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dapd-Handbuch "Soziale Netzwerke für Nachrichtenjournalisten"
Das E-Book Soziale Netzwerke für Nachrichtenjournalisten wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
soziale Netzwerke, Handbuch, Nachrichtenagentur, dapd
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2011
dapd-Handbuch
Soziale Netzwerke für
Nachrichtenjournalisten
dapd-Handbuch
SOZIALE NETZWERKE
für Nachrichtenjournalisten
Von DANIEL BOUHS
Herausgeber: dapd nachrichten GmbH,
Reinhardtstraße 52, 10117 Berlin
Verantwortlich: Cord Dreyer, Chefredakteur und Geschäftsführer
Autor: Daniel Bouhs
Projekt-Koordination: Ulrich Kühne-Hellmessen
Umschlaggestaltung, Typografie, Satz: Buchgut, Berlin
Umschlagmotiv: ddp-images, dapd
Fotos: Clemens Bilan, Dirk von Borstel
Schrift: Vollkorn
Verlag und Auslieferung: tredition GmbH,
Burchardstraße 21, 20095 Hamburg, www.tredition.de
1. Auflage 2011, ISBN: 978-3-8424-8756-7
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Herausgebers unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
INHALT
Über den Wandel des Nachrichtenjournalismus
Analyse
Warum soziale Netzwerke für Journalisten wichtig sind
Nachrichten-Redaktionen im Wandel
Wie die „Tagesschau“ das Netz scannt
Wie BBC News soziale Netzwerke umarmt
Wie das ZDF im Netz neues Publikum findet
Wie die „Rhein-Zeitung“ das Web 2.0 befeuert
Journalistisches Handwerk für soziale Netzwerke
Das Prinzip „Social Media“
Twitter, Facebook, Google+ und Co.
Wie ein persönliches Netzwerk entsteht
Wie sich Journalisten vor Fälschungen schützen können
Wie Journalisten aus dem Web 2.0 zitieren können
Wie Journalisten im Web 2.0 Präsenz zeigen können
Wie Journalisten das Netz bewältigen können
Anhang
Glossar
Über den Wandel des Nachrichtenjournalismus
von CORD DREYER,
dapd-Chefredakteur
Nachrichtenjournalisten müssen sich seit jeher damit anfreunden, dass die Zahl ihrer Informationsquellen steigt. Zu den Gesprächen von Angesicht zu Angesicht und der Inaugenscheinnahme des Geschehens kamen Hörfunkund Fernsehgeräte hinzu: Politische Debatten, Großereignisse aus Sport und Gesellschaft und nicht zuletzt auch Katastrophen ließen sich zunehmend auch „vom Schirm“ aus beobachten – als Ergänzung zur Recherche vor Ort, der besten aller Quellen. Zur Briefpost kam überdies das Fax, später fluteten immer mehr E-Mails die Posteingänge der Redaktionen.
All das verliert natürlich nicht an Relevanz, sondern verdient auch in Zukunft von Journalisten die volle Aufmerksamkeit. Doch nun drängt sich Redakteuren und Korrespondenten bei Nachrichtenagenturen, bei Funk und Fernsehen, in Zeitungshäusern und Onlineredaktionen noch ein weiteres journalistisches Werkzeug auf: Mit dem Boom von Plattformen wie Twitter und Facebook kommen Berichterstatter heute nicht umhin, auch soziale Netzwerke konsequent im Blick zu behalten und dort Informationen zu gewinnen. Allein Facebook nutzt gut jeder vierte Bundesbürger. Von einer Randerscheinung kann daher keine Rede mehr sein. Soziale Netzwerke sind längst ein Massenphänomen.
