu schaffen, wo er sich ein Bier schnappen und dem Leben auf dem Wasser zuschauen konnte.

„Dr. O’Neil? Sean? Es tut mir leid. Ich hätte den Anruf nicht durchgestellt, wenn ich gewusst hätte, dass es etwas Privates ist. Sie behauptete, sie sei Ärztin.“ Der Blick der Krankenschwester sagte ihm, dass sie nichts dagegen hätte, Veronica zu ersetzen. Sean dachte, dass die Kollegin sich wohl kaum geschmeichelt fühlte, wenn sie wüsste, dass er ihre Existenz vorübergehend völlig vergessen hatte.

„Sie können nichts dafür. Ich werde mit den Angehörigen sprechen.“ Er war versucht, erst zu duschen, doch dann erinnerte er sich an das blasse Gesicht der Mutter des Jungen, als sie im Krankenhaus eintraf, und entschied sich gegen die Dusche. „Ich gehe gleich zu ihnen.“

„Sie hatten einen wirklich langen Tag. Wenn Sie nach der Arbeit bei mir vorbeikommen wollen, mache ich Ihnen mit Käse überbackene Makkaroni, die wirklich gut sind.“ Sie war nett, fürsorglich und hübsch. Angela entsprach dem, was sich die meisten Männer unter einer perfekten Frau vorstellten.

Aber nicht er.

Zu seiner Vorstellung einer perfekten Frau gehörte, dass sie nichts von ihm wollte.

Beziehungen bedeuteten Opfer und Kompromisse. Er war zu keinem von beiden bereit, weshalb er bewusst Single blieb.

„Wie Sie gerade mitbekommen haben, bin ich ein furchtbares Date.“ Er rang sich ein Lächeln ab, von dem er hoffte, dass es entwaffnend wirkte. „Ich bin entweder am Arbeiten und tauche überhaupt nicht auf, oder ich bin so müde, dass ich auf Ihrem Sofa einschlafen würde. Sie finden eindeutig jemand Besseren.“

„Ich finde Sie großartig, Dr. O’Neil. Ich arbeite mit vielen Ärzten, und Sie sind mit Abstand der beste. Wenn ich je einen Chirurgen bräuchte, möchte ich, dass Sie mich behandeln. Und es würde mir nichts ausmachen, wenn Sie auf meinem Sofa einschliefen.“

„Doch, das würde es.“ Irgendwann machte es ihnen immer etwas aus. „Ich gehe jetzt, um mit der Familie zu sprechen.“

„Das ist nett von Ihnen. Seine Mutter macht sich große Sorgen.“

Er sah ihre Sorge in dem Moment, als er einen Blick auf die Frau warf.

Sie saß bewegungslos da. In dem Bemühen, ihre Angst, die durch das Warten noch größer geworden war, zu bezähmen, hatte sie die Hände in ihren Rock gekrallt. Ihr Mann stand mit den Händen in den Hosentaschen daneben und hielt die Schultern hochgezogen, während er mit dem Trainer sprach. Sean kannte den Trainer flüchtig. Er hielt ihn für skrupellos und extrem aggressiv, und es machte nicht den Eindruck, als ob die Operation seines Starspielers diese Einstellung verändert hatte.

Der Kerl erwartete Wunder, und er erwartete sie gestern. Sean wusste, dass das Interesse dieses speziellen Trainers nicht dem Wohlergehen des Jungen galt, sondern der Zukunft seiner Mannschaft. Als Spezialist für Sportverletzungen hatte Sean ständig mit Spielern und Trainern zu tun. Einige waren großartig. Andere weckten in ihm den Wunsch, er hätte besser Jura statt Medizin studiert.

Als der Vater des Jungen Sean erblickte, sprang er aggressiv auf ihn zu wie ein Rottweiler auf einen Eindringling.

„Und?“

Der Trainer trank Wasser aus einem Plastikbecher. „Haben Sie es repariert und das Problem behoben?“

Als ob es um ein Loch im Dach geht, dachte Sean. Pack eine neue Schindel drauf, und es ist so gut wie neu. Wechsel den Reifen und fahr weiter.

„Die Operation ist nur der Anfang. Es liegt noch ein langer Weg vor ihm.“

„Vielleicht hätten Sie ihn früher operieren sollen, statt noch abzuwarten.“

Was in der Sprache des Trainers so viel hieß wie: Vielleicht sollten Sie mit der Quacksalberei aufhören.

Als er bemerkte, wie die Frau ihre Nägel in die Schenkel krallte, entschied sich Sean, auf eine Auseinandersetzung zu verzichten. „Alle Studien zeigen, dass das Ergebnis besser ist, wenn der Eingriff an einem schmerzfreien Gelenk vorgenommen wird.“ Vor einigen Wochen hatte er ihnen bereits das Gleiche gesagt, doch weder der Trainer noch der Vater hatten ihm zuhören wollen. Sie wollten ihm auch jetzt nicht zuhören.

„Wann kann er wieder spielen?“

Sean überlegte sich, wie es für den Jungen sein musste, mit diesen beiden Männern, die ihm im Nacken saßen, aufzuwachsen.

„Es ist noch zu früh, einen Zeitpunkt für seine Rückkehr festzusetzen. Wenn Sie ihn zu sehr fordern, wird er gar nicht mehr spielen können. Die Reha hat jetzt oberste Priorität. Die muss er ernst nehmen. Und Sie ebenfalls.“ Dieses Mal war sein Ton ebenso klar wie seine Worte. Er hatte vielversprechende Karrieren enden sehen, weil Trainer zu schnell und zu viel Leistung forderten und weil Spieler ohne Geduld nicht verstanden, dass der Körper nicht nach einem Trainingsplan heilte.

„Es geht um Wettbewerb, Dr. O’Neil. Um ganz oben zu bleiben, braucht man Entschlossenheit.“

Sean fragte sich, ob der Trainer von seinem Spieler oder von sich selbst sprach. „Vor allem braucht man einen gesunden Körper.“

Die Mutter des Jungen, die bislang nichts gesagt hatte, stand auf. „Geht es ihm gut?“ Die Frage brachte ihr einen finsteren Blick ihres Mannes ein.

„Herrje, Frau, das habe ich ihn gerade gefragt! Versuch doch mal zuzuhören.“

„Das hast du nicht gefragt.“ Ihre Stimme bebte. „Du fragtest, ob er wieder spielen wird. Das ist alles, worum es dir geht. Er ist ein Mensch, Jim, keine Maschine. Er ist unser Sohn.“

„In seinem Alter habe ich –“

„Ich weiß, was du in seinem Alter getan hast, und ich sage dir, dass du deine Beziehung zu ihm zerstörst, wenn du so weitermachst. Er wird dich für immer hassen.“

„Er sollte dankbar sein, dass ich ihn fördere. Er hat Talent. Ehrgeiz. Das muss unterstützt werden.“

„Es ist dein Ehrgeiz, Jim. Das hier ist dein Ehrgeiz, und jetzt versuchst du, dir deine eigenen Träume über deinen Sohn zu erfüllen. Was du hier tust, ist kein Fördern. Du setzt ihn unter Druck und bürdest ihm immer mehr auf, bis der Junge unter dem Gewicht zusammenbricht.“ Die Worte sprudelten aus ihr heraus. Dann hielt sie einen Moment inne, als ob sie von sich selbst überrascht wäre. „Ich muss mich entschuldigen, Dr. O’Neil.“

„Kein Grund, sich zu entschuldigen. Ich verstehe Ihre Sorge.“

Anspannung machte sich in ihm breit. Niemand verstand den Druck, der von familiären Erwartungen ausging, besser als er. Er war damit aufgewachsen.

Weißt du, wie es sich anfühlt, wenn der Traum eines anderen auf dir lastet und dich niederdrückt? Weißt du, wie sich das anfühlt?

Die Stimme in seinem Kopf war so real, dass Sean sich beinahe umgedreht hätte, um zu sehen, ob sein Vater hinter ihm stand. Seit zwei Jahren war er nun tot, doch manchmal fühlte es sich an, als sei er erst gestern gestorben.

Sean wischte den überraschenden Anfall von Traurigkeit beiseite. Das plötzliche Eindringen seines privaten Lebens in sein berufliches Dasein verursachte ihm Unbehagen.

Er brauchte den Schlaf offenbar nötiger, als er dachte.

