Sophies Café - T. I. Lowe - E-Book

Sophies Café E-Book

T. I. Lowe

5,0

Beschreibung

Seit Leah vor zehn Jahren geheiratet hat, erträgt sie die Brutalität ihres Mannes. Nach einem erneuten Gewaltausbruch schlägt sie in Notwehr zurück und entkommt. Einige Wochen später erreicht sie Rivertown, eine malerische Kleinstadt in South Carolina, wo sie Sophie, die warmherzige Eigentümerin eines hübschen Cafés, kennenlernt. Die engagierte Frau schließt Leah sofort in ihr Herz und gibt ihr ein neues Zuhause. Mithilfe von Sophie und des charmanten Anwalts Crowley gelingt es Leah, schon bald ein Teil von Rivertown zu werden. Doch ihre Vergangenheit scheint einer tiefergehenden Freundschaft zu Crowley im Wege zu stehen. Werden beide zueinander finden und es schaffen, Vergangenes hinter sich zu lassen und einen gemeinsamen Neuanfang zu wagen?

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Seitenzahl: 480

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Meiereli

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Gute Geschichte mit einem tiefgreifendem Thema: Häusliche Gewalt. Zwischendurch einige langatmige Passagen.
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Über die Autorin

T.I. Lowe lebt mit ihrem Mann und ihrer Familie im US-Bundesstaat South Carolina und liebt es, besondere Geschichten zu schreiben. Mittlerweile hat sie bereits 20 Romane veröffentlicht, von denen Sophies Café ihr Debütroman war. Wenn Sie mehr über sie wissen möchten, besuchen Sie sie auf ihrer Homepage tilowe.com, auf Facebook unter T.I.Lowe und Instagram unter tilowe.

Prolog

Helles Mondlicht schien auf das verliebte Paar, das sich im kühlen Wasser des Pools hin- und herwiegte.

Er küsste sie sacht hinter ihrem Ohr, wo er mit seinen Fingerspitzen leicht die lange verblasste Narbe nachfuhr. „Ich möchte mehr hierüber wissen“, flüsterte er.

Sie jedoch schüttelte zur Antwort nur leicht ihren Kopf.

Dann überraschte er sie damit, dass er die gezackte Narbe auf ihrer Oberlippe berührte und leise sagte: „Ich möchte mehr hierüber wissen.“

Er sah sie eindringlich an, und sie entdeckte in seinen meerblauen Augen eine tiefe Traurigkeit. Sie wollte nicht, dass er auch nur einen kleinen Teil ihres tiefen Schmerzes trug, aber er hatte offensichtlich bereits damit begonnen.

Er küsste sie zart auf die kaum zu sehende Narbe in ihrer linken Augenbraue und sagte: „Ich möchte mehr hierüber wissen.“ Dann bewegte er seinen Mund weiter zu der dünnen Narbe auf ihrem Kinn, die gerade heilte, als sie im letzten Herbst in dieser Stadt angekommen war.

„Ich möchte mehr hierüber wissen.“

Er erinnerte sich.

Er sah erneut tief in ihre Augen, während sie einander weiter hin- und herwiegten. Dann ließ er ihre Hüfte los und küsste die Innenseite ihrer vernarbten Hand, während er sagte: „Ich möchte mehr hierüber wissen.“

Er presste ihre Hand auf sein pochendes Herz und sagte: „Ich muss mehr hierüber wissen.“

Das tiefe Timbre seiner Stimme ließ sie erahnen, wie tief seine Gefühle für sie waren.

Zuletzt fuhr er mit seinem Daumen über die lange Narbe an ihrer Unterlippe und sagte erneut: „Ich muss mehr hierüber wissen.“

Sie hielt den Atem an und Tränen brannten in ihren Augen. Ihm entging einfach nichts, und so legte sie ihren Kopf auf seine Schulter, um ihre Tränen vor ihm zu verbergen.

„Warum musst du alles über diese hässlichen alten Narben wissen?“, fragte sie ihn.

Er schwamm in etwas tieferes Wasser, damit sie ihren Kopf heben musste, um ihm in die Augen blicken zu können.

„Ich muss es wissen, damit ich alles dafür tun kann, dass sie heilen“, sagte er, während er mit einer Hand die Tränen von ihrer Wange wischte.

„Einige Narben werden niemals heilen“, flüsterte sie, „ganz egal, wie sehr man es sich wünscht. Die Wunden sind einfach zu tief.“

Sie tanzte noch eine Weile länger mit ihm diesen wiegenden Tanz in dem sanften Wasser des Pools, während sie ihr Gesicht an seinem Hals verbarg. Und während sie sich an ihm festhielt, wiederholten sich seine Worte immer wieder in ihrem Herzen. Er hatte recht, es war Zeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, auch wenn es bedeutete, dass sie womöglich die Zukunft, die sie sich so sehr wünschte, verlieren würde.

1

DONUTS … mit Donuts geht alles besser!

„Ein perfekter Morgen für einen perfekten Donut. Willkommen im Donut-Diner. Ihre Bestellung bitte“, sagte die muntere Angestellte am Drive-in-Schalter.

„Ich hätte gerne zwölf Donuts und zwei kleine Cappuccino.“

„Das macht dann 15,76 Dollar. Bitte fahren Sie weiter zum Abholschalter.“

Gabriella Sadler hatte das gesamte letzte Jahr bei Shayna Donuts gekauft – seit dem Tag, an dem Shaynas Eltern zusätzlich zum Ladengeschäft den Drive-in-Schalter eröffnet hatten, und mittlerweile kannte die junge Frau Gabys Lieblingssorten: die mit Bayerischer Creme und Schokoglasur, die mit Zitronencreme-Füllung und Puderzucker und dann die Apfelkrapfen.

„Oh …“, sagte Shayna und schnappte kurz nach Luft, als sie das Fenster der Ausgabe öffnete. „Wow, das ist aber ein heißer Schlitten, den Sie da fahren, Gaby.“ Die junge Frau konnte sich vom Anblick des glänzenden neuen Range Rovers gar nicht wieder losreißen.

„Danke“, erwiderte Gabriella und versuchte dem jungen Mädchen das Geld zu geben, aber anstatt es entgegenzunehmen, sah Shayna Gabriella an, als bekäme sie gerade etwas zu sehen, das sie lieber hätte nicht sehen sollen.

„Hmmm, verstehe. Wieder mal ein Wiedergutmachungsgeschenk, was?“

„Ja, das kann man wohl so sagen“, bestätigte Gabriella und schlang sich ihren Schal etwas enger um den Hals. Hör auf, Fragen zu stellen, und gib mir einfach meine Donuts. „Tut mir leid, Shayna, aber ich bin etwas in Eile.“

„Hab ich mir doch gedacht, dass es ein Wiedergutmachungsgeschenk ist. Ich muss mir auch einen Mann suchen, der sich einen neuen Range Rover leisten kann. Sie haben ja so ein Glück“, kicherte Shayna.

„Du hast ja keine Ahnung“, murmelte Gabriella leise vor sich hin und versuchte noch einmal, ihr Geld loszuwerden, das Shayna jetzt auch endlich entgegennahm und ihr im Gegenzug die beiden Cappuccinos und das süße Gebäck reichte. „Ich wünsche Ihnen und Mr Sadler ein schönes Frühstück.“

„Danke“, sagte Gabriella, stellte die Schachtel mit den Donuts auf den luxuriösen, lederbezogenen Beifahrersitz, die Kaffeebecher in die dafür vorgesehenen Halterungen und fuhr dann ohne ein weiteres Wort los. Sie wollte einfach nur allein sein und sich ihre Donuts schmecken lassen.

Als sie vom Parkplatz fuhr, angelte sie sich einen mit Bayerischer Creme aus der Schachtel, verzehrte das fettgebackene Teilchen mit drei Bissen und spülte mit dem gesüßten Kaffee nach. Danach fühlte sie sich schon etwas besser und fuhr weiter zum Supermarkt. Heute war Donnerstag und Donnerstag war Einkaufstag.

Als sie ihren Wagen ganz am Ende des Parkplatzes abstellte, klingelte ihr Handy. Zögerlich nahm sie es aus der Handtasche und zuckte zusammen, als sie den Namen auf dem Display sah.

„Hallo?“

„Wo bist du?“, fragte Brent mit kalter, kontrollierender Stimme.

„Ich bin schon fast beim Supermarkt“, antwortete sie, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, während sie dasaß und auf das besagte Gebäude schaute. Gleichzeitig lief ihr das Wasser im Mund zusammen, als sie den Deckel der Donutschachtel wieder öffnete. Einer der Apfelkrapfen rief praktisch ihren Namen, und sie konnte sich kaum beherrschen, sofort hineinzubeißen, aber das hätte er sofort gemerkt, und der Standpauke, die unweigerlich folgen würde, fühlte sie sich im Moment nicht gewachsen.

„Ich gebe dir eine Stunde, dann bist du wieder zu Hause“, herrschte Brent sie nur an und legte ohne ein weiteres Wort auf.

„Ich hasse dich“, flüsterte sie noch in ihr Handy, bevor sie es zurück in ihre Handtasche warf.