In dem schier gigantischen Haufen aus Belanglosigkeiten und privaten Notizen findet sich auf diesen Plattformen zunehmend echter Nachrichtenwert: Nachdem im Sommer 2011 in Oslo eine Bombe detonierte, füllten bereits nach 13 Minuten erste Augenzeugen das Netz mit ihren Fotos und Videos – Smartphones mit Kameras und mobilen Internetanschlüssen machen so etwas möglich. Prominente wie Fußballspieler Manuel Neuer, aber auch Schauspieler und Musiker wie Lady Gaga halten über das sogenannte Web 2.0 ihre Fans auf dem Laufenden – und platzieren dort ihre Neuigkeiten, frei verfügbar. Für junge politische Bewegungen wie die Piratenpartei ist das Netz ohnehin schon die natürlichste aller Kommunikationsplattformen.
Nachrichtenjournalisten stehen damit vor der immensen Herausforderung, sich diese digitale Welt zu erschließen und letztlich zu Nutze zu machen. Vor allem etablierte Kollegen müssen sich zunächst vortasten und schlicht technisch begreifen, wie etwa Twitter funktioniert, was ein „Tweet“ ist und was ein „Retweet“. Eine ganze Branche muss lernen, wie sie sich im Netz einerseits vor Fälschungen schützt, gleichzeitig aber der hohen Taktung gerecht wird, in der sich digitale Botschaften verbreiten.
Bei dapd haben wir früh auf diese Entwicklung reagiert, beispielsweise mit Schulungen: Wir haben all unseren Redakteuren und Korrespondenten die nötigen Fähigkeiten angeeignet und zugleich darüber diskutiert, wie sie soziale Netzwerke auswerten können. Dabei sind wir überzeugt, dass diese Entwicklung alle Ressorts trifft, immerhin bewegen sich längst Protagonisten sowohl aus Politik und Wirtschaft als auch aus Gesellschaft und Sport im Netz. Wegducken ist deshalb schon lange nicht mehr das Gebot der Stunde. Es wäre vielmehr schon allein aus journalistischer Sicht fahrlässig, diese Entwicklung zu ignorieren. Wir müssen uns mit ihr arrangieren.
Nicht zuletzt haben wir uns entschieden, dafür bei der dapd kein eigenständiges Ressort „Netzwelt“ einzurichten. Wir sind vielmehr von der Idee überzeugt, dass soziale Netzwerke den Werkzeugkasten aller Nachrichtenjournalisten ergänzen, und die Arbeit mit dem Web 2.0 schon sehr bald selbstverständlich sein wird. Gleichwohl braucht es auch Mitarbeiter, deren Stärke die Arbeit mit dem Web 2.0 ist. Sie können gerade bei Krisen die Kollegen am Ort des Geschehens entlasten, indem sie ihnen zuarbeiten und Hinweise für Recherchen liefern: Social-Media-Redakteure sind spezialisierte Rechercheure, die bei Twitter und Co. gezielt auf die Suche nach Themen, Entwicklungen und Augenzeugen gehen.
Damit all das reibungslos und verlässlich funktioniert, setzen wir auf Weiterbildung. Seit dem Sommer 2011 teilen wir unser Wissen auch mit unseren Kunden. Schließlich verbreiten wir immer häufiger Meldungen, deren Ursprung Einträge in sozialen Netzwerken bilden. Das ist übrigens bei Nachrichten-Profis in aller Welt gelebte Praxis: Unser internationaler Partner, die Associated Press (AP), zieht ebenfalls zunehmend „News“ auch aus diesen Plattformen.
Aus unseren Schulungen leitet sich wiederum der Ratgeber ab, den Sie nun in Ihren Händen halten. Er trägt diverse Beispiele aus dem In- und Ausland zusammen, bei denen „Tweets“ oder andere Botschaften des Web 2.0 die Berichterstattung wesentlich beeinflusst haben – regionale Entwicklungen wie die Proteste gegen das Bauprojekt „Stuttgart 21“ und die Loveparade-Katastrophe von Duisburg im Sommer 2010 inklusive.
Vor allem aber gibt dieser Ratgeber Journalisten das nötige Handwerkszeug mit auf den Weg, damit Sie sich in den sozialen Netzwerken sicher und souverän bewegen können. Dabei bildet die zweifellos wichtigste Aufgabe von Nachrichtenjournalisten einen Schwerpunkt: die Verifikation von Profilen und Einträgen im Web 2.0. Denn trotz der hohen Drehzahl, mit der Kommunikationsplattformen heute laufen, möchten wir vor allem die Glaubwürdigkeit journalistischer Angebote erhalten. Die Verlässlichkeit bleibt unser aller höchstes Gut.