„Scott geht es gut, Mrs Turner. Alles verlief reibungslos. Sie können ihn bald sehen.“

Die Anspannung wich aus dem Körper der Frau. „Danke, Doktor. Ich – Sie waren von Anfang an so gut zu ihm. Und zu mir. Wenn er wieder spielt …“, sie warf ihrem Mann einen Blick zu, „… wie wissen wir dann, dass es nicht noch mal geschieht? Er befand sich nicht einmal in der Nähe eines anderen Spielers. Er sackte einfach zusammen.“

„Achtzig Prozent der Kreuzbandrisse entstehen ohne Körperkontakt.“ Sean ignorierte sowohl den Ehemann als auch den Trainer und konzentrierte sich auf die Frau. Sie tat ihm leid, sie war die Schiedsrichterin in einem von Ehrgeiz zerfressenen Spiel. „Das vordere Kreuzband verbindet den Oberschenkel mit dem Schienbein. Es hat nicht viel zu tun, wenn man normalen Alltagsaktivitäten nachgeht. Doch es hat eine wichtige Kontrollfunktion für die Scherkräfte, die bei Rotationen freigesetzt werden.“

Sie sah ihn verständnislos an. „Rotationen?“

„Sprünge, Pirouetten und abrupte Richtungswechsel. Die Verletzung tritt bei Fußballern, Basketballern und Skifahrern häufig auf.“

„Ihr Bruder Tyler hatte auch einen Kreuzbandriss, oder?“, mischte sich der Trainer ein. „Und für ihn war damit alles vorbei. Das hat seine Karriere als Abfahrtsläufer beendet. Ein furchtbarer Schlag für so einen talentierten Sportler.“

Tylers Verletzung war deutlich komplizierter gewesen, doch Sean sprach nie über seinen berühmten Bruder. „Mit der Operation wollen wir dem Kniegelenk zu einer möglichst normalen Stabilität und Funktion verhelfen, doch das erfordert Anstrengung von allen, und die Reha ist ein großer Teil dieser Anstrengung. Scott ist jung, trainiert und motiviert. Ich bin zuversichtlich, dass er sich völlig erholt und genauso stark wird wie vor der Verletzung, wenn Sie ihn dazu ermutigen, die Reha mit der gleichen Entschlossenheit anzugehen wie seine Spiele.“ Sein Tonfall wurde strenger, weil er jetzt ihre ganze Aufmerksamkeit brauchte. „Fordern Sie ihn zu stark oder zu rasch, wird das Ziel jedoch nicht erreicht.“

Der Trainer nickte. „Dann können wir also sofort mit der Reha starten?“

Klar, wirf ihm schon mal einen Ball zu, während er noch bewusstlos ist.

„Wir finden es hilfreich, wenn der Patient sich zumindest von der Narkose erholen kann.“

Dem Mann stieg die Röte ins Gesicht. „Sie halten mich wohl für penetrant, aber dieser Junge will einfach nur spielen, und mein Job besteht darin, ihm alles zu geben, was er braucht. Deshalb bin ich hier“, sagte er barsch. „Die Leute behaupten, Sie seien der Beste. Jeder, mit dem ich sprach, gab mir die gleiche Antwort: ‚Wenn es sich um eine Knieverletzung handelt, gehen Sie zu Dr. Sean O’Neil. Kreuzbandrisse und Sportverletzungen sind sein Spezialgebiet.‘ Bis vor ein paar Wochen war mir nicht klar, dass Sie Tyler O’Neils Bruder sind. Wie kommt er damit klar, dass er keine Rennen mehr fahren kann? Das muss furchtbar für ihn sein.“

„Es geht ihm gut.“ Die Antwort kam automatisch. Auf dem Höhepunkt von Tylers Skikarriere war die ganze Familie von den Medien bombardiert worden, und sie hatten gelernt, zudringliche Fragen abzuwehren. Sowohl jene zu Tylers unglaublichem Talent als auch die zu seinem schillernden Privatleben.

„Ich las irgendwo, dass er nur noch zum Spaß Ski fährt.“ Der Trainer verzog das Gesicht. „Das muss schwer sein für einen Kerl wie Tyler. Ich habe ihn mal kennengelernt.“

Sean lenkte das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema. „Konzentrieren wir uns auf Scott.“ Er ging alles noch mal durch, wiederholte das, was er bereits gesagt hatte.

Seine Botschaft deutlich zu machen, dauerte noch einmal zwanzig Minuten. Bis er geduscht und nach einigen Patienten gesehen hatte und in seinen Wagen gestiegen war, vergingen weitere zwei Stunden.

Sean saß einen Moment da und konzentrierte sich darauf, die vielen Kilometer zu seinem Apartment am Wasser zu fahren.

Das Wochenende lag vor ihm, eine lange Zeitspanne mit unendlichen Möglichkeiten.

Für die nächsten achtundvierzig Stunden gehörte seine Zeit nur ihm allein, und er wollte jeden Moment auskosten. Doch zuerst würde er schlafen.

Als sein Smartphone klingelte, fluchte er kurz, weil er glaubte, es sei erneut Veronica. Er runzelte die Stirn, als er auf dem Display erkannte, dass sein Zwillingsbruder Jackson anrief. Zugleich stieg Schuldgefühl in ihm hoch. Es gärte tief vergraben in ihm, doch es war immer da.

Er fragte sich, was sein Bruder von ihm wollte.

Ein Notfall zu Hause?

Das Snow Crystal Resort befand sich seit vier Generationen im Besitz der Familie. Niemand von ihnen hatte je gedacht, dass sich daran etwas ändern könnte. Der plötzliche Tod seines Vaters hatte dann die Wahrheit offenbart. Das Unternehmen befand sich seit Jahren in Schwierigkeiten. Die Entdeckung, dass ihr Zuhause bedroht war, hatte die ganze Familie erschüttert.

Jackson war es gewesen, der ein florierendes Unternehmen in Europa zurückließ, um nach Hause zu kommen und Snow Crystal vor einer Katastrophe zu retten, von der keiner der drei Brüder etwas geahnt hatte.

Sean starrte auf das Handy in seiner Hand.

Das Schuldgefühl wurde stärker, denn er wusste, dass nicht nur der Arbeitsdruck ihn von zu Hause fernhielt.

Mit einem tiefen Einatmen setzte er sich zurück und wappnete sich für die Neuigkeiten von Snow Crystal. Zugleich nahm er sich vor, dass er das nächste Mal anrufen würde. Er gelobte innerlich Besserung, was das Kontakthalten betraf.

„Hey!“ Er nahm den Anruf mit einem Lächeln entgegen. „Du bist gefallen, hast dir dein Knie verletzt und brauchst jetzt einen anständigen Chirurgen?“

Es kam weder ein Geplänkel noch Small Talk zurück. „Du musst sofort herkommen. Es geht um Gramps.“

Die Leitung von Snow Crystal Resort war ein nicht enden wollendes Tauziehen zwischen Jackson und ihrem Großvater. „Was hat er diesmal getan? Will er die Holzhütten abreißen? Den Spa schließen?“

„Er ist zusammengebrochen. Er ist im Krankenhaus, und du musst kommen.“

Es dauerte einen Augenblick, bis die Nachricht bei ihm ankam, und als er begriff, war ihm, als hätte ihm jemand die Luft aus den Lungen gepresst.

Wie sie alle hielt er Walter O’Neil für unbezwingbar. Er war so stark wie die Berge, die ihm sein Leben lang Heimat waren.

Und er war achtzig Jahre alt.

„Zusammengebrochen?“ Sean umklammerte das Handy fester und erinnerte sich an die vielen Male, die er gescherzt hatte, dass sein Großvater sein geliebtes Snow Crystal nur verlassen würde, wenn man ihn auf einer Trage forttrug. „Was heißt das? Ist es das Herz oder etwas Neurologisches? Schlaganfall oder Herzinfarkt? Sag es mir in medizinischen Fachbegriffen.“

„Ich kenne die medizinischen Fachbegriffe nicht! Sie glauben, es ist sein Herz. Er hatte letzten Winter diese Schmerzen, erinnerst du dich? Sie untersuchen ihn. Er lebt, das ist alles, was zählt. Sie sagen nicht viel, und ich habe mich um Mom und Grams gekümmert. Du bist Arzt, weshalb du deinen Hintern hierherbewegen solltest, damit du das Medizinerlatein übersetzen kannst. Ich kann das Geschäft führen, doch das hier ist dein Gebiet. Du musst nach Hause kommen, Sean.“

Nach Hause?