Dann stellte sie den Fahrersitz weiter zurück, damit sie die Schachtel mit den Donuts auf den Schoß nehmen konnte, und machte sich über die restlichen Exemplare her. Sie mochte die Privatsphäre hinter den getönten Scheiben des silbernen Range Rovers, denn dort hatte sie das Gefühl, in ihrer eigenen Blase zu sein. Sie hielt sich zurück und verschlang den Apfelkrapfen nicht mit drei Bissen, sondern genoss jeden Mundvoll und machte dann weiter mit dem Donut, der mit hausgemachter Erdbeermarmelade gefüllt war und praktisch in ihrem Mund zerschmolz. Das Exemplar mit Zitronencreme-Füllung spülte sie dann mit dem Rest des ersten Cappuccinos hinunter. Um die Leere in ihrem Leben irgendwie zu füllen, aß sie so lange weiter, bis sowohl die gesamte Schachtel mit Donuts als auch die beiden Becher Cappuccino leer waren … und im selben Moment zeigte auch schon der Schrecken über das, was sie da gerade getan hatte, missbilligend mit dem Finger auf sie.

Nachdem sie ein paarmal heftig durchgeatmet hatte, untersuchte Gabriella die Sitzpolster auf Krümel und legte frischen Lipgloss auf. Dann stieg sie aus dem Wagen, sammelte die Abfälle zusammen und warf alles in den Mülleimer, neben dem sie vorsorglich geparkt hatte.

In dem Moment, in dem sie den Supermarkt durch die automatischen Türen betrat, wurde sie von einer Welle von Übelkeit und Schwindel erfasst, wahrscheinlich, weil sie viel zu viel Süßes und Fettiges viel zu schnell verzehrt hatte. Sie versuchte, wieder einigermaßen zu sich zu kommen, und schaute sich um. In der Obst- und Gemüseabteilung, die sich in der Nähe des Eingangs befand, stand eine gackernde Schar einheimischer Frauen, der sie unmöglich ausweichen konnte, und außerdem hatten sie sie auch schon bemerkt, sodass es kein Entrinnen gab.

„Sieh mal einer an, wer da zur Tür hereingewatschelt kommt“, sagte die große brünette Frau namens June feixend.

„Was um Himmels willen sieht Brent nur in Gaby? Ich meine … also wirklich“, bemerkte Sara mit gerümpfter Nase.

„Wieso denn?“, fragte ihre ahnungslose Freundin Hannah und fuhr fort: „Ich finde, mit ihrer cremefarbenen Haut und dem wunderschönen Haar sieht sie aus wie ein Porzellanpüppchen.“

Doch darüber lachten die anderen nur, und June bemerkte: „Na, dann aber wie eine ziemlich dicke Porzellanpuppe.“

„Hallo Gaby, Schätzchen. Was für einen schönen Schal du da trägst. Der peppt den großen alten Mantel richtig auf“, kommentierte June mit zuckersüßer Stimme und schaute zu, wie Gabriella sich einen Einkaufswagen holte.

Gabriella sah kaum zu den Frauen hinüber, sondern ging einfach weiter, denn sie brauchte ihre gesamte Konzentration, um nicht in Tränen auszubrechen, und murmelte deshalb nur ein kurzes „Danke“. Sie war nicht dumm, fühlte sich aber absolut außerstande, etwas Geistreiches zu entgegnen. Und als sie ihren Einkaufswagen in die Obstabteilung weiterschob, hörte sie die drei kichern.

Mittlerweile standen ihr Schweißperlen auf der Oberlippe, und ihre Benommenheit wurde immer schlimmer. Ihr war natürlich klar gewesen, dass es nicht besonders schlau war, so viele Donuts auf einmal zu essen, aber sie hatte es einfach nicht fertiggebracht, auch nur einen einzigen davon wegzuwerfen. Beim nächsten Mal würde sie nur halb so viele bestellen.

Die gackernde Frauenschar bewegte sich jetzt in Richtung der Schlangen vor den Kassen und Gabriella versuchte, sich auf ihren Einkauf zu konzentrieren, doch da überfiel sie eine so heftige neue Welle von Übelkeit, dass sie ihren Einkaufswagen stehen ließ und zur Toilette stürzte. Sie schaffte es gerade noch in die Kabine, da erbrach sie auch schon die Donuts und die Cappuccinos. Dabei strahlte von ihrem schmerzenden Nacken ein so heftiger Schmerz aus, dass sie noch einmal heftig würgen musste. Sie stützte ihren Hals von beiden Seiten mit den Händen und hielt sich gleichzeitig ihre Haare zurück, und als das Würgen endlich aufhörte, betätigte sie die Spülung.

Was für eine Vergeudung.

Nach diesem abrupten Abbruch des Zuckerflashs ging Gabriella jetzt langsam zum Waschbecken, um sich den Mund auszuspülen. Sie war abgestoßen von ihrem eigenen Spiegelbild, und ihr war klar, dass das, was hier gerade passiert war, in die Kategorie Essstörung gehörte. Vorsichtig massierte sie ihren schmerzenden Hals und empfand nur Hoffnungslosigkeit bei der Frage, wie sie aus alldem wieder herauskommen sollte.

Weil sie wusste, wie wenig Zeit ihr jetzt noch zum Einkaufen blieb, ging sie rasch zurück in die Obst- und Gemüseabteilung zu ihrem Einkaufswagen und packte alles, was auf ihrer Einkaufsliste stand – Joghurt, frischer Fisch, mageres Steak, Obst und Gemüse, Kaffeebohnen und fettarme Milch –, hinein. Bei Lebensmitteln war Brent sehr eigen. Gabriella durfte nur bestimmte Marken kaufen, und er achtete darauf, dass sie sich genau an die Einkaufsliste hielt. Außer den Sachen von der Liste legte sie aber auch noch das in den Einkaufswagen, was sie sich selbst im Kopf notiert hatte. Das waren Oreos, Süßigkeiten und Dosenlimo.

Als sie alles hatte, ging sie zu den Kassen hinüber und schaute, an welcher davon eine Kassiererin saß, die sie noch nicht kannte. Dann legte sie die Sachen von der Liste und ihre eigenen getrennt aufs Band und bezahlte das, was Brent haben wollte, mit der Kreditkarte, ihre eigenen Sachen in bar. Während die Kassiererin die Süßigkeiten in eine Tüte packte, schaute sich Gaby um und war erleichtert, dass sie keines der Gesichter in ihrer Umgebung kannte. Sie atmete einmal tief durch, ging zurück zu ihrem Range Rover, lud ihre Einkäufe ein und machte sich auf den Heimweg.

Ihr Zuhause war eine ultraschicke Loftwohnung in der Innenstadt von Olympia, Washington. Es war bestimmt einmal eine hübsche, rustikale Wohnung gewesen, mit Sichtmauerwerk und alten Dielenböden, aber davon war nichts mehr übrig. Alles war modern und clean mit klaren Linien und einem monochromen Farbkonzept aus Grau und Weiß. Die einzige richtige Farbe, die in dem Loft – allerdings nur sehr sparsam – verwendet worden war, war ein dunkles Orange. Für Gabrielle sah nichts in der Wohnung einladend aus. Die Möbel waren mehr nach Design als nach Funktionalität oder gar Bequemlichkeit ausgewählt worden, und wenn man auf der Couch saß oder auf den Stühlen mit sehr geraden Rückenlehnen, gaben die Oberflächen nicht das kleinste bisschen nach. Es war eine Wohnung, in die kaum jemals Besuch kam.

In dem Moment, in dem Gabriella zur Tür hereinkam, fing ihr Handy an zu klingeln. Panik durchfuhr sie wie ein Blitz, weil sie wusste, dass es nur noch zweimal klingeln würde, bevor die Mailbox anging. Sie ließ deshalb die Tüten fallen und kramte in ihrer Handtasche nach dem Handy, tastete nach dem Annehmen-Button und sprach schon, bevor sie das Handy am Ohr hatte. „Ich bin schon zu Hause.“

„Du bist zu spät.“

„Nein!“, beeilte sie sich zu erklären. „Ich war nur auf der Toilette.“

„Was ist denn mit deiner Stimme los?“, fragte Brent ungehalten.

Also wie war das noch gleich? Du hast mich diese Woche fast erwürgt, du krankes Ungeheuer, und ich habe versucht, es zu vergessen, indem ich ein Dutzend Donuts und zwei Cappuccinos inhaliert habe. Davon ist mir furchtbar übel geworden, und deshalb geht es mir jetzt noch schlechter.

Doch Gabriella riss sich zusammen und antwortete ganz ruhig:

„Mein Hals und mein Nacken tun ziemlich weh. Ich glaube, ich muss damit zum Arzt, Brent.“ Sie wusste, dass er das niemals erlauben würde, aber sie hoffte, dass sie ihn so loswurde und er sie in Ruhe ließ.

