Doris Kneller
Auszeit in Südfrankreich
Orte, die nicht jeder kennt
Band 1:
Sommières
Wasser, Handel und Banditen
Für Jean-Marc, den Mann, der die Geduld hat, mit einer Schriftstellerin zu leben ...
und im Andenken an Jacqueline Vigne,
Widerstandskämpferin im zweiten Weltkrieg,
geboren in Sommières
Herausgeber: Planète Ariadne, Montpellier, Frankreich© Doris Kneller
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk darf - auch teilweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags und des Copyright-Inhabers wiedergegeben werden. Dies gilt für sämtliche Fotos (© Doris Kneller oder © Ville de Sommières) und Texte.
Umschlagfoto und -gestaltung: © Doris Kneller
Auszeit in Südfrankreich
Eine Buchreihe zum Kennenlernen und Erleben von Orten, die nicht jeder kennt
Wem ist nicht schon aufgefallen, dass so mancher interessante Ort im Reiseführer kaum oder gar nicht erwähnt wird? Und wie oft hatten wir schon Lust, etwas mehr über ihn zu erfahren?
Genau diese Lücke wird die Buchreihe „Auszeit in Südfrankreich“ füllen.
Eine Reise wird gleich viel spannender, wenn wir wissen, wer in dem Schloss gelebt hat, das wir gerade besichtigen. Oder was die Bewohner einer Stadt alles so erlebt haben. Oder wie der Ort im Winter aussieht ...
... oder aber, wo und wann die schönsten Märkte stattfinden, wo die romantischsten Kaffeehausterrassen sind, wo man gut einkaufen kann und wo man den besten Wein findet, ohne sich zu ruinieren. Wer möchte nicht mal ein richtiges „Mittelalterfest“ erleben oder an alten Traditionen teilnehmen – an traditionellen Festen, die nicht nur interessant, sondern auch lustig sind? Feste, bei denen man die berühmten Stierläufer beobachten und anfeuern kann. Oder einem prächtigen Ritt auf einheimischen Pferden durch den sommerlichen Fluss beiwohnt. Oder mit den Einheimischen zu traditionellen Klängen tanzt.
Unvergessliche Augenblicke, während der man den Menschen näher kommt, mit ihnen trinkt, lacht und sie kennenlernt – und alle Sprachbarrieren vergisst.
Die Buchreihe „Auszeit in Südfrankreich“ erzählt alles – oder fast alles – über Orte, die nicht jeder kennt … und die in kaum einem Reiseführer erwähnt werden. Es geht um Städte, Landschaften, Naturgebiete oder Schutzzonen, die es lohnt, zu erkunden, gerade weil man dort nicht auf riesige Touristenströme stößt.
Um so vollständig wie möglich zu sein, ist jeder Band ausschließlich einem einzigen Ort gewidmet. „Auszeit in Südfrankreich“ erzählt die Geschichte der jeweiligen Städte oder Landschaften – und ihre Geschichten. Der Leser erfährt, wie die Menschen dort lebten und leben. Er nimmt an ihren Festen teil, lernt ihre Traditionen, ihre Lieblingsgerichte und ihre großen und kleinen Freuden kennen, die sie nur zu gern mit ihren Besuchern teilen.
Aber er erhält auch Insider-Tipps über Einkaufsmöglichkeiten und Badestrände, die nicht überlaufen sind. Auch interessante Freizeitbeschäftigungen für Kinder und Erwachsene wie Workshops, Besichtigungen, Schnitzeljagden, sportliche Betätigungen und vieles mehr werden vorgestellt.
Natürlich gibt die Buchreihe auch Ausflugstipps, und – was bisweilen recht wichtig sein kann – sie erklärt, wo man sorglos parken kann, ohne lange nach einem Platz suchen zu müssen.