Sein Zuhause war sein Apartment in Boston mit dem modernen Soundsystem und nicht ein See vor einer Bergkulisse, umgeben von einem Wald, in dessen Bäumen ihre Familiengeschichte eingeritzt war.

Sean legte den Kopf zurück und starrte hinauf in den blauen Himmel, der in völligem Kontrast zu den finsteren Gefühlen stand, die in ihm brodelten.

Er stellte sich seinen Großvater vor, blass und hilflos, gefangen in der sterilen Umgebung eines Krankenhauses, weit entfernt von seinem heiß geliebten Snow Crystal.

„Sean?“ Jacksons Stimme drang aus dem Telefon. „Bist du noch da?“

„Ja, ich bin hier.“ Seine andere Hand umklammerte das Lenkrad. Die Knöchel waren weiß, denn es gab Dinge, die sein Bruder nicht wusste. Dinge, über die sie nie gesprochen hatten.

„Mom und Grams brauchen dich. Du bist der Arzt in der Familie. Ich kann mit dem Geschäft umgehen, aber nicht mit dem hier.“

„War jemand bei ihm, als es geschah? Grams?“

„Nicht Grams. Elise war bei ihm. Sie hat sehr rasch reagiert. Wenn nicht, würden wir jetzt ein ganz anderes Gespräch führen.“

Elise, die Küchenchefin von Snow Crystal.

Sean starrte stur geradeaus, während er an jene Nacht im letzten Sommer dachte. Für einen kurzen Moment war er wieder dort, sog ihren Duft ein, erinnerte sich an ihrer beider Wildheit.

Das war eine weitere Sache, von der sein Bruder nichts wusste.

Er fluchte unterdrückt und stellte dann fest, dass Jackson noch immer sprach.

„Wie bald kannst du hier sein?“

Sean dachte an seinen Großvater, wie er still in einem Krankenhausbett lag, während seine Mutter, das Zentrum der Familie, sich bemühte, alles zusammenzuhalten, und Jackson mehr tat, als man von jemandem verlangen konnte.

Sean war sicher, dass sein Großvater ihn nicht dort haben wollte, doch der Rest der Familie brauchte ihn.

Und was Elise anging – es war eine einzige Nacht gewesen, nicht mehr. Sie hatten keine Beziehung und würden nie eine haben, sodass es keinen Grund gab, es seinem Bruder gegenüber zu erwähnen.

Er überschlug im Kopf die Fahrstrecke.

Die Reise würde dreieinhalb Stunden dauern, ohne die Zeit, die er brauchte, um nach Hause zu fahren und eine Tasche zu packen.

„Ich bin bei euch, sobald ich kann. Ich spreche jetzt mit seinen Ärzten, um herauszufinden, was los ist.“

„Komm direkt zum Krankenhaus. Und fahr vorsichtig. Ein Familienmitglied im Krankenhaus reicht völlig.“ Es folgte eine kurze Pause. „Es wird schön sein, dich wieder hier in Snow Crystal zu haben, Sean.“

Die Antwort blieb ihm im Halse stecken.

Er war an dem See aufgewachsen, umgeben von üppigen Wäldern und Bergen. Er konnte nicht mehr den genauen Zeitpunkt benennen, an dem er gewusst hatte, dass er dort nicht leben wollte. Wann der Ort angefangen hatte, ihm auf die Nerven zu gehen, ihn zu bedrängen, ihn in seinen Ambitionen einzuschränken. Das war nichts, was er hatte aussprechen können. Denn zuzugeben, dass es einen perfekteren Ort als Snow Crystal geben könnte, war in der O’Neil-Familie eine Todsünde. Außer bei seinem Vater. Michael O’Neil hatte Seans widersprüchliche Gefühle gegenüber dem Ort geteilt. Sein Vater war der einzige Mensch, der es verstanden hätte.

Das Schuldgefühl bohrte sich wie ein Messer in ihn, denn abgesehen von dem Streit mit seinem Großvater und seiner wilden Affäre mit Elise gab es noch etwas, was er seinem Bruder nie gesagt hatte.

Er hatte ihm nie gesagt, wie sehr er es hasste, nach Hause zu kommen.

„Ich ’abe Walter umgebracht! Das ist alles mein Fehler! Mir war es so wichtig, das alte Bootshaus rechtzeitig zur Party fertig zu ’aben, dass ich einen achtzigjährigen Mann auf der Terrasse ’abe arbeiten lassen.“ Außer sich vor Sorge lief Elise auf der Terrasse ihrer hübschen, am See gelegenen Hütte auf und ab. „Merde, ich bin ein schlechter Mensch. Jackson sollte mich feuern.“

„Snow Crystal hat genug Probleme, ohne dass Jackson seine Küchenchefin feuert. Das Restaurant gehört zu den Geschäften, die profitabel sind. Oh, gute Neuigkeiten …“ Kayla lehnte am Geländer zum Wasser und überflog eine SMS auf ihrem Smartphone. „Laut den Ärzten ist Walters Zustand stabil.“

„Comment? Was bedeutet das, ‚stabil‘?“

„Das bedeutet, dass du ihn nicht umgebracht hast“, sagte Kayla, während sie rasch zurückschrieb. „Du musst dich beruhigen, oder wir werden auch für dich einen Krankenwagen rufen müssen. Sind alle Franzosen so dramatisch wie du?“

„Ich weiß nicht. Ich kann nichts dagegen tun.“ Elise fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich bin nicht gut darin, meine Gefühle zu verbergen. Eine Zeit lang kann ich es, aber dann bricht alles ’eraus und explodiert.“

„Ich weiß. Ich habe schon öfter nach deinen Ausbrüchen die Wogen geglättet. Zum Glück betet dein Personal dich an. Geh und mach einen Pizzateig oder was immer du tust, um dich abzureagieren und wieder zur Ruhe zu kommen. Du sprichst das H nicht mehr, und das ist immer ein schlechtes Zeichen.“ Kayla schickte ihre Nachricht ab und las eine weitere. „Jackson möchte, dass ich zum Krankenhaus fahre.“

„Ich komme mit dir!“

„Nur wenn du versprichst, im Wagen nicht auszuflippen.“

„Ich will mit meinen eigenen Augen sehen, dass Walter lebt.“

„Glaubst du, dass wir alle dich anlügen?“

Mit zitternden Knien ließ sich Elise auf den Terrassenstuhl fallen, den sie am Wasser platziert hatte. „Er ist sehr wichtig für mich. Ich liebe ihn wie einen Großvater. Nicht wie meinen richtigen Großvater, denn der war ein schrecklicher Mensch, der nach meiner Geburt nicht mehr mit meiner Mutter sprechen wollte, sodass ich ihn nie kennengelernt habe. Sondern so wie ich mir einen Großvater in meinen Träumen vorstelle. Ich weiß, dass du das verstehst, weil deine Familienverhältnisse auch so katastrophal sind.“

Kayla lächelte ein wenig, widersprach aber nicht. „Ich weiß, wie nahe du Walter stehst. Du musst mir das nicht erklären.“

„Er ist für mich das, was einer Familie am nächsten kommt. Und Jackson natürlich. Es freut mich so, dass ihr bald heiraten werdet! Und Elizabeth und die liebe Alice. Und Tyler ist wie ein Bruder für mich, auch wenn ich ihn ab und zu ohrfeigen möchte. Ich schätze, für Geschwister ist es völlig normal, dass sie sich manchmal am liebsten prügeln würden. Ich liebe euch alle mit jeder Faser meines Herzens.“ Die dunkle Seite von Elises Leben war sorgfältig unter Verschluss ganz hinten, ganz unten abgelegt. Einsamkeit, Angst und tiefe Scham waren nur noch eine entfernte Erinnerung. Hier in Snow Crystal fühlte sie sich sicher. Sicher und geliebt.