„Warte einfach ein paar Tage ab, dann ist bestimmt alles wieder okay“, sagte er und klang beinah reumütig. Beinah. „Hast du den Fisch gekauft, wie ich es dir gesagt habe?“

Gabriella verdrehte die Augen. „Ja.“

„Gut. Mein Flug landet planmäßig um kurz nach fünf. Ich möchte Fisch und gebratenes Gemüse, und zwar um Punkt sieben.“

„Okay“, sagte sie, aber da hatte er schon wieder aufgelegt. „Ich hasse dich“, flüsterte sie in ihr Handy und starrte ihr Spiegelbild auf der Hochglanzfront des Oberschrankes in der Küche an.

Gabriella musste daran denken, dass ihr Leben von Anfang an ein einziger Albtraum gewesen war. Hätte ich nicht endlich einmal etwas Gutes verdient, nachdem ich das Pflegeelternsystem überlebt habe? Stattdessen bin ich direkt in die Hölle gezogen und wohne jetzt zusammen mit dem Teufel in seinem schicken Loft.

Nachdem sie die offiziellen, für ihn eingekauften Lebensmittel weggeräumt hatte, nahm sie die Tüten mit ihrem Junkfood und ging zu dem begehbaren Schrank im Gästezimmer, der ihr als persönlicher Vorratsschrank diente, aber auch ihre Gefängniszelle war, wenn Brent ihren Anblick nicht mehr ertragen konnte. Sie schüttete die einzeln verpackten Schokoriegel in leere Schuhkartons und versteckte die anderen Süßigkeiten und die Limodosen in der hintersten Ecke, wo sich auch ihr Vorrat an Wasserflaschen befand. Dann sammelte sie alle Verpackungen ein und entsorgte sie in der Mülltonne der Nachbarn.

Wieder im Haus, schaute sie auf die Uhr. Sie hatte noch ungefähr sieben Stunden Zeit, bis sie anfangen musste, sein Abendessen zuzubereiten, deshalb nahm sie ein paar starke Schmerztabletten und legte sich ins Bett in der Hoffnung, so für eine Weile der Welt entfliehen zu können. Sie stellte den Wecker und wischte sich eine Träne weg. Ihr Hals tat weh und ihre Seele fühlte sich völlig vernichtet an. Sie nahm den Schal ab, unter dem die dunkelblauen Blutergüsse am Hals verborgen waren, streckte sich auf dem Bett aus und massierte sich vorsichtig den Hals. Dabei begann sie innerlich das Lied „Fly Away“ von Lenny Kravitz zu singen, während sie darauf wartete, dass die Wirkung der Tabletten einsetzte.

2

Noch völlig benommen, schaltete Gabriella den Wecker aus, als er klingelte, und ging duschen. Denn noch bevor sie mit der Zubereitung der Mahlzeit begann, bestand ihre erste Aufgabe darin, sich präsentabel zu machen. Nachdem sie sich mit dem heißen Wasserstrahl der Dusche den empfindlichen Hals massiert hatte, stieg sie wieder aus der Dusche und trocknete sich ab. Sie stöpselte das Glätteisen ein, denn eine weitere von Brents Anforderungen lautete: Dein Haar muss immer ein ganz dunkles Rot haben und so glatt wie möglich sein. Niemals Locken.

Als sie mit dem Glätten fertig war, ging sie zu dem großen Kleiderschrank im Schlafzimmer, um ein passendes Outfit für Brents Heimkehr auszusuchen. Sie wählte einen Pulli mit Stehkragen, überlegte es sich dann aber anders und entschied sich für eine Bluse mit rundem Ausschnitt, sodass die Blutergüsse sichtbar waren und er daran erinnert werden würde, was er getan hatte.

Sie wollte Brent nicht provozieren, hoffte aber, dass er dadurch seine Hände bei sich behielt. Nachdem sie in eine schwarze Loungehose geschlüpft war und ihr Make-up aufgefrischt hatte, ging sie in die Küche, um sich um das Essen zu kümmern, aber als sie noch einmal auf die Uhr schaute, stellte sie fest, dass sie noch genügend Zeit für einen kleinen Abstecher in den begehbaren Schrank im Gästezimmer hatte.

Die Angst vor Brents Rückkehr war erdrückend, also öffnete sie die Schranktür und setzte sich dann darin im Schneidersitz auf den Boden. Mit zittrigen Händen kramte sie ein paar Süßigkeiten hervor und hoffte, dass sie ihr den Mut geben würden, den Abend durchzustehen. Sie aß zwei Schokoriegel, aber schon beim Anblick der leeren Verpackungen waren die Gewissensbisse wieder da. Also aß sie auch noch einen Karamellriegel. Damit würde es bestimmt klappen. Doch schon beim letzten Bissen waren die vertraute Reue und die Schuldgefühle erneut spürbar.

Beschämt über sich selbst, verließ Gabriella den Schrank und begab sich in die ungemütliche Küche, wo sie wie benommen tat, was zu tun war.

Als Brent zur Tür hereinkam, stand das Essen für ihn bereits auf dem modernen Esstisch. Er ließ sein Gepäck und den Aktenkoffer einfach fallen und sah Gabriella an, die ein künstliches Lächeln aufsetzte und, so gut es ging, ihre zitternden Hände hinter dem Rücken verbarg, während er ihr Äußeres begutachtete. Ganz kurz verharrte sein Blick auf ihrem Hals, aber dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Essen zu.

„Zieh dir ein anderes Oberteil an“, sagte er nur und setzte sich dann, ohne noch einmal in ihre Richtung zu schauen, an den Tisch.

Gabriella huschte schnell ins Schlafzimmer, wechselte dort die Bluse gegen den Pulli und war froh, dass seine Reaktion nicht heftiger ausgefallen war. Sie verspürte einen pochenden Dauerschmerz im Hals und hoffte, dass das ausgeschnittene Oberteil seinen Zweck erfüllt hatte und er sie wenigstens diesen Abend und die Nacht in Ruhe lassen würde.

Als sie wieder an den Esstisch kam, stellte sie fest, dass Brent mit dem Essen fast fertig war. Sie setzte sich auf ihren Platz und versuchte, sich möglichst ruhig zu verhalten, so wie er es mochte, aber als sie nach ihrer Gabel griff, merkte sie, dass ihre Hand zitterte. Sie gab sich große Mühe, es zu verbergen, bevor er es merkte.

„Du musst die Küche putzen“, sagte Brent, als Gabriella gerade den ersten Bissen Fisch in den Mund stecken wollte. Sie zögerte kurz, beschloss dann aber doch, den Bissen zu essen. Doch bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte Brent ihr mit dem Handrücken eine so heftige Ohrfeige verpasst, dass sie vom Stuhl flog. Sie lag auf dem Boden und rieb sich mit der einen Hand die pochende Wange, während sie mit der anderen ihren schmerzenden Hals stützte.

Den Bissen Fisch hatte sie immer noch im Mund und wusste nicht, ob sie ihn ausspucken oder herunterschlucken sollte, ja, sie wusste nicht einmal, ob sie überhaupt schlucken konnte, nachdem ihr Hals jetzt schon wieder einen Ruck abbekommen hatte. Der Fisch in ihrem Mund schien immer mehr zu werden, und sie hatte das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als ihn auszuspucken.

Sie rappelte sich also mühsam wieder auf und fing an, den Tisch abzuräumen, während Brent ins Schlafzimmer ging, um zu duschen. Sie hoffte, dass dabei die Wirkung des Alkohols etwas verfliegen würde, denn wenn er getrunken hatte, behandelte er sie immer besonders schlimm, und an diesem Abend roch er wie eine ganze Bar. Sie brauchte also gar nicht erst lange zu rätseln, wo er die Zeit zwischen Flug und Abendessen verbracht hatte.

Sie spuckte jetzt den Fisch zurück auf ihren Teller, räumte die Küche und den Essbereich auf und putzte alles blitzblank, ohne sonst noch etwas zu essen, bevor Brent zurückkam, um seinen Absacker zu trinken.

Als er wieder in der Küche auftauchte, hatte sie ihm schon den üblichen Whiskey auf Eis eingeschenkt. Sein dunkles Haar war noch feucht vom Duschen, und er trug nur seine dunkle Schlafanzughose.

Brent war ein gut aussehender Mann, der sich perfekt in Form hielt. Als ob das reichen würde …

Am Anfang hatte es ihr tatsächlich genügt, aber inzwischen war sie ziemlich fassungslos darüber, wie oberflächlich sie gewesen war, als sie sich ihn als Partner und sogar als Ehemann ausgesucht und auf nichts weiter geachtet hatte als auf seine hübsche Hülle und die Hinweise darauf, dass er Geld hatte.

Rückblickend schob Gabriella es auf die Umstände, unter denen sie groß geworden war. Sie war ihre gesamte Kindheit hindurch hin und her geschoben worden zwischen Pflegefamilien, Wohngruppen und Heimen, und als sie dann mit 18 endlich volljährig geworden war und das Jugendamt nicht mehr für sie zuständig gewesen war, hatte sie in Chicago auf der Straße gelebt. Doch zum Glück hatte diese Phase nicht lange gedauert, denn schon bald hatte sie sich mit ein paar Mädels zusammengetan, die nach Las Vegas wollten, um dort als Tänzerinnen Karriere zu machen.