Außerdem hat der Autor dieses Handbuchs, dapd-Redakteur Daniel Bouhs, einen Blick in vier Medienhäuser geworfen, die sich der neuen Arbeitsmittel bereits konsequent bedienen. Damit beschreibt er, wie die BBC, das ZDF, ARD-aktuell und die „Rhein-Zeitung“ das Netz scannen, Einträge überprüfen und wie diese Informationen schließlich die klassische Berichterstattung bereichern. Alle vier Redaktionen haben dabei gemein, dass für sie soziale Netzwerke nicht nur journalistische Instrumente sind, um Nachrichten zu erfassen. Diese Redaktionen spielen ebenso konsequent eigene Recherchen in die Netzgemeinde zurück.
Alles in allem soll dieses Handbuch einen Beitrag dazu leisten, den aktuellen Kenntnisstand über soziale Netzwerke aus journalistischer Sicht zusammenzutragen und zu verdichten. Uns ist klar, dass die Entwicklung auf diesem Bereich unaufhaltsam weiterlaufen wird. Wir starten deshalb mit Veröffentlichung dieses Handbuchs einen monatlichen Newsletter, in dem wir über neue Entwicklungen, Arbeitsweisen und Hilfsmittel berichten möchten. Ein Hinweis an [email protected] reicht und wir halten Sie künftig auf dem Laufenden.
So schockierend dieser 22. Juli 2011 auch gewesen sein mag, so sehr war er zugleich ein markantes Beispiel für den Wandel im Nachrichtenjournalismus: Es dauerte gerade einmal 13 Minuten, bis erste Fotos und Videos der Explosion im Netz kursierten, die das Osloer Regierungsviertel an jenem Freitag erschüttert hatten. Verwackelte und pixelige Aufnahmen von Amateuren waren das zwar, die aber in nie dagewesenem Tempo dokumentierten, wie das Grauen in den Alltag einziehen kann. Flugs füllten die Nachrichtensender BBC und CNN mit dem Amateurmaterial aus Oslo ihre Live-Strecken. Online-Portale griffen ebenso auf die Aufnahmen zurück. Nachrichtenagenturen wiesen – mit der gebotenen Vorsicht – auf sie hin. Das Netz, wird es später im Rückblick heißen, war wieder einmal schneller als die Profis der etablierten Medien. Klassische TV-Teams und Fotografen mussten eben erst noch zum Unglücksort eilen und ihre eigenen Aufnahmen dann an ihre Zentralen senden. Die griffen bis dahin erst einmal auf die Aufnahmen des Norwegers Christian Aglen zurück. Ein regelrechter Glücksfall für den Journalismus war dabei, dass Aglen selbst Journalist ist. Zwar berichtet er sonst über die Finanzmärkte. Doch weil er weiß, wie Medien ticken, war er nicht nur schnell und präzise. Fragen von Agenturen und Sendern, ob sie sein Material verbreiten dürften, beantwortete er zugleich wie ein Profi. Nachdem Aglen die ersten Aufnahmen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter über sein Profil @chaglen in die Welt hinaus gesendet hatte, schaltete er eine Webseite frei und notierte dort: Medien dürfen seine Fotos und Videos für ihre Berichterstattung nutzen, wenn sie ihn als Quelle ausweisen. Viele kamen dem nach.
Nach dem Anschlag in Oslo kursierten im Netz binnen weniger Minuten erste Fotos.
Wer soziale Netzwerke bis dahin in die Bedeutungslosigkeit verbannt hatte, den belehrte dieser 22. Juli 2011 gleich ein zweites Mal eines Besseren: Als derselbe Täter, der Rechtsextremist Anders Behring Breivik, nach dem Bombenanschlag auf der 30 Kilometer entfernten Insel Utöya als Polizist verkleidet damit begann, in einem Ferienlager ein Massaker anzurichten, setzte einer der Jugendlichen prompt eine Nachricht auf Twitter ab: „Er skutt pa Utöya. Mange döde“ – Schüsse auf Utöya. Viele Tote.