„Und Sean?“ Kayla hob eine Augenbraue. „Wie passt er in deine Adoptivfamilie? Vermutlich nicht als weiterer Bruder.“

„Nein.“ Überhaupt an ihn zu denken, ließ Elises Herz schneller schlagen. „Nicht als Bruder.“

„Dann willst du ihm nicht sagen, dass du ihn liebst? Hast du keine Angst, dass er sich ausgeschlossen fühlen könnte?“

Elise verzog das Gesicht. „Du bist nicht lustig.“

„Ist das der richtige Moment, um dich vorzuwarnen, dass er nach Hause kommt?“

„Natürlich kommt er nach Hause. Er ist ein O’Neil. Die O’Neils halten immer zusammen, wenn es Probleme gibt, und Sean war schon lange nicht mehr zu Hause.“

Und Elise befürchtete, dass das ihre Schuld war.

Lag es an dem, was zwischen ihnen geschehen war?

„Dann wird es nicht peinlich für dich sein, wenn er auftaucht?“

„Warum sollte es peinlich sein? Wegen des letzten Sommers? Es war nur eine Nacht. Das ist nicht so schwer zu verstehen, oder? Sean ist un beau mec.“

„Er ist ein was?“

„Un beau mec. Ein heißer Typ. Sean ist sehr sexy. Wir sind zwei Erwachsene, die sich entschieden haben, eine Nacht miteinander zu verbringen. Wir sind beide Singles. Warum sollte es peinlich sein?“ Es hatte ihrer Vorstellung von einer perfekten Nacht entsprochen. Keine Bindungen. Keine Komplikationen. Eine Entscheidung, die sie mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen getroffen hatte. Niemals wieder würde sie sich erlauben, sich zu verlieben.

Kein Risiko. Keine Enttäuschungen.

„Dann stört es dich nicht, ihn wiederzusehen?“

„Überhaupt nicht. Und es ist ja nicht das erste Mal. Ich habe ihn auch zu Weihnachten getroffen.“

„Und ihr habt euch weder angeschaut noch ein Wort miteinander gesprochen.“

„Weihnachten ist nun mal die anstrengendste Zeit des Jahres. Weißt du, wie viele Menschen ich in meinem Restaurant bekochen musste? Ich hatte Wichtigeres zu tun, als mir Sorgen wegen Sean zu machen. Und jetzt ist es das Gleiche. Wir werden vermutlich nicht einmal Zeit finden, uns zu begrüßen. Er denkt nur an seine Arbeit, und bei mir ist es ebenso. Es dauert nur noch eine Woche bis zur Eröffnung des Bootshaus-Cafés, und im Moment gibt es nicht einmal eine Terrasse.“

„Sieh mal, ich weiß, wie viel dir – uns allen – das Projekt bedeutet, doch niemand kann etwas dafür, dass Zach mit seinem Mountainbike gestürzt ist.“

Elise machte ein finsteres Gesicht. „Er ist ein Cousin. Familie. Er hätte mehr Verantwortung zeigen müssen.“

„Ein entfernter Cousin.“

„Na und? Er hätte die Terrasse vor seinem Sturz fertig machen sollen!“

„Ich bin sicher, dass er das auch dem Felsen erzählt hat, der ihm in die Quere kam.“ Kayla zuckte schicksalsergeben die Achseln. „Er hat die O’Neil-Gene. Natürlich ist er begeistert von riskanten Sportarten, und das führt zu Unfällen. Tyler sagt, dass er mit dem Snowboard wie ein Henker fährt.“

„Er hätte sich in nichts Riskantes stürzen sollen, bevor meine Terrasse fertig ist!“

„Bedeutet das, dass du Zach von der Liste der Menschen, die du liebst, gestrichen hast?“

„Du machst dich über mich lustig, aber es ist wichtig, den Menschen zu sagen, dass man sie liebt.“ Es war ihr nicht nur wichtig, sondern geradezu lebensnotwendig für sie. Traurigkeit wallte in ihr auf, und sie atmete tief durch, damit dieses Gefühl sich nicht weiter ausbreiten konnte. Mit den Jahren hatte Elise gelernt, die Traurigkeit zu kontrollieren. Sie unter Verschluss zu halten, damit sie nicht in ihr Leben einbrach. „Ich hätte Walter niemals für ihn einspringen lassen dürfen. Ich bin schuld, dass er jetzt mit den Schläuchen und Nadeln in seinem Körper dort liegt und –“

„Stop!“ Kayla verzog das Gesicht. „Genug.“

„Es ist nur, dass ich mir dauernd vorstelle –“

„Dann stell es dir nicht vor! Wollen wir über etwas anderes reden?“

„Wir können darüber reden, wie ich alles ruiniert habe. Das Bootshaus-Café ist wichtig für Snow Crystal. Wir haben die voraussichtlichen Einnahmen in unsere Gewinnerwartung einkalkuliert. Wir haben eine Eröffnungsfeier geplant! Und nun kann sie nicht stattfinden.“

Zutiefst enttäuscht erhob sich Elise und blickte über den See, um sich zu beruhigen. Die Abendsonne zauberte goldene und silberne Reflexe auf die spiegelglatte Oberfläche des Wassers. Sie sah den Ort zu dieser Tageszeit nur selten. Normalerweise stand sie in der Küche des Restaurants und bereitete den Abendbetrieb vor. Auf ihrer eigenen Terrasse saß sie nur im Dunkeln, nachdem sie spätnachts heimgekehrt war, oder zu Sonnenaufgang, wenn sie sich einen Kaffee gekocht hatte und ihn in der Stille der Morgendämmerung genoss.

Im Sommer war der Morgen ihre liebste Tageszeit. Der Wald war dann noch in Frühnebel getaucht, und die Sonne musste das feine weiße Gespinst, das die Bäume verbarg, noch auflösen. Das Schauspiel erinnerte sie an einen Theatervorhang, der das eigentliche Ereignis vor einem aufgeregten Publikum verbarg.

Heron Lodge, ihre Hütte, war klein, hatte nur ein Schlafzimmer und einen großen Wohnraum, doch die überschaubare Größe störte sie nicht. Sie war in Paris aufgewachsen, in einem winzigen Apartment am linken Seine-Ufer mit Blick auf die Dächer und kaum genug Platz, um sich zu umzudrehen. In Snow Crystal wohnte sie direkt am See, ihre Hütte war von Bäumen umgeben. Im Sommer schlief sie nachts bei geöffnetem Fenster. Auch wenn es zu dunkel war, um etwas zu sehen, lag Schönheit allein in den Geräuschen. Wasser, das sanft gegen ihre Terrasse schwappte, der leise Flügelschlag eines Vogels, der tiefe Ruf einer Eule. In den Nächten, in denen sie nicht schlafen konnte, lag sie stundenlang da, sog die lieblichen Düfte des Sommers ein und lauschte dem Ruf der Einsiedlerdrossel und dem Zwitschern der schwarzköpfigen Meisen.

Wenn sie in Paris bei geöffnetem Fenster geschlafen hätte, wäre sie ständig von einem misstönenden Hupkonzert gestört worden, durchsetzt mit gallischen Flüchen von Autofahrern, die auf der Straße anhielten und sich gegenseitig beschimpften. Paris war laut und hektisch. Eine Stadt mit maximalem Geräuschpegel, während alle sich abhetzten, um möglichst schnell irgendwo anzukommen.

Snow Crystal war leise und friedlich. In ihrer bewegten Vergangenheit hatte Elise sich nicht einen Tag vorstellen können, an einem Ort wie diesem zu leben.

Sie wusste, wie dicht die O’Neil-Familie davorgestanden hatte, ihn zu verlieren. Sie wusste, dass die Lage noch immer kritisch und die Möglichkeit eines Verlustes durchaus noch nicht gebannt war. Sie war entschlossen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit das nicht geschah.