Gabriella hatte zwar absolut nicht das Bedürfnis gehabt, irgendwo im Rampenlicht zu stehen, aber ans Kellnern hatte sie sich dann ziemlich rasch und leicht gewöhnt. In diesem Job hatte sie erst vier Monate lang gearbeitet, als sie schließlich in den Brent-Sadler-Zug in Richtung Hölle eingestiegen war.

Er hatte an jenem Abend selbstsicher und charmant das Casino betreten und dann nur noch Augen für sie gehabt. Nach ein paar Stunden hatte er sie dann zu sich herübergewinkt und war aufgestanden, um sie zu begrüßen, als sie sich in dem völlig überfüllten Lokal endlich den Weg zu seinem Platz gebahnt hatte.

„Das ist allein deine Schuld“, hatte Brent gesagt und dabei mit seinen dunklen Augen jeden Zentimeter ihres Körpers abgescannt. Sie registrierte genau, dass es ihm gefiel, wie die Casino-Uniform, die aus Hotpants und einem Glitzer-Top bestand, ihre Figur betonte.

„Tut mir leid, aber das verstehe ich nicht“, hatte sie entgegnet, denn obwohl er diese Bemerkung in einem verführerischen Ton gesagt hatte, irritierte sie diese Aussage.

„Ich habe heute Abend jedes Spiel verloren, weil mich deine kilometerlangen Beine so abgelenkt haben“, hatte er ihr ins Ohr geflüstert und ihr mit der Hand über den Oberschenkel gestrichen.

Gabriella hatte spielerisch seine Hand weggeschlagen und entgegnet: „Das kling aber eher so, als wäre es dein und nicht mein Fehler gewesen, Schätzchen.“

Daraufhin war sie mit ganz besonders viel Hüftschwung wieder zurück an die Bar gegangen, wohl wissend, dass er ihr unmittelbar folgte.

An der Bar angekommen, hatte er ihr den Arm um die Taille gelegt und ihr Gesicht behutsam zu sich hingedreht. „Doch, es ist absolut deine Schuld, und ich glaube, dass du das wiedergutmachen musst“, hatte Brent behauptet. „Wann ist denn deine Schicht hier zu Ende?“

„Um Mitternacht“, hatte Gabriella atemlos geantwortet.

Die kühle Selbstsicherheit, die dieser hinreißende Mann ausstrahlte, hatte sie immer mehr in seinen Bann gezogen. Die oberen Knöpfe seines weißen Hemdes waren geöffnet gewesen, dazu hatte er eine teure schwarze Anzughose getragen – allem Anschein nach war er also eine besonders vielversprechende Gesellschaft für diesen Abend, an dessen Ende sich Gabriella in seiner Penthouse-Suite wiedergefunden hatte.

Am nächsten Morgen hatte Brent sie dazu überredet, ihn zu heiraten und mit ihm nach Washington zu kommen, wo er sie für den Rest ihres Lebens auf Händen tragen wollte. Dieser Mann hatte ihr in der kurzen Zeit, in der sie zusammen gewesen waren, praktisch jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Er war fünfzehn Jahre älter als sie, und Gabriella hatte seine Versprechen damals unwiderstehlich gefunden.

Dazu beigetragen hatte auch, dass sie gemeinsam eine komplett neue Garderobe für sie gekauft hatten, die er mithilfe der Verkäuferinnen in teuren, schicken Boutiquen höchstpersönlich zusammengestellt hatte. Die Verkäuferinnen und auch Brent hatten sie mit Komplimenten überschüttet, und er war mit ihr in die Umkleidekabinen gekommen, hatte ihren Hals mit Küssen bedeckt, und sie hatten zusammen in die großen Spiegel geschaut. Ihre gegensätzliche Erscheinung – sie mit dem hellblonden Haar und den eisblauen Augen und er mit dem dichten dunkelbraunen Haar und den braunen Augen – hatten einen wunderschönen Kontrast gebildet.

„Wir sehen sogar so aus, als würden wir zusammengehören, Baby. Du bist wie für mich gemacht“, hatte er gesagt.

Gabriella war richtig berauscht gewesen von seiner verschwenderischen Aufmerksamkeit, denn bis zur Begegnung mit diesem unwiderstehlichen Mann hatte sie sich noch nie wirklich geliebt gefühlt.

Nach der Shoppingtour war dann noch eine Spa-Behandlung mit Maniküre, Pediküre und zum ersten Mal in ihrem Leben einer professionellen Massage gefolgt, und weil sich Gabriella schon lange nach genau so einem neuen Leben gesehnt hatte, hatte es ihr auch nichts ausgemacht, sich die Haare in einem dunklen Rot färben zu lassen, als Brent und die Friseurin überzeugend behauptet hatten, dass diese Farbe ihre Augenfarbe besonders schön betonen würde.

Als sie von Kopf bis Fuß auf Hochglanz gebracht und ihr dunkelrotes Haar perfekt geglättet worden war, hatte Brent sie sich geschnappt und sie in die nächstgelegene Hochzeitskapelle mitgenommen, um sie offiziell zu seinem Eigentum zu machen – so jedenfalls hatte er es genannt. Innerhalb weniger Tage hatte er ihre Persönlichkeit völlig ausgelöscht und sie genau zu der Person gemacht, die er hatte haben wollen. Und weil sie erst achtzehn gewesen war und schon etliche Jahre der Vernachlässigung hinter sich gehabt hatte, war Gabriella diese Veränderung natürlich absolut recht gewesen.

Das alles hatte sich angefühlt, als würden ihre kühnsten Träume wahr. Ein Prinz Charming war in einem Sportwagen in die Stadt gefahren und hatte das arme Aschenputtel gerettet, das in einem Casinoturm gefangen gehalten worden war.

Brent hatte dem Angestellten in der Hochzeitskapelle einen großzügigen Bonus dafür gezahlt, dass er auf der Heiratsurkunde bestimmte Informationen über sie wegließ. Obwohl ihr vollständiger Name Leah Gabriella Allen gewesen war, hatte auf der Urkunde gestanden, dass Gabriella Allen Brent Donovan Sadler geheiratet hatte.

Brent hatte ihr erzählt, dass er ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann sei und durch diesen kleinen Trick nur ihre Privatsphäre schützen wolle. Er würde nicht zulassen, dass seine Frau in irgendeiner Form belästigt würde. Sie war mit allem einverstanden gewesen und hatte lieber keine Fragen gestellt.

Ach, hätte sie doch schon damals gewusst, was sie jetzt wusste. Während sie zuschaute, wie er jetzt sein Glas vom Küchentresen nahm und sofort einen Schluck trank, dachte Gabriella daran, wie leicht es doch wäre, diesen Gewalttäter einfach zu vergiften und sich aus seiner Gefangenschaft zu befreien. Doch immer wenn sie diesen Gedanken hatte, fand sie sich selbst sofort dermaßen abstoßend, dass sie ihn rasch wieder fallen ließ. So schwer es auch sein mochte, er war nun einmal ihr Mann.

Er trank schnell sein Glas leer und sah ihr dann in die Augen. Sein glasiger Blick bohrte sich in ihren, als er fragte: „Und, gefällt dir, was du siehst, Baby?“ Dabei verzog sich sein Mund zu dem Grinsen, das sie so gut kannte.

Oh nein. Sie hatte nicht die Absicht gehabt, ihn bei ihrem hässlichen Gedankenspiel derart anzustarren. Doch bevor sie noch antworten konnte, kam Brent schon zu ihr herübergeschlendert und zog sie an sich. Er gab ihr einen intensiven Kuss, sodass ihr von dem Alkohol, den er noch frisch im Mund hatte, die Zunge brannte. Dabei hielt er sie am Hinterkopf fest, um sie noch fester an sich zu ziehen, und sie wand sich und weinte beinah, weil ihr ihr verletzter Hals wehtat.

Der Zwischenfall, bei dem er sie gewürgt hatte, war jetzt vier Tage her, und ihrem Hals ging es immer noch nicht besser. Er hatte sie brutal geschüttelt, weil sie vergessen hatte, Sachen von ihm aus der Reinigung zu holen, und dann war er völlig durchgedreht, weil das Essen wegen seines Ausrasters fünf Minuten zu spät auf dem Tisch gestanden hatte. Es war ihre Schuld. Immer ihre Schuld. Als sie neben ihm gestanden und sich leicht vorgebeugt hatte, um ihm seinen Teller hinzustellen, hatte er sie am Hals gepackt und so lange gewürgt, bis sie das Bewusstsein verloren hatte.

Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie völlig entsetzt festgestellt, dass Brent immer noch am Tisch saß, als wäre nichts passiert, und mittlerweile sein Abendessen beendet hatte, während sie direkt neben seinem Stuhl bewusstlos auf dem Boden gelegen hatte. Sie war liegen geblieben und hatte nicht gewusst, ob sie sich mit ihrem schmerzenden Hals überhaupt würde bewegen können, bis er gesagt hatte, sie solle gefälligst aufstehen und sich um das Chaos in der Wohnung kümmern.