Adrian Pracon, der Jugendliche, überlebte das Blutbad. Auch das teilte er per öffentlicher Kurznachricht mit. Findige Journalisten wie eine Reporterin des britischen Senders Sky News schrieben ihm daraufhin: Man wolle mit ihm sprechen, erreiche ihn aber leider nicht. Pracon notierte schließlich seine Durchwahl, wiederum auf Twitter und damit für all jene sichtbar, die sich für ihn interessierten. Journalisten, die damals die Nummer anwählten, was auch viele taten, erreichten den jungen Mann noch am Krankenbett direkt in der Klinik.
Jedem, der fragte, stand der 21-Jährige Rede und Antwort. Demnach blickte Pracon dem Täter nicht nur in die Augen, sondern auch in dessen Flinte. Bloß weil er um sein Leben gefleht habe, sei er verschont worden. Einige derer, die ins Wasser flüchteten, hätten hingegen mit ihrem Leben bezahlt. Die Medien hatten ihren Augenzeugen. Reporter, die das Netz gezielt beobachteten, bekamen ihn sogar wie auf dem Silbertablett serviert.
Auch diese Szene macht das Attentat in Oslo zu einem Musterbeispiel für das Potenzial, mit dem soziale Netzwerke aufwarten, nicht zuletzt für Nachrichtenjournalisten. Dabei hätte sich Pracon all das freilich auch ausdenken können. Allein: Journalisten prüften umgehend beim Krankenhaus, ob Pracon zu den Angelieferten zählte, die in Utöya gerettet worden waren. Die angegebene Nummer führte zudem tatsächlich in das angegebene Krankenhaus.
Es sind Entwicklungen wie diese, die klassische Berichterstatter nicht zuletzt auf eine harte Probe stellen. Die Frage dabei lautet stets: Bleiben sie in ihrer alten Arbeitswelt verhaftet oder hören sie die Signale und begreifen soziale Netzwerke als eine Chance, die den Journalismus schneller, reichhaltiger und damit deutlich besser machen kann? Für Reporter wie Brian Stelter von der „New York Times“ steht das bereits außer Frage.
Stelter berichtete im Mai 2011 aus Joplin. Die Stadt im Bundesstaat Missouri im Herzen der USA war damals von einem Hurrikan quasi dem Erdboden gleichgemacht worden. Der Reporter beschränkte sich im Wesentlichen darauf, über Twitter Kurznachrichten zu senden. Seine Redaktion ergänzte damit die Berichte der „New York Times“, während sich ihr Mann vor Ort darauf konzentrieren konnte, frische Eindrücke zusammenzutragen.
Zum anderen stießen Betroffene auf Stelters Mitteilungen, als sie die Plattform nach Neuigkeiten durchforsteten. Sie erfuhren also allein durch seine Tweets, dass er dort war und spielten ihm sodann Hinweise für seine Recherchen zu. Stelter, der diese Erfahrung anschließend völlig verblüfft notierte, sagte unter dem Eindruck seiner Arbeit in Joplin: „Twitter macht uns schneller und eleganter.“ Das soziale Netzwerk beeinflusse die Art, wie ihn Nachrichten erreichten. „Twitter sorgt dafür, dass ich schneller reagiere.“
Mit Plattformen wie Twitter, Facebook, den deutschen VZ-Netzwerken (StudiVZ etc.) und dem noch jungen Google+ kommt auf Journalisten ein Wandel ihrer Arbeitsweise zu. Augenzeugen und nachrichtlich relevantes Material finden sich zunehmend auch im Netz. Meist ist dieses Material dort frei verfügbar. Medien, die es über Jahrzehnte gewohnt waren, der Umschlagplatz für Exklusives zu sein, degradiert diese Entwicklung. Reporter werden dabei mitunter auf einen ungewohnten Platz verbannt: die Zuschauerreihen.