„Kannst du einen anderen Zimmermann finden? Bist du sicher, dass du alles versucht hast?“

„Es gibt keinen. Tut mir leid.“ Müde schüttelte Kayla den Kopf. „Ich habe bereits alle angerufen.“

„Dann sind wir verloren.“

„Niemand ist verloren, Elise!“

„Wir werden die Eröffnung verschieben und die Feier absagen müssen. Ihr habt so viele wichtige Menschen eingeladen. Menschen, die die Nachricht von Snow Crystal weiterverbreiten und damit zum Wachstum des Geschäfts beitragen können. Je suis désolée. Das Bootshaus liegt in meiner Verantwortung. Jackson fragte mich nach einem Eröffnungstermin, und ich habe ihm einen genannt. Ich bin von einem geschäftigen Sommer ausgegangen. Wenn Snow Crystal jetzt schließen muss, werden wir alle unsere Jobs und unser Zuhause verlieren, und es wird alles meine Schuld sein.“

„Keine Angst, mit deinem Talent fürs Dramatische bekommst du jederzeit einen Job am Broadway.“ Kayla schritt die Terrasse auf und ab und dachte nach. „Könnten wir die Feier im Restaurant abhalten?“

„Nein. Es sollte ein magisches Outdoor-Ereignis sein, das den Charme unseres neuen Cafés zur Geltung bringt. Ich habe alles arrangiert – das Essen, die Beleuchtung, die Tanzfläche auf der Terrasse. Auf der Terrasse, die nicht fertig ist!“ Zutiefst unglücklich ging Elise in ihre kleine Küche und nahm die Tüte mit Essen, die sie für die Familie gepackt hatte. „Lass uns gehen. Sie sind seit Stunden im Krankenhaus. Sie werden hungrig sein.“

Während sie am See entlang zum Wagen gingen, dachte Elise wieder einmal, wie gut es doch war, dass Jackson Kayla angeheuert hatte. Sie war erst vor sechs Monaten, in der Woche vor Weihnachten, in Snow Crystal angekommen, um eine PR-Kampagne zu entwickeln, die das nachlassende Geschäft des Resorts ankurbeln sollte. Ursprünglich sollte sie eine Woche bleiben, um dann zu ihrem hochbezahlten Job in New York zurückzukehren, doch sie hatte sich in Jackson O’Neil verliebt.

Ein warmes Gefühl wallte in Elise auf.

Der ruhige, starke Jackson. Er hatte dafür gesorgt, dass sie hier war und dieses wunderbare Leben lebte. Er hatte sie gerettet. Sie aus den Trümmern ihres Lebens geholt. Er hatte ihr einen Ausweg aus der selbst geschaffenen Misere geboten, und sie hatte ihn angenommen. Er kannte als Einziger die Wahrheit über sie. Sie schuldete ihm alles.

Mit dem Bootshaus-Café hatte sie ihm etwas davon zurückgeben wollen.

Elise hatte schon immer gewusst, das Snow Crystal mehr brauchte als ein edles Restaurant und das kleine, enge Café, das schon so alt war wie das Resort selbst.

Bei ihrem ersten Spaziergang am Seeufer hatte sie das verfallene Bootshaus entdeckt und sich ein Café direkt am Ufer vorgestellt. Nun war ihr Traum beinahe Wirklichkeit geworden. Sie hatte mit dem hiesigen Architekten zusammengearbeitet, und gemeinsam hatten sie ein Gebäude geplant, das zu ihrer Vision passte und die Statiker zufriedenstellte.

Das neue Café war an drei Seiten verglast, sodass die Gäste im Inneren einen gigantischen Panoramablick hatten. Im Winter würden die Türen verschlossen sein, doch wenn das Wetter im Sommer es erlaubte, konnte man die Glastüren zur Seite schieben, um sämtliche Vorzüge dieser atemberaubenden Lage zu bieten.

Die meisten Tische würden im Sommer auf der großen Terrasse stehen, einem sonnigen Ort, der direkt über dem Wasser zu schweben schien. Das gesamte Gebäude hätte im Juni fertig sein sollen, doch durch das schlechte Wetter konnten notwendige Arbeiten nicht ausgeführt werden, und dann war Zach mit dem Bike gestürzt.

Kayla glitt hinter das Lenkrad und fuhr vorsichtig aus dem Resort. „Was glaubst du, wie lange Sean bleiben wird?“

„Nicht lange.“

Und das passte Elise wunderbar.

Sie würden vermutlich nicht eine Sekunde lang miteinander allein sein, und sie wollte sich keine Sorgen machen über etwas, das keine Bedrohung darstellte.

Sean war ein anregender Begleiter, charmant und zugegeben unglaublich sexy, doch ihre Gefühle waren nicht beteiligt. Und würden es auch niemals sein. Niemals wieder.

Erinnerungen blitzten in ihr auf, so dunkel und bedrückend, dass sie schauderte und in den Wald starrte, um sich vor Augen zu führen, dass sie sich in Vermont und nicht in Paris befand. Hier war jetzt ihr Zuhause.

Und es war ja nicht so, dass sie ohne Liebe lebte.

Sie hatte die O’Neils. Sie waren ihre Familie.

Der Gedanke hielt sie gefangen, als sie im Krankenhaus ankamen, und er war noch immer in ihrem Kopf, als Kayla Jackson begrüßte.

Sie sah, wie Kayla ihre Hand in die von Jackson legte. Sah, wie ihre Freundin sich auf die Zehenspitzen stellte und ihn auf eine Weise küsste, die sowohl diskret als auch intim war. In diesem Augenblick existierte sie für die beiden nicht mehr. Kayla und Jackson waren völlig ineinander versunken.

Das zu sehen verschlug ihr den Atem.

Elise verspürte einen Stich und sah rasch fort.

Sie wollte das nicht.

„Ich sehe mal nach Walter und bringe ihm sein Essen, während Jackson dir den neuesten Stand berichtet. Gib mir bitte die Schlüssel, Kayla.“ Sie streckte die Hand aus. „Du kannst später mit Jackson nach Hause fahren. Ich werde versuchen, Alice dazu zu bringen, mit mir zurückzufahren.“

Doch es kam anders. Walter wirkte blass und zerbrechlich, und als Elise schließlich das Krankenzimmer verließ, trug sie das Bild von Alice, seiner sechzigjährigen Frau, in sich, wie sie an seinem Bett saß, mit einer Hand auf der seinen. Als ob ihre Hand verhindern könnte, dass ihr gemeinsames Leben zunichtegemacht wurde.

Alice hatte die ganze Zeit nur von Sean geredet. Ihr Glaube daran, dass ihr Enkel würde Wunder vollbringen können, war ebenso rührend wie beunruhigend.

Elise war gerade auf dem Weg Richtung Ausgang, als sie ihn erblickte.

Er strahlte Selbstvertrauen und Autorität aus und wirkte ganz ungezwungen in der sterilen Atmosphäre des Hightech-Krankenhauses. Der gut geschnittene Anzug und das makellos weiße Hemd konnten die Breite seiner Schultern und seinen kraftvollen Körper nicht verbergen, und ihr Herz begann höherzuschlagen.

Trotz der Klimaanlage wurde ihr heiß.

Es war nur eine einzige Nacht gewesen, doch eine Nacht, die sie kaum vergessen würde. Und er vermutlich auch nicht.

Ebenso wie sie hatte Sean kein Interesse an einer festen Liebesbeziehung. Sein Job verlangte Disziplin und emotionale Distanz. Der Umstand, dass er die gleichen Regeln für sein Privatleben aufstellte, hatte alles einfach gemacht.

Sie ging rasch durch die Halle auf ihn zu und war entschlossen, sich selbst und jedem anderen, der vielleicht Zeuge wurde, zu beweisen, dass dieses Zusammentreffen nicht peinlich war. „Sean“, sie reckte sich auf die Zehenspitzen, legte ihm eine Hand auf die Schulter und küsste ihn auf beide Wangen. „Ça va? Es tut mir so leid mit Walter. Du musst außer dir sein vor Sorge.“

Es fühlte sich gut an. Überhaupt nicht peinlich. Vielleicht war ihr Englisch nicht ganz so flüssig wie sonst, doch das passierte manchmal, wenn sie müde oder angestrengt war.

Als ihre Wange über seine rauen Bartstoppeln strich, verspürte sie eine Welle sexueller Anziehung, die sie beinahe umwarf. Völlig aus dem Gleichgewicht, verstärkte sie ihren Griff um seine Schulter und spürte unter dem Anzugstoff seine harten Muskeln. Wenn sie ihre Lippen ein bisschen nach links streichen ließe, würde sie seinen Mund küssen. Sie war überrascht, wie sehr sie sich das wünschte.

Sean wandte leicht den Kopf. Ihre Blicke trafen sich, und für einen Augenblick war sie wie hypnotisiert.

Seine Augen waren von dem gleichen Blau wie die seines Zwillingsbruders, doch bei Jackson hatte sie noch nie eine so gefährliche Anziehung verspürt. Manche Menschen hätten vielleicht sentimentale Vergleiche mit dem blauen Himmel oder einem Saphir angestellt, doch für sie lag einfach Sex in diesen Augen. Einen Augenblick lang vergaß sie alles um sich herum und dachte nur an die sexuelle Energie und die Erinnerungen an jene Nacht. Sie sah ihn unverwandt an, und er erwiderte den Blick. Die ganze Zeit hielten sie diese Verbindung, und sie konnte an nichts anderes denken, als sie einen Schritt zurücktrat.