Sie schob diese Erinnerung jetzt rasch beiseite und versuchte, sich auf die unmittelbare Bedrohung zu konzentrieren. „Bitte, Brent. Mein Hals ich wirklich verletzt. Ich tue alles, was du willst. Aber sei bitte vorsichtig …“

Doch er packte sie am Kinn, um sie zum Schweigen zu bringen, und zischte in seiner betrunkenen Wut: „Vielleicht solltest du ein paar Tage im Wandschrank verbringen, bis sich dein Hals erholt hat!“ Und mit diesen Worten zerrte er sie ins Gästezimmer.

„Aber morgen Abend ist doch das Benefizdinner für das New Hope Children’s Home!“, flehte sie ihn an. Doch der Appell war wirkungslos, und ihr war klar, dass er sie an ihrem einzigen Herzensprojekt nicht würde teilhaben lassen.

Er grinste sie nur höhnisch an und sagte: „Dann musst du es dir demnächst vielleicht besser überlegen, mir zu widersprechen. Die Gören werden wohl ohne dich auskommen müssen, meine Liebe.“

Da gab Gabriella das Flehen und Betteln auf, weil es einfach sinnlos war.

„Bitte, Brent, bitte lass mich erst noch ins Bad gehen. Ich mache auch bestimmt keinen Ärger mehr, versprochen.“

Sie war überrascht, als er tatsächlich nachgab und sie losließ. „Ich gebe dir eine Minute“, zischte er.

Sie ging also ins Bad, und beim Händewaschen öffnete sie ganz leise den Medizinschrank, nahm die Packung mit Schmerztabletten heraus, die ganz hinten lag, steckte sie sich in den BH und ging wieder zu Brent, der schon vor der Tür wartete. Bereitwillig begab sie sich in den begehbaren Schrank, wo sie sich noch einmal umdrehte und ihn ansah. Seine schokoladenbraunen Augen waren gerötet und blitzten böse. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, als er sich an den Türrahmen lehnte und sie ebenfalls einen Moment lang ansah. Sie wollte doch nur, dass er sie liebte, aber er schüttelte ganz langsam den Kopf, sodass sie lieber stehen blieb.

„Das wäre alles nicht nötig, wenn du tun würdest, was du sollst“, sagte er mit müder Stimme und fuhr fort: „Aber du machst immer nur alles unnötig kompliziert.“ Dann schlug er ihr die Tür vor der Nase zu.

Gabriellas Schultern sackten wie automatisch nach unten, als sie das vertraute Klicken hörte, mit dem er die Tür erst abschloss und dann noch zusätzlich den Riegel vorschob. Wie betäubt stand sie in dem engen begehbaren Wandschrank, hörte, wie Brent die Schlafzimmertür schloss, und wusste, dass er in absehbarer Zeit nicht wiederkommen würde.

Der pochende Schmerz in ihrem Hals, der bis hinunter in ihren Rücken strahlte, war mittlerweile fast unerträglich. Sie versuchte, sich an die völlige Dunkelheit zu gewöhnen, und tastete auf dem obersten Regal nach dem u-förmigen Nackenkissen, das sie dort vor ein paar Jahren deponiert hatte. Jemand aus Brents Büro hatte es ihm zu Weihnachten geschenkt, wahrscheinlich, weil es ein praktisches Utensil für jemanden war, der viel flog, aber Brent hatte es natürlich nie benutzt. Gabriella hatte es trotzdem nicht weggeworfen und war darüber jetzt sehr froh, weil es sich gut als Stütze für ihren Hals und Nacken eignete. Sie nahm es also jetzt aus dem Regal und legte sich das glatte, weiche Kissen um ihren schmerzenden Hals.

Völlig erschöpft warf sie noch ein paar zusätzliche Kissen und eine Decke auf den Boden und kramte ganz hinten am Boden des Schrankes nach einer Wasserflasche, von denen sie immer einen größeren Vorrat dort deponiert hatte. Ein einziges Mal war es ihr passiert, dass sie vergessen hatte, den Wasservorrat aufzufüllen, und dieses Versäumnis hätte beinahe verhängnisvoll geendet, denn als Brent sie wieder aus dem Schrank befreit hatte, war sie so dehydriert gewesen, dass ihm nichts anderes übriggeblieben war, als mit ihr in die Notaufnahme zu fahren. Das war das zweite Mal gewesen, dass er eine medizinische Behandlung zugelassen hatte. Die Dehydration hatte er dann auf einen üblen Magen-Darm-Infekt geschoben, und Gabriella hatte nicht gewagt zu widersprechen.

Beim ersten Mal waren sie in die Notaufnahme gefahren, als sie etwa zwei Jahre verheiratet gewesen waren. Gabriella hatte sich nach Feierabend mit Brent auf einer Party treffen sollen und zu diesem Anlass ein elegantes, langes smaragdgrünes Kleid und dazu goldfarbene Stilettos getragen. Doch dann hatte Brent völlig entsetzt festgestellt, dass sie darin größer war als er. Den ganzen Abend über hatte sie von ihm entfernt stehen müssen, damit es niemand bemerkte, und nachdem sie wieder zu Hause gewesen waren, hatte der völlig betrunkene Brent ihr vorgeworfen, sie habe ihn total blamiert.

Als sie dann vor ihm her die Treppe hinaufgegangen war, um seiner Wut aus dem Weg zu gehen, hatte er sie an den Haaren gepackt und heftig zurückgezerrt, sodass sie gestürzt war und sich einen so komplizierten Knöchelbruch zuzog, dass eine Operation nötig gewesen war. Sechs Wochen hatte Gabriella danach auf dem Sofa liegen müssen und dabei deprimierend viel Gewicht zugenommen.

Als sie jetzt in dem dunklen begehbaren Wandschrank saß, holte sie die noch fast volle Packung Schmerztabletten aus ihrem BH hervor und überlegte, ob sie nicht die Tabletten alle auf einmal schlucken sollte, um diesem ganzen Elend ein Ende zu machen. Es war wirklich eine große Versuchung, einfach einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen, um diesem Albtraum ein für alle Mal zu entkommen. Brent hasste sie. Sie hasste sich selbst. Sie hatte niemanden.

Sie drückte drei Tabletten aus der Packung in ihre Handfläche, steckte sie in den Mund und spülte sie mit Wasser herunter. Dann drückte sie weitere drei Tabletten in ihre Hand, und ihr liefen Tränen übers Gesicht, als sie sie betrachtete. Sie wünschte es sich so sehr, aber sie brachte es einfach nicht fertig.

„Was bist du für ein Feigling. Ich hasse dich“, flüsterte Gabriella im Dunkeln, als sie die Tabletten wieder einpackte, das Nackenkissen zurechtrückte und versuchte, sich für die unbestimmte Dauer ihrer Strafe einzurichten. Während sie darauf wartete, dass die Tabletten zu wirken begannen, zählte Gabriella all die Gründe auf, weshalb sie eine Versagerin war und sie dieses elende Leben verdient hatte. Niemand hasste Gabriella Sadler so sehr wie Gabriella Sadler selbst.

Während sie versuchte, es sich einigermaßen gemütlich zu machen, musste sie wieder an ihren ersten Aufenthalt in diesem Schrank denken. Sie war damals seit etwa fünf Monaten mit Brent verheiratet gewesen und hatte als Überraschung für ihn beschlossen, sich die Haare wieder blond zu färben. Als er nach Hause gekommen war, hatte er sie erst geschlagen und dann in den begehbaren Schrank gesperrt.

Er könne ihren Anblick nicht ertragen, hatte er behauptet, und die völlig geschockte Gabriella hatte zwei Tage lang ohne Wasser und etwas zu essen in dem Schrank gesessen. Sie hatte sich furchtbar geschämt, denn sie hatte ihre Kleider eingenässt, weil sie nicht zur Toilette hatte gehen können, und als Brent sie endlich wieder herausgelassen hatte, hatte er sie immer wieder um Verzeihung gebeten und gesagt, er wisse auch nicht, was da in ihn gefahren sei. Er hatte versprochen, so etwas nie wieder zu tun, und ihr als Wiedergutmachung ein Brillantarmband gekauft. Und die junge, naive Gabriella hatte ihm geglaubt.

Der nächste Aufenthalt in dem Schrank war die Strafe dafür gewesen, dass sie im Fitnessstudio von einem jungen Mann angesprochen worden war. Zusätzlich zu ihrem erzwungenen Schrankaufenthalt hatte Brent dieses Mal auch noch ihren Vertrag mit dem Fitnessstudio gekündigt. Als sie damals mit eingenässter Hose zusammengerollt auf dem Boden des Schrankes gelegen hatte, hatte sie immer nur an das Sprichwort „Wer zweimal auf denselben Trick hereinfällt, ist selber schuld“ denken können.

Aber Gabriella war zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass Brent gerade nur eine schwierige Phase durchmachte, die vorübergehen würde. Das hatte sie auch dann noch geglaubt, als sie bei einem Blick auf den begehbaren Kleiderschrank im Gästezimmer festgestellt hatte, dass außen an der Schranktür zusätzlich ein Riegel angebracht worden war. Erst war sie nur völlig verwirrt gewesen, aber dann war ihr plötzlich bewusst geworden, dass all das mit Vorsatz geschah, und sie hatte gehofft, dass nicht schon vor ihr jemand die Gefangenschaft im Schrank hatte ertragen müssen.