Inhalt
PrologDie Kaprizen des VidourleDas Schloss von SommièresVon Brücken, Handel, Wohlstand und WeinAber Sommières ist nicht nur Geschichte ... im GegenteilMarkttage und andere FesteVon Bandidos, Abrivados, Gazes und Courses camarguaises
BildnachweisDanksagung
Wir finden in Europa drei Orte mit dem Namen Sommières, zu Deutsch die „Gipfel“ – zwei in Frankreich und einen in Belgien. Sie haben alle eine gemeinsame Struktur: einen Fluss, eine strategisch gelegene Brücke, einen Hügel und ein Schloss. Damit wäre Sommières wohl definiert.
Fügt man bei „unserem“ Sommières noch eine Menge Charme, das sanfte Klima am Mittelmeer mit seinen lauen Sommernächten und milden Wintern, das dolce vita und die Gastfreundschaft der französischen Südländer hinzu, dann ist eigentlich alles gesagt.
Sommières ist ein malerischer, mittelalterlich anmutender Ort im Süden von Frankreich. Er gehört zum Bezirk Gard, der ans Mittelmeer grenzt. Der nächste Badeort, La Grande-Motto, ist etwa 32 Kilometer entfernt. Als Tagesausflug bietet sich auch das obere Hérault-Tal mit seinen gewaltigen Felsen an, das man nach einer Fahrt von knapp 60 Kilometern erreicht. Hier befinden sich auch die Dörfer Saint-Guilhem-le-Désert und Saint-Jean-de-Fos, die berühmt für ihre Töpferkunst sind.
Wer Lust hat, eine Stadt am Mittelmeer zu besuchen: 38 Kilometer trennen Montpellier von Sommières, und Nîmes, die alte Römerstadt, ist nur 31 Kilometer entfernt.
Prolog
An schönen Sommertagen liegt Ruhe und Frieden über den sanften Anhöhen von Sommières. Der Vidourle schlängelt sich majestätisch durch das Land, und die Bäume, die sein Ufer säumen, laden zum Picknick im Schatten ein.
Wobei schöne Sommertage in dieser Gegend durchaus keine Ausnahme bilden. Die Weinberge erzählen die Geschichte von unzähligen Stunden, in denen die Erde langsam austrocknet – eine Erde, in der sich nur genügsame Heidepflanzen und Weinreben wohlfühlen. Grenache- und Syrah-Trauben räkeln sich in der Mittelmeersonne und warten darauf, zu fruchtigen Rot- und Roséweinen heranzureifen und die reichhaltige, ausgewogene Struktur zu entwickeln, wie man sie vor allem in diesen Breitengraden findet.
Manchmal wird die Trockenheit von einem kurzen Gewitter unterbrochen, das die Natur aufatmen lässt. Nach dem Regen glitzern die Tropfen auf den Blättern der Bäume und Sträucher im Licht der Sonne, die sich sanft zwischen die letzten Wolken schiebt. Allerdings nur für wenige Stunden: Danach scheint sie wieder mit der oh so typischen Kraft des Südens.
Doch im Vergleich zur Mittelmeerküste ist das Klima im Land von Sommières eher mild. Eine frische Brise macht die Sommerhitze erträglich, und leichte Feuchtigkeit liegt über der Heide. Diese Milde verdankt die Natur dem Vidourle, dem „Herrn“ der Region, der lauschige Abende auf den Uferterrassen von Sommières verspricht. Während sich die Strahlen der untergehenden Sonne im Fluss spiegeln und die Bäume leise in der Abendbrise rauschen, genießen Einheimische und Besucher ihren Aperitif oder trinken ein Glas Wein zu einem typisch mediterranen Diner.
Der Blick auf den sommerlichen Vidourle, wo Enten und Schwäne ihre Bahnen ziehen, lädt zum Träumen ein. Und die weiten Ebenen und die sanft geschwungenen, von Sträuchern überwachsenen Hügel, die seine Ufer säumen, lassen selbst die gewaltigen Felsen im oberen Hérault-Tal vergessen. Obwohl diese beeindruckenden Steinformationen nicht mal sechzig Kilometer entfernt sind – gerade mal einen Tagesausflug weit weg ...