Ihr Herz raste. Ihr Mund war trocken. Sie musste sich zwingen, seine Schulter loszulassen. „Wie war die Fahrt?“

„War schon schlimmer.“

„Hast du was gegessen? Ich habe etwas zu essen mitgebracht. Alice hat die Tüte.“

„Ich nehme an, dass nicht zufällig ein guter Pinot Noir mit dabei ist?“

Die Antwort war typisch für Sean.

Sogar in der Krise behielt er die Ruhe. Das Gefühl war so schön wie ein kühles Lüftchen während einer Hitzewelle, und zum ersten Mal seit jenem schrecklichen Augenblick, als Walter vor Elise zusammengebrochen war, hob sich ihre Stimmung ein wenig. Als habe ihr jemand etwas von dem Gewicht abgenommen, das sie niederdrückte.

„Kein Pinot Noir. Aber selbst gemachte Limonade.“

„Ah, na gut, ein Mann kann eben nicht alles haben. Wenn du sie gemacht hast, ist sie sicherlich köstlich.“ Mit seinen langen, starken Fingern lockerte er kühl und gefasst seine Krawatte, und sie fragte sich, ob er sich daran erinnerte, dass sie in jener Nacht Pinot Noir getrunken hatten. „Wo ist der Rest meiner Familie?“

„Sie sind bei deinem Großvater.“

„Wie geht es ihm?“ Seine Stimme klang barsch, doch die langen dunklen Wimpern konnten die Sorge in seinen Augen nicht verbergen. „Gibt es eine Veränderung?“

„Er wirkt angegriffen. Ich hoffe, die Ärzte wissen, was sie tun.“

„Das ist ein gutes Krankenhaus. Und wie geht es dir?“ Er nahm ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich. „Du siehst furchtbar aus.“

„Ist das deine Meinung als Arzt?“

„Das ist die Meinung eines Freundes. Wenn du mich als Arzt fragst, muss ich dir …“, er ließ ihr Kinn los und neigte leicht den Kopf, „… sagen wir, sechshundert Dollar in Rechnung stellen. Bitte schön.“

Ihr Herzschlag beruhigte sich allmählich wieder. „Du hast diese ganzen Jahre studiert, um den Leuten zu sagen, dass sie furchtbar aussehen?“

„Es ist eine Berufung.“ Er lächelte, und es war dieses Lächeln, das ihr Herz wieder pochen ließ. Er war so ungezwungen im Umgang, so charmant. Und viel zu attraktiv.

„Ich gehe mal. Ich muss Grams sehen.“

„Sie wird nicht von seiner Seite weichen, auch wenn sie erschöpft ist. Sie glaubt, dass du ein Wunder bewirken wirst.“

„Ich gehe direkt zu ihr.“ Sein Gesicht wurde ein wenig weicher, wenn er von seiner Großmutter sprach. „Du fährst zurück nach Snow Crystal?“

„Ich wollte ihn nur kurz sehen, Kayla Gesellschaft leisten und etwas zu essen bringen.“

„Du hast mir noch immer nicht gesagt, wie es dir geht.“ Seans Blick ließ sie nicht los. „Du stehst Gramps sehr nah.“

Ja, wie ging es ihr?

Der Mensch auf der Welt, den sie am meisten liebte, lag im Krankenhaus, und das Bootshaus war noch immer nicht fertig und würde nicht rechtzeitig eröffnen.

Es würde keine Einweihungsparty geben. Sie hatte Jackson im Stich gelassen.

Sie hatte schon vorher schlechte Tage erlebt, aber dies war der Gipfel der schlechten Tage.

Doch Sean ging das nichts an. Zu der Art ihrer Beziehung gehörten keine persönlichen Geständnisse.

„Es geht mir gut“, log sie. „Für mich ist es anders. Ich bin kein Teil der Familie. Auch wenn ich es ebenfalls gern sehen würde, dass du ein Wunder vollbringst.“

„Ich schätze, mein Großvater würde als Erster bestreiten, dass du kein Teil der Familie bist.“

„Walter würde alles bestreiten. Du weißt, wie gerne er streitet. Er ist mein perfekter Mann. Ich liebe ihn so sehr.“

„Jetzt hast du mir das Herz gebrochen.“

Sie wusste, dass er Spaß machte. Sean war zu sehr mit seiner Karriere beschäftigt, um sich für eine Beziehung zu interessieren, und das kam ihr sehr entgegen.

„Wir sehen uns.“

„Kommst du gut nach Hause?“ Er nahm ihr Handgelenk und zog sie zu sich. Für einen kurzen Moment vergaß sie die Menschen um sie herum, als sie ihm gegenüberstand.

„Selbstverständlich.“ Sie war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite rührte es sie, dass er bemerkt hatte, wie schlecht es ihr ging, auf der anderen Seite erschreckte es sie, dass sie so leicht zu durchschauen war. Warum konnte sie nicht beherrscht und undurchdringlich sein wie Kayla? „Es war ein langer Tag, das ist alles.“

Er blickte sie lange forschend an und gab dann ihr Handgelenk frei. „Fahr vorsichtig.“

Als sie zum Wagen ging, beglückwünschte sie sich selbst, wie sie das Zusammentreffen gemeistert hatte. Kein Beobachter wäre auf die Idee gekommen, dass sie beide einmal genug Hitze freigesetzt hatten, um einen Eisberg zum Schmelzen zu bringen.

Sie hatten ihre Gefühle unter Kontrolle.

Es gab nichts an Sean O’Neil, was ihr Leben hier bedrohte.

Vor der Liebe wusste sie sich zu schützen.

2. KAPITEL

Der verlorene Enkel kehrt zurück.“ Sean wandte sich um, als er die vertraute Stimme hinter sich hörte. Tyler stand dort und hielt in jeder Hand einen Becher Kaffee.

Auch ohne Einladung griff Sean zu. „Mir war nicht klar, dass die ganze Familie hier ist.“

„Sie ist es jetzt, wo du da bist, und das ist übrigens Jacksons Kaffee, den du da trinkst. Du siehst wie ein Banker und nicht wie ein Arzt aus. Was ist mit den Kitteln passiert?“

„Die trage ich, wenn ich operiere. Den Rest der Zeit trage ich einen Anzug.“

„Warum? Damit du höhere Rechnungen stellen kannst?“ Das Geplänkel täuschte nicht über die Anspannung in Tylers Schultern hinweg, und Sean verspürte einen Anflug von Sorge.

„Angesichts deiner Lieblingsfernsehserien mag dich das überraschen, aber die meisten Menschen mögen keine Ärzte in blutbespritzten weißen Kitteln.“ Er nippte an dem Kaffee, hustete und gab ihn seinem Bruder zurück. „Der ist furchtbar.“

„Direkt aus der Maschine, genau wie du es verabscheust. Das ist die Strafe dafür, dass du dir etwas unter den Nagel gerissen hast, was nicht für dich bestimmt war. Glaub mir, wenn du den ganzen Tag hier warst, schmeckt er wie Nektar.“

„Was macht dein Bein?“

„Funktioniert. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber es ist schön, dich zu sehen.“ Tyler lachte auf. „Herrje, ich werde ganz rührselig wegen dir.“

„Ja, das beunruhigt mich auch.“

„Braucht es nicht. Ich bin nur deshalb froh, dich zu sehen, weil jetzt du dieses unverständliche Ärztekauderwelsch übersetzen kannst, während ich meine Aufmerksamkeit wichtigeren Dingen zuwenden werde.“

„Sind diese wichtigeren Dinge vielleicht weiblich?“

„Sie könnten es sein. War das Elise, die ich da gerade gehen sah? Wusstest du, dass sie bei Gramps war, als er zusammenbrach?“

„Jackson hat es mir erzählt. Sie erwähnte es nicht.“ Jetzt, da er darüber nachdachte, erschien ihm das ein wenig seltsam.

Worüber hatten sie gesprochen?

Alles, woran er sich erinnerte, war die kurze Berührung ihrer Wange an seiner, ihr seidiges Haar und der Duft, den er wie eine Droge in sich eingesogen hatte. Und die Anziehung zwischen ihnen. Immer wieder diese Anziehung, die im Hintergrund glühte wie ein heißer Sommertag.