Nachdem sie nach der zweiten Gefangenschaft im Schrank von Brent wieder befreit worden war, hatte Gabriella sich auf weitere Aufenthalte dort vorbereitet und Vorräte angelegt. Als sie sich dann dabei ertappte, wie sie als provisorische Toilette eine Dose mit Deckel im Schrank deponierte, war sie über ihr Verhalten selbst irritiert gewesen. Ihr Bauchgefühl hatte ihr gesagt, dass sie die Beine in die Hand nehmen und weglaufen solle, aber wohin um alles in der Welt hätte sie denn fliehen sollen? Sie hatte nichts und niemanden und saß hoffnungslos in der Falle.

Statt wegzulaufen, hatte sie also versucht, ihre Situation so angenehm und bequem wie möglich zu gestalten.

Ein paar Stunden später wachte Gabriella mit pochenden Schmerzen am ganzen Körper auf. Sie war die ewigen Schmerzen so leid. Eine Weile lag sie einfach da und versuchte, ihren lädierten Körper dazu zu überreden, sich zu bewegen. Sie tastete nach ihrer Uhr und drückte auf den Beleuchtungsknopf. Es war neun Uhr morgens. Erleichtert, dass Brent bereits zur Arbeit gegangen sein musste und den ganzen Tag nicht da sein würde, kramte sie nach der großen Taschenlampe und setzte sich mühsam auf. Nachdem eine Welle von Benommenheit langsam nachließ, drückte sie gegen die Schranktür, war aber nicht weiter verwundert, dass die Tür nicht nachgab.

Jeder Morgen im Schrank begann mit der qualvollen Hoffnung, endlich herausgelassen zu werden. Brent schloss die Tür nie auf, wenn Gabriella wach war, und sie nahm an, dass das wahrscheinlich seine Art war, nicht mit dem Problem konfrontiert zu werden, das er sozusagen selbst hervorgerufen hatte.

Als Nächstes benutzte sie ihre Toilettendose, holte dann ihre Zahnbürste hervor, die Zahnpasta und eine Flasche Wasser. Im Laufe der zehn Jahre, die sie jetzt schon mit Brent zusammenlebte, war ihr diese Schrankroutine in Fleisch und Blut übergegangen. Nach dem Zähneputzen reinigte sie sich mit ein paar Feuchttüchern den Körper, aber als sie danach wieder auf die Uhr schaute, waren erst 20 Minuten vergangen. Als wüsste er, dass er etwas zu tun brauchte, fing jetzt ihr Magen an zu knurren. Also gab sie nach und kramte eine Tüte mit Keksen hervor.

Sie gönnte sich die halbe Tüte, bevor sie sie wieder verstaute, und verzehrte als Nächstes einen kleinen Bisquitkuchen und danach zwei Schokoriegel, die sie mit einer Büchse warmer Limo hinunterspülte. Beschämt räumte Gabriella den Süßkram wieder weg und stellte beim Blick auf die Uhr fest, dass ihr Frühstück nur zehn Minuten gedauert hatte. Sie beschloss, noch einmal zwei Schmerztabletten zu nehmen, und entschied sich dann auf ihrem Schlaflager noch eine dritte zu nehmen.

Die nächsten beiden Tage vergingen in einem leicht benebelten Wechsel vom Kontrollieren der Zeit, dem Essen von Süßigkeiten, Weinen, noch mehr Tabletten und unruhigem, unerholsamem Schlaf. Am dritten Tag waren alle Tabletten und das gesamte Wasser aufgebraucht. Weil sie sich so schmuddelig fühlte und in ihrem Gefängnis langsam panisch wurde, suchte Gabriella nach dem Schraubenzieher, den sie versteckt hatte, und machte sich an dem Schloss des Schrankes zu schaffen und flüsterte ein schnelles Dankgebet, als sie das vertraute Klicken des Schlosses hörte … nur um festzustellen, dass Brent auch noch den Riegel über der Tür vorgeschoben hatte.

3

Gabriella war unbeschreiblich erleichtert, als sie am fünften Morgen feststellte, dass die Schranktür nicht mehr verschlossen war. Sie stieß sie auf und atmete die kühle frische Luft des großen Raumes ein. Dann richtete sie sich langsam auf, ging zum Waschbecken im Gästebad und trank gierig aus dem Wasserhahn. Nach mehreren tiefen Zügen spritzte sie sich zur Erfrischung Wasser ins Gesicht, und als sie sich wieder aufrichtete, um ihren völlig verspannten Rücken zu strecken, erhaschte sie im Spiegel einen kurzen Blick auf ein völlig verzotteltes rothaariges Monster mit tiefen dunklen Ringen unter den Augen.

Eine ganze Weile schaute sie sich im Spiegel an und stellte fest, dass ihr Haar schon einen deutlich erkennbaren blonden Ansatz hatte. Gut, dass die Blutergüsse am Hals so weit verblasst waren, dass sie sich wieder zum Friseur trauen konnte.

Gabriella ging ins Schlafzimmer, um ihr Handy zu holen, denn sie musste unbedingt wissen, welcher Tag es war und welche Termine sie absagen oder verlegen musste. Als sie es aus ihrer Handtasche nahm, sah sie darin die Packung mit ihren Antibabypillen und nahm rasch eine. Da sie vier Tage lang die Pille nicht hatte nehmen können, hatte sie zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt ihre Periode bekommen, aber die Blutung war zum Glück nicht so stark – wenigstens hatte sie versucht, sich das in ihrer Gefangenschaft einzureden. Nachdem sie ihr Handy ans Ladekabel angeschlossen hatte, vereinbarte sie einen Friseurtermin direkt für den nächsten Morgen, denn sie wusste, dass Brent explodieren würde, wenn er den blonden Ansatz bemerkte.

Als Nächstes holte sie einen Müllbeutel und entsorgte all den Müll aus dem Schrank. Nachdem sie alles aufgeräumt und sauber gemacht hatte, deponierte sie dort einen neuen Vorrat an Wasserflaschen sowie eine neue Dose mit Deckel und verstaute alles möglichst unauffällig. Den Müll stellte sie an die Tür, um ihn später zur Mülltonne zu bringen. Weil sie schon wieder müde wurde, ging sie erst einmal in die Küche, um etwas zu essen. Dabei entdeckte sie einen Strauß weißer Rosen und eine wunderschöne Geschenkbox – Brents übliche Entschuldigungsgeschenke –, die auf dem Küchentresen standen. Doch anstatt sich die Geschenke anzuschauen, ging sie erst einmal direkt zur Kaffeemaschine. Nachdem Gabriella die Kaffeemaschine befüllt und eingeschaltet hatte, steckte sie zwei Scheiben Brot in den Toaster und stellte eine Pfanne auf den Herd. Sie knabberte zunächst den Toast mit Butter und trank mit gierigen Schlucken einen Becher Kaffee, während sie sechs Eier briet. Als die Eier fertig waren, verzehrte sie sie mit noch mehr Toast und trank dazu weiter Kaffee.

Bei der dritten Tasse war sie wieder einigermaßen bei sich. Rasch räumte sie die Küche, das Wohnzimmer und das Bad auf und putzte alles blitzblank. Beim Aufräumen im Schlafzimmer entdeckte sie auf Brents Kommode mehrere Hundertdollarscheine und ein Streichholzheftchen aus Las Vergas. Er hatte sie also nicht nur eingesperrt, sondern währenddessen auch noch allein gelassen, aber auch wenn das sehr traurig war, überraschte es sie nicht weiter.

Sie schüttelte nur den Kopf, nahm die vier Hundertdollarscheine und legte sie in ihr Bargeldversteck hinter ihrem Frisiertisch. Brent war furchtbar nachlässig mit seinem Bargeld, was für Gabriella allerdings von Vorteil war, denn manchmal gab er ihr große Summen Bargeld, ohne es vorher zu zählen, und trug ihr auf, sie auf sein Bankkonto einzuzahlen. Sie hatte keine Ahnung, woher das viele Bargeld kam, und im Grunde wollte sie es auch lieber gar nicht wissen. Auf diese Weise hatte sie im Laufe der Zeit unbemerkt Bargeld abzweigen und ein hübsches Sümmchen beiseiteschaffen können. Doch obwohl sie wusste, dass die Summe längst ausreichte, um sich abzusetzen, hatte sie furchtbare Angst davor, es tatsächlich zu tun.

Mittlerweile konnte Gabriella ihren eigenen Geruch kaum noch aushalten und ging ins Bad, um ausgiebig heiß zu duschen. Bei der Waschmaschine machte sie kurz halt und warf ihr Top und den BH hinein, aber weil sie wusste, dass die Blutflecke aus Slip und Hose nicht mehr herausgehen würden, stopfte sie beides mit in die Mülltüte, die noch an der Tür stand.

Immer noch ziemlich benommen duschte sie, glättete dann ihre lockigen Haare und schminkte sich. Irgendwann wurde die Stille vom Klingeln des Telefons durchbrochen, und sie erschrak, denn die Stille war ihre ständige Begleiterin geworden. Manchmal hörte sie tagelang von niemandem ein Wort.