Sommières in einer Sommernacht
Die Kaprizen des Vidourle
Aber der Frieden täuscht: Der Vidourle ist nicht so unschuldig wie er scheint. Denn in Wirklichkeit ist er eine kapriziöse Diva mit unberechenbaren Launen. Weder Mensch noch Tier gelang es je, seine Stimmung zu beeinflussen, und sie mussten lernen, mit seinen Eigenheiten zu leben.
Im Herbst oder Frühling gehen sintflutartige Regenfälle über den Cevennen nieder. Meist sind sie nur kurz und heftig, doch in manchen Jahren können sie bis zu drei Tagen andauern. Wenn man es nicht selbst miterlebt hat, dann fällt es schwer, sich ein derartiges Naturereignis vorzustellen: drei Tage lang strömender Regen, ohne eine einzige Ruhepause. Aber auch ein sechsstündiges Gewitter, wie 1858 im Bezirk von Vigan, reicht schon aus, um Chaos zu stiften.
Natürlich ist die Erde vor allem nach einem heißen Sommer völlig ausgetrocknet. Doch die Unmengen von Niederschlag, die hier in kürzester Zeit herunterprasseln, kann selbst der durstigste Boden nicht mehr aufnehmen. Anstatt einzusickern, bleibt das Wasser an der Oberfläche, sammelt sich und fließt in die Ebene. Das ist der Augenblick, in dem sich der ruhige Fluss, der behäbig an Sommières vorbeizieht, in einen reißenden Strom verwandelt.
In wenigen Stunden steigt sein Pegel an, und die Fluten überschwemmen die Uferpromenade. Wo noch am Vortag Angler in der Sonne saßen, Spaziergänger sich am selbst im Winter angenehmen Klima erfreuten, Verliebte Hand in Hand entlangbummelten, Kinder die Enten und Schwäne fütterten und die Bewohner der Stadt ihre Hunde ausführten, ist nun … Wasser.
Wenig später erreichen die Fluten den unteren Teil der Stadt. Die Besitzer der zahlreichen Restaurants und Cafés räumen eilig ihre Terrassen, und die, die nicht schnell genug reagieren, sehen ihre Stühle gemächlich davonschwimmen. Die Geschäfte schließen, und über den in „Normalzeiten“ stets quirligen, lebendigen Ort legt sich eine Ruhe, wie man sie in Sommières nur bei Hochwasser kennt.
In Extremjahren kann der Wasserpegel bis zu vier Meter ansteigen. Im Rekordmonat September 2002, als der Fluss zum bisher letzten Mal seine volle Kraft entfaltete, waren es sogar acht Meter. Diese Phänomene, die zwar nicht sehr häufig auftreten, aber dafür umso beeindruckender sind, haben sogar einen eigenen Namen bekommen: Vidourladen – Kaprizen des Vidourle. Nach den Archiven wurde die offiziell erste Vidourlade im Jahre 1336 erfasst. Was natürlich nicht heißt, dass es sie nicht schon lange vorher gab ...
Jedenfalls gehen die Bewohner von Sommières davon aus, dass jede Generation zumindest einmal eine „richtige“ Vidourlade erlebt.
Doch heute haben diese Erscheinungen eigentlich ihren Schrecken verloren. In den 1960er Jahren verwandelte Sommières eine Parzelle von fast 2000 Quadratmetern in ein Auffangbecken, das die Kraft der Vidourladen zumindest teilweise bricht. Und seit dem Tag, an dem die Stadt und ihr Umland in ein wirkungsvolles Warnsystem investierten, konnte das Schlimmste vermieden werden. Inzwischen sind überall Lautsprecher aufgebaut, aus denen in Krisenzeiten stündlich – oder, wenn nötig, sogar öfter – Hinweise ertönen. Wer da gerade spazieren geht, hat die Zeit, sich ohne übertriebene Eile in Sicherheit zu bringen. Die wenigen noch bewohnten Altstadthäuser, die im Gefahrenbereich liegen, werden routinemäßig evakuiert. Und die Besitzer der Cafés können gemütlich ihre Terrassen räumen und die Stühle einsammeln, bevor sie mit dem Hochwasser davonschwimmen.
Der Vidourle und seine römische Brücke