Die Türen des nächstgelegenen Fahrstuhls öffneten sich, und Sean sah Jackson und Kayla heraustreten.

„Elise schickte eine SMS, dass du schon hier bist. Wir haben dich erst eine Stunde später erwartet.“

„Könnte sein, dass ich ein paar Tempolimits ignoriert habe.“ Sean fragte sich, wie lange sein Bruder wohl schon nicht mehr geschlafen hatte. „Irgendeine Veränderung?“

„Ich bemerke nichts, aber ich bin kein Arzt. Es ist schwer, hier von irgendjemandem vernünftige Informationen zu bekommen. Du musst mit ihnen sprechen.“

„Ich habe vom Auto aus angerufen. Dieses Haus hat eine der höchsten Infarkt-Überlebensraten im ganzen Land. Sie haben ihn direkt ins Herzkatheterlabor gebracht für die Ballondilatation und die Stentimplantation. Sie hatten ihn innerhalb von siebzehn Minuten aus der Notaufnahme raus. Das ist beeindruckend.“ Die Entdeckung, dass trotz seiner persönlichen Betroffenheit der Arzt in ihm übernehmen und die Lage analysieren konnte, erleichterte ihn.

Jackson blickte Tyler an, der die Achseln zuckte.

„Schau nicht mich an. Ich habe noch nie ein Wort verstanden von dem, was er sagt. Es liegt an all diesen Büchern, die er liest. Vermutlich verstehen ihn auch seine Patienten nicht, aber wahrscheinlich sind sie beeindruckt von dem teuren Anzug und dem astronomischen Honorar, das er in Rechnung stellt.“

Das Geplänkel mit seinen Brüdern machte Spaß und entspannte ihn ein wenig. „Du könntest gelegentlich auch einen Anzug tragen, Ty. Wenn du dich herausputzen würdest, hättest du vielleicht auch mal wieder eine Frau im Bett.“

„Der Grund, warum ich keine Frau im Bett habe, ist der, dass ich mit meiner pubertierenden Tochter zusammenwohne. Ich bin ein leuchtendes Beispiel für gute Elternschaft.“

Sean grinste. „Das muss dich geradezu umbringen.“

Jackson schaltete sich ein, bevor das Gespräch unter die Gürtellinie ging. „Können wir uns einen Moment auf Gramps konzentrieren? Erklär es bitte noch mal, und dieses Mal in einfachen Worten.“

„Die Arterie war blockiert, also haben sie die Blockade beseitigt, indem sie die Arterie mit einem Ballon geweitet und einen Stent, ein rundes Geflecht, eingeführt haben, um sie offen zu halten.“ Sean demonstrierte die Prozedur mit seinen Händen. „Alle Studien zeigen, dass die Überlebensrate höher ist und es weniger Komplikationen gibt, wenn dieser Eingriff innerhalb von neunzig Minuten nach dem eigentlichen Herzinfarkt erfolgt. Die Zeit vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Wiederdurchblutung ist ein wichtiger Indikator für den Erfolg.“

Sie betraten gemeinsam den Fahrstuhl, Jackson drückte einen Knopf, und die Türen schlossen sich. „Ich bat um einfache Worte.“

„Das waren einfache Worte.“

Tyler verdrehte die Augen. „Wenn er uns jemals die komplizierte Version erzählt, brauche ich vorher was Starkes zu trinken.“

Jackson runzelte die Stirn. „Dann sind das gute Neuigkeiten?“

Relativ gute Neuigkeiten.

Sean entschied, dass seine Brüder nicht alle der möglichen Folgen kennen mussten. „Wie hat es angefangen? War Gramps übel? Hatte er Schmerzen in der Brust?“

„Laut Elise stand er in der einen Minute auf und lag in der nächsten am Boden.“ Jackson beobachtete, wie die Knöpfe im Fahrstuhl einer nach dem anderen aufleuchteten und sie gefühlt in jedem einzelnen Stock anhielten. „Er arbeitete auf der Terrasse des alten Bootshauses.“

„Warum?“

„Wir wandeln es in ein Café um.“ Diesmal klang Jackson etwas verärgert. „Liest du deine Mails nicht?“

„Ich kriege haufenweise Mails. Also, warum hat Gramps dort gearbeitet?“

„Weil kein anderer da war. Wir sind am Limit. Gramps wollte helfen, und ich kann es mir nicht erlauben, ihn daran zu hindern, selbst wenn ich dazu in der Lage wäre. Jeder tut alles, was er kann, um das Geschäft am Laufen zu halten.“

Jeder außer mir.

Sean starrte geradeaus, als er spürte, wie sein Schuldgefühl ihn umfing. Er war der Einzige, der nichts dazu beitrug, um das Familienunternehmen vor dem Untergang zu bewahren.

Er wandte den Kopf, um mit Jackson zu sprechen, und wünschte, er hätte es nicht getan, weil sein Bruder gerade Kayla küsste. Ein langer, zärtlicher Kuss, bei dem sie sich in die Augen sahen.

Sofort dachte er an Elise. An jene heiße Nacht im letzten Sommer.

Die Nacht, die keiner von ihnen jemals erwähnt hatte.

Er sah weg. „Könntet ihr für zwei Minuten die Hände voneinander lassen, damit wir uns auf das hier konzentrieren können?“

„Du wirst Zeuge wahrer Liebe“, deklamierte Tyler in pathetischem Ton. „Und das ist etwas Wunderbares.“

„Tut mir leid, aber es war ein harter Tag, und wir bekommen einander im Moment nicht allzu oft zu Gesicht.“ Kayla lehnte ihren Kopf an Jacksons Schulter. „Aber das wird sich bald ändern. Noch eine Woche!“

Sean sah sie überrascht an. „Du hast deinen Job in New York aufgegeben?“

„Ja. Ich werde ab jetzt immer hier wohnen und arbeiten. Du wusstest, dass ich das vorhabe.“ Kayla drehte den Verlobungsring an ihrem Finger hin und her. „Ich habe es dir Weihnachten erzählt.“

Weihnachten war er damit beschäftigt gewesen, drei Tage mit seiner Familie zu überstehen, ohne das Zerwürfnis mit seinem Großvater zu erwähnen. Er hatte keinerlei Gedanken an die Gefühle anderer verschwendet.

„Richtig. Das habe ich wohl vergessen.“

Dann gab Kayla also ihr Leben auf, um hier in Snow Crystal zu leben. Noch ein Mensch, der um der Liebe willen alles opferte. Was zur Hölle sollte er dazu sagen?

Herzlichen Glückwunsch?

Hast du dir das auch gut überlegt?

Was geschieht, wenn du eines Tages aufwachst und es bereust, dass du alles aufgegeben hast, um hier zu leben?

„Ich hoffe, ihr werdet sehr glücklich.“

„Das sind wir, und das werden wir sein.“ Jackson legte den Arm um Kaylas Schultern. „Ignoriere ihn. Er ist nur eifersüchtig. Er ist mit den Frauen nicht einmal lange genug zusammen, um sich ihren Namen zu merken, das ist sein Problem.“

„Ich habe kein Problem.“

Eine Bindung bedeutete, seine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, und er war zu egoistisch, um dieses Opfer für jemanden zu bringen. Er wollte arbeiten können, wenn er es musste, ohne dass Pflicht und Verantwortung ständig an ihm zerrten. Er wollte reisen, ohne ständig das Gefühl zu haben, dass er an einem anderen Ort sein sollte. Er wollte Freiheit. Er wollte sich nicht so eingesperrt und erstickt fühlen wie sein Vater!

Der Fahrstuhl musste der langsamste auf der Welt sein. Sean hatte das dringende Bedürfnis, herauszukommen und um sich zu schlagen.

„Tyler, du solltest nach Hause fahren.“ Jackson hielt Kayla noch immer um die Schultern gefasst. „Gramps wird nicht begeistert sein, wenn er heimkommt und alles vernachlässigt vorfindet.“

„Er ist sowieso nie begeistert“, murrte Tyler, während Sean sich mit dem Finger unter den inzwischen gelockerten Hemdkragen fuhr.