„Hallo?“

„Ja, Mrs Sadler? Hier ist die Sekretärin von Mr Sadler. Er hat mich gebeten, Ihnen auszurichten, dass er heute das Abendessen liefern lässt und Sie den Abend freihaben.“ Es schien der Sekretärin zu gefallen, ihr diese gute Nachricht zu übermitteln.

„Okay, danke.“ Auch das gehörte zu seinem Wiedergutmachungsritual. Wenigstens war es dieses Mal kein neues Auto. Zunächst war Gabriella hingerissen gewesen von den Geschenken, die er ihr machte, wenn er ein schlechtes Gewissen hatte, aber im Laufe der vergangenen zehn Jahre war sie reifer geworden, und mittlerweile fühlte sie sich nur noch billig, wenn er ihr derartige Geschenke machte.

Nach dem Telefongespräch beschloss sie nachzuschauen, was in dem wunderhübsch verpackten Päckchen war, das sie in der Küche vorgefunden hatte. Sie nahm es mit ins Schlafzimmer und setzte sich aufs Bett, die einzige bequeme Sitzgelegenheit im gesamten Loft. Sie öffnete die Box und nahm ein smaragdgrünes seidenes Nachthemd mit einem passenden Morgenmantel heraus. Das Nachthemd war lang und elegant mit einem integrierten Mieder, aber sie erschrak richtig, als sie entdeckte, dass er es in Größe 44 gekauft und damit die richtige Größe gewählt hatte.

Der Gedanke, dass Brent Lingerie in einer so großen Größe vielleicht bei einer jungen, hübschen, schlanken Verkäuferin gekauft und dann auch noch als Geschenk hatte verpacken lassen, war ihr schrecklich peinlich, und er tat ihr fast leid. Gabriella war sich sicher, dass die Verkäuferin den gut aussehenden Mann, der offenbar eine Plus-Size-Frau am Hals hatte, bedauert hatte.

Als sie sich die schönen Wäschestücke genauer anschaute, war sie wieder davon überzeugt, dass Brent sie lieben musste. Warum sonst hätte jemand bei einer Frau bleiben sollen, die so dick war? Welchen Grund außer Liebe konnte es dafür geben? Sie zog sich wieder aus, um das Nachthemd und den Morgenmantel anzuprobieren, und frischte dann ihr Make-up noch einmal auf.

Während sie sich danach im Spiegel betrachtete, gelobte sie, alles zu tun, um Brent zu gefallen. Sie würde nie einen besseren Mann finden als ihn. Sie liebte Brent, und sie brauchte ihn. Solche und andere verworrene Gedanken darüber, wie sie überleben sollte, gingen ihr ununterbrochen durch den Kopf.

Als sie wieder auf die Uhr sah, stellte sie fest, dass Brent bald zu Hause sein würde, also ging sie zum Barschrank, um ihm seinen Drink zu mixen, und trank sich dann aus Angst vor seiner Rückkehr mit zwei kleinen Bourbon Mut an. Kurz darauf traf Brent ein, und sie reichte ihm seinen Drink, den er mit einem reumütigen Kopfschütteln ablehnte.

„Ich versuche, weniger zu trinken“, sagte er, nahm sie zärtlich in die Arme und murmelte in ihren Hals vergraben: „Ich habe dich vermisst, Baby.“

Gabriella sog seine Zuneigung gierig auf, und seine beruhigende Umarmung hätte ewig dauern können. „Ich dich noch viel mehr“, sagte sie gegen seine Schulter.

„Ich liebe dieses Grün zu deinen Haaren“, erklärte er, als er sie nach der Umarmung eine Armeslänge von sich entfernt hielt, um die neuen Sachen an ihr anzuschauen, bevor er sie wieder an sich zog.

„Danke. Die Sachen sind wirklich wunderschön!“

„Für mein Baby nur das Beste“, flüsterte er ihr ins Ohr, sodass sie am ganzen Körper eine Gänsehaut bekam. Dieser Mann, der sie manchmal verprügelte, bis sie ein Nichts war, schaffte es genauso, ihr das Gefühl zu geben, die wichtigste Frau der Welt zu sein. Das war der Mann, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte. Obwohl sie ihn nicht oft sah, war es alles Warten und Alleinsein wert, wenn er dann da war. Er konnte sie mit einem Blick genauso in seinen Bann ziehen, wie er sie damit in Angst und Schrecken versetzte.

Brent zog Gabriellas Gesicht ganz nah an seines heran und küsste sie sanft. Als er völlig unerwartet den Bourbon an ihrem Mund schmeckte, löste er sich wieder von ihr und grinste sie an.

„Wenn du schon mit unserer Party angefangen hast, dann können wir doch noch zusammen einen trinken, oder?“, sagte er, lächelte verrucht und griff nach dem Glas.

In diesem Augenblick wünschte Gabriella, sie hätte die Finger vom Alkohol gelassen, denn eigentlich trank sie nicht mehr seit der Zeit, in der sie in Vegas als Kellnerin gearbeitet hatte. Nachdem sie jetzt doch einmal schwach geworden war, fürchtete sie, dass sie vielleicht den Abend ruiniert hatte und nicht den netten Brent erleben würde, sondern mit dem betrunkenen fertigwerden musste; denn wenn er einmal zu trinken begonnen hatte, konnte er in der Regel nicht wieder aufhören.

An diesem Abend hatte sie jedoch Glück. Nach seinem dritten Bourbon zog Brent Gabriella zu ihrem Bett, wo sie den Rest der Nacht verbrachten – als Wiedergutmachung für ihren Aufenthalt im Wandschrank. Das Essen wurde geliefert und später entsorgt, ohne dass es angerührt worden war.

Brent nahm diese Versöhnungsnächte sehr ernst. Es war, als glaubte er, dass er dadurch das, was er ihr angetan hatte, völlig aus ihrem Gedächtnis löschen konnte. Ihr war klar, dass sie sich eigentlich gegen ihn hätte wehren, ihm widerstehen und mit ihm darüber hätte reden müssen, dass er Hilfe brauchte. Sie wusste, dass sie ihn eigentlich wegen häuslicher Gewalt hätte anzeigen müssen. Sie wusste, dass das aufhören musste, aber wenn er sie liebte und das auch zeigte, dann brachte sie es einfach nicht fertig, seine Zuwendung abzuweisen. Sich in Nächten wie dieser wichtig zu fühlen, war einfach unwiderstehlich für sie, denn sie glaubte, dass das wahre Liebe war – jedenfalls fühlte es sich so an …

4

DONUTS … Mit Donuts geht alles besser!

„Ein perfekter Morgen für einen perfekten Donut. Willkommen im Donut-Diner. Ihre Bestellung bitte“, sagte Shayna durch den Drive-in-Lautsprecher.

„Sie nehmen mir wirklich das Wort aus dem Mund“, entgegnete Gabriella.

„Hey Gaby. Wie üblich?“

„Ja, aber statt des einen Cappuccinos hätte ich heute gerne Milch?“

„Klar! Fahren Sie bitte zum Abholschalter.“

Gabriella hatte gehofft, dass die große Sonnenbrille ihre Blutergüsse und die geschwollene Nase verdecken würde, doch das war offenbar nicht der Fall.

„Oh …“, murmelte Shayna, als sie das Fenster öffnete. „Wow, Gaby, was ist denn mit Ihnen passiert?“

Gabriella lachte nervös und versuchte, ihr Gesicht mit ihren langen Haaren zu verdecken. „Ich bin gestolpert und gegen den blöden Tisch gefallen. Dabei ist mir irgendwie mein Gesicht abhandengekommen.“

„Ich kenne wirklich niemanden, dem so viele Missgeschicke passieren. Ist die Nase gebrochen?“, fragte Shayna und klang etwas misstrauisch.

„Ich glaube nicht“, antwortete Gabriella, gab Shayna das Geld und bekam die Schachtel mit den noch warmen Donuts und den Kaffee durch das Fenster herausgereicht. Als Gabriella beides abgestellt hatte, reichte Shayna ihr die Flasche mit Milch hinterher, hielt sie aber fest, während Gabriella sie annehmen wollte.

Als sie ein bisschen zog, warf ihr Shayna einen wissenden Blick zu, ließ die Flasche los und fragte: „Weiß Mr Sadler es schon?“

Doch bevor sie weiterreden konnte, kurbelte Gabriella rasch das Fenster hoch und fuhr davon.

Auf dem Weg zur Arztpraxis verzehrte sie die Hälfte der Donuts und hob sich den Rest für den Heimweg auf. Sie war wegen der Verletzungen im Gesicht etwas nervös gewesen und jetzt ziemlich unglücklich, weil es Shauna sofort aufgefallen war. Nach ihrem letzten längeren Aufenthalt in dem begehbaren Schrank war Gabriellas Periode ausgeblieben. Etwas über zweieinhalb Monate war das jetzt schon her. Und weil sich ihr Körper so anders anfühlte, war sie ziemlich sicher, dass sie schwanger war.