„Ich erwarte auch kein warmes Willkommen.“

„Du könntest öfter nach Hause kommen“, erwiderte Jackson. „Das würde schon helfen.“

Tyler beäugte Seans Anzug. „Dazu hat er nicht die richtigen Klamotten. Du kannst nicht in Seidenhemden und Armani-Anzügen in Snow Crystal herumlaufen.“

„Das ist ein Brioni. Ich habe ihn gekauft, als ich bei einem Medizinerkongress in Mailand einen Vortrag hielt.“ Er sagte nicht, dass ein Umzug nach Snow Crystal ein großes Opfer wäre, das er so bald bestimmt nicht zu bringen gedachte. „Ein guter Anzug ist eine Investition. Ich meine mich zu erinnern, dass du auch einmal einen anständigen Anzug hattest. Mehrere sogar. Aber das war natürlich, bevor du dich hast gehen lassen.“

Das Gekabbel mit seinen Brüdern fühlte sich vertraut und behaglich an und hielt ihn aufrecht, bis der Fahrstuhl endlich sein Ziel erreicht hatte. Sean drängte hinaus, noch bevor die Türen sich ganz geöffnet hatten. Er war erleichtert, dem beengten Raum, in dem er mit unangenehmen Gefühlen konfrontiert wurde, entronnen zu sein.

Tyler folgte ihm auf den Fersen. „Ich kann Krankenhäuser nicht ausstehen. All diese weißen Kittel und die piependen Maschinen und diese Menschen, die unverständliches Zeug reden.“ Sein Gesicht war deutlich blasser als sonst. „Als ob man sich auf einem Alien-Raumschiff befände.“

Sean fragte sich, ob das Krankenhaus seinen Bruder an seinen Unfall erinnerte.

Für ihn waren Krankenhäuser aufregende Orte, Zentren der Forschung, voller Möglichkeiten.

Er fühlte sich völlig in seinem Element, und seine Brüder schienen das zu wissen, denn Jackson klopfte ihm auf die Schulter.

„Du weißt, wo es auf diesem Raumschiff langgeht. Bist du bereit, jemanden in den Hintern zu treten?“

„Haben Aliens überhaupt einen Hintern?“

Kayla verdrehte die Augen. „Ihr klingt wie in einem schlechten Film.“

„Was für ein Film?“ Jackson sah auf ihren Mund. „Meinst du einen Porno? Denn wenn du jetzt böse Dinge mit mir treiben willst, ist das völlig okay.“

Sean fing Tylers Blick auf. Sein Bruder zuckte die Achseln.

„Wie ich schon sagte – wahre Liebe. Es passiert dir eines Tages, wenn du es am wenigsten erwartest. Und als Nächstes läufst du herum und klebst mit deinen Lippen an einem Mädchen und gibst peinliche Geräusche von dir wie dein geliebter Bruder hier.“

Und bald darauf geht es mit den Opfern los, dachte Sean. Aus ich wird wir und mit dem Wir kommt ein riesiger Haufen Kompromisse, und auf einmal sieht das eigene Leben nicht mehr ansatzweise so aus, wie man es sich einmal vorgestellt hat. Dann starrt man in den Spiegel und fragt sich selbst: Wie zum Teufel bin ich hier gelandet?

Nein, auf gar keinen Fall würde ihm das jemals passieren.

„Am Ende des Flurs steht eine Eismaschine.“ Sean blickte auf die Wegweiser und fand die Richtung, die er suchte. „Setzt euch hin und wartet dort, während ich mit Gramps spreche.“

Elise verbrachte den Abend mit Kochen. Verschiedene Geschmäcker und Konsistenzen miteinander zu kombinieren war ein Weg, sich zu beschäftigen und ihre Ängste niederzuringen. Sie redete sich ein, dass es Arbeit wäre, dass sie neue Rezepte für das Café bräuchte, doch tatsächlich lenkte sie sich einfach ab. Von den Gedanken an Walter und an jenen furchtbaren Moment, als er vor ihr zusammengebrochen war.

Seit Stunden hatte sie nichts mehr gehört. Sie hatte Kayla zweimal eine SMS geschrieben und keine Antwort erhalten. Als Nächstes müsste sie das Krankenhaus anrufen, und sie stand kurz davor, das zu tun.

Es war fast Mitternacht. Warum hatte Kayla sich nicht gemeldet?

Dunkelheit breitete sich über dem See aus.

Eine Eule rief.

Unfähig, an Schlaf zu denken, kochte sie weiter und machte sich Notizen auf ihrem Laptop, der immer auf dem Küchentresen stand. Einige Rezepte würde sie in ihr Repertoire aufnehmen, um sie im Restaurant oder im Café anzubieten. Andere würde sie verwerfen.

Sie zog ein Blech mit pikanten Pilzpasteten aus dem Backofen. Zufrieden mit dem Ergebnis stellte sie es zum Abkühlen zur Seite. Sie nahm eine Gabel und stach in eine hinein. Der Teig war von einem hellen Goldbraun, kross und butterweich. Er knusperte im Mund und zerging auf der Zunge, wobei er wunderbar mit der cremigen Füllung harmonierte.

„Irgendetwas riecht hier gut.“ Seans Stimme hinter ihr veranlasste sie, sich rasch umzudrehen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

Er stand im Türrahmen und verdeckte mit seinen breiten Schultern die Sicht auf den See.

Seit sie hier lebte, war es das erste Mal, dass er zu ihrer Hütte kam. Dass er selbst gekommen war, konnte nur schlechte Nachrichten bedeuten.

„Ist etwas mit Walter? Ist er …?“ Furcht überwältigte sie. In ihrem Kopf drehte es sich, und vor ihren Augen verschwamm alles.

Sie sah nicht, wie er sich auf sie zubewegte, doch im nächsten Moment umfassten seine starken Hände ihre Schultern, und er führte sie zu einem Stuhl.

„Lass deinen Kopf nach unten hängen.“ Seine Stimme war ruhig und sicher. „Es ist alles in Ordnung, Liebes, du hattest nur einen langen Tag. Gramps geht es gut. Er macht sich prächtig.“

Sie beugte sich vor und wartete darauf, dass die Welt aufhörte, sich zu drehen. „Ist das wahr? Du lügst mich nicht an?“

„Ich lüge nie. Manche Frauen sagen, dass das mein größter Fehler sei.“ Er setzte sich neben sie und legte eine Hand auf ihre. „Besser?“

„Ja.“

Sie sagte ihm nicht, dass seine Aufrichtigkeit zu den Dingen gehörte, die sie am liebsten an ihm mochte.

Als sie ihren Kopf hob, trafen sich ihre Blicke. Ihr Magen zog sich zusammen.

Wie sehr sie es auch zu ignorieren versuchte, die Verbindung war immer da.

Merde. Und jetzt lehnte sie sich an ihn wie ein Jammerlappen. So etwas tat sie nicht. So etwas tat sie nie.

„Du hast mich erschreckt. Ich dachte –“ Sie konnte nicht einmal aussprechen, was sie gedacht hatte. Erleichtert spürte sie ihr Herz wieder regelmäßig schlagen. Einen Moment hatte sie geglaubt, es hätte ausgesetzt. „Kayla hat auf meine SMS nicht geantwortet. Ich machte mir Sorgen.“

„Vermutlich war sie zu beschäftigt, meinen Bruder zu küssen, um auf ihr Handy zu sehen.“ Er drückte ihre Hand noch einmal und stand auf. „Hören die zwei jemals damit auf?“

Sie bewegte ihre Finger und dachte, dass sie diejenige hätte sein sollen, die ihre Hand fortzog.

„Sie sind einen Großteil der Woche getrennt, insofern nehme ich an, dass sie aus der Zeit, die sie haben, das Beste machen wollen. Erzähl mir von deinem Großvater. Wie ging es ihm, als du ihn verlassen hast?“

„Er war wach und sprach. Machte Grams Vorwürfe, dass sie die ganze Zeit bei ihm geblieben war, statt nach Hause ins Bett zu gehen.“

„Vorwürfe? Das klingt ganz nach ihm.“ Ihre Erleichterung war so groß, dass sie sie fast greifen konnte. „Ich werde Kayla dafür umbringen, dass sie mir nicht geschrieben hat.“ Sie wusste, dass sie aufstehen sollte, doch sie traute ihren Beinen noch nicht und blieb deshalb auf dem hübschen blauen Stuhl sitzen, den sie für ihre Küche gekauft hatte. „Ich zittere! Ich bin wirklich völlig hinüber.“