Brent war in letzter Zeit einigermaßen umgänglich gewesen, sodass sie sich vorstellen konnte, ihm die Neuigkeiten mitzuteilen, auch wenn er eigentlich von Anfang an sehr klargemacht hatte, dass in seiner Lebensplanung Kinder nicht vorgesehen waren. Vor drei Tagen hatte sie dann ganz vorsichtig versucht, sich dem Thema zu nähern, aber das hatte die Verletzungen im Gesicht und eine Nacht im Schrank nach sich gezogen.

Nach ihrer Freilassung aus dem Schrank hatte Gabriella dann heimlich einen Arzttermin vereinbart, denn ihre Sorge war zu groß, um mit der Feststellung der Schwangerschaft zu warten, bis ihr Gesicht vollständig verheilt war. Sie würde die neue Gynäkologin deshalb von Anfang an belügen müssen, und das hatte sie bei Shayna üben wollen. Doch nicht einmal die hatte ihr ihre Erklärungen abgenommen.

Die Schminke hob die Schwellungen und Blutergüsse offenbar noch hervor, statt sie abzudecken. Gabriella beschloss deshalb, es wie die Hollywoodstars zu machen und die Sonnenbrille erst abzunehmen, wenn sie im Sprechzimmer war.

Weil Donnerstag war, hatte sie den Termin auf die Zeit gelegt, in der sie normalerweise die Einkäufe erledigte, und morgens vor dem Verlassen der Wohnung noch die Lebensmittel, die sie brauchte, für 13:00 Uhr beim Lieferservice bestellt. Diesen Service hatte sie auch schon genutzt, als sie wegen ihres Knöchels hatte weder gehen noch Auto fahren können.

Außerdem hatte sie vor ihrem Besuch im Donutladen ein Postfach angelegt, damit sie bei der Anmeldung in der Arztpraxis eine Adresse für die medizinischen Formalitäten angeben konnte, denn Gabriella war fest entschlossen, sich nach dem Arzttermin zu überlegen, wie sie Brent verlassen und sich absetzen konnte. Das war sie sich und besonders dem Baby schuldig.

Als sie vor der Arztpraxis hielt, klingelte ihr Handy zum üblichen Zeitpunkt. „Hallo?“

„Hallo Baby, bist du schon beim Supermarkt?“, fragte Brent.

„Bin gerade angekommen.“ Sie hoffte, ihre zittrige Stimme verriet die Lüge nicht. „Brauchst du noch irgendetwas?“

„Nein, ich wollte nur kurz nach dir hören. Trägst du die neuen Ohrringe?“

Gabriella schaute in den Rückspiegel und betrachtete die beiden funkelnden einkarätigen Diamantohrringe, die ihr von den Ohren baumelten.

„Ja. Sie sind wirklich wunderschön. Danke noch mal“, antwortete sie und versuchte, echt zu klingen, merkte aber, dass es ihr nicht gut gelungen war.

„Sorge dafür, dass das Abendessen um 19:00 Uhr auf dem Tisch steht“, sagte er dann nur noch und legte einfach auf.

„Ich hasse dich“, flüsterte sie in ihr Handy, bevor sie es wieder in die Handtasche steckte.

Gabriella atmete noch einmal tief durch, bevor sie vor dem Ärztehaus aus ihrem Range Rover stieg und dann in die Praxis mit dem Schild Dr. Clara Simmons, Gynäkologie und Geburtshilfe ging. Sie ignorierte den irritierten Blick der Frau an der Anmeldung und nahm den Anamnesebogen in Angriff, doch noch bevor sie sich setzen konnte, wurde sie von einer Sprechstundenhilfe in ein freies Behandlungszimmer gebracht.

Gabriella war beeindruckt von dem offenbar flotten und reibungslosen Ablauf in der Praxis. In dem Moment, in dem sie ihre Sonnenbrille abnahm, betrat eine große Frau mit kaffeebrauner Haut und einer flippigen, aber sehr gepflegten Afrofrisur den Raum.

Dem Namensschild an ihrem Kittel nach war sie die Ärztin. Sie sah Gabriella direkt an und sagte: „Mir wurde mitgeteilt, dass wir einen Notfall haben. Ich bin Dr. Simmons.“

Ihre karamellfarbenen Augen sahen Gabriella aufmerksam an, während sie auf eine Antwort wartete.

Weil sie wegen des Südstaatenakzents der Ärztin so verblüfft war, war Gabriella einen Moment lang sprachlos.

„Nein. Nein, kein Notfall. Das ist nur ein ganz normaler Arztbesuch“, erklärte sie.

„Nein?“, fragte die Ärztin mit gerunzelter Stirn. „Sind Sie ganz sicher?“

„Meinen Sie das hier?“, fragte Gabriella und deutete auf ihr Gesicht. „Ich bin gestolpert und auf den Couchtisch gefallen“, erklärte sie lachend, aber der Miene der Ärztin war deutlich zu entnehmen, dass sie ihr genauso wenig glaubte wie Shayna.

„Ich glaube, ich bin schwanger“, platze es aus ihr heraus, und sie hoffte, dadurch von ihrer Lüge ablenken zu können.

„Okay“, sagte Dr. Simmons und trat hinaus auf den Gang, um eine Assistentin zu rufen. „Das ist Julie. Ich glaube, Sie haben sich gerade eben schon kurz gesehen, oder? Nehmen Sie doch Mrs Sadler bitte Blut ab, Julie, und lassen Sie sich eine Urinprobe geben, ja? Und wenn sich die Schwangerschaft bestätigt, bringen Sie sie bitte zum Ultraschall.“

„Mache ich, Dr. Simmons.“

Die Sprechstundenhilfe nahm Gabriella also mit ins Labor, wo Gabriella tief durchatmete, bevor sie auf die Waage stieg und fast angefangen hätte zu weinen, als 107 Kilogramm angezeigt wurden. Wie hatte sie sich nur so gehen lassen können?

Nachdem auch noch ihre Größe, ihre Temperatur und ihr Blutdruck gemessen und eine Blut- und eine Urinprobe genommen worden waren, wurde sie gebeten, sich frei zu machen und auf den Untersuchungsstuhl zu setzen. Die Helferin lächelte Gabriella noch einmal aufmunternd zu, bevor sie den Raum wieder verließ.

Es vergingen zehn Minuten in völliger Stille, bis die Ärztin wieder den Raum betrat. „Herzlichen Glückwunsch, Mrs Sadler, Sie sind tatsächlich schwanger“, sagte sie, und während sie Handschuhe anzog, bat sie Gabriella, sich zurückzulegen und möglichst zu entspannen. „Ich werde jetzt eine vaginale Ultraschalluntersuchung vornehmen, weil die Schwangerschaft noch im Frühstadium ist.“

Na toll. Gabriella rutschte auf dem Stuhl nach unten. Noch mehr Zeugs, das richtig Spaß macht …

Als die unangenehme Untersuchung beendet war und Gabriella sich wieder angezogen hatte, ging sie in das Sprechzimmer der Ärztin und setzte sich, während Dr. Simmons noch einmal alle Informationen durchging.

„Nach meinen Berechnungen sind Sie ungefähr in der zehnten Schwangerschaftswoche, und sowohl dem Ultraschall als auch den Blutwerten nach verläuft alles normal.“ Die Ärztin überreichte Gabriella die Ultraschallbilder und zeigte auf einen weißen, seltsam geformten Fleck in der dunklen Höhle ihrer Gebärmutter.

„Dieser kleine erdnussförmige Fleck da ist Ihr Baby“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln.

Gabriella liefen Tränen übers Gesicht, als sie zurücklächelte. Endlich kannte noch jemand diese sehr persönliche Neuigkeit, auch wenn es eine Fremde war.

Gabriella gestattete sich, ganz kurz, so zu tun …

… als wäre diese Frau, die sie gerade erst kennengelernt hatte, schon seit ewigen Zeiten ihre beste Freundin. Sie hatten sogar dasselbe College besucht und sich im Wohnheim ein Zimmer geteilt. Sie trafen sich zum Lunch, um einen Grillabend im Garten zu planen, wo sie der versammelten Familie und den Freunden von ihren Schwangerschaften erzählen wollten. Natürlich hatten sie beide hingebungsvolle Ehemänner, die außer sich waren vor Freude über die Schwangerschaften und ihre Frauen um die Wette verwöhnten. Ein perfektes Leben voller Liebe und Lachen und Familie …

„Mrs Sadler?“ Dr. Simmons hatte sich schon mehrmals geräuspert und sprach Gabriella jetzt direkt an.

Der Tagtraum verflüchtigte sich, und an seine Stelle trat wieder die harsche Realität, nämlich dass sie mit einem Gesicht voller Blutergüsse und einer ungeplanten Schwangerschaft, die sie bis jetzt geheim gehalten hatte, in einer Arztpraxis saß. Angst und Nervosität gewannen wieder die Oberhand, und ihr Lächeln erlosch genauso plötzlich, wie es gekommen war.

„Ist alles in Ordnung, Mrs Sadler?“

„Wie weit muss die Schwangerschaft denn fortgeschritten sein, dass eine Abtreibung nicht mehr möglich ist?“, fragte Gabriella und weinte jetzt ohne Hemmungen.